Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-19 · 8 (19.2.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613849--1701-2619090
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Beobachter deS russischen Lebens ins Auge fallen, und so erklärt es sich, daß viele gesangengenömmene Offiziere der französischen Armee ihre tiefe Entrüstung 1« ihren Tag«, büchern au-brücken. Go erzählt uns ein Offizier aus Sachsen, daß Oberst Reichel, -er die Wachmannschaft kommandierte. an folgendem Streiche großes Vergnügen fand: er ließ zwei Juden ergreifen, packte sie am Bart und stieß sie wiederholt mit den Köpfen zusammen. Gin anderer Offizier aus Deutschland war erstaunt, als er keine» Juden in den Straßen von Minsk in den Ottertage« zu sehen bekam: wie es sich herausstellte, wagte niemand von den Juden, sein Haus zu verlassen, da er Gefahr lief, von den russischen Offizieren gezüchtigt zu werden. Selbstverständlich gab es auch russische Offiziere, die viel menschlicher mit de» Juden verfuhren, aber die Behauptung, daß der Widerwille gegen das Judentum ein allgemeiner war, itt nicht übertrieben. Nur eine Ausnahme aus dieser allgemeinen Reael wurde gemacht: jüdischen Frauen gegenüber war das OfftziereorpS höchst „tolerant", durch die Schönheit südischer Mädchen bezaubert, machten die Offiziere ihnen mit Inbrunst den Hof. Biele Zellen in den Tagebüchern und Erinnerungen jener Zeit sind den jüdischen Frauen gewidmet: doch hinderte die Leidenschaft zu einer jüdischen Tochter den Offizier nicht, ihren Vater oder Bruder schmählichst zu mißhandeln. Alle diese Erscheinungen spiegeln sich in der Literatur jener Tage wieder. Selbst der geniale Alexander Puschkin. Rußlands größter Dichter, der es verstand, mit der Intuition eines Hellsehers in die Psyche anderer Völker einzudringen. hat den jüdischen Geist niemals begreifen können. Für ihn sind Juden ständig nur Auswürse der Gesellschaft. Schufte und Schurken. Es genügt. an den „Geizigen Ritter" zu denken, in dem neben der tragischen Figur des Haupthelden der abscheuliche, aller menschlichen Gefühle beraubte Wucherer Salomo erscheint: überall versvürt der Leser den tiefsten Widerwillen des Dichters gegen diesen Juden. Welch' eine Verachtung ertönt aus dem schmählichen .Jsckid". Len Puschkin in seinem bekannten Epigramm geaen Bulgarien gebraucht. Und ganz wie die russischen Offiziere im Kriegszuge. betrachtete Puschkin mit wohlwollendem Auge schöne Jüdinnen: für sie findet er zarte Worte, und einer von ihnen, der schönen Rebekka, erklärt er seine Bereitschaft, für ihren süßen Kuß selbst Jude zu werden. II. Die Dezembristen, die zum besten Teile der damaligen russischen Gesellschaft gehörten, waren selbstverständlich Söhne ihrer Epoche. Wenn der geniale Puschkin nicht imstairöe war, sich von den vulgären Vorurteilen zu befreien und die einfache Wahrheit zu begreifen, daß die Juden, wie jedes andere Volk, nicht aus lasterhaften Menschen bestehe, so dürfte man kaum dies von den Mitgliedern der revolutionären Verbände erwarten. Ihre Denkart war derjenigen Puschkins ganz gleich: man vergesse nicht, daß Puschkin mit vielen von ihnen eng befreundet war und daß er nur ans reinem Zufall nicht zu dem Verbände mitgehörte. Eine anschauliche Charakteristik der in diesen Verbänden verbreiteten Anschauungen über das Judentum bietet uns Las große Werk Paul Pestels: „Tie russische Wahrheit". Pestel. der hervorragendste Theoretiker der ganzen Bewegung, stellt sich die Aufgabe, in seinem Werke, das mit Recht eine wissenschaftliche Untersuchnngg genannt werden kann, ein Programm für die zukünftige provisorische Regierung zu entwerfen: diese Regierung sollte in der Zwischenzeit, bis zum Zusammentritt der Volksversammlung, der Duma, die Leitung der Staatsacschäfte übernehmen. Es ist klar, daß Pestel in seinem Buche, das die verschiedensten Verwaltungsfragen behandelte, auch das jüdische Problem berühren mußte: denn es war einleuchtend, daß die provisorische Regierung auf dieses Problem unbedingt stoßen wtkobe. Bei der Betrachtung von Pestels Anschauungen muß man zwei Umstände im Auge behalten: seinen allgemeinen Begriff vom russischen Staate und den Einfluß seitens der damals verbreiteten Ansichten über die jüdische Frage. Im Gegensätze zu dem Dezembristen Rikita Mur-awjeff, dem Verfasser eines anderen Verfasinngsentwurses, war Pestel ein leidenschaftlicher Anhänger des Zentralisationssystems. Er war fest überzeugt, daß das BundeSstaatensostem im Widerspruch zu den Interessen Rußlands stehe- Sein Ideal war ein einheitlicher Staat, dessen Bezirke mittels einer einförmigen administrativen und volitischen Verwaltung fest zusammengehalten werden. Selbst in ganz eigentümlichen Teilen des Reiches, wie z. B. Finnland. Polen und Bessaraüien. sollten, nach Pestels Meinung, dieselben Gesetze. Einrichtungen und Sprache eingeführt werden, wie im zentralen Groß-Rußland Es fällt nicht schwer, den Ursprung dieser Anschauungen Pestels zu ergründen. Pestel tritt uns entgegen als treuer Schüler der Ratio- Gefahr des vollständigen Zusammenbruchs. Besonders bei uns in -cm Zustand der französischen Vitalität märe ihre Austreibung ein mörderischerer Aderlaß für -die Nation als Sie Austreibung der Protestanten im XVII. Jahrhundert. Man kann ihnen nicht grollen, wenn sie davon träumen. Frankreich nach ihrem Bild zu gestalten, sie lieben es nämlich. Wenn diese Liebe zu fürchten ist. so brauchen wir unS nur zu verteidigen und ne in ihrer Stellung zu halten, die bei uns die zweite ist. Nicht etwa, daß ich ihre Raffe für untergeordneter hielte als die unsrige: (diese Fragen nach der Ueberlegenheit der Raffen sind dumm und ekelhaft). Eine kluge und starke Regierung, die es verstände, die Juden an der richtigen Stelle sestzuhatten. würde aus ihnen eins der nützlichsten Instrumente für die französische Größe machen, und sie würde ihnen einen Dienst erweisen, sbervsosebr wie uns. Diese hiivernervösen. rührigen Menschen bedürfen eines Gesetzes, das sie bindet, und eines Herrn ohne Schwäche, aber gerecht, der sie in Schach hält. Die Juden sind wie die Frauen, ausgezeichnet, wenn man sie am Zügel hält, aber dieseniaen. die sich ihnen unterwerfen, geben ein lächerliches Bild.- Felix Weil war ein ausgezeichneter Patriot. Frankreich mebr ergeben als viele eingeborenen Franzosen. Die französischen Antisemiten begehen eine Schlechtigkeit uns eine Dummheit, wenn sie durch beleidigenden Argwohn die vaterländischen Gefühle der in Frankreich niedergelassenen Juden entmutigen. Außer den Gründen, die es bewirken, daß sich jede Familie nach Ablauf von ein oder zwei Generationen notwendigerweise dem Boden, an den sie gefeffelt ist. anbänalich wird, haben die Inden noch spezielle Gründe, das Volk zu lieben, welches im Okzident die fortgeschrittensten Ideen von der intellektuellen Freiheit darstellt. Sie lieben es um so mehr, weil sie seit 100 Jahren dazu beigetragen haben, es so zu gestalten, und weil diese Freiheit zum Teil ihr Werk ist. Wie sollten sie diese daher nicht gegen die Drohungen ieder feudalen Reaktion verteidige»? Es hieße mit dem Feinide svielen. wenn man versuchte — wi«' es eine Rotte von verbrecherischen Narren möchte —. die Bande zu zerbrechen, welche diese Franzosen durch Adoption an Frankreich ketten. Am Schluß dieser wenigen Stichprobe« sei noch erwähnt, daß Rolland auch noch in einem anderen Band« einmal ganz allgemein den AuSsvruch tut: Wenn die Antisemiten die Juden aus ihrem Vaterlande herauswürffchen. so träten sie jedem Auffchnmnge ihrer Heimat hindernd in Sen Weg. da ein Aufstieg von Kultur und Menschlichkeit ohne Juden schlechtweg undenkbar sei. naliste» des XVHL Jahrhunderts, von denen et den festen Glauben in die Allmacht des Gesetzes erbt«. Jfcte Gesetze sind die wirksamsten Lehrer der Völker: durch Gesetze werden sie gebildet und erzogen, durch fie werde» Gebräuche und Anschauungen gestaltet/ Sie beeinflussen die Denkart und den Wille» einer Nation, und die Behauptnng. daß politische und bürgerliche Gesetze den Charakter des Volkes bestimmen. ist für Pestel das Endergebnis ausführlicher Be. trachtunge» Pestel meint, daß ein einheillicher Gesetz am festesten Völker zusammenlötet. Alle Völker Rußlands sollen ein einziges russisches Volk bilden. Die Mittel. mit deren Hilfe dieses Ziel erreicht werden kann, sind folgende: eine gemeinsame Sprache für das ganze Land, die Abschaffung der Bezeichnungen verschiedener Völker Rußlands, eine einförmige GesetzgeSnng und Verwaltung. Selbstverständlich machte Pestel für das jüdische Volk keine Ausnahme. Doch empfand er gerade die Eigentümlichkeit der Juden ganz besonders tief. Unter dem Einflüsse dieser Gefühle, die in Argwohn übergingen, und der Ansichten über das Judentum, die in der damaligen Gesellschaft verbreitet waren, schlug Pestel seine Lösung der jüdischen Frage vor. Ihr ist ein besonderes Kapitel aewidmet. Alle Beschuldigungen und Gerüchte, die viele Jahrhunderte im Gange sind, werben von Pestel wiederholt. Die Juden bilden einen unzertrennbaren Bund. Ein Jude verrät niemals de» anderen. Ihre Religion lehrt sie andere Völker Haffen und nach der Weltherrschaft streben. Die Rabbiner besitzen ein« unumschränkte Gewalt: ohne ihre Zustimmung darf nichts getan werden. Der Glaube an den Messias, der den Juden ihren ehemaligen Ruhm zurückgeben werde, festigt ihr Zusammenhalten und nährt den Haß gegen die Nichtjuden. Die Juden halten sich für zeitweilige Bewohner des Landes. Sie verschmähen Landarbeit und ziehen vor. Handel zu treiben: laut den Anweisungen der Rabbiner wird bei ihnen der Betrug eines Christen als eine schöne Tat betrachtet. Wo nur immer die Juden sich niederlaffen, richten sie durch ihre Konkurrenz die ganze christliche Nachbarschaft zugrunde. — Pestel weist, wie wir sehen, eine absolnte Unfähigkeit zur Kritik auf. Er spielt auf die jüdischen „Vorrechte" seit der Zeit der polnischen Herrschaft an (er meint die Selbstverwaltung der Katalgemeinde): diese Vorrechte verchlimmern die Schädlichkeit der Inden. Ohne die geringste Vorstellung von der jüdischen Rechtslosigkcit zn haben, erklärt Pestel: „Ungeachtet dieser Privilegien genießen die Inden dieselben Rechte wie die Christen." Das Endergebnis aller dieser Betrachtungen lautet, daß die Juden einen abgesonderten Staat im Staate bilden uitb daß sie größere Rechte als die Christen besitzen. Pestel gibt zu. daß die Juden für die erwähnten Vorrechte nicht verantwortlich seien, da die polnische Regierung ihnen diese Rechte erteilt hätte. Doch darf ein derartiges System, das die Zwietracht zwischen Juden und Christen nährt, weiter nickt geduldet werden. Laut Pestels Ansicht gibt es zwei Möglichkeiten, das jüdische Problem zu lösen. Die erste bestehe in einer grundsätzlichen Aenderung der gegenwärtigen Verhältnisse Ein besonderes Gewicht legt Pestel aus die Sprengung des jüdischen Bundes, der eine Scheidewand zwischen der jüdischen und christlichen Welt schafft. Die provisorische Negierung muffe die Rabbiner zu einer Taqnng versammeln, ihre Ratschläge anhören und dann ein Gesetz erlassen, welches die Stellung der Juden grundsätzlich, der allgemeinen Politik entsprechend, ändern solle. Indem die Regierung den Juden das Recht, in Rußland weiterzuleben, sichert, soll sie die bestehenden Feindseligkeiten zwischen verschiedenen Schichten der Bevölkerung abschaffen: denn die Hauptaufgabe der Regierung bestehe eben darin, daß Erscheinungen, welche den allgemeinen Frieden gefährden, bekämpft werden. Ganz anderer Art ist die zweite Möglichkeit der Lösung der jüdischen Frage. Die russische Regierung soll die Gründung eines selbständigen jübischen Staates iraendwo in Kleinasien unterstützen. Dazu müssen alle Juden in einem großen „Sammelpunkte" erscheinen, und eine kleine Armee soll zu ihrer Verfügung gestellt sein. Falls alle Juden zusammenkommen werden, wird ihre Zahl über zwei Millionen sein. Für eine solche Menschenmasse die nach einer neuen Heimat strebt, wird es nicht schwer fallen, den Widerstand der Türken beim Eindringen in die europäischen Provinzen der Türkei und bei der Eroberung des nötigen Landes zn brechen. Doch sieht Pestel ein. daß dieser Plan nichts anderes als reines Phantasiespiel sei: „Da dieses Unternehmen besondere Umstände und kolossale Unternehmungslust voraussetzt, so kann seine Verwirklichung nickt als eine unerläßliche Aufgabe der provisorischen Regierung betrachtet werden: diese Auslegungen sollen bloß andenten. was sich aus diesem Gebiete tun lasse." IN. Es gibt wenige.' denen es bekannt ist. daß einer von den Teilnehmern an dem Dezember-Aufstande ein getaufter Jude war, von mütterlicher Seite — ein Enkel eines bedeutenden Talmudisten von väterlicher Seite — ein Enkel eines Rabbiners. Wir versuchen in aller Kürze bas Bild dieses Revolutionärs, der aus dem jüdischen Ghetto stammte, zu skizzieren. Obgleich den Juden das Recht, in St. Petersburg zu wonen, fohlte, gab es doch seit dem Ende des 18. Jahrhunderts etliche jüdische Familien, die sich in der prächtigen Hauptstadt an der Neva niederließen und den Grundstock der zukünftigen großen Gemeinde bildeten. Die russische Regierung unter Katharina II. und Alexander I. störte nicht ihr ruhiges Dasein und duldete sie. In den ersten Jahren des XIX. Jahrhunderts zählte die Gemeinde ungefähr 50 Familien: sie hatte ihren Chasan und. was ganz besonders wichtig für die Jude» war — einen jüdischen Friedhof (feit 1802 pachteten die Juden ein kleines Grundstück bei der evangelisch-lutherischen St. Petri-Gemeindel: auch gab es eine Ehewra-Kabdischah. Heren Jnventarbücher (der „Pinfo8") für die Jahre 1802 bis 1822 erhalten sind. 3« den ersten jüdischen Ansiedlern in St Petersburg gehörte ein gewiffer Abraham Peretz. ein Sohn des Rabbiners in Levertow (Galiziens mrd ein Schwiegersohn des bekannten Mäoenen und Talmudisten R. Joschna Zietels in Schklow. Peretz war ein gebildeter, aufgeklärter Mann, ein echter Maskil: er stand im Verkehr mit den Schülern von Mendelssohn und mit D. Friedländer: sein Name findet sich in der Liste der Abonnenten des Hamasif. Die ersten Jahre nach seiner Heirat verbrachte er im Hause seines Schwiegervaters, wo er zusammen mit einem „Chawer", einem jungen Menschen aus Levertow, namens Jehuda Leib b. Nejack eifrig Talmud studierte. Peretz besaß große geschäftliche Fähigkeiten, und das ruhige, behagliche Leben im Hause des Schwiegervaters konnte ihn auf die Dauer nicht befriedigen: in seiner Seele wuchs die Sehnsucht nach der Großstadt. Der Schwiegervater widersetzte sich energisch diesen Plänen, da er nichts . Gutes davon erwartete: doch mußte er schließlich nachgeben, aber er behielt bei sich seine Tochter und den kleinen Enkel. Hirschel. Peretz verließ Schklow. wobei ihm als Reisegefährte Jehuda Leib folgte: darauf bestand wahrscheinlich der Schwieaervater. Anfangs verbrachte er nur mehrere Monate in Petersburg, daraus siedelte er ganz über. Er verkehrte mit den hervorragendsten Persönlichkeiten der damaligen Gesellschaft der Hauptstadt: für seine bedeutenden Leistungen wurde er mit der Zeit zum Kommerzienrat ernannt. Er bemühte sich, seine einflußreiche Stellung und Verbindungen mit der offiziellen Welt zum Wohle seiner Glaubensgenossen auszunntzen: er versuchte sogar unmittelbar auf den damals allmächtigen Minister Speransky etuzmvirken, um gewisse Erleichterungen für das Judentum zu erlangen. Auch sein „Chawer" blieb in dieser Hinsicht nicht untätig: im Jahre 1803. als die Regierung fich mit der jüdischen Frage beschäftigte, veröffentlichte er in russischer Sprache ein Buch, unter dem Titel: ,£)ie Wehklage einer jüdischen Tochter". Schließlich mußte Zietels den kleinen Hirschel zu seinem Vater nach Petersburg entlassen. Zietels' einziger Trost bestand darin, -atz mit seinem Enkel ein zuverlässiger Talmudlebrer in die fremde Stab: reiste. Doch erwies es sich mit der Zeit, daß der Einfluß seitens der christlichen Umgebung stärker als die aus der Heimat mitgebrachten Erinnerungen waren. Die beiden Peretz ließen sich taufen, und Hirschel. der bei der Taufe den Name» Gregor erhielt, wurde einer von den bedeutenden Mitgliedern -eS revolutionären BerbandeS. Nach dem Dezember-Aufstande, an dem er teilgenommen hatte, wurde er nach Sibirien verbannt. Nach langen Jahren erhielt er die Erlaubnis, nach Odessa überznsiedeln. wo er bis zu feinem Tode lebte. IV. Wie verhielt sich die jüdische Gemeinde Petersburgs zu den blutigen Ereignissen vom 14. Dezember? Es ist selbstverständlich, daß der slusstand, die vielen Verhaftungen und die allgemeine Aufregung einen starken Eindruck ans die ganze Einwohnerschaft machen mußten. Leider fehlen uns authentische Berichte, die die Stimmung der Petersburger Juden in jenen historischen Tagen charakterisieren. Doch besitzen wir ein Aktenstück, welches uns wertvolle Angaben liefert. Es ist bekannt, daß in jenen Tagen alle Briefe perlustriert und zum Teil konfisziert wurden. Unter den Briefen, welche dank dieser strengen Zensur erhalten sind, befindet sich das Schreiben eines Juden. Zlbraham Weinberg. Der Verfasser des Briefes ist kein Einwohner der Hauptstadt, sondern ein kleiner Kaufmann aus Odessa oder Umanj: von Zeit zu Zeit unternahm er Geschäftsreisen nach Petersburg, wo er zufällig den Tag des Aufstandes erlebte. Sein Brief, den er bald nach den beispiellosen Ereignissen des 14. Dezember seinen Verwandten sendet, zeugt von seinem brennenden Interesse für die ganze Bewegung: er ist ganz von den Ereignissen hingerissen. Doch weiß er, daß die Regierung energische Maßnahmen gegen die Verbreitung verschiedener Gerüchte getroffen hat. und deshalb hält er für gefährlich, das Gesehene und das Gehörte ausführlich zu beschreiben. Er erzählt, wie ein Schreiber vom Senate nach dem Tode Alexanders I. dem Großfürsten Konstantin nach Warschau geschickt wurde, und wie Konstantin, der vom Throne abgesagt hatte, das Schreiben sofort nach Petersburg znrücksandte. da er ans dem Umschläge Kaiser genannt wurde. Es gelang Weinberg, eine Kopie des Manifestes, das von Konstantin erlassen wurde, zn bekommen. und diese Kopie schickt er nach Odessa mit der Bitte, das Aktenstück sorgfältig zn bewahren: beiläufig erfahren wir. daß Weinberg eine kleine Sammlung derartiger Dokumente besaß. Der Inhalt des Brieses beweist, daß Weinberg kein kaltblütiger, indifferenter Zuschauer der Vorgänge war. sondern mit Ansregnna die Entwicklung der Bewegung beobachtete. Man fühlt aus jeder Zeile seines Briefes heraus, daß er an diesem Tage nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen blieb, sondern mitten im Bolkshauseu. der die Straßen Petersburgs füllte, sich befand. Vom kultur-historischen Standpunkte weist Weinbergs Brief großes Interesse auf. Tie Ansicht, daß die russischen Juden bis in die 40er bis 50ex Jahre des XIX. Jahrhunderts ganz abgesondert von der christlichen Welt lebten und niemals der russischen Politik Aufmerksamkeit schenkten, ist weit verbreitet. Weinbergs Brief, der wohl keine Ausnahme bildete, widerspricht unzweideutig dieser Vorstellung. Weinberg war ein bescheidener Händler, «in Mann ohne bedeutende Bildung, wie es seine habb-ji>k»dische. haLb-hebräische. von Fehlern wimmelnde Sprache beweist, und doch weist er tiefes Interesse für die Ereignisse auf. Schon vor 100 Jahren beobachtete das russische Judentum die Entwickelung der russischen Politik, denn es verstand, daß auch sein Wohl notwendig von dem Gange des rnssischen Lebens abhängc. Ein antisemittsches Fehlurteil. Die von Theodor Fritsch herauögegebene antisemitische Zeitschrift „Ter Hammer" bringt den folgenden Bericht über eine Entscheidung des Reichsgerichtes, der geeignet ist, peinliches Aufsehen zu erregen: „Eine Gruppe völkischer junger Männer in Thüringen hatte nach einem Tanzvergnügen das Deutschlandlied gesungen und dabei wiederholt ausgerufen: „Wir brauchen keine Judenrepublik, pfui Jndenrepublik!" Es war zur Zeit der sozialistisch-kommunistischen Landesregierung in Thüringen (1923). Die Strafkammer Gotha verurteilte sic deswegen zu je drei Monaten Gefängnis. (Ter Anklagevertreter hatte neun Monate beantragt.) Tie Revision beim Reichsgericht hob dieses Urteil auf. Die Begründung des Urteils ist bemerkenswert und verdient. weiteren Kreisen bekannt zu werden. Es heißt darin: „Der Ausdruck „Judenrepublik" kann in verschiedenem Sinne gebraucht werden. Er kann die besondere Form der demokratischen Republik bezeichnen, welche durch die Weimarer Nationalversammlung verfassungsmäßig sestgestellt ist: er kann auch die gesamte Staatsform umfassen, die in Deutschland seit dem gewaltsamen Umsturz im November 1918 bestanden hat. Gemeint kann sein die neue RechtS- und Gesellschaftsordnung in Deutschland, die unter hervorragender Beteiligung deutscher und ausländischer Juden aufgerichtet wurde. Gemeint kann auch s.in die übermäßige Macht und der übermäßige Einfluss, den die im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung kleine Anzahl der Juden nach Ansicht weiter Bolkskreise in Deutschland tatsächlich ausübt/ (Erkenntnis vom 22. Juni 1923.) — Daraufhin wurden die Angeklagten am 15. Februar 1924 enöaültia freigesprochen. Seit dem 10. Februar 1924 hat das Land Thüringen eine Rechtsregierung. Bisher wurde diese Mitteilung nicht dementiert. Die „Welt am Montag" schreibt dazu: „Wir meinen, das Reichsgericht hätte die Pflicht, eine so kühne Behauptung nicht beweislos aufzustellen. Kann es auch nur einen einzigen ausländischen Juden nennen, unter dessen „Beteiligung" die neue Rechts- und Gesellschaftsordnung in Deutschland aufgerichtet worden ist?" Führt der liberalen Vereinigung neue Mitglieder zu!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.