Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 11 (12.3.1926)
- Date
- 1926-03-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ft« jüdischen Schule auf seine persönlichen Erfahrungen als Säjttler und Lehrer an jüdischen Schulen. Er weist daraus bin. daß Mich liberale duften die jüdische Schule für durchaus möglich ballen. Er glaubt sogar. daß den Geineiden durch die jüdische Schule die Ersparnisse erwachsen könnten, da man weder Rcligion-lehrer. noch hauptamtliche II. Kontoren und Chordirigenten zu unterkalten brauche. Er alaubt. die Errichtung jüdischer Schulen werde die harmonische Verschmelzung von Judentum und Deutschtum zur Folge haben. Herr Stadtrat Guttmann g.lau«bt. daß die jüdische Schule eine vibickliesumg vom Deutschtum bedeuten würde, »nährend gerade Anpassung an die Umgebung erforderlich ist. Der Zionist must natürlich andere Konseauenaea ziehen. Herr Oscar E i ch c lba u m meint, -ast die jüdisch« Schule wegen der starken Gegensätze innerhalb des Jndeniums geradezu ein Unglück bedeuten würde. Zu befürchten ist ferner, dast der Religionsunterricht zu sehr dominieren würde und dast die anderen Fächer zu sehr von einseitig jüdischen Gesichtövunstcn behandelt werden würden. Herr ft ü r ft iit der Ansicht, dast di« heutig« Schule trotz mancherlei Ucbclstande als Ideal zir bezeichnen wäre, wenn der Religionsunterricht besser wegkäme. Herr Dr. W. Wolffheim meint, dast nur der die Bekenntnisschule predigen dürfe, der der Ansicht sei. es gäbe eine indische Kultur und dem Judentum nicht nur Konfession ist. Wer anderer Meinung ist. nvöge sich hüten, an der Mauer bauen zu helfen, von der Dr. Lewin sprach, denn sie kann nur zu leicht zur Ghettomauer wevden. Herr Arthur Cohn siebt in der ftrage ein rein menschliches Problem: er befürwortet die jüdische Schule im wesentlichen mit den gleichen Gründen.'wie Herr Dr. Lewin. Herr R. A. D. Gr um ach betont, dast das Kind ja nicht nur irr der Schule lebt, sondern auch austerbalb derselben gibt cs gemrg Gelegenheit zur Berührung mit den christlichen Kindern und mit dem Antisemitismus. Da wird also die Schule, wie sie beute ist. nickt mehr so viel schaden können. Im übrigen sieht Redner in der Errichtung konfessioneller Schulen einen grasten politischen FMer. .den wir Juden keinesfalls mitmachen dürfen. / Herr Waisenhausdirektor Peritz bedauert. Last die Diskussion keine Annäherung der beiden Ansckanunaen ergeben bat. Er findet in dieser ftrage nur die Gesichtspunkte der religiösen Erziehung des Kindes beachtlich und fordert daher die Errichtung der jüdischen Schule. Er glaubt, -atz sich in ihr die Mehrzahl der vaterländischen Belange sehr gut mit den jüdischen Interessen vereinigen lassen wird. Herr Peritz macht am Ende seiner Artsführungen den Versuch. eine Entschließung einzubringen, die aber vom Vorstand nicht zugelassen wird. Nachdem sich die Erregung, die sich der Bersammlwna infolge dieses Vorganges vorübergehend bemächtigte, wieder gelegt hat. woicht noch .Herr Dr. Lepehne. der allein in dem Antisemitismus einen stichhaltigen Grund für Errichtung einer jüdischen Schule sehen will. Er bezeichnet aber eine solche Lösung als eine unmögliche Verlegenheitslösung. In seinem Schlustwort betont Herr I. R. Dr. Lichtenst c i n. dast die meisten Redner nicht auf die Sache selbst eingegangen sind. Wir bekämpfen die jüdische Bökenntrnsschule. wie üc im Reichsschulgesetzent-wurf vorgesehen war. So gehen alle Ausführungen fehl, die die indische Schule nur vom rein jüdischen Standpunkt verfechten. Die Mehrheit beS deutschen Volke» lehnt die Bekenntnisschule ab und vertritt den Gedanke« -er Gemeinschaftsschule. Wir sollen nicht klein heigebe» gegenüber einer Mehrheit, von der wir wissen, dast wir ihr gegenüber nie unsere Ansicht durchsetzen werden, aber wir sollen auch einen aussichtslosen Kampf mit dieser Mehrheit vermeiden. Keine g^onderten Schulen, denn damit reisten wir das deutsche Volk auseinander. Das ftazit der anregenden Debatte ist. dast die ftrage noch lange nicht genügend geklärt ist. um Beschlüsse nach irgendeiner bestimmten Richtung hin lassen zu können. Der Norstand der Ortsgruppe batte auch keineswegs die Absicht, schon in dieser Versammln«« zu einem bestimmten Resultat zu kommen. Daher hatte er weder von sich aus eine Entschließung vorbereitet. noch auch konnte er «S zulassen, dast über eine solche, die von anderer Seite eingebvackt werden sollte, beschlossen würde. Sein« Mlehnnng war tun so verständlicher, als gewisse Vorgänge, auf die noch zuvückzn-- kommen sein wird, darauf bimviesen. dast versucht worden war. di« Zusammensetzung der Versammlung in bestimmter Weise zu beeinflussen. Jade Mehrheit wäre eine reine Zufalls-Mehrheit aemesen. die nie ein Bild hätte geben können, von der wahren Ansicht der Mehrheit unser« Gemeinde. Verfammlungskalender Breslau. (Indisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger".) Mittwoch, den 17. März, abends?V2 Uhr, bei Kornhäuser, ftreiburger Str. S. Bortrag des Herrn Dr. Karl Rosenthcn. Berlin, Pediger der jüdischen Reformgemeinde. „Die Berliner Reformgemeinde, ihre Geschichte und ihre Aufgaben". Gäste willkommen. Frankfurt am Mai«. sJ ü d is ch -liberale Jugendg e m e i n s ch a s t.) In letzter Minute sei nochmals an die Samstag, den 13. d. M.. in der Frankfurt-Loge stattfindende Purimfeier erinnert. Den Auftakt des Festes bildet — wie bereits an dieser Stelle erwähnt -/ die von den Herren Banario und Gundersheim verfasste und seMtinizenierte Revue. Die Musik wurde von Eli Samsonowitsch eigens hierzu komponiert. Frau Rosel Bergmann-Rosenberg hat die Tänze einstudiert. Eine Reihe talentierter junger Kräfte aus unserer Jugendgemeinschaft haben sich den Veranstaltern zur Verfügung gestellt, für Fröhlichkeit und Humor — dies sei die Devise unserer Purtmfeier — ist reichlich gesorgt. Den Hauptteil des Festes bildet natürlich der Tanz, dessen Pausen von lustigen Gymkhanaspielen abwechslungsreich ausgefüllt werden können: hierfür sind wertvolle Preise ausgesetzt. — Wer also einige schöne und fröhliche Stunden bei uns verbringen möchte, der fehle nicht am 13. Marz! — Karten sind nur noch an der Abendkasse erhältlich. Liegnitz. lLiheraler Verein der Synagogengemeinde zu Liegnitz.) Am 18. März 1826. abends kN/s Uhr, Silesta-Loge, Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Jahresbericht des 1. Vorsitzenden. 2. Kassenbericht. 3. Entlastung des Vorstandes. 4. Neuwahl. 8. Aendernng des § 10 der Statuten. Antrag des Dorstaudes: Die Anzahl der Beisitzer soll nicht iedesmal durch die Generalversammlung. sondern auf 6 Beisitzer festgelegt werden. 6. Verschiedene?. Wohlfahrtsunrecht. Fünf Wochen sind vergangen, feit an dieser Stelle in aufrüttelnden Worten Berthold Weist auf die ungeheure Gefahr «zsprerksam machte, die der jüdischen Gemeinschaft durch die Pröletarisierung ihrer Mitglieder droht. Er hatte auch darauf hingewiesen, daß die jüdische Not in einer Grotzgememde wie Berlin besonders deshalb nicht einzudammen sei, weil man hier mit unzulänglichen und veralteten Mitteln Wohlfahrtspflege treibt. Der Aufsatz hat seine Wirkung nicht verfehlt. Die Wohlfahrtskommission hat neue Richtlinien für die den jüdischen Erwerbslosen zu gewährende Hilfe auSgearbeitet. Und wenn in dieser kurzen Zeit auch noch nicht alle Wünsche ihrer Erfüllung entgegenreifen konnten: dankbar must und soll anerkannt werden, daß diese Kommission die gewiss nicht einfach liegenden Probleme der Ueberführung der unterstützenden in die produktive Erwerbslosenfürsorge mit Geschick und Tatkraft in die Wege geleitet hat. Seit einigen Wochen haben wir daher die ErwerbSlosenfrage in den Spalten dieses Blattes nicht mehr behandeln zu sollen geglaubt, ohne darum die zahlreichen Mißstänüe zu verkennen, die beweisen, wie wenig man gerade im Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde dieser ganz neu ansrauchenden jüdischen Massennvt gewachsen war. Dck beleuchteten plötzlich zwei Ereignisse ganz grell die Situation in der wir stehen. Jüdische Errvetzbslvse schrien den jüdischen Gemeindobehörden von der Tribüne des Repräsentantensitzungssaales aus ihre Not ins Gesicht. Und das Wohl- «ahrtsamt der jüdischen Gemeinde warnt offiziell iin Gemeindeblatt vor der Interessenvertretung der jüdischen Erwerbslosen, die die „Erwerbslosigkeit stabilisieren" wolle. DaS zeigt doch, daß allmählich zu der materiellen Nor eine seelische Not hinzugckom'Men ist. die geeignet «scheint, eine Gemeinschaft zu sprengen, die sich in jahrhundertelangen Nöten so ausgezeichnet bewährt hat. Diese Seelennot ist das Erzeugnis eines Systems, das anzugreifen wir uns erst nach schweren Bedenken und auf das wiederholte Drängen von angesehenen Persönlichkeiten. erfahrenen Männern und Frauen, die der Wohlfahrtsvflege nicht als Obiekt. sondern als tätige Gehilfen jahrzehntelang dienen, entschlossen haben D?r Kürze halber und weil es allein trifft, wollen wir es im folgenden das System Caspary nennen. Das ist ein System, bei dem man den Hilfesuchenden lediglich als Untertan der WoMahrtsioflege betrachtet, der glücklich sein kann, daß man sich überhaupt mit seinen Nöten befaßt. Glaubt er, nach uralt-jüdischer Sitte einen Anspruch auf Hilfe der Gemeinschaft zu haben, für die er und seine Eltern gelebt und gelitten haben und als bereit eine Säule die Mischna „GemiluS Chafsodim" bezeichnet hat, so wird er als das ungezogene Kind behandelt, das man durch Entziehung des Nachtisches glaubt strafen zu können. Und System Caspary heißt es, weil bei der Berliner jüdischen Gemeinde Herr Engen Caspary. der Leiter des Wohlfahrtsamtes, nach den Worten des Repräsentanten Dr. L ö b sZionist) in der Sitzung der Berliner Repräsentanz vom 14. Januar 1926 alle Wohlfahrtsangelegenheiten als „W o h l f a h r t s d i k t a t o r" leitet. Und wenn von allen Repräsentanten immer wieder mit Reckt gefordert wird, daß in einer Gemeinde von einer viertel Million Inden angesichts des Umfangs der neuen Ausgab-n dir Leitung deö Wohlfahrtsamtes in mehrere Dezernate geteilt wird, so muß einmal gefragt werden, warum -man die Schaffung dieser Stellen bis zur nächsten Etatberatnnq veeschrben hat. Wenn Herr Caspary im letzten Gemrindeb'.ott sein „Läutet die Sturmglocken! Menschenleben in Gefahr!" ruft, so must es uvverstä.Ilich erscheinen, warum man mit der Löschung des Brandes warten will, bis daS HauS eingeäschert ist. Die Wünsche und Beschwerden geben zum grossen Teil überhaupt nicht von den Objekten dieses Casparyscheu Wohlfahrtsamtes ans. Bon mehreren Mitarbettern der jüdischen Wohlfahrtspflege sind wir voll Empörung daraus hlttgewtesen worden, daß die Erregung in die Kreise der jüdischen Erwerbslosen nur durch die falsche Behandlung hinerngetragen worden ist. die Herr Caspar« und Beamte des Wohlfahrtsamtes gegen Pie Aermsten der Armen angewandt haben. In Paraphrasierung eines Werfelschen Gedankens möchte man sagen: „Nicht die Demonstranten, sondern die DemonstrationSziele sind schuldig!" Ganz besonders schlecht aber soll man auf dem Wohlfahrtsamt behandelt werden, wenn man als deutscher Jude erkannt wird, also alS ein Mitglied der Gemeinschaft, das jahrelang durch Steuerzahlungen deren Erhaltung bewirken durfte. Und wenn ein erfahrener Mann, der ehrenamtlich im jüdischen WohlfahrtLwefen arbeitet und dessen Name im Berliner jüdischen Leben einen guten Klang hat, eine telephonische Besprechung mit dem Wohlfahrtsamt führt, und Herr Caspary mitten im Gespräch den Telephonhörer anhängt. . . Daran sind nur die jüdischen Erwerbslosen scknld. Die behandelt man allerdings auch nicht schlechter alS diejenigen, die ihnen helfen wollen. Ein Berliner Rechtsanwalt wendet sich zum Chanukahfest ans Wohlfahrtsamt mit der Bitte, zahlreiche Sachen für bedürftige Juden abholen zu lassen. Chauukah war vorüber. Es vergingen ein, zwei, drer Monate. Und als das Wohlfahrtsamt endlich die Sachen abholen lassen wollte, waren sie zum Glück schon an jüdische Bedürftige direkt verteilt worden. — Die Mutter einer berufstätigen Dame ist gestorben. Sie will deren Sachen dem Wohlfahrtsamt zukommen lassen. Da sie nur am Sabbat und Sonntag frei hat. bittet sie, daß die Sachen an diesen Tagen geholt werden. Darauf in barschem Ton daS Wohlfahrtsamt: „Sonnabend können wir nicht holen lassen und Sonntag kann man's niemandem zirmnten." In einem anderen Fall wurde die Kleiderkammer des Wohlfahrtsamtes benachrichtigt, daß in einer Familie mehrere Herrenatrzüge und Mäntel aüzuholen seien. Zwei Monate ließ das Wohlfahrtsamt nichts von sich hören. Es ließ überhaupt nichts mehr von sich hören. Die Sachen wurden dann auf Bitten der Familie von der „Interessengemeinschaft jüdischer Erwerbsloser" sofort abgeholt. Und daran sind tatsächlich die jindischen Erwerbslosen schuld. Nun, Herr Caspary wird wieder sagen, alle diese Tatsachen die wir durch Zeugen belegen können, feien tfrai unbekannt, er könne sie auch nicht anerkennen, weil sie aus Hörensagen und den dabei vorkommenöen Uebertreibungen beruhten. Da weht mir der bekannte glückliche Wind ein paar Schriftstücke auf den Schreibtisch, die sich alle durch Briefbogen, Stempel und Unterschriften als vom Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde zu Berlin ausgehend kennzeichnen. Nur einige davon sollen heute veröffentlicht werden. Aber wenn sich die Zustände beim Wohlfahrtsamt nicht endlich bessern, dann werde ich mir einen eigenen Aktenschrank für Mißstände des Systems Caspary anlegen müssen. Ein jüdischer Erwerbsloser im besten Manncsalter wendet sich an die jüdische Gemeinde mit der Bitte um Unterttittzung. Diesen Brief schreibt das Wohlfahrtsamt an seine Eltern: „Ihr Sohn Henry ft. ist bei uns wegen einer Unterstützung vorstellig geworden. Wir bitten hösl. um Mitteilung, warum ft. das Elternhaus verlassen hat und ob die Möglichkeit besteht, ihn sofort wieder dort aufzunchmen. Der sunge Mann bezieht eine Erwerbslosenunterftützung von 8,73 M. pro Woche. Mit diesem Betrage ist ein Leben in Berlin nicht möglich. Wir halten es daher für unbedingt erforderlich, daß er nach L. zurückkehrt." Wer also daS Unglück hat, die jüdische Wohlfahrtspflege in Anspruch zu nehmen, wird „der junge Mann"; er verliert den Ehrentitel Herr; man ruft bie Eltern gegen den erwachsenen Sohn zu Hilfe, nicht durch den Seelsorger der Gemeinde, sondern durch den Briefträger. Dieser Brief, der anscheinend in vielen Fällen herausgegangen ist, ist aber noch harmlos. In einem anderen Fall wendet sich ein jüdischer Chef an daS Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde mit der Bitte, seinem jüdischen Hausdiener wegeo seines geringen Gehalt» eine Freistelle in einem jüdischen Heim zu gewähren. Hier die Antwort: „Antwortlich des au Herrn Eugen Caspary gerichtete» Schreibens vom 8. November empfehlen wir Ihnen für Ihren Hausdiener Philipp H. da» derselbe sich betr. eines Obdachs sich entweder an da- Ledigenheim, Char, lottenvura, Dankelmannftr. oder an die Heilsarmee Büfchingstr. wenden möchte, wo er für einen geringen Preis Unterkommen finden wird." Ist es wirklich Sache eines jüdischen Wohlfahrtsamtes, jüdische Obdachsuchende an ein ntchtjüdische» Ledigenheim oder an die Heilsarmee zu verweisen, wo sie leicht der Judenmission zum Opfer fallen? Gehört auch das zm» System Caspary? Es gibt einen entzückenden jüdischen Witz, der die Wohl* fahrtSpslege behandelt und dessen Wirkung, nach Alexander Moszkowski. auf dem merkwürdigen Gefühlskontrast beruht. Zu einem reichen Frankfurter Juden kommt ei» jüdischer Schnorrer. Er klagt ihm sein Leid und bittet um eine Unterstützung. Der reiche Handelsherr -rückt auf den Klingelknopf. Unser Schnorrer sieht sich schon im Besitz einer großen Gabe. Da tritt der Diener in- Zimmer, und mit tränenerstickter Stimme sagt zu ihm -er reiche Jude: „Johann, schmeiß mer den Kerl raus, er zerbrecht mer da» Herz!" Und das jüdische Wohlfahrtsamt liefert diese» Pendant: „Der Adolf K. geb. 1898 zu B. in Rußland hat bet mir von Oktober 38 bis November 25 gearbeitet und seine Stellung freiwillig aufgegeben. Derselbe bewohnt ein Zimmer, welche» 40 M. kostet. Er treibt sich ohne Geldmittel und ohne Erwerb umher. Wir bitten denselben in ein ArbeisthanS zu bringen oder in seine Heimat abzuschieven." Das sind Briese aus dem Amte -es Herrn Eugen äaspary. Daran sind nur die jüdischen Erwerbslosen und die Führer der jüdischen Interessengemeinschaft schuld. Doch dies alles wird Herr Caspary alS Ungeschicklichkeiten untergeordneter Stetten bezeichnen. Und darum mutz nun einmal aus der Reöaktionsmappe der „Jüdisch-liberalen Zeitung" ein Brief des Herrn Caspary selbst hervorgezogen werden, der zeigt, wie er mit Leuten umspringt, die nicht seiner Gewalt unterstehen. Will er die Oeffentlickkeit glauben machen, daß er mit den hilflosen GlaubenSvrüoern zuvorkommender umgeht? Wir batten Herrn Caspar» voracwvrfeu. Hast er. statt mit sozialem Einfühlungsvermögen, mit Sipo und Stuhlbeinen jüdische Wohlfahrtspolitik treibe. Darauf folgende Antwort: Eugen Caspary. Büro: NW., Holsteiner Ufer W. Privat: Lessingstratze 12. Moabit 8378. Berlin, 28. Februar 1936. An die Redaktion der Liberalen Zeitung V o r s. S e t r. W. Wilhelm str. 147. Sehr geehrter Herr Woyöa! Daö steckt mir von Jugend aus nun einmal in den Gliedern, das hat mit meinen Nerven, die Sie als zusammengebrochen zu bezeichnen belieben, absolut nicht» zu tun. Nämlich gewisse Handgreiflichkeiten vorzunehmen, wenn andere Mittel nicht mehr auSreiche». Schon als Pennäler im Friedrichgymnasium hatte ich den Rekord in Bezug auf Empfangsstation für blau laidierte Augen und blutige Nasen erreicht. Gerichtsnotorisch ist, daß ich zweimal wegen Beleidigung unversuchter Körperverletzung mit je 3 und 6 Mark regelrecht bestraft bin. j Meine Schwärmerei für Ludwig Holländer auS der Vorkriegszeit fand ihren Ausgangspunkt in der Erzählung eines Erlebnisses von Holländer, wo er 3 antisemtifchen Gegnern je eine kräftige Ohrfeige appliziert hatten alle anderen Ueberzeugungsmittel versagt hatten. ■ ' Ihre fortwährenden Hinweise, daß ich mich gegen Verhandlungen mit den alS Erpresser zu Bezeichne»-«« sperre, entbehren der Richtigkeit. Leider nämlich ist viel zu viel verhandelt worden. Und daß Sie und da» Liberale Blatt sich als Schutzpatronen für diese seltsamen Menschen hergegeben und ihnen die schönsten Waffen in die Hand gegeben haben, das ist gelinde gesagt: wenig geschickt! Nach meinen heute früh sofort vorgenommenen Informationen bei Frau Prochownik stimmt allerdings manches, was Sie über diese betr. Unterredung gestern erzählt haben. Indessen war das Ihrerseits au» dem Zusammenhang gerissen und vom allereinseitigsten Standpunkt berichtet worden. Uecker Ihre Schützlinge P e l 8 und Karliner und deren Anhang liegen Auskünfte vor, die nicht dazu angetan sind, den Interessen der Liberalen Zeitung zu dienen. Ich empfehle mich Ihnen bestens als Ihr ergebener E. Caspary. Pels, der spanische Lehrer, hat sich als „Arbeiter" eintragen lassen und erklärt, jede ihm augebvtene Arbeit anzunehmen. Man wird ja sehen. E. C. Und wenn dieser Brief noch nickt aenüaeu sollte, um dokumentarisch zu erweiset:, was dieses System Caspary bedeutet, dann wird man noch deutlicher werden und die RedaktionSmanve noch weiter öffnen müssen. Dieses System Caspary muß in seiner Tragweite noch nicht allgemein bekannt sein. Denn i-onkt wäre eS undenkbar, daß die Leitmrg der jüdischen VolkSvaxter und deren Berliner Repräsentantenfraktion Herrn Caspary wieder und wieder deckt. Daß sie abgelehnt hat. in einen Wohlfahrtsausschuß zu gehen, weil das als Mißtrauen und Kontrolle gegen Herrn Caspary aufgefaßt werden könnte. Ihre Anhänger im Lande machen das allerdings nicht mehr lauge mit. Und schon ist die „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland", ein den Zionisten nahestehendes, journalistisch bemerkenswert gut geleitetes jüdisches Blatt, in einem mit großer Sachkunde geschriebenen Aufsatz „Zusammenbruch oder Ausbau? Ein ernstes Wort über daS jüdische WohlfahrtSweseu in Deutschland" unserem Kampf für die Verbesserung der jüdischen Wohlfahrtspflege beigeireteu. Und eS ist wahrlich an dee Zeit, bast alle iüi5tkT/<*n Führer, ohne Unterschied der Parier, einem Systeur ein Ende machen, das jüdische Notleidende seelisch demütigt und zu Juden minderen Grade» macht! Wir Juden besitzen eine große Leidensfühigkeit. Acker wenn wir uns nickt endlick an^ dem Geist-', einer neuen Zeit — und daö ist die. soziale Einstellung der jüdischen Propheten — in die Nöte unserer Erwerbslosen vertiefen, dann wird unter Donner und Blitz das System Caspary zusammenbrechen, und scharenweise werden Juden dem Judentum entfremdet werden. Vesinncu wir uns darauf, daß uns die Antisemiten den schönen Ehrentitel zuerkennen, wir würden stets helfend einer dem anderen beispringen. Denke jeder daran, daß, wer heute zu den Gebenden gehört, morgen ein Nehmender sein kann! Und vor allem ist eS Ausgabe der jüdischen Gemeinde zu Berlin und aller deutsch-jüdischen Gemeindeverwaltungen, die reckten Männer mit dem weiten Blick und dem großen, von Güte überfließenben Herzen an bie wichtigen Vorposten jüdischer Wohlfahrtspflege zu stellen. Vfäsaat eoasules.... Doch mich bewahre Gott davor, die Hilfe eines Casparyfchen Wohlfahrtsamtes in Anspruch nehmen zu müssen! Dr. jar. Botho Lasersteirr«