Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 9 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Drei alte Estherspiele. Von Dr. L. Loerve. Die Purimgeschichte. die Erzählung von der Königin 'Esther, von Hamann und Mordechai. ist oft genug dramatisch behandelt worden, und wurden aus ihr auch nicht so vollendete. hochkünstlerische Werke,, wie a B. aus dem Thema „Judith" oder „Salome" — so behauptet doch auch die schlichtere, ruhigere Handlung ihren Platz in der Weltliteratur, von Hans Sachs an über Racine's klassisches Drama bis zu Grillparzers Esthersragment. Im Grunde ist ja allerdings die Esthergeschichte an und sür sich durchaus nicht dramatisch, irgendwie interessant durch Konflikte oder feelrsche Kämpfe — es ist vielmehr eine Art Legende oder Märchen: die böse, stolze Königin wird verstoßen, ein gutes, sanftes, frommes Mädchen wird an ihrer Stelle zu Glanz und Herrlichkeit erhoben, gleich dem deutschen Märchen von der Gänsemagd, die Königin wird: und da ist auch der böse Verleumder, der den guten, frommen Mann ins Unglück bringen will, der aber, wie immer im Märchen, seine gerechte Strafe bekommt und an den Galgen gehängt wird — das alles ist mehr kindlich-märchenhaft als dramatisch. So ist *8 auch zu verstehen, das; der Wert der alten Estherspiele künstlerisch eigentlich gleich Null ist: und doch möchte ich hier von ihnen berichten, schon nm ihrer originellen Züge willen. Da käme als erstes der chronologischen Anordnung nach die „Comedia von der He st er" von Hans Sachs aus dem Jahre 1530. Der vollständige Titel lautet: „Das erste Buch, sehr herzliche, schöne und warhaffte Gedichte, geistlich und weltlich allerlev art als ernstlich Tragedien, liebliche Comedien. seltzam Spiel, kurtzweilige Gesprech sehnliche Klagreden, durch den sinnreichen und weitberümbten Hans Sachsen." — In diesem Spiel, das im ganzen recht kurz und etwas trocken die Geschichte der Esther behandelt, ist vor allem interessant das Hineinsetzen in das deutsche Milien, in das Mittelalter mit seinem Rittertum, seinen Turnieren und Festen. Der Könia Ahasveros hat seine Gäste geladen und sagt zu ihnen: „Ihr lieben gctreven seht euch zu Tisch, Seit guter Ding und lebet frisch, Hernach wöll wir tantzen und stechen Manch ritterliches Speer zerbrechen.^ Als Esther den König und Hamann einlädt, sagt der Narr (der ganz als mittelalterlich-deutscher Hanswurst eingeführt wird): „Essen, trinckeu und panckatieren, Loh ich für rennen und thurnieren Für tantzen und für saitenspiel Der keines freuet mich als vil!" Dieser Narr wirft auch in altkluger Weisheit gern mit Sprichwörtern um sich, die er dann an passender oder unpassender Stelle in seine Reden einflicht: so bemerkt er, als Hamann zum Galgen verurteilt wird: „Ich wolt dirs vor wol gesaget haben: Du würdst dir selb ein gruben graben, Und würdst selber darein fallen, Gschech solchs den Ohrenblesern allen!" — Dann hat der König dort eine richtige Kanzlei, in der mittelalterlich Briefe und Siegel verfaßt werden. Als er seinen ersten Befehl, die Juden töten zu lassen, widerruft, befiehlt er seinem Diener: „Nun schreibet selb' Brief wie ir wölt. Für die Jüöen, wie euch gefeit. Ein jedem Land in seiner sprach ' In meiner Caetzeleg darnach Unter dem königlichen namen, Bersiegelt's mit meim Ring altsamen „.^..Das alte Mandat zu revozieren!" Und am Schluß sagt Mordechai (hier „Mardocheus" ge- Heißen): „Das soll forthin genennct sein Die Fassnacht allen Juden gemein, Des wöl wir uns fröhlich ermeyen. Mach aufs, Spielmann ein züchting reycn, Auff daß wir uns alle erfreuen!" Also mit der „Fastnacht", die noch heutzutage so lustig in Süddeutschland gefeiert wird, mit deutschen Spielmannsweisen und Tanz unter der Linde endet das Spiel- Ganz anders ist das Stück des Balten Voith (Valentin Voigt), des Rektors eines Magdeburger Gymnasiums. der von 1487—1550 lebte, und dessen „Esther" aus dem Jahre 1538 stammt. Er nennt es: „Ein sehr schön, lieblich, nützlich und tröstlich Spiel, aus der heiligen schrifft und dem buch Esther, in kurtzen reim gesetzt, darin an gezeigt wird, wie Gott allezeit die Hoffart und den eigenwil, die Demut und Gvttfürchtigkcit der bösen und frommen menner und weiber gestrafft und belonet hat." Ans diesem Titel erkennt man schon den theologischethischen Zweck des Ganzen: der gute Herr Rektor schrieb es zur Belehrung und Erbauung seiner Schüler, die es dann auch zur Aufführung brachten. Voith hält sich ebenso wie Hans Sachs ganz an die Bibel und ahmt sie fast sklavisch nach im szenischen Aufbau. In der naiven Art des mittelalterlichen Dramas (wie wir es jüngst übrigens im altchinesisch-nachgeahmten „Kreidekreis" wiederfanden) stellt sich jeder Darsteller persönlich vor und rückt seine Borzüge in möglichst günstige Beleuchtung: „Ahasveros bin ich genant, Ein könig, weit und wol bekant; Die Indier bis an die Mohren Unter mein gepiet gehören." Vasthi ist äußerst energisch. Bon sieben Kämmerern aufs inständigste gebeten, doch vor dem König zu erscheinen, antwortet sie im Zorne: „Fürwahr, der hats getroffen wol, Ein Prophet er mir wol sein svl, Jst's nicht bescheid genug gesagt? Ich wil nicht komm endieseu tag'.!" Gemäß der theologischen und moralischen Bestimmung des Dramas ist „Mardachoy" äußerst fromm: „O Gott von hohem himelreich, Auff erd ist niemands, der dir gleich. All Ding regirt und stet erhelt, Machet mit jedem, wie dirs gesell. All Ding, die stehn in deiner Hand . . und Esther ist die Bescheidenheit selbst: „O Gott, mein höchste Zuversicht, Wie kom ich zu dieser gschicht, Das ich, ein armes meidelein Nu soll ins Königes Hofe, sein! . . Selbst „Hegai der Kemrer" stimmt mit ein in diesen Bet- und Psalmenton: „O Gott, wer kan dein wunderhtat Auff erdt ersehen und dein gnad, Die du erzeigst ganz miltiglich Dem Menschen, auch barmherziglich." Bei Voith, der im Grunde „Schul — meister doch kein Poet dazu" — ist, finden sich manchmal geradezu furchtbare Verse. So folgende Worte Esthers: „Ich danke dir, ewiger Gott Bor deine gut und gaben groß! Was bin ich armer erüenkloß (!) Daß du mich auch so reichlich zierst. Autz tiffem schäm zu ehren fyrst? — Ach Gott, nn schiüs zu dieser fort, Daß ich komme zum König zart (!)" usw. Das ganze Spiel ist, wie sich am Schlüsse, in einer Art Epilog zeigt, ganz symbolisch aufzufassen. Das Mahl des Ahasveros ist das Mahl, zu dem Gott die Menschen einladet. Esther vertritt die Menschen, die der Einladung folgen, Vasthi die. die sie verschmähen: „Als nn die mahlzeit war bereit Gefordert wert an unterscheit Ein jeder, wer nn komen will" . . . usw. Und nach dieser erbaulichen Symbolik werden noch acht Lehren gegeben: so ist Esther das Bild aller braven Ehefrauen, und an ihrem Beispiel sollen die edlen Frauen lernen, stets ihren Männern gehorsam zu sein — eine nützliche Lehre — aus dem — Mittelalter! Das dritte der Spiele stammt von Marcus Pfeffer „aus der löblichen Stadt Braunschweig" und ist 1621 geschrieben. Pfeffer ist ein Schreib- und Rechenmeister, der „seine Comediam" — „in tentsche Reim gesetzt und zusammengetragen, um es mt den dicipulis zu agirn". (Die einzige Ausgabe dieses ganz interessanten Stückes befindet sich übrigens in der hiesigen Staatsbibliothek.) Pfeffers Spiel ist breiter angelegt als die beiden ersten, so ergeht hier zum Beispiel eine lange Einladung an die Fürsten, sich zum Königsmahle einzüfinden. Wie bei Hans Sachs begegnen wir hier einem Narren Heinz, cher durch seine frischen Reden Laune und Humor in die Handlung bringt: gut essen und trinken ist ihm die Hauptsache, und kaum kann er es erwarten, daß die Schüsseln aufgetragen werden: „Herrle, du sagest gute Mär, Der Magen ist mir worden leer, Und Hub mir unlängst an zu brummen, Ich will den Truchseß heißen kommen." — — Ein Intermezzo bildet eine Reihe von derben Prügelnnd Schimpsszenen in niederdeutscher Sprache zwischen einem Bauern und einigen Hofleuten. Derb ist aber bisweilen auch die Sprache des Königs, er nimmt kein Blatt vor den Mund, ja, im Zorn über Vasthis Ungehorsam wird er sogar „saugrob": „Erzeigstu mir nicht besser Ehr? Pack dich von mir, du störrischer Kopf. Das Maul sott dir werden gestopft!" — so spricht er zur Königin! — In vielen anderen Versen, in den frommen Worten Mordechais im zweiten Akt, in der bescheidenen Sprache Esthers usw. finden wir eine starke Nachahmung von Voith. — Interessant ist vielleicht noch. daß Satanas, der Teufel der alteu Mysterien und Puppe«" spiele, sich auch hier einmischt und zwei der Diener überreden will, den König zu erstechen; smen sehr gewichtigen Grund» auch Esther bann zu beseitigen, flüstert ihnen der „Böse" ein: „Wann nun kein König ist im Land. So wärs dem gantzen Reich ein Schand, Daß man soll lassen Königin seyn Ein Jüdin — das wär ja nicht fein — Am Schuss« zeigt sich Ahasveros recht zufrieden, daß seine Wahl auf Esther gefallen ist: „Wo Zucht und Ehr im Hertzen ist. Das zeigt dies Angesicht zur Frist. Die Vasthi das ihr Tag nicht that, Wenn sie mich gleich um etwas bat. Daß sie auch einst wär worden rot, Wie dies Unschuld und züchtig Blut." , — Ich hoffe, mit diesen kurzen Ausführungen eme Idee von den drei alten Spielen gegeben zu haben. Bei dem Mangel an geeigneten Purimspielen würde sich mellercht erns von ihnen — am besten wohl das letzte, da es buntesten und abwechslungsreichsten ist — in seiner derben Fastnachtsstimmung als lustiges Festspiel zu Purim eignen. Goethes Ahasverus-Spiel. Bon S. Meisels. Als vor einigen Jahren das Manuskript von GoetheO Jugenddichtung „Joseph" aufgefunden wurde, wies ich irr einem Aufsatz darauf hin, daß Goethe zu seiner Josephdichtung ein im Frankfurter Judendeutsch abgefahtes Josephspiel als Quelle benutzt oder gar von einer Ausführung dieses Spieles am Purimfeste die Anregung empfangen haben konnte. Für diese Annahme lassen sich wohl keine Beweise, aber einige Stützpunkte beibringen, die so beweiskräftig sind, daß sie die Vermutung nahezu zur Gewißheit steigern. Gerade in Frankfurt a. M., der Vaterstadt Goethes, in der er seine erste Jugendzeit verbrachte und mir der Empfänglichkeit der Jugend mannigfache, bis in das späte Alter nachwirkende Eindrücke empfing, war bereits im Jahre 1710 ein Spiel „Die Verkaufung Josephs" erschienen und gerade dort wurde das Josephspiel alljährlich am Purimseste von jüdischen Wanderstudenten aufgeführt- Dieses Josephspiel, ein ernstes, beinahe schon rührseliges Stück, das einige recht eindrucksvolle und zum Teil sogar dramatisch wirksame Szenen und Bilder ausweist, war bei den Juden jener Zeit sehr beliebt. Es ist leicht möglich, datz Goethe das Josephspiel im Originale gelesen oder gar dessen Ausführung beigewohnt hat. Goethe lernte in seiner Jugend nicht nur fleißig Hebräisch (er las das Alte Testament im Urtext), sondern auch Jiddisch: er hatte sogar einen eigenen Lehrer, der ihn im Jiddisch, das heißt im damaligen Frankfurter Judendeutsch. unterrichtete. Er brachte es darin so weit, daß er das Jndendeutsch sowohl lesen als schreiben konnte. Den ersten Roman, den Goethe in Verfolg seiner Sprachbeschüftigungen und um seinen „Anteil au den Gegenständen nicht zugleich mit den Stunden zu verzetteln" abwechselnd in mehreren Sprachen schrieb, war in Deutsch, Latein, Englisch, Französisch, Italienisch und — Judendeutsch abgefaßt. In „Dichtung und Wahrheit" berichtet Goethe hierüber recht ausführlich. Für Goethes lebendiges, ungemein stark entwickeltes Sprachgefühl ist es besonders kennzeichnend, daß er Hebräisch in erster Linie nur deshalb eifrig trieb, um zur vollen Beherrschung des Jndendeutsch vorzndringen: er wußte also, daß zum Verständnis des „barocken Judendeutsch" die Kenntnis des Hebräischen unerläßlich sei. Zieht man all dies und dazu noch alles das in Betrachtwas Goethe selbst im vierten Buch von „Dichtung und Wahr» heit" über seine Frankfurter Lehrjahre und Jugend einbrücke mitteilt, so hält es durchaus nicht schwer, auch zwischen dem Fastnachtsspiel „Das Jahrmarktfest zu Plundersweilern" und den jüdisch-deutschen Achaschwerosch-Spielen eine (wenngleich nur weitläufige) Verwandtschaft zu entdecken. Von dem Achaschwerosch-Spiel, das wie das Joseph-Spiel ebenfalls in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Frankfurt a. M. erschien, sind mehrere Bearbeitungen vorhanden: später wurde es als literarische Seltenheit auch in deutscher Schrift gedruckt. Daß das Stück in Frankfurt a. M. auf» geführt wurde, wird dv.rch eine Gemeindechronik bezeugt: die Gemeindechronik weiß nämlich zu berichten, daß der Vorstand der Frankfurter jüdischen Gemeinde eines schönen Purimtages — man weiß nicht, ob aus religiösen oder politischen Gründen — die Aufführung untersagte und die gedruckten Exemplare verbrennen ließ. In Goethes „Jahrmarktsfcst zu Plundersweilern" ist die Ahasverus-Szene wie ein Seitenstück hineingebaut, es ist ein Schaustück in der Farce, es bringt eine ernste Miene ins heitere Spiel. Schäle man die Handlung des Ahasverus aus dem Jahrmarktsfest heraus, so hat man ein echtes und rechtes, wenngleich nur fragmentarisches Ahasverus-Spiel. Das Ganze ist ein er- Wandervorstellungen russisch-jüdischer Gpernsänger. Der prominente indisch-russische Opernsänger A. Dawiöow. der unlängst eine Tournee durch Europa mtb Amerika machte, erzählt in einer jüdisch-amerikanischen Zeitung nachfolgende spaßige Bvrkricgscpisodc: Es war gerade Pnrim-Zeit. als wir nach Merul. einer Stadt in der Kaspischen Provinz, kamen. Gemeinsam mit Lubimow begaben wir uns zum Jssprawnik (Landespolizeihauptmann). Nach langem Hin- und Herreden meinte der Jssprawnik: „Sie können ihre Bvrstellnmcn nur in der italienischen Sprache aufführen! Während der „Fastzeit" sind Aufführungen in der russischen Sprache verboten." „Wenn es so ist, werden wir in der italienischen Sprache singen" antwortete Lubimow. Er vergalvppierte sich mit dem Italienischen so, daß ich fast mit einer Lachsalve hcrausaeplatzt wäre Woher sollten wir jungen Kleinstädter die italienische Sprache nicht beherrschen, dies wäre noch verständlich. Aber ebfolgte Lubimow uns eine Portion Moral. ..Wer hat denn schon so etwas gehört, daß Opernsänger nicht zwei Worte Italienisch beherrschen? Es wäre einfach eine Schande. Es mag sein, daß russische Schauspieler die italienische Sprache nicht beherrschen, dies wäre noch verstänadlich. Aber unser Bruder „Achejno bne Israel"? . . . Wir müssen alles können!" Er ließ niemanden zu Worte kommen und sagte: „In der Sonntagsvorstellung müßt ihr alle den „Faust" in Italienisch beherrschen!" Damit verließ er das Zimmer, uns betrübt und in Verzweiflung znriicklasscud. Am Sonnabend kan» er zu der Probe außer Atem angelanfen: „Ich Hab's erwischt, es ist das „Ehrenwort" Aus der Brusttasche zoa er ein fcingebnndenes Buch, und wir waren sicher, daß dies entweder ein italienisches Wörterbuch oder irgendein Buch umr, das etwas mit der italienischen Sprache zu tun oder gemein hatte Er verschloß die Türe und legte dann eine-Bibel vor uns bin. Er blätterte und blätterte, dann hielt er bei einem Kavitel vom „Hohen Lied" inne und sagte: „Dies sind die schönsten Worte, übt diese, und mir sind gerettet". Im Moment glaubten wir. daß Lubimow von Sinnen sei oder Gott weiß was: doch ließ er uns nicht lange Nachdenken: -„Kinder, warum versteht ihr nicht? Es wäre doch traurig, wenn der Kerl uns nicht erlaubt zu »'vielen. Er erlaubt uns Italienisch zu singen, das ist doch ein Glück, da er weder die italienische noch die hebräische Sprache versteht. Wir müssen die paar ersten Worte im ersten Bild so singen, daß er einfach nicht weiß, was los ist. Nach dem ersten Bild wird er schon im Erfrischnngsranm weilen, das sagt doch seine rote Nase. — —" Wir begannen die Vorstellung in Szene zu setzen. Benjamin Sangurski. der Bassist, der die Rolle des „Mephisto" zu singen hatte und ich der die Rolle des „Faust" sang, konnten den ganzen Sonntag keine Ruhe finden, da wir in das erste Feuer kommen sollten . . . Wir hatten einige Worte ans dem fünften Kapitel des „Hohen Liedes" eingeübt: Komm in meinen Garten, mein Liebchen. Als der Vorhang aufgtna. war das Theater mit Militärs, hohen Beamten und russischem Volk vollgepfropft, und in der ersten Reihe saß er selbst, der Jssprawnik. Lubimow war hinter den Kulissen: er sprach mir Mut zu. Doch ich zitterte am ganzen Leibe. Ich ging einige Schritte auf die Bühne zu. doch konnte ich den Mund nicht auftnn und hatte wie > vertiert, den Vers aus dem „Hohen Lied" vergessen. Es fing an. mir schwindlig zu werden, doch kamen einige Töne heraus: -A—klv—g zu mein Kopf, a—klo—o—g zu meine Iah—ren. da—ß wir I—ta—lie—nisch singen müssen. Ich schmückte cs noch mit einem wirklichen italienischen Vers: Iniento inwando locke bamo. Sangurski antwortet mir: I—Ä bi—u da Warum äug—ste—test du di—ch. la—che! vv—on ihm und schloß mit dem zweiten Vers aus dem „Hoben Lied": Ich schlafe, doch mein Herz ist wach— ischnkeni-— Als wir mit dem erste» Bild zu Ende waren, zitterte das Theater von dem stürmischen Applaus, so daß uns schwindlig wurde. Während der Pause erschien der Jssprawnik mit Lubimow Arm in Arm hinter den Kulissen, drückte uns warm hie Hände und sagte: Das war aut! Bravo, wahrer italienischer Akzent.-Und als Lubimow ihn aufmerksam machte, daß wir die italienischen Rollen innerhalb zwei Tagen einstudiert hatten, sagte der Jssprawnik mit Stolz: „Unsere russischen Leute sind fähig, das ist eine bekannte Sache! Nach der ersten Paus« führte L-uibimow den Jssprawnik zum Erfrischnngsranm und die Borstelluna nahm einen ganz gemischten Verlauf. Rnssisch. Italienisch. Hebräisch und Jiddisch wurde durcheinandergesungen. Noch nie hatten wir einen so kolossalen Erfolg gehabt wie dieses Mal. Wahrscheinlich haben die Verse aus dem „Hohen Lied" dazu bei» getragcn. Die übrigen Vorstellungen während der großen Fasten sind in der russischen Sprache gesungen worden. Der Jssprawnik lernte inzwischen eine Choristin unserer Truppe kennen und hat weder von unseren Vorstellungen etwas gesehen noch gehört —. Lubimow Ansehen ist seit dieser Zeit in unseren Augen sehr gestiege i und sein Spruch: „Mit Dreistigkeit kann man in Rußland alles erreichen" ist von unseren Livven nicht verschwund u. Deutsch von L. Wolfs. Scheffel und die Juden. Von Professor Dr. Eugen Wölbe. Die jahrhundertlange Leidenszeit unserer Glaubensgemeinde hat in uns Juden eine gewisse Reizbarkeit, vielleicht sogar Ueberempfindlichkeit erzeugt, so daß wir ttt der — vielleicht unbeabsichtigten — Verspottung von Glaubensgenossen durch Menschen, die wir liebhaben, gleich die Aeußerung von Hatz und Vorurteil erblicken. Wollten wir manches Wort, das ein wirklicher Dichter oder eine andere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in überschäumender Jugendlust hinwarf, gleich für alle Zeit als judenfeindlich festnageln, so würde manches Idol von seinem Sockel stürzen. Der unvergleichlich edle Feldmarschall Graf M o l t k e — eine Persönlichkeit von wahrhaft antiker Größe — hat als junger Leutnant „Briefe über Polen" veröffentlicht, in denen die polnischen Juden nicht sehr glimpflich wegkommen. In späteren Auflagen hat er alle Stellen dieses Buches beseitigt, aus denen man auch nur den leisesten Zweifel an seiner durchaus judenfrenndlichen Einstellung entnehmen könnte. Ebenso ist der „tolle Bismarck" aus