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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-04-30 · 18 (30.4.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
18 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V< jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Avsendnug i. Inlsnd 0L5 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Mttgliedsbeitrage euihsüen. ns« Lhefredaktenr: Dipl-^ng. Bruuo Dstzds. Die »Jttölfdj-llberale Settung" erscheint leben ffrettag« Redaktion u- 0efd)äft8ftelle: Berlin BW, WUbelmftr. 147. ffrnrult Vofvnhsid« 3358, 3359 pegtlchGMNvnto: B*«lln 11W7 nr.157069 (VwafnlgiMg für da» ilbttol» lufientnm Nad)öruck f8mtll<DW 0rtt1Ml*B«ttr8gt fl«« mit vordselga« emt«l)nUg«itg da« R«Daktton gastattat. Anzeigeupreise: Die 12gespaltene «ouparetllezette 0^45 Goldmark. die BiklumezeUe 3,00 Goldmark, bei r: S :r Wiederholungen Badatt. u :: « Anzeigenannahme: «ÄSdtsch-liberale Zeitung* Önseratenadtellung: Berlin SW 48. Dilhelmstrahe 147 lHafenheide: 3358—59). sowie sämll. Annoncen-Lxped. Nr. 18 Berlin. 3V. April 1926 6. Jahrgang Vor Vllliner ~ * V " . Der 16, Mai. Berliner Repräsentantenwahlen. Und wieder hört man von Mühenden Orangenbänmen ans steinigem Boden in Palästina, und wieder reden sie von den Mazzoth der Mühlen in Jerusalem. Berliner Repräsentantenwahlen? Da hört man gern von zionistischen Leistungen für die jüdische Gemeinde in Berlin. Doch schon wird's ruhiger. Während die Liberalen nicht erst nach Palästina zu reisen brauchen, um aus Erfolge hinzuweisen, fehlt jenen die Tradition. So können sie nur die liberalen Leistungen der Vergangenheit bekritteln, und die liberalen Männer, die dieser Gomeinde so viel gegeben haben und die ihr Stolz sind, in den Schmutz ziehen. Nicht aber vermögen sie auf eigene Leistungen im Berliner jüdischen Gemeindeleben zu verweisen. Niemand wird mit,den Verhältnissen in der Berliner jüdischen Gemeinde restlos zufrieden sein. Auch sie leidet unter den schweren wirtschaftlichen Verhältnissen und kann nur einen winzigen Bruchteil berechtigter Forderungen erfüllen. Wenn aber noch immer Sie jüdische Gemeinde ein Bollwerk gegen den Zusammenbruch der deutschen Judenheit ist, so muß Dankbarkeit den Männern gezollt werden, die Institutionen von bleibendem Wert geschaffen haben. Da schreibt solch ein zionistisches Parteiblatt, der Kampf gehe „für positives Judentum gegen militante Assimilation/' War es militante Asisimilation, die die Liberalen Waisenhäuser und Altersheime. Schulen und Krankenhäuser im Rahmen der Berliner jüdischen Gemeinde gründen ließ? War es militante Assimilation, die die Führer des liberalen Judentums Werke jüdischer Nächstenliebe und Stätten jüdischer Bildung zu errichten gebot? Am 16. Mai werden die Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde durch den Stimmzettel zu entscheiden haben, ob die jüdische Gemeinde diesen Weg positiver jüdischer Arbeit verlassen oder weiter beschreiten soll. Kritik ist billig. Aber haben jene ein Recht, Kritik zu üben, die, statt für die Erhaltung jüdischer Institutionen in Deutschland zu sorgen, statt die graue Not zu lindern, die in so vielen jüdischen Häusern ihren Einzug gehalten hat, bereits am 28. Februar dieses Jahres voll Stolz darauf hinwiesen, -aß über 86 000 £, also 1% Millionen Mark, kür einen der zahlreichen zionistischen Fonds in Deutschland aufgebracht und nach Palästina gesandt wurden? Auch diejenigen, die nicht gleichgültig bleiben, wenn von dem Land ihrer Väter gesprochen wird, muß es bedenklich stimmen, wenn monatlich Zehn tau sende deutscher Reichsmark zugunsten des Palästina-Aufbaus der Linderung deutsch-jüdischer Not entzogen werden. Muß es nicht mit Trauer erfüllen, wenn der Leiter eines Wohlfahrtsamtes der jüdischen Gemeinde feststellen muß, daß selbst berechtigte Wünsche jüdischer Hilfesuchender aus Mangel an Mitteln nicht befriedigt werden können? Falaschas sind interessant und ausländische Bibliotheken erfreuen das Herz der Gebildeten. Es geht aber nicht weiter an, daß die Berliner jüdische Gemeinde Mittel ins Ausland schickt, deren sie zur Erhaltung ihrer eigenen Einrichtungen -ringend bedarf. Und es ist in der Zeit der Not besser — dem haben wir oft an dieser Stelle Ausdruck verliehen —, zehn jüdischen Erwerbslosen helfen und 100 jüdische Kinder vor dem Verhungern zu bewahren, als alte Handschriften aufzustapeln, die das Judentum sicher nicht in die Zukunft tragen werden. Wir deutschen Inden leiden in der heutigen Zeit doppelt: als Juden unter dow Unverstand so vieler Mitbürger und als Deutsche unter der Not unserer Heimat. Da haben wir andere Sorgen als -re.der ZusarNmensetzung -er Gendarmerie in Palästina. Wieder aMurichten gilt es Land und Volk, und zwar bei uns in Deutschland, nicht wie die Exekutive der zionistischen Organisation in ihrem jüngsten Aufruf uns einzuroden versucht, in Palästina. Wiederaufzu, Achten gilt es aber auch die jüdische Religionsgemeinschaft, und davon hören wir von der Exekutive der zionistischen Organisation und von der jüdischen Volkspartei nichts. Denn ihnen hat — nach den Worten des zionistischen Repräsentanten Pros. Heinrich Löwe — in der ersten Wahlversammlung der Jüdischen Bolkspartei — die jüdische Gemeinde in erster Linie auch nationale Aufgaben zu erfüllen, „im nationalsten Sinne der Welt". Uns aber ist sie die Gemeinschaft, in der unsere Eltern beteten und der unsere Kinder in innerlicher Treue verbunden sein sollen. Berliner Repräsentantenwahlen. „Fiir positives Judentum, gegen militante Assimilation?" Nicht darum geht es. Die Frage lautet: Sollen die Jüdische Bolkspartei und ihre zionistischen Anhängsel, die völlig unselbständigen Konservativen und jene Mittelpartei für Frieden und Einheit, die «die Vermeidung des Wahlkampfes unmöglich machte, die Herrschaft im deutschen Judentum erhalten oder soll der Geist unserer Eltern und Großeltern, der die Verbindung des Fortschritts mit tiefstem jüdischen Glauben und Erleben bedeutet, Bürge sein für die Zukunft des deutschen Judentums? Wir glauben, die Wahl kann nicht schwer werden. B. W. Lord Reading. Bon BenaS Levy, Berlin. Nach fünfjähriger Regentschaft ist die Amtsperioöe des Lord Reading, des Bizekönigs von Indien, nunmehr abgelaufen. Mit Ruhm bedeckt kehrt dieser hervorragende Glaubensgenosse nach England wieder zurück. Seine Wirksamkeit in Indien war erfolgreich und gesegnet. Lord Reading hat die indischen Stämme für England neu gewonnen. Er hat nicht nur die Ruhe im Lande aufrecht erhalten, sondern er hat das große Indien mit seinen vielen Millionen Bewohnern außerordentlich gefördert. Lord Reading verläßt Indien in geordneten Verhältnissen. Mit Stolz kann er auf alles, was er während der Jahre 1921 bis 1926 geleistet hat, zurückblicken. England und die englische Regierung werden ihm das herzlichste Willkommen bei seiner Rückkehr bereiten. Sie bringen ihm die höchste Dankbarkeit entgegen, denn Lord Reading hat das Ansehen Englands in Indien nicht nur gehoben, sondern außerordentlich gefestigt. Lord Reading hatte das Amt als Lord Chief drwtice. den höchsten Rang in der juristischen Laufbahn, in England bekleidet. Seine außerordentlichen juristischen Kenntnisse befähigten ihn, als Vizeköntg seine Verwaltung auf das „Recht" zu gründen, und durch die strenge Ausübung des Rechtes hat er seine großen Erfolge erzielt. So wird die Organisation, die er in den fünf Jahren in Indien geschaffen hat, weiter bestehen, und die historische Bedsutung der Regentschaft des jüdischen Bizekönigs wirb dauernd erhalten bleiben. Die Laufbahn des Lord Reading ist eine überaus glänzende und romantische. Sein Bater hieß Joseph M. Jsaacs und betrieb ein Obstgeschäft in London. Per Bruder seines Vaters. Sir Henry Jsaacs, erfreute sich eines großen Ansehens und war von 1889 bis 1890 Lord Mayor von London. Rufus Jsaacs, so war der frühere Name des Lord Reading, wurde 1800 geboren. Er kam in der Schule schlecht vorwärts und verlieb diese früh, um in das Obstgeschäst seines Vaters ciirzutreten. Dort gefiel es ihm nicht. Er flüchtete, wurde Schiffsjunge und sah sich die Welt an. Nach London zurückgekehrt, erlernte er das Bankgeschäft. Nachdem er an der Börse durch Spekulationen sein Geld verloren hatte, beschloß er, seine kaufmännische Laufbahn aufzugeben. Rufus JsaaeS ging zur Universität, studierte Jura und wurde zum Gericht zugelassen. Im Jahre 1910 wurde er in die Negierung berufen und zum Kronanwalt befördert. Drei Jahre später, 1913, erklomm er die höchste Stufe in der juristischen Laufbahn. er ivurde zum Lord Chief Justice ernannt, eine Würde, die noch niemals vorher ein Jude in England bekleidet hatte. Sir Nufus Jsaacs wurde 1904 vom Bezirk Reading ins Parlament gewählt. Der König von England ernannte ihn, um die wertvollen Dienste, die er der Regierung geleistet hatte, anzuerkennen, zum „Lord" mit der Hinzufügung des Namens seines Wahlbezirkes. Während des Weltkrieges wurde Lord Reading mit den schwierigsten und verantwortlichsten Aufgaben, besonders auf finanziellem Gebiete, betraut. Dreimal wurde er nach Amerika geschickt, um die Vereinigten Staaten zu veranlassen. sich den Alliierten anzuschließen, und er erzielte es. daß Amerika in den Weltkrieg mit eintrat. Nach seinen großen politischen Erfolgen wurde Lord Reading die höchste Würde, die der König von England zu vergeben hatte, übertragen. Er wurde zum General Governor, Statthalter von Indien, und zum Vizekönig ernannt und trat das Amt im Jahre 1921 an. Seine Gattin, Alice, geb. Cohen, begleitete ihn nach Indien und hat cs verstanden, die Liebe und Bewunderung Aller zu erwerben. Da sie leidend ist. muß der Opfermut, den Lady Reading bewiesen hat, doppelt anerkannt werden. Nach dem glücklichen Ausgang der Amtsperiode des Lord Reading als Bizekönig ist es angebracht, daran zn erinnern, -nie vor fünf Jahren die judenfeindliche Zeitung, „Die Morning Post" wütend gegen die Ernennung des Lord Reading eiferte, weil er Jude ist. Sie erklärte, daß die Moslems in Indien sehr unzufrieden sein würden, wenn sie einen Inden als Bizekönia erhalten. Treffend antwortete damals „Tlv Manchester Guardian" „Die Moslems in Indien werden sich ihren Kops nicht darüber zerbrechen, ob der Dizekönig ein Jude ist oder nicht. Montagu. der Finanzminister in Indien ist anch Jude, und die Inder sind sehr zufrieden mit ihm. Der gebildete Inder wird eine hohe Meinung haben von dem Lande, in dem ein Jude einen so hohen Rang erreichen kann!" — Und nun lese man den jetzigen, in der „Times" erschienenen Leitartikel, den sie aus Anlaß der Rückkehr des Lord Reading aus Indien veröffentlicht hat. Die ..Times" schreibt wörtlich: „Ein denkwürdiges Kapitel in der Geschichte der Bizekönige von Indien findet mit der Abreise des Lord Reading aus Bombay sein Ende. Nur wenige hätten die Gefahren und die Verantwortlichkeit bei der Uebernahme dieses hohen Amtes zu einer so schwierigen Zeit auf sich genommen, nur wenige hätten ein so großes Opfer gebracht, wie Lord Reading es getan hat. Ein Mann, der schon seit langer Zeit in seinem Beruf und in der Oeffentlichkeit an hervorragendster Stelle stand, der während der kritischen Zeit des Weltkrieges die schwierigsten finanziellen und divlomatischen Ausaaben übernommen hatte, der eine der höchsten Würden in der juristischen Laufbahn in England bekleidete, wäre wohl berechtigt gewesen, die Sorgen und Gefahren und den ungewissen Ruhm abzulehnen, welche mit der zwar ehrenvollen, aber dornenreichen Last verknüpft sind, mit der die Würde des Vizekönigs in Indien verbunden ist. Aber das Oberhaupt der englischen Justizverwaltung, der in seiner Jugend von Hause geflüchtet war, um zu Schiff aufs Geratewohl nach Indien zu gelangen, ging vor fünf Jahren als Vizekönig nach Indien, obwohl die Aussichten ungewiß und die Ausgaben, die seiner warteten, ungeheuer groß waren." Heute ist Indien, das Lord Reading verläßt, ein ganz anderes Land. Es kann nicht bestritten werden, daß die damals drohenden Wolken zerstreut sind, und daß alle die schwierigen Ausgaben, die des Bizekönigs bei seiner Hinreise harrten, in den fünf Jahren seines Wirkens glänzend gelöst worden sind. Eine gründliche Prüfung der Verhältnisse in Indien zeigt unS eine große und allgemeine Besserung. — Die gegen England gerichtete schlechte Stimmung ist noch nicht ganz gewichen, sie hat sich aber bis zu einem Grade beruhigt, wie es niemand bei Antritt der Regierung seitens des Lord Reading für möglich gehalten hätte. Man denke nur daran, wie die offiziellen Festlichkeiten zu Ehren des Prinzen von Wales durch viele Inder in vielen Städten boykottiert worden sind. An der Grenze herrscht Ruhe, das Budget weist einen Ueberschuß aus, und zwar trotz der Abschaffung der brückenden Abgabe auf Baumwolle, und Indien genießt wieder Kredit bei den Banken. Lord Reading hat den Ruf, Glück zu haben, und weder er, noch seine Ratgeber werden bestreiten, daß das Glück ihn während der Periode seiner Regentschaft oft begünstigt hat. Mehrere aufeinanderfolgende gute Ernten haben die Sorgen des Finanz-Departements verscheucht und haben die Landwirtschaft beruhigt, während schlechte Ernten sie veranlaßt hätten, aus Gandhis aufreizende Agitationen einzugehen. Lord Reading und seine Regierung haben diese günstigen Ereignisse zu ihrem Vorteil zu benutzen verstanden. Anch er hat, wie andere Regenten, Kritik erfahren, aber ein vollkommener Regent für Indien soll noch gefunden werden. — Lord Reading war befreundet mit all den indischen Fürsten, die ihre Untertanen gerecht behandeln. In einer sehr schwierigen Periode hat er mit den Führern der indischen Bestrebungen Beziehungen unterhalten, die Zeugnis von seinem ungewöhnlichen diplomatischen Geschick ablegen. Wenn der erste jüdische Bizekönig zu Anfang seiner Regentschaft mehr als Diplomat denn als Organisator gehandelt hat, so haben ihm die Ergebnisse recht gegeben. Die indischen Parteien von den guten Absichten und der Sympathie der englischen und indischen Regierung zu überzeugen, war der erste Schritt bei seiner aufbauenden Tätigkeit. In den letzten Jahren seiner Regentschaft sind eine Reihe von wichtigen Verbesserungen eingeführt und beendet worden, die die zukünftige Wohlfahrt von Indien gewährleisten. Die Einsetzung einer Kommission, die die Verhältnisse der indischen Landwirtschaft studieren und Abhilfe für die bestehenden Schäden schassen soll, beschließt die Regentschaft, die durch ein ungewöhnliches Verständnis für orientalische Psychologie und durch eine wachsame, aber gütige Nachsicht ausgezeichnet war. Lady Reading hat trotz ihrer ständig geschwächten Gesundheit ihrem Gatten zur Seite gestanden und indischen Frauen und Kindern unermüdlich ihre Hilfe dargebracht. Lord Readtngs fünfjährige Wirksamkeit im Dienste von England schließt mit einem klaren Ausblick ab und läßt die beste Hoffnung für die Zukunft erwarten, denn die vorher bestandenen Schwierigkeiten sind beseitigt und das Vertrauen in Indien ist wiederhergestellt. Für all dies gebührt Lord 858551745^

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