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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-19 · 8 (19.2.1926) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erziehung zur Toleranz. Bon Professor Dr. Eugen Wölbe. ES ttt eine alte Erfahrung, daß Vorurteil und die ihm entsprrngende Gehässigkeit einzig und allein auf Unkenntnis beruhen. Für die unter Vorurteilen leidenden Volks, gruppen oder Einzelpersonen bedeutet die entschiedene Ablehnung zwecks Behebung des Vorurteils eine besonders schmerzliche Erfahrung. Gerade wir Juden leiden schwer darunter, daß unsere christlichen Mitbürger unser Wesen und besonders unsere Religion mit ihren erhabenen Lehren nicht kennen und gar nicht kennen wollen. Unzweifelhaft wäre viel Abneigung aus der einen und Verbitterung auf der anderen Seite vermieden, wenn in unserer Umwelt ein stärkerer Wille zu gegenseitigem Verstehen vorhanden wäre. Welche schönen Früchte würde beispielsweise eine allgemein Lurchgeführte Befolgung jenes Paragraphen der Reichs- Verfassung zeitigen, welcher die Erziehung der Jugend im Geiste der Völkerversöhnung vorschreibt! Vorbildlich wirkt in diesem Sinne ein Grotz-Berliner Realgymnasium, dessen Direktor und Lehrerschaft die ihnen anvertraute Jugend nicht nur zur Versöhnung der Völker, sondern auch zum besseren Verstehen der einzelnen Religionsbekenntnisse untereinander erziehen Gemeinsame Besuche in den Gotteshäusern anderer Bekenntnisse sollen den Schülern ein Kennenlernen aus allernächster Anschauung ermöglichen: Selbstverständlich bildet auch das Judentum einen Gegenstand ihres Jnteresies. Zum Besuch eines Gottesdienstes rm Tempel kam nur ein solcher mit liberalem Ritus in Betracht Als mir der Auftrag zuteil wurde, die r— vor dem Examen stehende — Oberprima in eine Synagoge zu führen, wählte ich die neue Synagoge und den ersten Cbanukababend Der Religionslehrer las vorher mit den Schülern das Makkabäerbuch.- der Musiklehrer übte die Chanukahhymne ein. Somit war den Schülern eine Anleitung zum Verständnis der Festfeier gegeben. Das in allen seinen Teilen dicht gefüllte Gotteshaus, das im Lichterglanz erstrahlte, machte auf diese christlichen jungen Leute — einige zwanzig an Zahl — sichtlich einen tiefen Eindruck Rabbiner D r. Weiße knüpfte in seiner Festpreüigt an die Heldentaten der Makkabäer an und kennzeichnete ihre Kämpfe als einen Opfermut für das höchste Ideal, den Glauben, die Intoleranz aber als das größte Verbrechen an der Menschenseele. Wie das Judentum zu allen Zeiten Achtung vor jeder religiösen Ueberzeugung gelehrt habe, so dürfe es auch Achtung und Anerkennung seines Glaubens verlangen. Die von echter Frömmigkeit und edelster Toleranz durchwehte Predigt hat die jugendlichen Zuhörer — und auch den sie begleitenden Lehrer — tief ergriffen. In der nächsten ReligionSstundr wurde der Tempelvesuch einer eingehenden Besprechung unterzogen, über welche ein Primaner ein Protokoll aufnahm. AuS dem umfangreichen Schriftstück seien die folgenden Bemerkungen wiedergegeben: „Ich. als Protestant, schäme mich nicht im geringsten, zu erklären, daß diese Feier einen äußerst tiefen und großen Eindruck in mir hinterlasien hat." „Die musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes verleiht diesem zugleich den Wert eines guten Konzerts. Die protestantische Kirche kann in dieser Hinsicht manches von der jüdischen lernen." „Die Toleranz, von welcher der Prediger sprach, ist nicht nur eine Eigenschaft des Judentums, sondern auch des Christentums." „Bei den Juden scheint nicht immer Theorie und Praxis übereinzustimmen." Hiergegen wurde eingewendet, daß dies bei allen Konfessionen mehr oder weniger der Fall sei und daß außerdem die Theorie (d. h. die jüdischen Glaubenslehren. D. Red.) gar nicht bekannt sei. Hier entgegnete — ebenfalls laut Protokoll — der Klassenleiter, Studienrat Dr. B., er sei über die Theorie des jüdischen Glaubens hinreichend unterrichtet, er habe sich auch mit dem Talmud beschäftigt und könne nur sagen, „daß der Talmud das Höchste darstelle, was man sich in bezug auf Moral nur irgend denken kann. Diese höchst ideale Moral des Talmud sei christlicher als das Christentum, was ja kein Zufall ist, da beide Religionen im Grunde genommen dasselbe seien und nur in bezug auf die Person Christi Meinungsverschiedenheiten herrschen" Mit dem Besuch der Synagoge und dessen Besprechung haben die Lehrer diese praktische Aufklärungsarbeit nicht als erledigt angesehen. Zunächst lasen die Schüler Lessings „Nathan" dann aber wünschten sie, über alles, was sie vom Judentum noch wissen wollten, eine Aussprache mit einem »Fachmann". Mir wurde der Vorzug zuteil, als dieser »Fachmann" an einem — für mich schulfreien — Vormittage zwei Stunden lang in ihrer Klasse über das Judentum, seine Bedeutung, seine Lehren und seine Gebrauche vorzutragen. Die Oberprimaner waren von dem Gegenstände so erfüllt, daß sie — trotz wiederholter Aufforderung — sogar auf die Ausnutzunq ihrer Pausen verzichteten! Ich sprach von unserem ungetrübten Monotheismus, von der AuSerwählung Israels als deS Volkes der Thora, von den drei Grundlehren unseres Glaubens, von unseren religiösen Urkunden, namentlich vom Talmud, von unserer Sabbatseier, von den Festtagen,- ich laS die Segenssprüche über die Thora. Erwerbslosendemonstratlon in der Lerliner ". ' Berlin, 17. Februar 1926. (Nach Redaktionsschlutz.) In der heutigen Repräseutantenversammluny der Berliner Jüdischen Gemeinde kam cs zu Auftritten, wie sie bisher in diesem Gremium noch nicht erlebt worben sind. Auf der Zuhörergalerie war ei« besonders starker Andrang während der ganzen Sitzung, die abends um V27 Uhr begann, zu bemerken. Zunächst wurden eine Fülle kleinerer Vorlagen erledigt. Dann setzte eine ausführliche Debatte über jüdische Schulfrage« ein. Bon der Jntereffeugemeiuschaft jüdischer Erwerbsloser war an sämtliche Repräsentanten ein Schreibe« verteilt worden, das präzise Forderungen enthielt. Die Tatsache, -atz die Debatte über jüdische Schulsragen, provoziert durch eine zionistische Agitatiousrede, annähernd zwei Stunden dauerte, trotzdem Einstimmigkeit für Len vorliegende« liberale« Antrag herrschte, während man auf die Besprechung -er dringendsten sozialen Fragen noch nicht zehn Minnten verwandte, löste bei den auf der Galerie anwesende« jüdischen Erwerbslosen einen Sturm -er Entrüstung ans. Fortgesetzt erfolgten Rufe: »wir hungern", „wir haben kein Obdach" nsw. Der leitende stellvertretende Vorsitzende -er Repräsentantenversammlung, Rechtsanwalt Dr. Klee (Jüd. Volkspartei), drohte mit Räumung -er Galerie. Da ein sachliches Verhandeln Lei den fortgesetzten Tumulten unmöglich mar, wurde die Sitzung unterbrochen. Dr. Klee begab sich aus die Tribüne, um die erhitzten Zuhörer zu beruhigen. Nach der Wiedereröffnung der Sitzung durch den Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung, Rechtsanwalt Stern sliberal), würbe die Frage -er jüdische» Schulen kurz beendet, und autzerhalb der Tagesordnung erfolgte noch eine Besprechung der sozialen Frage«. Herr Pincns (liberal), der mit den Vertretern der Erwerbslosen verhandelt hatte, klärte die Ursache« des Tumultes auf und gab die Versicherung ab, datz die Jüdische Gemeinde alle in ihre« Kräften stehenden Schritte unternehmen werde, um die jetzige Not 8» bannen. Vom Gemeindevorftand erklärten die Herren Kammergerichtsrat Wolfs »nd Caspary, -atz bereits eine große Anzahl von Notstandsarbeiten in Angriff genommen sei. Die Herren Goslar und Klee (IM. Bolkspartei) machten detaillierte Vorschläge. Bon liberaler Seite wurde daraus hingewiesen, datz die Jüdische Bolkspartei es abgclehnt habe, Mitglieder in die gemischte Deputation, die über Notstandsmatznahmen berate« solle, zu engenden. Sie wurde wiederholt ansgefordert, ihre Stellungnahme zu revidieren, damit sie hier wirksam Mitarbeiten könne. Diese Kommission soll bereits am kommenden Sonntag zusammentreteu und der nächsten Repräsentantenversammlnng ausführliche Vorschläge zur Abhilfe der jetzigen Notlage unterbreiten. (Bezüglich der Fragen, die diese höchst bedauerlichen Vorkommnisse verursacht haben, verweisen wir auf den Leitartikel unserer vorletzten Stummer. Ans die Verhandlungen der letzten Repräsentantenversammlung kommen wir in der nächsten Nummer noch ausführlich zurück. Die Schriftl.) das Gebet bei der Neumondsweihe, das Gebet vor P’ssach lonu scha'ar und das Sündenbekenntnis vor, welches der Rabbiner für die Gemeinde ablegt. Namentlich diese beiden Gebete schienen die jungen Leute tief zu ergreifen! Nach dem — im Plauderton gehaltenen — Vortrage beantwortete ich eine Menge von Fragen aus dem Zuhörerkreise: Judentum und messianische Zeit — Aug' um Auge, Zahn um Zahn — Ist die Nächstenliebe nur auf die eigenen Glaubensgenossen beschränkt? — Stellung der Frau im Judentum — Vorbildung der Rabbiner und Kantoren — Gibt eS einen Maßstab für Gut und Böse im Judentum? — Judentum und Proselyten — „Sein Blut komme über unsere Kinder" usw. Selbst als ich das Klassenzimmer längst verlassen hatte, folgten mir noch Primaner und legten mir Fragen vor. Auch dieser Vortrag in der Schule, über den gleichfalls ein Verhandlungsbericht ausgenommen wurde, wird den Gegenstand einer — abschließenden — Besprechung in der Religionsstunde bilden, um die zu Ostern auf die Universität übergehenden oder ins praktische Leben tretenden jungen Leute mit sicheren Kenntnissen über das Judentum auszustatten. In unserer Zeit werben die höheren Schulen vielfach als Brutstätten der Reaktion und Intoleranz gekennzeichnet. Aber unter Anleitung solcher Lehrer, wie an jenem Realgymnasium, werden die Schüler zur Gerechtigkeit und Duldsamkeit Andersdenkenden gegenüber erzogen: daß in diese Toleranz guch die Bekenner des Judentums einbezogen werden, ist außerordentlich erfreulich. Wenn das Beispiel dieses Realgymnasiums — dem vor zwei Jahren in diesem Punkte der praktischen Aufklärung bereits eine Groß-Berliner Aulbauschule voranging — Nachahmung findet, so dürfen wir hoffen, daß Mißtrauen und Feindschaft gegen die Juden liebevollem Verstehen weicht und die Zeit dämmert, die der gottbegeisterte Deuöeroiesajas mit den Worten verkündet: „Mein Haus sei genannt ein Bethaus für alle Völker." * Auf dem Umwege über den „Völkischen Beobachter" erfahren wir während der Drucklegung des vorstehenden Aufsatzes. daß auch in Heidelberg der Versuch gemacht wurde, die Jugend zur Toleranz zu erziehen In dem — selbstverständlich mit eine? tendenziösen Verdächtigung beabsichtigten Seelensanges versehenen — Bericht heißt eS: „Die Obertertia des Heidelberger humanistischen Gymnasiums hat Donnerstag morgens zwischen 8 und 9 Uhr, Religion, die katholischen Schüler bei Herrn Vröf. Lossen, die evangelischen Schüler bei Herrn Dekan Schlier. Diese Herren Vertreter der beiden .christlichen Kirchen hatten offenbar die Absicht. ÜA Gemeinsamkeit ihrer Bestrebungen , sichtbaren Ausdruck zu geben. Was aber taten sie? Sie l führten am Donnerstag, dem 8. Oktober, die beiden Abteilungen der Obertertia gemeinsam iu die Synagoge, wo sie Herr Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß festlich empfing. Dr. Henn spielte die Orgel und Herr (Kantor?) Cremer erfreute die Jungens durch seinen Gesang. Es schloß sich daran der Besuch der neben der Synagoge aufgebauten Laubhütte. Das ist modern christlicher Religionsunterricht." Jawohl, das ist moderner Religionsunterricht, nicht b!vft vom allgemein-menschlichen Standpunkte aus. welcher in Humanität und Toleranz die edelsten Blüten der religiösen Unterweisung erblickt, sondern auch im Sinne der neuen „Richtlinien für das höhere Schulwesen", welche im Religionsunterricht den Besuch von Gotteshäusern — zu Lehr« zwecken — vorschreiben. Von der 3nsel des Verständnisses. . Bon Willy Aron- Hamburg. Jedes Gegensatzpaar im Naturgeichehen weist Verbundenheit miteinander auf. Die Einsicht in diese Tatsächlichkeit ist so alt wie die Geschichte bes menschlichen Denkens selber. Tie im öarwinistischen Weltanschauungskomplex zur Banalität und Flachheit herabgedeutete Theorie vom Kampf ums Dasein ist in unermetzlich tieferer Ausprägung vorhanden im luzattinischen System des italienischen Mose aus Padua. Bon hier aus kann aufwühlendster Kontrast im naturgesetzlichen Walten geschaut werden. Auseinanderstrebung in die Weite bedeutet Vereinigung mit Neuem, also anderem. Gegensätzliches wird eins. Keine Verschmelzung, nur Versöhnung der streitenden Extreme. Assimilierendes Aufgehen in Ungekanntes. Wesensfremdes ist Schwachheit eigener Beschaffenheit. Die spinozistische Substanz verschlingt nichts in sich, alle Unterschiede auSlöchend. sie tritt mächtig erst da hervor, wo stärkste Betonung von Beigefellung der Attribute und Modis erfahren wird. Alles im All ist Widerstreit und da „kommt zwischen Himmel und Erde die Atmosphäre, in der wir atmen, und stiftet so Eintracht zwischen Himmel und Erde". Diesem Problem ist hier im Äabbalistisch-Soharitischeu der Sinn gegeben. Und der Hochwnnderbares darstellende Walter Rathenau beausdruckt diese Idee in seiner Streitschritt vom Glauben inhaltlich, indem er meint, daß alle Vielfältigkeit. alle Mannigfaltigkeit in der Einheit zeugt von der Intensität der schöpferischen Durchdringung. „Wie die Lebenskraft in der Tausendfältigkeit der Form sich auswirkr, so kann die Gotteskraft nur in der Tausendfältigkeit der Strahlung wirken." Eher gesteigert als gemindert soll diese Betriebsamkeit sein. Je größer das Spiel der Kräfte, desto überwältigender der Ausklang in die Harmonie. Das Leben in der Natur, in die nach jüdisch-kabbalistischer Deutung das Menschendasein hineinverhaftet als zum Gesamtnaturstaate Gehöriges, ist durchsetzt von Elementen, deren Merkmal Differenzierung heißt.. Trennung und Verschiedenheit, Scheidung und Besonderheit. Wirklichkeit und Ideal. Empi- 57^027996554^214

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