Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 18 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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6ctt nicht einmal Hebräisch getrieben werben kann. EU mutz also überall seitens -er Religionsgemeinde ein ergänzender Religionsunterricht eingesetzt werben, der den an -er Pro* faufchule erteilten erweitert und vertieft, und in -em vor alleu^Hebräisch getrieben werden mutz. Eine Ehrenpflicht gerade liberaler Eltern ist eS, ihre Kinder diese» Unterricht besuchen zu lallen. Denn Wissen ist Macht, und Willen vom Judentum ist für jeden jungen Juden eine unbedingte Not* weudigkett, damit er sein Judentum lieben, stch dafür einsetzen, e» gegen Verunglimpfung schützen und verteidigen kan». Zur Erteilung dieses Religionsunterrichts sind aber gut geleitete Religionsschulen, tüchtige Lehrkräfte, vor allem eine ausreichende Zahl liberaler Lehrkräfte notwendig. Im Jutereffe unseres Judentums ist es sehr zu bedauern, datz stch ein Mangel von liberalen Religionslehrern besonders für die Provinz durch das Schließen -er Lehrerseminare in Münster und Berlin Herausstellen wird. Für die Großstädte werden uns hoffentlich die Rabbinerfeminare genügend Religionslehrer heranbilden und die Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wohl auch liberale, aber der jüdische Bolksschullehrer, der gleichzeitig Religtonslehrer war, steht leider aus dem Aussterbeetat, wenn nicht schleunigst Fachschulen oder Akademien oder wenigstens Kurse, die auch unserer liberalen Richtung Rechnung tragen, eingerichtet werden. Die bisherigen jüdischen Bolksschullehrer vom jüdischen Lehrerseminar, ganz gleich welcher Richtung, haben es als pädagogisch gut vorgebtldete Religionslehrer ausgezeichnet verstanden, den Barmizwahknaberr auch in den kleineren Städten mit der Gesinnung und dem Rüstzeug von jüdischem Wissen zu versehen. Man konnte sich daraus verlassen, daß es sich hier nicht um Drill und Ablichtung für die Feier des einen TageS^ sondern um eine gründliche Vorbereitung zur Barmizwah handelte, die einen gewissen Abschluß des jahrelang nach methodischen Grundsätzen erteilten Religionsunterrichts darftellte. Ich will mich nicht auf Einzelheiten etnlaffen und keinen Lehr- und Studienplan des Stoffes entwerfen, den ein Barmizwah beherrschen muß, zumal der Umfang des Stoffes allein nicht maßgebend fein kann, für die Güte des Religionsunterrichts und für die erwünschte religiöse Beeinflussung und jüdische Gesinnung, die dem Konfirmanden doch in erster Reihe zu Übermitteln ist. Daß aber ein notdürftiges Einlernen der B'rochaus. die man womöglich mit deutsche» Lettern aufschreiben muß, nicht genügt, wird jedem Einsichtigen klar sein. Es grenzt an Unfug, wenn man dem Knochen nur mechanisch die Manipulationen beim Anlegen der T'fillim und des Tallis zeigt oder das schon Religionslehre nennt, wenn das Kind das Zehnwort aufsagen, die vivlffchen Bücher aufzählen kann, und, wenn es hoch kommt, in Rücksicht auf das Festessen dem Jungen eine Rede einpankt. Eine solche stoffliche Vorbereitung auf die Barmizwah ist eine große Täuschung — die Feier selbst eine Farce. Wie darf man es wagen, bei einer so wichtigen religiösen Feier etwas vorzutäuschen. Muß dem betreffenden oder besser gesagt dem davon betroffenen jungen Menschen die ganze Religion der Väter nicht als etwas sehr Minderwertiges, Aeußerliches erscheinen? Ist es dann ein Wunder, datz ein Vierzehnjähriger, dem es jetzt nach deutschem Recht freisteht,fich seine Religion zu wählen, dann ohne Erlaubnis der Eltern zum Christentum Übertritt, wenn er wahrgenommen zu haben glaubt, daß man im anderen Lager die religiösen Angelegenheiten doch etwas ernster nimmt? Ein solcher Fall ist hier in Breslau vorgekommcn, und der hat mir die Feder zur Abfassung dieses Artikels in die Hand gedrückt. Gerade wir liberalen Juden müssen mit allen Kräften verhindern, daß ein Knabe unvorbereitet oder so gut wie unvorbereitet konfirmiert, das heißt doch wörtlich, im Glauben der Väter bestärkt wird. Der liberale Rabbiner muß die Macht und das Recht haben von der Konfirmation im Tempel den 13jährigen Jungen auszuschließen, der nicht durch das Bestehen einer eingehenden Prüfung nachweist, daß er bei einem vertrauenswürdigen Lehrer längere Zeit zur Einsegnung vorbereitet wurde. Wir fortschrittlichen Juden sind hierbei in einer glücklicheren Lage als die gesetzestreuen. Für uns ist ben sch'lanscho oßor lattauroh kein Gesetz, das nach dem Wortlaut, nach dem Buchstaben zu befolgen ist. Das vollendete 13. Lebensjahr ist für uns höchstens der Beginn der Zeit, von der ab ein Knabe zu der Feier zugelassen werden kann. Wir können nicht nur, nein, wir müssen gegebenenfalls die feierliche Aufnahme in die Religionsgemcinde und Erklärung der religiösen Mündigkeit so weit hinansschieben, bis der Knabe, und ich gehe hier gleich weiter, und das Mädchen durch eine gewissenhafte Vorbereitung aus diesen Tag sich einer wirklichen Prüfung in den religiösen Fächern mit Erfolg unterziehen können. Die feierliche Einführung ins Judentum, die Konfirmation, kann ruhig bis zum 15. und 10. Lebensjahre hinausgeschobeu werden. Wir Liberalen sind unbedingt auch für die Mädchenkonfirmation gemäß den Richtlinien vom Jahre 1912. Diese liberale Errungenschaft, von der bedauerlicherweise sehr wenig Gebrauch gemacht wird, leidet aber auch dort, wo sie üblich ist, darunter, daß sich nur ein kleiner Prozentsatz jüdischer Schülerinnen daran beteiligt oder beteiligen kann. Und schuld ist das an manchen Orten beliebte Schaugepränge, der theatralische Aufwand, die mit dieser Feier verbunden sind, und die — was wir von manchen einstigen Konfirmandinnen versichert wurde — oft im umgekehrten Verhältnis zu dem geringen Zeit- und Kräfteaufwand im vorangegangenen Vorbereitungskursns stehen. Wenn wir auch nicht mit einem Male durchsetzen können, daß alle Mädchen konfirmiert werden, so müßte doch wenigstens den Töchtern liberaler Eltern, die bis zum 14. Lebensjahr und darüber hinaus Religionsunterricht genießen, die Möglichkeit einer Konfirmation, und zwar nicht nur einer an einem Sonntagvormittag, sondern im Rahmen des offiziellen Sabbat- oder Festtagsgottesöienstes gegeben werden, selbstverständlich als Abschluß eines gewissenhaft erteilten Vorbereitungsunterrichts. Diese Feier ließe sich z. B. sehr gut in den Gottesdienst am Wvchenfeste legen. Und jedes Mädchen, auch das ärmste, sollte zugelassen werden, selbst wenn es sich kein Konfirmationskleiö nach neuestem Schnitt eigens zu dem Zwecke anschaffen kann. Eine solche Feierstunde bleibt besonders dem empfindsamen Gemttte eines Mädchens unvergessen, wirkt nach und erhält die Freude am Judentum fürs ganze Leben, auch wenn sich kein großes häusliches Fest daran anschließt. Auch die Knabenkonfirmation sollte nicht gerade immer nur an dem Sabbat nach dem 13. Geburtstag, sondern stets für mehrere Knaben gemeinsam, vielleicht alle Vierteljahre, stattfinden. Das würde der Feier den privaten Charakter nehmen, und sie mehr als bisher zu einer Gemeindeangelegenheit erheben. In einer kleinen Gemeinde genügte es auch, wenn sie ebenso wie die Mädchenkonfirmation nur einmal im Jahre, vielleicht an einem der vier ausgezeichneten Sabbate, veranstaltet würde. Grundsatz bei der Knaben- und bei der Mädcheneinsegnungsfeier müßte aber sein, daß der Vorbereitungsunterricht, ob er im Anschluß an den Unterricht der öffentlichen oder der Religionsschule erteilt wird, vom Rabbiner geleitet, oder bei privater Vorbereitung mindestens von diesem beaufsichtigt wird, und daß die jungen Inden und Jüdinnen durch den Unterricht mit ben Lehren des Judentums, seinen schönen Sitten und Gebräuchen und seiner Geschichte wirklich vertraut gemacht und befähigt werden, auf diesem Gebiete weiter zu arbeiten und vor allem ein e ch i j ü d i s ch cs Le 5 e n zu führen. Bei der Feier selbst ist daun eine Katechese vvr dar Gemeinde vielleicht ebenso unnötig, «te gleiche Farbe rmd gleicher Schnitt des Kleides. Liberale Rabbiner und RekigiovSlehrer duldet keine Dchnellkurfe zur Konfirmation, dringet daraus, datz jeder Knabe und jedes Mädchen Eurer Gemeinde nicht nur am Religionsunterricht an der öffentliche« Schule, sondern auch an einem ergäuzenden Unterricht Eurer ReligtonSgemetude die ganze Gchnlzeit hindurch teiluimmti Und die Krönung dieses jahrelaug genossenen Unterrichts soll de» Kinder» die Konfirmation sein, »ach der bet den Schüler» der höhere» Schulen selbstverständlich die religiöse Unterweisung nicht aufhören mutz. Und Ihr liberalen Väter und Mütter unterstützet de« Religionslehrer in diesem Bestrebe« dadurch, daß Ihr Eure Kinder nicht nur an dem Unterricht teilnehme« lasses so«, der» — wadie Hauptsache ist — datz Ihr auch persönlichr- Jntereffe an der religiöse» Ausbildung Eurer Kiuder zeigt mindestens in dem Matze, das Ihr für den Profanunterricht oder gar für den privaten Musik- und Tanzunterricht aufbringet! Dann wirb es nicht Vorkommen, datz ein Ichäyriger Junge sich gegen Euren Willen taufe« läßt. J. K. Dr. Karl Ech«eider. ES sind 100 Jahre verflossen, seitdem der Reorganisator der Volksschule, Karl Schneider, da» Acht der Welt erblickt bat. Auch wir Juden haben Veranlassung, dieses trefflichen Mannes zu gedenken, der als Mitarbeiter des Kultus- Ministers Falk, siehe auch die am 15. Oktober 1872 erschienenen Allgemeinen Bestimmungen, die das BvlkSschul- und Geminarwefen neu regelten, verfaßt hat. Sie atmeten einen anderen Geist, als die bis dahi» bestandenen Regulative, die auf einem engherzltch kirchlichen Standpunkt bemühten. Bor der Veröffentlichung der Allgemeinen Bestimmungen wurde eine Konferenz von Vertrauensmännern einberüfen. die die Grundlinien des Volk^schul- und Seminarwesens prüfen sollten. Es zeugt von tolerantem und gerechtem Denken, daß zu dieser Konferenz Rektor Horwitz-Berlin und Lanörabviner Dr. Meyer-Hannover als Sachverständige für jüdisches Schulwesen hinzugezogen wurden. Diese geschichtliche Tatsache in unseren Tagen anszufrischen, halten wir für nützlich. Sp.—M. Ein Todesopfer englischer Bitrokwatie in Palästina. Von Joachim Fischer lTel-Aviv). Es wurde von mir stets der Meinung Ausdruck verschafft, wie sehr die strikte Handhabung der palästinensischen Sichtvermerk-Vorschriften im Interesse der Auswanderer am Platze sei. Hat jemand den Gedanken einer Emigration nach Palästina erwogen und wird dieser Plan durch eine Zeitungsnachricht erhärtet, wonach ein solcher Betrag zur Gründung einer Existenz erforderlich ist, den er gerade aufbringen kann, so wirb er zum Bisumwerber. Da nun der englische Kvntrollbeamte die Einreisebewilligung nur auf Grund einer vorangegangenen Ueberweisuna von fünfhundert Pfund nach Palästina lsogen. Kapitalisten-Bisa) erteilt, eine Summe, welche zumeist die tatsächlich verfügbaren Mittel des Emigranten übersteigt, so setzt hier das Hirn ein, wo der Beutel versagte, um das Hindernis „nehmen" zu können. Sehr häufig wird da ein bereits ausgetretener Weg beschritten, den ein findiger Kopf entdeckt und nach Selbstbenutzung zum ungeschmälerten Gemeingut gemacht hat, indem er sich in seinem Altruismus dachte: nach mir die Sintflut! Daher ist so ein englischer Funktionär im Sinne seiner Instruktionen vor etwaigen Umgehungsversuchen der Parteien ständig auf der Hut. Hat jedoch der Konsul nach Schwinden aller Bedenken ben Sichtvermerk für Palästina in den Reisepaß eingetragen, so dürfte man nach menschlicher Voraussicht den Inhaber eines solchen Dokumentes ungehindert in bas Bestimmungsland einziehen lassen, nachdem der hierzu berufene Beamte an der Grenze sich von dem Vorhandensein der ordnungsmäßigen Bidierung überzeugt hat. Eine hiervon abweichende Handlurm wäre, abermals nach menschlichem Ermessen, undenkbar. Würde sie doch vor allem eine Desavouierung des englischen Auslandvertreters in sich schließen. Doch jede menschliche Vorstellung wird angesichts der sich wiederholenden Vorfälle ad absurdum geführt, weil es der englischen Mandatarmacht beliebt, die in ihrem Machtbereiche befindlichen Juden für vogelfrei zu erklären. Ein Mädchen namens Gietel Zwick aus Lettland kam, mit einem Touristenvisum ausgestattet, mit dem Dampfer „Galizien" in Haifa an, um — wie sie gelegentlich der Examination aussagte — ihren in Tel-Aviv wohnhaften Bruder zu sehen und dann die Sehenswürdigkeiten Palästinas zu besichtigen. Da sie im Besitze einer gültigen Einreiseerlaubnis war, die für einen Touristen obligate Summe von fünfzig Pfund vorwies, war kein Grund vorhanden, sie von der Landung abzuhalten. Diese Ansicht vertritt wohl jeder vernünftige Mensch, doch nicht öek Einwanderungskommissar, der nach seiner unergründlich weisen Jnterpretatton der diesbezüglich bestehenden Verordnungen das große Wort „unerlaubt" gelassen aussprach, und die sich ans das Wiedersehen mit dem Bruder Freuende mit demselben Schiff nach ihrem Abfahrtshafen zurückbefördern ließ. Die Bedauernswerte, welche sich so knapp vor dem Ziele zum Umkehren verurteilt sah, hat auf dem Rückwege aus Verzweiflung ihrem Leben in den Meereswellen ein Ende bereitet, dem Schiffskommissar einen Brief an ihren Bruder nebst fünfzig Pfund zurücklassend.- Daß solche Beamten bis heute des öfteren manche Einwanderer zum Spielball ihrer Launen gemacht, und dieselben ohne jede tieferliegende Begründung von der Ausbootung ausgeschlossen haben, vermochte nicht, die jüdische Oessentlichkeit aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Nun, da der Amtsschimmel ein junges Menschenleben geknickt hat, hat eS lebhafte Entrüstung ausgelöst. — Der Schriftsteller Awi- Schattl hat allerdings dem Staatsanwalt den Sachverhalt mitgeteilt, und dieser wird sich damit befassen. Doch berechtigt eine solche Ermittlung, die gewöhnlich mit der Einstellung des Verfahrens endete nicht zur Hoffnung, baß hier Abhilfe geschaffen werden würde. Und die Moral: Die guten Beziehungen der zionistischen Repräsentanz zu Großbritannien bedeuten, daß erstere dem letzteren gegenüber sich immer in leidender Form befindet und nicht einmal imstande ist, die Respektierung der primitivsten Menschenrechte ihrer Schutzbefohlenen burchzusetzen! Is Versammlungskalender Berlin. lLiberale Svnagoge Norden.) Schönhauser Allee 162. — Auerbachsches Waisenhaus. Gottesdienst: Freitag, den 30. April 1930. avenöS 7)4 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. SalomonM. — Sonnabend, den 1. Mat 1926, früh 10 Uhr. BreSlau. iJüdtfch-liberaler Jugendverein »Abraham Geiger") Sonntag, den 2. Mai, bei jeder Witterung, TaaeSausflng „Rnnd um den Zovten". Führung: Ludwig Freund, Neudorfstr. 37. Fernsprecher Stephan 83320. Treffpunkt 8V? lifir vormittags vor dem Nordhotel. Abfahrt 9 Uhr Hauptbahnhos. Sonntagsfahrkarte bis Ströbel (4. Klasse L90 M.) hat jeder Teilnehmer selbst zu Rffeu. Gäste, durch Mimlieder eiugeführt, willkommen. Musikinstrumeute mttbriugeu. Himmelfochrt, Donnerstag, bM 18. Mal, TageSauSflüg: Führung: Georg JouaS, Ohm«. vreSl«». (JLdifchl-Si-beralvr Jugeudvered« „Abraham Seiger".) Donnerstag, de» 18. Mai lHtmmellahrtStag). GanztagSauSflug durch die herrliche« Oderwälder über Smortaoe uud am Zttmoberfee vorbei, Führ«»-: Georg Joua-, Oblau. Treffpunkt: 8* Uhr voruuu, Nordhotel. Abfahrt 8 Uhr 80 Minuten vom Bahnsteig 8 des Hauptbahnhofes. GonutagSfahrkarte (TV. Klasse) IM 9MU bt- Minken oder Anden selbst lösen. Fraukfurt a. «. (Jüdisch.liberale Jugenhgemeinschaft.) Am 10. Mai 1926, abendö Uhr. Hübet im Trausaal der Köntgsdeiuer Synagoge eine Qk&tld* Rietzer^Feier statt. Die Gedenkrede, gehalten von Herr« Referendar Erich Leopold, wird umrahmt vo« mnsiöaltscheu und rezttatortsche« Darbietungen. Es komme« aus* schließlich Werke von H ä» d e l zu Gehör, auSgeführt vo« einem neugebtlbete» Sammerorchester, unter Leitung vo« Hermann Geiger. Ferner wird Fra« Edith Woh4 aus Briefen Gabriel RieberS rezttieren. Wir erwarte« eine rege Beteiligung au dem Besuch dieser Gedeukfeter. Sieguitz. (Liberaler Verein der Synagoge»- gemeinde.) Sonntag, den 2. Mai, Frühlingsfahrt btt Jugeudgrupve nach Zovten. Abfahrt 7,80 Uhr früh mtt Sonntagsfahrkarte nach BreSlau, von dort gemeinsam «tt dem Breslauer Jli, ab ö Uhr, mit GonntagSfahrkarte nach Ströbel. Ankunst Liegnitz, abends 10 Uhr. j: BUCHERSCHAU jj „Saat und Ernte“, die deutsche Lyrik unserer Tage *oa Albert Sergel. Deutsches yerlagsfaaos Bong & Go, Berlin 1926. . . „Der Fischzug“, Lyrische Anthologie von Btatad Heinatsch, verlagshaus Outenberg. Berlin 1928. Diese beiden ausgezeichneten, von nichtjödischen Literaturhistorikern redigierten und völlig vorurteilslos zusammengestellten Anthologien moderner deutscher Lyrik zeigen, daß die Emanationen jüdischer Seele ein sowonlin qualitativer wie quantitativer Hinsicht grundlegend wichtiger und gar nicht mehr fortzudenkender Bestandteil unseres gesamten deutschen Kunstschaffens sind! Immer wieder haben in letzter Zeit hervorragende und. unvoreingenommene Kulturphilosophen darauf hingewieseoi daß die geistigen Aeußerangen des wirklichen und guten Deutschtums und die des essentiellen und wahren Judentums keine Gegensätze sind, sondern! sehr harmonisch zusammenklingen und sich vortrefflich gegenseitig ergänzen. Noch vor kurzem hat der geistvolle Otto Flake in einem beachtenswerten Essay darauf hingewiesen, daß man im germanischen Kulturschaffen die weithin wahrnehmbare jüdische Komponente weder missen könne noch wolle. Der Versuch, festzustellen, wie groß diese sei, ist irrelevant und könnte beinahe zu törichter, Selbstbeweihräucherung führen;.ist doehfast rin Viertel aller zu Worte kommenden Dichter jüdischen Ursprungs! — Viel interessanter und reizvoller wäre die Meditation, die zu erfassen suchte, welcher individuelle Eigenton der jüdischen Melodie derart anhaftet, daß sie sich damit von anderer deutlich abhebt. Mit einmal Normalbegriff „deutschen Geistes“ zu operieren, würde zu stumpfer, Verengung führen. Für jeden Tieferblickenden existiert ja ebenso die Trennungslinie, die etwp den schwerblütigen Norddeutschen vom grazileren Deutsch-Oesterreicher, etwa den idyllisierenden schwäbischen und tiroler Dichter vom dumpf-grüblerischen schlesischen scheidet.' Das Jü dl s Che Wesen hat nun zwar einen besonderen Rhythmus des Blutes, es entstammt vorwiegend einer Bevölkerung, die von jener nur in Städten siedelte und sich nicht vom Lande her ergänzte; es trägt in sich unbewußt Erbium viel älterer und hochentwickelterer Kultur. Aber auch die jüdische Geistigkeit ist vom deutschen Schicksal, von deutscher Landschaft und Luft gebildet, die deutsche Muttersprache ist das Material, in der sie ihren letzten und besten Ausdruck formt, deutsche Stoffe und Formen sind wichtigster Gegenstand ihres Büdungserlebnisses. Dann haftet dem jüdischen Geist und dem jüdischen Charakter keineswegs unverrückbare Einförmigkeit und Undurchdringlichkeit an, im Gegenteil, die Aufnahme- und Gestaltungsfähigkeit des jüdischen Gehirns ist so groß, daß sie alle künstlerischen Strebungen der Zeit durchdringen und fortentwickeln kann. Das Eigenste, Positivste der aus jüdischer Seele fließenden Lyrik hingegen ist tatsächlich Erbteil überkommener, uralter und eingewurzelter jüdischer Ideale und Hoffnungen. Da ist zunächst das nie zur Ruhe kommende Gottsuchertum, diese das ganze Dasein durchdringende Religiosität. Im Tiefinnersten religiös ist die Lyrik Leo Sternbergs, Arthur Silbergleits, Ernst Blass’, Albert Ehrensteins, Alfred Momberts, Hugo Salus’, Oskar Wieners usw. Auch die künstlerisch außerordentlich vollendeten Prägungen Kurt Walter Goldschmidts sind ohne die inbrünstig gesuchte und ersehnte „göttliche Vollendung“, einer Art spinozistischen „amor der", nicht denkbar. In engem Zusammenhang mit dieser Religiosität steht die glühende Erlösungssehnsucht so vieler jüdischer Dichter. Ein Gottesreich der allumfassenden Liebe und sozialen Gerechtigkeit schon hier, auf Erden, zu errichten, war ja zu allen Zeiten leidenschaftlichstes Sehnen des Judentums! Soziales Mitleid und flammende Menschenliebe werden in den Gedichten Werfels, Rudolf Leonhards, Franks geradezu zur lyrischen Formel! In sich ruhende, versonnene und träumerische Idyllik — die den Schwaben so liegt — hat hinwiederum kaum ein jüdischer Autor gestaltet. Die einzige Ausnahme hiervon ist höchstens Lissauer, der vom „besonnten Acker“ und der „großen Stille“, aber auch in religiöser Vertiefung, zu singen weiß. Oft wird das Thema der Zuneigung zur Familie, zu Frau und Kindern behandelt. — Auch dies ist beste Tradition des Judentums! — Heiß und impulsiv bricht bei manchen jüdischen Dichtern die Liebe zu ihrem Stamm, zu der ragenden Ehrwürdigkeit ihrer Religion durch. Die Gedichte „Hebräische Lektion“ von Max Brod, das „Amsterdamer Ghetto“ von Julius Bab, der — und das ist bezeichnend — auch Verfasser des patriotischen „Deutschland“ ist, sind schöne Proben dieses tiefempfundenen und echten Gefühls. Schon ein wenig überfeinerte und fast degenerativ anmutende Wortkunst von letzter und höchster Sprachkultur stammt von den wenigen jüdischen Dichtern, die das Glück hatten, von ihrer Jugend an ohne jede äußere Sorge nur der Literatur leben zu können, von Hofmannsthal und Stefan Zweig. . . „ Im „F i s c h z u g“ überrascht die fast aphoristische Lyrik des hochbegabten jungen Ostjuden Johannes N*a c h t, dem man freilich mitunter einen „Intellektuellen“ schelten darf. Auch hier kommen viele der bereits genannten jüdischen Künstler zu Wort. Welch ein Meisterwerk ist Goldschmidts ergreifende Lebensphilosophie „Der Dreißig, und der Vierzigjährige“! —- Jeder, der die beiden Bücher, anschauliche Querschnitte der gesamten modernen Kunst, unvoreingenommen auf sich Wirken läßt, wird zugeben müssen, daß das, was wir „j ü d i s c li“ nennen können, eine schöne und willkommene Nuance und eine wirkliche Bereicherung unserer deutschen Lyrik ist. Dr. Ludwig D.avidsohn, Berlin.