Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 11 (12.3.1926)
- Date
- 1926-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*c»"•!«■;';t^g»*«wy^yy wyji««. »i<W8ff wp'HW -WW-!l 'iwninjPffyn^^wwwppwywippwwfflUP WWWW der Vernunft, der idealen Einsicht allein zusttcht, der R e l igi o n niemals geraubt werbe» darf! Und darum: eüdische Jugend, wahre Leine heiligsten Güter! Jüdische ug^nb. fei stark, indem du a » b e r A bist! Jüdische Jugend, heilige daß Leben und rufe e» deinem Gegner zu: Jude sein ist die höchste Ehre — wir brauchen keine ander« Vatiöfaktion! Für Judentum kämpfen der höchste Ruh«, und darum geben wir keine Satisfaktion! Und spielt ihr deutschen Geist gegen iübtscheu au». so genügt unS da- Dort deS nröeutschen Fichte: „Mcht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Massen, sondern die M a ch t d e S G e m ü t e S i st e S. welche Siege erkämpft." Das aber ist doch die Wahrheit der Bibel: ..Nicht durch Macht oder rohe Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige Zebaoth." Das liberale Judentum in der Welt. Anläßlich der letzten Konferenz der JMl. in London am Üs. Januar ISA sprach Miß Lkly H. Montaau in Ser iübisch-liberalen Synagoge. St. John S Wood Roab Mer oaS Thema ..Liberales Judentum in andere« Ländern." Sie wüßte, da sie hier groß geworden wäre, weniger über daliberale Judenimn im Auslände, als es eigentlich bei einem Führer einer Bewegung der Fall sein müßte. Ader letzthin hätte sie den Entschluß gefaßt, einen internationalen Bund fortschrittlicher Bereinigungen zu bilden, und um dieses Vorhaben auszufübren. hätte sie sich mit den Führern des fortschrittlichen Gedankens in verschiedenen Ländern in Vcrbinduna gesetzt. Ihre Gründe, solch eine Bereinigung zu wünschen, wäre ihr von Jahr zu Jahr stärker werdender Glaube an die Wahrheit des Judentums und seine Macht, die Menschen in jeder Lebenslage, in iedem Lande und allezeit zu beeinflussen, zweitens ihre Furcht, einige Teile ihrer Brüder könnten ihr gemeinsames geistige» Erbteil verlieren. Dieses würde ihnen entrissen werden durch die fortschreitende Macht des Materialismus. Sie dachte, daß. wenn die Führer, Leute von Rang und Ansehen. in einer Versammlung zusammenkormnen könnten und die Leitung in religiösen Angelegenheiten übernehmen würden, ein frischer Anreiz zum Verständnis des Judentums entstehen würde. Sie würden etwas von der etvisen Wahrheit wivderentdecken und ermutigt werden, den Weg zu suchen, sich dem Loben und den Problemen deS Lebens, mit welchen sie vertrant wären, zu widme». Mit diesen Bereinigungen in Verbindung zu treten, wurde ihr durch den Rat des JRU. gestattet. Sie habe mit der Konferettz der amerikanischen Rabbiner, der Bereinigung der amerikanischen jüdischen Gemeinden, den großen Gelehrten an der Spitze der deutschen liberalen Bewegung und dem Führer der französischen liberalen Bewegung korrespondiert. Bon allen Seiten wurde ihr Sympathie und Ermutigung zerteil. Es wurde beschlossen, die Organisationen in jedem Lande aufz,»fordern. Delegierte zu einer Konferenz für die zweite Woche im Monat Juli zu entsenden, und haben die Führer mehrerer Organisationen ihr Erscheinen auf jeden Fall zugesagt. Während sie mit den liberalen Freunden in Deutschland. Frankreich und Amerika korrespondierte. traf die Nachricht von der Gründung einer kleinen JRU. in Indien ein. wo schon eine Gemeinde voller Enthusiasmus bestand. Gottesdienste fanden am Sonntagvormittag statt. Gebetbücher der jüdisch-liberalen Synagoge wurden benutzt und die Teilnehmer beschäftigten. sich mit Lesen und Predigen. ReligionSschulen und ein Unterrichtszirkel bestanden bereits. Diese indische JRU. war aufgesordert worden. Delegierte zu «?"Kbnsvrenz zu entsenden und auch ein ständiges Mitglied ist der Internationalen Union zu werden. Gte hatte Anfragen an Skandinavien. Italien. Belgien. Holland und Zentraleuropa gerichtet und sich vergewissert, daß. während eS einzelne jüdisch-liberale Denker in all diesen Ländern gab, keine liberalen Bereinigungen vorhanden waren. Die Orthodoxen blieben Sei Aeuherlichkeiten stehen, doch ihre Miß MontaguS) Berichterstatter teilten mit. daß den Kindern der Orthodoxen mit religiösem Wissen in bezug auf Lebensführung durchaus nicht geholfen wäre. In manchen Gegenden bestände ein fester Glaube an den RtoniSmuS. ober in Wirklichkeit fei dies im allgemeinen bloß ein politischer Glaube und hätte durchaus keinen religiösen «der gar theisttschen Hintergrund. Ihre Schwester. Frau Franklin, die gerade aus Südafrika zurückgekehrt war. habe dasselbe erzählt. Aber auch dort verlangten die jüdischen Bereinigungen ebenfalls den Begriff der Wahrheit. Bis dieser zu ihnen gebracht würde, würde Judentum als eine lebendige Religion aufgehört haben, irgendwelchen Einfluß auf die Jugend au»zuüben. Es würde von Interesse sein, zu erfahr««, daß in Frankreich Ggtte»vienste in der liberalen Synagoge am Freitagabend, Sonnabend- und Sonntagvormittag stattfänden. Einmal im Monat würbe am Sonntagvormittag eine Predigt für die Kinder gehattmü an der «banfowvhl Erwachsene wie auch Kinder teilnehme». Die grüßte Teilnahme wäre Sonntag», wo ungesähr 8V Personen zagegen mären. Au Feierdagen kann di« Synagoge nicht alte fassen» die sich bettiligeri wollen. Es gäbe eine Schule mit zweimaligen Zusammenkünften in der Wo.che. Ei» NachrichterMatt würde monatlich herauS- K“;,r zugunsten der Vereinigung. Freitag abend» würden ioder aufgefordert, a« einem wissenschaftliche« Zirkel teilzunehmen. Joden Monat hält die Jugend der Bereinigung DeSammlunaen ab. Mr. Pallidre. Rabbiner Levy» Assistent, erledigt« die Propagandaarveiten für ganz Frankreich. Eine orthodoxe Zeitung riet unlängst dazu, er sollte tn der Synagoge Ruc de lt Victoir# predige». Der Qberrabbiner stände der dortigen liberalen Synagoge durchaus nicht feindlich gegenüber. Sie könnte keine Einzelheiten über die große Bewegung gaben, di« in Douifchland» der Geburtsstätte des liberalen Gedankens, dem Mittelpunkt der jüdischen Gelehrtenwelt, bestände. Es wäre interessani. in den deutschen liberalen Zeitungen zu lesen, daß eine lloviak Rtligious Union bestände. und daß die Rabbiner der verschiedenen Synagogen, in ihrem Liberalismus voneinander abweichend, in einer Konferenz zusammenkämen und anregende Erklärungen über die jüdische Lehre gäben. Die Zeitungen atmeten einen Geist großer Toleranz für den fortschrittlichen Gedanken und wiesen auf die Leitung des synagogalen Lebens in Amerika hin. Die amerikanischen Versuche würden mit einer gewissen Art von Angst und Bewunderung betrachtet, aber mit aufrichtiger Schätzung der Bemühungen der amerikanischen Führer, die religiöse und ethische Berührung deS Judentums mit den Bedingungen des modernen Lebens tu Einklang zu bringen. Die Rabbiner betätigten sich hervorragend in belehrender Weise, ähnlich, wie sie eö in England in den Zeitungen über das liberale Judentum zu tun versuchten. Sie könnte selbst mit Bagelsblicken nicht LaS amerikanische jüdisch-liberale Leben übersehen. Sie würde nur wieder sagen, daß sie sehr dankbar wäre für das Wohlwollen, mit dem der Plan der Jewsh Religious Union von den amerikanischen Führern ausgenommen würde, und sie wäre sicher, deren Anwesenheit würde ihre Begeisterung ungeheuer erhöhen. Beim Lesen der amerikanischen Briefe und Zeitungen gewann sie den Eindruck, daß Interesse am SynagogenleSen und Teilnahme am Gottesdienste dem amerikanischen Juden des Durchschnitts etwas Natürliches zu werden scheine. In England würde es den Anschein eines erworbenen Gefühles erwecken. Auch schienen die amerikanischen Bereinigungen besser, als sie es täten, die Bedeutung deS gemeinsamen Gottesdienstes im jüdischen Leben zu verstehen. Ebenso wären ihr. alS Sekretärin der Jewisn Rclitfious Union, die Volkstümlichkeit von Zusammenkünften und Vorlesungen über religiöse Dinge sehr erstaunlich erschienen. Wenn man auch noch die Größe der Gemeinschaft in Betracht zöge, könnte die Anzahl der geistlichen und weltlichen Lehrer Eifersucht Hervorrufen. Aber selbstverständlich hat daliberale Judentum alS organisierte Macht in Amerika über 100 Jahre geblüht, und hier wären es erst 23 Jahre So müßten sie versuchen, sich nicht entmutigen zu lassen, wen« sie ihre Kämpfe mit den amerikanischen Erfolgen verglichen. Soweit sie feststellen könnte, wäre die religiöse Emanzipation der Frauen in England weit größer in ihrer Gemeinschaft alS in irgendeinem anderen Teile der Welt, ausgenommen vielleicht Indien. Sie könnten sich hierzu wenigstens beglückwünschen, und sie würden den amerikanischen Schwestern hierin mit Rai VMehen. falls diese hier im Juli vertreten fein sollten. Um noch einmal auf ihre Konferenz zurückzukommen, habe sie den Vereinigungen der verschiedenen Länder ein Programm vorgelegi. wonach zwei ganze Tage und drei Abende vorgesehen wären, und zwar der 10. Juli laVendS) und der 11. und 12. Juli. Sie hoffe, Berichte über die liberale Entwicklung in der ganzen Welt zu bekommen und eine Verfassung für einen internationalen Bund zu entwerfen. Dieser Bund würde den verschiedenen Bereinigungen Gelegenheit geben zur Mitarbeit und zum Gedankenaustausch, ohne in irgendeiner Weise ihre Selbständigkeit zn beeinträchtigen. Sie hoffe, daß die Delegierten über „Die Zukunft des Judentums" sprechen würden, ferner, daß sie Ansprachen über „Judentum und Bibel" und über ,-die Betätigung des Judentums in der modernen Zeit" halten würden. Di« Besucher -würden das Leben des hiesige« Bundezu neuer Tätigkeit anspornen. ES würde ihnen zum Bewußtsein gekracht werden, daß sie zur Förderung einer großen Sache da wäre«. Sie wenigste«- zweifele daran, daß es etwas Größere» geben könnte. Vielleicht könnte diese Konferenz neue Gpuppen hier in England erstehen lassen: denn sie wisse, wie nötig die Provinzen die liberal« Botschaft brauchten. Sie gkauLe. daß bi« Zukunft de» Judentums abhinge von der Treue und der Begersteruna der Liberalen. Der Beweis au» anderen Länder« unterstützte den Beweis, den sie täglich im eigenen La»be erhielte. Dennoch könnte sie die Erkenntnis dieser Tatsache nicht anmaßend machen. Mr. Montefiore. Dr. Mattuck und der Referent Maurice Peüizweig wrachen alle volle Anerkennung ans über die Arbeit, welche Miß Montag» geleistet hatte, diese Konferenz zustande zu bringen. Frau Franklin berichtete von dem Interesse, das sie in Südafrika gefunden hatte, alsie über das liberale Judentum sprach. Obgleich dort* viele schon der Jewlsh Religious Union a «gehörten. könnte sehr viel getan werden, wenn man jemanden zu Provagandazwccken hinschicken wiirdc. Die jüdische Gegenwart Hermann Struck, 50 Jahre alt. Der bekannte jüdische Maler Radierer und Zeichner Hermann Struck wurde am 6. März 50 Jahre alt. Der' Meister, der vor einigen Jahren seinen ständigen Wohnsitz in Palästina geuommen hat. weilt gegenwärtig in Berlin. Di« jüdischen Bildnisse Hermann Strucks gehören zu feinen Meisterwerken und auch zu den Meisterwerken der modernen Malerei. Der Meister, der in Berlin geboren ist. bereiste di« gange Wellt. I» den neunziger Jahren .malte er in Dänemavk und in Holland und porträtierte in Amerika bedeutende. Köpfe. Sehr reich ist auch die Galerie seiner deutschen Bildnisse. Er porträtierte Gerhard HnuPimann. Richard Debmel. Lovis Eorintb sowie bedeutende Juden wie Ddeodor Herzl. Albert Einstein. Lesscr Urn, und Richard Veer-Hoffmann. Im Kriege war er Offizier der deutschen Armee. Als Frucht seiner Kriegserlebnisse im Osten gab er gemeinsam mit Herbert Eulenberg das Buck „Bilder aus Litauen und Weißrußland" und mit Arnold Zweia „Das ostiüdtsche Antlitz" heraus. Die Graphiker von heute, und nicht di« schlechtesten unter ihnen, haben ihm viel zu verdanken. theoretisch und praktisch. Sein berühmtes Buch. „Die Kurvst deS RabierenS". wies unzähligen Künstlern die Wege, und Struck selbst. der Radierer von internationalem Ruf. ist auch für Meister wie Corin-h der erfolgreichste Lehrer gewesen. Altmeister Mldekes 90. Geburtstag. Am 2. März vollendete Prof. Dr. Theodor Nöbd-eke. der weltberühmte Orientalist, der viele Jahre zu Sen Zierden der Universität Gtraßburg gehörte, in seinem Rlchewohnsitz Karlsruhe fein 90. Lebensjahr. Sein Name acibört zu den gllängen'Wen der deutschen Gelekirtenrvelt. Mehr als 600 Bücher und Abhandlungen sind aus seiner Feder hervorgegangen. Die Kenntnis des JSlam hat er durch sein ausgezeichnetes Werk über das Leben des Mohammed und eine Reihe daran anschließender kleinerer Arbeiten gefördert. SklS ausgezeichneter Kenner der hebräischen Sprache und der biblisch-talmüdischen Literatur «vfreut sich Nöldeke auch bei den rabbimischen Gelehrten hohen Ansehens: mit einzelnen von ihnen, wie mit Abraham Geiger sgestorben 1871s ws,*? band ihn persönlich« Freundschaft. wJVr An die Mütter! Einem in den dürftigsten Verhältnissen lebenden jüdischen Mann, Vater vieler Kinder, wurde für seine älteste Tochter in ein«m guten Heim ein Platz angeboten — kostenlos mit »Mtändiger Derpfleguna — zur Erlernung desHaushalts. Aber der Mann schüttelte zweifelnd den Kopf: er wäre, tvenn auch jetzt verarmt, aus einer feinen Familie, und bann — seine Tochter: sie werde rote Hände bekommen. . .. Dieser Ungebildet« wußte nicht, daß wir längst wieder einmal zur Einfachheit zurück gesunden haben und daß damit die Erkenntnis von Neuem Allgemeingut wurde, die Erkenntnis von der Gleichwertigkeit der Händearbeit mit der Kopfarbeit, und daß wir ohne die erstere unfähig sind zum Wettkampf und unterliegen, so gut wie ohne die letztere. Der Mann wußte nicht, daß es in dieser Zeit gerade wieder die Besten sind, die ihre Kinder in diesem Sinn zu bcetn- Mondlicht. Wie wunderbar, durch die weiße Mondnacht zu wandeln, Ueber bläuliche Straßen, wie lotosblumenbestreirt; Unter schimmerndem Jaspis, gehalten von himmlischen Händen, Göttlichen Frieden ausgießend auf irdischen Weg. Fließendes Weihelicht kühlt alle sengenden Sorgen In de» Geriefels geruhigem Wellenschlag, Träumt uns hinein in jenen seligen Morgen, Der irgendwo uns noch schlummern mag. Ella vauClees. Der Jude innerhalb der deutschen Kuliur. Bon Thekla Skorra. Berlin. „Der Frembstämmige, der Eindringling, . der Parasit, usrv. — der Jude, er hat keinen Anteil an der deutschen Kultur, schädigt, beraubt, verunreinigt sie nur — — —" Ob wohl je einer von Deutschlands Feinden deutsche Kultur, ihre er-tehltche, ihre menschenvildende Kraft für so gering eingeschätzt hat wie diese, die sich heute die Retter ihrer Rasse und ihres Volkes vermeinen, weil sie 6cu Antisemitismus auf ihre Fahne« geschrieben Haben? Eine Kultur, die trotz Häufiger politischer Mißerfolge doch zu den höchststehenben in Europa gehört, sollte spurlos vorübergegangen sein a» Menschen, die seit mehr alS tausend Jahren innerhalb deS Deutschtums leben? Deren Jude»- gaffen, mochte man sie auch noch so gewaltsam absperren, un Schatten deutscher Dome erbaut waren, in die deutsche SangeSweisen hineintvnten, deren Spuren wir noch beute tu den ostjübtscheu Volksliedern wiederfinden,- an Menschen, die sich deutsches Sprachgut so fest zu eigen machten, daß sie er bei ihrer Verbannung vis in den fernen Osten Mitnahmen und so treu aufbewayrten, daß sie mit Hilfe diese» in -Jiddisch" umgeschaffenen Mittelhochdeutsch noch im letzten Weltkriege eine Berstäpdigung zwischen den beütschev Armeen und der russischen oder rumänischen Bevölkerung vermitteln konnten! Wie schwach müßte es um eine Kultur bestellt sein, die nur an die ZlVstämmlinge einer einzigen Rasse gebunden, bei jeder Berührung mit And?rSblütigen an Wert und Gehalt verlieren sollte. Und sind wir Inden denn dereinst mit leeren Händen, als Bettler, zur dentjchen Kultur gekommen? Brachten wir nicht eine viel ältere, gereiftere mit, die zweimal schon den Völkern einen Gott und eine Religion geschenkt hat? Sie ist es, die uns so stark gemacht Hat, daß wir in keiner Rasse völlig aufgehen, mit keiner ganz verschmelzen können: aber nicht als Halbheit fühlen wir es, baß wir Juden sind und Deutsche zugleich, sondern alS Erweiterung, als Vertiefung unseres WesenS. Und nicht unfruchtbar ist diese Wesensmischung für den deutschen KulturkreiS geblieben: wir haben nicht nur in dankbarer Liebe von ihm genommen, wir haben ihm auch gespendet, wo immer man uns nur die Hände frei gemacht hat zum Schaffen und die Füße zum Schreiten. „Wo sind denn eure großen schöpferischen Geister?", fragen die anderen, „so nennt sie uns doch!" Nun — ein Goethe, ein BiSmarck werben auch in einem glücklichen, bodenständigen Volke, das sich frei auSleben darf, nur in Jahrhunderten einmal geboren. Auch Genies brauchen Form, darin sie sich gestalten können. Die Form gibt der Boden und wir — hatten keinen. Durch Jahrhunderte im weiten deutschen Land keinen Fußbreit alS die FriedhofSerde, oft auch diese nicht einmal: hat doch z. B. die Münchener jüdische Gemeinde biS zum Ende deS 18. Jahrhunderts keinen Friedhof erwerben dürfen, sondern ihre Toten im sogenannten KriegShaber bei Augsburg begraben müssen. Auch schöpferische Menschen brauche» Maß, ihre Werke daran zu richten. DaS Maß gibt nur die Freiheit — und uns hat man allzu lange zu Sklaven erniedrigt. Im freien Holland, wo wir in Luft und Sonne aufatmen durften, haben wir einen der größten Denker aller Zeiten hervorgebracht: Baruch Spinoza, auf dessen Lehre ein Goethe seine Weltanschauung aufgevaut hat. In der GlückSzeit unserer spanischen Jahrhunderte sind uns Dichter ersprossen wie Jehuda Halevy, Gabirol, Jbn ESra. Kaum hundert Jahre sind es, daß man unS in Deutschland Freiheit und bürgerliche Rechte, wenigste«- dem Gesetz nach, gewährt hat. Haben wir Juden selbst un» denn je klar gemacht, wie viele große, bedeutende Menschen auf den perfchiedensten Kulturgebieten wir 'der deutschen Kultur in diesem «inen letzten Jahrhundert geschenkt haben? Bon tattern David Fxie-länder Hier in Berlin an. der mit den »Aktenstücken der jüdischen Gemeinden im Preußischen Staat" unter Friedrich dem Großen und seinen Nachfolgern die Befreiung der Juden herbeiführen half: bei dessen Tobe ein Alexander und Wilhelm v. Humboldt den Hinterbliebenen ihre Trauer um daS Hinscheiden eines so wertvollen unbedeutenden Menschen ausspracben. Ein Zeitgenosse dieses Mannes, der die dem Könige q.ingereichten Aktenstücke mit unterzeichnet hat. war der Hofbankier Friedrichs des Großen: Isaak Daniel Jtzig. An der Stelle, wo dieser in der Burgstraßc hier in Berlin seilt HauS hatte, hat später sein Enkel, der sich nach vollzogener Taufe Heinrich Friedrich Hitzig nannte, den monumentalen Renaissancebau der Berliner Börse errichtet. Und wenn heut« die deutschvölkisch eingestellten Polytechniker draußen in CharlottenVurg mit Mißachtung auf did „unproduktiven, »»schöpferischen^ jüdischen Mitstubenten herabzusehen sich erdreisten, so haben ihre Lehrer jedenfalls vergessen, ihnen mttzuteilen, daß auch der mit seinen kühnen Bogengängen stolz, frei und harmonisch über alle unkameradschaftliche Gehässigkeit sich erhebende Bau ihrer Technischen Hochschule von dem Enkel des jüdischen HofbankierS Isaak Daniel Jtzig geschaffen worden ist. Und in den anderen Künsten? Wir haben in der lebendigen Gegenwart der deutschen Malerei einen ganz Großen: Max Ltebermann: Haben stolz und. selbstsicher in ihrer schöpferischen Persönlichkeit ruhende Gestalter wie Lesser Ury. Wir haften schon in den Zeiten bürgerlicher Unterdrückung der Juden gegen Ende deö 18. Jahrhunderts den Maler Eduard Bendemann (ebenfalls ein Berliner Banktersohn), an dessen Gemälden im königlichen Schlosse zu Dresden selbst judenfeindliche Kritiker die.fast rafaelitische Reinheit und anmutvolle Größe der Komposition bewundern. Auf musikalischem Gebiet hat zwar ein Richard Wagner in seiner Schrift „DaS Judentum in der Musik" den Inden alle Schöpferkraft abzusprechen gewagt: trotzdem ihm doch bekannt sein mußte. Hatz gerade das jüdische Volk Schöpfer der Melodie ln der Musik gewesen, während Griechen und Römer nur willkürliche Reihenfolgen von Tönen hatten: und trotzdem geradezu seiner Zeit neben den deutschen Juden Mendelssohn und Meyerveer btt französische Jude Jaegues Offenvach, eines der ursprüngltchsten Mustkgenies, durch seine satirischen Schöpfungen die Hörer überwältigte. AVer die Juden haben nach dem Gebote des Neuen Testaments: „Liebet eure Feinde" handelnd, sich aufs Liebevollste für Wagner» Werke eingesetzt. Neben dem russischen Juden Karl Daussig, der schwierigste Wagnersche Orchesterwerke dem Publikum verlebendigte, der zuerst die KlavierauSzüge Wagnerscher Opern herausgab, hat der jüdische Kapellmeister