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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-04-30 · 18 (30.4.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
18 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Reading die Dankvarkeit der englischen Nation." Diese Lobrede deeinslutzreichen WettVlatte- »The Times" ist ein unanfechtbare- Zeugnis für die hervorragenden Leistungen, die der erste jüdische Vitzek-uig für sein Vaterland vollbracht hat. Dein erfolgreiche- Wirken gereicht seinem engttschen Baterlande zm» Gegen und -een gesamten Judentum -ur Ehre. Lord Reading kehrte am Gvunabend. de« 17. April er., nach London zurück und wurde mit rSni-ltche« Ehren enrpfangen^ Deputierte des Königs und de- Ministeriums erwarteten Kn auf der Vietoria-Gtattou, «m ihn dort zu begrützen. Sin Lxtrazug war in Dover für ihn bereitgestellt und führte ihn und feine Angehörigen nach London. Aus der Station wurde er in den für den Empfang des Königs bestimmten Wartesaal geleitet. Eine große Anzahl von Indern und Inderinnen waren in ihrer Nationaltracht erschienen und bekränzten den bisherigen Bizekönig mit einer Girlande aus Blumen. Der König und die Königin von England habe« am Dienstag. den 30. April, den Earl und die Gräfin Reading zum Diner etngeladen und fie blieben über Rächt im Schloß Windsor. — Die Stadt ernannte Lord Reading zum Ehrenbürger von London und würdigte durch diese hohe Ehre die hervorragenden Dienste» die der Bizekönig von Indien für England geleistet hat. Der König verlieh dem Lord Reading die Würde als Marquis. Noch niemals hat ein Jude den Titel als Mar- SuiS getragen, wie auch noch niemals ein Jude Earl und iizeköntg gewesen ist. RusuS Jsaae kann stolz sein auf. die Karriere, die er gemacht hat, und wir Juden sind stolz auf diese« unseren Glaubensgenossen. Der jüdische vizekömg. Bon S. Andorn-Krefeld. Am 1. April ist der bisherige Bizekönig von Indien, Lord Reading, nach der üblichen BerwaltunaSdauer von seinem hohen Amt zurlickgetreten. Das hallte für unS und alle anderen Deutscheu ein rein englischer Vorgang sein. Doch Lord Reading ist demWekenntnis nach Jude. DaS hat seiner Laufbahn in England keinen Abtrag gebracht, an deutscher Stelle aber Zweifel an seiner Eignung wachgernfen. In seinem vielverlegten Werk „England" äußert Wilhelm DibbelinS feine Besorgnis — für England in folgender Betrachtung: „Daß ein Mann jüdischen B l n t e s wie Sir Rnfus Jsaaes (Lord Reading). der durch den Marconiskandal reichlich kompromittiert war, Lord Oberrichter von England werden konnte, und als Bizekönig nach Indien ging, wo bisher die allerhöchsten Aristokraten des weißen Kaisers Zepter geführt haben, ist ein sehr bedeutsames und bedenkliches Zeichen der Zeit". (Bd. I S. 287). Zunächst nimmt Prof. DibbelinS an dem „Mann jüdischen BluteS" Anstoß. Diese „bedenkliche" Zeit der Rückständigkeit haben die Engländer, deren politische Einsicht der deutsche Gelehrte so hoch stellt, längst überwunden. Und es ist überflüssig, andere Männer jüdischen Blutes, die vor Rnfus Jsaaes in England hohe Staatsstellungen innegehabt haben, aufzuführen. Prof. Dibbelius, der bessere Kenner englischer Staatsge schichte, ist hinreichend unterrichtet. Die Engländer müssen Lord Reading aber auch für ganz geeignet gehalten haben, allerhöchste Aristokraten in der Verwaltung Indiens abzulösen. Ein besonders wesentliches Merkmal der Aristokratie ist der Nachweis einer langen, verdienstvollen Geschlechterreihe. Wahrscheinlich haben die mit der Bibel und ihren Genealogien wohlvertrauten Engländer RusuS Jfaacs einen den höchsten Aristokratien ebenbürtigen Stammbaum zuerkannt. Bismarck soll das in scherzhafter Form der Umgebung.und den Gegnern bei Gelegenheit einmal fokgender- - maßen klargelegt haben: Thiers hielt die 1871 verlangte „Reparations"summe für unerschwinglich und trotz fester Zahlen — für u n m e b b a r. Um so viel Geld zu zählen, soll seine Einwendung gelautet haben, hätte man bei Schöpfung der Welt anfangen müssen. Und DiSmarck erwiderte schlagfertig, auf Gerson v. Bleichroeder zeigend, der auch nicht von allen Persönlichkeiten gern im Hauptquartier gesehen wurde: „Hier steht ein Mann, der zählt vom Anfang der Welt!" Bleibt noch die Beschuldigung gegen Lord Reading, durch die üble Mareoni-Aktien-Angelegenheit reichlich kompromittiert worden zu sei«. Sv ganz zweifelsohne scheint die angebliche Bloßstellung nun doch nicht gewesen zu sei». Nach dem ganzen Geist seines Buchekann man aunehmen — und ich verzichte hier auf die gewohnheitSgemätze» Zttaten-Veweife, daß DibbelinS den Engländern neben dem gerühmten politischen Sinn auch besondere Empfindung für politische Reinlichkeit zuerkennt. Wäre Sir Jsaaein den Augen der Unbefangenen wirklich al- »reichlich, kompromittiert" erschienen, hätte alle Befähigung, alle Partei- und Personengnnst nicht auSgeretcht. ihn jene glänzende Lanfbah» mache» att lasten, die er bidahin in «nunterbrochene» Ansstieg durchmesien hat. In dt« Marconlsache hatte «an Personltchkette« verwickelt, -te noch höhere Stufen im Staat erreicht haben alder so hochgestieaen« jüdische Ruf«-Jsaae-, der heute Lord Reading genannt wird. Auch in anderen Ländern hat man anscheinend die „Belastung" durch politische Prozesse, weil ihr Ursprung zu oft in politischer Gegnerschaft zu suchen war, nicht sehr tragisch genommen. Und die Franzosen haben eine Persönlichkett» die von ihren zahlreiche» Widersachern als „Panamanist" gebrandmarkt wurde, in höchster Not in die» höchste Gewalt berufe». Dienur als Gegengründe gegen -ie Behauptung „der reichliche« Kompromittierung" Lord Readings. Ihre Nachprüfung und wtchrscheinliche Entkräftung sei dem — unbefangenen Hi - stortker anheimgestellt. Auf dem Wege zum Reichsverband. »m 28. April tagten z« Berlin. Logenhau», Kleiststr. 10, die Vertreter der Landesverbände jüdischer Gemeinden, des Deutsch-israelitischen GemetndebundeS und des Halberstädter Verbandes gesetzestrcuer Gemeinden. Gegenstand der den ganzen Tag über Lauernden Verhandlungen war die Frage der Schaffung eines einheitlichen Reichsverbandes der deutschen Juden. Den Vorsitz in der Versammlung siihrte Herr Kammerge^ichtsrat Dr. Leo Wolfs,' stellvertretender Vorsitzender war Prof. M. Sobernheim. Den Preußischen Landesverband vertraten KammergerichtSrat Wolfs, Rechtsanwalt Dr. Klee, Bankier Galewsky, Justizrat Lilienthal und Justizrat Blau-Frankfurt a. J.; außerdem Herr Rabbiner Dr. Baeck und Justizrat Sonnenfeld. Den Bayerischen Landesverband vertraten Oberlandesgcrichtsrat Dr. Neumeyer-München, Rechtsanwalt Dr. Strauß-München, Rabbiner Dr. Frendenthal-Nürnberg, Justizrat Hommel-Schweinfurt, Rechtsanwalt Oettinger- Regensburg. Der Landesverband Sachsen war vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Saliuger-Dresden, der Württembergische Verband durch Reaierungsrat Noerdlinger-Stuttgart und Ministerialrat Hirsch-Stuttgart, Baden durch Prof. Dr. Stein-Karlsruhe und Rechtsanwalt Pfälzer-Weinheim, Hessen durch Kommerzienrat Mayer-Mainz, Anhalt durch Landesrabbiner Dr. Walter und Justizrat Dr. Coyn-Dessau, Braunschweig durch Rechtsanwalt Dr. Mielziner, Lippe durch Rechtsanwalt Hirschseld-Detmold, Mecklenburg durch Landdaboiner Dr. Silberstein-Schwerin, Oldenburg durch Landrabbiner Dr. de Haas, Hamburg durch Gemeindevorsteher Alfred Levy, Lübeck durch Rechtsanwalt Dr. Landau. Vom Deutsch-israelitischen Gemeindebund waren anwesend Lanbgerichtsdirektvr Goldfeld-Breslau. Prof. Dr. M. Sobernheim, Dr. Jsmar Freund, Prof. Apt, Justizrat Salomon, Rechtsanwalt Dr. Kollenscher, Dr. Sandler und Dr. Neumann. Vom Halberstädter Verband waren anwesend Rabbiner Dr. Munk-Berlin und Rabbiner Dr. Auerbach-Halberstadt. Die Entschließung. — Die Ausgaben des Neichsverbandes. Die Tagung nahm die folgende Entschließung an: Die in der Sitzung vom 25. April 1926 vertretenen Verbände bekunden ihren Willen, zu einem Reichsverband zusammenzutretcn. Die Versammlung bestellt einen lögliedrigen Ausschuß zwecks Ausarbeitung eines BerfassungsentwurfeS. Der Ausschuß besteht aus 18 Mitglieder», und zwar auS: 3 Mitgliedern deS Preußischen Landesverbandes, 3 Mitgliedern deS Deutsch-israelitischen Gemeindebundes, 2 Mitgliedern des Bayerischen LanbeSverbandeS, je 1 Mitglied der Deutsch-israelitischen Gemeinde Hgmburg, der Anhaltischen, badischen, hessischen sowie der württembergischen Landesorganisation, ferner dem Vorsitzenden des Rabbinerverbandes und einem Vertreter des Lehrerverbandes. (Als Gast ein Vertreter des Halberstädter Verbandes.) Der Entwurf soll einer vom Preußischen Landesverband einzuberufenden Versammlung der heute vertretenen Verbände zur Beschlußfassung vorgelegt werden. Die in dem „Antrag Bauern" niedergelegteu Richtlinien für die Schaffung eines ReichSverbandeS auf dem Wege über die Landesverbände werden dem gewählten Ausschuß zur Berücksichtigung überwiesen. t t . Die Mstimunmgserklärnng der Vertreter der Verbände erfolgt vorbehaltlich einer etwa erforderlichen Beschlußfassung der für die Befände zuständigen Körperschaften. Die 1» dem „Antrag Bayern" «ledergelegten Richtlinien, auf dir in der Entschließung Bezug genommen wird, lauten: Der ReichSverbanb hat folgende Aufgaben: 1. Die Vertretung der Landesverbände, der Gemeinden und der jüdische« Bevölkerung de- Reichenach außen hi», in-vefon-ere gegenüber dem Sketch, seinen Behörden und BertretunaSkörpern? Ä 2. die Förderung der allgemeinen jüdischen Interesse» deS Reichs auf religiösem und sozialem Gebiet? 8. die Einrichtung und Unterhaltung von Einrichtungen und Anstalten, die für daS ganze Reich oder mehrere Länder gemeinsam bestimmt sind? 4. die Beratung der LandeSveevänd« in ihre« A«goGsAd> heiten? 8. die Schaffung einer Schiedsstelle zwischen de« Landesverbänden. — Alle übrigen R u f g oB> e« verbtekbeu de« Landesverbänden. Der Reichsverband ist in Fragen rottgiü-^wMfcher rmb innerpolitischer Art neutral. Die M i t t e l für die Deckung der Bedürfniste de- RetchßverbandeS sollen durch Beiträge der LanoeSverVände und durch Reichszuschüsse aufgebracht werden. Der Reichsverband hat seinen Sitz tu Berlin. Die Verwaltung des Reichsverbandes soll durch eine» aus Vertretern -er LanöeSverbänbe zusammengesetzten Rat «nd einen aus besten Mitte gebildeten engeren Av-ich^mtz geschehen. Für die Zwecke der Kundgebung deS GesamtwMenS der deutschen Judenheit «soll aus Grund von Beschossen des RakS oder auf Antrag einzelner Landesverbände eine Reichstag u n g zusammentreten, deren Mitglieder von den LandeSversarnmlnngen gewählt werden. Dem ReichSverbanb können außer den Landesverbände» auch „Sonderverbände" mit gleichen Rechten wie die LandOverbände angehören. Die nicht in Landes- oder Sonderverbänden organisierten Gemeinden können durch den Deutsch-israelitischen Gemeinbebund im Reichsverband vertreten werden. Der Inhalt der Disknssione«. Ueber den Verlauf der Debatten erfahren wir noch: Die Debatten bewegten sich im wesentlichen nach zwei Richtungen, einerseits nach der, auf welcher Basis der Reichsverband aufgebant werden soll, zweitens nach der Richtung, ob eine Möglichkeit des Beitritts des Halberstädter Verbandes bestünde. In bezug ans die Basis des Reichsverbandes siegte diejenige Richtung, die einen Verband der Landesverbände als Reichsverband wünschte. Die sehr umfangreiche Diskussion zu dieser Frage, an der sich die meisten der anwesenden Vertreter der Landesverbände und die Vertreter des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes beteiligten, ergab die Annahme von mehrfach abgeänderteu Grundsätzen des Bayerischen Landesverbandes, die einen Zusammenschluß der Landesverbände vorsehen, die die Aufgaben des Reichsverbandes umreitzen, über die Mittel für die Deckung der Bedürfnisse sprechen, die Organe des Reichsverbandes (Rat, Ausschuß, Reichstagung itfm.) vorsehen. Zur Frage des Beitritts des Halberstädter Verbandes äußerte« sich, ihre Bedenken vortragend, die Herren Dr. Munk und Dr. Auerbach. Für den Preutzenverband sprach Rechtsanwalt Dr. Klee den Wunsch ans, daß eine Zusammenarbeit mit dem Halberstädter Verband ermöglicht werde, und gab auch technische Einzelheiten an, wie jeder Unterdrückung der absoluten Gewissensfreiheit des gesetzestreueu Judentums vorgebeugt werden könnte. In demselben Sinne sprachen der Vertreter des Bayerischen Landesverbandes Overlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer und Prof. Dr. Stein auS Karlsruhe. Eine definitive Klärung und Erledigung fand diese Frage nicht. Zum Schluß gaben die Vertreter des Halberstädter Verbandes die folgende Erklärung ab: Der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden (Sitz Halberstadt) bedauert unter Bezugnahme auf die im Laufe der Erörterungen ausführlich dargelegte Begründung, ein Mitglied in die Kommission nicht entsenden zu können, erklärt sich aber bereit, zu den Verhandlungen der Kommission einen mitberatenöen Gast zu entsenden. Der Maler Abel Pann. Voir R ah el L i p sch ütz. Gegenwärtig stellt der in Jerusalem wohnhafte jüdische Maler Abel Pann seine Werke in der Galerie Schulte aus. Sein größtes und Lebenswerk sind die Illustrationen zur Bibel, ein Werk, dessen farbige Pastelle wohl auch einzeln Geltung haben, das aber doch erst in der Gesamtheit seiner Bilder seinen vollkommenen Wert hat. Seine Absicht, sagt Pann, der selbst zur Zeit in Berlin weilt, bei seiner Bibelillustration sei gewesen, die Schönheiten der Bibel, ja recht eigentlich die Bibel selbst, durch das Mittel seiner Persönlichkeit im jüdischen Volke zu verbreiten. Eine recht dankenswerte und dankbare Aufgabe! Denn wie unerschöpflich der Quell der Bibel ist, und wie lohnend eS ist, auch in künstlerischer Beziehung, gerade auS diesem Quell zu schöpfen, das beweist wieder einmal das Werk dieses Malers. Jede Anschauung und jedes Tenrperament kann in diesem Buch der Bücher feine Auffassung wiederfinden und kann umgekehrt es seiner Einstellung anpassen. Und daS ist der Grund für die Nnvergänglichkeit der Bibel. Abel Pann verkörpert in seinen Bildern die heroische und doch menschliche Auffassung von den alten legendären Bibelgestalten und verknüpft damit die sinnliche Lust der Orientalen an Glanz und Pracht, wie sie in alt-orientalischen Märchenbüchern zu finden ist. Daher muten diese Bilder, um so mehr, da sie ohne darunterstehende Bezeichnung aufgehängt sind, wie Illustrationen eines solchen Märchenbuches an. Der erste Eindruck bei Panns Bildern ist eine leuchtende Farbenpracht, die sich in hellen reinen Pastelltönen auS der Skala des SonnenspektrumS auswirkt. Einige der Bilder sind ganz in einer Pastellfarbe gehalten, so der Auszug Abrahams aus Chaldäa, ein Bild, dessen Modell, die Palästinalandschaft, unverkennbar ist. Zu dieser Gruppe von Bildern, die ganz in einer Farbe, wie durch ein buntes Glas gesehen, die Stimmung malen, gehört auch „Die Aussetzung des Mose", die durch ihr Kirschrot das Aufregende, Geheimnisvolle der Szene unterstreicht, und eine Fassung von „Also gaben sie ihrem Vater (Loths Töchter) Wein zu trinken in der selben Nacht". Einige von Panns Bildern interessieren durch die Bearbeitung desselben Themas in mehreren Variationen jz. B. auch das Letztbesprocheue). und andere durch die Verlebendigung von unbelebten Gestatten: Siphra und Pua, von denen wir nichts als den Namen kennen, und die Stammväter der Rassen, Sem, Ham und Jaffeth, -essen Bildnis daS Selbstbild Panns ist. Aber auch in Theater und Literatur, in Malerei «nb Skulptur bekannte Gestalten. Isaak, Hagar und Jsmael, Sarah, P^Letta, Rahel. die „hübsch und schön war", und Lea „mit den imiden Augen", und Noah, dieser schöne alte Mann, dessen eisgrauer Bart so dekorativ in das lange Format des Bildes paßt. Auch Episoden, die längst für unö nichts Bildliches mehr haben, erhalten unter dem belebenden Pinselstrich Panns Farbe und Leben. Die Schöpfung der beiden großen Lichter für den Tag und für die Nacht. „Unö Gott schied das Wasser", und „Der Herr ließ Schwefel und Feuer regnen ans Sodom und Gomorrha" sind Produkte einfachster logischer Gebankenzusammenhänge und wirken daher natürlich und bekannt. Wie ist -er Höhepunkt des Wühlens und Gährens in der Tiefe -er Wasser, die schwarz gegen roten Himmel im Halbkreis sich nach oben bäumen, der Natur abgelauscht. Jeden Augenblick kann das Wasser stürzen und in sich zusammenbrechen? aber die Hand Gottes hält es hoch, entgegen allen Gesetzen der Physik. Dieselbe Einheitlichkeit in der Bewegungsführung zeigt der Walfisch des Blattes „Und Gott schuf große Walfische", der in einem Schwünge von der geöffneten Schnauze bis zum Schwänze durchgeführt ist, und „Kain, der Ackermann". In diesem Bilde, das Kain hinter einem mit einem Kamel bekannten Pfluge auf einem Berge darstellt, stoßen drei Bervegurtgsradien aufeinander. Der Wille des Menschen, der den Willen deS Tieres zäumt und ihn für sich auSnützt, um auch die Erde zu bezwingen. Es ist eines der besten der Ausstellung überhaupt! Solche Stücke entschädigen dann in der Beherrschung der Technik für gelegentlich vorkommende Unzulänglichkeiten, die sich besonders in der Behandlung von Bäumen und Bergen vorfinden. Neben den Bibelbildern ist die Serie von Bildern, die unter dem Namen „Der Tränenkrua" zusammengefaßt sind, die bedeutendste. Es sind 45 farbige Zeichnungen, deren vom Künstler selbst angefertiate Steindrucke ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Die Originale befinde» sich im „Bezalel"-Museum in Jerusalem. Sie alle behandeln die unmenschlichen Grausamkeiten Ler Judenverfolgungen in Rußland. Kranke. Frauen, Kinder, Greise, alle im Dorf Zurückgelassenen, die die Furcht vor den Kosacken irrsinnig gemacht, der alte kranke Vater, der von ihnen erschossen wirb, damit der Ausweisung des Sohnes kein Hindernis entgegensteht, die sterbende Frau, die im Bett von mitleidigen Freunden mit auf die Flucht genommen wird, sie alle reden die Sprache rührendster, grausiger Not und wirken schon durch die Wucht der Tatsache. Auf der Höhe steht Abel Pann auch in den russisch-jüdischen Genrebildern und den Typenporträts. Bucharaluden, Marokkotypen, Jemenitenköpfe und ostjüdische Chaffidtm, teils Radierung, Pastell oder Aquarell, zeigen malerisch- und technisch hohe Begabung. Gutmütiger Humor, der auf der „Bärenjagd" und auf „Revolution in einem russischen Dorfe" ruht» nimmt diesen Sujets das Heldenhafte, mit dem wir fie zu verknüpfen gewohnt sind. In kunstgewerblicher Hinsicht ist noch die Herstellung der farbiaen Steindrucke der Bibeltllustrationen von Abel Pann selbst zu erwähnen, die die ersten farbigen Reproduktionen in Palästina sind. Abel Pann ist in Litauen geboren, kam 18jährig nach Panis und ging bann als Dreißigjähriger nach Palästina. Diese drei Etappen seines Lebens sind die Komponenten seiner Kunst geworden. „Ein künstlerischer Zusammenklang von slawischer Melancholie, französischer Lebensfreude und orientalischem Farbenjubel spricht aus den Bildern mit hinreißendem Zauber", sagt einer seiner Freunde von ihm. lind noch in anderer Hinsicht. Seine Jugend in Rußland lehrte ihn die Bibel als Wegweiser zu benutzen, der Aufenthalt in Frankreich das dekorative nnd phantasievolle Schauen, nnd das Land der Väter endlich legte über alle diese Einflüsse die Verklärung. Der Almemor im Lichte des Liberalismus. Von Professor vr. ing. Alfred Grotte. Breslau. Jeden: Außenstehenden erscheint das Judentum als religiöse Einheit, das die Jahrtausende überdauert hat. ohne sich in Sekten gespalten zu haben. Das erklärt auch, daß man für die angeblichen Gehässigkeiten gewisser mißverstandener Talmuöstellen das heutige Gesamtjudentum verantwortlich macht, nichtahnend, daß dieses unvergleichliche, grandios angelegte Werk ungezählten Tausenden von Juden ein Buch mit sieben Siegeln ist. So erklärt sich ferner das Erstaunen dieser Außenstehenden. wenn man ihnen bei der Besichtigung einer Synagoge die Erläuterung gibt, es handle sich hier um ein Gotteshaus liberaler oder orthodoxer Richtung? gleichwie es nicht gleichgültig ist. ob man von einer katholischen oder protestantischen Kirche spricht. Tatsächlich muß heutigen Tages der Architekt, bevor er die Planung einer Synagoge beginnt, diese Unterschiede kennen und berücksichtigen. Der Liberalismus verlangt bierbci zweifellos Anlehnung au protestantische Vorbilder. Predigtkanzel und Orgel beherrschen das Raumbild. Erstere kann erst dann architektonisch wirksam sein, wenn sie aus dem Rahmen des „heiligen Schreins" organisch herauswächst? das hat wiederum zur Folge, daß dieser zum Prunkstück des Jnnenraumes wird^ diesen architektonisch beherrschend, analog dem kirchlichen „Hochaltar", dem er in Material. Größe und Wirkung gleich kommen will. So erklärt sich auch, daß dieser „heilige Schrein" sOraun hakodesch) vielfach kurzerhand nrit „Altar" bezeichnet wird, einem Ausdruck, der völlig abwegig ist angesichts der Bedeutung dieses Wortes, gemessen an jüdischer Tempeltraöition. — Ist nun — so müßte die logische Frage lauten — die Synagoge der Orthodoxen in gleicher Weise den katholischen Kirchen zu vergleichen? Und da dürften denn viele Juden überrascht sein, zu hören, daß das Umgekehrte der Fall ist, baß nämlich das katholische Kirchenprogramm auf dem Schema jener ältesten, antiken Synagogen beruht, deren Trümmer wir heute auSgraben und deren Einrichtung wir nur noch in den mittelalterlichen Synagogen erkennen können, von

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