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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-05-14 · 20 (14.5.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
20 (14.5.1926)
Date
1926-05-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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w los. Das uns ctuft beschlich, als die Deutschnationale Volkspartei Hindenbnrg in den Streit der Meinungen zog. Das; die iiverwältigende Akehrheit der Berliner jiidischen Wähler liberal gesinnt ist und die rechte Wahl Mi treffen wissen wird, daran kann kein Zweifel sein. Die Gefahr liegt an einem ganz anderen Punkte. Sie liegt darin, daß zahlreiche jüdische Menschen, an gewidert von dem zionistischen Treiben, sich von jüdischen Dingen abzulvenden drohen und, ohne den Gedanken au die Folgen, zn Hanse bleiben. Das gilt es zu verhindern! Jeder unserer Freunde, jede ILidin, jeder indische Wähler, dem die Zukunft des Judentums Herzenssache ist, wird sich am Wahltage wie ein Soldat fühlen nrüssen, der ganz vorn auf Borposten steht. Jeder hat zahlreiche Freunde und Bekannte. Er gehe, wenn er ganz früh gewühlt hat, zu ihnen und sage ihnen, worum es gchtl Wir müssen am Sontag fieberhaft arbeiten, um die Sauen anfzurtttteln. Die jüdische Bolkspartei (Zionisten) hat 5000 Mitglieder durch ihren Freund, den zionistischen Wahlkommissar Narefki, ohne Prüfung in die Wählerlisten Nachträgen lassen. Will sich die fortschrittlich gesinnte Berliner Wählerschaft von den Zionisten beschämen lassen'? Sie wird nicht dulden, daß weiterhin ihre Gegner die Repräsentantenversammlung zu einer Stätte phrasenhafter Ueberheblichkeit wachen. Und besonders die indischen Frauen, denen wir das Wahlrecht gegeben haben, werden das in erster Linie um der glücklichen Zukunft i h r e r K i n d e r willen zn verhindern haben. Der 10. Mai ist Wahltag, der 16. Mai ist Zahltag! Die liberale Wählerschaft wird die Quittung erteilen für die jahrelangen Beschiinpfungen, die „um ihr angetan hat. Die Quittung wird lauten: Der überwältigende Sieg der Liste -'! B. L. Das Judentum, die Religion des Geistes. B e t r a ch t u n g z u S ch o w n a n s. Bon Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Bevlin-Lichtenberg. Nicht die Erinnerung an eine hochstehende Persönlichkeit ist es, die den Grundstein zu den Festen Israels bildet. Das Judentum sträubt sich gegen die Auffassung, eines einzelnen Gottesmannes Schöpfung zu heißen. Denn die jüdische Religion treibt keinen P c r s on e n k n l t u s. Sogar die strahlende Gestalt eines Mose, der ans den Berg zu Gott gestiegen und den Eroigen geschaut „voll Allgesicht zu Angesicht," muß ehrfurchtsvoll znrücktreten vor dem Gedanken des Judentums, dessen Lehre er gepredigt. Wie richtig un-d tiefempfunden die Behauptung ist, daß alles, möge es noch so machtvoll seinen Eindruck nach außen Hirt geltend machen, gegen den Geist des Judentums erblaßt wie der Mond gegen die Sonne, zeigt so recht die Idee des inmitten sommerlicher Pracht gefeierten Schowuausfest-es. Das Judentum ist die Religion des Geistes, jener Kraft, die trefflicher denen, die sehen w o l l e n, d a s o r n v o n d c r S p r e n s i ch te u h i l f t. . Wo sein Licht hingeleuchtet, ist stets zu schlucken los er Helligkeit das trübste Dunkel geworden. Ursprünglich war Schowuaus ein reittes Naturfest. Aus Beginn und Schluß der Ernte weisen Pessach und Schownans hin: Pessach war das Fest der Gerstenernte, Schowuaus das der Weizenernte. Da nun der Weizen im heiligen Lande später reift, war wohl mit der Weizenernte die ganze Erutearbeit beendet. Ans diesem Grunde benannte wahrscheinlich der Geschichtsschreiber Flavins Joseph ns das Wochenfest mit dem Namen „Asartha" - „Beschließung" im Anttang an das hebräische Hauptwort „azeres", das sich vom Zeitwort „o z a r" „schließe n" herleitet. Er verstand hierunter also die „Beendigung" der siebenrvöchigen Erntearbeit zwischen Pessach nnd Schowuans. In der Tat war Schowuaus ursprünglich ausschließlich ein Erntedankfest. Denn die Schrift nennt es nur „F e st d e v E r n t e, de r E r st 1 i n g e d e i n e r A rb eite u" (Exodus 28,16), „F e st der E r st l i n g e der Weizencrnte" (Exodus 3s-22), „Tag der Erstlinge" (Numeri 28,M; „vom Beginn der S i ch e l u u t e r d c r S a a t fange an zu zählen sieben Wochen" (Deuter. 16,V), d. h. vom Erntefest Pessach bis zum Erntefest SchownauS. Wäre Schownans aber nur ein Naturfest geblieben, nie hätte es sich die wunderbare Kraft erhalten, ans deren Tiefe Israel stets neue Schütze leuchtenden Geistes hebt. Unsere Religion verstand es jederzeit, Natur und Geistesleben in innigen» untrennbaren Zusammenhang zn bringen. Sie schöpfte aus dem Naturmilien, in dem unsere Altvordern lebten. Die höhere, ethische Bedeutung des Wochensestes ist in den geheiligten Idealen der Menschenseele zn finden, nicht in der Offenbarung eines Gottes, der etwa nur durch Werke der Na t u r seine Macht verkündet, s o n - deru in der Erkenntnis, daß das Streben nach Gutem, Schönem und Wahrem, die Offenbarung ist, die der Welt ihren Gott geschenkt hat. Sv vollzieht sich der Prozeß einer Entwicklung v o m N a i u r haften z u m g e i st i g E r h a b e n e n. Israel hatte die ungetrübte und reine Wahrheit des göttlichen Geistes noch nicht erkannt, als es im Heimatlande eng zusammengedrängt wohnte. Solange sich daher aus dem Gottesberge der heilige Tempel des Herrn erhob, wurde in seiner Mitte am Schowuausfeste noch ein „Opfer von neuem Getreide" auf denr Altar dargebracht. Wer weiß, ob sich das Volk bei diesem meistenteils rein äußerlichen -Opferbienst wirklich immer etwas Tiefes gedacht hat. Es sieht so aus, als ob Mo.se die Opferinstitution nur als Ballast noch bestehen ließ, um als Pädagoge langsam feilt Volk z » r A bstraktio n von werkheiligen U e b n n g e n u ach g e i st i g e n Ziel e n hin zu erziehen. Hat auch das Wochen fest jetzt nach Verlust des Laudas der Väter, das schon in der Jahreszeit des Frühlings die Ernte beendet Ijat, seine Bedeutung als eigentliches Erntefest für uns eingcbüßt, so lmt doch gerade Israel in der „Zerstreuung" stets ein höheres Erntefest gefeiert, gleichsam der ganzen Welt die anfaegangene Saat als unverlierbares Eigentum übergeben. Wie hätte Israel seine Aufgabe, e i u heiliges Volk von Priester n zu sein, erfüllen können, wenn seine Religionswahrheiten ewig an der engen Scholle eines von Meer und niedrigen Wüstenvölkern rings umschlossenen Landes haften geblieben wären, Ans dem Traum der Einsamkeit Heralls muß sich das Hobe und Edle Bahn brechen in die Welt der Wirklichkeit hinein. Denn nur im harten Kampf des launenhaften W e ch s e l s p i e l S d e r Weltgeschichte kann es sich zeigen, ob etwas von Dauer ist, oder ob es widerstandÄvs in ein Nichts zusammensinkt. Der erste Tempel war in den Staub gesunken, und die Juden kamen unter die Herrschaft der Babylonier und Perser. Hier waren keine Kämpfe zn führen, in denen sich die Sache des Judentums hätte gewaltsam behaupten müssen. Erst als Judentum und Griechen» tum unter Alexander dem Großen und besonders in den Neichen der Diadochen hart aneinander gerieten und die Fahnenflucht der Hellenisten die eigene jüdische Sache verriet, konnte sich entweder die E x i st e n z b e - rechtigung der jüdischen Geisteswelt oder ihre Haltlosigkeit erweisen. Die harten Angriffe und Berleumdun-gen der assimilatorischen Hellenisten zerschellten an der unverbrüchlichen Treue aller derer, die mit unermüdlichem Opfermut für das Recht der Gotteslehre fochten. Zwar war der Kampf gegen diese Hellenisten zu einem siegreichen Ziel gelaugt, doch konnte die weitgehende Berührung mit dem Griechentum nicht ohne nachhaltige Folgen für die jüdische Anschauung der kommenden Zeit bleiben. Der freie, frische Hauch, der das griechische Leben bewegte, übte auch aus einen Teil der jüdischen Gemeinschaft seinen Einfluß aus. So bi^ sich Parteien, von denen die Pharisäer und <?r 1. zäer einander feindlich gegennberstaltden. Dieser Kanlpf beleuchtet uns in klaren, hellen Far» ben unter anderem die Entwicklung des Schow n a u s f e st e s. Während die Sadduzäer, die das mündliche Gesetz verwarfen, sich an dem toten Buchstaben der Schrift festklammerteu. deuteten die Pharisäer das Gesetz im Geiste der Überlieferung. Die Sadduzäer deuteten Levitieus Kap. 23, Vers 11 als Sklaven der Buchstaben dahin, daß mit dem Zählen des „Omer" am Sabbat augefangen werden müsse, indem sie das Wort „Sabbat" in diesem Schriftverse als den siebenten Tag der Woche aus-legten. Auf diese Weise kann nach ihrer Zählung der fünfzigste Tag nach diesem „Sabbat" also immer nur ein Sonntag sein, und so feiern sie Schowuaus stets am Sonntag. —; Diese Ausleg il n g ist aber falsch! Richtig verstehen die schriftkundigen Pharisäer diese Stelle der Bibel, und sie erklären dos Wort „Sabbat" als den erstell Tag des Pessachscstes, denn „Sabbat" heißt „Feier" (hier — Pessachfeier). So fällt Schowuaus genau fünfzig Tage nach i»cm ersten Tage des „Ueber. schreitnngsfestes", wie wir es heute noch feiern. Wir scheu, auch aus diesen Kämpfen, die eine gefährliche Nachwirkung für die Entwicklung der Gotteslehre lstitten mit sich bringen können, rettete sich der Geist des Judentums siegreich. Gerade das Wochenfest, also b es der o b e r f l ä ch l i ch e n Geistes» öde saddnzüischer Trockenheit Trotz bieten wollte. zeigt, daß d a s jüdische G e i st e s I e b e n stets richtig seine „Omerzeit" gezählt und sich niemals kleinlich verzählt hat. Nicht ohne Grund erhielt das Wocheufcst die Be» dcntung von ,,s' man inattan taurosftnu" — „Zeit unserer Gesetzgebung". Während Pessach die moralische Ernte darstellt, deren Ertrag die Sammlung Israels zum Volke Gottes ist, vertiestSchowuaus die» sen Erntegedankeu und krönt ihn mit der Bedeutung, daß nich t nur der ä n ßer e Nam e „Volk Gottes" ein Gemeinschaft von Menschen der Gottheit näherführt, sondern die Erfüllung der Aufgabe, die Lehre Gottes willigen Herzens anzunehmen und sich in ihren Geist mit Liebe und Verständnis zn vertieft".!. So wird das Judentum zn einer Religion des Geistes. Gerade darin liegt aber die hohe Bedeutung der Gotteslehre, daß sie nicht nur d a s E r b e Israels blieb, sondern Gemeingut der ganzen gesitteten Welt wurde. Nur daran, ob etwas die Anerkennung vieler erlangen kann, zeigt sich der Wert einer Idee. Gerade die Religion des Judentums, die mit Recht Mutter der übrigen Religionsbekenntnisse genannt wird, vermag ihre am n Idee und Wirklichkeit im religiösen Leben. V o n Hgn S Margolin s. Es gibt vielleicht nichts im Ganzen der rcl-itiiöfcu Welt, f'tVy so sehr ihr c t n c u t ii m I i ch und besonders wäre, rvie das Bereich ihrer R i t e u u u ö i\ c i* c nt o tt i e tt. Tie G e schichteu und Legenden der Religion mögen wohl in Hinsicht ans ihren Inhalt von Geschichte und Erzählung im allgemeinen dentlich .zu nnterscheiden sein: sie bleiben doch G c s ch i ch t >e und als solche in einer Eben-.- geistiger Formung mit aller Geschichte itub Erzählung über Haupt, llnd nicht anders steht es mit den Dogmen der religiösen Lehre, nicht anders mit ihrer ethischen Satzung. Auch hier kann gewiß das, matz sie sagt, ein Besonderes sein, die Art uub Weise, i it der sic spricht, ist die gleiche auch in den metaphysischen und ethischen Reflexionen der P H i l v s oph i e. Und erst indem die Religion den religiösen Ritus an8 sich erzeugt, erhebt sie sich voll und ganz über alle anderen Gestaltungen geistigen Lebens. Erst in ihm gewinnt sie einen eigensten Ausdruck ihres Seins, der sie von aller Geschichte und Philosophie, der sie von jeder Kunst und Wissenschaft spezifisch unterscheidet. Der Begrisf des religiösen Ritus stellt uns vor ein Problem von eigentümlicher Natur. Zwei Welten stehen einander gegenüber: Religion itud Leben, eine Sphäre ideeller Gebilde und eilte Sphäre konkreten Seins, eine jede eine Welt für sich, von eigener Art nnb Fügung, eigenen Gesetzen untertan und von der anderen im innersten verschieden. Und nun erwächst in dem Gedanken des Ritus die Forderung der Synthesis, die Forderung, von hier nach dort eine Brücke zu schlagen, den Gedanken in Leben nmzmctzeu. die Idee tnt Wirklichen abzn bilden. Wird diese Forderung erfüllbar sein? — Sie ist etsiillbar. Tenn sie ist erfüllt. Allerdings auf mancherlei Weise, tticht immer in gleichem Grade und vielleicht nur selten voll und ganz! Wir haben ein Beispiel einer solchen seltenen Bvl'- endung des Ritus, das Beispiel einer tiefsten Dnrchdr'lngnng von Idee und Wirklichkeit: im Brauch der „Mesnse", die den „Namen Gottes" an die Pfosten des Hauses schreibt — tntd vielleicht noch schöner: im Brauch des Lichter-zünden am Freitag-abend zum Eingang des Sabbath-, wie sie die Ueberlteserung des Judentums gebietet. Aber nur stehen bereits einer anderen Gattung religiöser Riten gegenüber, wenn wir das Bild deö itidischen Sabbat h in seiner G anzhcit betrachten, wie ivir es hellt vor uns sehen. Die Idee des Sabbath besagt ein Doppeltes: ..Eilt Tag der Ruhe!" „Ein Tag, heilig dem Ewigen, deinem Gotte!" Und es scheint ohne Zweifel: seine Wirklichkeit im jüdischen Ghetto entspricht der Idee. Matt hat verboten, was irgeirdipic dem Begriff der „Ruhe" entgegen ist und hat so Raum gcschasseu für das heilige Studium der Schriften. Aber seither haben Zeiten und Menschen sich geändert. Das. „Lernen" ist tticht mehr Allgemeingut der Masse und kann es nicht sein. Sv tritt der positive Sinn der alten Satzungen zurück, die negativen Vorschriften allein bleiben. Ter „Ruhetags wird, wenn nicht in Hinsicht auf jedett einzelnen. so doch in Hinsicht auf die Majorität, in wesentlichen Stücken zu einem Tag erzwungenen Müßiggangs. Vielleicht finden wir ein Zeugnis von anderer und stärker positiver Gestaltung im Sonntag des Christentums. Gewiß! Auch der Sonntag, wie wir ihn heute vor uns sehen, iß keinesfalls ein durchaus adäquater Ausdruck seiner Idee. Aber wenn am Sonntagmorgeu die Massen der Menschen aus beit Häusern der großen Stadt ittS Freie drängen, io sind doch in diesem Bilde die Züge einer heilig anfatmenden Freude nickt zu verkentien: und damit bleibt, wenn nicht direkt, io doch immer noch mittelbar eine heimliche Beziehung zum religiösen Gedenken des „Feiertag" fühlbar und unverloren — eine Beziehung, die im Wust der „Verbote" im Sabbath des Judentums vielfach erstickt und ertötet scheint. Darum wird es gewiß nicht angängig sein, in Praxis jetzt die Gestaltung des Sabbath nach der Gestalt des Sonntag richten zu wollen. Sabbath und Sonntag sind auch als ideelle Gehalte m ihren letzten Intentionen durchaus voneinander verschieden. Aber das Beispiel des Sonntags zeigt uns vielleicht ein Faktum von allgemeinerer und prinzipieller A c d e n t n u g. Es ist vielleicht, wie liier, vielerorts so. daß der Gedanke — in Leben übersetzt — von seiner gedanklichen Reinheit verlieren muß. daß er als Wirklichkeit nicht unmittelbar „derselbe" zu bleiben vermag, das; er der Einfügung in Raum und Zeit, daß er der Wandlung bedarf, sofern er nicht nur ein kaltes fremdes Das e i u im Leben, sondern Lebendigkeit im Wirklichen will. llnd es gibt religiöse Ideen, die — mehr als dies — in sehr viel höherem Grade als der Gedanke des Sonntag, als der Gedanke des Sabbath einer Verwandlung bedürfen, um in der Wirklichkeit von Brauch und Ritus zu bestehen. Es gibt Gedanken, die nicht nur, wie jene, nach steter Anpassung au Raum und Zeit verlangen, die jeder direkteti Übertragung in Leben überhaupt von sich ans widersprechen. Wenn eS im Buche des Jesajas heißt: „llnd noch aus den Schellen der Rosse soll stehen ein Heilia dem Herrn!" so fühlen wir unmittelbar, wie der Gedanke, der hier zugrunde liegt. » n r als Gedanke, nur im Wort sich enthüllt ntrd lächerlich banal erschiene, wenn man ihn wirklich machte. Oder ein anderes von vielleicht tieferer Bedentsamkeit! Es iß ein Grundgedanke aller Religion, der den Menschen heißt, sein tägliches Tun „mit Gott" zu beginnen und «mit Gott" zu beenden. Und es liegt nahe, in direkter Uebertragung der Idee den Brauch eines tügllichen Morgen- und Abendgebetes anznfeüen. Es geschielt aber, wie überall, so auch hier, daß die Gewohnheit gleithgültia macht. Und cs kann picht anders geschehen. Und der.Sinn des Gedanke ns verkehrt sich im Wirklichen in sein Gegenteil. Die Heiligung des Profanen, die er meint, wirs faktisch zu eruer Profaniernna des Heiligen und wird es mit Notwendigkeit. Vielleicht hat das Inden tum hier noch am leichtesten die Möglichkeit einer dnrchgrciseuden Wandlung der Idee. Das Betbans war dem jüdischen Loben von jeher zugleich ein Lehr ha ns. Und damit bezeichne! sich vielleicht ein Weg zn einer anderen c^esialrung des Gedankens, die erneu adäquaten Ausdruck seiner Meinung möglich oder doch wahrscheinlich macht. Aber, wie dem auch sei, nicht an Hinweisen im Einzelneu sollte uns hier gelegen sein, sondern allein an einer Aufzeiguug der prittztpiellen Tatbestände. Diese sind einfach. Aber sie sind vott Bedeutung. Und es tut not. ihrer eingedenk zu sein, sofern man die Wirklichkeit eines religiösen Lebens wünscht. Es geht nicht an. so hat sich gezeigt, au überlieferten Formen des religiösen Ritus starr ititb unbedingt fcstznhalicit — selbst dann nicht, wenn sie einmal und irgendwo sich als wirksam und lebendig erwiesen haben Es tut not, Kultns und Zeremonie der jeweiligen Situation von Zeit und Milieu elnznsügen. Und mehr als dies — cs tnt not, ztt wissen, daß nicht jeder Gedanke der Religion übe r - Haupt in Leben übertragbar, in der Welt des Wirklichen von Bestand sein kann, daß cs vielfach weitgehender Wandlung und vielleicht nicht selten selbst einer Schwächung der reinen Idee bedarf, tvo es gilt, lebeitdige Form ztt gestalten. Andererseits aber geht es doch keinensaUs an. am den Ritus ganz verzichten zn wollen. Ter Protestantismus neigt stark zu einem solchem Verzicht ans den Ritns überhaupt. Und vielleicht mehr noch sind Tendenzen dieser Art in manchen Strömungen des liberalen Judentums unverkennbar. Demgegenüber wird cs stets zn betonen sein, daß der Ritus, ivie nichts anderes, eigentümlichster Besitz des religiösen Lebens ist, daß ein Verzicht auf rituelle Formen überhaupt, iveitn nicht das Ganze, so doch die eigensten Kräfte der Religion untergrübe. — Ter Begriff der Religion besagt eine ..Bindung" des Menschen, eine Bindung des Zeitlich-Beschränkten an ein Uebcrzeitlich-Unbediltgtes. Gerade dies aber macht auch das Wesen des N i t tt s aus, der ja selbst nichts anderes ist als eine „Bindung", als eine innigste Durchdringung von Idee und Wirklichcit. Synagogen-Konzerte. Von Leo Adler- Stuttgart. Aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands hören wir. daß da und dort Synagogen-Konzerte oder ähnliche Beraustaltnttgen stattgefnnden haben. Ob sie nun als Abendmusik oder Morgenfeier mit synagogaler Musik — in oder außerhalb der Synagoge — gekennzeichnet waren, sie dienten gleichen Zwecken. Vor dem .Kriege hörte man nur vereinzelt vvn solcheit Darüietungett: nach demselben mehrten sie sich, und beute liegen schon so,viele Programme vor. 'baß ei»

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