Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 3 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer aber mit offenen Suiten Sie Praxis des Alltagslebens verfolgi, dem kann cs längst kein Geheimnis mehr fein, daß der berühmte Ausspruch Talleyranös. die Sprache diene dazu, die Gedanken zu verbergen, auf kein Gebiet der politischen Phraseologie so zutrefse wie auf jene schöngeistigen oder juristischen Formeln, die die Gleichberechtigung der Konfessionen im Staate aussprechen. Ich kann es mir wohl ersparen. hier alle jene Berufe aufzuzählen, die den deutschen Juden schon zu einer Beit verschlossen geblieben sind, als ihre staatsbürgerlichen Rechte wenigstens auf dem Papier poch unangetastet in voller Reinheit prangten. Andererseits vermag ich mit einem Beispiel zu dienen, das keigt, wie gerade ein reaktionäres Gesetz, ein Gesetz, das seine Spitze unverkennbar gegen jüdische Aspirationen richtete, diesen Aspirationen wenigstens eine bescheidene Erfüllung sicherte, während seine jüngst im Zeichen der konfessionellen Gleichberechtigung verfügte Aufhebung die Juden eie kacto um die letzte Garantie einer entsprechenden Berücksichtigung auf dem speziellen Geltungsgebiet des besagten Gesetzes gebracht hat. Ich meine das Gesetz, das die österreichischen Klerikalen den damals noch Wien beherrschenden Liberalen aufgcnötigt haben: Daß die Oberlehrerstellen an den städtischen Volksschulen nur mit solchen 'Anwärtern besetzt werden bürsten, die der Konfession der Schülermajorität an der betreffenden Schule angehörten. Dieses Gesetz, das in die Theorie des Liberalismus Bresche legen und der als Folge eines liberalen Stadtregimes befürchteten „Verjuduug" des Schulwesens Einhalt gebieten sollte, hat in der Praxis die segensreiche Wirkung gehabt, daß sogar in der Zeit der christlichsozialen Herrschaft, die nach dem Zusammenbruch der Liberalen Partei im Wiener Rathaus antisemitische Orgien feierte, eine bestimmte Anzahl von Schulleiterstellen den jüdischen Anwärtern Vorbehalten bleiben mußte Zum Handkuß kamen nur die evangelischen Lehrer, da die protestantischen Schüler in keiner Wiener Schule.die dieErnennung eines Oberlehrers ihrer Konfession voraussetzende Majorität erreichten. Dieser Umstand hat denn auch die Sozialdemokraten. die feit dem Umsturz die Stadt Wien regieren, zur Aufhebung des zitierten Gesetzes veranlaßt. Es werden fetzt also auch Protestanten zu Wiener Schulleitern ernannt werden, was sicher nur gereckt ist. Dafür werden jedoch in absehbarer Zeit Die jüdischen Oberlehrer ausstekben. weil unter dem früheren antisemitischen Regime , keine jüdischen Lehrer angestellt wurden, die nach dem Um-! stürz angestellten naturgemäß nicht so viele Drenstjahre aufzuweisen haben wie ihre christlichen Kollegen und das Gesetz, das dieses Manko wesenlos gemacht hätte, wie gesagt, gefallen ist. Dieses Gesetz war unleugbar ein praktisch durchgeführtes Exempel für den numerus clausus, wenn auch nur auf einem nicht allzu bedeutsamen Spezialgebiet, und man muß aus seiner oben geschilderten Wirkung den Schluß ziehen, daß der numerus clausus ein Teil von jener mephistophelischen Kraft ist, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Freilich wirken genug Faktoren zusammen, um die Juden gegen dieses Gute mißtrauisch zu machen Nebst dem Ehrgefühl, das sich instinktiv gegen jede Beeinträchtigung bisher, sei cs auch nur scheinbar genossener Rechte anflehnt, ist es vor allem der Umstand, daß gerade das Hochschulstudium der jüdischen Jugend nicht mehr unbeschränkt zugänglich sein soll, der dem jüdischen Empfinden den numsrus clausus als Schreckgespenst zeigt. Ist doch das Lernen und Schürfen in geistigen Problemen stolzeste und älteste Tradition des Bibclvolkcs, eine Tradition, die sogar das Dunkel des Ghettos mit einem Lichte höherer Art überglänzte. Bon den meisten Tätigkeitsgebieten ches praktischen Erwerbslebens ausgeschlossen versenkte sich der Jude in die Welt des Schrifttums. Dadurch wurden geistige Energien ausgelöst, die auch nach dem Falle der Ghettomauern lebendig blieben. Eine psnchische Analogie zu dem, was die Lehre von den Körpern „Trägheitsgesetz" nennt, bewirkte, daß sich die befreite jüdische Jugend mit demselben Eifer, mit dem sie früher den Talmud „gelernt" hatte, auf das Studium der weltlichen Wissenschaften warf. Man rann heute noch dieselbe Erscheinung bei den jungen Ostjudcn beobachten, die direkt aus der Jeschiwah auf eine westliche Hochschule eilen und nun Jurs oder Medizin, Philosophie joder Bodenkultur mit einem Eifer studieren, der sie die größten Entbehrungen mit Heroismus ertragen läßt. Parallel mit dieser Beobachtung geht aber eine andere, die das Nachlassen der jüdischen Turchschnittserfolge an den Mittelschulen registriert. Es ist nicht zu leugnen: im selben Maße, in dem die jüdischen Familien im westlichen Kulturleben Wurzel fassen, nimmt die Zahl der „schleckten" Schülermosaischer Konfession zu. Aber auch die „guten" Schüler zeigen eine ständig wachsende Neigung, von den rein abstrakten Wissenschaften zu mehr praktischen abzurücken: von den h u m a n i st i s ch e n zu den technischen Fächern. Es wäre verfehlt, diese Wandlung als ungesund zu bezeichnen. wie manche jüdische Väter geneigt sind, die ihren eigenen einstigen Lern- und Forschungseifer mit Schmerzen bei ihren Sprößlingen vermissen. Im Grunde haben wir es nur mit einem Symptom der sich von Geschlecht zu Geschlecht vertiefenden Assimilation an die deutsche Kultur zu tun, die ja längst nicht mehr die einseitig abstrakte der Dichter und Denker ist, sondern dem vielfach verzweigten Wesen des realen Lebens im Jahrhundert der technischen Großtaten akkommodiert ist. Daß diese Anpassung auch von der jüdischen Jugend mitgemacht wird, ist heute vor allem aus wirtschaftlichen Gründen sehr zu begrüßen. Leider flößt dieses Bestreben auf Schwierigkeiten, und diese hätten von einem numerus clausus keine Verschärfung, sondern j m G egevteil — eine M ilöerung zu gewärtigen! Ich habe dabei wohl österreichische Verhältnisse im Auge, nvciflc aber nicht daran, daß es im Deutschen Reiche nicht viel anders bestellt ist . So erinnere ich mich, vor einigen Jahren im Diener christlichsozialen Hanptorgan den triumphierenden Bericht des Obmanns der Taschnermeister gelesen zu haben, der das Verdienst für sich reklamierte, seine chrjame Znnjt vor einer Judenivvasion bewahrt zu haben. Tie Heldentat des wackeren Mannes bestand nämlich darin, daß er einen Judenjungen, der bei ihm in die Lehre gehen wollte, zu Nutz und Frommen der christlich-germanischen Kultur abmies. Dessen rühmte er sich nunmehr öffentlich, und zwar in einem Blatt, das in anderem Zusammenhang nicht müde wird, die vrozentnormmätzige Vertretung der Konfessionen in den einzelnen Berufen als eine eminent sittliche Forderung zu preisen. | Es argumentiert: In Oesterreich gibt es 97, Prozent Katho- < lifeit, also gebührt den Katholiken eine llövrozentige Vertretung in den akademischen Berufen. Scbön! Nur darf sich jemand, der solches wirklich von sittlichen Standpunkt aus verkündet, auch unseren Gegenforderungen nicht verschließen: Wir Juden sind fünf Prozent der ö st e r r e i ch i s ch e n B e v ö l k e r u n g.*i daher haben wir hier Anspruch auf eine fünfprozentige Vertretung im Taschnergcmerbe, bei der Schneiderei, in der Landwirtschaft usw.. selbstverständlich auch in den einzelnen akademischen Berufen: dem Richtcrstand. den Lehrkörpern der diversen Hoch- und Mittelschulen u. dgl. m. Wenn Ihr uns helft, diese Forderung durchzusetzen, dann wird die viel beklagte „Ueberjudung" jener Berufe, die jetzt den Juden die einzige Unterkunftsmöglichkeit bieten, von selbst aufhören. Im Advokaten-, Kaufmanns- und Journalistenstand wird das christliche Element nicht mehr majorisicrt iein und ein Zustand aufhören, der nicht nur von Euch, sondern auch von uns Juden längst als ungesund empfunden wird. Tie Notwendigkeit einer beruflichen Umgruppierung wird ja von den weitesten Kreisen der modernen Judenschaft begriffen. Nicht bloß von den Zionisten, die akademisch Gebildete im Straßenbau beschäftigen, dem Händlergeiste im neu erstehenden Palästina aufs energischste entgegentrcten und sogar das Wachsen der jüdischen Städte in Erez Israel nur mit Besorgnis verfolgen, weil sie am liebsten alle Juden zu Bauern machen mochten: nein, auch von den assimilationswilligen Juden, die sich zu dem patriotischen Grundsatz bekennen: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich'" Ueber neue Modalitäten, uns redlich zu nähren,-find wir gern zu diskutieren bereit. Wer uns aber bloß die alten Lebensmöglichkeiten nehmen will, ohne uns dafür andere zu erschließen, der: werden wir als gewissenlosen Schädling mit aller Krast bekämpfen — nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern auch in dem des christlichen Volkes. Dieses hat ja schon einmal, von falschen Aposteln verführt, den Versuch gemacht, die Juden von den Nervensträngen des warm pulsierenden Lebens fernzuhalten. Ter Erfolg war in ma- *) In Polen, Ungarn, Rumänien ist der Prozentsatz noch höher! terieller Beziehung eine für beide Teile verhängniss volle Monopolisierung de- Finanzwesens in jüdischen Händen, in psychischer eine Entwicklung geistiger Energien, die noch heute dem Märchen von jüdischen Welrherrschaftsgelüsten Nahrung geben. Wir wollen aber gar nicht herrschen. Das staatsbürgerliche Ideal der Judenheit deckt sich vielmehr Mit dem Schillerschen Kanon: „Als ein dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an!" Die jüdische Deltverschwörung in England. Von B i n j a m i n Segel. Der Amerikaner Mr. John Spargo hat im Jahre 1921 ein ausgezeichnetes Buch herausgcgeben unter dem Titel »The Jew and American Ideals“, in welchem er gegen den drohend das Haupt erhebenden Antisemitismus protestiert. Unter anderem schreibt er: „Als ick im September und Oktober 1920 in England weilte, fand ich dort große, die ganze Nation umfassende, offenbar finanziell sehr gut fundierte Organisationen mit dem ausgesprochenen Ziel, antijüdische Gefühle und Gesinnungen hervorzurusen. In einflußreichen Zeitungen fand ich Artikel, die dasselbe Ziel verfolgten. Zum mindesten „ein" Tageblatt fand ich, welches ausschließlich gewidmet war der Pflege der Furcht und des Hasses gegenüber den Juden. In den Auslagen der Buchhandlungen fanden sich ganze Bibliotheken von Büchern, die diesem Ziele dienten". Heute, nach fünf oder sechs Jahren, hat sich diese Bewegung verinnerlicht und vertieft und wühlt in den verborgenen Schichten des Geisteslebens, trotz der offiziell judensreundlichen Politik der englischen Regierung. In derselben Zeit, während die englische Regierung ein „Nationalheim" in Palästina erbaut, sitzen zwei ausgesprochene Judenfeinde im Kabinett Baldwin. Lord Birkenbead, der sich mehrere Male sehr gehässig über die „weltpolitischen" Ziele des Zionismus geäußert hat, und Lord Eustaee Percn, den sogar Henry Ford als Kronzeugen für die Welt Verschwörung der Juden ansührt. Lord Percn hat nämlich versichert, daß der Jude überall in der Welt ein geschworener und unversöhnlicher Gegner der christlichen Regierungen jeder Form und jeder Richtung sei. Als ein Zeichen dieser schon sehr weit gediehenen Antisemitisierung der englischen Tevkweiie in den oberen Schichten muß ein vor kurzem in London erschienenes Buch angesehen werden, das den Titel führt: „8ecret Zocieties and subversive Movement.“ 1 Geheime Gesellschaft und Umsturzbewegungj. Die Verfasserin des Buches. Mrs. N e st a H. W e b st e r. ist leitendes Redaktiousmitglied der „Morning Post“, die in der Londoner Publizistik einen Rang einnimmt, wie in Berlin etwa die Kreuzzeitung und die Deutsche Tageszeitung, wenn sie in ein einziges Organ vereinigt wären. Mrs. Webster ist es gewesen, die iw Frühjahr 1920 sofort nach dem Erscheinen der Protokolle der Weifen von Zion jene weltberühmt gewordenen 23 Artikel in der ,,Moniin£ Post“ veranlaßtc. die dann in Buchform unter dem Titel »The cause of world unrest“ in England und in Amerika die ganze Protokoll« bewegung in Fluß brachten. Das Buch ist nach Ausmachung. Ausstattung und Druck für jene Kreise bestimmt, die man in Deutschland mit „Bildung und Besitz" zu bezeichnen pflegt. Der Preis ist ein englisches Pfund 1-0 Mark). Mrs Webster ist als Publizistin großen Stils bekannt, sie hat außer einer Reihe von kleinen Monographien ein Werk über die französische Revolution und eines über die Wcltcevolution verfaßt. die große Verbreitung gesunden haben. Das Buch der Mrs. Webster ist ungeheuer gelehrt, kein deutscher Gelehrter könnte cs gründlicher und allseitiger dnachen. Alle jüdischen Quellenschriften, Bibel. Talmud. Sohar. die raübinische Literatur, sind angeführt mit genauer Seitenzahl — alle ar natürlich in Uebersetzungen. Keine einzige in der Ursprache, aber oft zwei, drei Uebersetznngen hintereinander. Man muß sich nur wundern, daß die Juden io leichtfertig ihre Geheimnisse der nichtjüdischen Welt preisgcben. Mrs. Webster hat eine sehr letchtfaßliche Logik. Wir wissen, daß es in der Welt Geheimgesellfchasten seit ieher gegeben hat. Wir wissen, daß die umslürzlerischen Gesellschaften geheim sind, was liegt da näher als der Schluß, daß eine Geheimgesellschaft schlechthin umstürzlerisch ist. Ferner wissen wir, daß der Orient die Wiege aller Geheimgesell-- schaften war. Wir wissen aber, daß die Juden nach Europa , Die Stadt der Juden. Von Hans Dennewrtz. In Paris spricht alles von selbst! — Das ist eine von Ken großen Annehmlichkeiten dieser Stadt ... der Märchen und Wunder. . . So ist es durchaus verständlich, daß im Herzen von >,Ville lumiere" ein Strich von „nur" Juden bewohnt pricd! — In ganz Paris gibt's niemand, der auch nur im ^entferntesten daran dächte, diese „Stadt — für — sich" in -ihrem grauen Einerlei des täglichen Lebens zu stören! Ja, «selbst Fahrzeuge. Autos, oder sonstige andere, nehmen, kommen sie in die Nähe derselben, einen Umweg um diese. Zwischen der „Nue de Nivoli", dieser längsten und vornehmsten Straße von Paris liegt der „Place de la Bastille" einer der verkehrsreichsten Plätze der Welt. Hier hat die französische Revolution erschütternde Tragödien ausgeführt! Neben dem Rathause mit seinem unvergleichlich schönen -und Eindruck erweckenden Stile und dem stillen „Place de Wosges" stehen etwa dreitausend Häuser, in denen ungefähr öreitzigtausend Juden hausen! — Aus allen Ländern haben sie sich hier zusammengesnnden. Der größte Teil wanderte jedoch aus Polen und Rußland aus! — Ganz selten wird dieser Stadtteil von Parisern betreten. Wer irgend kann, macht, wie es die fremden Fahrzeuge tun — einen Bogen darum herum! Geschieht es dennoch, daß sich einmal ein Fremder, sei es in Unkenntnis, oder ans bloßer Neugier in die „Stadt der Juden" verirrt so kann er gewiß sein, von Allen, auf der Straße, wie auch aus den Fenstern derart angegafft zn werden, wie es wohl dem ersten Auto, das dreißig Jahre zurück in ein entlegenes Dorf gejagt kam . . . widerfahren sein mag. Bezeichnend ist, daß dieses Judenviertel im ältesten Stadtteile von Paris, ganz nahe der Bastille liegt, das achtzig Jahre vorher noch nichts von einem späteren Zentrrun einer Millionenstadt verriet. In den Tagen: Napoleons III. lag hier herum der. „Place de la Concorde" noch einsam für sich und bei dem „Are de Triomphe" und auf dem „Place de l'Etoile" nur mehr noch sehr wenige Häuser. Man hatte damals eine nur zu berechtigte Scheu davor in der Nähe eines Platzes zu wohnen, der in der Geschichte der französischen Revolution eine überaus traurige Nolle gespielt hatte — und nicht mit Unrecht hieß es damals: um die Bastille klopft das Herz von Paris.. Die Hauptstraße der „Stadt der Juden" heißt: „Rue du T'emple". Jeder der Bewohner spaziert und benutzt die Mitte dieser Straße. Das Trottoir liegt ebenso verlassen, wie ein von seinen Einwohnern gemiedenes polnisches T I. Nuß jedoch einmal aus irgend welchem Grunde ein Fuhrwerk diese Straße befahren, so gilt das für den Lenker Desselben verdammt scharf auszupassen, denn fortwährend ist diese Straße von promenierenden und gestikulierenden Gruppen belagert, die keinen Augenblick daran denken, auch nur einen Schritt breit beiseite zu treten. Betrachten sie doch diese Straße als „nur ihnen gehörig". — Charakteristisch für diese Bewohner ist der offen zur Schau gestellte Typus ihrer Abstammung: sie würden sich niemals dazu verstehen können irgendwie oder irgendwem gegenüber ihr Judentum zu verleugnen! Dieses heroische Bekenntnis nötigt so manchem Andersgläubigen Respekt und Achtung ab, vor denen, die sich offen vor aller Welt als „Juden" betrachten! Und nun das eigentliche Bild dieser Straßen . . . neben jungen, aber elend ausjeheudcn Männern mit blondem Kopfhaar und scharf gebogener Nase sieht man in einem starken Kontrast wiederum solche mit dunklem Kraushaar, die ihre Augen mit einem treuherzigen fragenden Blick auf den Fremdling gerichtet halten, und sich verwundert fragen, was diesen wohl eigentlich in „ihr" Reich geführt haben mag!? Zwischendurch bemerkt man alte Frauen, die kugelrund, das Gesicht mit tiefen Runen dicht bedeckt auf Stcintrevven untätig herumhocken, um für Minuten aus den übeldünstenden Behausungen zu fliehen, und die frische Luft hier draußen mit nicht wehr ganz intakten Lungen gierig einzusaugen oder — über des Tages Lasten eine kurze, aber um so inhaltsschwerere Zwiesprache zu halten, wozu dann ihre vergrämten Gesichtszügc uitö die verschrumpelten, knochigen, vom vielen Arbeiten hart gewordenen Hände eine tieftraurige Lebensgeschichte erraten lassen! — Oder andere sitzen, diese Hände in dem ausgemergelten Schoß zusammengelegt. apathisch oder auch in blöder Monotonie dabei. Bon Zeit zu Zeit erblickt man auch einmal hie und da ein junges Mädchen, die stets in dunklen Farben getragene Schürze um den jungen, unverbrauchten Leib geschlungen, und deren Haar, das noch um Nuancen dunkler ist. als der Ton der Schürzen — spielt, vom Winde hin und hergetrieben. lustig' in deren hübsches Antlitz. Das Haar dieser jungen Mädchen ist meistens von einer Pracht und Fülle, um die so manche ihres Geschlechtes bei uns zu Lande in hellem Neid aufgingc. würde sic solch ein wunderschönes Haar sehen. Den leider auch bei uns Mode gewordenen, aber nichtsdestoweniger geschmacklos gebliebenen „Bubikopf", der von weiblicher Entartung geradezu schreit — würde sich dort niemand erlauben! — Dann sieht man diese Mädchen in der Gesellschaft weißbärtiger Männer vom Tvv Anatole France, wie sie diesen andächtig zuhören oder, wenn es tust was zum Lachen gab —- wie ihre kirschroten vollen Lippen auch zu lächeln wissen. Sie alle sprechen mit einer seltsamen Gelassenheit und grüßen stumm jeden der Vorbeigänger, denn sie kennen > sich fast alle in dieser Stadt der Juden! — Ein anderes, interessantes Bild! Zn beiden Seiten der I Straße, wo sich die Bürgersteige befinden, reiht sich Geschäft neben Geschäft! Hier hat ein Zeitungsuerkäufer neben ausgelegten Tageszeitungen in hebräischer Sprache gedruckt — ganz ungeniert Ohrgehänge und Armbänder zum Kauf ausgelegt. Diesem gegenüber lehnt eine junge, für diese Gegend ungemein auffallend schöne Frau an einem Türpfosten. Im Innern ihres Ladens bemerkt man eine große, ebenso stattliche wie schöne Mannesgcjtalt — der Mann dieser Frau dort rn der offenen Türe. Er döst gelangwcilt und untätig an der Teke. über seinem Kopf hangen appetitlich aussehende Würste. Dem Fleischerladen gegenüber hat sich ein Bäcker niedergelassen. Und daneben, befindet sich ein Bazar! — Hier liegt alles und von allem alles auf dem Fußboden: von der Sonne verblichene Tapeten, getragene und kaum noch tragbare Frauen- und Männerkleidung. Darauf hat man dicke hebräische Gebetbücher niedergelcgt» die oftmals eivLN wertvollen vergoldeten Verschluß zeigen. Kostbare, silberne Kerzenleuchter, die ihre sieben Arme ausstrecken, als wollen sie das Interesse des Käufers vor allem auf sich lenken. Ein alter Stuhl, ohne Sitz, steht ungeniert daneben, und in drolliger Harmonie bangen auf einer Leine darüber alte gestopfte und nicht gestopfte Socken — verwaschene Gardinen, wurmstichige Tische, darauf verrostete Messer und Gabeln liegen friedlich beieinander und warten mit dem Inhaber des Bazars auf den Käufer dieser ausran-, gierten Dinge. Inmitten all diesen Kunterbunts spaziert ein alter Mann mit einem schneeweißen langen Barte bedächtig hin und her. das schwarze Käppchen auf dem Patriarchenkopf, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt. Und um ihn herum nichts weiter als alte Bücher auf wurmstichigen Regalen. Neben diesem Bazar fiefjt man zwei jüdische Restaurants in brüderlicher Eintracht. Jedes dieser Restaurants bietet für zehn Gäste Platz. Auf den Fensterbänken hat der Inhaber Blumentöpfe rechts und links placiert, zwischen diesen, in der Mitte, stebt eine zimierne alte Schüssel mit Wasser, darin ein Stück Fleisch schwimmt. In der Türe zu diesen Restaurants steht, in Ermangelung eines männlichen, ein weiblicher Portier. Unsauber wie die Restaurants sind auch diese Weiber, und sie empfangen an der Türe jeden Gast in der Sprache seiner Rationalität. Russisch, polnisch, englisch, französisch oder spanisch und türkisch! Alles, was es hier zu essen oder zu trinken gibt, ist in hebräischer Sprache geschrieben und angepriescn! Nur die Preise sind nicht verzeichnet. Auch ein einziges nicht-jüdisches Geschäft befindet sich in dieser Straße und scheint sich dahin verirrt zu haben! Es ist eine Konditorei nebst Cafe. Ueber dem Eingänge zn dieser Konditorei prangen in goldenen Lettern die Worte: „Ici magazin francais!“-Fast klingt dies gegenüber den anderen Geschäften wie eine leise Herausforderung-. jedenfalls hebt sich dieses Geschäft recht gngcnehm aus seiner Umgebung heraus! ---