Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-02-05 · 6 (5.2.1926) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613841-2613847--1681-2619068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

IMchÜbemleZettlmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle Vi jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0,20. Bet freier Zusendung i. Inland 0,25 für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Milgliedsbeitrage enthalten, r: :: :: Chefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Woyda. vle „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Srettag. Redaktion u. Seschüttssteile: verlin Wilfoelmftr. 147. fernruf: vafsnhslds 3358» 3359 Poftfdfeckkonto: Berlin n\V7 tlr.137069 (Vereinigung für da» liberale Judentum Nadydruck fümtlldyer Original-Beltrüge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronpareillezeile 0,45 Goldmark, die Rrklamezeile 3,00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: jüdisch -liberale Zeitung* Inseratenabteilung: Berlin SD 48. Dilhelmstraße 147 (Hasenheide: 3358—50). sowie sämtl. Annoncen-Exped. Nr. 6 Berlin, 5. Februar 1926 6. Jahrgang Die jüdische Not. Die Krisis der jüdischen Gemeinschaft. Von BertholdWeiß. Neue Gefahren drohen der jüdischen Gemeinschaft. ISie, die die Fahrtausende überlebte, die sich von dem nationalen Gebilde zur universalen Gemeinschaft ent- Iwickelte, erzittert. Es wäre töricht, blinde Kuh zu spielen. Will man die jüdische Gemeinschaft erhalten — und welcher Müde kann die jüdische Gemeinschaft schon als überflüssig betrachten? — so muß man die Tatsache erkennen, offen aussprechen, nach ihren Gründen forschen und den Ausweg aus dem Labyrinth suchen. Die Weltwirtschaftskrise bedroht die jüdische Gemeinschaft. In den Ländern Osteuropas, den Ländern der jüdischen Massen, war durch die unsinnigen Anordnungen im zaristischen Rußland die jüdische Bevölkerung vornehmlich auf Handelsgvwerbe angewiesen. Nun ist sie durch die politische und ökonomische Umgestaltung entwurzelt. In O e st e r r e i ch droht die Not, nachdem zahllose jüdische Existenzen vernichtet sind, die jüdischen Institutionen zu zerstören. In Palästina, das, wie hier wiederholt betont Wurde, zionistische Utopisten zu Unrecht als Hofsnungsanker schilderten, besteht die Gefahr, daß infolge finanzieller Schwierigkeiten schon in Kürze dem Ausbau der Niedergang folgen wird. Und Deutschland? Vor dem Kriege der Hort jüdischer Wissenschaft, der tatkräftige Helfer jüdischer Glaubensfreunde im Ausland — nach dem Kriege: jüdisch-wissenschaftliches Leben erstorben, Hilfe für ausländische Glaubensfreunde durch Taten unmöglich. Einst Gebender — jetzt Nehmender. Die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ist in Gefahr. Man rette hier, was noch zu retten ist! * * * Noch liegen die Ergebnisse der letzten Volkszählung nicht vor. Sie werden zeigen, daß mindestens ein Drittel der deutschen Inden in der Reichshauptstadt Berlin ansässig ist. Deshalb betrifft die Wirtschaftskrise der deutschen Stadtbevölkerung die jüdische Bevölkerung, die zum überwiegenden Teil in kaufmännischen Berufen ihr Brot verdiente, besonders schwer. In Verlin betrug die Zahl der in der letzten Woche bei den öffentlichen Nachweisen eingetragenen Arbeitssuchenden 223124 Personen. Es ist eine grobe Unterlassungssünde, daß in der Berliner jüdischen Gemeinde zwar fortgesetzt Debatten über die Notlage der jüdischen Erwerbslosen geführt werden, daß man aber nicht die erforderlichen I Unterlagen geschaffen hat, um sie fruchtbringend zu; gestalte». Noch nicht einmal die Zahl der vom Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde unterstützten Erwerbslosen steht fest. Versucht man, durch Erkundigungen bei den jüdischen Arveitsnachweisen ein Bild zu gewinnen, macht man sich -ie Ergebnisse der Bevölkerungsstatistik dienstbar, so erkennt man bald daß die Zahl der jüdischen Erwerbslosen in Berlin bei vorsichtigster Schätzung mindestens 7000 bis 8000 beträgt. Selbstverständlich ruhen in diesen Zahlen ungeheure Gefahren für den Bestand der Berliner jüdischen Gemeinde. Der Ausfall an jüdischen Kultussteuern wird sich bei den erforderlichen Mehrausgaben für Wohlfahrtszwecke außerordentlich stark fühlbar machen. Eine Erhöhung der jüdischen Gemeinde ft euer in Berlin — und in vielen anderen jüdischen Gemeinden Deutschlands liegen die Verhältnisse ja ähnlich — wird schon in Kürze für die ja auch schwer seufzenden Berufstätigen erforderlich werden. Drohender noch als 'diese materiellen Gefahren sind aber solche anderer Art. * -» Das Wohlfahrtsamt der Berliner jüdischen Gemeinde betrachtet es mit vollem Recht als seine wichtigste Aufgabe dafür zu sorgen daß ^jede< Mische Erwerbslose ein Dach über seinem Kopfe hat und nicht zn hungern braucht. Daß man diese Aufgabe wohl restlos erfüllt hat ist unendlich viäl und verdient größte Anerkennung. Die Unterkunftsräume' der jüdischen Gemeinde für jüdische Obdachlose sind erheblich erweitert worden. Zuschüsse in Naturalien und Geld, unentgeltliches Mittagessen usw. werden zahlreich gewährt. Die öffentliche Erwerbslosen Unterstützung beträgt für einen ledigen Mann wöchentlich 9,75 Mark. Zieht man hiervon den für Miete und Beleuchtung erforderlichen Anteil ab, so verbleiben höchstens in.der Woche 3,50 Mark. Da dieser Betrag zum Fristen eines menschenwürdigen Daseins nicht ansreicht, ist man unzufrieden. Die Bedeutung der konfessionellen Wohlfahrtspflege sollte nicht zuletzt darin liegen, in den Unzufriedenen das Aufkommen eines widersinnigen Radikalismus zu verhindern. In dieser Hinsicht wird aber leider unendlich von den jüdischen Stellen gefehlt. Wenn beispielsweise ein Mann, dem man die Leitung eines jüdischen Arbeitsnachweises anvertraute, und der noch heute ein wichtiges Ressort in der jüdischen Wohlfahrt verwaltet, erklärt: für deutsche Juden gäbe es doch, wenn sie erwerbslos seien, einen sehr schönen Ausweg, sie könnten ja nach Johannistal gehen — so ist eine derartige Aeußerung für Menschen, die wissen, daß im dortigen Arbeitshaus fast nur Strafentlassene, Zuhälter usw. beschäftigt sind, eine unglaubliche Brüskierung. Es ist auch nicht der Sinn eines jüdischen Arbeitsnachweises, fortgesetzt die Vermittlung für solche Stellen zu übernehmen, bei denen die Arbeitslosen als Lohndrücker benutzt werden. Es ist ein Skandal, wenn man jüdische Erwerbslose zu Leuten schickt, die entweder überhaupt kein oder ein viel zu geringes Barentgelt gewähren wollen. In einem Falle wurden z. B. für das Schleppen schwerer Säcke als Entschädigung für die achtstündige Tätigkeit 2,50 Mark anyeboten. Gerade von den tm jüdischen Wohlfahrtswesen tätigen Beamten muß ein besonderes soziales Empfinden gefordert werden. Und wenn eine der prominentesten Persönlichkeiten des jüdischen Wohlfahrtswesens erklärt, von den im Berliner jüdischen Wohlfahrtsamt tätigen Beamten seien mindestens 50 Prozent ungeeignet, so müssen dringend Abhilfemaßnahmen getroffen werden, damit hierunter nicht die Hilfesuchenden leiden. Unter den jüdischen Erwerbslosen gärt es. Scho» hat sich eine Interessengemeinschaft jüdischer Erwerbsloser in Berlin gebildet, die bereits eine Demonstration vor dem jüdischen Wohlfahrtsamt in der Rosenstraßc organisiert hat. Wird die jüdische Gemeinschaft die Gefahren, die hieraus entstehen können, überwinden? ch * ch Mose Maimonides sagte: „Als die beste und höchste' Art der Wohltätigkeit gilt die. die den Armen in die Lage versetzt, daß er späterhin Wohltätigkeit nicht mehr in Anspruch zu nehmen braucht." Dieser Grundsatz muß das Leitmotiv der jüdischen Wohlfahrtspflege in der heutigen Zeit sein. Es rächt sich jetzt bitter, daß mir Juden uns in unserem deutschen Vaterlands, teils gezwungen, teils aber auch freiwillig von vielen Berufen ausgeschlossen haben. Diesem Uebelstand abzuhelfen, dürfte keine Zeit geeigneter gewesen sein als die jetzige. Die Berufsnmschichtung der deutschen Juden muß energisch in Angriff genommen werden. Dann wird vielleicht die jetzige Krise Segen stiften können. Die Umschichtung der Juden in Osteuropa ist gewiß unendlich wichtig. Aber die Umschichtung der deutschen Juden ist m. E. eine Aufgabe die uns deutschen Juden noch näher liegen sollte. Da die Zentrale der Ortbewegung in Verlin ihren Sitz hat, so wäre es ja für die Berliner jüdische Gemeinde ein Leichtes, sich die hier gemachten Erfahrungen dienen zu lassen. Für die Ansiedlung von Juden auf dem Lande hat kürzlich in diesem Blatte Herr Dr. Mehler detaillierte Vorschläge gemacht. Es ist bedauerlich, daß die Berliner jüdische Gemeinde diesen Anregungen noch nicht weiter nachgegangen ist. Die Not der jüdischen Erwerbslosen wächst von Tag zu Tag. Wirksame Abhilfe kann nicht nur durch finanzielle Unterstützung geschaffen werden. Es ist notwendig, daß die jüdische Gemeinde den jüdischen Arbeitsnachweis endlich auf eine zeitgemäße Höhe bringt. Sie kann nicht fortgesetzt als Entschuldigung ansühren, daß der jüdische Arbeitsnachweis eine Institution ist, die nicht von ihr ins Leben gerufen wurde. Die Frage der Berufsumschichtung der deutschen Juden muß endlich in Angriff genommen werden. Man lehre jüdische Erwerbslose ein Handwerk und verhindere so, daß sie völlig verelenden. Die finanziellen Mittel, die hierzu erforderlich sind, wird die Gemeinde sich notfalls auf dem Anleihewege verschaffen müssen. Durch die Entschuldung als Folge der Inflation wird ihr das sicherlich möglich fein. Schließlich muß eingehend die Frage geprüft werden, ob eine Ansiedlung von Juden auf dem Lande m nennenswertem Umfang in Deutschland möglich ist. Es gibt jüdischen Organisationen gehörenden Boden (z. B. Buckow oder Seegefeld), der bis heute noch nicht in dem möglichen Umfange genützt wird. Zweckmäßig wäre es wohl, wenn der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, dieses leider nur im Verborgenen blühende Veilchen, im Zusammenhang mit der Landwirtschaftlichen Woche eine Zusammenkunft der jüdischen Landwirte zur Beratung dieser Fragen emberufen würde. , r .. Um aber detaillierte Vorschläge ausarbeiten zu können, ist in erster Linie erforderlich, daß die' jüdische Gemeinde eine Statistik sämtlicher Mischen Erwerbslosen anfertigt, aus der zu ersehen ist, in welchen Berufen diese bisher tätig waren und ob ste bereit wären, sich landwirtschaftlichen oder Handwerker- Berufen in Zukunft zn widmen. Der Lebenswille der deutschen Hudenheit. Ein Vorschlag. Bon Rabbiner Dr. H. Au er buch-Güttingen. .Mas Leben ist", sagt v. Uexküll. öer eigentliche Begründer experimentellen Biologie*), ..weiß keiner. Es gibt. nur eine Lehre vom Lebendigen." Wohlweislich hat sich deslmlv Baeck in seinem Wesen des Judentums gehütet. sich in sruchtlosen Grübeleien über das. was Leben ist, zu ergeben. Ihm genügt die Lehre der Heiligen Schrift, daß das Leben eine Schöpfung der Gottheit ist. Dagegen bewegt ihn leidenschaftlich die Frage, wozu das Leben sei. Ausführlich behandelt er die Aufgaben des Menschenlebens. In geistreicher Weise und fein geschliffener Sprache zeigt er. daß die Religion „das Dunkel des Lebcnsrätsels" unter „das Licht des Gebotes" stelle iS. 131). , . . o Daß aber auch das Leben an sich, selbst dasjenige. das nicht vom Lichte des göttlichen Gebotes beschienen, ist. das. nackte Leben dem Juden wertvoll erscheint, hätte vielleicht in dem genannten Werk wenigstens gestreift werden können. Denn der bewundernswürdig starke Lebenswille ist erne in die Augen stechende Eigentümlichkeit der jüdischen Seele. Das ganze jüdische Gesetz, welches das Leben erhalten und fördern will, leat davon Zeugnis ab. Der Jude will leben er liebt das Leben auch unter den traurigsten Verhältnissen, um langes Leben betet er. Die schwärmerische Liebe zu den Mitmenschen äußert sich vielfach in der Wendung: »Leben soll er" Berühmt ist die Audienz des Patriarchen Jakob Hirn Pharao. Auf die Frage des Aegnpterüerrschers. wie lt er sei, gibt er die bezeichnende Antwort (1. B. M.?. 47 B. 9): „Die Zeit meiner Pilgerfahrt sind hundertundreißig Jahre: wenig und böse waren meine Lebensjahre nd reichten nicht an die Lebensjahre meiner Vater tn der leit ihrer Pilgerschaft." Also hundertdreißig Jahre waren nserem Stammvater noch zu wenig. Er wollte mindestens i lange leben, wie seine Borfahren, obwohl sein Leben von llühen, Kummer, Herzeleid und Gram erfüllt war. Klagen ber das Menschenleben begegnen wir nicht selten in der Zibel. doch nicht so sehr darüber, daß es schwer ist, als daß es so schnell enteilt". Nur der Prophet Elia, der sein Lebensoerk kurz nach dessen Vollendung plötzlich zusammenbrechen eht und auf öer Flucht vor seinen Verfolaern erumttet und ^ngrig in der Wüste niedersinkt, Jona, der die Errettung es Feindes seines Volkes mit anschauen muß und endlich er von außergewöhnlich schrecklichen Unglücksfällen heimgeuchte und von unerträglichen Schmerzen gepeinigte Hiob oünschen sich — der letzte ernstlich — den Tod. Die Sehnsucht lach dem Tod ist dem Juden, der mit unüberwindlicher Zähigkeit am Leben hängt, fremd. Prof. Dr. I. G. Sleeso-ijk erzählt in einem Aufsatz über „Langlebigkeit und Alterschwäche"') folgende hübsche Anekdote: ..Es besuchte ein Patient seinen Arzt, ließ sich untersuchen und fragte: ..Kann ch bei meiner Konstitution achtzig Jahre werden?" Worauf »er Arzt mit der Gegenfrage kam: „Rauchen Sie?" — „Nein! - „Trinken Sie?" — „Nein!" — „Essen Sie gern gut? — .Nein!!!" — „Bummeln Sie?" — „Nein!!!!" — »Aber wozu vollen Sie denn eigentlich achtzig Jahre werden?" Ob nicht I Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung, S.67. ') erschienen im „Berl. Tagevl." Nr. 606, v, 23. März 1925.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.