Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 18 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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so wäre damit zugegeben, datz die Orthodoxen oder Konservativen die rechten, die Liberalen aber die schlechteren, minoerVerttgen Juden seien. Ganz im Gegenteil aber ist wirkö$CIL?4.HtÄ5i8mtt8 aus echt religiöser Gesinnuna geboren. ES gibt sehr sromme Liberale und sehr unsromme Orthodoxe. Die Minderwertigkeit der Liberalen wird aber hente «och nicht nur von seiten Ser separatistischen Orthodoxie behauptet, sovdern auch die sogenannte Gemeindeorthodorie demselben Standpunkt. Zum vewetse steht grundsätzlich aus demsi dessen verlas Redner auo AufNärungS- und Werveschrtst der Achduth den Passus über die Stellung der Achduth zum Liberalismus. Die Achduth nennt die Behauptung, daß sie die Gleichberechtigung der religiösen Richtungen im Judentum proklamiere, eine tendenziöse Unwahrheit. Me vetrachtet die Andersdenkenden nicht als Abtrünnige, sondern als Irrende, die man durch Milde und Versöhnlichkeit eher gewinnen könne, als durch schlösse Abstoßung. Und außerdem gebe eS zahlreiche Gebiete, aus denen eine Zusammenarbeit mit den girrenden Brüdernmöglich und für das Judentum nützlich sei. Gegen diese Zubilliauna mildernder Umstande und gegen diese grundsätzliche Minberbewertung des Liberalismus wendet sich der Vortragende mit aller Entschiedenheit. Daß diese Anschauungen aber nicht nur Theorien sind, wird an einer Reihe von Beispielen aus neuester Zeit gezeigt. Wir erkennen unumwunden die Gleichberechtigung jeder anderen, auS ehrlicher Ueberzeugung stammender Anschauung an, verlangen aber, daß man unsere Anschauung ebenso rückhaltlos als gleichberechtigt gelten läßt. Auch die neuerdings mehrfach zutage tretende Anschauung ist falsch, die erklärt, in erster Reihe seien wir Juden und erft in zweiter Reihe Liberale. Vielmehr sind diese beiden Begriffe gar nicht voneinander zu trennen, denn unser Liberalismus ist die Form, in der allein wir das Judentum ansehen können. Unsere alten Lehrer haben nachdrücklich betont, datz daS Judentum zwei Lehren habe. Sie zusammen erst das Judentum bedeuten, die schriftliche und die mündliche. Das bedeutet, datz eS zwei Quellen der Religion und zwei Seiten des religiösen SeinS gibt: Offenbarung und Tradition, den göttlichen Ursprung und das Werk der menschlichen Seele. Denn nur wo Religion von der menschlichen Seele selbst ersaßt ist, kann sie ihre Kraft zeigen. Der Sinn der Religion ist nach Steinthal, daß die Wahrheit der Idee wahrhafte Wirklichkeit werde. Dem Liberalismus ist die religiöse Idee des Judentums, der ethische Monotheismus, die messtantsche Idee, die Lehre des Judentums vom Menschen und seiner Aufgabe und von der Aufgabe Israels ewig unverbrüchliches Gut. Diese Idee aber zu wahrhafter Wirklichkeit zu gestalten, dazu bedarf es der Lebendighaltung und der Anvassung an die geistige Einstellung der Zeit. Auch die Religion unterliegt dem Gesetz der Entwickelung. Das Müsterrvolk hat dieselben Lehren und Ideen anders ersaht als wir. Wir sind der Ueberzengnng, daß die Religion in der Kultur der Zeit, und daß die Kultur der Zeit in der Religion sichtbar sein muß. Aus dieser Anschauung ist die Religionsphilosophie des Mittelalters erwachsen, gegen die das 13. Jahrhundert hindurch ein erbitterter Kampf geführt wurde, der freilich glücklicherweise nicht zur Unterdrückung der Freiheit der Wissenschaft geführt hat. Der Liberalismus ist offenbarnngsgläubig und traditio,tSglaubig. Aber ihm ist Tradition nicht ein drückendes Joch, sondern „edelste Freiheit". Ju flüchtiger Skizzieruug wird vom Vortragenden geschichtlich gezeigt, wie die ursprünglichen religiösen Ideen ausgebaut und vertieft, und wie neue Ideen yerangeoracht und dem Judentum zu eigen gemacht und verändert worden sind. Insbesondere wird auf den grundlegenden Unterschied des SadduzäiSmuS und deS Pharisäismus hingewiesen. Die Pharisäer haben die Forderung des allgemeinen Priestertums ganz Israels aufgestellt und eine Fülle von neuen Einrichtungen und Formen geschaffen, von dem Gedanken ausgehend, daß die Religion daS ganze Leben mit ihren Formen begleiten soll. Sie haben daS Judentum in erheblichem Maße umgestaltet, um eS für Gegenwart und Zukunft leVendM zu erhalten. Besonders ist auS der Zeit der Soserim und Pharisäer zu nennen die Schaffung der Synagoge, die nicht etwa nur notdürftiger Ersatz für den Tempel sein sollte, die Einrichtung der biblischen Vorlesung und die Schaffung des Gebet-GotteSdiensteS, sowie die fabbathliche und festtägliche Predigt. Auch diese Dinge find keineswegs seit jener Zeit unverändert geblieben. Der Gebet-Gottesdienst ist wohl seiner Struktur nach der gleiche geblieben, aber die Riten der verschiedenen Länder weisen weitgehende Verschiedenheiten ans, und man kann die beherrschenden Ideen der verschiedenen Zeiten, z. V. Religionsphilosophie, .Kabbala «sw. deutlich erkennen. Auch die Thoravorlesung hat ihre Geschichte, wir kennen drei-, sieben- und einjährigen Zyklus usw. Die biblische Vorlesung wurde in die Volkssprache übersetzt. Erst später ist auch diese Einrichtung erstarrt und die Uebersetzung in die Landessprache abgekommen, die wir setzt wieder einzuftthren bestrebt sind. DaS Mittelalter, das für die Jude» bis Ins 18. Jahrhundert hin- «In dauerte, hat durch die gewaltsame ASschlteßung von der Zettkultur die Jude» iu wachsendem Maße fast nur <m« daS Religlöse eingeschränkt. So gewann jede religiöse Form besondere vebeutung und so wurde da» ganze Lebe« so sehr in religiöse Formen gekleidet, daß selbst Mendelssohn glaubte, das Judentum nicht als geoffenbarte Religion, sondern al» geoffenbarteS Gesetz ansehen zu sollen. GS bildete sich die Anschauung tzerauS, daß die moderne Kultur mit dem Judentum unvereinbar sei. To erklärt sich der Dannspruch deutscher Rabbiner gegen seine Bibelüversetzung und die erbitterte Gegnerschaft der alten Orthodoxie gegen deutsche Predigt. GotteSbienstordnung, geordneten gottesdienstlichen Gesang. Ornat de» Rabbiner- und de- Vorveters. geordneten Religionsunterricht usw. Um alle diese Dinge, die heute in jeoer orthodoxen Gemeinde selbstverständlich sind, mußte bis fast zur Mitte deS 10. Jahrhunderts gekämpft werden. Dies alles hat der Liberalismus nicht nur für sich, sondern auch für die anderen Richtungen geschaffen und onrchgekämpft. Die Neu^Vrthodoxie und ihr Begründer S. R. Hirsch hat allerdings die Uebereinstimmung von Judentum und Kultur ebenfalls proklamiert, aber in seinen ersten Schriften ist sich auch Hirsch deutlich bewußt, daß eine Umgestaltung deS damaligen Judentums notwendig sei. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß daS orthodoxe Judentum der Gegenwart eine unveränderte Fortsetzung deS mittelalterlichen sei. Ueber das Maß dessen. waS verändert werden soll, mag man verschiedener Ansicht sein, selbstverständlich soll man an alle diese Dinge mit Ehrfurcht herantreten. DaS Wesentliche ist, baß der Liberalismus betont, baß die Entwickelung zu keiner Zeit abgeschlossen sei» kann, und daß nicht die äußere Form, sondern der Inhalt das Entscheidende ist. Darum ist uns der Begriff deS Religionsgesetzes cm innerer Widerspruch. Wir halten die Formen fest, die relrgiös bedeutsam sind, oder wir verändern sie so, baß ste ihren Zweck erfüllen können, oder wir beseitigen sie, wenn dies nicht möglich ist, oder wir nehmen neue Formen ans. Unveränderlich ist uns die Grundlage des ReligionsgebaudeS des Judentums, aus der wir mit derselben religiösen Innerlichkeit stehen, wie unsere Vorfahren. Dem Redner dankte reicher Beifall für seine AuSführun- Der Vorsitzende gab diesem Dank noch besonderen Ausdruck. Er sprach die Hoffnung aus, Herrn Dr. Bogelstein im Herbst wieder in unserer Mitte begrüßen zu können und richtete sodann au die Versammlung die Aussorderung, daß diejenigen Gemeindemitglieder, die auf unserem Standpunkt stehen. dies nunmehr auch durch Eintritt in die Liberale Vereiniguna bekunden möchten. Dieser Appell batte erfreulicherweise den Erfolg, daß eine größere Anzahl Personen ihre Beitrittserklärung abgaven. . Ein engerer Kreis blieb mit Herrn Dr. Vogelstein noch einige Zeit in angeregter Unterhaltung bei einem Glase Bier zusammen. Dr. Erich A l t e r t h u m. Liegnitz. (Liberaler Verein der S y n a g o g c it - gemeind c.) Am 23. April hielten wir nochmals eine Freitagabend-Feier ab, die letzte in diesem Semester, die zu unserer Freude außerordentlich gut besucht war. Rund 60 Personen waren erschienen, ganz besonders die Jugend in recht stattlicher Anzahl. Die wie üblich weiß gedeckten Tafeln waren stimmungsvoll mit frischen Frühlingsblumen geschmückt. Herr Markicwitz hielt den Kiddusch ab und dann gab es eine fröhliche Teetasel, bei welcher man sich auch Wein und Varches gut munden ließ. Nach der Tafel gab es eine Uebrraschung. Fräulein Lilli Liebrecht führte mit noch zwei Mitgliedern der Jugendgruppe, Käte und Margot Nothmann, ein ganz reizendes Singspiel auf. das Frau Gertrud Liebrecht sorgfältig und mit viel Geschick einstudiert hatte. Die drei jungen Damen beherrschten ihre Rollen ganz vorzüglich und sangen und spieltest allerliebst. Das humorvolle Singspiel gefiel allgemein und dre Zuhörer bankten mit lebhaftem Beifall. Man blieb dann noch ein Weilchen zusammen und Herr Dr. Scheyer sprach noch besonders seinen Dank für bas Gebotene aus. Er teilte außerdem mit, daß die regelmäßigen Vereinsabenöe erst im Herbst wieder fortgesetzt würden und sprach die Hoffnung auS, daß die Jugendgruppe im Frühjahr und Sommer wieder recht häufig gemeinsame Wanderungen und Fahrten veranstalten möchte. Denn eS ist wünschenswert, daß die Mitglieder des Vereins auch während deS Sommerhalbjahrs in Fühlung miteinander bleiben. Die erste Frühlingsfahrt der Jugendqruppe (Tagesausflug) findet am Sonntag, dem 2. Mai, statt, und zwar gemeinsam mit dem Breslauer Jli, d. h. auf Herrn Bergers liebenswürdige Einladung hin, der wir gern Folge leisten, „Rund um den Zobten". Hierauf dankte Herr Dr. Scheyer allen Anwesenden für ihr. an den Vereinsabenden bekundetes Interesse und schloß sodann den äußerst harmonisch verlaufenen Abend. Der jüdische Religionsunterricht unter besonderer Berücksichtigung der Konfirmation. In unser« li«»«n «re»lan girt es außer mehrere» kleinen Gotte»r«»Iern und «etstnde» ,n>«t große Synagogen, die alte und die neue, Bezeichnungen, die auch zu dem Ritus passen, für de» ste bestimmt sind. Die alte Synagoge wirb von den Konservativen und Gesetzestreuen, die neue hauptsächlich von den Liberalen und sogenannteu Liberalen besucht. GS ist aber nicht auSgeschloffen, daß auS Sympathie für und Antipathie gegen diesen oder jenen der amtierende« Rabbiner ober Kantoren Liberale in den „Storch (so heißt seit alters her unsere alte Synagoge) und — wa» allerdings seltener vorkommt Konservative in die neue Synagoge gehen. Denn der Gottesdienst in der Neuen unterscheidet sich bt» auf die Orgelbeglettung und den gemischten Ehor trotz BogelfteinS Bemühen um Rückgewinnung oder Vermehrung liberaler Errungenschaften sehr wenig von dem Gottesdienst in der Alten. Wie alle Schlesier find auch die schlesischen Juden und im besonderen die Breslauer eben gemütliche Leute. Selbst die Mehrzahl unserer Gesetzestreuen sind hier keine Separatisten oder Agudtsten, sondern Anhänger der A ch d u ß, der Einheit und Einigkeit in unserer Gemeinde- und unsere Liberalen wiederum sind keine Ultraliberalen und Reformer, sondern Leute, die uns den Frieden in der Gemeinde erhalte« wollen. Es ist eigentlich ein beinahe idealer Zustand, der natürlich nur den Heißspornen in beiden Lagern nicht gefüllt. Schreiber dieser Zeilen aus dem liberalen Lager ist zwar auch ein Friedensfreund im weitesten Sinne des Wortes, er meint aber, daß der Friede nicht immer nur auf Kosten des Liberalismus aufrechterhalten werden mutz. Die liberalen „Laien" könnten sich ruhig etwas mehr für die Fortentwicklung ihrer liberalen Institutionen und damit für ein lebendiges Judentum einsetzen und sollten den Kamps darum nicht nur „ihrem" Rabbiner überlassen. Im folgenden soll an einem Beispiele gezeigt werben, nach welcher Richtung sich unsere religiösen Einrichtungen weiter entwickeln lassen. Anläßlich der Barmizwah des Sohnes eines meiner konservativen Freunde war ich, der regelmäßige Besucher des Gottesdienstes in der Neuen, wieder einmal im „Storch". Und da hörte ich zu meinem Erstaunen, der Knabe sprach nur die Segenssprüche über die Torah und wurde, genau so wie eS in der Neuen geschehen wäre, mit einer deutschen Ansprache des Rabbiners eingesegnet. Gewiß werden Im „Storch" hin und wieder andere Leistungen als das bloße Hersagen der B'rochautz seitens der Konfirmanden geboten. Es kvmmt ziemlich häufig vor, daß der Knabe nach der Väter alter frommer Weise außerdem noch die Haftarah, den Prophetenabschnitt, sagt, und zwar richtig in hebräischer Sprache mit dem üblichen Niggun, daß ein anderer außer dem Maflir noch seinen Torahabschnitt, die Paraschah, „leient", ja — was ich von meinem Standpunkte für eine Tortur halte — daß sogar ein Knabe den Maftir und die ganze Siöra vortrügt. Doch das sind Ausnahmen. Es genügt, in beiden Synagogen, daß der Konfirmand die Segenssprüche über die Torah hersagen kannin der Alten m u ß er sogar mit dieser Minimalleistung eingesegnet werden, wenn er 18 Jahre alt ist, was für die Gesetzestreuen doch identisch mit Barmizwah ist. Zur Erlangung der Berechtigung, in der Neuen eiugesegnet zu werden, muß sich allerdings der Kandidat vorher einer kleinen Prüfung unterziehen, in der aber nicht allzuviel verlarrgt wird. Hier kann der Liberalismus einsetzen und sagen: Wir müssen ganz besonderen Wert auf die Vorbereitung und Ausgestaltung der Konfirmationsferer legen, denn so wie bisher die feierliche Aufnahme des Knaben in die Religionsgemeinde erfolgte, darf es nicht weiter gehen- und wir sind uns wohl bewußt, daß man diese Frage nur im Zusammenhänge mit der Frage des Religionsunterrichts überhaupt zur Zufriedenheit lösen kann. Der Religionsunterricht ist das wichtigste Problem des Liberalismus, viel wichtiger als die Ausgestaltung, Aenderung und Kürzung des Gottesdienstes. Selbstverständlich müssen wir, solange die Trennung von Kirche und Staat nicht stattgefnnden hat, und 5er konfessionelle Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen erteilt wird, dafür mit aller Energie eintrcten. daß auch der jüdische Religionsunterricht für gleich und gleichberechtigt dem christlichen zu gelten hat, obwohl uns klar ist, -aß zwei oder drei Worhenstunden zur Bewältigung des Stoffes für den jüdischen Religionsunterricht durchaus nicht genügen, überhaupt der Bedeutung und der Würde dieses Unterrichts nicht entsprechen können, wenn man bedenkt, daß in diesen Stun- * Sprachliches bei der Gliickel von Hameln. Bon S. M e i f e l s. Ziemlich spät sind die Denkwürdigkeiten der Glücket ans uns gekommen. Der Staub zweier Jahrhunderte lagerte sich, auf Sie nach der eigenhändigen Handschrift hergestellten Abschriften (die Original-Handschrift ist wohl nicht mehr vorhllndcn). bis der verdienstvolle Gelehrte David Kaufmann das Werk ans dem abgelegenen Bibliothekswinkel hervorhvlte und der Oeffcntlichkeit übergab. Das Werk der Glücket bedarf wahrlich keiner Empfehlung. Die Einzigartigkeit dieses Memoirenwerkes ist weiten Kreisen bekannt, und ans dessen kultur-historischen Wert haben Berufene hingewiesen. Ich möchte daher hier lediglich ans einige reizvolle sprachliche Eigentümlichkeiten der Glücket von Hameln Hinweisen. Mit frommer Scheu spricht die Glücke! von ihrem Schwiegervater Josef Hameln. Das war ein wackerer Mann, der wenige seinesgleichen hatte: einmal nennt ihn die Glücket sogar einen Engel Gottes. Mit vierzehn Jahren hatte die Gliickel geheiratet und kam zu ihren frommen Schwiegereltern nach Hameln. Sie schreibt: war damals ein junges Kind, und mußte nun in meinem jungen Alter von Eltern. Freunden, allen Bekannten, von einer Stadt wie Hamburg fort in eine Kleinstadt, wo nur zwei jüdische Familien wohnten. Und Hameln ist an sich ein lumpiger, unlnstiger Ort. Aber daS alles habe ich für nichts geachtet gegen die Herzensfreude, die ich von der Frömmigkeit meines seligen Schwiegervaters hatte. Wenn er des Morgens um drei Uhr aufgestanden ist und dicht an meiner Schlafkammer in seinem Schulrock gesessen und gebrummt hat. dann habe ich ganz Hamburg vergesien." Glücke! gebraucht hier statt „lernen" den Ausdruck „brummen". weil man für gewöhnlich den Talmud mit herkömmlichem Singsang zu lernen pflegte. Es ist dies eine rhetorische Figur, eine Art von Synekdoche, wodurch etwa» Allgemeines durch ein Besonderes veranschaulicht wird. Der murmelnde, vrummelnde Singiaua beim Talnmdstudtum wird als Talmudstudinm schlechthin gedacht. Wem der summende Nigen von BialikS „Mathmid" nicht fremd Ist. wird cs ohne weitereverstehen, warum das „Brummen" Josef Hamelns der frommen Glücke! so süß klang, daß sie darob ganz- Hamburg vergesien konnte. Die Glücke! hatte dreizehn Kinder zur Welt gebracht, von denen zwölf am Leben blieben. Alle ihre Kinder liebte sie mit gleicher Liebe und von jedem einzelnen hat sie in ihren sieben Aüchelchcn treuherzig «nd gewissenhaft eine kurze amt Lebeusgeschichte aeschrieben. Warme mütterliche Worte widmet sie dem Andenken ihrer Tochter Hendele. die in jungen Jahren, siebzehn Monate nach ihrer Hochzeit, auS dem Leben schied. Die Glücke! schreibt: „Meine fromme Tochter Hendele ist in Berlin krank geworden und Hat ihre Krankheit mit ihrem jungen Blut bezahlen müsien. zu großem Herzeleid für mich nud alle, die sie gekannt haben. O. mein Gott, was für eine harte Strafe ist das gewesen! So ein liebes, wackeres Menschenkind (so schlank), wie ein Tannenbaum. und alle Wohlkindigkeit und Frömmigkeit ist an ihr gewesen." In der deutschen Ausgabe der Denkwürdigkeiten der Glücke! gibt der Uebersetzer. Dr. Alfred Feilchenseld, zum Worte „Wohlkindigkeit" in einer Fußnote folgende Erläuterung: „Wohlkindigkeit. gleich: kindliche Liebe, oder gleich: kindlicher Sinn". Ich halte bete Deutung für falsch. Ein „wohl Kind" heißt im Jiddischen ein wohlgeratenes Kind. Noch heute nennt man im Osten einen durch großen Lerneifer sich auSzeichnenden. im talmudtfchen Schrifttum gut beschlagenen Jüngling ein „wohl Jüngel" oder auch „wohl Kind". Auch Glücke! will offenbar damit sagen, baß ihre Tochter Hendele ein mit außerordentlichen Vorzügen und Tugenden begabtes, kurz ein woblgerateneS Kind war. Das Substantivum „Wohlkindigkeit" scheint allerdings von Glücke! selbst sprachschöpferisch gebildet worden zu sein. Gustav Wustmann spottet einmal über -en „Schriftleiter" und meint, es sei ein mühselig ausgeklügeltes Ersatzwort, das nicht entfernt de» Begriff „Redakteur" wiedergtbt. Richtig rst freilich, daß ein Redakteur wohl die Zeitung, aber nicht die Schrift leitet, und daß ezum mindesten gesucht klänge, wenn man von einem au-sagen wollte, er habe dieses oder jenes Blatt „schrtftgeleitet" oder „geschrtft« leitet". Andererseits aber besitzen wir da- Wort „Schriftsteller" und das Verbum „schriststellern". obwohl auch dieser doch nur Bücher schreibt, aber nicht die Schrift stellt. Nun ist es geradezu reizvoll, aus dem Munde der Glücke! zu hören, baß ihr zweiter Gatte. Cers Levy, seine „Briese s o g e st e l l t" habe, daß alle, die sie lasen, lauter Angenehme» darin fanden. Hier ist also vom Hauptwort „Briefsteller" ein richtiges transitives Zeitwort gebildet. Die Glücke! schrieb Jüdisch-Deutsch und kümmerte sich den Leusel um das grammatische Falsch und Nichtig. In gottvoller Unbekümmertheit schreibt sie die Morte hin: „Gr bat Briese gestellt", und es klingt schön und ist auch richtig, wie denn überhaupt alle» in der Sprache richtig ist. was schön klingt. Gehr umständlich sind die Berichte der Glücke! über die Heiratspartien ihrer Kinder. Ave Einzelheiten «erden uns mitgeteilt, die Mitgift jedes Kindes wird genauestens angegeben. So erfahren wir, um nur einige Beispiele anzuführen, daß Zipora 2200 Neichstalcr in holländischem Geld mitbekommen, daß Nathan 2100 Neichstalcr Vanco als Mitgift erhalten habeder Enkel Elia hat sogar, wie Glückei mit sichtlichem Stolz berichtet, „mit Geschenken nicht mehr als 30 000 Reichstaler zusammengebracht". In einer Fußnote der deutschen Glückel-Ausgabe meint der Uebersetzcr. das Wörtchen „nicht" sei wohl versehentlich in den Text hineingekommen. es solle wohl richtig „mehr als 30 000 Neichstalcr" heißen. Das ist nicht der Fall. Der Satz ist vollkommen korrekt. Die Wendung «nicht mehr" soll andenten. welche Niesensumme zn damaliger Zeit dreitzigtausend Taler waren. Das JMifch-Deutsche wie auch das heutige Jiddisch kennt eine Art Litotes, indem es die Wendung „nicht mehr" gebraucht, um den Effekt zu steigern, wie das deutsche „nicht weniger" in manchen Redewendungen. Der jiddisch sprechende Jude zum Beispiel würde heute sagen: Der Rothschild besitzt nicht mehr als eine Billion. In dieser Redewendung liegt auch eine feine Ironie verborgenes soll soviel heißen wie: Nicht mehr als eine Billion besitzt der Rothschild. Ach, -er Arme! Preisausschreiben für Synagogal-Komposttionen Der „Allgemeine Deutsche Kantoren-Verband" hat in seiner 6. Generalversammlung am 28. Dezember 1925 zu Berlin beschlossen, eine Freie Konkurrenz für Synagogal- Komposittonen auszuschreiben, zu der hiermit die Aussorderung ergeht. Autoren, die an der Konkurrenz tetlzunehmen wünschen, wollen ihre Arbeiten bis 25. August 1626 an den Vorsitzenden deS Verbandes, I. B. Levy, Frankfurt am Main, Obermain-Anlage 24, ohne Namensnennung, jedoch mit einem Kennwort versehen, einzureichen. Gleichzeitig ist der dem Kennwort entsprechende Name des Autors ln geschlossenem Umschlag mitzuteilen. Das PreiSrichter-Kollegium besteht aus den Herren: Prof. E. Kirschner, Oberkantor, München- E. Müller-Hartmann» Tonkünstler, Hamburg- A. Weinbaum, Tonkünstler, Berlin. Die Herausgabe eine- Sammelwerkes, aus den bestbenrteilten Arbeiten bestehend, wird in die Wege geleitet «erden.