Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 11 (12.3.1926)
- Date
- 1926-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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flulTew such««. Den« er ist gerade di« Arbeitsämkeü —' geistiae wie körperliche Arbeitsamkeit (die sich natürlich in der Hausarbeit eben io wenig trennen lasten, wie in sonst einer Arbeit), die die wahrhaft feine Familie auSmacht und deten Adel sie wiederum zur VorbildlickTeit verpflicht«. Und so ist eS den in der sozialen Arbeit stehenden Ftaiten eine Freude zu beobachten. Last sich überall bte Erkenntnis Bahn bricht von der Unentbehrlichkeit der guten. durch»«- bildeten Hausfrau, von der Unentbehrlichkeit des bau-wirtschaftlich durch- und vorgebildeten Personals — daran eS besonders in allen Anstaltsbetrieben waiifielt und der Unentbehrlichkeit der bau-wirtschaftlich auKgebildeten Lehrkräfte: und daß man ihrer aller bedarf auS privatwirkschaftkichen wie ans volks-wirtschafblichen Gründen. Nun gab es bis jetzt nur eine einzige staatlich konzessionierte jüdische HauKhattuna-schule. Diese kann jedoch längst nicht mehr so viele Schülerinnen aufnehmen. alsich bei ihr melden. So kommt der jüdische Frauenbund diesem in der Luft liegenden Bedürfnis entgegen, indem seine Münchener Ortsgruppe — gemeinsam mit dem Verein Ktnderüetm Wolfratsham'en — am 1. Mat eine Hausbaltuna-schule eröffnet, und zwar die erste HauSbaltung-schule auf dem Lande, klimatisch und landschaftlich im Gebirge vorzüglich gelegen, in WolsratShausen bei München. Dort ist Gelegenheit geboten zu lernen: A. Im praktischen Unterricht: 1. Kochen. Backen. Einmachcn. Krankenkost. 2. Waschen und Bügeln. , 3. Hausarbeit. 4. Handarbeit. Herstellen und Instandbalten der Wäsche. Anfertigung einfacher Kleider. 5. Gartenbau: Blumen- und Gemüsezucht 6. Geflügelzucht. 7. Molkerei: Derwertuna der Milch. L. Im theoretischen Unterricht: 1. NahrungSmittellebre. 2. Naturkunde, soweit sie den Haushalt betrifft. 3. Häusliche Buchführung. 4. Gartenbaulehre und häusliche Botanik 5. Gefnndheitslehre. Säuglingspflege. VerbandkurS. 6. Grundzüge der Bolkswirtschaft und Vürgerkunde, Sozialversicherung smesen. 7. Erziehungslehre. 8. Religiöse Unterweisung. Und somit wenden wir uns an die Mütter im ganzen Reich: Schickt unö eure Töchter zu deren eigenem Beste», zum Besten der jüdischen Gemeinschaft. E. l e m e n t i n e K r ä m c r. Alle Anfragen zu richten an: Frau Anna Auerbach. München. Mozartstrahe 18. Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Bayern. Das Verbandsorgan der bayerischen Gemeinden veröffentlicht eine Gegenüberstellung der Zahlen der israelitischen Wohnbevölkerung in Bayern in den einzelnen Regierungsbezirken und den größeren KultuSgemeinden nach den Volkszählungen vom 16. Juni 1625 und l. Dezember 1910. Es ergibt fick daraus, dast sich die israelitische Wohnbevölkerung Bayerns von 54 777 am 1. Dezember 1910 aus 46168 am 16. Juni 1925 vermindert bat. Die israelitisch« Bevölkerung verteilt sich auf die einzelnen Regierungsbezirke wie folgt: Obevbanern 16. Juni 1625 10 700 (1 Dezember 1010: 11652»: Rioderbaycru 348 »468): Pfalz 7868 (8710). (In diesen Zahlen ist die israelitische Bevölkerung der zum Saargcbiet geschlagenen pfälzischen Gemeinden nicht cntckelMn.) Vberpsalz 118) »14)95): Obersranken 2544 (2046): Mittelfranken 13 719 (14210); Unterfranken 9879 (11925); Schwaben 3834 (3462). Von Gemeinden mit über 1000 Mit, gliedern sind zu neunen: München-Stadt 10.068 (11083): Ludwiashasen a. M. 1241 (783): Zürich 2504 (2826): Nürnberg 8603 (7815): Würzbura 2641 (2514); Augsburg 1303 (1217). Cäsarenwahn in Nandbemerkungen „Krasnaja Gazeta" veröffentlicht einen Auszug aus »einem Memorandum über die Indensrage. daS seinerzeit von Baron Günzburg dem Zaren Alexander UI. unterbreitet wurde. Der Zar hat das Dokivment vielsack mit Nandbemerkungen versehen. Baron Günzburg klagt über die Rechtlosigkeit der Inden und beschuldigt die Regierung, daß sie zu Unrecht die Juden revolntionärer lientriebe bezichtigt. Die höheren Posten im Zivil- und im Armeedienst seien den Juden verschlossen. Hier bemerkte der Zar: >,Gebe Gott, daß cs immer so bliebe!" Die Juden, beißt «ft weiter Im Memorandum, hätte« nur Pflichten, «der keine Rechte. Dazu bemerkt der Zar? „Europa- Gleich, berechttaungsdeisylel ist grauenhaft!" Zu der Bemerkung Baron GLngburgS, daß die Juden infolge der Beraubung ihrer Rechte auch vom Volke als außerhalb des Gesetzes stehend betrachtet «erben, schreibt der Zar: „DaS ist noch gar nicht-. Sie haben die furchtbaren Worte ihrer Ahnen vergesten: Sein Blut wird kommen über uns und über unsere Söhne. Ihre schlechte Lage ist eben ein Fluch des Himmels." Baron GKnzburg bemerkt weiter, durch die Beschränkungen werden di« Juden daran gehindert, sich als Teil des M-Millionen-Bolkes der Rüsten zu fühle». Der Zar schreibt am Rande: „Wir würden uns beschmutzen, wenn wir daerlauben sollten." Baron Günzburg erinnert daran, daß in früheren Jahren die Juden sogar gezwungen wurden, die Kinder in russische Schulen zu schicken. Dazu der Zar: „DaS war ein großer Irrtum." Günzburg lenkt bte Aufmerksamkeit des Zaren auf die Tatsache, daß die Juden angesichts der ihnen zuteil «erdenden schlechten Behandlung nach Palästina und Amerika auswandern. „Gott sei Dank!" bemerkt der Zar; „mögen sie nur auSwandern!" Selbstmorde. Bon Else Dormitz er «Nürnberg. Nicht nur in den Tageszeitungen, allwo diese Rubrik zu einer ständigen Einrichtung geworden ist, wird jenes traurige und jammervolle Problem behandelt; auch die jüdischen Blätter aller Richtungen beschäftigen sich in eingehenden Artikeln mit der erschreckenden Anzahl von Selbstmorden in unsere« Kreisen, suchen Mittel, um Abhilfe zu schassen, um Einhalt zu tun. Zweifellos ist da- Hauptmotiv, dieser beklagenswerten Erscheinung in der wirtschaftlichen Not unserer Zeit zu finden. Erschüttert stehen wir vor der Tatsache, daß Männer und Flauen, Menschen im besten Alter, zur Waffe greifen, um einem Dasein ein Ende zu bereiten, das sie nicht länger ertragen zu können glauben. Wenn gerade unS Juden die schworen Fälle der letzten Zeit besorrüerS zu denken geben, so ist daran nicht nur das ethische Gebot unserer Religion schuld, daS den Selbstmord untersagt, sondern wir, die Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft, in welcher Optimismus und LeöenSöejahung quasi einen Teil der Lehre bilden, wir, die wir seit Jahrtausenden Bedrückung und Verfolgung mit Heroismus und unwandelbarem Gleichmut ertragen haben, wir müssen entsetzt konstatieren, daß Pessimismus und LebenSvernetnung den Sieg davontragen und die Reihen der Unsrigen lichten. „Nicht anzuklagen, mitzubelfen sind wir da." Kein Wort des Vorwurfs, kein Gedanke einer Verurteilung darf und soll diejenigen treffen, die in tiefster Herzensnot Hand an sich legen. Nichts erscheint ungerechtfertigter, sinnloser und bösartiger, als der Ausdruck „Feigheit", der so oft von Verständnis- und lieblosen Mitmenschen für solche Handlungen angewandt wird. Ueberlegt es euch doch, ihr Sitten- und Moralwächter, waS eS heißt, den Gedanken an den freiwilligen Tod zu fasten, ihn durchzuarbeiten und auszuführen? Malt euch aus, wie so ein Unglücklicher, der nicht mehr aus und ein weiß, mit der Idee herumgeht: „Heute scheint für mich zum letztenmal die Sonne; ich höre zum letztenmal die Vögel singen, sehe zum letztenmal die Welt, die Meinen, dar Licht — sinkt die Nacht hernieder, so beginnt für mich die ewige Finsternis, der Untergang!" Und er geht hin. greift zu Gift oder Pistole — und alleist auS. Nein, eö ist nicht aus! Denn die lieben Mitmenschen bemächtigen sich öeS „Falles", sie flüstern und zischeln, sic „meinen" und „glauben", die Gefühl- und Herzlosigkeit, die Klatsch- und Schwatzsucht, die sich so oft dem Lebenden gegenüber zeigte, sie macht auch vor den Toten nicht halt. Wäre es denn nicht angebrachter, sich ähnlichen Gedanken hinzugeben, wie sie kürzlich Herr Rabbiner Dr. Bärwald zu dem Thema „Selbstmord" im Münchener Gemeindeblatt in menschlicher und verständnisvoller Weise ausführte: „Ruht nicht ein großes Stück Verantwortung von all dem Leven, das ein Opfer der Zeit ward, auf uns allen? Haben die Unglücklichen nicht unter unS geweilt, haben sic nicht, nur durch eine Wand von uns getrennt, gesessen und geweint, sich gesorgt und gehungert, bis ihre seelische Kraft erlahmte? Hätte nicht vielleicht eine kleine Gabe öaö Aergste abgewendet, ein freundliches Wort sie aufgemuntert und gestärkt? Warum überwanden wir nicht die traurig-falsche Scham deS Großstadtmenschen, ungefragt und ungebeten zu kommen und zu helfen? Konnte unsere Menschenliebe nicht von selbst den Weg finden?" Statt „ungefragt und ungebeten" zu helfen, hat gar mancher durch gehässige Reden, durch abweisendes Benehmen, durch Verweigerung erbetener Hilfe he« anderen vielleicht noch tiefer ins Elend getrieben, ihm den Entschluß des Sterbens erleichtert. Es ist sicherlich richtig, daß man in jetziger Zeit nicht allen, die unverschuldet in Not und Bedrängnis geraten sind, helfen kann: die hierfür nötigen Mittel aufzutreiben, ist unmöglich. Aber einen Teil der Sorgen ist jenen Unglücklichen schon avgenomme«, wen» sie Mitgefühl, guten Rat und tatkräftige Unterstützung Vet klugen und wohlwollenden Freunden finden. Da können durch persönliche Intervention Gläubiger von verhängnisvollen Schritten abgehalten werden; man kann größere Aufträge verschaffen, die die momentane Stockung beheben; vor allem kann durch sofortige Bezahlung aller laufenden Rechnungen den Geschäftsleuten, den Handwerkern ein unschätzbarer Dienst geleistet «erden — solches „Eingreifen" ist wohl gar vielen möglich, wenn sie nur guten Willens sind. Manche Existenz wäre zu retten, vielen würde neuer Mut zum Wetterkämpfen otngeflößt werde«, wenn sie das Gefühl hätten: „GS wird wenigstens der Versuch gemacht, dir beizustehen. ES verschwört sich nicht die ganze Welt gegen dich!" In diese- Kapitel gehören auch die leichtfertigen, oft jeder Grundlage entbehrenden Redereien: wte: A. steht schlecht! B. soll nächstens Konkurs machen! C. wirb GeschäftSanfstcht beantragen müssen!" Man weiß, mit welcher Schnelligkeit sich solche Gerüchte verbreiten, wie urteilS- und gedankenlos sie geglaubt werden — man kennt die Folgen solcher Quertreibereien: Banken hören davon und kündigen den Kredit, Lieferanten werden stutzig und stellen die Lieferungen ein, ängstliche Gläubiger beginnen zu drängen — daS Unglück ist fertig — der Krach ist da! Paßt auf jene gewissenlosen Verbreiter solcher Tartarenmeldungen nicht die Zuschrift, die kürzlich in der (5. B.-Zeitung zu lesen war: „GS ist nicht immer die materielle Not allein, die die Verzweifelten und Verzagten zwingt, daS Leben von sich zu werfen und allen Kampf ums Dasein und aller Qual zu entfliehen. ES ist nicht die Sorge allein um den kommenden Tag, sondern in vielen Fällen die Hetze, mit der die in Verzweiflung Ringenden rücksichtslos von ihren lieben Mitmenschen verfolgt werden, bis ihnen kein anderer AuSweg übrig bleibt, alS sich in ein besseres Dasein zu flüchten." Unb wenn nun einer, der sich und sein Unternehmen ruiniert steht, der durch widrige Umstände um die Frucht eines mühe- und arbeitsreichen Lebens gebracht ist. der. zermürbt und zerbrochen, nicht mehr die Kraft unö die Nerven hat, neu zu beginnen, sich sagt: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende," dann beugt euch schweigend vor der Wucht dieses Schicksals, verachtet nicht den Unseligen, der ein Leven von sich wirft, daS ihm nicht mehr lebenswert erscheint. Dünkt euch nicht besser, wie jener stille Schläfer auf der Bahre, weil glücklichere LebenSumstände euch solche Probleme und Kämpfe ersparten. „Beurteile und verurteile niemanden, ehe du nicht selber in seine Lage gekommen bist." Diesen weisen und von tiefster Seelenkenntnis zeugenden Ausspruch tat kürzlich der Großpräsident der deutschen B. B.-Logen, Herr Rabbiner Dr. Baeck, anläßlich einer von sieben Berliner Groß-Logen veranstalteten Kundgebung gegen die sich häufenden Selbstmorde jüdischer Mitbürger. Sowohl diese Kundgebung, wie vor allem diese einsichtsvollen Worte sollten uns zu denken geben. Mit den letzteren wollen wir diese Betrachtung schließen und unseren Glaubensgenossen nochmals zurufen: „Brecht nicht den Stab über jene, die. an Gott und den Menschen verzweifelnd, in Hvffnuug§- und Mutlosigkeit, nur noch einen Godan«ken fassen konnten, einen Ausweg offen sahen: „Einen Weiser seh' ich stehen, unverrückt vor meinem Blick. Eine Straße muß ich gehen, die noch keiner ging zurück!" Kaiendarivm für die Zeit vom 15. Z. b. 2». 3. 1926 . März 1026 Abar 8686 Sonnabend 18. 27. Neumondwoihe Wochen-Abschnitt Wamkbel-Pkude Hastarah: Ezechiel, Kap. 45,16-46,18 Sonntag Montag 14. 15. Jom Kippur Koton Nissan 5686 Dienötaa 16. 1. Rosch Ehodisch Mittwoch 17. Donnerstag 18. 3. Freitag 19. « Sonnabend 20. 5. Wochen-Abschnitt: Wajtkro (3. B. M. Step. 1—5) Haftarah: Jesaja Kap. 43, 21—28; 44, 1-33 Hermann Leon in München daS damals noch hart widerstrebende deutsche Publikum zur Wagnerbegeisterung bekehrt und hat als Erster in Bayreuth den Parsival mit nie wieder erreichtem schöpferischen Einfühlen der Welt diese Musik vermittelt, in der daS tiefste Mysterium des Christentums mit algermanischer Mystik sich verbindet. Wir hatten hier in Berlin den von Wormser jüdischen Eltern geborenen Leiter deS Sternfchen Konservatoriums: Friedrich Gernsheim, der daS ihm von Paris gemachte großzügige Anerbieten ablehnte, weil er sich von seinem deutschen Baterlanüe nicht trennen konnte; hatten Siegfried Ochs, Mahler und den unvergeßlichen Josef Joachim! Namen, die jedem auf musikalischem Gebiet Interessierten bedeutungsvoll und geläufig sind. Nicht allen aber dürfte der Name Leopold Damrosch bekannt sein, des Gründers und Leiters der Metropolitain-Oper in New Dort. Dieser Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Posew ist der Pionier deutscher Tonkunst für Amerika geworden: Was das deutsche Drama der genialen GestaltuygSkraft jüdischer Darsteller und Darstellerinnen verdankt, werben selbst unsere Feinde nicht zu leugnen wagen. Alle die großen Gestalter semitischen Blutes, die als Helden und Heldinnen über die deutschen Bühnen geschritten sind, von Lewinski. Sonnenthal und Dessoir an über Kainz, Darnay und Siegwart Friedmann bis zu den heute Lebenden, die aus begreiflichen Gründen nicht immer älS Juden erkannt sein möchten, sic haben mit der Glut ihreS semitischen Temperaments daS kühl abseits stehende deutsche Publikum an die Herzen der deutschen Dichter gerissen, haben tausendmal unter tiefinnerster eigener Entsagung dem Sehnen des Autors zur Erfüllung verholten. Daß sie aber eine geeignete Stätte fanden, ihre Kunst vor der Oeffentlichkeit auszuwirken, daß ihre Begabüng und die von zahllosen noch im Dunkel ringenden deutschen Dramatikern rechtzeitig erkannt wurde, das möge man gerechterweife dem Konto jener Bühnenleiter jüdischer Abstammung auf die Kreditseite schreiben, die wie Otto Brahm, (er hieß eigentlich Abrahamsohn und stammte auS Hamburg) mit gewaltigem Faustschlag der Herrschaft des französischen Schauspiels auf den deutschen Bühnen ein Ende bereitet und den besten Dichtern des eigenen Lande-, Lebenden und Toten, zum Siege verholfen haben. Und wenn heute die Völkischen versuchen, ein juöenreineS Theater zusammenzubringen, so können wir Juden wirtlich lachend abseits stehen und kühl RS anS Herz hinan auf dessen fttfc« Erfolg warten» Eines Mannes aber möge hier noch gedacht sein, dessen einst hoch gefeiertes LebenSwerk von den heutigen bereits wieder vergessen oder gar bespöttelt wird: Ludwig Chronegk. olS Sohn eines armen jüdischen Schneiders in Brandenburg a. d. Havel geboren und, mit Orden und Auszeichnungen fast aller europäischen Fürstenhöfe überschüttet, als Jntendanzrgt öeS Herzogs Georg von Meiningen gestorben. Mag der Stil der von ihm ins Leben gerufenen DarstellungS- und JnszenierungSkunst naturgemäß beute von anderen Stilen verdrängt worden sein: man darf doch getrost behaupten, daß daorganisatorische Genie Ludwig Ehronegr- und seine Meininger den Boden bereitet haben, auf dem der Hockstand heutiger deutscher Bühnenkunst erblühen konnte. Wir haben auf fast allen Gebieten der Wissenschaft Gelehrte jüdischer Abstammung gehabt, die durch Erfindungen und Forschungsergebnisse die deutsche Wissenschaft für Jahrhunderte gefördert haben. WaS besonders jüdische Aerzte als Chirurgen und Kliniker von jeher geleistet haben, ist zu vekannt, um hier noch einzelne Namen uemien zu müssen, Namen, die ohnehin in den dankbaren Herzen der von ihnen Geheilten weiterhallen. Wir haben bei fast allen deutschen Gerichten Inden alS Anwälte gehaR, die ssch selbstlos für Tausende armer Schlucker von Angeklagten mit der uns Juden eignenden Denkschärfe und Beredtsamkeit eingesetzt unö so oüS eingeborene natürliche RechtSgesühl des Volkes vor Schädigung bewahrt haben. Auch ihre Namen waren und sind ihren Zeitgenossen geläufig. Einen Namen nur möchte ich hier noch nennen, weil durch die stille Selbstbescheidung seines Trägers sein Anteil an der deutschen Gesetzgebung an wenig bekannt geworden ist: der in Danzig geborene Professor Levin Goldschmidt, drr gleich nach 1370 an der Schaffung des deutschen Handelsrechtden Hauptanteil hatte und durch seine universale Behandlung dieser Materie dem deutschen Welthandel das Vertrauen -es Auslandes gewinnen half. Auch war er es, der immer wieder auf die Notwendigkeit eines deutschen Zivilgesetzbuches hinwies, das dann auch mit 1900 als Bürgerliches Gesetzbuch in die Erscheinung getreten ist. Und noch einer, ebenfalls -aS Kind einer hochangesehenen jüdischen Kaufmannsfamilie in Danzig, dessen Tob fern von der deutschen Heimat, an der er mit unendlicher Liebe hing, während öeS Weltkrieges im Getöse des Schlachtendonners allzu spurlos verhallt ist: indes hier die Schlacht an der Somme tobte, schloß drüben in Amerika der Harvard-Pro- . jestor Hugo Münsterberg die Augen, Sozialethiker und. Nationalökonom, der wie kein Zweiter in de» Jahren deS BerleumdungfelözugeS der Entente für deutsche Ehre und die deutsche Sache in Amerika gekämpft hat, der sich mit voller Ueberzeuaung vor einer Welt von Feinden für die Schuldlosigkeit Kaiser Wilhelms am Entstehen des WeltVranbeS eingesetzt hat und immer wieder mit schlagenden Argumenten die Sinnlosigkeit der feindlichen Anschuldigungen darzutun suchte. Der Kaiser — er hat die Bedeutung jüdischer Begabungen wohl zu schätzen gewußt und hat eine» Albert Ballin seiner Freundschaft gewürdigt, so laut seine erblichen Stützen von Thron und Altar auch dagegen zeterten; Albert Valttn hat als Leiter der Hamburg-Ämerika-Linie die deutsche Handelsschiffahrt, die dem Kaiser so sehr am Herzen lag. btS in die fernsten Meere zu Glanz und Ansehen gebracht. Auch Walter Rathenau hat einst die Beachtung deS Kaisers gefunden, Walter Rathenau — einer der feinsten Geister unserer Zeit, der tiefsten und eigenartigsten Denker in deutscher Zunge, der die ganze Weltkriegszeit über seine Kraft unö Zeit der Verwaltung der KriegSroüstoffgesellschaft gewidmet hat, um dem deutschen Wirtschaftsleben alle nur erfaßbaren Rohstoffe zuzuführen. Hier sei nun auch ihrer noch gedacht, die auf dem Gebiet, daS von jeher ureigenster Wirkungskreis der jüdischen Frauen war, der sozialen Lievestäiigkeir, AuswürtStremendeS und Bedeutendes geleistet haben: die jüdischen Borkämpferinnen der dernschen Frauenbewegung Henriette Golöschmidt und Lina Morgenstern, die während des Truvpenausmarsches 1870 von Bahnhof zu Bahnhof eilend, die Berpffegung der Tausende von durchziehenden Truppen so vortrefflich geleitet hat, baß sie die Freundschaft der alten Kaiserin Augusts fürs Leben gewann (die ihr sp.ter Geld zur Verfügung stellte, alS Lina Morgenstern alS erste die Berliner Bolksspeisungen ins Leben ries). Und die letzte deutsche Kaiserin, Auguste Viktoria, der man sonst wirklich keine Judenfremrdlichkeit nachsaaen konnte, hat von einer Frau ähnlichen Kalibers, von Johanna Abraham gesagt: „DaS ist eine Frau nach meinem Herzen," und hat deren Bestrebungen der Kinderspeisungen und deS sozialen Kinöerschutzes aus alle?lrt unterstützt. Eine andere, die allzu früh verstorbene Jeanette Schwerin hat die ganze Lieveskraft ihres jüdischen Herzens daran gesetzt, die Lage der deutschen Arbeiterin zu verbessern. Wohin wir blicken, eine Füll« von Ramen und Persönlichkeiten jüdischer Herkunft, die an der deutschen K»rltur mitgearbeitet, mirgebaut, die. sie geliebt und in der Welt verbreitet haben. Sind wir Parasiten?