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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-26 · 9 (26.2.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
9 (26.2.1926)
Date
1926-02-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MMÜbemleZelkma Organ -er Vereinigung für das liberale Lu-enium e. V. Bezugspreis durch die Veschästsstelle jährlich Sk. 2.80 Liuzelmrmmer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,28 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeilragenthalten, z s Chefredakteur: Dipl-Ing. Bruno Doyda. vls „Jüdifch-Nvsraltz Jsitung" erscheint jeden Srettag. Nodaktlon u. SesihüttssteNe: Berlin SW, Wilhelmflr. 147. Sernnsf: Bafenbeiöe 3358, 3359 Poftfcbecfefeonto: Berlin nW7 Nr.ir/oas (Vereinigung für Vas liberale Judentum Nacfydrucfc (Amtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0-13 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei r: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: jüdisch -liberale Zeitung" Znseratenabteilung: Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147 (Hafenheide: 3388—59). sowie fLmtl. Annoueen-Exped. Nr. 9 Berlin, 26. Februar 1926 6. Jahrgang Das Purim-Fest. Das Buch der Versuchung Von Rabbiner Dr. B r u n o I t a l i e n e r, Darmstadt. Daß jede Zeit die Bibel mit ihren eigenen Augen dnschaut, jedes Geschlecht daher im Grunde seine eigene Bibel Hat, kommt einem besonders deutlich zum Bewußtsein. wenn man die Erklärungen liest, mit denen rnan früher — etwa zu talmudischer Zeit — das Estherbuch schmückte, und wenn man damit die Art vergleicht, in der man heute zu den Gestalten der Esthergeschichte Stellung nimmt. Liest nran die kurzen Predigten, die uns im Talmudtraktat Megillah (von 10 b ab) zum Estherbuche überliefert sind, so ist das erste, was einem auffällt, der völlig unkritische und ungeschichtliche Sinn, mit dem unsere Lehrer den geschilderten Ereignissen und Personen zum großen Teile gegenüberstehen. Während für uns sämtliche Gestalten der Bibel Mengen find, mit bestimmten Tugenden und Fehlern, Menschen, die den Stempel einer bestimmten Kulturepoche an sich tragen, werden sie den Lehrern des Talmud vielfach zu bloßen Typen, zu Trägern einer bestimmten Weltanschauung. Das hat zwar den Vorteil, daß die Ideen, als deren Verkünder die betreffender) Menschen gelten, anschaulicher, lebendiger hervortreten. hat aber den großen Nachteil, daß die Menschen selbst verblassen: sie werden zu bloßen Schemen, zu Gestalten der Phantasie, die völlig wirklichkeitsfremd, im Guten wie im Bösen, so im Leben niemals zu finden sind. Dementsprechend erscheinen in den Erklärungen unserer Lehrer vielfach die Juden — beispielsweise Mardechai und Esther — fast als Jdealmenschen, als die Vollendung alles Guten, denen die Heiden — beispielsweise Haman und die Seinen, sowie Vasthi, die abgesetzte Königin, als vollendete Bösewichte, —- als der Inbegriff aller Schlechtigkeit gegeniüberstehen. Zwei Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. Megillah Fol. 10 b heißt es: „R. Samuel v. Nachmani legte seiner Predigt über das Estherbuch folgenden Bibelvers zugrunde (Ies. Kap. 55,13). Statt Dornen wird die Cypresse emporwachsen. Dornen — das bedeutet: statt Haman, des Bösewichtes ... die Cypresse — das bedeutet: Mardechai, ... statt der Nesseln — das bedeutet: statt Bastln, der Gottlosen,... wird die Myrthe emporwachsen — das bedeutet: Esther, die Fromme." An einer anderen Stelle (Megillah 11») heißt es: Raba legte seiner Predigt über das Estherbuch folgendes Bibelwort zugrunde (Spr. Sal. Kap. 29, 2): „Wenn die Frommen sich mehren, freut sich das Volk, aber wenn ein Bösewicht herrscht, seufzt das Volk." Wenn die Frommen sich mehren... das sind Mardechai und Esther,..., aber wenn ein Bösewicht herrscht, das ist Haman . . . Es ist nicht zu leugnen, daß solche Betrachtungsweise gerade vom religiösen Standpunkte aus ihre großen Gefahren hat. Wo die Menschen ihre Physiognomie verlieren, ivo sie, losgelöst von allem wirklichen Leben, uns nur als Typen entgegen treten, da ist den niedrigen Instinkten Tür und Tor geöffnet, da besteht die Gefahr, auf der einen Seite zu vergöttern und auf der anderen Seite nur zu verdammen. Wir haben es ja in der Kriegs- und Nachkriegszeit immer wieder erlebt: Der einzelne Franzose, der einzelne Deutsche wurde von dem Gegner, wenn er ihn kennen lernte, vielfach mit Achtung, ja Wertschätzung bewachtet, aber der Typ des Franzosen, der T y p des Deutschen war es — von den Zeitungen ins allgemeine verzerrt — der mit dem grimmigsten Haß verfolgt wurde. Uns Juden geht es so seit Jahrtausenden. Von dem einelnen Inden spricht selbst der fanatischste Judenfeind oft mit Anerkennung, aber „der Jude" als Typ ist es. der ihm als die Wurzel alles Nebels in der Welt gilt. Je krisenhafter eine Zeit ist, um so geringer ist im allgemeinen die Widerstandskraft der Menschen derartigen Versuchungen gegenüber. Das Buch Esther ist dafür besonders lehrreich. Es scheint, als ob dieser Teil der Heiligen Schrift dem »,Volk des Buches" von der Vorsehung aeradezu als Buch derVersuchungaus seiner Wanderung durch die Geschichte mitgegeben wäre. Im Gegensatz zu den anderen heiligen Büchern arm an direkten religiösen Lehren, soll das Buch Esther indirekt Israel religiös beeinflussen, soll es den Juden auf die Probe stellen, soll es erweisen, wie er, der immer wieder Angefeindete, Wn allen Völkern Wtzetzte. eine ErMlung gufnimmt, die ausnahmsweise einmal nicht nur von dem Leid, sondern auch von dem Siege Israels, ausnahmsweise einmal nicht nur von der Ohnmacht, sondern von dem Triumph der Juden zu berichten weiß. Die sittliche Aufgabe, die die Vorsehung Israel mit dem Estherbuch stellte, war um so größer, als es diese Geschichte fast immer in Zeiten las, in denen der Gegensatz zwischen der vorübergehenden Epoche des Glückes, von der das Estherbuch berichtet, und der tatsächlichen Lage der Juden besonders groß war. Man begreift die Liebe, mit der die Phantasie des Volks sich gerade mit den Gestalten der Esthergeschichte' beschäftigte, begreift es, daß die armen verfolgten Juden, die zuerst Bedrohten und dann so wunderbar Geretteten, zu Lieblingsgestalten wurden; versteht es, wenn die Gegenspieler der Erzählung, insbesondere Haman, der die Juden zu verderben trachtete, und am Ende in dem eigenen Netz gefangen wurde, als der Judenfeind, von den Geknechteten in den dunkelsten Farben gemalt, gehaßt, und daß sein Fall entsprechend bejubelt wurde, man versteht es, wenn als Niederschlag derartiger Stimmungen sich Aeußermrgen im Talmud finden, von denen wir zwei Proben vorstehend wiodergegeben haben, man versteht das alles, und doch — man ist enttäuscht. Denn man fühlt, wenn das die ganze Wirkung dos Estherbuches auf das Volk der Religion ist, dann hat es die ihm von der Vorsehung gestellte Probe nicht bestanden. Zum Gliick ist das nicht der Fall. In demselben Abschnitt des Talmud, aus dem die obenerwähnten Sätze angeführt wurden, stoßen wir auf andere Stellen, die zeigen, daß man sich der sittlichen Aufgabe, auch dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wohl bewußt geworden ist. Wiederum seien zwei Stellen herausgegriffen: Die eine beweist das Ringen mit dem Problem, die andere die Lösung. Megillah, Fol. 18 a, nimmt Bezug auf die Erzählung des Estherbuches, daß Haman aus Befehl des Königs zu dem Juden Mardechai gehen und diesen — ans dem Pferde des Königs reitend — durch die Stadt geleiten soll. In der sich im Talmud häufig findenden Manier der haggadischen Ausschmückung des biblischen Berichtes wird erzählt: .. Haman sprach zu Mardechai: .Steige ans und reite'. Dieser erwiderte: ,Ich kann nicht, denn ich bin vom Fasten geschwächt'. Da bückte sich Haman, um beim Aufsteigen zu helfen, und Mardechai stieg auf; dabei versetzte er dem Haman einen Fußtritt. Da sprach Haman: .Steht denn nicht in eurer Bibel geschrieben (Spr. Sal. 24, 17): „Wenn dein Feind fällt, sollst du dich nicht freuen?"' Da antwortete Mardechai: „Das gilt nur von einem jüdischen Feind; von euch aber heißt es (5. V. M. 33. 29): „Du wirst über ihre Höhen öahinschreiten".' — Diese Stelle ist zwar in ihrem Ergebnis noch völlig unbefriedigend, mit dem Geiste der Propheten, die in bezug ans sittliche Pflichten jedem Menschen gegenüber grundsätzlich keinen Unterschied machten, völlig unvereinbar, aber sie ist doch sehr charakteristisch. Denn hier ist der obenerwähnte Standpunkt, die Personen des Estherbuches nnx als Typen zu betrachten, verlassen, hier sind es lebendige Menschen, die reden und bandeln, leiden und sündigen, und siehe da, wider Willen des Erzählers sind die Rollen vertauscht: Haman ist der Leidende und Mardechai ist der Sünder geworden. — Zu wahrhaft sittlicher Höhe aber erhebt sich nachstehende (Megillah 10 b) überlieferte Stelle: R. Iosua b. Levi legte seiner Predigt über das Estherbuch folgendes Bibelwort zugrunde (5. B. M. 28, 63): „Wie der Ewige Freude daran hatte, euch Gutes zuteil werden zu lassen, so wird er Freude daran haben, euch Böses zuteil werden zu lassen." Freut sich denn der Heilige, gelobt sei er. wirklich über das Unglück der Frevler? Es heißt doch: (2. B. d. Chr., Kap. 20, 31, wo die Rede ist von einer siegreichen Schlacht der Israeliten über die heidnischen Moabiten und Ammoniten): Während sie vor den Gewappneten einherzogen, sprachen sie: .Danket dem Ewigen, denn ewig währet seine Gnade;' warum sind denn die Worte: .denn er ist gütig' ausgelassen? Darauf antwortet R. Iochanan: weil Gott sich nicht über das Unglück der Frevler (in diesem Falle der besiegten und erschlagenen Ammoniten und Moabiten) freut. Und R. Iochanan fügt hinzu: Derselbe Gedanke tritt uns bei der Erzählung vom Untergang der Aegypter in; Kchilfmeer ^entgegen. Als, die Engel im Himmel den Untergang der Aegypter und die Rettung der Israeliten sahen, wollten sie ein Dankucd anstimmen, da rief der Heilige, gelobt sei er, ihnen zu: ,Die Aegypter, meiner Hände Werk, versinken m Meer, und ihr wolltet singen?!'" — Hier stehen wir wieder ans klassischem Boden der Religion. Die künstlichen Schranken, die vorurterlövolle Betrachtungsweise aufgerichtet hatte, sind gefallen, gestürzt von dem Glauben an den einen Gott, der ucr Vater aller Menschen ist. Daß die in dieser Talmudstelle von R. Iochanan vertretene Anschauung nicht etwa nur eine gelegentliche ist. sondern daß sie die maßgebende Ansicht des Judentums widergibt. beweist n. a. die Tatsache, daß von dem aus dreier Talmndstellc strömenden Geist der Liebe und Gerechtigkeit der Gottesdienst des Judentums bis heute beeinflußt wird. Vom dritten Tage des Pesiachsestes ab rverden, nicht wie sonst an Feiertagen, der freudigen Stiinmnng entsprechend, sämtliche Psalmen des sogen. Hallelgebetes gesprochen, sondern nur ein Teil, und zwar mit der ausdrücklichen Begründung, weil anr 7. Tage des Pesiachsestes die Erzählung vom Untergang der Aegypter während des Gottesdienstes vorgelesen wird, und es das Judentum für eine sittlich-religiöse Pflicht erachtet, noch heute nach Jahrtausenden die Freude zu dämpfen, im Hinblick daraus, daß Menschen dereinst hilflos im Meere versanken. Der von R. Iochanan gewiesene Weg ist auch von anderen Lehrern eingeschlagen worden. Die Betrachtungsweise der schenratischen Gegenüberstellung: hier die frommen Juden — dort die srevlerischen Herden, ist verlassen. Statt dessen zeigt sich deutlich das Bestreben, für die gesamten Geschehnisse, von denen das Estherbuch berichtet, den sittlichen Hintergrund auszuzeigen und ihn religiös nutzbar zu machen. Mit wahrhaft erfrischender Deutlichkeit wird von unseren Lehrern besonders iw Midrasch ausgesprochen, daß ein Hauptteil der Schuld an der damals den Juden drohenden Katastrophe ö i e s e n s e l b st berzumessen ist, weil die Israeliten ihre Religion vernachlässigten, weil sie die frommen Sitten der Väter'mit Füßen traten, weil sie, statt die Orte der religiösen Belehrung urid Erhebung aufzusuchen, sich zu den Schaustellungen im Zirkus und Theater drängten... Mit dieser Feststellng der sittlichen Schuld Israels ivird aber auch die Gestalt des Haman wesentlich gewildert. Er ist nun nicht mehr der bloße Bösewicht, der rmr aus Schlechtigkeit handelt, aus bloßer Rachsucht Israel zu verderben trachtet, sondern er ist im Grunde nur das Werkzeug einer höheren Macht. All die Not, die über Israel hereinbricht, ist von der Vorsehung gesandt, Israel zu läutern, die wunderbare Rettung, die ihm zuteil wird, dient nur dem Zweck, Israel zu festigen in der Zuversicht zu dem Einen, der allein Helsen kann: Die ganze Erzählung ist eine treffende Bestätigung des Bibelwortes, das ein alter Lehrer seiner Predigt über das Estherbuch zugrunde legte (Megillah, Fol 11a): „Wo wäre ein großes Volk, dem Gott so nahe ist, wie der Ewige, unser Gott, allemal, da wir ihn anrusen." —> Wir iverden in diesen Tagen das Estherbuch wieder aufrollen. Vergessen wir nicht, daß es ein Buch der Versuchung ist, zumal in unserer von nationalen und religiösen Spannungen erfüllten Gegenwart. Lesen wir das Buch nicht in dem Sinne jener Lehrer, die alles Licht nur bei uns, alles Dunkle nur bei den anderen sehen wollen, sondern lesen wir eS im Sinne jener echten religiösen Meister und Führer, die uns mahnen, auch in dem Gegner den Menschen zu sehen, die uns mahnen, bei Angriffen auf uns. die Schuld zunächst nicht bei den anderen, sondern bei uns selbst zu suchen und in allen Wandlungen unseres eigenen Lebens und des Lebens der Völker ehrfürchtig die Hand dessen zu schauen, der der Lenker aller irdischen Geschicke ist. Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu!

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