Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 20 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Geistesarbeit mir darin zu sehen, Laß ihre Lehren Lem ganzen Universum zugute kommen. Ein altes Midra schmort sagt, Gott habe die Thora absichtlich auf dem Sinai offenbart, der im Verhältnis.zu den anderen Bergen nicht hoch ist, damit alle Menschen die Höhe ersteigen können, um sich zu holen,, was ihnen vom Inhalt dieser Lehre das Schönste dünkt: Eintracht und Liebe, Tugend und Furcht vor dem Herrn, oder was sonst an kostbaren Schätzen den unerschöpflichen Quell der Thora erfüllt. Da ist nichts von Werkheiligkeit zu suchen,' da findet sich eine Geisteslehre, die, befreit von allen Schlacken, den ganzen Menschen fordert. Was heißt das anderes als die Umschreibung der Sehnsucht des Judentums, von den Gütern seines Geistes der ganzes Menschheit geben zu können, auf daß sie sich wähle, was ihr wahres Glück bringe und sie erlöse von den nichtssagenden Dingen, die nur das Leben „vergänglich zieren"! — Denn nach einem prophetischen Wort liegt der Sinn der Welt nicht in äußerer Macht und Stärke, sondern in der Betätigung der Menschen, bewußt und Merzeugt nach der Nichtschnür des göttlichen Geistes das Leben zu heiligen. Diesen universellen, wirklich wahres Glück verheißenden Religionsgeöanken verkünden die jüdischen Propheten der ganzen Welt. Und was spricht Tolstoi, der der ganzen gesitteten Welt ange-hürt, anderes aus, wenn er den Begriff „Religion" bestimmt: „Die menschliche Seele ist eine Leuchte Gottes, sagt ein weiser hebräischer Sinnspruch. Der Mensch ist ein schwaches, ungMcklich.es Tier, solange in seiner Seele das Licht Gottes nicht aufslammt. Wenn sich aber dieses Licht entzündet — und es entzündet sich nur in einer von der Religion erleuchteten Seele —, so wird der Mensch zum allgewältigst-en Geschöpf der Welt. Und dies kann nicht anders sein, denn es waltet dann in ihm nicht mehr seine eigene Kraft, sondern die Kraft Gottes. Das ist also die Religion, und darin besteht ihr Wesen!" Wie ein alter Prophet der biblischen Zeit redet dieser Prophet der Neuzeit. Das ist der universelle Geist des Judentums, dessen Wahrheit auch weiterhin die Welt erfüllen möge, und besonders jetzt in einer Zeit, da die Völker wirklich von Friedenssehn sucht durchdrungen scheinen, nur der Menschheit wieder die Pfade zu den lichten Höhen des göttlichen Geistes der Liebe zu weisen. Dann wird die Ernte des Schowuauösestes neue Früchte ungeahnter Schönheit zeitigen und von Sinais Höhen der heilige Messiasgeist den Anbruch einer neuen Zeit innigster HerLensfrönmngkeit in neuen Psalmenliederu den fernsten Eilanden als reife Frucht bescheren. Judentum und Zukunstsehe. Auch ei« Standpunkt zu Kar?« Michaelis. Von H ein.; L e u u c r. Karin Michaelis hat ihre Heimat Dänemark verlasse:'., um in den deutschen Großstädten zu Deutschlands Frauen zu sprechen: wo sie hinkommt, findet sie überfüllte Säle und ein danÄares. teilweise aeradczu begeistertes Publikum vor. das ihr gern und willig folgt, selbst dann, wenn es dunkel im Unterbewusstsein empfindet, das; die Lehren dieser Frau doch wohl nicht in allem einwandfrei sein dürften. Sonderbarerweise bat bisher die Macht der Persönlichkeit — denn mit diesem Faktor hat man bei Karin Michaelis zu rechnen — alle gegnerischen Stimmen verstummen lassen: nun scheint es aber doch einmal angebracht, zu. betrachten, wie sich die religiös eingestellte Frau, und hier wieder vor allem die jüdische, zu Karin Michaelis und ihrem System zu stellen hat. Die Ehe ist nach Ansicht der Dänin, die übrigens selber nach einmaliger Scheidung in durchaus glücklicher Ehe lebt, eine völlig überflüssige Einrichtung, die lediglich deshalb noch besteht, weil wir nichts Besseres haben/ wenigstens vorläufig noch nicht, wie Ne Mgeben muß. Ehe bedeutet für Karin Michaelis eine qualvolle Gemeinschaft /zweier an ffch konträrer Elemente, die durch stets neue Zwischenfälle einander immer mehr entfremdet werden. Mit diesen Gedanken negiert die Dänin kurzerhand alle auch heute noch vorhandenen glücklichen Men: es bleibe dahingestellt, ob im Judentum die Ehen glücklicher zu sein pflogen als bei anderen Konfeissionen. jedenfalls weist die Statistik der Scheidungon prozentual weniger jüdische als christliche Fälle auf. Im Judentum galt die Ehe von Anfang an alS gottgewollt, ja. darüber hinaus wurde Jahrhunderte hindurch der ledig Bleibende als Sünder, angesehen, der die Gebote seines Gottes nicht hielt. So kennt auch die jüdische Religionsaeschichte nichts von jener Askese, wie wir sie bei vielen Religionen noch heute finden: die Me ist von Gott eingesetzt. also gut. Um diesem Gebot Folge zu leisten, darf der Mann 'sogar Eltern und Geschwister verlassen und dem Weibe feiner Wahl folgen, lehrt uns schon der erste Teil der Bibel. Auch Talmud und mittelalterliches jüdisches Schrifttum beharren streng bei dieser Ansicht. So finden wir in orthodoxen Kreisen des Judentums fast gar keine Fälle von Ehescheidungen, obwohl uns gerade hier unzählige Bernunftohen begegnen: die Erkenntnis der Göttlichkeit der einmal geschlossenen Verbindung dominiert über alle eventuellen späteren Enttäuschungen. Anders im liberalen Judentum: hier braucht der iunge Mann nicht unbedingt ein Mädchen zu heiraten, denen Familie in jeder Beziehung „fromm" ist, er kann lange und überlegt wählen, ehe er den entscheidenden Schritt ausführt, — sieht er sich aber dann getäuscht, so wird er ohne Zagen danach trachten, diese Verbindung. die er eben als nicht richtig erkannt hat. zu lösen, — und ebenso wird die Frau handeln. Trotzdem gilt auch hier die Ehe als etwas Religiöses, und mit sittlichem Ernst geht mau aus beiden Seiten au sie heran. — sie ist höchster, gottgefälliger Ausdruck der Kameradschaft zweier Menschen fürs Leben. Es wäre hier zwecklos und unangebracht, auf das Problem „Ncigungs- oder Vernunftsehe" weiter einzngehen: jedenfalls ist für den auch nur einigermaßen noch gläubigen Jude» die Abschaffung der Ehe eine nndiskntgble Frage. — Wie steht es nun mit der Gleichberechtiguna der Geschlechter! — Der Jude von heute, der unsere Seit nicht nur mitlebt, sondern auch ihre Gedanken und Probleme mitdeukt, kann nicht mehr auf dem Standpunkt stehen, daß die Frau nnr existiere, um ihm zu dienen. Die Frau muß und wird auch in mehr oder minder kurzer Zeit die gleichen Rechte besitzen wie der Mann, — allerdings auch die gleichen Pflichten. Daß damit auch alle Unterschiede beseitigt seien, wird kein Klardenkender behaupten wollen: die Frau wird ebensowenig die Eitelkeit völlig, lassen, wie der Mann die Herrschsucht, — durch Jahrtausende gefestigte Ansichten lassen sich nun einmal nicht in Jahrzehnten aus dem Wege räumen oder — wie man das bei Karin Michaelis glauben möchte — ins Gegenteil umkehren. — Seien wir doch ganz ehrlich! fiit es dasselbe, wenn vor der Ehe ein Mann mit einer Frau sehr intim gestanden hat und wenn das Umgekehrte von seiner Frau gilt? Doch wohl nicht so ganz: denn ein Manu gewinnt säst immer durch jene Intimität ein gewisses Anrecht ans die betreffende Fran, während dies im umgekehrten Fall doch keineswegs zutrisst. ES wäre aber falsch, wenn der Mann nun seiner Frau ihre vorehelichen Erlebnisse Vorwerken wollte, wie Karin Michaelis dies allgemein annimmt, und würde nicht gerade von besonderer Liebe zeugen: denn mit der Ehe haben sie ja beide einen neuen Lebensabschnitt begonnen, — was vorher war. muß für beide Teile als erledigt gelten, nachdem ne es einander berichtet haben. Hier, meint Karin Michaelis, habe die Erzählung der Fran immer.etwas von einer Beichte an sich: das mag sein, doch hangt es mit dem oben angeführten Grunde zusammen. —- Die Gefahren einer modernen Ehe bestehen nach Ansicht der Dänin in der Hauptsache in Langcrweile und Eifersucht: wenn eine Ehe nicht nur ein gesetzlich gestattetes Liebesverhältnis. sondern auch ein inniger Freundschastsbund ist lund das sollte jede Ehe sein?, wird nicht so schnell der Zeitpunkt cintretcn. wo sich die Gatten nichts mehr zu sagen haben. Denn im selben Maße, wie die Zeit und ihre Geschehnisse vorwärtsschreiten, werden diese beiden Menschen das Bedürfnis haben, miteinander über Zeit und Mitwelt ihre Gedanken auszutauschen und dadurch den grauen Alltag, meiner Ansicht nach der schleichendste Feind des Glückes, aus '—'■—Big ihrem Heim m bannen wissen. — Die Me ist weiterhin nach Karin Michaelis ein durchaus unfreier Zustand: ie größer da- Glück in ihr. um so stärker die Gebundenheit eines Teiles an den anderen. Hier liegt ein falscher Begriff von Freiheit zugrunde: Freiheit heißt doch nicht ein zum Egoismus führendes Unverantwortlichfein. das kein Gesetz unreine höhere Macht kennt, sondern im Gegenteil ein freiwilliges Unterordnen unter ethische und moralische Forderungen. die eine höhere Macht von uns heischt, zu unserem Besten, wie es -ie Weltgeschichte lehrt. Nicht nur uns find wir verantwortlich ln unserem Tun und Lassen, sondern der großen Gesamtheit, von der wir nur «in winzia kleiner Teil sind: diese Verantwortlichkeit ist eine Grundforderung der jüdischen Ethik und muß es bleiben, nicht nur für uns. nein, vor allem für die. die nach uns leben wollen. Und dieser Sinn des Lebens hat uns durch Jahrtausende immer wieder vor dem Untergang bewahrt. — Und nun zur Scheidung! Wenn Karin Michaelis unsere Scheidungrgeietze angreist. hat sie in vielem recht. Gibt e8 doch nach diesen Gesetzen sür die geschiedene Frau keine legitime Vereinigung mit dem Manne, der die Veranlassung zur Scheidung bildete: wie unmenschlich hier Justitia arbeitet, mgg ein kleines Beispiel illustrieren. Ein Mädchen hat sich unter schwersten Seelenkämpfen von ihrem mittellosen Liebhaber losgcfagt und heiratet aus Wunsch der Eltern einen reichen Mann, um dadurch das Unternehmen des BaterS vor dem drohenden Ruin zn retten: dieser Mann, der innerlich seiner Frau völlia fremd gegenübersteht. erweist sich im Verlaufe der Ehe als ein Wüstling, mit dem zusammenzuleben eine Qual ist. Die Eltern sind gestorben, jener Erste wartet noch immer auf sie. nichts fesselt sie an ihren Mann, sie erhält die Scheidung, da er ihr eheliche Untreue Nachweisen konnte. — und darf jenen Ersten nicht heiraten. Ein Fall aus dem realen Leben, wie er dutzendfach vorkommt. Hier liegt tatsächlich ein dankbares Feld für Iustizreformatoren! — Doch dann versteigt sich Karin Michaelis zu einem geradezu unverständlichen Satze: Die Kinder müssen bei einer Scheidung stets der Frau zugesprochen werden, außer wenn es sich um eine Dirne oder eine notorische Trinkerin handele. Dieser Satz grenzt schon an Grausamkeit: einem Manne, der von seiner Frau betrogen wird und sich scheiden läßt, nun noch -sein Kind zu nehmen, an dem er mit ganzem Herzen hängt, wäre unsinnig und ungerecht in höchstem Maße. Ueberhaupt spricht aus mancher Aeußerung der Dänin ein unverhohlener Haß gegen die Männer, der dieser Fran als Persönlichkeit durchaus unwürdig ist. Karin Michaelis geht aber noch weiter, sie verlangt für jedes weibliche Wesen das „Recht auf Scheidung": man soll die Che ebenso leicht lösen können, wie man sie geschloffen hat; dieser unverantwortliche Zukunftstvaum würbe ein unübersehbares Unheil stiften, da wohl die meisten Frauen die Ehe als. ein Vergnügen anl'ehen und von Anfang an mit dem Gedanken der Scheidung spielen würden. Ich denke, es ist überflüssig, hierauf noch näher einzugeben: die Ehe kann und darf niemals Privatfache werden, wie es Karin Michaelis erträumt. — Aber wir können ganz beruhigt sein, vorläufig besteht diese Gefahr noch nicht, in den Parlamenten sitzen nicht nur Frauen wie Karin Michaelis, sondern auch solche von der Art der leider verstorbenen Ellen Key. von -deren warmem, echt fraulichem Herzen ich der Dänin -einen Keinen Teil wünschen möchte. |JJf Versammlungskalender j||| »♦♦♦♦♦+♦ »»»»♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦»♦♦»♦ »»♦♦♦»♦»♦♦♦♦♦ Berlin lLiberale Synagoge Norden). Schönhauser Allee 162. — Anerb-achscheS Waisenhaus. Gottesdienst: Freitag, den 14. Mai. abends 7^ Uhr. Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salornonsti. Sonnabend, den 1§. Mgi, früh 10 Uhr. Gottesdienst am Schowuausfeste: Dienstag, de» 18.,, und Mittwoch, den 19. Mai, abends 7V* Uhr. Mittwoch, den 19.. und Donnerstag, den 2n. Mai. (Seelenfeier). morgens 10 Uhr. Predigten: Herr Rabbiner Dr. Salomonski. Am 16, Mai — wählt Liste 2! MWWAkMLW>W>WU>WEM>W>WWWWW>WW>W>W>WWW>>WWW>W>>>>W>>W>>W>>M Anlaß gegeben ist. Grundsätzliches und vielleicht auch l Richtunggebendes über dieses Thema zit sagen. Zunächst: Entspringen diese Veranstaltungen einem Bedürfnis? Diese Frage könnten wir mit einem ungeschminkten Ja beantworten. Aber das „Bedürfnis" ist so verschiedenartig. daß wir uns eingehender damit befassen müssen. Es bat verschiedene Ursachen. Hätte jemand vor Jahren etwas Derartiges veranstalten wollen, er wäre nicht durchgedrungen. Einmal, weil die Synagoge in heiliger Scheu nur zu gottesdienstlichen Handlungen verwendet werden sollte, dann, weil dev Vortrag von hebräischen Gebeten außerhalb einer gottesdienstlichen Handlung oder gar außerhalb der Synagoge zu einem oben angeführten Zwecke eine gewisse „Verweltlichung" gewesen wäre. Und heute — im Jahre 1926 — könntzn wir die Tatsache feststellen, daß im letzten Jahre sogar der Chor der Brenerschen Synagoge in Frankfurt ein Konzert mit synagogaler Musik außerhalb des Gotteshauses veranstaltet hat. das sehr stark von der betreffenden Gemeinde besucht war. Damit ist der Bann gebrochen und zugleich zugegeben, daß unsere Gebetstücke — ob in loschon hakodcisch oder in anderer Sprache vorgetragen - in ihrer Heiligkeit nicht herabgemindert werden, wenn sie außergotteSdicnstlich. in oder außerhalb der Synagoge, in würdiger Weise Verwendung finden. Es ist hier vor« einigen Wochen von fachmännischer Seite treffend gefchilder't worden, wie unsinnig es ist. wenn man den seit Jahrzehnten feststehenden gesanglichen Teil des Gottesdienstes nicht ändern will, um nicht gegen die ..Tradition" isage Trägheit und Gleichgültigkeit) zn verstoßen. die au dem betreffenden Ort Boden gefaßt bat. Das ist eben die bekannte Methode des Herrn X, der bei der Einführung des Krematoriums meinte: „Ich will beerdigt >ein. wie ich's geiwöhnt bin", oder des Herrn Z. der sagt: „So hat's mein Vater selig gemacht und so mache ich's auch." Diese Gleichgülttigkert wiederum überträgt sich auf den Chor, und der Gottesdienst wird langweilig und unwürdig. Darum haben es viele Mynagogenbesucher mit Freuden -begrüßt, daß ein längst gehegter Wunsch — auch einmal andere Kompositionen zu Höven — in den oben erwähnten Darbietungen in Erfüllung cjnng. — Noch anderer Art sind die Beweggründe. Wir beobachten seit Kriegsende, daß ein neuer Zug durch die Iudenheit geht. Anfeindungen! von allen Seiten und ans allen Gebieten haben unserer Bekenner anfgerütelt, in Begeisterung für ihr Judentum ein zutreten, zu kämpfen, eS zu retten und ihm zu neuem Ansehen zu verhelfen. Ein Stroben nach Verinnerlichung ergri-ff die Masse, eine größere Betätigung in jüdischen Dingen folgte an allen Orten. So wurde die vorhandene synagogale Musik benützt, um den eigenen Religivllsgenossem zu zeigen, daß sie wohl einer größeren Würdigung und intensiveren Pflege wert und geeignet ist, das Interesse am) Gottesdienst zn heben. Allen Nicht luden sollte bewiesen werden, daß wir lange vor Christi Geburt eine eigene, eigen artige synagogale Munk sich sage bewußt synagogale) haben, die zn allen Zeiten von bedeutenden jüdischen Komponisten vermehrt wurde bis aus den heutigen Tag und daß diese mit unseren Ehören eine ernste und anspruchsvolle Kritik auch nicht zu scheuen braucht. Vielleicht mag anck ein gewisser Boykott, daß ReligionSgenosso» von größeren christlichen Chorvereinigungen nicht ausgenommen und Juden als Solisten bei Kirchenkonzerten größtenteils nicht mehr verwendet werden, eine Rolle dabei gespielt haben. Nur so ist daS Kunterbunt erklärlich, das die vorliegenden Programme anfwenen. Wir müssen aber anders zu Werke gehen, wenn diese mit Recht sich mehrenden Veranstaltungen allgemeines Interesse erwecken und bleibenden Wert haben sollen. Ganz äußerlich betrachtet muß das Programm in erster Linie nach Form und Inhalt tadellos, es muß wie jedes andere Schriftstück frei von Fehlern sein. Da die große Mehrheit dieser Äonzertbcsucher des Hebräischen leider nicht kundig ist. muß für die vokalen Vortragsstttcke zum mindesten eine gute Uebersetznno bcigedruckt sein, sofern sie nicht deutsch gelungen werden. Die Festsetzung des Programms kann nach verschiedenen Gesichtspunkten geschehen. Zwei gelten aber für jedes nnd seien darum besonders hcrvorgchoben. DaS Programm muß musikalisch wertvoll und zugkräftig sein. Letzteres sei aber nicht gleichbedeutend mit Effekthascherei. Gegen dieses Prinzip wird gar oft verstoßen. Als Effekthascherei und Geschmacklosigkeit muß z. B. bezeichnet werden, wenn ein Programm in seiner Reihenfolge aufsnhrt: 4 hebräische Gesänge: a, Caro mio ben etc. Wie dieser italienische Schmachtfetzen unter die hebräischen Gesänge kommt, ist mir unklar: es sei denn, daß eine ebenso schlechte hebräische wie deutsche Neberietznng existiert, die mir noch nicht zu Gesicht kam! Es kennzeichnet den Geschmack des Solisten, der etwas Derartiges in solchem Rahmen vorzntragen wagt: — man nennt cs sonst: Konzessionen an das Publikum. Bei der Festsetzung eines Programms wird man sich auch entscheiden müssen, ob nnr synagogale Musik zur Ausführung gebracht und nur jüdische Komponisten, „zu Worte" kommen sollen. Beide Fragen wird man nickt einseitig und engherzig beantworten dürfen und können. Begrüßenswert wäre es. wenn wir keine Anleihe zu macken brauchten: aber auf die Tauer wird sie nicht zu umgehen fein. Das vorhandene brauchbare Material lvon indischen Komponisten) für Instrumente — auf die wir in einem abwechslungsreichen, zugkräftigen Programm nicht verzichten können — ist so spärlich, daß die Inanspruchnahme der vielen anderen Namen als geboten erscheint. Nicht ganz so wollen wir bei den vokalen Werken verfahren. Hier haben wir einiges, was musikalisch wertvoll ist, das der Aufführung noch harret. Davon sollte ausgiebiger Gebrauch gemacht werden, damit die Komponisten noch zn Lebzeiten die Früchte ihrer Arbeit genießen — .-sehen nnd suhlen" — können. Dann werden auch die Felder dieser Fluren noch ertragreicher und die Z,ahl derer, die darin arbeiten, noch größer sein. Trotzdem sollten wir nicht engherzig sein und die große Zahl derer ausschließen. die nicht unserer Religionsgemeinschaft angehören und doch Gebetstücke, biblische Texte überhaupt oder biblische Stoffe zu Unterlagen ihrer unvergänglichen — ich möchte sagen „gottvollen" Werke gewählt und darin Erhabenes und Erhebendes geleistet haben. Ich brauche nickt all die Meister hier aufzuzählen, die dafür in Betrackt kommen, der Kundige wird wissen, welch reichhaltige Literatur zur Verfügung steht. Man wird vielleicht einwenden: diese Stücke können wir auch anderwärts hören, dazu brauchen wir keine Synagogenkonzerte. Ja. du hast recht, lieber Nörgler. Diese Stücke sind auch nur als Notbehelf gedacht. Im Vordergrund des Interesses steht immer die hohe Aufgabe, möglichst viel synagogale „indische" Musik zn verbreiten und dadurch religiöses Gefühl zn wecken, zu stärken und einen Anreiz zum Besuche unserer Gottesdienste zu geben. Damit soll gleichzeitig Veranlassung geboten werden, daß in unseren jüdischen Häusern nicht nur die M-utter ihre weltlichen Arien und Lieder zum besten gibt, sondern auch der Vater wieder zu den häuslichen jüdischen Gesängen greift und die ganze Familie einen erfrischenden, beglückenden und beseligenden Lobaesang zu Gott anstimmt. Ferner müßte bei der Zusammenstellung eines Programms auch eine gewisse Chronologie beachtet werden in bezug auf die Stilartcn, damit nicht Stücke einander folgen, die keine Beziehungen haben, genau so wie man z. B. auch nickt Mendelssohn neben Bruckner stellen wird. Nachdem die Bedürfnisfrage und der Zweck unserer Veranstaltungen in großen Umrissen erörtert ist. möchte ich noch eine Frage anschneideu, die von allen sie interessierenden Kreisen erwogen werden sollte. Tic einzelnen Chöre, überhaupt die Idee von der Notwendigkeit solcher Chöre, würden wesentliche Förderung erfahren, wenn die Synagogenchöre der einzelnen Länder des Reiches zu Arbeitsgemeinschaften und alle zusammen zu einem Verband der Siinagogenchöre Deutschlands sich vereinigen würden, ähnlich wie die Kirchenchöre. Innerhalb dieser Arbeitsgemeinschaften oder größerer Bezirke müßten in bestimmten Zeitabftttnden Sängerseste — mit Preisverteilung — stattfinden (wie sie früher schon in Baden stattaefunden haben), das wäre ein mächtiger Anreiz zur Arbeit. Durch solche Gemeinschaften oder Verbände kann viel eher erreicht werden, daß bei den Veranstaltungen der einzelnen Gemeinden auch einmal ganz bedeutende Kantoren oder Sänger iIuden) zur Mitwirkung herbeigeholt werden können: man müßte mit diesen Vereinbarungen treffen für Tournees, ähnlich wie mit den Verbandsrednern. Den einzelnen Gemeinden käme sonst diese Angelegenheit zu teuer. Selbstverständlich dürften die ortsansässigen Kantoren darin keine Spitze gegen sich selbst erblicken, so wie die ganze Sache nichts Persönliches hat, sondern einzig und allein zur Verkiesung und Stärkung des Judentums und zur Ehre Gottes dienen svll.