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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-05 · 6 (5.2.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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der Patient ein Jude war? Der möchte 120 Jahre a!t werden, selbst wenn ihm das Esten und die Zigarre nicht schmecken und er am Bummeln reinen Gefallen findet. Uebrigens vertritt der wirkliche Bummler den Grundsatz: „Nicht achtzig Jahre. sondern schnell oder kurz, dafür aber aut leben." Der weit und breit bekannte Arzt Strümpel berichtet in seinen Erinnerungen, daß ihm, der wie alle großen Acrztc ein scharfer Beobachter war, der starke Lebenswille der iüdischen Kranken ausgefallen sei. Doch der Lebenswille des deutschen Juden ist in den letzten Jahrzehnten ermatter. Die verhältnismäßig vielen jüdischen Selbstmörder in neuester Zeit beweisen, daß das jüdische Nervensystem arg zerrüttet und das Seelenleben tief herabgestimmr ist. infolgedessen dem wirtschaftlichen Druck der Gegenwart erliegen. Not gab cs bei uns Juden zu allen Zeiten, unbeschrerblichc. doch Selbstmord kannte man nicht, nur bei Geisteskranken ereignete er sich. Der Ursachen für diese Verfallserscheinung sind mehrere. Eine Hauptschuld hatte die Abwanderung nach den Großstädten. Sie hatte der deutschen Judenhelt größten Schaden gebracht. Was nun tun? Im jüdischen Religionsunterricht muß — und die jüdische Abteilung auf der Hygieneausstellung in Düsseldorf regt zudem noch besonders an — nachdrückltchst auf die Pflege der Gesundheit hingewiesen werden. Es gehört dort hinein. Mahnt doch die jüdische Religion häufiger als jede andere, auf die Gesundheit bedacht zu sein. In welchem Geist es der Religionslehrer tun soll, kann er bei unserem herrlichen Weisen Hillel lernen: „Dieser verabschiedete sich einst von seinen Schülern, ging aber noch einige Zeit mit ihnen auf und ab. Sie merkten, daß er etwas auf dem Herzen habe und fragten: „Meister, was hast Tu vor?" Er antwortete: „Ein frommes Werk zu tun." „Und das wäre?" „Mich zu baden." Erstaunt sagten sie: „Ist denn das ein frommes Werk?" „Ja," entgegnete er, ihr habt die Bildsäulen der Könige gesehen. In den Theatern und Zirkussen stehen sie und leuchten in schimmernder Reine. Wärter sind angestellt, um sie sauber zu halten. Siewerden dafür gut bezahlt und verrichten sie ihren Dienst gewissenhaft, werden sie obendrein noch ausgezeichnet. Ich aber bin das Abbild des höchsten Königs, Gottes: denn der Mensch ist im Ebeubilde Gottes geschaffen, um wievielmehr bin ich verpflichtet, meinen Körper rein zu halten." (Wajtkra Rabba 34.) Der Einzelielbstmorb, erst in unsren Tagen so häufig, ist nur e i n Zeichen, ein vielleicht bald verschwindendes, für die Erkrankung des jüdischen Lebenswillens. Schlimmer aber als er ist der unblutige Selbstmord, den die deutsche Iuöenheit in ihrer Gesamtheit an sich vollzieht: auch wenn er nicht so erschütternd wirkt, rst er dafür um so besorgniserregender. Man braucht wahrhaftig kein Statistiker zu sein, um die erschreckende Feststellung zu machen: Die deutsche Judcnhcit stirbt. Man nimmt dies Sterben ganz deutlich wahr. In einer Gemeinde wie der Göttinger, die ständig, wenn auch langsam, durch den Zuzug aus den Nachbarorten gewachsen ist, ist innerhalb dreißig Jahren die Zahl der jüdischen Schüler von über 100 auf knapv 30 zurückgegangen. So ist es. genau besehen, im ganzen Deutschen Reiche. Spätehe. Kinderbeschränkung. Junggesellentum haben das Unheil angerichtet. Den Kampf ums Brot für das Uebel verantwortlich zu machen, geht nicht an; haben nicht gerade die reichen Leute darauf geachtet, daß ihre Nachkommenschaft gering sei? Ich erinnere mich, daß eine führende Tageszeitung in Berlin, die einen großen Einfluß auf die deutsche Iuöenheit ausübte, viele Jahre vor dem Kriege die Irrlehre vertrat, zwei Kinder ließen sich besser erziehen als mehrere. Die Erfahrung bewies zwar das Gegenteil, aber der Selbstsucht der Leser sollte ein tugendhaftes Mäntelchen umgehängt und ihnen eingeredet werden, daß sie nicht ihre eigene Bequemlichkeit im 2luge hätten, slmdern das Wohl des Kindes. Sie wollten sich das Leben io leicht wie nur möglich machen. Auch bei der Gründung der Ehe sollte der Verstand vor allem wallen. Man rechnete cs sich aus: So und so viel verdiene ich. Das muß ick noch mitbekommen, um „anständig" leben zu können. Das Gefühl ist Schall und Rauch. Zahl ist alles. Der Mensch atz eben auf den Rat der listigen Schlange vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Unter Gutem ist hier das Nützliche, unter Bösem das Schädliche gemeint. Der Mensch, der sich lediglich von seiner berechnenden selbstsüchtigen Klugheit, ratio, der Nützlichkeit, leiten ließ, wurde wohl, wie cs die Schlange ihm vorausgesagt hatte, klug, aber nicht weise, gütig und fromm. Die Klugheit war sein Unglück. Sie sollte ihm größten Nutzen verschaffen, brachte ihm aber größten Schaden. Gott gründete die erste Ehe und segnete sie mit dem Worte: „Seid fruchtbar und mehret euch!" Die Menschermatur mahnt uns an dies GotteSgebot. Doch der kluge Mensch suchte die Gottnatur zu narren und würbe genarrt. Späte Ehen erzeugen frühe Waisen. Das Schicksal der betagten Kinderlosen in der Kriegszeit und Nachkriegszeit erweckt keinen Neid. Jetzt begreifen wir die Warnung GotteS: Wenn ihr vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen (des Nützlichen und Schädlichen), der ratio. esset, werdet ihr sterben. Dem Sterben gilt es nun Einhalt zu gebieten. Wir müssen offen und laut zu unseren Brüdern und Schwestern darüber sprechen. In der Predigt innerhalb des Gottesdienstes ist es nicht möglich. Auch kommt ein großer Teil derjenigen, auf die wir einwirken wollen, nicht oder nur selten ins Gotteshaus Wir müssen zu ihnen aeben. Die katholische Kirche hat diesen Weg beschritten. Der Jesuitenpater und Professor der Biologie. Hermann Muckermann, redet in öffentlichen Volksversammlungen von diesen durchaus nicht heiklen, sondern bitterernsten Angelegenheiten. Seine Reden hat er bis ins kleinste durchdacht und sorgfältig ausgearbeitet. Mit ihnen zieht er von Ort zu Ort. Sie sind von größter Durchschlagskraft. Datz es auch uns an Kräften nicht fehlen wird, kann bestimmt vorausgesetzt werden. Ein Stab von Rednern muß gebildet werden, die sich mit dem sehr umfangreichen und nicht leicht zu bewältigenden Stoff vertraut gemacht haben und von Gemeinde zu Gemeinde wandern. Gewissenloser Unfug wäre es natürlich. unreife und unerfahrene Jünglinge für diese heilige Aufgabe zu b est i m - m e ii. Eine schwcae Arbeit liegt vor uns. Ihr entziehen dürfen wir uns nicht. Tenn „die Kinder des lebendigen Gottes" sollen leben. Sie können leben, wenn sie wollen. Lehrt doch ein jüdisches Sprichwort: „Der das Leben gibt, gibt auch wovon zu leben." Rabbinische Schulung. Vou Rabbiner Dr. S a l o m o n s k i - Berlin. Schon vor dem Kriege durfte man einen Aufstieg der Wissenschaft des Judentums in Deutschland und eine gediegenere Ausbildung ihrer Jünger feststellen, aber die Kampfjahre lähmten die zu erhoffende gedeihliche Umsetzung in die Praxis, denn sie unterbrachen, vernichteten den Nachwuchs. Kaum sind frieöensähnliche Verhältnisse in der Ferne sichtbar, da zeigt sich aufs Neue die erfreuliche Erscheinung, daß der Idealismus unserer für das Judentum erglühenden, bildungsbeflissenen Jugend nicht zu brechen ist. Die verödeten jüdischen Seminare und Hochschulen füllen sich mit lernbegierigen Hörern, die gern vergessen wollen, daß die im Amt befindlichen Rabbiner und Lehrer furchtbare Jahre des Hungers und der Enttäuschung hinter sich haben. Immerhin ist ein Vakuum eingetreten und noch vorhanden, daher ist im Augenblick der Rabbiner bei den Gemeinden sehr begehrt. Denn die Müden, und vorzeitig Gealterten sinken verwelkt von der Stätte ihrer Wirksamkeit herab, und bei dem sehr großen Anspruch der jüdischen Zentren in Deutschland wird die Provinz nur schwer versorgt. Es tritt also der notwendige Umstand ein, daß ganz junge Leute, kaum daß sie ihre Studien absolviert haben, auf angesehene Rabbinatü gesetzt und von den Gemeinden mit früher nicht gekannten Süßigkeiten bewirtet werden. Vielleicht kennt die rabbinische Jugend die hieraus erwachsenden oder drohenden Gefahren nicht, weil sie hierauf nicht vorbereitet wurde. Um so dringlicher erscheint es, alte ÄuSbildungswünfche schnellstens zu verwirklichen und dem wichtigen theoretischen Wissen auch eine Amtsvertrautheit zu geben, die stets erforderlich war und heute ganz unentbehrlich ist. Je jünger die Bewerber, je lebenfremder sie also sind, um so notwendiger ist eine Schulung für die Praxis. Es soll heute noch nicht davon gesprochen sein, ob bei der Besetzung der Rabbinate ganze andere Prinzipien erweckt werden müssen, nämlich eine Art Präsentation durch die Seminarien und den Nabbinerverbanö, damit die unwürdige Stellenjägerei nicht wieder auflebe. Mutmaßlich ■miiinmm in i im iiiiii 11 ■! um in ii ii würden sich etliche Gemeinden gegen diesen veredelten Mo« dus noch energisch sträuben und ihrerseits von Bergewalti. aung sprechen, aber es kommt bestimmt zum Vorschlagsrecht. Bevor dies indessen geschieht und die freie Wahl, die beste Empfehlung oder der Vorzug der Jugend allein entscheidet, muß unbedingt eine Vorbereitung auf das Amt. Studien und Amtsantritt verbinden, denn nur Uebung macht den Meister. Ueberall kennen und schätzen wir bereits das praktische Jahr. Kein Mediziner, kein Jurist, kein Pädagoge und, vom Judentum abgesehen, kein Theologe arbeitet beruflich selbständig, ehe er nicht, sorgfältig auf die Eigenart des Amtes präpariert, sich in ihm versucht. Nun ist aber der Rabbiner, ohne daß wir zu Scherzen greifen müssen, nach seiner Entwicklung und Amtsführung ans den Essenzen vieler Fakultäten zusammengesetzt. Als Seelsorger, als Lehrer, als Mittler zum Frieden und als religiöser Führer der Gemeinde braucht er die umfassendste Menschenkenntnis und Gewandtheit, wenn er die Kunst des stillen Lcnkens meistern soll. Wie sehr läßt sich die katholische Kirche, diese von aller Welt bewunderte Musterorganisation, angelegen sein, ihre Diener sorgsam für die Praxis auszubilden, bis sie nach jetzt fast zwanzigjähriger Uebungszeit ein eigenes Pfarramt vermalten. Natürlich kann uns hier die erreichte Höchstgrenze der Jahre keineswegs als Ideal vorschweben, schon weil wir nur sehr wenige sind, und der umstrittene Vorzug, allein auf sich gestellt zu sein, beim Rabbiner prinzipiell fortfällt. Aber gerade weil unsere Theologen jugendlicher ins Amt kommen werden und auch sollen, müssen sie praktisch geschult sein, damit cs niemals heiße: „Wehe wenn sie losgrlassen." Gewiß, das Genie kann alles. Aber wieviele Irrwege könnten vermieden werden, wenn mau. auf die Bedürfnisse des geistigen Durchschnittes Rücksicht nähme. Mutz hier der Systemfehler, weil er sich eingebürgert hat, Tradition werden? Nur an Hand eines erfahrenen Kollegen und nur in einer Provinzgemeinde lernt der Kandidat die Erfordcr-! niste des Amtes kennen. Erst jüngst hat ein erfahrener j Berliner Rabbiner mir bestätigt, daß die Großstadt mit dieser Qualifikation nur teilweise auszurüsten vermag. Denn hier fehlt die persönliche Berührung, die notwendige Beachtung eines jeden, die individuelle Behandlung. Machen wir uns nur einmal klar, was der Rabbiner verstehen muß, damit er fest im Sattel sitzt, und sagen wir nicht: Er wird am besten werden, wenn er zunächst die ganze Skala der Fehler durchschreitet. Wie wichtig ist schon jenes Gebiet, auf das er noch am gründlichsten vorbereitet zu sein scheint, die Predigtkunst. In der Großstadt lernt oder beobachtet er die Regeln, wie man vor Fremden spricht. In seiner Gemeinde kennt ihn jeder, und er soll alle kennen, deshalb müssen die Predigten ganz anders aufgebaut sein. Er muß also wissen, was zu beachten er bisher nicht nötig hatte, datz ein einziges Wort schon, so gut es gemeint ist und so sehr es dem theoretischen Rezept entspräche, — man denke an den vom fremden Hörerkreis beifällig vermerkten Tadel der Lauen — hier böse und fast unheilbar verletzen kann. Noch stärker gilt dieser Hinweis für den Jugendgottesdienst, der, soweit ich beobachte, als beliebte Uebungsstätte der Auszubildenden jetzt gilt. Auch hier ist der junge Prediger, wenn er die Jugend nicht genau kennt, sehr leicht in den Netzen der Theorie unschuldig gefangen. Hat er doch überhaupt noch kein richtiges Verhältnis zur Jugend anbahnen können. Seine unterrichtliche Tätigkeit war nur ein loser Konnex, und er mutz gerade hier unendlich viel lernen, damit er sich weder spröde zeige, noch allzusehr anbiedere oder etwas vergebe — eine Gefahr, die als Damoklesschwert über jedem Rabbiner hängt. So sind wir zu dem nur mit dem Gefühl oder Takt M, fassenden Begriff der Würde gelangt. Erst der Gereifte kann verstehen, welchen öifficilen Anspruch ihre Wahrung erheischt, und wie sie sich mit dem Komplex der Seelsorge unendlich verzweigt und verästelt. Vorsicht und Ausdauer, Abkehr von jedem Fanatismus, es sei denn auf dem Gebiete des Ausgleichs und der Versöhnung, müssen hier die Richtschnur sein. Hohe Kunst erfordert die Ausbildung in der Vereinstätigkeit und vertteftesten Sinn verlangt die Notwendigkeit, für die Idee zu leiden und einem Amte lange treu zu fein. Hat der Rabbiner nichtz allerdings oft unsichtbar blei- Die Jagd Gottes. Von Doris W i t t u e r> In der Volksbühnen-Verlags- und Vertrieb s-G. m. ü. H., Berlin, hat Emil Bernhard soeben ein sünfaitiges Drama „Die Jagd Gottes" erscheinen lassen, von dem gerüchtweise verlautet, daß es demnächst in der Rcichshauptstadt und zwar bei Reinhardt aufgeführt werden solle, nachdem seine Uraufführung in Frankfurt bereits vorangegangen sei. Aber gleichviel, ob das Gerücht wahrspricht und ob Reinhardt sich des tiefen Werkes annimmt oder ein anderer: diese Schöpfung, die gradenwcgs ans dem blutenden Herzen eines zum Leid erkorenen Volles empordringt, wird ihren Weg machen — bei Freund und Feind. Es ist Emil Bernhard gelungen, die Seele des Volkes Israel bloßzulegen und unter atcmvressender Spannung zu zeigen, wie jede Fiber ihr schmerzhaftes Eigenleben führt: wie es zuckt und zittert, wie cs schreit und schweigt in den Vieltausend Herzen und Hirnen derer, die sich, hochmütig vor der Welt, demütig vor ihrem Gott, das „auSerwählte Volk" heißen. Und schonungslos deckt der Dichter auch die Urbewcgcr von dieses Volkes Leid und Leiden auf: die Sehnsucht eines ganzen Menschenstammes nach dem Erlöser, dem Messias, der jedoch, wenn er jemals zu dem Volke Gottes tritt, allzeit von ihm verkannt und gelästert wird, die Hoffart des gleichen Stammes gegen alles „F r c m d c", die Unduldsamkeit, womit der Fremde, bloß weil er fremd ist. verfolgt wird mit Feuer. Schwert und Strang, mit der großen Lieblosigkeit, deren nur der Mensch fähig ist: und zu guterletzt das „Gesagtwerden" des Volkes Israel, an dem nicht nur Menschen teilhaben. sondern auch der Gott, denen Name unaussprechlich ist für den wahrhaft Frommen. Emil Bernhard legt seinem „Rabbi" die herrlichen Worte der Erkenntnis in den Mund: „Ja. ich glaube, weil wir Juden, weil wir Menschen sind, ist dies unser tiefster, unser erschütternder Sinn. Wir sind gut von Anbeginn. Wie rein sind unsere Kinder! Wir sind das heilige Volk: Hast du dich nie gefragt, warum der Heilige, gelobt sei Er. es duldet, daß wir das gejagte sind? Aber unter allen Jägern, die uns sagen, ist Er, der Hochheilige, der wildeste, das glaube mir! Kein Kosak jagt uns so. wie Er uns jagt. Seine gain« Tätigkeit -besteht darin, ein Jäger zu sein, uns inS Böse Verjagte, in den Haß Versprengte, zurückzujagen in die Liebe hinein, in seine ewige göttliche Güte zurück, die die unsere ist . . . Tenn alles, was du an ihnen Bosheit nennst, ist nur Vergessenheit. Du nennst sie schlecht, in Wirklichkeit haben sie nur vergessen, wie gut sie sind." Ein brennender Idealismus, ja vielleicht mehr als das, eine flammende Ideologie tönt aus diesen Worten des Dichters. Aber nicht nur kluge, gütige, gescheite und tiefschürfe'^.e Worte weiß er aneinander zn reihen und uns einzuhämmern: jondern dieser Dichter ist auch ein Bildner, der seiner Sehnsucht und feiner Liebe, seinem Haß und seiner Bitterkeit menschliche Gestalt zu schenken vermag. Er ist im! vornehmsten Sinne einer von jenen, denen ein Gott gab. i zu sagen, waS er leide.! Um die unsterbliche Symbolik seiner Dichtung zu charakterisieren. läßt er sein Drama spielen «in einem Judendorf hoch in den Karpathen, vergessenen Namens und vergessener j Zeit". Eine fromme Gemeinde, untermischt auch mit un-! reinen Menschenelementen, haust dort droben, zwischen den | Bergpässcn beisammen in Angst und Gebet, in Not und Ge- | bot, immer bedrängt und umdräut von den zeitweilig eiufal-! lenden, alles niedermetzelnden, raubenden und schändenden j Kosaken. Der erste Akt führt in das Jnere einer uralten Synagoge, wo die ganze Gemeinde versammelt, den letzten Flüchen des für dieses Mal abziehenden Kosakengenerals lauscht. Und mitten in diese Verängstigung, die kein Gebet zu bannen vermag, bricht eine Erscheinung ein, von allen wahrgenommen, von keinem begriffen, aber von suggestiv-somnambulem Einfluß. Ein Fremder! Rauh geht seine Rede. Er höhnt die Gemeinde, höhnt den Rabbiner, bietet Trotz denen, die vor ihm fliehen, wie denen, die zn ihm begehren. Und als der Rabbiner, vor dessen innerem Auae die Einsicht aufdämmert: hier steht kein von Hause aus Böser, sondern höchstens ein von der Welt und den Menschen böse Gein achter, ihm liebreich zuspricht, ihm Obdach und Nahrung zusagt und dafür nur seinen Namen zu erfahren trachtet, da bricht cs leidenschaftlich aus dem eifernden, geifernden Fremden: „Also erst gesungen und dann geschlungen! Eine hübsche Moral für einen Rabbi. Was braucht Ihr zu wissen, wer ich bin? Was braucht Ihr zu wissen, woher ich kam und wohin ich gebe? Ein Mensch, Juden! Ein Mensch, aleichniel, ob Jnd oder Gor! Ein Mensch, der Hunger hat, ein Mensch, der das elfte Gebot vom Sinai schreit, das Gott um die Kante der steinernen Tafeln schrieb, das elfte Gebot: Du sollst nicht hetzen!" Und der Rabbiner, in Sinnen versunken, tastet sich zu der Seele des Fremden: „Halt, da ist ein Schmerz. Da höre ich einen Schmerz. Und wo ein Schmerz ist, muß doch auch einmal irgendwie eine Sehnsucht gewesen sein. — oder eine Liebe. — oder wenigstens eine Zärtlichkeit . . ." Aber auch der Rabbi kommt nicht mit sich ins Reine. Der Fremde trägt den Aufruhr in die Gemeinde. Er gibt sich aus für einen Voten des allein echten und wahren j Messias, der da gekommen ist. jetzund sein Volk in die Pracht j und Herrlichkeit des wiedererstandenen gelobten Landes heim- | zuführcn. Die Gemeinde zerfällt in zwei Parteien, die eine, die ihn für einen Gaukler und Schwindler, die andere, die ihn für einen wirklichen Propheten, ein Werkzeug Gottes hält. Die Jugend der Gemeinde, cingekerkert in grauen Alltag und phantasieloses Elend, steht stürmisch zu dem Fremden. reißt sich los von Eltern und Geschwistern um seinetwillen. Und der Rabbi allein zweifelt und verzweifelt: Gottes Sohn, echter HimmelSbote, oder Schwindler und falschr Prophet? Und o*r Fremde selbst peitscht ihn mit den geißelnden Worten: „WaS weißt Du von der Jugend, die ich führen will? Entweder glaube oder lege Dick auf die Schwelle, daß wir über Dich schreiten! Denn wisse, ich bin nicht der und jener, ich bin ein Brand, den Gott in die Welt geworfen hat. wo der hinfällt, da ürennt's. fei es in Liebe, sei es in Haß. Wahre Deine Gasse, wahre Dein? Jugend, wahre Dich selbst. — alter Mann!" Mer der Rabbi läßt nicht von ihm, er beschwört ihn für und für und hält ihm vor. daß er die schlafende Sehnsucht erweckt habe in einem Volk: — daß Gott seiner nicht spotten lasse und nicht dulde, daß man der Sehnsucht seines Volkes spotte Und mit der Hoheit des Herzens spricht er zu ihm: „Du hast, mein Sohn, viel Trotz und Leidenschaft, auch viel Haß und Gier . . Sehr nahe ist Dir der Versucher. Aber ehe ich glauben sollte» daß Deine Gier und Dein Haß der armen Sehnsucht meiner Herde spottet, ehe ick annehmen sollte, daß eine Stacht um uns sei, der ein grausiges Tagen beschieden ist, elie ich fürchten sollte, daß ein Jude kommt, ein Jue so spiele mit der Sehnsucht seines Volkes, eher will ich glauben von ganzem Herzen, datz Du. Du selbst der Erlöser bist, mein Kind." Und es kommt eine Szene, wo der Fremde in der anrüchigsten Gesellschaft der Gemeinde, — Schmuggler und Dirnen — die in seinem Namen den gläubigen Schwärmern alles Gold und jeglichen Besitz entlockt haben, nahezu als ein Schwindler entlarvt zu werden scheint. Nur die reine Liebe eines sechzehnjährigen Mädchens reißt ihn zu Boden. Und er kehrt aus der dunklen Nacht, von dem ..guten Ort" der Gemeinde, all-wo das Naubgut verscharrt wurde, wieder zurück in die Mitte des Dorfes. Und er bäumt sich auf gegen des Rabbis näher und näher dringende Einsicht: „Da gibt es Juden, die hat das Leben so in die Gemeinheit hineingesetzt, datz es ihnen nichts ausmacht, den Todesstoß zu tun, mitten ins Herz ihres Volkes hinein, und brennt ihnen doch tief innen die große Liebe zu ihrem Volk. Nur erinnern muß man sie." Der Fremde aber will nicht erinnert sein und fährt fort, das Volk zu verführen. Doch in der nächsten Nacht, da alle Juden in der Synagoge versammelt sind, weil das Dorf wieder von Kosaken umzinaelt wird und der Kosakengeneral eine lebende Geisel heischt, die den Märtyrertod sterbe für die ganze Gemeinde, da beaucnit sich der Fremde zu dem Geständnis, datz er aus einer erbarmungslosen Kindheit geflohen sei und gelernt habe, zu lügen und zu betrügen. Die Prügel, die sein Vater ihm im Uebermatz angedeihen ließ, haben die Ernte des Hasses in feinem Herzen hoch aufsprießen lassen. „Atter Hand gegen mich, meffre Hand gegen alle." Und er krönt sein Geständnis an den immer noch von ihm geschmälten Rabbi mit der letzten Wahrheit loder Lüge?), datz er nichts mehr zn suchen habe bei der Gemeinde, dieweil er getauft sei im Namen „Jesu Eliristi. des Heilands der Welt". Und während die ganze Gemeinde angesichts dieser Worte wie vor einem Verpesteten von ihm weicht, bleibt der Rabbi in göttlicher Ruhe bei ihm stehen. Er weiß nun. wen er vor sich hat: einen Zerrissenen. Gejagten, einen, der der — Erlösung durch die Liebe am meisten bedarf. Doch als der Kosakengcneral zum arfferen Male sein Menschenopfer heischt und der Rabbi sich anschickt seine

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