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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-19 · 8 (19.2.1926) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Berlin. (IüLische Wohlfahrtspflege.) Zn Unserem Aufsatz: „Die Krisis der jüdischen Gemeinschaft" in unserer vorletzten Stummer schreibt uns der Beamtenausfchuß der jüdischen Gemeinde: „Der Beamte n-AuSschuk legt Wert darauf, festzu stellen, daß im Wohlfahrtsamt der Berliner Jüdischen Gemeinde nur aauz wenige Beamte (drei oder vier) tättg sind. Die übrigen dort Beschäftigten sind Hilfskräfte. die vom Leiter des Wohlfahrtsamtes selbst ansgewählt wurden." Berlin. (Die Juden in der Volkswirtschaftslehre.) Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach Staatssekretär z. D. Professor Dr. Julius Hirsch über „Die Juden in der Volkswirtschaftslehre". Der Redner führte etwa folgendes aus: . Das Schicksal des jüdischen Stammes habe früh zum Denken über Wirtschaft und Wirtschaftswerüen angeregt. Das Schicksal des Juden als beruflich tätigen Menschen sei charakterisiert durch einen durch Jahrtausende hindurch gehenden fünffachen grundsätzlichen Wandel der Wirtschaftstätigkeit seiner Bolksmassen. Erst vom Hirtenvolk zum Ackerbau, dann im babylonischen Exil zum Handel, von diesem unter dem Druck der mittelalterlichen Erwerbsbeschränkungen zum Geldgeschäft, bei der Verengung auch dieser Lebensmöglichkeit Abwanderung deS Juden ins polnisch-russische Gebiet, wo sie Handwerker und zuletzt Hausindustrielle wurden,- dann kam die wirtschaftliche Freiheit, mit ihr zwar theoretisch die Möglichkeit, jeden Berus zu ergreifen, praktisch aber durch Entwicklung der Jahrhunderte bedingt eine.einseitige Orientierung mit der Tendenz zu allen kaufmännisch-intellektuellen Berufen. DaS jüdische Wirtschaftsproblem schien durch die Abwanderung der Juden nach Amerika eine Erleichterung zu finden, wo augenblicklich etwa schon ein Drittel der Gesamtheit lebt. Die Einwanderungssperre schließe diese günstige Möglichkeit für die ostjüdischen Massen vorerst ab. Bei solchem Schicksal sei es ziemlich erstaunlich, daß die wirtschaftlichen Jdeengängc der Vergangenheit mehr juristisch-einzelwirtschaftlicher Natur, als Erwägungen über das Gesamtschicksal der Wirtschaft oder auch nur des jüdischen Wirtschastsüaseins gewesen seien. Immerhin ist unter den drei Hauptvertretern der klassischen Nationalökonomie, Adam Smith, Malthus und Ricardo der letzte jüdischen Stammes. Bei dem Versuch, gemeinsame Richtlinien für die Wirtschaftsdenker jüdischen Stammes zu finden, sei zunächst festzustellen, daß sich solche in allen theoretischen und wirtschafttichen Lagern fänden. Immerhin sei bei ihnen Neigung zur wirtschaftlich grundsätzlichen Erörterung und eine gewisse Abneigung oder mindestens geringeres Interesse gegenüber beit historischen Betrachtungsmethoden feit* zustellen, sozial.politisch fänden sie sich sowohl in sozialistischen wie in allen kapitalistischen Lagern. Obwohl aber der Sozialismus nicht irgendwie jüdischen Ursprungs sei, sei eine starke Hinneigung der jüdischen Wirtschastsdenker zu solchen Bewegungen unverkennbar und begünstige daS Emporstreben der proletarischen Massen. Der Redner zeigt, wie die volkswirtschaftliche Gedankenwelt durch Ricardo, dann durch die wichtigsten Sozialisten jüdischen Stammes, Marx und Lasalle. beeinflußt wurde, dann durch derer: Nachfolger, die in der orthodoxen sozialistischen Richtung über die Nichtjuden Bebel. Kautöky bis zu Rosa Luxemburg und Hilferding führen, in der revisionistischen Richtung inshesoiHere durch Bernstein und mehrere andere vertreten sind. Auch die stärkste entgegengesetzte Theorie, diejenige des Grenzuutzens hat wahrscheinlich in ihrer ersten Entstehung jüdische Gelehrte als Urheber, in ihrer Ausbildung in Amerika zweifellos mehrere. Redner streifte noch die grundsätzliche Bedeutung des praktischen Wirkens jüdischer WirtschaftSführer für England, insbesondere bei der Ausbreitung des englischen Empire, für Deutschland in der Schaffung unserer Goldwährung, in der Schiffahrt und Elektrizitäts-, und neuerdings in der Stickstvffindustrie. Die letzte zusammenfasfende Jdeeureihe in wirtschaftsorganisatorischer Richtung schloß die allgemeine Darstellung. Redner erörterte noch kurz die Frage, ob der jüdische Stamm an sich bereits eine Wirtschaftslehre seinereigenen Existenz geschaffen habe. Er findet, daß sehr viel mehr vom Sein-Sollen, insbesondere seitens der zionistischen Richtung, die Rede ist, als vom wirklichen Sein und von den hier möglichen Gegenwartsarbeitszielen und -Notwendigkeiten. Im übrigen stehe zu hoffen, daß die allgemeine Wendung zum neuen Aufschwung auf längere Sicht, die aus dem allgemeinen Geburtenrückgang, der Steigerung der landwirtschaftlichen und der außerordentlichen Steigerung der industriellen Produktivität zu erwarten sei. auch die Lage der Hälfte des jüdischen Stammes, die im Osten unter außerordentlich ungünstigen Bedingungen zurückgeblieben ist, noch in dieser Generation günstiger gestalten werde. Heinz Levy. Caffel. iI o > epI, H e ß. g e st o r b e n.) Letzten Dienstag wurde der im 70. Lebensjahr verstorbene Rentner Joseph Heß. Seniorches der Firma H. Heß Söhne, zur letzten Ruhe geleitet. Eine schlichte. liebenswürdige Persönlichkeit, die als Kurator des israelitischen Waisenhauses den Insassen der Anstalt warmherzigem Interesse bezeigte, bei der auch Notleidende williges Ohr und gebefreudiges Her? fgn-en. ist nach einem arbeitsreichen Leben heimgegangen Bei der Trauerfeicr. die unter reger Beteiligung weiter Kreise in der Halle deS Frledhofs zu Bettenhausen stattfand. hob Lawörabbiner Dr. Walter den einfachen und wohltätigen Sinn des Entschlafenen hervor. Das Kuratorium des Waisenhauses hatte seinem langjährigen Mitarbeiter für seine hingebungsvolle Treue durch einen ehrenden Nachruf gedankt. Auch der Berwal1un«srat der Gesellschaft der Humanität betonte in anerkennenden Sorten das oro^e Verständnis, has der Verstorbene als Mitglied des Berwaltungsraies allen Bestrebungen der Gesellschaft eurgegenbrachre. Cassel. jDaS Ende der Affäre Katzen st ein.) Die hiesigen Völkischen haben eine große Enttäuschung erlebt. Tenn ihre vor Monaten mit großem Tamtam angekündigte „Barmat-Affäre in Cassel" bat sich als ein Phantom antisemitischer Uebertreibung. bei der natürlich der Wunsch Vater des Gedankens war. erwiesen. Bom 7. bis st. Februar fand vor dem großen Schöffengericht die Berlhandlung gegen die Brüder Wilhelm und Fritz .Katzenstein. Inhaber der Firma Manns Katzenstein. denen man Beamtenbestcchung zur Last legte, statt: gleichzeitig war auch Dr. Povve von der LandeSkveditkaffe. der bestochen sein sollte, unter Anklage gestellt. Sämtliche Angeklagten wurden freigesprochen. und es ist besonders interessant, daß selbst der Vertreter der Anklage. Staatsanwaltschaftsrat Becker von Gothen, den Freispruch beantragen mußte, so daß der Verteidigung nur die leichte Ausgabe zufiel, auf dieser Grundlage ergänzende Ausführungen zu machen. „Den Angeklagten Katzenstein". so führte der Anklagevertreter aus. „seien in keiner Weise strafbare Handlungen zuzusprechen, sie könnten hoch erhobenen Hauptes aus der Verhandlung hervoraehey. Die ganze Angelegenheit sei damals allzusehr ausqeba nickt worden." Dieser Ausgang -es mit großer Spannung erwarteten und unter einem großem Aufgebot von Sachverständigen durchgeführten Prozeßes bat in der geianft"n iüd'^en Gemeinde lebhafte Genugtuung heroorgerufen. Die Völkischen sehen aber als betrübte Gerber ihre Felle fortschwimmen: man hatte sich nämlich bei der von ihnen als sicher angenommenen Berurteiluna treffliche Gesprächsstoffe für Hetzarbeit und Volksvergiftung versprochen. Nun ist's nichts mit dem Schlagwort «Barmat in Ca siel" und man mutz einen Ersatzfilm konstruieren. Caffel. (Ein alter jüdischer HumanitätSverein.) Aus ihr ISijährigeS Bestien blickt die Gesellschaft der Humanität zurück. AuS diesem Anlaß wurde letzten Sonntag die Stiftungsfeier, mit der auch die Hauptverfamlung verbunden war, in üblicher Weise begangen. Dem Bericht des langjährigen Vorsitzenden A. Fidrino über die Geschichte der Humanität ließ sich entnehmen, daß die im Jahre 1803 auf Gegenseitigkeit ins Leben gerufene Gesellschaft anfangs aus 80 GlauSensgenosien und 5 Nichtjuden bestand. Während der Franzosenherrschaft ging ein großer Teil deS SttftungSvermöyens verloren; nur fünfzig Taler waren von den verbleibenden 10 Mitgliedern gerettet worden. In späterer Zeit erhielt di« Humanität charitattven Charakter, indem sie ihre besondere Aufgabe darin erblickte, jüdische junge Leute, die sich bürgerlichen Berufen, dem Handwerk, dem Lehrerstudium und anderen Wissensgebieten zuwandten. durch finanzielle Beihilfen zu unterstützen. In der Kriegs, und Inflationszeit ist daS beträchtliche StiftungSvermögen abermals stark zusammengeschmolzen, so daß die HUfstätigkeit zum Bedauern deS Vorstandes große Einschränkungen erfahren mußte. Für den kürzlich verstorbenen Josef Heß. der 35 Jahre dem Berwaltungsrat angehörte, wurde desien Sohn. Studienrat Dr. Otto Hetz, in den Verwaltungsrat gewählt, während die übrigen Mitglieder des Vorstandes wiedergewählt wurden. Landrabbiner Dr. Walter behandelte dann unter Bezugnahme auf Prof. Cornills Buch „Das alte Testament und di« Humanität" die Gegensätzlichkeit zwischen christlicher und jüdischer Auffassung zum Inhalt des alten Schrifttums, indem er besonders der einseitigen Darstellung über die „Last des Gesetzes" u. a. kritisch entgegentrat. Die instruktiven Ausführungen fanden bei den Zuhörern lebhaften Beifall. Frankfurt a. M. (Wissenschaftliche Leistung eines jüdischen Studenten.) Die von der medizinischen Fakultät der Universität für das Jahr 1S25 gestellte Preisaufgabe „Die Veränderungen der Seruurstvuktur durch den monatlichen Zyklus" wurde von Martin Goldner in hervorragender Weise gelöst. Seine wissenschaftliche Feststellung. sagt das maßgebende Gutachten, muß „als eine sehr wichtige und bedeutsame anerkannt werden, die geeignet ist. einen lieferen Einblick in die Boraäuge d?s Zyklus zn werfen". Die Befunde -es Herrn Goldner werden als „von grundlegender Bedeutung" bezeichnet, und es wird hervorgehoben. daß es erfreulich sei. „daß das Preisausschreiben einen Studenten zu solch' erfolgreicher wissenschaftlichen Arbeit" veranlaßt habe. Fulda. (S n u a g o g e nb a n.» Dem hiesigen Synagogenbauverein wurden von den Amerikanern Abr. und Julius Stern, den Söhnen des jetzt hier wohnenden Lob Stern. 1000 Dollar für Bauzwecke übermittelt. Karlsruhe. (Bö l kisch « Bub enstreiche.) In einer der letzten Nächte wurde in der Mittelstadt von Völkischen ein systematischer Besudelnngsseldzug vorgenommen An zahlreichen Häuserfassaden wurden große Hakenkreuze mit Teerfarbe angebracht, und in der Kronenstraße überstiegen die Täter das fast zwei Meter hohe Eisengitter der Synagoge und besudelten die Vorhalle, die Wände und den Boden, und verschonten auch nicht das Ehrendenkmal der im Felde Gefallenen. Sämtliche Blätter, auch die rechtseingestellten, verurteilen diesen groben Unfug scharf und geben ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, daß der Polizeibericht bisher auffallenderweise nicht mit einem Worte von diesem nächtlichen Treiben der Völkischen Notiz nimmt. Mülheim lAluhrj. (Berufung eines Rabbiners.) Rabbiner Tr. Neuhaus, der früher als Rabbiner in Ostrowo fungierte und seit einigen Jahren als Religionslehrer und Schuldirigent in der Leipziger Gemeinde tätig gewesen ist, hat einen ehrenvollen Ruf als Rabbiner der Sunagogengemeinde Mülheim a. d. Ruhr erhalten. Das Rabbinat in Mülheim a. d. Ruhr ist erst jetzt neu geschaffen Stettin. (Der neue G e m e i n d e r a bb i n er.) Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat beschloffen. Herrn Rabbiner Dr. Elk. der zur Zeit in München als 2. Rabbiner und akademischer Religionslehrer fungiert, als Gemeinderabbiner zu berufen. Herr Dr Elk ist Absolvent des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars, und war zunächst Religumölehrer in Breslau. In Stettin soll Herr Dr. Elk Nachfolger des Herrn Rabbiner Dr. Wiener werden, der am 1. Mai d. I. sein Amt als Gemeinderabbiner in Berlin, wohin er bekanntlich berufen ist. antretcn wird. Sprechsaal Wie wecken wir -as religiöse Interesse? i. Die meisten von uns haben in der Schule die Legende gehört, daß zu dem Rabbi Hillel ein Araber gekommen sei und sagte: „Lehre mich das Judentum, indem ich auf einem Fuße stehe." Der Rabbi aber soll ihm geantwortet haben: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist daS ganze Judentum." — Es liegt mir fern, der einzelnen Erzählung übertriebenen Wert beizulegen, aber die Legende beweist doch, daß schon vor 2000 Jahren angesehene Weise auf dem Standpunkt standen: Der Zweck des Judentnms ist die Erziehung zur sittlichen Persönlichkeit, alles andere ist entbehrliches Beiwerk. Dies vorausgeschickt, will ich die gestellte Frage enger umschreiben. Wie erwecken wir . . . Wir'?'?- Ich nehme an. daß unter wir nicht etwa Rabbiner, Lehrer und Vorsteher gemeint sind, sondern wir alle, also die Leser, iwch besser alle deutschen Juden. Und weiter, bei wem sollen wir das Interesse wecken- Ich nehme wieder an: Boi den deutschen Juden. Denn dieses Problem wird ganz anders zu lösen sein, ie nachdem es sich um deutsche Juden, um Ostiuden oder Ausländer bandelt. Ich gebe nur auf die Frage ein. soweit sie deutsche Juden betrifft. 3. Wir müssen uns darüber klar sein, daß das. was Rousseau und noch viel mehr Voltaire der Welt gegeben haben und was die große französische Revolution in die Tat umgesetzt hat. für Schicksal und Entwicklung -er deutschen Juden von entscheidender Bedeutung gewesen ist. Mit andern Worten: Die französische Revolution rief auch bei den deutschen Juden eine Revolution hervor, deren Nachwirkungen noch alle Tage zu spüren sind. Es wäre doch ohne diese Umwälzungen nicht denkbar gewesen. daß einer mlserer Glaubensgenossen an einer deutschen Universität lehrte, an einem öffentlichen Krankenhaus amtierte oder als Schöffe oder Geschworener zu Gericht säße. Mit andern Worten: Seit der Derkün-una -er allaemeinen Menschenrechte sind wir langsam, aber stetia mit dem deutschen Volk, mit der deutschen Kulturgemeinschaft immer mehr und mehr zusammengewachsen. Entgegengesetzte Bestrebungen konnten diesen Prozeß aufhälten. aber nicht hindern. 4. Diese Gemeinschaft wirb -och aber von den Besten unter uns nicht etwa nur aus wirtschaftlichen Gesinden gepflegt, sondern wir meinen, baß das. was Schiller und Goethe. Lessing und Herder geschaffen hab»„. eine Erb'ckaft bildet, an der auch wir beteiligt sind. Eine Beechvoensche Symphonie. eftt Schubertfcheö Lied fühlen wir genau so innig wie jeder andere Deutsche. Es ist deshalb ausgeschlossen, daß wir zu Anschauungen uns bekehren lasten oder Lebend» gewohnheiten annehmen, die geeignet sind, die Gemeinschaft des Schaffens und Erlebens, die uns Mit den andern Deutschen verbiirdet. zu zerstören. Es liegt aber auch auf der Hand, daß ein Arzt, der am Sonnabend kein Rezept schreiben will, ebenso undenkbar ist wie irgendeine jüdische Persönlichkeit im öffentlichen Leben, die sich ausfchlietzt. mit Ander-gläubigen zusammen zu essen. Bon einem Lehrer oder Rabbiner versteht man das, nicht aber von einem Gelehrten, Kaufmann oder Anwalt. ö. Laßt uns also in Zukunft auf alles entbehrliche Beiwerk verzichten oder ihm wenigstens nicht mehr Wert heilegen, als es heute für uns verdient. Daß die alte, strenge Tradition nicht verEoren geht und von dem. der sie schätzt, jederzeit wieder aufgendmuren werden kann, darum brauchen wir liberalen Juden uns wirklich keine Gorgen zu machen. In Polen und Galizien ist noch ein unerschöpfliches Reservoir an solchen Inden, die noch heute so dahuileben, als ob es nie einen Voltaire. nie eine französische Revolution gegeben hätte. 6. Wollen wir aber religiöse Interessen wecken, io seien wie uns klar darüber» daß Prediger und Lehrer den Einfluß, den sie selbst im günstigsten Fall auf die Jugend haben können, sehr überschätzen. Der Glaube, die Grundlage aller Religiosität, wird im allgemeinen nur im Elternhause vorbereitet, und zwar viel mehr dem Kinde zugleich mit der mütterlichen Liebe geschenkt, als wie durch die Lehren des Vaters. Da- Zusammenleben der Eltern hilft den Boden vorbereiten» auf dem sich das wunderbare, innere Erlebnis des Glaubens vollziehen kann. Der Lehrer kan« dem allen später Form. Ausdruck und Klarheit verleihen. Den Glauben kann er kein Kind lehren, -er muß ihm von den Eltern geschenkt, vererbt werden. 7. Tavaus ergibt sich nun wieder: Auf die Erwachsenen» aus die Eltern in erster Linie müssen wir wirken. Mer wie? Macht ihnen die Tvre des Gotteshauses so wert auf, wie ihr nur könnt! Fangt sie ein und überlistet sie durch die Schönheit und Weihe des Gottesdienstes, spart nicht mit Musik, die bester als Worte den Menschen vorbereitet, sich bei der Ansprache des Predigers aus dem Staube des Alltags zu erheben. Und nehmt an. daß sie kein Dort .Hebräisch verstehen, ja. es kaum lesen können. Nehmt an. daß sie zwar an Gott glauben, im übrigen aber über den Gedanken, lächeln, daß daS Judentum eine „geoffcnbarte" Religion fei, daß sie ebensowenig die Juden für das „auserwählte Volk" ansehen, aber trotz allem sich als Juden fühlen und nach Rabbi Hillels Ausspruch glauben, daß sie g u t e Juden sind, solange sie sich bemühen, das jüdische Sittengesetz zum Inhalt ihres täglichen Lebens zu machen. Von diesen stoßet keinen hinaus! Was liegt an den Formen? Der Zaun um die Lehre muß fallen, wenn man diese Tausende Andern will, nur bei -er Philosophie zu suchen, was ihnen die Religion nach ihrer Ansicht nicht geben kann. 8. Ich verzichte zunächst aus alle Einzelheiten. Der Li.be-« ralen Bereinigung und ihren Führern aber ruie ich zu: Begnügt euch nicht mit der Wahrung eures Besitzstandes und mit dem Ausbau eurer Ortsgruppen. Haltet vielmehr Umschau, wo in Deutschland in den sogenannten Eircheits» gemeinden von den alteingesessenen Orthodoxen über die Bedürfnisse der oft so zahlreichen Liberalen zur Tagesordnung übergegangen wird, weil es ihnen an Zufaanmenfastung. an Vertretung, mi Organisation mangelt. Diesen Liberalen helft, ohne die Orthodoxen in ihren Anschauung^ zu stören! Was ihr Sa durch Erschließung neuer Geb tote' leistet, wird hundertfältig Frucht tragen. So dient ihr dem Deutschtum rmd dem Judentum: so weckt ihr das religiöse Inte reffe. Ernst B r i e g e r. In eigener Sache! (Gegen zionistische Entstellungöversuche.j Bon Dr. Karl R o s e n t h a l. Berlin. Der Zionismus rast und will sein Opfer haben! Erst! Schimpfkanonade des Herrn Steinhardt und der ..Jüdischen! Rundschau": dann as schwere Geschütz: Interpellation der Jüdischen ,Bolks"-Partei. und dann das allerschwerste Ge-« schütz: Riesendemonstrattonsversammlung. Für den kühlen Beobachter wirken die kindlichen Versuche, die so heiß umworbene jüdische Volksseele ein wenig zum Kochen zu bringen und den etwas 'langweiligen Winter national-jüdischen Mißvergnügens durch ein bißchen Sentatwnsmache temperamentvoll zu unterbrechen, köstlich erheiternd. Schließlich. warum auch nicht? Es ist nun doch einmal Karnevalszeit und Purim steht vor der Tür — da darf man selbst persönliche Gehässigkeiten und Beleidigungen niedrigster Art nicht allzu tragisch nehmen. Mer eine Aufklärung der Oeffentlichkeit und eine Richtigstellung ist dock nicht zu umgehen. Um was handelt es sich? In Duisburg ist seit etwa 80 Jahren an einer städtischen Schule eine jüdische Lehrkraft beschäftigt gewesen. Gelegentlich der Pensionierung des letzten Stelleninhabers ist vom Vorstand und der Repräsentanz der Synagogengemeinde. in der infolge des starken Zuzugs von ausländischen (Ost-) Juden die Zionisten die Majorität baben. beschloffen worden, bei den städtischen Behörden die Aufhebung dieser Institution zu beantragen: statt ihrer soll eine konfessionelle, jüdische Volksschule errichtet werden. Dagegen wehrt sich fast die gesamte ortseingesessene jüdische Bevölkerung. In einer Protestversammlunä (die übrigens nicht öffentlich war. wie die Zionisten behaupten), für die ich das Referat übernommen hatte, wurde eine Resolution, beschlöffe», die die Absichten der Natioualjuden in DutSburg zurückweist. Es soll in diesem Aufsatz keineswegs die Frage der jüdischen Volksschule prinzipiell behandelt werden. Nur zur Zurückweisung der von der zionistischen Seite gegen mich erhobenen Angrifte und tendenziösen Entstellungen habe ich von der Schriftlertnng der .^Jüdisch-liberalen Zeitung" das Wort erbeten und erhalten. Der Lehrer Steinhardt aus Madeburg,Durchfallskandidat .der zionistisch orientierten .Jlüdijchen Volksvartei" bei den vorjährigen Landesverbandswahlen bringt in den .blättern für Erziehung und Unterricht" einen sehr langen Bericht über meinen Bortrag. Dieser Bericht ist derart tendenziös aufgemacht, daß „schwarz" in „weiß" und „weiß" in ..schwarz" verkehrt worden ist. Herr Steinhardt arbeitet aern mit Verdächtigungen: „Ganz freilich kann man den Verdacht nicht los werden-" sagt er. um eine objektive Schilderung des Cbeder-Schulwesens in den Dienst seiner gehässigen Entstellungen gegen mich zu ziehen. Mit solchem Verdacht wird der geneigte Leser erst einmal st i m m u n a s - mäßig beeinflußt. Ueberhaupt: Stimmung! Steinhardt weiß, daß der „Verband national-deutscher I«- d t n" in manchen Kreisen wie ein rotes Tuch auf de» Stier wirkt. Also wird flugS für die nötige „Stimmung" geforgä: „ES gibt auch in Duisbura eine Anzahl Juden, die der Nairmannfche» national-deutschen Richtung nahestehen . . »Hast nur Anhänger dieser extremen Richtung" waren eingeladen!" Stimmung. Stimmung! „Dr. Rosenthal helft eS so dar. wie vor Monaten es Herr Dr. Naumann getan

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