Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 18 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der tote Jude. (Fort«.) Von Doris Wittner. Naohdruck verboten. — Copyright by Orethlein k Co., O. m. b. H., Leipzig. Mardochai Israel Sontheimer hatte den Einspruch Sonninos hingenommen« ohne daß eine Fiber in dem schönen, edlen Patriarchengesicht sich geregt hätte. Ebenso Abraham Furtado, über dessen südlich lebhaftere Züge es nur hier und da wie von heimlicher Verachtung wetterleuchtete. „Wir reden wohl verschiedene Sprachen, Reb David ben Sonnino,“ antwortete Mardochai Israel Sontheimer jetzt mit einer gefrorenen Fremdheit, die die Geringschätzung des Tones seiner Tochter Perl noch turmhoch tibertraf und die in seltsamem Gegensatz zu der väterlich weichen Güte und der respektgebietenden, abgeklärten Weisheit seines Angesichts stand „was der erste Konsul Euren — vermutlich — Geschäftsfreunden Mendel Rosenblatt und Chaim Mohnblum gesagt und angedroht hat, hat meine volle Billigung, und ich verstehe, daß er so hart vorgeht. Erst wenn alle Juden ihren Pflichten als Staatsbürger in jedem Sinne und bis aufs I-Tipfelchen nachzukommen gelernt haben werden, haben sie auch einen Anspruch auf die Rechte eines Vollbürgers. Jede Verfehlung eines einzigen unj serer Leut' trifft unser ganzes Volk. Gut, solange man uns hat eingepfercht hinter finstere Mauern und jeden Morgen und jeden Abend die Tore unserer Ghetti auf- oder zugesperrt hat, und solange man uns keine Berufe und Geschäfte, ebenso wie den Gojim hat erlauben wollen, mag einer gesehen haben, wie er persönlich zu Nutzen und Vorteil gelangt ist — und wenn es auch oft genüg auf krummen oder lichtscheuen Pfaden geschehen sein mag —: heut aber, nachdem die Vorkämpfer der Gleichheit und Brüderlichkeit, Frankreichs edle Freiheitskämpfer, auch unseren Leuten die Menschenrechte in Strömen von Blut erobert haben und ein großer Mann — ich wiederhole es — ein großer Mann es als seine Aufgabe betrachtet — warum er es tut, ist seine Sache und hat uns nicht zu kehren — die Stellung der Juden in der ihm untertänigen Welt zu erleichtern und zu befestigen, so ist es an uns, uns so honett und irröprochable aufzuführen, daß auch nicht der Schatten eines Schattens darf haften bleiben auf allem, was jüdisch heißt. Vertrauen ist eine Ehre, deren man sich würdig bezeigen muß. Die Mendel Rosenblatt und Chaim Mohnblum haben sich ihren Galgen redlich verdient, und wenn sie auch nur ä Viertel Prozent mehr hätten genommen, als die Vorschrift gebietet. Der Galgen aber, unter dem der Erste Konsul sie noch ä Mal hat entwischen lassen, den hätten wir Jüden errichten müssen, um zu zeigen, daß wir auch nicht gewillt s'nd, unlautere Elemente in unserer Gemeinschaft zu dulden. Hab’ ich recht, Reb Abraham Furtado, oder nicht?“ Abraham Furtado, der portugiesische Millionär, dessen Name überall, wo man zu Jahwe betete, eine nahezu abergläubische Ehrfurcht genoß, neigte zustimmend den kleinen, dunkeln, immer eidechsenhaft beweglichen und bewegten Kopf. David ben Sonnino aber sagte ehrerbietig zwar, aber doch ablehnend und mißbilligend: „Ihr urteilt hart, hochwohlweise Herren, zu hart, wie mir scheinen VrlU. Jüden andere Jüden an den Galgen bringen, da sei Gott der Gerechte vor! Und for was und for wen? For den Oberchochem, der die Araber und Türken, die Mohammedaner und die Jüden mit schönen Worten kirre zu machen sucht, daß sie sich von ihm als Kanonenfutter lassen benutzen. Den Einen verspricht er, selbst die grüne Fahne des Propheten zu hissen und zu der Heilslehre des Islam überzutreten; den Jüden gegenüber aber spielt er sich auf als ein neuer Cyrus, und während er alle asiatischen und afrikanischen Glaubensgenossen unter seine Fahne einberuft und sie mittlerweile in seinen Schlachten vom Leben zum Tode bringen läßt, verheißt er ihnen, das Land und die Stadt ihrer Väter in altem Glanze wieder auferstehen zu lassen. Aber wißt Ihr auch, wieviel unserer Brüder auf seinen Befehl gefallen und verröchelt sind bei Gaza und Al-Arisch, und was für Kriegskontributionen dieser „Schützer der Freiheit", dieser neue „Erlöser“, der beiläufig sich als „Kaiser des Morgenlandes“ hat ausrufen lassen, grade auf erlegt hat unseren Leuten? Ein guter Melech, ein echter Melech, so wahr ein Gott lebt! Und wenn er auch nur ist geboren als der Sohn eines korsischen Rechtsverdrehers und einer Mutter, wo nicht kann lesen und schreiben, tut nichts, tut alles nichts. Er macht sei' Sach' so gut, als hätt* er in einer vergüteten Königswiege geschaukelt. Und for dem und seine kluge Komödie sollen unsere Leute von heut' auf morgen verzichten auf jeden Profit, auf den geringsten Reiwach? Soll e r vorangehen mit ä so ä gutem Beispiel! Wird folgen die ganze Judenheit, ob sie sich nennt Sontheimer und Furtado, wie die hochedlen Herren, oder Rosenblatt und Mohnblum, die arglistigen Schelme und armen Teufel!“ Mardochai Israel Sontheimer und Abraham Furtado, diese beiden Fürsten des Judentums, blickten mit unverhohlener Nichtachtung über den jungen, kecken Sproß ihres Volkes, der in ihrer Anwesenheit unziemliche Kritik zu üben wagte, hinweg: in wesenlose Fernen, in die unabsehbaren Weiten der Sehnsucht, des Traumes und der glückhaft gläubigen Zuversicht. Sie hatten Gottes Wort nie den Gehorsam versagt, hatten Gebet und Gebot unverbrüchlich beachtet, hatten Zweifel und Verzweiflung weder Ohr noch Seele geöffnet, selbst als der Fremden Uebermacht mit wuchtender Schwere und schwerer Wucht auf ihnen lag, ganz Israel versklavend, knechtend und entrechtend. In den schlimmsten Zeiten, die über das „auserwählte Volk“ dahinfuhren, die Saat des Leidens auf Jahrhunderte hinaus zu säen, fruchtbare Volksteile scheinbar für ewig in Oedland zu wandeln, da waren diese beiden von ihren Volksgenossen geehrten und geachteten Führer einer irrenden und verirrten Schar zu den Aermsten und Unglücklichsten ihres Stammes gegangen, Trost und Hilfe zu spenden, nicht etwa nur durch das beschwichtigende Wort, sondern vielmehr durch die erlösende Tat. Frauentränen, Kinderlallen; zuweilen auch der in Dankbarkeit brechende Blick eines Greises waren ihr einziger und schönster Lohn. Kein Opfer eignen Besitzes wurde gescheut oder zu hoch befunden. Von Abraham Furtado ging das ans Sagenhafte grenzende Gerücht, daß er für die jüdische Sache in Frankreich nahezu anderthalb Millionen Franken hingegeben habe. Und diese beiden, deren seelischer Adel weder von ihren eignen Stammesbrüdern, noch von den rauhesten und rohesten Gegnern — unter den französischen Revolutionären Mitglieder des jakobinischen Klubs, in Deutschland alle enghimigen und engstirnigen Diener des ewig Gestrigen, denen schon das Wort „Fortschritt“ ein Greuel war — verkannt wurde, sollten sich von einem jungen Streber und Gaukler, wie David ben Sonnino, ungezogenen und bewußt irreführenden Widerspruch gefallen lassen? — Beide kannten den Venezianer (besser, viel besser, als er ahnte), seine Ambitionen, seine Beziehungen, seine Geldgeschäfte, aber auch seine Weltgewandtheit und seine ruchlosen Verstellungskünste. Sie wußten auch sehr wohl, daß er, dessen ungewöhnliches Sprechtalent ihm in der Welt viel vorwärtsgeholfen hatte, und der nicht nur in allen europäischen Zungen zu parlieren verstand, sondern auch alle Abarten der Sprachen — Dialekte, linguistische Sonderformen, charakteristische Bevölkerungsidiome — meisterlich beherrschte, im Hause Sontheimer absichtlich seine Worte mit jüdischen Brocken und jüdischen Wendungen durchsetzte. Es sollte eine Huldigung an die strenge Tradition des Hauses sein und wurde doch von den beiden Patriarchen mit Recht als eine Beleidigung empfunden. , Mardochai Israel Sontheimer schien denn auch endgültig die Geduld verloren zu haben, und nur das geheiligte Gastrecht schützte den (beiläufig wenig erwünschten) Gast vor einer noch schärferen Zurechtweisung. „Laßt's gut sein, Sonnino, wir verstehen einander nicht; ich sagte es schon. Aber was Ihr da vorschlagt und ratet, erscheint mir klüglich zwar, aber auch kläglich zugleich. Nicht nach humpeln dürfen wir Juden mit de r Rechtschaffenheit und allen bürgerlichen Tugenden, auch kein Geschäft aus ihnen machen, sondern vorangehen müssen wir den Andern, und es darf kein Flecken auf uns und unseren Handlungen haften bleiben. Denn wir, wir haben das Jahrtausende alte Vorurteil der Andern zu widerlegen; wir müssen beweisen, daß der Herr, unser Gott, uns nicht anders geschaffen hat als jene, die uns verfolgt haben mit Haß und böser Gier und uns gern weiter verfolgen möchten bis zum Tage des jüngsten Gerichts. Vorwurfsfrei zu sein und zu bleiben: das ist — heute mehr denn je — unsere Pflicht. Ein Gesetz, ebenso streng zu beachten wie die Gesetze, die uns der Herr und seine Propheten vor sehr eiben. Vergesset nicht, Reb David ben Sonnino, daß die große Masse unseres Volkes — nicht bloß Eure Rosenblatt und Mohnblum — erst wird lernen müssen, sich der Freiheit würdig zu zeigen, die eine große Zeit und ein großer Mann (ich sage es zum Dritten) dem Hause Israel schenken. Lehrer heißen, Lehrer solchen Lernenden: das sei fortab unser Beruf! Und durch Beispiel wirken auf all jene, die noch zaghaft sind und unsicher, und nicht wissen, wohin gehen oder stehen oder taumeln? Die Scheuen und Zögernden, die groß geworden sind in ständiger Furcht vor Angriffen und Eingriffen in ihr Leben und ihren Besitz und die nur Arglist und Verstellung als Mittel der Verteidigung gekannt haben; sie sicherer und selbstbewußter zu machen; die allzu Sicheren aber die Lauten und Lärmenden, die da vermeinen, mit wüsten Reden und überheblichen Gebärden, wie man den Trompetenstößen von Jericho, die Mauern, die uns Jahrtausende getrennt haben von den anderen Völkern der Erde, einrennen und niederlegen zu können, diese allzu Sicheren und Lauten, die uns wiederum nur unheilbaren Schaden zufügen, ein wenig zu dämpfen, daß sie zu sich kommen und bescheidener werden, das könnte auch eine Aufgabe «ein, würdig der Besten unseres Stammes! Meint Ihr nicht auch, Furtado?" Der Südländer zuckte die Achseln und schüttelte den klugen, zerknitterten Eidechsenkopf zu halber Ablehnung, halber Zustimmung, ein müdes, skeptisches Lächeln um die schmalen Lippen. „Möglich, Heber Freund, möglich, aber nicht wahrscheinlich. Denn grade der größte Vorzug, den unser Volk besitzt, seine Zähigkeit, ist gleichzeitig auch sein größter Fehler. Jeder Jude beharrt in dem, was er als richtig oder auch nur als — opportun erkannt zu haben glaubt. Ihr werdet weder den Einen ihre Demut, noch den Andern ihren Hochmut abgewöhnen. Auch resoektiert selten ein Jude den anderen. Belehrung und Bekehrung müssen ihm immer von außen — von Fremden — kommen. Oder er muß klug werden aus eigner Erfahrung. Geht all unsere heiligen Schriften durch! Wann hätte je ein Weiser, ein Wissender unser Vplk zur rechten Zeit mit Erfolg vermahnt? Nie und nimmer! Ein jeder vermeint, an die Warnungen und Prophezeiungen der Größesten unter uns zuvörderst die Sonde seines eigenen, beschränkten Verstandes legen zu sollen, und erst, wenn er das Wort des erleuchteten Lehrers selbst zerfetzt und zersetzt hat, daß nichs mehr von ihm übrig geblieben ist als ein scheinbar hohles Gewese, dann plötzlich kommt die Erkenntnis über ihn —r wenn es zu spät ist, wohlverstanden, wenn es zu spät ist, — und er bricht in Jammer und Wehklagen aus; dann möche er ztlrückholen, was er verpaßt hat, und schiebt womöglich noch dem Lehrer die Schuld zu, daß der ihn nicht mit Gewalt zu seiner Erkenntnis gezwungen habe. Erspart Euch solche Erfahrungen, Freund Sontheimer; sie machen alt und müde vor der Zeit. Und froher auch nicht. Es gehört viel Kraft und innere Zuversicht dazu, um den Glauben an unser Volk in uns selbst nicht zerbrechen zu lassen. Und manchmal verstehe ich es, daß die Andern, die Fremden, sich die Mühe nicht geben mögen, hinabzusteigen und hineinzuleuchten in die Schächte, wo die heißen und reichen Blutströme unseres Volkes wahrhaft rauschen.“ Die beiden Patriarchen hatten gesprochen. Scheinbar mit sich selbst. Oder höchstens einer zu dem andern. Jetzt lastete Schweigen und Bitterkeit über dem Raum. Der junge Sonnino hatte sehr wohl gefühlt, daß mit Sontheimers Worten von den „Ueberheblichen, zu Lauten und Lärmenden, die gedämpft werden müßten“, er, Sonnino selbst, gemeint war und hatte getroffen werden sollen. Nicht minder hatte er die stumme Verachtung Furvados, für den er gar nicht anwesend zu sein schien, wie Rutenhiebe an Leib und Seele gespürt. Trotzdem veränderte sich keine Miene des geschmeidigen Venezianers. In schuldiger Ehrerbietung schien er die Meinungen und Weisheiten der Alten in sich zu trinken. (So wild auch die Stichflamme des Hasses gegen die beiden mächtigen Würdenträger seines Stammes in seinem Herzen auf* schießen mochte.) Glatt und kühl bleiben jetzt; keinen Widerspruch äußern, aber auch keine falsche Unterwürfigkeit zeigen, die hier ohnedies keinen fruchtbaren Boden fand. Er war jung. Er würde warten können. Warten, bis auch seine Stunde einmal kam. Und mit ihr die Stunde, den beiden dünkelhaften Patriziern, die doch selbst nur eingesponnen waren in unzeitgemäße Ideen, Urteile und Vorurteile, heimzuzahlen die Demütigung dieser Begegnung. Heimzuzahlen! Mit Zins und Zinseszinsen. — Es war leicht, den Menschenbeglücker und Menschenerzieher spielen zu wollen, wenn man ein so warmes, gesichertes Nest sein Eigen nannte, wie Mardochai Israel Sontheimer. Und gar bequem mochte den vielfachen (wie vielfachen?) Millionär Abraham Furtado Judenverachtung und Menschenverachtung schlechthin ankommen. Geld zeugt Verachtung. Gewiß. Aber nur wenige werden an jenem Ziele geboren, wo man mit dem Geld auch Selbstgewißheit und Verachtung der andern als Migift ins Leben hinausträgt. Gemach: es muß auch Menschen geben, die sich selbst ihren Weg bahnen, gleichviel, ob er aus Abgründen empor oder — vielleicht auch zuweilen — an Abgründen entlang führen mag. Ein Abraham Furtado mochte es sich gestatten, rückwärts zu blicken und betrachtend von der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft zu schweifen. Für einen Sonnino gab es keine Vergangenheit, durfte es keine geben (es sei denn: als Peitsche); für einen Sonnino hieß es nur: vorwärts, aufwärts, — um jeden Preis! Und dann — zu gegebener Zeit — auch am Ziele: Abrechnung, Abrechnung mit allen, die heut noch vermeinten, David ben Son-, nino übersehen und nicht achten zu dürfen. Während der Venezianer, äußerlich unbewegt, diesen inneren Ueberlegungen nachhing, glitt sein lauernder Blick plötzlich hinüber zu den — Frauen. Wie die Sitte jüdischer Häuser es vorschrieb, hatten die in der üppigsten Blüte ihrer Weiblichkeit stehenden Mädchen — Cora Perl Sontheimer und Judith Pereira — beide vorzeitig mutterlos geworden — in schweigender Ehrfurcht und ehrfürchtigem Schweigen gelauscht, als der Vater Perls und sein Gastfreund anhuben, zu reden. Pietät war oberstes Gesetz jüdischer Patrizierheime; heilig galt und unantastbar das männliche Oberhaupt des Hauses. Dem Vater gegenüber — und dem von ihm geschätzten Freund und Gevatter — gab es keine eigene Meinung. Mur stummes Horchen und stummen Gehorsam. Wirklich? Stand es in Wahrheit so? (Fortsetzung folgt.) j Jf j Unsere Riilsel-Ecke j g j Verwandlung. (*§ traf heit „o" aus HinnuelsHöH' Bon Gottes Geißel mancher „e". —ch. * Auflösung der NLisel von voriaee Nummer: KrettKworLrätscl. Wer mrd was? Thora. Bekanntmachung! Das außergewöhnliche Angebot im Anzeigenteil (100 Reichsmark in bar) ist kein Roklamescherz. sondern durchaus rechtsnerbinHlich. F. Oderich. Hamburg 19. Wer lallft t»el den Wahlarbeilen? Meldungen an das Büro des liberalen Vereins, Wllbelmslr. 147. Hasenheide 335S