Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 18 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Umschau. Mit -er am 16. April erschienenen Nummer -er ,Aüdt» schen Rundschau", welche die große Jjar-Eampagne eröffnet, werden wir uns noch ausführlich zu beschäftigen haben. Sie enthält eine ganze Reihe programmatischer Erklärungen zionistischer Geilster, und es soll ohne weiteres anerkannt werden, baß diese Erklärungen einen doppelten Vorzug haben, nämlich den idealistischer Hingabe an die eigene Sache und, was noch mehr wert ist, lückenloser Klarheit. TS hat Zeiten gegeben, insbesondere bei den letzten Wahlen für den Preußischen Landesverkanb, in welchen -aS nationale Gesicht dcS Zionismus etwas schamhaft sich verhüllte und glaubte, durch Verleugnung früher oft betonter, nattonaler Grundsätze und Forderungen auch nichtzionistischer Wähler zu sich heranzuziehen. Schon damals war es die nationale fugend, die gegen diese BerkleisterungSpolitik energisch Einspruch erhob. Heute wetteifern die führenden Organe und Persönlichkeiten -es Zionismus, ihren jüdischen Nationalismus klar und scharf zu formulieren. Bon den deutschen Zionistesi fehlen manche, die gerade in den lokalen Organisationen Führerstellungen haben, und für Sen. der schärfer sieht, können sich auch in den Darlegungen -er Führer die tiefgehende» Meinungsverschiedenheiten nicht verbergen, die einzelne Gruppen der Zionisten voneinander scheiden, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß -er große einigende Ge- Rknke der nationalen Zukunft des Judentums diese Differengen überschattet. Wir können dem Nationaljudentnm nur dankbar sein für die wiederholte Offenlegung seiner prinzipiellen Stellung. Wenn in dem offiziellen Aufruf der Exekutive das Programm des Zionismus — „das immer dasselbe ist" — bezeichnet wird als Wiedergeburt von Land, Volk. Sprache und Kultur, und wenn als wesentliches Mittel der Belebung und Vertiefung der Organisation, ohne welche dieselbe keinen Sinn hat, die strenge und hohe Forderung der Hebraisterung wieder in den Vordergrund gestellt wird, und wenn gewiffermatzen als Endziel der zionistischen Arbeit dargelegt wird: „Die Welt soll wissen und fühlen, daß unsere Sehnsucht und unser Tun nur auf eins gerichtet sind: unser Volk mit seiner großen Tradition, mit seinem Leistungswillen und seinem Leistungsvermögen würdig einzureihen in die Familie der freien Völker." so sind das Forderungen. Bestrebungen und Ziele, an denen es kein Deuteln gibt, und die für Freunde und Gegner klar den Weg zeigen, wohin es geht. Israel soll ein Volk werden, wie alle freien Völker. Früher haben unsere Gegner uns den Vorwurf gemacht, der uns ein Ehrenmal geworden ist. -US Hamann-Wort. „Es gibt ein Volk, das anders ist, als alle anderen." Und wenn der Zionismus, wie von einem der Einsender anerkannt wird, programmatisch irreligiös ist, fo ist er allerdings vielleicht in der Lage, diejenigen, die es wollen, zu einem Volk zu machen wie alle anderen freien Völker — zu einem mehr —; er wird aber niemals in der Lage sein, das Israel der Geschichte zu erhalten und zu gestalten, welches sein soll und sein muß: ein Land voll Priester, und ein heiliges Volk, dessen Band und Ziel nichl itt der Materialisierung, sondern in der Idealisierung der Gemeinschaft liegt. In einem besonders interessanten Aufsatz definiert der Vorsitzende des Finanz- und Wirtschastörates bei der zionistischen Exekutive. Herr Najdiez, also gewiß eine nicht ganz unwichtige Persönlichkeit unter den zionistischen Führern, den Zionismus vor allem „als Auflehnung gegen alle Werte des Galuth, ,/cls Auflehnung gegen jenen Geist, der die Seele des Volkes, seine Lehre, seine Literatur dem Galuth angepaßt hat." als „Empörung gegen alle Missionsideen, die kluge Leute erfanden, um das Galuth zu rechtfertigen und zu adeln". Hier haben wir den absolut scharfen Gegensatz der nuttonalen Weltanschauung zu der andern. Wir kennen kein Galuth. sondern die Länder der Zerstreuung sind für uns das Vaterland. Das Vaterland nicht nur unseres Leibes, sondern auch unserer Seele. Und wenn der Zionismus die Auflehnung gegen alle Werte des Galuth fordert, so verleugnet er damit lA Jahrtausend jüdischer Geschichte, jener Geschichte, die von den Lehrhänsern in Babylon an bis heute Israel gehalten und erhalten hat. Er negiert alle großen Geister Israels, von jenen großen Schulhäuptern angefangen über Nascht, Maimonrdes bis zu Geiger. Samson Raphael Hirsch und Hermann Collen. Sie alle haben nicht nur nicht im Galuth gelebt, sondern sind Produkte seiner Kultur und ohne ihn gar« nicht zu denken. Auch der deutsche Zionismus «it seinem Trieb und feiner Kraft «ach theoretischer Ausgestaltung und Definierimg einer BottSbewegnrrg, wie es 1a der Zionismus fein will, ist fo recht ei» Produkt bentschen Geistes, geschult an den Kräfte» -eittscher Dogmatik und deutscher Philosophie. Wir vchalte« uns vor. «1t einzelne» Anffätzeu n»s noch näher auSeinanSerzusetzen. Das eine aber mag gesagt sei«: der Zionismus hat ein Verdienst, für das ihm viele Winde» verziehe» werde» sollen, er hat in einer Zeit des schrankenlosen Individualismus verbündet, daß die Frage des Judentums nicht gelöst wird durch viele einzelne, sonder» »ur durch eine ihrer Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft bewußte Gemeinschaft. Art und Ziele unserer jüdischen Gemeinschaft hat dieser Zionismus aber auf das schwerste verrate». Diese Gemeinschaft kann nicht erhalten und gefestigt werden durch LoSlüsung ihrer Glieder aus den Ländern und der Kultur der Umwelt, sondern sie kann nur erhalte» «erden, indem das Band tiefster Verknüpfung des Getfttg-sitt. lich-religiöfen gestärkt, der Glaube an die wirksame Kraft dieses religiösen Bandes gefestigt und die Gemeinschaft dadurch befähigt wird. auSzuharren auch tn schweren Zeiten da, wo sie die göttliche Vorsehung hingesetzt hat. Also nicht Absonderung, sondern Eingliederung, nicht Nationalisierung, sondern geistige Vertiefung gewährleistet die Zukunft jüdischer Gemeinschaft. Es ist ein großer Schritt, wenn wir von dem immerhin weltumspannenden Gefüge des NationalfudentumS herabsteigen in die Mumiengruft der TrennungSorthodoxie. Auch die Trennungsorthodoxie hat den Vorzug, ihre Stellung wenigstens klar zu umreißen. Im .^Israelit" wird eine Korrespondenz veröffentlicht, die die Führer, an der Spitze der Rabbiner, einer Trennungsgemeinde in S-üddeutschland an die Hauptgemeinschaft geschrieben haben, welche sie zur Teilnahme an der Feier anläßlich des övjährigen Bestehens des Gotteshauses einläöt. Diese Einladung ist abgelrhnt worden unter Berufung auf die völlig entgegengesetzten Weltanschauungen, die den beiden Gemeinden zugrunde liegen und die „voneinander durch unüberbrückbare Weiten geschieden sind". Daß der Standpunkt dieser Separatgemeinde von der Redaktion des Israelit" gebilligt wird, braucht nicht betont zu werden. Unüberbrückbare Wetten scheiden zwei Gemeinden, die sich am Sabbat und an ihren. Festen vereinen, um den einig-einzigen Gott in unserer heiligen Sprache unter dem Gottesgebot des ,chöre Israel" anzurufen. Doch welche Bagatelle gegenüber der Unüberbrückbarkeit der Anschauungen über gewifle Formen der jüdischen Religion! Der Einsender jenes Briefes, offenbar ein Angehöriger jener Trennungsgemeinde, beklagt und mißbilligt eS selbst aufs tiefste, daß eine derartige Antwort erteilt ist und daß es nicht möglich war. teilzunehmen an einer Feier, der sogar Geistliche fremden Bekenntnisses beigewohnt haben. Ofienbar war aber jenem Angehörigen fremden Bekenntniffes das Gotteswort bekannt, das lautet: „Wo ich meinen Namen anrufen laffe, will ich kommen und dich segnen." Und die Schreiber jenes Briefes waren gesegnet genug, um auf den göttlichen Segen verzichten zu können. Stolz in dem Bewußtsein ihrer Gesetzestrene können sie sich ja auch billig? über das Grundgebot jüdischer Pflichtenlehre Hinwegsetzen, das befiehlt: „Trenne dich nicht von deiner Gemeinschaft" Trennen sich so nach rechts und links die Gegensätze der Weltanschauungen von der unfern klar ab und hat das Judentum in viel tausendjähriger Geschichte diese Gegensätzlichkeit der Weltanschauungen bestanden und überstanden, so. ist jetzt die Zeit gekommen, wo dem armen zerrissenen Judentum endlich der Weg der Rettung gewiesen wird. Eine Partei ist entstanden, die keine Partei ist. eine Partei, die die Partei bestehen lasten, will und sie anerkennt, aber doch bemüht ist. den parteimäßigen Weltanschauungen die Spitze abzubrechen und sie zu ersetzen durch eine allgemeine Vermittlungsaktion der sogenannten Mittelmaffe. Ich hake das Programm der Mittelpartei, welches deren FWrer im Hamburger Famtlienblatt ausführlich darlegt — begierig wird man fein dürfen, ob dieses parteilose Blatt auch andere ebenso ausführlich wird zu Worte kommen lasten —' wiederholt gelesen, muß aber bekennen, daß mir absolut nicht klar geworden ist. welchen Zielen die neue Partei zustrebt und was sie von andern Parteien als Nichtpartei unterscheidet. Diese Partei ist keine Partei, sie tritt aber als Partei bei den Wahlen auf. hat ihr eigenes Wahlprogramm, ihre eigenen Listen, usw. Ein sonderbarer Gegensatz. Bisher nannte man ein derartiges Gebilde eine Partei. Heber die geschichtlichen AüSeinandersetznnseu» .beA Herr« Dr. Seche kan« ich mich mit ihm nicht Hermnftrette». Er bchauptet. -ab eS früher im Judentum nur Malta»- schmmnaeu mrd keine Parteien gegeben hätte, und -atz erst feit Mitte -es IS. JahrHnndertiS -er Liberalismus, ach« offenbar allerste Partei, in die Welt getreten fei. Ich -a-e »Mel Ehrfurcht vor einem Man», -er mir «ff -er Kanzel wiederholt Erhebuna und Anroguug gegeben hat, um mich «11 ihm hermnzustreiteu. Daaber muß -och gesagt werden: keiner hat bisher geleugnet, -aß Pharisäer und Sadduzäer, Hilleliten und Schammaiten, Karäer und Rabbantten. Maimonisten und Antimatmouiste» usw nicht nur tn ihren Weltanschamrngen theoretisch geschieden waren, sonder« in recht anschaulicher Weife diese« ihren Weltanschauungen auch äußerlich durch gemeinschaftliche Akttone« Au-drnck gegeben haben. Das ist ja wohl das, waS man Partei zu nenne« pflegt. ES dürfte auch einem Mau» voul der Bedeutung -es Herrn Dr. Weiße nicht gesagt werden, daß -aliberale Judentum keine Entdeckung des 1V. Jahrhunderts ist, sondern gerade nach der Lehre und Anschauung seiner Begründer und Führer die Fortsetzung des alte» prophetischen Judentumin seiner doppelten Auswirkung -er Anerkennung des Entwicklungsgedankens und der Hintansetzung -e- Zeremonialgesetzes Hinter das Gtttongefetz barstellt. Gegenüber diesen grundlegenden Jrrtümer» — bet einem andere» würde ich von Irreführungen spreche» —* verschwinden die zahllosen kleinen Bedenken, die gegen de« Aufsatz inS Feld zu führen sind, so. wenn als ganz besonderer Punkt deS Programms die Hetlighaltuna öeS Sabbats angeführt wird — als wenn dies irgendeine Partei im Judentum leugnen würde — und wenn ferner die Breslauer Hochschule gewiflermaßen ausschließlich als ein Produkt der mlttelparteilichen Weltanschauung bis tn die Gegenwart in Anspruch genommen wird. Als wenn nicht bis heut« gerade die bedeutendsten Führer der liberalen „Partei" von BreSlau ausgegangen sind. Es ist zweifellos! richtig, daß der Gegensatz der Weltanschauungen der Parteien sich in den letzten Jahren verschärft hat. ebenso richttg ist eS aber für den, der 20—80 Jahre zurück-enkt. daß heute die Form dieser Auseinandersetzungen eine ganz ungleich mehr innerliche und. von gelegentlichen Entgleisungen abgesehen, würdigere geworden ist als früher. Wir! bedürfen wahrlich keiner neuen Partei — Nichtpartei —, um «ns darüber belehren zu lasten. Saß wir auch in de« Orthodoxe« und Zionisten unsere jüdischen Brüder z« respektieren haben, und es wird keiner noch so ttefavgelegte» „Mittelpartet" gelingen, die grundsätzlichen Verschiedenheiten. die zwischen nationalem und religiösem Judentum, zwischen liberalem utvd gesetzesireuem Judentum nun einmal bestehen, gesinnungsmäßig auszugleichen. Das heißt wahrlich gering denken von der Ueberzeugungstreue dieser Juden und der Tiefe ihrer Weltanschauung, wenn man ihnen unterlegt, daß ihre äußeren Gegensätzlichkeiten von andern Beweggründen diktiert worden sind, als von der innerlichen Nötigung, die eine erprobte Weltanschauung gewährt. Wenn der Artikelschreiber mit dem Anspruch auftrttt, daß hinter der Mittelpartei die religiösen Masten stehen, so ist ja bereits vor einem Jahr Sie Probe auf das Exempel gemacht worden, nämlich bet den preutzifchen Lande sverbandswahlen. Man kann nicht gerade behaupten, daß die Probe der Wahlen die Theorie der Mittelpartei gerechtfertigt hat. H. S. Salendarin« sür die Zelt vom 1.5. d. 8.5.1926. Mai 1926 Jjar 5686 Sonnabend 1 Sonntag 2 Montag 3 Dienstag 4 antttmoti 5 Donnerstag 6 Freitag 7 Sonnabend 8 17. Wochen-ALschnittr Haftarah: Ezechiel 'Kap. 47,l8-Hr' 18. Lag Beomer 19. 20. 21. 22. 28. 24. Neumonbweihe Wochen-Abschnitt: B'har und BHukauffa Haftarah: Jeremia Kap. 16,19—21 Kap. 17,1-14 1 Sabbat-Ausgang: 8,31 diesen traditionell an die heutige Orthodoxie vererbt. Aber nur teilweise. Wir werden vergebens in Gabiläa nach vergitterten Brüstungen der Enrporen suchen, oder nach tiefer gelegenen Fußböden des Betraumes. Einrichtungen, die spätere Zutaten einer düsteren Epoche sind, zweifellos tiefen Erwägungen entsprossen und heute in ihren Konzessionen an den Zeitgeist — man denke an die dünnen Gitterstangen. die das Unsichtbarmachen der weiblichen Zuhörer »markieren" — geradezu lächerlich wirken. Anders aber der A l m e m o r. Er ist das einzige wirkliche Erbstück aus den ältesten Zeiten des Judentums, ehrfurchtgebietend ob seines Alters, aber auch unersetzlich und unvergleichlich in seinem künstlerischen Wert. Und dieses prächtige, typisch jüdische Einrichtungsstück ist leider bei den liberalen Juden in Ungnade gefallen, ist aus Unkenntnis seiner Bedeut»na und seines durch keinen noch so pompösen „Hochaltar" zu ersetzenden künstlerischen Wertes, aus den Synagogen des Liberalismus leider verschwunden. Wie erklärt sich dieses Eliminieren des wertvollsten Dekorationsmoiives unserer Gotteshäuser? Wir finden die Antwort aus diese Frage in der Geschichte des Zeitalters der Emanzipation. Im H. Bande seiner klassischen „Geschichte der Juden" erläutert Heinrich Graetz die Motive der damals von dem Lichte der Aufklärung geblendeten Juden für das Aufsehen mancherlei alter Ghettositten, nichtachtend. daß in dem von Israel Jacobsohn geschürten Feuer der Begeisterung, sich manches unter dem wegzuräumenden Gerümpel der Ghettokultur befand, das besser erhalten geblieben wäre, wie z. B. der Almemor. Dieser fiel dem damaligen „Großreinemachen" zum Opfer. Graetz führt dieses Ausmerzen bisheriger Bräuche nicht mit Unrecht darauf zurück, daß sich das deutsche Judentum endlich von den jahrzehntelang mit Widerwillen ertragenen Auswüchsen ritueller Sitten der eingewanderten polnischen Juden befreien wollte, von ihren Singsana und all dem „Schimmel, der sich um den Grundstock angesammelt hatte" und den diese „Hauptträger des Judentums .... als sein ureigenstes Wesen" betrachteten. Des weiteren sagt Graetz a. a. O., daß unter den deutschen Juden „das Judentum durch die Aufnahme des verwilderten polnischen Wesens einen barbarischen Anstrich angenommen" habe. — Was Wunder, wenn die Juden der damaligen Zeit sich auch hierin emanzipieren wollten, wenn sie die Sucht verspürten, in dieser Periode des deutschen Geistes, nun auch ihre deutsche Muttersprache im Gottesdienst zu hören, wenn sie danach strebten, den Jargon ans ihren Synagogen fernzuhalten, jenen Jargon, der sich selbst der klassischen hebräischen Ursprache bemächtigt hatte? Aber in diesen SanierungSvrozeß wurde leider aus Unwissenheit auch der Almemor hineingezogen, von dem sic annahmen. daß er ohne polnischen Singsang nicht verwendbar sei. Er. als Mittelpunkt des alten Ritus sollte mit diesem fallen.- man schüttete das Mud mit dem Bade aus. Noch heute sieht man in zahllosen alten Synagogen die z. T. kostbaren und handwerklich bedeutsamen Gitter, die einst den Almemor abschlossen, als Abschluß -eS Platzes vor dem heiligen Schrein verwendet, der nun, wie in den neueren Bethäusern den Almemor ersetzt. So in -er 1592 hergestellten Synagoge des Mardochai Meysel in Prag sowie in alte» bayerischen und böhmischen Gotteshäusern denn gerade hier, in Böhmen, mit seiner tausendjährigen jüdischen Tradition, stemmte man siÄ mit Macht gegen die eindringenden polnischen Sitten. Selbst in kleinen und kleinsten Gemeinden. Der Urgroßvater des Verfassers. Jakob Hermann Mayer, „reformierte" zur Jahrhundertwende die 1759 erbaute Synagoge in Kuttenplen bei Marienbad. indem er die prächtigen Almemorgitter im oben angegebenen Sinne umstellte und an Stelle des Almemor eine Tribüne für Chorknaben einrichtete, während der Verfasser dazu berufen war. die schönen Gitter der nahen Dorfsynagoge in Neuzedlisch beim Neubau der Synagoge in Tachau lnächst Marienbadj im Jahre 1912 wieder zu verwerten, in gleichem Sinne, da die dortige liberale Gemeinde keinen Almemor wünschte. Ist denn aber der Almemor wirklich ein so wertvolles Einrichtungsstück, daß man sein Wieöereinführen auch für liberale Synagogen erstreben sollte? Um diese Fraae zu beantworten, muß man dieses Kultgerät dort besichtigen, wo es in ununterbrochener Traditton künstlerisch gehegt wurde: in Prag. Worms und — von Mitteldeutschland im Mittelalter dorthin verpflanzt — in Polen. Wie dort im 17. Jahrhundert Ansätze zu selbständiger jüdischer Kunst zu beobachten sind, fand auch das Almemormotiv in Polen eine außerordentliche Weiterbildung. Diese Estrade, bestimmt zur heiligsten, leider durch allerlei Unsitten profanierten gottesdienstlichen Handlung: der Verlesung der heiligen Schrift, gibt in den alten Synagogen Polens den Grnnöton für Grundritzgestaltung und Aufbau des Gotteshauses. Der Almemor steht vielfach im Mittelpunkte des Zentralbaues, über ihm schließt sich das Gewölbe, symbolisierend das von hier aufsteigende Gebet.- Sen BertikalismuS. das Strebe« nach oben betonend wie in den gottschen Kathedralen. Oder die Deckengowölbe werden von vier starken mittleren Säulen getragen, zwischen Lenen der Almemor aufgebant ist, oder endlich dieser selbst, in Form eines gewölbten Baldachins, wird zur Mittelstütze, auS der bas die Synagoge überspannende Deckengewölbe organisch sich entfaltet. Nur «er diese prächtigen Jnnenränme gesehen Hat — der Berfaffer hat sie in seinem Werke „Synagogentypen vom 12. biS 19. Jahrhundert". Berlin 1916. im Bilde festgehalten *- wirö es verstehen, welche künstlerischen Möglichkeiten aus diesem urjüdischen Baumotiv des Almemor hergeleitet werden können, daß die ersten Christen in ihren Basiliken so gerne als Altarüberbau verwendeten und baS in gigantischen. 12 Meter hohen Abmessungen die Hauptzier in St. Peter darftellt: de» Berninischen Tabernakel über dom Grabe dehetligen Petrus. Im Uevereifer der Emanzipatton ist dieses schöne Motiv vom Liberalismus in Acht und Bann getan worden. Und was ist die Folge? Als Gurlitt vor einigen Jahren seinen Hörern die Dresdener Synagoge zeigte, konnte er sagen, er würde sich verpflichten, dieses jüdische Gotteshaus in kurzer Zeit ohne nennenswerten Umbau in ein christliche - zu verwandeln! In diesen Worten des anerkannten Meisters und Kunstgelehrten liegt ein Todesurteil für den jüdischen Sakralbau liberaler Provenienz. Denn diesem fehlt das Traditionelle, -äs Typische des jüdischen Gotteshauses: der Almemor als Mittelpunkt deS Ritus, zugleich das Prunkstück, das dem Raume erst das synagogale Gepräge zu geben vermag. Und der heilige Schrein? Kommt ihm. als Behälter der Pentateuch-Rollen die architektonische Rolle des Hochaltars zu? Vergebens sucht Watzinger in den antiken Synagogen der römischen Kaiserzeit de« „Altar", den er von den deutschen Synagogen her als wichtigstes Architekturmotiv kannte. Er mutz sich damit begnügen. daß er annimmt, diese noch im Banne -er frischen Tradition -es jüdischen Nationalstaates lebenden galilciischen Juden hätten die Rollen in einem Holzschranke verwahrt, der nichts anderes -arstellte als ein Möbelstück, völlia in seiner Bedeutung zurückgedrängt durch den steinernen, architektonisch durchgebilöeten Almemor, als dessen Reste er die Trümmer einer Vorgefundenen Kleinarchitektur bezeichnet. In Vielen deuttche« Großstädten sehen sich die jüdischen Gemeinden genötigt, die Erbauung neuer Gotteshäuser ernstlich zu erwägen, veranlaßt durch den Zuzua Tausender, aus den abgetretenen Provinzen Zugewanderter. Wen» naturgemäß die heuttge Wirtschaftslage uns zwingt, diese Frage nur dilatorisch zu behandeln, so gibt diese unfreiwillige Muße in Baufragen den interessierten Kreisen vielleicht Gelegenheit. schon heute das Programm für Synagogenbanten der Zukunft auszuarbeiten. zu durchdenken. Der Liberalismus von heute sollte nicht achtlos an den Veränderungen in der Sinnesart der Jugend, gerade auf politischem und religiösem Gebiete Vorbeigehen. Das Erwachen -e- Interessefür iüdisch-religiöse Fragen in der Jugend ist ein Zeichen -er Zeit. Sollte eS so nicht angebracht erscheinen, eine Revision auch in Fragen -es Sakralbaues zu erwägen?. Hier erscheint mir der Almemor als goldene Brücke zwischen Rechts und Link-, geeignet, wenigstens nach außen hin, die Einheitlichkeit in religöfen Dingen darzutun. Dies im Verein mit dem Bestreben, das architektonisch und — wenn man es so nennen will — national bedeutsamste Almemor-Motiv dem liberalen Judentum znrttckzugewmnen. ist der Zweck dieser AUSMrnngen.