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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-19 · 8 (19.2.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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risrnus und Romantik. Glaube und Aberglaube. Realismus und Phantasie. Das sind Geaenisatzpaare. Und weiter: Judentum und Christentum. Buddhismus und Islam. Ungezählte. ja. zahllose Gedaukeuflnten. die im Universum- MakrokosmoS und im Universum-Mikrokosmos dahinschnellen. die ihre formen fanden in beachtenswerte», wür. digen Systemen, Kirchengemeinschafte» und WetSheitSstätten. bleiben dieses Mal ungenannt. Berkanden wird, was es beißt. daß der Mensch der aetkttgen Söhenschau gleichsam durch mehrere Fenster in die Welt blicken mutz. Denn daS allein bedeutet Hinauswachsen über sich und Verständigung nach autzen. Zwischen dem Taa und der Nacht die Gleiche suchen und finden. Zwischen Luft und Wasser. Himmel und Meer die ftitfel der Rettuna erreichen. Sonst bleibt wie hier, so im übriaen Verwirrung und Unruhe unser Teil. Das Geschwätz gegen die vulgären Affekte im judenhasserischen Nicht-Denken ist wirkungslos, die Aufzeigung einzelner Proben des Denkens in den Gehirnen nicht weniger, aar nicht unbedeutender Männer in der Menschheitsgeschichte iüngster und früherer Epochen mehr als interessant. Sie alle sirrü Rufer im notwendigen Streite, den üe versöhnend geftihrt wissen wollen. — Dieser Platz ist eingeräumt für die bezügliche Betrachtung des notwendigen Gegensatzpaares: Judentum und Christentum, und führen wir nun drei Männer vor. die das Thema in unserem Sinne behandelt haben. Zuvor wenden wir uns einem Manne zu. auf den die Svrecher des zeitgenössischen Judentums mehr Aufmerksamkeit wenden sollten, weil von ihm neues Leben im Zeichen ausgleichender Versöhnlichkeit uns zuzukoimneu beschieden sein könnte. Dieses Geistesarsenal ist personifiziert in der duldsamen, hoheitsvollen. humanen Persönlichkeitsgestalt des Nikolaus von Cusanus. Dem Judentum und seinen Trägern wie auch den breitesten Schichten der geistigen Menschheit ist Cusanus' Schritt „de pace fidei" unerschloffcn. weil ne nur in der lateinischen Ursprache, noch dazu in wenigen Originalexenrplaren, vorliegt. Cusanus' Schrift ist unbekannt, daher seine Wirkung gleich Null ist. Nur in den Republiken der Wissenschaft besitzt er ewiges Bürgerrecht. Bevor der interessierende Kern aus der ge-- nannten Schrift durch eine kurze Besprechung erschlossen werden kann, ist es eine conditio sine qua non Biographisches über ihn zu berichten: Nicolaus von Cusanus wurde im Jahre 1401 in Kues an der Mosel geboren. Seine Erziehung genoss er zu Tevenier bei den „Brüdern vom gemeinsamen Leben". Nacheinander weilte er jahrelang in Italien, in Mainz. Koblenz. Münster und Belgien lLüttich). Er besuchte Basel und Frankfurt am Main, ebenso auch Nürnberg. Dieser Deutsche, zuerst professioneller Jurist, ward später Theologe, erklomm vom Priesterstande die höchsten Stufen der kirchlichen Würden und ward 1418 von Papst Nikolaus V. zum Kardinal. 1450 zum Bischof von Brixeu ernannt. Gestorben ist er im Jahre 1464 zu Todi in Umbrien, Neben genanntem Werke gab er unter seinen zahlreichen Schritten sein philosophisches -Hauptwerk ,,de docta ignorantia“ heraus, das für das Judentum dadurch interessant ist. weil Cusanus zur Bildung seines teils monotheistischen. teils pantheistischen Gottesbegriffes entscheidende Partien dem maimonidischen Führer entlehnt hat. Tie Geschichte des menschhcitlichen Denkens hat er zutiefst beeinflußt. indem er der Begründer des deutschen Idealismus wurde, nachhaltig durch seine Schöpfnngep wirkend auf Georg Feuerbach. Johannes Müller Kovcrnikus. Leonardo da Vinci. Giordano Bruno und Gottfried Wilhelm Leibniz. --In „de pace fidei" ist ein Kapitel gewidmet einem Dialoa im Himmel, wo die verschiedensten Religionssystemc nacheinander austreten. Judentum und Christentum ebenso wie Islam. Griechentum und Parsismus.-Eine jede der Religionen preist ihre Glanbensvorteile an und nimmt für sich das Recht in Anspruch, den Menschen glückselig zu machen. Ein analoges Stück hierzu finden wir im „Kiisari" des Jeknrda Halevi. Warnvr aber ist es nicht möglich gewesen. so fragt Cusanus, dass in der empirischen Geschichte der Religionen die Einheit in der Vielfältigkeit nicht gefunden wurde? In Anbetracht der Breite, die diese Abhandluna erforderlich machen würde, lassen wir ihn kurz inhaltlich antworten: Tic Religionen sehen einander vorbei. Ihr Blick haftet zu sehr an der äußeren Schale und schaut nicht den Kern. Zeremonielles. Zeitliches wird für das Wesen gehalten, während sie das Absolute, das Ewige, das Bleibende nicht erfassen. Wohl ist das Schrifttum der Völker ethisch immens hochstehend, jedoch in der Praxis erlahmt der in der Theorie sonst so hohe Schwung der Gedanken. Der Christ möge die Beschneiöung und das Ritual des Judentums fortan verstehend würdigen, wie umgekehrt das Judentum die Taufe und das Abendmahl betrachte« möge als unabänderliche Bestandteile des religiösen Heil- und Weistums der nazarenischen Religion. Gott, so fleht er innig, möge endlich sich offenbaren und uns schauen lassen die Religion der Zukuust. in der der Gedanke von der Einheit in der gegenseitigen Achtung seinen sichtbaren Ausdruck finden möge. Im Zeitalter des finstersten Mittelalters ist der Laut dieser Sprache unerhört neu uud ungemein wohlklingend. Ricolaus von Cusanus ist unter den Deutschen der erste grotze Philosoph, dessen System eine grotzartige Explikation des Gedenkens von der Toleranz darstellt. Verglichen werben kann dabesagte Kapitel in ..de pace fidei" mit dem beregten Dialog im „Kusart" der JÄuda Halevi und dem Gebet „Olenu". welches in unserer täglichen N* thurgie Aufnahme gefunden bat. — Wir ziehen nun von hier weiter quasi durch die Jahrhunderte, bis uns um das Jahr 1788 in Altona sElbe) in einem deutschen Rabbi ein Mann entgegentritt, der der Erste feit Jahrtausenden genannt werden kann, welcher verstehend und wahrheitsgemäß vom Christentum sprach — als glauben Streuer Jude! Es ist der weltbekannte, durch den Amuletten streit mit Jonathan Eiben, schütz zu höchstem Ruhm gelangte Jakob Emden, den kein Geringerer als Moses Mendelssohn, der Geistesriese, den Größten seiner Zeit nannte und ihn in seinem Briefwechsel mit Emden Attribute beilegte wie: „Lehrer und Meister", „Erleuchteter, berühmter, grosser Rabbi". „Lehrer des Volkes". „Vertreter der Nation" lBriefwechsel über die Beerbt« guuassrage). Dieser Mann also. Lessen großer Vater Chacham Zwi. Oberrabbiner der Dreigemetnde Altona-Hamburg- Wanüsbek. dem Svinozismus nicht feind war. läßt sich vernehmen lResen Matüe. fol. 15): „Ich sage also: Der Nazarener Jesu hat eine doppelte Wohltat in der Welt gestiftet, wie sichs heutzutage klar und offenbar zeigt. Er. der Nazarener. hat erstens den Götzendienst zerstört, von den Völkern die Götzenbilder entfernt und sie zu den sieben noachidischen Geboten verpflichtet und auch zu den zehn Geboten, dem Dekalog. dass sie nicht wie das Vieh des Feldes sein sollen, und er bat zweitens ihnen Sittenlehren zuteil werden lassen, und darin hat er es ihnen viel schwerer gemacht als das mosaische Gesetz, wie bekannt." Jeder Kenner des jüdischen Schrifttums weiss. wie sehr duldsame Meinungen über nichtjüdische Religions- und Weltanschauungssysteme dort vorgetragen werden. Es muss aber bekannt werden, dass dieses Schriftstück neben einer Midraschstelle, die ich jetzt zitiere, einzig dasteht im Judentum. Midrasch Koheleth zu I. 8 84 erzählt von Rabbi Jehuda ben Nakosa sAnsana des 3. Jahrhunderts u. Chr.). der ein Großer in Israel war. er „habe langwierige Disvute mit Indenchristen gehabt, die er besiegte. Als seine Schüler ihn dazu beglückwünschten, antwortete er ihnen: „Uunonst sprecht ihr dieses. Geht lieber und betet wegen jenes Mannes sIeiu) und wegen des Gefäßes. das voller Edelsteine und Perlen war und jetzt nur Kohlen enthält. Rabbi Jehuda bedauerte, daß die von Jesu erhaltenen Edelsteine und Perlen von seinen späteren Bekenner» in wertlose Kohlen verwandelt wurden."-Als dritten Repräsentanten der Toleranzmacht nennen wir Hans Much, seines Zeichens h-nnburgischer Univerntätsprofessor für Medizin, bahnbrechender Forscher auf dem Gebiet der Tuberkulose, nebenbei vollendeter Philosoph. Dichter. Naturforscher. Schöpfer einer neuen Bauknltnr. Zudem ist er tief eingedrungen in die Welt des Buddha. Fünfundzwanzig Dichter- und elf fachwissenschastliche Werke hat er im Buchdruck herausgehen lassen. Gekannt überall, längst Meister, hochberühmt im In- und Ausland. Bald nach der Ermordung Rathenauö sah ich ihn in einem hamburgischen. hebräischen Buchladen. wo er zweistündia über den Talnmd sich unterhielt . . . Uud hier einen kurzen Auszug ans „Enimauö" in „Ninas um Jerusalem": „Die Rasse, der ich selber angchore. hat ja im Bruderzwiste vielleicht das Aeußerste geleistet. Und doch will ich im höheren Sinne ihrer Art daheim nachgehen. Es ist eine ganz andere Frage, ob eine Nasse sich von dem Blute einer fremden Nasse rein erhalten soll. Aber eine intelligente Rasse als solche zu verdammen, ist unedel und kindisch. Und der orthodoxe Pfarrer, der Antisemit ist und ganz im Alten Testament fußt, weiß nicht, wie midersinnia er wirkt. Ob der Germane dem Juden den Einfluß aus sein Geistesleben verwehren soll, ist eine Frage, darüber sich ernst, sehr ernst streiten lässt. Doch den Juden einfach als Juden zu verdammen, ist Zeichen eigner Schwachheit! Die Germanen, die uns der Renaissance, dem typischen Ausdruck des Materialismus und der Ichsucht ausgeliefert haben, haben am eigenen Volke mehr gesündigt als die- Juden. Auch bei den Juden gibt es im Mythos neben Aaron: Mose. Im Leben neben p-i--.-"-- — "^nkier: Barnch Spinoza. Man lerne erst wirklich Geschichte und lasse hohles Phrasentum . . Merkwürdig, wie ich hier plötzlich an Liberias denken muß. Dort ruhen die Talmudisten. die nach der Eroberung Jerusalems dort eine Zuflucht fanden, uns völlig unbekannt . . . Rabbi Meir. Akiba. warum denke ich plötzlich an euch? Meir. warst du es nicht, der in seines Herzens Ehrlichkeit und unbekümmert um die Folgen für eine andere Uebersetzuirg des 31. Verses des ersten Kavitels im ersten Ruche Moie eintrat? Du warst, wenngleich wohl unbewußt, der Weiseste von allen. Du übersetztest nicht: „Und Gott sah alles an. was er aeschafferr hatte, und siehe, es war alles sehr aut", sondern tratest dafür ein. es müsse also gelesen werden: „Und Gott sah an alles, was er geschaffen, und nur der Tod war gut". Ist das nicht die ErröweiSheit aller Gottsucher?" . . . Wohlweislich habe ich irei Männer hier in ihren Aentzerungen angeführt, die hinsichtlich der Zeit, tu welcher sie leben und hinsichtlich des Standpunkte-, de» sie einnehmen, sich gänzlich voneinander unterscheiden. Kusa spricht als Philosoph. Emden als Theologe. Much als moderner, europäischer Gelehrter. Sie könne» Vorbilder sein für die zu schaffende Insel des Verständnisses. von der Constantt» Brunner sagt: ..... und von der Insel des Verständnisses wird et» Segen an-gehen über die ganze Erd« für alle Juden und Richtiuden ... sie ist noch wichtiger als eine gesicherte Heimstätte für die Juden, denen in ihren Ländern das Leben unmöglich gemacht wirb/ l.LZonr Einsiedler Constantin Brunner.") Das russische Judentum und die Dezembristen. Ii8ds-ivrs.) Bon D r. S. M. Ginsburg. I. In der gespannten Atmosphäre unserer Gegenwart ist ein lOOjähriges Jubiläum fast unbemerkt geblieben. Doch hatten di« Ereignisse, die sich vor 100 Jahren, am 14. Dezember 1823 in Russland abspielten, nicht nur eine reinlokale Bedeutung, sondern sie bildeten ein Glied in der langen Kette der Freiheitskämpfe, die feit der großen französischen Revolution'die Grundlage des „ancien r6gime" in verschiedenen Staaten Europas erschütterten. Ter Aufstand der Offiziere der besten russischen Garderegimenter, die sich an einem frostigen Dezembermorgen 1823 gegen die verhaßte Zarenregierung erhoben, wurde unterdrückt, und fünf von den Führern starben den Heldentod für ihre Freiheitsträume. Doch das Opfer blieb nicht umsonst, und den russischen Dezembristen gehört eine ehrenvolle Stelle im Pantheon der Kämpfer für das Glück der Menschheit. Hat das russische Judentum jener fernen Zeit an der ersten bedeutenden Freiheitsbewegung teilgenommen oder wenigstens mit Interesse den Fortschritt der Ereignisse verfolgt? Um eine Antwort ans diese Frage zu gewinnen, ist es notwendig, sich die gesellschaftliche Stellung des russischen Judentums vor 100 Jahren zu vergegenwärtigen. Die Stellung der russischen Gesellschaft gegenüber der jüdischen Bevölkerung des Reiches zu Beginn des XIX. Jahrhunderts war voll Verachtung und Feindseligkeit. Diese Abneigung gegen die Juden gehörte zu dem Nach» lasse. den die Gesellschaft von dem vorhergehenden Jahrhundert bekommen hatte. Seit der Zeit Katharinas der Grossen zählte Russland eine grosse Menge jüdischer Untertanen. doch blieb das jüdische Leben und Treiben wahrend der Regierung Alexanders I. für die russische Gesellschaft ebenso fremd und unverständlich wie unter seinen Vorgängern. Die Juden wohnten ausschließlich in den Gegenden, die bei der Teilung Polens Rußland zugefallen waren, und die Bevölkerung Groß-Rußlands hatte eine recht phantastische Vorstellung von den polnischen Juden, mit denen sie sehr selten in Berührung kam. Auch die gebildeten Kreise der russischen Gesellschaft wußten vom jüdischen Leben so gut wie nichts, und selbst für Offiziere, die ihren Dienst in den polnischen Bezirken leisteten, blieb der Jude ein rätselhaftes Geschöpf, da er von der Wehrpflicht befreit war. Die Lage der Dinge änderte sich während des Krieges gegen Napoleon. Hauptsächlich litauische und polnisch« Bezirke bildeten den Kriegsschauplatz, und die russische Armee stieß überall, aus Schritt und Tritt, aus Juden. Der russische Offizier lernte die niedrigsten Elemente der jüdischen Bevölkerung kennen, der jüdische Kontrabaudist. dev jüdische Faktor, der jüdische Schenkwirt, manchmal der fifc»' dische Spion — das waren die Persönlichkeiten, urit deir«w der Offizier während des Kriegszuges alltäglich zu tun hatte. Niemals gab er sich die Mühe, einen Blick in die Seele des jüdischen Volkes, in sein tieferes Gefühl, zu werfen. Für den russischen Offizier — den Vertreter der besten damaligen russischen Gesellschaft — war und blieb der Jude ein schmutziaes, ehrenloses Geschöpf Mädchenhändler und Spion, der bereit war. die russische Armee dem Feinde zu verraten. Jede Grausamkeit gegenüber diesem Volke von Schmugglern galt für erlaubt und sogar lobenswert. In der großen Memoiren-Literatur jener Epoche finden sich viele Spuren solcher unmenschlichen Behandlung der armen und schutzlosen jüdischen Massen. Sogar gebildete Offiziere haben sich vieles dabei zuschulden kommen lassen. So z. B. erzählt uns der Offizier Murawjeff. wie Oberst Schulgin. des Großfürsten Konstantin Adjutant, befohlen hatte, viele schuldlose jüdische Greise auszuprügeln: der skrupellose Oberst wollte dadurch der übrigen Bevölkerung Ehrfurcht vor der russischen Armee einflößen. Eine derartige Behandlung der jüdischen Bevölkerung mutzte jedem Romain Rolland und die luden. Von Frieda Raschkowitz. Anlässlich des 00. Geburtstages von Romain Rolland brachten diese Blätter eine Würdigung des Dichters, in der man ihn als einen Nachfolger und Schüler Hillels pries, dessen hervorstechendster Charakterzug die Gerechtigkeit ist. Wenn man jedoch den „Jean Christophe" aufmerksam liest, so stößt man allenthalben ans Aeußerungen des Verfassers, die nicht nur von Obiektiöität und Vorurteilslosigkeit zeugen, sondern von einem tiefen Versenken in die indisch« Pmche und dem Bestreben, den Einzelnen und die Gesamtheit völlig zu verstehen. Und selbst da. wo Rolland Schwächen oder Mängel der Juden aufzeigt, tut er dies voll einsichtigen Berzeihens und ist stets bemüht. Motive für diese Fehler zu finden. Um das Gesagte noch besser zu erhärten, soll nunmehr Rolland selbst zu Worte kommen. Die folgenden fast wortgetreuen Ueberi'etzunaen sind sämtlich dem 7. Bande des „Jean Christophe". Dans la maison iIn dem Hause) entnommen. Als wesentlich sei jedoch noch vorausgeschickt, daß des Autors Stellungnahme natürlich nicht nur auf die in Frankreich lebenden Juden zu begrenzen, sondern als ein allgemein gültiges Werturteil für sämtliche in den Kulturstaaten lebende Juden aufzufassen ist Mooch war dem Anscheine nach mehr Jude als in Wirklichkeit. d. ü. der Jude, wie ibn diejenigen darstellen, die ibn nicht lieben: klein, kahl, schlecht gewachsen, mit breit gcguetschter Nase, großen Augen, die aus einer großen Brille herausschielten, mit einem Gesicht, das in einem schlecht gestellten, rauhen, schwarzen Bart vergraben war. mit haarigen Händen, langen Armen, kurzen und gekrümmten Beinen. Aber es war in ihm ein derartiger Ausdruck von Güte, daß man davon gerührt wuvöe. Besonders »rar er schlicht und sagte kein unnötiges Wort. Keine übertriebenen Schmeicheleien, nur ein diskretes Wort. Aber er war von Eifer beseelt, sich nützlich zu machen, und nach b-v"f wuu ihn mn irgend etwas gebeten hatte war der Dienst erwiesen. Er kam oft. zu oft. und fast immer brachte er irgendeine gute Neuigkeit mit: eine Arbeit für einen der beiden Freunde, einen Artikel oder Vorträge für Olivier. Musikstunden für Christophe. Nie Vlieb er lange und setzte eine gewisse Geziertheit darein, sich nicht oufzudrängen. Die Güte ist bei den Juden nichts Seltenes, von alle« Tugenden ist sie diejenige, die sie am meisten gelten lassen, selbst wen» sie sie nicht ausüben. In Wahrheit bleibt sie bei den meisten in einer negativen oder neutralen Form bestehen: Nachsicht. Gleichgültigkeit. Widerwille. Böses zu tun. ironische Duldung. Aber bei sehr vielen und so auch bei Mooch war sie äußerst rührig. Er war immer bereit, sich irgend jemand oder irgendeiner Sache zu widmen. Für seine armen Glaubensgenossen, für die russischen Flüchtlinge. für die Unterdrückten aller Nationen, für unglückliche Künstler, für jedes Mißgeschick und jede wohltätige Angelegenheit. Seine Börse war immer offen, und wie wenig sie auch gespickt war. er fand immer Mittel und Wege, ihr einen Obulus zu entnehmen: wenn sie leer war. so zog er ihn ausder Börse der anderen heraus. Er rechnete nie seine Mühe, noch seine Schritte, vom Augenblick an, wo es sich darum handelte, einen Dienst zu leisten. All dies tat er aanz schlicht, mit übertriebener Einfachheit. Er tat Unrecht, ein wenig zu häufig zu sagen, daß er einfach und aufrichtig wäre: aber er war es wirklich im stärksten Matze. Als man zu ihm eines Tages sagte: „Welch ein Unglück, daß Sie ein Jude sind." da lächelte er mit trauriger Ironie und erwiderte ruhia: «Es ist ein noch viel größeres Unglück. Mensch zu sein." — Bei all seinem gesunden Menschenverstand und seiner ironischen Ruhe war Mooch Neurastheniker. der die Leere, die in ihm war. nicht sehen wollte. Er suchte überall nach Gründen zu handeln, an die er sich klammern könnte, wie an Bojen im Wasser. . Man bezahlt das Vorrecht, einer zu alten Rasse anzugehören. sehr teuer. Man träat die erdrückende Bürde der Vergangenheit, von Prüfungen und Erfahrungen, von getäuschter Vernunft und Liebe, ein ganzer Bottich voll hundertiährigen Lebens, auf dessen Boden sich ein herber Rückstand von Ueberdruß gelagert hat. Dieser Weltschmerz, der ungeheure 'ewiti'ch" Welt'chwerz steht in keinem Verhältnis zu unserem arischen, der uns wohl auch leiden macht, der aber wenigstens bestimmte Gründe bat und mit ihnen vergeht. Tenn wir empfinden öfter nur Bedauern, nicht bas zu haben, was wir wünschen. Aber bei aewissen Juden ist es die Lebensguelle selbst, die angegriffen ist. und zwar durch ein tödliches Gift. Keine Wünsche mehr, kein Interesse an irgend etwas, w"tzer Ehrgeiz, noch Liebe, noch Vergnügen. Eine einzige Sache besteht, nicht unversehrt, sondern krankhaft übermäßig empfunden, in diesen Entwurzelten des Orients, erschöpft durch die Verausgabung an Energie, die sie seit Jahrhunderten vornehmen mußten, und nach Unerschütterlichkeit strebend, ohne sie erreichen zu könne», fort. Der Gedanke, die Analyse ohne Ende, welche im voraus die Möglichkeit ieden Genusses hindert, und welche zu jeder Tat entmutigt. Die Energischsten geben sich Rollen und spielen sie. mehr, als sie für eigene Rechnung bandeln. Es ist merkwürdig, bei einer Anzahl unter ihnen— und nicht den am wenigsten Intelligenten, noch zuweilen den am wenigsten Ernsten — vernichtet diese Uninteressiertheit für das wirkliche Leben die Neigung oder den uneingestandenen Wunsch, sich zu Schauspielern zu machen, das Leben zu spielen. — die einzige Art für sie. es zu erleben. — Auch Mooch rvar nach seiner Fasson Schauspieler. Er handelte, um sich zu betäuben. Aber anstat, wie viele Leute, für ihren Egoismus zu handeln, tat er es für das Glück der anderen. Er liebte das Sichhingeben mehr als die Leute, denen er sich hingab. Sie waren ihm ein Vorwand, um Gutes zu tun. um zu leben. — Als Christophe einen wenig verbindlichen Artikel von Lucien Lovy-Coeur über seine Musik fand, nicht eine freimütige Kritik, sondern von verletzendem Wohlwollen, welche ihn mit raffinierter Persiflage in dieselbe Reihe mit Musikern dritten oder vierten Grades, die er verabscheute, stellte, sagte er: „Die Juden sind überall aus unseren Wegen, als Feinde oder Verbündete." „Weil sie klüger als die anderen sind/ sagte Olivier. „Die Juden sind fast die einzigen unter unk. mit denen ein sreidenkender Mensch von neuen und lebendigen Dingen sprechen kann. Die anderen halten starr an der Vergangenheit und den toten Dingen fest. Unglücklicherweise existiert diese Vergangenheit nicht für die Juden, oder sie ist Wenigstens nicht dasselbe für sie wie für unS. Mit ihnen können wir uns nur von heute unterhalten, mit denen von unserer Rasse nur von gestern. Sieh' die jüdische Tatkraft in allen Beziehungen: Handel. Industrie. Unterricht, Wissenschaft. Wohltätigkeit. Kunstwerk". Ich behaupte nicht, daß daS. was sie tun immer sympathisch ist. mitunter ist es sogar hassenswert. Aber sie leben wenigstens, und sie können diejenigen, welche leben, verstehen. Wir können sie nicht entbehren. Man könnte vielleicht ohne sie leben. Aber wozu diente eS. wenn dein Leben und dein Werk allen unbekannt bliebe, wie eS wahrscheinlich ohne sie der Fall wäre. Lines etwa unsere Glaubensgenossen, die uns zu Hilfe kämen? Was wären wir. die wir freidenkengeschaffen sind, was wäre unsere Tat ohne eine Handvoll freier Juden. Die Jude» sind im heutigen Europa die rührigsten Kräfte bei allem, was es Gutes und Böses gibt. Sie übermitteln ans gut Glück den Blütenstaub des Gedankens. Man darf nicht undankbar sein. Man soll besonders nicht unklug sein. Wir wolle» unsere schon kranke ZivUffation nicht verstümmeln, indem wir behaupten, sie nur von einigen ihrer lebenskräftigste» Zweiae anSzuästen. Wenn es daS Unglück wollte, baß die Inden ans Erova vertrieben würden, so bliebe eS arm an Intelligenz und Tatkraft zurück, ja. es bestände die

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