Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 9 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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I I avtzlicheS Spiel in der volkstümlichen Art Hans Sachsens, ttßch und lebhaft und voll feiner Satiren, eine Jugenddlchtung, in der sich Goethes Lust zum Fabulieren jugendllch auswlrkt. Der Stoff zum Ahasverus-Spiel ist zuförderst der Bibel entnommen; Wendungen aus der Estherrolle sind hier und da fast wörtlich übernommen und in poetische Form gegossen. Ob Goethe daneben auch irgendeines der Achaschwerosch-Spiele gekannt oder gar von einer Aufführung persönliche Eindrücke empfangen hatte, dafür lassen sich freilich keine tatsächlichen Beweise anführen. Ganz unwahrscheinlich ist dies nicht. Goethe pflegte öfter die Judenstadt in Frankfurt a. M. zu besuchen, um das jüdische Leben, um jüdische Sitten und Gebräuche kennenzulernen. „Aeußerst neugierig war ich." so erzählt Goethe, „ihre (der Juden) Zeremonien kennnenzulernen. Ich ließ nicht ab, bis ich ihre Schule öfters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und von dem Laubhüttenfest mir eilt Bild gemacht hatte. Ueberall sin der Judenstadtj war ich wohl ausgenommen, gut bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen: denn es waren Personen von Einfluß, die mich entweder hinführten oder' empfahlen." Es ist demnach anzunehmen, daß Goethe auch das lustige Treiben am Purimfeste mit seinen Achaschwerosch-, Joseph- und Goliath-Spielen nicht entgangen war. Habent sua fala libelli. Ausgerechnet das harmlose Goethesche Fastnachtsspiel ist zur Bibel der Antisemiten geworden. Eigentümlich: die meisten kennen den Tasso, alle kennen den Faust, für die Antisemiten existiert nur „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern". Für sie hat Goethe, wie es scheint, nichts mehr und nichts anderes geschrieben. In ihrem Bestreben, Goethe für sich zu reklamieren, verfielen sie auf den wirklich exzellenten Gedanken, Goethes Gesinnungen gerade aus einem in sprudelnder Laune hingeworfenen. durch Marktschreier und Bänkelsänger und Pfefferkuchenmädchen und sonstige Hanswurste belebten Schöubartspicl herauszulesen. Dabei wenden sie den alten Trick an, daß sie aus einem Zwiegespräch nur des einen Rede ohne die Gegenrede des anderen zitieren. Es sei mir gestattet, aus dem Dialog zwischen dem König Ahasverus und dem Minister Haman, obwohl er den meisten bekannt sein dürfte, einiges hicrherzusetzen: H a m a n. Du kennst das Volk, das man die Juden nennt, Das außer seinem Gott nie einen Herrn erkennt. Laß sie durch ein Gesetz von ihrer Pflicht belehren Und wenn sie störrig sind, durch Flamm' und Schwert bekehren. Ahasvern s. Mein Freund, ich lobe dich: du sprichst nach deiner Pflicht: Doch wie's ihr andre seht, so sieht's der König nicht. H a m a n. Sie haben einen Glauben, der sie berechtiget, die Fremden zu berauben. Ahasverus. Wie wäre denn das jetzt so gar auf einmal kommen? Von Mord und Straßenraub Hab' ich lang' nichts vernommen. H a m a n. Der Jude liebt das Gold und fürchtet die Gefahr. Er weis; mit leichter Müh, und ohne viel zu wagen, Durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen. Ahasverus. Ich weiß das nur zu gut. Mein Freund, ich bin nicht blind; Doch das tun andre mehr, die unbeschnitten sind. Was machen nun die Antisemiten? Sie identifizieren Goethe mit Haman. So sicher Goethe die Inden nicht geliebt hat, so sicher war er weit davon entfernt, Humanismus mit HamanismuS zu verwechseln. Humor in der Bibel. Eine Pnrimplanderei. Von E. G u t h. Die Frommen aller Zeiten haben zu Purim gern ein freies und lustiges Wort gelten lassen, auch wenn es auf Kosten der heiligen Schriften ging. Alles hat seine Zeit. Scherz und Purim sind untrennbar. Von jeher hat die Erzählung von der Erschaffung der Welt mit all ihrem wunderbaren Beiwerk Stoff zu fröhlichem Humor aegeben. Warum hat Gott das Weib aus der Rippe geschaffen? Sie sollte nicht aus dem Haupte hervvrgehen. damit sie den Kopf nicht hoch trage, nicht aus dem Auge, damit sie nicht überall hinspähe, nicht aus dem Ohr, damit sie nicht allzu neugierig werde, nicht aus dem Mund, damit sie nicht zu viel rede, nicht aus dem Herzen, damit sie nicht auffahrend werde, nicht auS der Hand, damit sie nicht überall hingreife, nicht ans dem Fuß, damit sie nicht überall Hinlaufe, son-ern auS einem keuschen Gliede, das selbst bedeckt ist, wenn der Mensch nackt ist. Scherzhafte Anwendungen von unvorsichtig übersetzten Bibelstellen gibt es in Menge. Sie sind in aller Munde. Wer war der älteste Baumeister? — Noah, er baute die Arche, seither heißen diese Leute Architekten. Wer brachte den ersten Damentoast aus? — Pharao. Er sagte: Alle Knaben werft ins Wasser, die Mädchen sollen leben. Nahe verwandt mit diesen Scherzen, die sich reichlich vermehren ließen, ist eine Anekdote, die Theodor Kappstein in seinem Buch „Bibel und Sage" erzählt. Sie sei hier wiedergegeben: Ein Mediziner, ein Jurist und ein Philologe streiten sich um den Altersvorrang ihrer Wissenschaften. Der Jurist sagt: „Die Jurisprudenz war schon in der Zeit der ersten Menschen notwendig, denn Kain erschlug den Abel, und das war ein Rechtsfall." Der Mediziner erwiderte: „Mein Beruf ist älter, denn Gott nahm dem Adam eine Rippe, das war die erste Operation." Sie beide übertrumpfte der Philologe, indem er sagte: „Meine Wissenschaft war die erste, denn es heißt in der Bibel: „Im Anfang war das Wort." Aus dem Kappsteinschen Buche seien noch die folgenden Anekdoten mitgeteilt: Im Ersten Buche Samuel, Kapitel 7, Vers l, lesen wir: „Also kamen die Leute von Kirjath Jearim und holten die Lade des Herrn und brachten sie ins Haus Abinadabs auf den Hügel und seinen Sohn Eleasar heiligten sie, daß er die Labe des Herrn hüte." Ein zerstreuter Professor vc^ sprach mit seinen Studenten im Kolleg den Vorgang und konnte den Grund ihres Vergnügens nicht feststetten, nachdem er feierlich erzählt hatte, daß Abinadab seinen Sohn Eleasar auf dem Hügel als Ladenhüter angestellt habe. Von einem anderen Theologieprofessor an einer deutschen Universität wird erzählt: Er hatte fünf Töchter, welche bei den Studenten zur besseren Unterscheidung dieses dauerhaften Hausschatzes ihres Lehrers die wissenschaftlichen Namen der fünf Bücher Mose führten. Die älteste nannten sie Genesis. Die folgenden: Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium. Das älteste Fräulein war seit geraumer Zeit über den ersten Lenz hinaus. Darum gab es allemal im Hörsaal des Professors verständnisinnige Heiterkeit, wenn er ahnungslos seine Vorlesung mit den Worten begann: „Meine Herren, die Genesis ist lange nicht so alt, wie man denkt." Hier mag noch eine luftige Geschichte von Hebel ihren Platz finden. Ein Bauer trifft den Schulmeister auf dem Felde und fragt: „Jst's wahr, was Ihr gestern in der Kirche gelehrt habt: So dich jemand schlägt auf die rechte Backe, dem halte auch die linke hin?" — Der Schulmeister sagt: „Ich kann nichts davon und nichts dazu tun, es steht im Evangelium." Also gibt ihm der Bauer eine Ohrfeige und die andere anch: denn er hatte schon lange einen Verdruß auf ihn. Indem reitet in einiger Entfernung der Edelmann vorbei und sagt zu seinem Jäger: „Schau doch nach, was die zwei dort miteinander haben." Als der Jäger kam. gab der Schulmeister gerade dem Bauer auch zwei Ohrfeigen und sagte: „Es steht auch geschrieben: „Mit welcherlei Maß ihr messet, soll euch wiedergemessen werden: ein vollgerüttelt und überflüssig Maß wird man in Euren Schoß geben." — Und zu dem letzten Sprüchlein gab er noch ein halbes Dutzend drein. — Da kam der Jäger zu seinem Herrn zurück und sprach: „Gnädiger Herr, es hat nichts zu bedeuten, sic legen einander nur die Heilige Schrift ans." In diesem Zusammenhang mag zum Schluß die auch von Berthold Auerbach in seinem Schatzkästlein des Gevattermanns erzählte Geschichte von König Salomo und dem Sperling wenigstens in gekürzter Form, eine Stelle finden. Salomo, der die Sprache der Tiere verstand, hörte eines Morgens von seiner Burg Zion aus einen Sperling auf dem Dachfirst prahlerisch zu seiner Spätzin sagen: „Der König ist so stolz auf seinen Tempel, er soll sich nur hüten. Wenn ich mit meinem Fuß dreimal stark auftrete, stürzt sein ganzer Bau zusammen." — Das Sperlingsweibchen schaut voll Bewunderung den Mächtigen an. Der König aber pfeift den Prahler zu sich heran und sagt: „Wie kannst du frecher Knirps es wagen, dich einer solchen Uebermacht zu rühmen?" — Der Sperling antwortet: „Ach, guter Herr König, ich habe es ja nur zu meiner Frau gesägt. Mau will sich doch ein Ansehen geben." — „Hast recht, flieg ab." — Der Vogel fliegt wieder zu seiner ängstlich und neugierig wartenden Frau. — „Was hat der König gesagt?" — „Ach, liebes Weib, der König hat mich dringend gebeten, doch ja von meiner Gewalt keinen Gebrauch zu machen, und ich habe es ihm heilig versprochen." Professor Krauß 60 Jahre all. Heute begeht der hervorragende jüdische Gelehrte Prof. Dr. Samuel Krauß seinen kl). Geburtstag. Der Name Samuel Krauß ist mit dem Aufschwung der jüdischen Wissenschaft eng verbunden. Sein Zweibändiges preisgekröntes Werk „Griechische und lateinische Lehnwörter in Talmud, Midrasch und Targum" ist vorbildlich für spätere Untersuchungen geworden. Sein Hauptwerk, das weltbekannt geworden ist, heißt „Talmudische Archäologie". Es ist dies die erste umfassende Darstellung dieser Wissenschaft. Von seinen übrigen Werken seien genannt: Seine „Studien zur jüdisch-byzantinischen Geschichte". „Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen", „Die Wiener Geferah", „Synagogale Altertümer". Was seine hebräisch geschriebenen Werke betrifft, so gehört sein „Kommentar zu Jesaias" zu den ersten Kommentaren, die die Ergebnisse der modernen Bibelkritik in hebräischer Sprache Mitteilen. Professor Samuel Krauß ist Lehrer am Wiener Rabbiner- Seminar und wird wegen seiner menschlich hohen Eigenschaften von seinen gewesenen und jetzigen Schülern tief verehrt. Im Rahmen eines Vortragsabends des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, dessen Präsident Prof. Krauß ist, würdigte der Vizepräsident, Ludwig Bato, die Persönlichkeit des Jubilars. Er führte aus: Es ist wenig bekannt, aber bezeichnend für den Jubilar, daß die Führer der geistigen Renaissance des Judentums, Achad-Haam und Bialik, zu seinen Verehrern zählen. Die zahlreiche Zuhörerschaft brachte dem Jubilar stürmische Ovationen dar. Wer ist Gott am nächsten? Den Berliner Orthodoxen war das Kaschruth in der Berliner Gemeinde nicht streng genug. Darum versuchten sie, die greisen Insassen der Ältersversorgungsanstalten zu vergewaltigen. Ob jetzt das Kaschruth aber vollständig richtig ^ist, läßt sich bezweifeln. Aus Palästina wird nämlich folgendes gemeldet: Der Oberrabbiner und die gemäßigte jüdisch-orthodoxe Gruppe erließen eine Proklamation, in welcher gegen Fleisch von Vieh, welches unter Aufsicht der extremorthodoxen, von Rabbiner Sonuenseld geführten Gruppe geschlachtet wird, gewarnt wird. Es wird gesagt, daß die hygienischen Vorschriften bei dieser Schlachtung nicht beachtet werden. Prominente Mitglieder der sephardischen Gemeinde zu Jerusalem, die ebenfalls mit den Zuständen bei der Schlachtung von Koscherfleisch nicht zufrieden sind, haben beschlossen, einen sephardischen Schechita-Rat einzusetzen. Somit werden in Jerusalem drei Kaschruth-Räte existieren. Ein alter jüdischer Friedhof. In der Nähe von Lepel, Distrikt Orscha, Weißrußland, wurde in einem dichten Walde ein alter jüdischer Friedhof aufaefunöen. Die Grabsteine stammen noch aus dem 17. 'Jahrhundert: es geht ans den Inschriften hervor, daß zu jener Zeit eine große jüdische Siedlung in der Nähe bestand, von der aber jetzt keine Spur mehr vorhanden ist. Das jüdische Departement des weißrussischen Museums hat die Konservierung der Denkmäler übernommen. Separatgcmemden in Polen. Die Vereinigung der „Polen mosaischer Konfession" überreichte heute der Regierung ein Memorandum, in welchem die Errichtung einer separaten religiösen Gemeinde für die Polen mosaischen Glaubens gefodert wird. Die Forderung wird damit begründet, daß die neugewählte und jetzt in Funktion getretene Reprüsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde jüdisch-nationalistisch gesinnt ist. Paulus unter den Juden. Franz Werfel hat ein Christus-Drama geschrieben: „Paulus unter den Jude n", nachdem er im vorigen Jahr in Palästina war. Die Anregung gab ihm eine Idee des irischen Dichters George Moore, das Szenarium zu einem Paulus-Drama. Es handelt sich um das Problem der Nachwirkung Christi in seiner historischen Umgebung. Der Zusammenbruch des Judentums, die Unterdrückung ihres Aufstandes durch die Römer, Paulus sozusagen als stummer Held kurz nach seiner Bekehrung von Damaskus und hinter allem Christus. — Das bezeichnet etwa den Umkreis des Werselschen Werkes. *0®/' Nach 2 Minuten C\J Stromanschluß gebrauchsfertig Verbrauch gleich Null. Zu beziehen durch: ERICH BORBERG, Berlin SW61, Gitschiner Strafte 107 der Zeit des Vereinigten Landtages von 1847. hinsichtlich der Beurteilung von Juden und Judentum, ein ganz anderer als der Eiserne Kanzler des neuen Reiches, der jeden Versuch, die staatsbürgerlichen Rechte der Juden anzutasten, nachdrücklich zurückwies. Wenn Männer von der ehernen Folgerichtigkeit ihres Denkens, und der unbeugsamen Selbstbeherrschung ihres Wesens sich zu gerechterer Würdigung von Gemeinschaften und Einzelpersonen entwickeln, wie Bismarck und Moltke, muß man es da dem melancholischen Freunde eines guten Tropfens. Joseph Viktor von Scheffel, als schwere Sünde zur Last legen, wenn er als junger Referendar im brieflichen Liebesgeplander an seine Base, Emma Koch, sich ein wenig über zwei jüdische Delinguenten lustig macht, dadurch, daß er über sie im Jargon berichtet und sie in dem nämlichen Idiom erzählen läßt? Gegen seine innere Neigung, nur auf Wunsch seines gestrengen Vaters, hatte Scheffel die Rechte studiert und nachher mit gleicher Unlust als Rechtspraktikant in Säkkingcn und in Bruchsal gearbeitet. Die Akten behandelte er — seinem eigenen Eingeständnis zufolge — „wie ein Stiefvater" Sechs Wochen lang blieben sie liegen, ehe er sich entschloß, einen Vortrag darüber aufzusetzen. In seiner ausgebreiteten Korrespondenz spricht er kaum je von diesen trockenen Prozessen. Nur einmal berichtet er über einen Gegenstand, der „war so schön — war des Schweißes der Edlen wert": Untersuchung gegen Löb Aron Rothheimer und Beitel Bensinger aus Gondelsheim wegen Steuerhinterziehung beim Fleischverkauf. „Waih geschrieen! As ich seyn ä armer Jüdd!" berichtet Scheffel an die genannte Base aus der Verhandlung, fügt aber hinzu, er habe die Sache „mannhaft studiert", Seite für Seite nachgeschlaaen. Verordnungen und Gesetze herangezogen und die Sache endlich aufgeklärt. In der Ausarbeitung unterlief ihn — wie er launig erzählt — gleich eingangs ein arger Schreibfehler: „In Uniersuchungssachen gegen Löb Aron Rothheimer und seine Cousi —", aber bald berichtigte er das Rubrum nach Maßgabe der Akten und schrieb weiter: „Als im Monat November v. I. zu Gengenbach" — schon wieder ein Fehler: „Gondelsheim" mutzte es heißen: in Genaenbach war er einst mit der schönen Base unterm Tor gewandelt. Er strich das Wort Gengenbach aber nicht aus und fuhr auch in seiner Ausarbeitung nicht fort. Statt dessen warf er das ganze Aktenbündel unter den Tisch. „Wie sie aber drunten in -er Ecke lagen," — schreibt Scheffel weiter — „da regte sich's in den Blättern, und klar und in unzweideutigem Dialekt sprach eine Stimme aus ihnen: Gott der Gerechte! Waih geschrieen, gestrenger grauser Herr Hofgerichtssekretär! atz sich der Löb Aron Rothheimer und der Beitel Bensinger von Gondelsheim, der Ihne Ihrige Fräute Cousine schienstens lasse empfehle, aß sie für heute sein gebliebe ungestroft. Ilm seiner Base die Empfehlung dieser beiden Herren nicht vorzuenthalten, hat der Vetter Hernachmals die Epistel abgefasset. Es bleibt ihm nur übrig, seine eigenen Empfehlungen hinzuzufügen." Kurz darauf verschwand Scheffel aus Bruchsal, ging als Maler nach Italien und kam als Dicht.er wieder: Aus der Insel Capri hatte er sein erstes Werk, den „Trompeter von Säkkingen" geschrieben. Hierin wird Jung Werner von zwei Spähern belauscht, wie er auf der Via Appia in Rom am Grabe der Zatcha Achyba. einer jüdischen Freigelassenen, die ein Römer einst „als Andenken an den Tempelbrand Jerusalems mitnahm", beim Mondschein klagend seine Trompete blies. „Manch ein Spottwort hatt' er später Drob zu hören, neckend sprach man: Signor Werner komponier' ein Reauiem der toten Jüdin," Daß Scheffel einmal in lustiger Trinkpoesie - seiner ureigensten Domäne — den Pfandleiher kurzweg als „Juden" kennzeichnet, erregt bei uns Ueberempfindlichen ebensolchen Anstoß wie Rückerts Jude, der durch den Wald geht und sich die goldenen Nadeln aneignet. Muß es denn immer ein Jude sein?? Dennoch ist Scheffel nie Judengegner gewesen, schon deshalb nicht, weil er unter unseren Glaubensgenossen viele persönliche Freunde gehabt hat. Der Heidelberger Rechtsanwalt und Notar Sachs gehörte den „Engeren" an, jenem Kreise fröhlicher Trinkgenossen, bei denen Scheffel allwöchentlich Vergessen aller der vielen Enttäuschungen seines Lebens, aber auch neue Anregungen — „Gaudeamus"! — fand. Berthold Auerbach wurde ihm ein treuer Freund und Berater. Wenn Auerbach bei ihm auf der „Seehalde" bei Raöolsszell einkehrte, war dies jedesmal für Scheffel ein Fest, und fürsorglich gab er Anweisung, ihm sein Lieblingsgericht, grüne Bohnen, herzurichten. „Meister JosephuS" pflegte kaum über im Entstehen begriffene Dichtungen zu sprechen: dem treuen Auerbach jedoch bekannte er, das; er in das geschichtliche Material zu „Frau Aventiure" wie in bodenlosen Sand eingesunken sei, während die Szenen und Bilder in der Phantasie sich als einaetrocknet erwiesen. Auerbach hinwiederum entwirft von Scheffel folgende Schilderung: „In vielen Stücken erinnert mich Scheffel an meinen herrlichen Freund Otto Ludwig. Dieselbe mächtige Erscheinung, dieselbe gedrungene Kernhastigkeit in jedem Wort, Sprödigkeit und Weichheit des Wesens zugleich, und auch die Bewußtheit im dichterischen Schaffen. Die Gestalt ist fest gebaut, derb, wie für den Harnisch gebildet, und dabei doch wieder geschmeidig und mild im Wesen und Ausdruck, wie ein Einsiedler gewordener Bischof." Scheffel war kein Freund des Preußentums und betrachtete daher den Krieg 1866 als „ein Verbrechen, einen Raubzng prcnßischerseits". „Ehrliche deutsche Herzen" — schreibt er in der Vorrede zu seiner Dichtung „Juniperus" — „wissen nichts und wollen nichts wissen von Haß. Trennung und Bruderzwist." Die glorreichen Siege von 1870/71 entlockten ihm kein frohes Kriegs- und Siegeslied, hat er doch „ein unheimliches Bangen vor einem aus dem siegreichen Kriege herauswachsendcn Militärkoloß, der für Gedeihen und Selbständigkeit des deutschen Kulturlebens verhängnisvoll werden kann". Im übrigen hat sich der körperlich und seelisch schwer leidende Dichter um Politik nicht gekümmert. Als aber die Welle der neu entflammten jndcnfeindlichen Bewegung auch an sein stilles Arbeitszimmer auf der „Seehalde" zu Radolfszell am Bodensee heranranschte, da schmetterte er sein wuchtiges Mahnwort in die Oeffentlichkeit hinaus: Stoßt an: Ein Hoch dem Deutschen Reick, An Kühnheit reich, dem Adler gleich, Möq's täglich neu sich stärken. Doch Gott behüt's vor Klaffenhab Und Rassenhaß und Massenhatz. Und derlei Teufelswerken! Die Jahrhundertfeier seiner Geburt hat die Erinnerung an diesen Dichter der Toleranz neu belebt — mögen auch jüdische Kreise seiner dankbar gedenken!