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Jüdisch-liberale Zeitung · 1926-01-08 · 2 (8.1.1926) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
6 (1926)
Issue
2 (8.1.1926)
Date
1926-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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steHen wirein Prophet oder einer, oer einen Traum gehabt hat, und er wir- -ir ein Zeichen o-er Wunder geben; un- -as Zeichen und Wunder, von dem er dir gesprochen hat, trifft ein, und gestützt darauf spricht er zu dir, wir wollen anderen Göttern nachgehen, die du nicht kennst, und ihnen dienen; höre nicht auf die Worte diese- Propheten oder Träumers, denn Gott versucht euch nur, um zu prüfen, ob ihr den Ewigen euren Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele liebt." (5. B. M., Kap. 13, 2 ff.). Damit war der im Grunde entscheidende Schritt zur Ueberwindung des Wunderglaubengetan, denn die, meisten Wunder und Wunöererzählungen sollten ja den Zweck haben, den Täter als mit besonderer Sendung und von Gott eingegebener Kraft ausgerüstet zu erweisen Indem die Beweiskraft vom Wunder hinweg in die innerlich zu erfühlende Wahrheit der Botschaft, in den Wahrheitsgehalt der Lehre verlegt wird, ist das Wunder eigentlich überwunden. Wie energisch die Rabbinen dte Beweiskraft des Wunders ablehnten, erhellt am deutlichsten aus jener bekannten Erzählung: „Einst war im Sehrhaus ein Streit um eine Frage und Rabbi Elieser gelang es mit allen Gründen, die er ins Feld ffihrte, nicht, feine Partner M überzeugen; da sprach er, „wenn ich recht habe, soll der Johcmnisbrotbaum, der hier steht, mein Zeuge sein", und siehe da, der Johannisbrotbaum verließ seinen Standort und pflanzte sich 100 Ellen weiter in die Erde, da sagten die Rabbis: „ist das ein Beweis?" Sagte Rabbi Elieser, ^dann soll der Flußlauf für mich zeugen", und das Wasser des Flusses wandte sich und floß aufwärts, wieder sagten die Rabbis: „das ist kein Beweis". Nochmals versuchte es Rabbi Elieser und rief die Wände des Lchrhauses als Zeugen an, und die Wände neigten sich und stimmten Rabbi Elieser zu, und wieder lehnten die Rabbis es ab, sich davon bestimmen zu lassen. Nun erhob sich Rabbi Elieser zum Letzten und sprach: „möge der Himmel selbst mein Zeuge sein und eine Stimme vom Himmel rief: „Rabbi Elieser hat immer recht", da erhob sich Rabbi Josua und rief empor zu Gott: „.Hast du nicht selbst in deinerThorah gesagt „die Lehre ist nicht imHimmel?" Wir kümmern uns nicht um himmlische Stimmen, wir entscheiden." Hier wird mit nicht zu überbietender Deutlichkeit gesagt, daß nur innere Gründe maßgebend sind für die Bildung der Ueberzeuguug und keinerlei Wunder. Im Talmud selbst wird dann schon der weitere wichtige Schritt getan, dem Wunderglauben das Wasser abzugraben, durch den Hinweis, daß in dem natürlichen Laus des Menschenschicksals, in der Erhaltung und Ernährung des Menschen, seiner Errettung ans Krankheit mehr Wunder und Anbetungswürdiges liege als in dem sogenannten Wunder. „Daß Gott jodcin Menschen seine Nahrung gibt, ist ein größeres Wunder als die Spaltung des Schilfmeeres: das; Gott den Menschen, dessen Leib verschlossen war, wieder zur Gesundheit und dem vollen Besitz seines Körpers führt, ist größeres Wunder als die Spaltung des SchilfmeeresAuch wir werden hier die Anlehnung suchen, mit unsere Stellung zum Wunder zu bezeichnen und zu sagen, wie wir an Wunder zu glauben vermögen. Die gesamtjüdische Haltung zum Wunder ist so unendlich einfach, weil — und darin drückt sich die von Anfang an vorhandene Neigung zur Ablehnung des Wunders aus — im jüdischen Kultus jeglicher mystische Vorgang ausgeschaltet ist. Unsere kultische Frömmigkeit ist reine Anbetung im Geiste, Gebet und Andacht, sie bringt die Sehnsucht des Menschen nach der Verbindung mit Gott und die Gedanken Äs Jickxmtums zum Ausdruck, aber nie vollzieht sich in ihr wie in anderen Kulten, wo das der Mittelpunkt und das Bestimmende des Gottesdienstes ist, ein Wunder, das Wunder des Hinabsteigens Gottes in den Merrschen, das Wunder der tatsächlichen und buchstäblichen Vereinigung des Menschen mit Gott. So kommt schon von daher in unsere gesamtjüdische Stellung zum Wunder ein Element der Freiheit hinein, die Wahrheiten des Judentums stehen weder noch fallen sie mit der Anerkennung oder Ablehnung des Wunders. Es ist Gebot der Ehrlichkeit zu sagen, daß jene das Wunder verneinende und auöschaltende Haltung der Rabbinen und Roligionsphilosophen nicht die durchgängige Zustimmung fand. Tie religiösen Führer, die die Reinheit der Vorstellungen zu erhalten suchten, und den ethischen Charakter des Judentums herauszuarbeiten sich bemühten, fanden immer den Widerspruch der Kreise, die an dem Wunder festhielten und deren Frömmigkeit an dem Wunder sich entzündete. Die Kreise der Mystiker blieben mit ihm verknüpft, die geistige Oberschicht konnte wohl dem Judentum offiziell da- Gepräge de- Wunderfeindlichen geben, aber unter der Oberschicht erhielt sich -er Glaube an das Wunder und Bedürfnis nach ihm, und in der Kabbalah und im Chassidismus leben sie bis auf den heutigen Tag fort. Der Rationalismus des 18. und beginnenden IS. Jahrhunderts hatte eine ganz merkwürdige Haltung zum Wunderbericht. Er machte den Versuch, die Erzählungen möglichst vernunftgemäß zu deuten, etwa in der Weise, daß man sich bemühte, darzustellen, wie dem Berichteten ein tatsächliches Geschehen zugrunde liegt, nur -aß der Erzähler von der Gesetzmäßigkeit und dem wahren Ursprung dieses Geschehens keine Ahnung hatte und es darum als Wunder ansah. Zum Beispiel, -aß das Schilsmeer sich gespalten habe, weil ein Sturm die Wogen teilte, oder weil der Wechsel von Ebbe und Flut hier wirksam war; oder daß das Manna wirklich in die Wüste fiel, nur daß es nicht vom Himmel regnete, sondern von der Oase hergewehter Samen einer Palme war. Wir lehnen heute diese Versuche als gekünstelt und überflüssig ab; wir sind ehrlich und wahrhaftig genug zu sagen, wir glauben, und sehen darin keine Herabsetzung der Bibel, daß den Menschen der damaligen Zeit die Vorgänge in diesem Lichte erschienen, daß sic an die Wunder glaubten, weil sie sie für möglich hielten, und daß wir, die wir wegen des Glaubens an die Gesetzmäßigkeit allen Geschehens den Wunderbericht ablehnen, einzig in dem sittlichen und religiösen Gehalt der Bibel den Erweis ihrer Göttlichkeit erblicken. Wir glauben nicht an das Wunder des biblischen Berichtes oder irgendeiner Erzählung, aber die Gesetzmäßigkeit im Jneinandergcfügtsein der Naturkräfte ist uns das große Wunder, das Wunder der Schöpfung, das größte, das denkbar ist. Wir glauben an das W n n ü e r b a r e im Menschennnd Völkerschicksal. Was ist das: das Wunderbare? Alles was nicht in der Linie des scheinbar ununterbrochen sich vollziehenden Ablaufes liegt. Daß ein Mensch mitten in der Bahn des Bösen durch einen Akt eigener Entschließung und Entscheidung umkehren und sich erheben kann, daß man mitten in dem Nicdergejchlageusein tiefster Trauer zu einem neuen Hoffen sich erheben kann, das ist bei aller Gesetzmäßigkeit Wunder in höherem Sinne, wunderbar. Daß ein Volk, dem nach menschlichem Ermessen der Untergang gewiß ist, sich zu neuem Lebenswillen aufschwingt, um eine neue Rolle in der Welt zu spielen ist wunderbar, weil es nicht zu errechnen war. Daß nach dem Niedergang und der Verflachung der Religiosität im 19. Jahrhundert heute ein neuer Wille zur Religiosität vorhanden ist,ist wunderbar, obgleich dabei gar keine Durchbrechung des Naturgesetzes da ist, weil cs das Hervorbrechen eines nach der scheinbar ununterbrochen sich vollziehenden Entwicklung nicht zu erhoffenden Willens war. Daß Menschen um einer Idee, eines Ideals willen ihr Leben hingeben, auf Ruhe und Sicherheit verzichten und sich in härteste Arbeit stürzen, ist wunderbar. Und in diesem Sinne können wir nicht bloß an das Wunderbare glauben, sondern es geradezu in unser Hoffen einst eilen, auf es hin arbeiten. Schon der Talmud und die mittelalterliche Neligionsphilosophie schlugen diese Richtung ein, der Talmud in dem vorhin zitierten Satze; in der mittelalterlichen jüdischen Religionsphilosophie ertönt, um nur eine Stimme zu ueuneu, die des Bachja ibn Pakuda, der in seinen Herzenspslichten einmal sagt: „Wenn der Mensch in unserer Zeit etwas, sehen will, was den Wundern der Bibel gleicht, so schaue er mit den Augen der Wahrheit auf unsere Erhaltung unter den Völkern seit dem Tage der Verbannung." Israels Erhaltung und B e st a n d, das Wunderbarste alles Wunderbaren, das Wunder schlechthin. An diesem Wunderbaren nehmen wir teil nicht als verblüffte und nur zum Sehen bestimmte Zuschauer, sondern als tätig Mitwirkerrde, und so kommt auch hier in unsere jüdische Religiosität dieses unentbehrliche Bewußtsein, daß das Geschöpf zugleich auch Schöpfer wird. Der Gottesglaube des Dibelbrttikers. Bon Rabbiner Dr. H. Fuchs, Chemnitz. Es geschehen Zeichen und Wunder: Die Jüdische Rund, schau beschäftigt sich mit einem theologischen Problem, und zwar mit einem des jüdischen Liberalismus! Hoffen wir, daß sie auf diesem Wege fortschreitet! Denn der Unter, schied in der religiösen Anschauung scheint uns zwischen Zionismus und Liberalismus tatsächlich nicht größer zu sein, als er zwischen Individualitäten derselben Richtung stets ist, — falls nur einer den andern richtig verstehen will. Um was handelt es sich? Ernst Simon hatte im Frankfurter „Jüd. Wochenblatt" an Dubnows Weltgeschichte des jüdischen Volkes getadelt, daß sie eine gewisse Eigengesetzlichkeit der israelitisch-jüdischen Geschichte außer acht gelassen habe, die diese von jeder anderen Geschichte unterscheide. In der Jüd. Rundschau verteidigt Leo Strauß die Betrachtungsweise Dubnows, welche, wie jede Wissenschaft von Existenz und Wirksamkeit Gottes in der Menschenwett absieht, — oder, wie er sagt, „nichts weiß". In diesem Zusammenhang entschlüpfen ihm die Worte: „Der Atheismus der heutigen Bibelwissenschaft ist offenbar": ein (ungenannter) Bibelforscher habe dieses ohne weiteres zugestanden. Strauß deutet schließlich au, diese atheistische Libelkritik zeige, daß Israel ein Volk wie alle andern gewesen sei: die Auffassung, es sei eine Art Gemeinde, sei auf spätere theologische Umdichtung zurückzuführen: die Bibelkritik zeige also, daß die Quellen der Bibel die zionistische Auffassung begünstigen. Da sehr wenig Kollegen sich öffentlich mit Bibclkritik beschäftigen, so scheint die Ansicht vom Atheismus der Bibelkritik, wenn nicht bet den Kollegen, so doch bei der jüdischen Masse weitverbreitet zu sein. Ich möchte daher diese Be- Häuptling hier versuchen, auf ihr richtiges Maß zurückzuführeu. Dubnows Geschichtsbetrachtung soll dabei ganz ansschalten. Selbstverständlich kann auch nicht die ganze Bibelkritik in diesem kurzen Artikel behandelt werden, sondern nur der Teil, der sich ans die Behandlung der Geschichte bezieht. Es ist zunächst klar, daß eine kritische Betrachtung der Bibel den Begriff Gottes als eines Faktors des Einzel- Geschehens ansschalten muß. Das verlangt der Begriff der Wissenschaftlichkeit. Seit der Befreiung der Wissenschaft von der Tradition der Kirche, also seit dem 16. Jahrhundert, mindestens seit Bacos Novum vrganum ist der erste Grundsatz aller Wissenschaftlichkeit: wie die Naturereignisse, so dürfen auch die geschichtlichen Dinge nur ans natürlichen Geschehnissen erklärt werden. Zu diesen gehören auch die Glauüensmeinnngen und Ideale, die abergläubischen unsittlichen Prinzipien der Menschen, aber nur als psychologische Tatsachen, nicht die geglaubten übernatürlichen Kräfte selbst, Engel, Geister, Gvtt, als geschichtliche Faktoren, als Beweger der einzelnen Dinge. Cie haben lange genug als agylum ignorantiae den Fortschritt der Erkenntnis gehindert! Sie gehören in die Metaphysik und Theologie, nicht in die Natur- und Geschichtswissenschaft. — Will Biblische Geschichte eine Wissenschaft fein, so muß sie also zunächst an den Onellschristen selbstverständlich die theologische Umrahmung unbeachtet lassen, welche lehrt, daß gutes Verhalten Israels von Gott mit Glück belohnt, schlechtes mit feindlichen Einfällen oder Elementar-Unglück bestraft worden sei. Ganz gleich, ob dies theologisch richtig und ob es historisch wahr ist: es ist Zutat zur Geschichte: cs dient dem Zweck, dem die ganze Bibel dient, der religiösen Erziehung, und nicht der Wissenschaft, welche bloß Tatsachen erkennen will. — Ferner muß die Geschichtswissenschaft aber auch alle übernatürlichen Wunder aus ihrer Forschung ausschalten oder auf irgendwelche natürlichen Grundlagen zurückführen. Einerlei ob jemand-an sie glaubt oder nicht: Wissenschaft ist Erklärung aus natürlichen Ursachen. Man kann das sogenannte Wunder als ein natürliches Geschehnis anseheu (wie es viele Kritiker z. B. mit dem Zuge durchs Rote Meer machen), man kann es als geschichtliche Einkleidung einer Wahrheit, als sagenhafte Uebertreibung, als spätere Erdichtung anseyen, — als übernatürliches Wunder kann die Wissenschaft cs nicht gebrauchen! — Und schließlich wird die Bibelkritik genau fcststellcn. inwieweit vielleicht die Verfasser der Bibel, bewußt oder unbewußt, wegen ihrer anderen Einstellung, die ihnen bekannte Geschichte verändert haben. Das alles bedarf nicht vieler Worte. Die Frage ist: ob hinterher, wenn die Wissenschaft ihre Arbeit beendet hat. wenn sie die Tatsachen erniert und ihren Zusammenhang plaustebel gemacht, womöglich sie auch in die Gesetze des Geschehens cmgereiht hat, ob dann der bis dahin beiseite geschobene Galsworlhy's »Gesellschaft". Zur ISS. Anfführnna in der Komödie. Berlin. In fieberhafter Spannung sitzt in etwa zwanzig deutschen Städten und wohl in ebenso vielen des Auslandes ein enthusiasmiertes Publikum mit verhaltenem Atem vor Galsworthy's recht interessantem Kriminalstück „Gesellschaft", das den englischen Titel „I-ovaltjeg" führt. Der Kunstwert des Werkes ist nicht allzu groß. Beinahe handelt es sich nur um einen Reißer! Nun ventiliert das Schauspiel aber die „Judenfrage" in einer durchaus anfechtbaren Weise. Hätte cs einen unbedeutenden oder gleichgültigen Verfasser zum Autor, so wäre über die ganze Angelegenheit nur wenig zu sagen. Galsroorthy ist jedoch ein sehr bedeutender und ungewöhnlich sympathischer Dichter mit warmem, sozialem Empfinden. Er ist neben Shaw der repräsentativste Schriftsteller Großbritanniens, einer der wenigen Dramatiker des Jnselreichs. die in die Weltliteratur hineinragen, und deren Werke in alle Sprachen der Erde übersetzt sind und werden. Und so erscheint es denn zweckmäßig. Galsworthn's Behandlung der Judenfrage gegenüber einige Feststellungen zu treffen. Tie Fabel des Stückes ist bekannt: Der Dichter läßt in die exklusiven, feudalen Londoner Klubs nach dem Kriege einen „jungen, neuen Reichen" eindringen. Dieser nicht übermäßig sympathische, „gesellschaftliche 'Usurpator", der im Kriege woA öaheimgebliebcn ist und steinreich wurde, ist Jude: Ferdinand de Levis. Nun schenkt der im Kriege rühmlich bewährte Hauvtmann Danen — jetzt ebenso wie Ferdinand vornehmes Klubmitglied — dem Mister Levis ein Pferd. Dieser verkauft cs. und Hauvtmann Danen stiehlt dem Herrn Neureich in der Nacht auf dem Landsitze des Lords Winsor den Erlös. Die Diebestat Tancy's beraubt aber den wagemutig-tollen Offizier durchaus nicht aller Sympathien. Senn der arme Bursche befindet sich in Geld- und Abfinöungsnöten. und nicht gewöhnliche Schlechtigkeit ist die Triebfeder der bösen Tat. die nun fortzeugend Böses gebiert, sondern es handelt sich mehr um einen abenteuerlichen Dummeninngenstreich, um berechtigten Zorn gegen den jüdischen Emporkömmling, dem er den Gaul geschenkt. und der nicht Gentleman genug war. ihm etwas vom Gewinn beini Verkauf des Pferdes abzngeben. Ebensowenig wie der Dieb nun als ein Schurke erscheint, ist der bestohlene Neureich ein Kavalier: er hat aenug antivathische Züge! In taktlosester Weise, besteht er noch nach Mitternacht in dem vornehmen Schlosse, das ihn als Gast freigebia beherbergt, darauf, daß die Polizei geholt wird: er wird plötzlich zu einer Art ..Slmlock im Frack", der trotz seines klotzigen Reichtums so viel plebejische Instinkte verrät, daß er über den Verlust der tausend Pfund nicht vornehm hinweggehen kann, sondern plötzlich den „Auge um Auge, Zahn um Zahu"- Standpunkt hervorkchrt. Freilich ist er dazu aufs schwerste gereizt, denn man hat ihm als billigstes Schimpfwort: „Verdammter Jude!" ins Gesicht geschleudert, und sein verletztes Menschcngefühl bäumt sich nun in ihm aus. Er hat ohnehin nie recht zur „Gesellschaft" gehört, ist immer nur seines Geldes wegen in den feudalen Klubs geduldet worden, und cs reizte ihn nun aus Ressentiment, einen vornehmen Gentleman einmal als gemeinen Dieb festzunageln. Nun wird er zum wütenden Opponenten gegen das englische Pharisäertum voll traditioneller Verbohrtheit und versucht gegen den unberechtigten Aristvkratendünkel der „liiLü-Locietv" auzukämvfen. die jetzt mit verlogener Gesellschaftsmoral wie eine Mauer gegen den jüdischen Kaufmannssohn. den Outsider, zusammenhält. Obwohl Levis im tiefsten Grunde ein ganz gutmütiger Kerl ist. der zuletzt den bedauernswerten Offizier sehr gern gerettet hätte, kann er den im Rollen befindlichen Stein nicht mehr aufhalten. Er hat schließlich — ohne es natürlich zu wollen — den Hauvtmann Daney in den Togetrieben! — Das ist der Inhalt des — rvic gesagt — künstlerisch nicht übermäßig hochstehenden dramatisierten Kriminalromans. Ter Konflikt: hie gesellschaftlich nicht als vollaugesehcncr Jude — hie sashionabler Klub, der die Sünden seiner Mitglieder ängstlich kaschiert, ist nicht genügend psychologisch vertieft. In diesem Falle sind übrigens Sie äußerlich glatten Temvelwächter -er überlebten, brüchigen Moral und der unvornchme jüdische Eindringling einander wert. Sie sind nicht geeignet, unser Jnteresie und unsere Parteinahme nachhaltig und tiefer in Anspruch zu nehmen. Zudem war es hier durchaus nicht nötig. Sie JuSenfrage, oder richtiger gesagt, die Antisemitenfrage zur Schürzung des Konflikts an den Haaren hcrbeizuziehcn. — Denn die Handluna brauchte um nichts geändert zu werden, wenn -er Eindringling zufällig kein Jude gewesen wäre, sondern ein frischgeadelter Herr Müller oder Herr Schulze. Galsworthp würde irren, wenn er der Meinung wäre, daß er hier die englische Gesellschast. dort das Judentum mit dem Anspruch aus typische Gültigkeit charakterisiert hat. Daß ein jüdischer Parvenü ohne Stolz und Selbstachtung sich alle erdenkliche Mühe gibt, um in die anscheinend vornehme Gesellschast. die ihm früher verschlossen war. hineinzukommcn. hatsich gewiß wiederholt ereianet. In Berlin hat sich sogar kurz vor dem Kriege ein jüdischer Student aus verletzter Eitelkeit erschossen, weil er von einem vornehmen Corps, in dem er bloß geduldet war und in das er sich hineingedrängi hatte, mißfällige und herabsetzende, antisemitische Aenßerungen über seine Person anhören mußte. Aber typisch ist das sicher nicht, sondern eher ein seltener Ansnahmesall! In England gibt es. ebenso wie in Deutschland, eine alteingesessene, überaus vornehme, seit Jahrhunderten hochgeachtete jüdische Aristokratie, die ebenso exklusiv nnd — mit Recht oder Unrecht ist soziologisch irrelevant —- ebenso aus sich stolz ist nnd auf sich hält wie nur je die andersgläubige Landcs-Aristokratie. Die Vertreter dieser jüdischen Bevölkerungsgruppe — der Baron Düraeli erzählt in feiner Lebensgeschichte viel von ihr und schildert sie eingehend. — setzen ihren höchsten Ruhm daran, unablässig für das Wohl der Gesamtheit zu wirken und sich geistigen Adel, der nicht nur äußerlicher Natur ist. zu erwerben. Berühmte Volkswirtschastler. Finanzmänner. Parlamentarier. Gekehrte. Aerzte geben zahlreich aus dieser jüdischen Aristokratie hervor. Wenn man Namen artführen wollte, müßte man gleich Hunderte nennen! Tie Vertreter dieser wirklichen, jüdischen Aristokratie denken aar nicht daran, sich in die im allgemeinen geistig nicht sehr hochstehenden Kreise der Klubgesellschast hineinzudrängen. Sic haben wahrhaftig anderes und Wertvolleres zu tun. Und an Takt und Vornehmheit nehmen es diese jüdischen Aristokraten mit allen Repräsentanten des sogenannten „Gothaer Adels" ans! Es hat noch keinen führenden jüdischen Minister gegeben, der sein amtliches Wissen dazu mißbraucht hätte, um insgeheim Börsenspekulationen zu betreiben. Brandon erzählt in seiner Biographie des englischen Lords Rothschild den sehr hübschen Pavalellsall, wie ein verarmter, nichtsüdischer Forschnngs-. reisender den Lord in ulkiger Weise schröpft, dieser aber die unfaire Handlungsweise nicht nur lächelnd absichtlich übersieht. sondern dem Frechling heimlich noch Tausende znkommcn läßt. Großzügige, wahrhaft vornehme Handlungsweise ist unter den Vertretern der alteingesessenen englisch-jüdischen Aristokratie — und das geben selbst ihre Feinde zu svergl. Luton Dews: „DaS Judeutnm in England") — wirklich nicht selten! Es geht nicht an, die Unmanierlichkeien nnd Entgleisungen einzelner frischgebackener jüdicher Parvenüs der Gesamtheit des englischen Judentums zur Last zu legen! — Sicherlich hat Galsworthn. der ein sehr großer Dichter unhervorragender Menschenkenner ist. auch das Judentum als solche? nicht blnßstellen wollen. Aber eine gewisse Presse benutzt den Erfolg seines GeiellschastsstückeS. um Folgerungen zu ziehen, die nun einmal nicht zutreffend sind. Nnd dagegen braucht im Grunde genommen kaum polemisiert zu werden. Die vielen Tatsachen reden eine zu deutliche Sprache. Dr. Ludwig Davidsohn -Berlin.

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