Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613841-2613843--1645-2619028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IWchMewleZMU Organ -er Vereinigung für das liberale Ludenium e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle lU jährlich M. L50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.28 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis n;r :r im Milgliedsbeitrage enthalten. :: L :: Chefredakteur: Dipl.-Vng. Bruno Doyda. Die „Jüdisch-liberale Leitung" erscheint jeden 5reitag. Nedaktion u. Seschüttsstette: verlin 6W, Wilbelmftr. 147. Sernrul: Safonheide 3358, 3359 Poftfcfceckkonto: Berlin nW7 Nr.isros» (Vereinigung für das liberale Judentum Nad)bru«h sämtlicher Orlglnal-BeltrAge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: .Die 12gespaltene^Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei r: u u Wiederholungen Rabatt. :: u k Anzeigenannahme: jüdisch -liberale Zeitung" Inseratimabteilung: Berlin SD 48, Wilhelmstrahe 147 (Hasenheide: 3358—59). sowie sämtl. Annonccn-Lxped. Nr. 2 Berlin, 8. Januar 1926 6. Jahrgang ♦ Das Wunder. Von Rabbiner Dr. Diene mann, Offenbach a. M. Wie stehen wir eigentlich zu dem Wunder? Wunder, das heißt nach der mit dem Wort landläufig verbundenen Vorstellung die Abweichung von dem regelmäßigen Geschehen, die Durchbrechung des Gesetzes, nach dem alles Geschehen abläuft. Es gab eine Zeit, in der man die Vorgänge innerhalb der Natur als eine Reihenfolge voneinander unabhängiger Handlungen und Einwirkungen Gottes zu erfassen gewohnt war, bei dieser Vorstellung mußte jedes Geschehen im Grunde als möglich gelten, denn das Eingreifen Gottes ist ja an Regel und Gesetz nicht gebunden: das Wunder war da im Grunde nicht etwas scheinbar Unmögliches, sondern mehr etwas Unerhörtes, Außergewöhnliches. Seitdem wir begreifen gelernt haben, daß alle Vorgänge innerhalb der Natur nicht als eine Reihenfolge voneinander unabhängiger Einwirkungen Gottes zu erfassen sind, sondern als die Wirkung der von Gottes Schöpscrhand gefügten Gesetzmäßigkeit des Jneinanderarbeitens aller Kräfte, und daß diese Gesetzmäßigkeit zum Wesen der Schöpfung und der Naturkräfte gehört, so daß die Welt ohne sie überhaupt nicht denkbar ist, wird die Unterbrechung der Ordnung und Gesetzmäßigkeit zur Unöenkbarkeit, zur Unmöglichkeit, der Bericht chLypu also zu etwas unmöglich Wahrem. So wäre also die Frage, wie steht man zum Wunder? ganz leicht und einfach zu beantworten, nämlich, daß man als Mensch unserer Bil- -ungsform gar nicht anders kann, als die Möglichkeit und Denkbarkeit des Wunders völlig abzulehnen, daß man als liberaler Jude, der doch die gesicherten Ergebnisse der Wissenschaft anerkennt, — und was wäre trotz aller Skepsis gegenüber dem sogenannten Gesichertsein der wissenschaftlichen Ergebnisse in der historischen, philosophischen und selbst naturwissenschaftlichen Forschung gesicherter als die Gesetzmäßigkeit allen Naturgeschehens! — alle Wunöererzählungen, auch die der Bibel, als Vorstellungen einer vergangenen Epoche religiösen Denkens bezeichnet und ihnen den Wahrheitsgehalt abstreitet: wozu man ja als liberaler Jude ohne Gefährdung seiner Relegiosität schon deshalb leichter imstande ist, da man ja doch bei aller Ehrfurcht vor dem göttlichen Geist in der Bibel und bei allem Glauben an die in ihr sich kundtuende Offenbarung des ewigen Gottes die Wortinspiration, den Glauben daran, daß die Bibel von Gott wortwörtlich und buchstäblich dem Mose übergeben ist, ablehnt. In der Tat wird sich gegen eine solche Haltung zum Wunder nichts einwenden lassen, sie entspricht unserem religiösen Gefühl und unserem Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit. Muß aber die Stellungnahme so sein, ist eine andere, apch für den liberalen Juden, gar nicht denkbar? Es wird nicht jedermann bekannt sein, daß ein ganz namhafter Vertreter des Liberalismus, einer der Wortführer aus der klassischen Zeit der religiösen Reform im vorigen Jahrhundert, einen ganz anderen Standpunkt einnahm. Samuel Hirsch, ein deutscher Rabbiner ausgesprochenster Reformfreundlichkeit. der nach Amerika gegangen war und dort mit I. M. Wise zu den Theoretikern und Praktikern d^r radikalen Reform gehörte, hat sich in einem heute kaum mehr gekannten aber einstens sehr berühmten religionsphilosophischen Werk ganz ausdrücklich auf den Standpunkt der Bejahung des Wunders gestellt, so ausdrücklich, daß er ein ganzes System der biblischen Wunder aufgestellt hat und den Versuch gemacht hat, in ihnen eine bewußte Reihenfolge im göttlichen Erziehungspban an Israel zu Entdecken, daß er sogar eine Notwendigkeit der Wunder zu begründen unternahm. Sein Gedankengang mutet uns heute eigenartig an, fremdartig und gekünstelt. In Kürze gesagt, er führr in breiter Darstellung den Gedanken aus, daß es das Wesen des Heidentums gewesen sei, von der Göttlichkeit der Natur auszugehen, und daß cs demgegenüber das Wesen des Judentums sei und die Erziehungsabsicht der Bibel, öicNichtgöttlichkcitüer Natur zu verkünden, ihre Abhängigkeit von Gott. Aus dieser an sich unzweifelhaft richtigen und einwandfreien Feststellung wird ynn der folgende Schluß gezogen: „Wie der einzelne Mensch in seinen Lebcnsschicksalen die Nichtgöttlichkeit der Natur erfährt, so sollte das ganze Volk, als eine Person betrachtet, ebenfalls in seinen Lebensschicksalcn die Nichtgöttlichkeit der Natur erfahren. Gerade dadurch, daß Gott vor den Augen des ganzen Volkes nicht dieses oder jenes Naturgesetz zerstörte — das hätte nichts bewiesen — sondern alle Naturgesetze zerstörte, und gerade dadurch, daß er dieses nicht willkürlich tat, sondern die Not an das Volk recht hcrankommen ließ, cs die Ohnmacht der Natur, ihm zu helfen, ja die Feindschaft, welche sie ihm in den ihm entgcgen- Die Gründung des Reichsverbarides der deutschen Juden. Am vorigen Sonntag berieten die Vertreter der deutschen Landesverbände jüdischer Gemeinden und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes über die Schaffung eines Reichsverbandes der deutschen Juden. Die Einladung zu dieser Versammlung ging vom Preußischen Landesverband und dem Deutsch-Israelitischen Gcmeinöebund aus. Die Verbände waren durch die folgenden Persönlichkeiten vertreten: Deutsch-Jscaelitischec Gemeindebund: Prof. Dr. Sobernheim. Justizrat Dr. Salomon, Geh. Justizrat Dr. Goldfeld: Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden: Kammcrgerichtsrat Dr. Leo Wolfs. Dr. Jsmar Freund. Justizrat Lilienthal: Verband bayerischer israelitischer Gemeinden: Oberlandesgcrichtsrat Nemnayer, Oberster Landesgerichtsrat Prof. Silberschmidt, Syndikus Dr. Flaschner (München), Rabbiner Dr. Freudenthal, Rosenzweig (Nürnberg), Justizrat Hommel, Rabbiner Stein (Schweinfurt) u. a. m.: Württembergischer Verband: Regierungsrat Noerdliuaer: Badischer Verband: Prof. Stein, Kommerzienrat Pfälzer: Anhaktischer Landesverband: Staatsrat Dr. Cohn. Die erste Sitzung dauerte von 11 Uhr vormittags bis 2% Uhr nachmittags. Hierauf nahmen die Delegierten an einem gemeinsamen Mahl teil, wobei die Diskussion in gemütlicher Form fortgesetzt wurde. Die Schlußsitzung dauerte von 5 bis Uhr abends. Nach Annahme der Beschlüsse säjieden die Delegierten in herzlichem Einvernehmen voneinander. Es wurden die folgenden Beschlüsse angenommen: Der Reichsverband der deuffchen Juden soll baldmöglichst ins Leben gerufen werden. Zu diesem Zwecke treten Delegierte der bereits bestehenden Landesorganisationen mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindcbund zusammen, mit dem Ziele, alle deutschen Juden der Reichsorganisation anzugliedern. Andere Gemeindeverbändc, insbesondere der Halberstädter Gemeindebund, sollen sofort zur Mitarbeit an der Vorbereitung aufgesordert werden. Der Ausschuß soll aus drei Mitgliedern des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes. drei Mitgliedern des Preußischen Landesverbandes, aus zwei Mitgliedern des bayerischen Landesverbandes und aus je einem Mitglied der anderen Vereinigungen bestehen. Die von den Verbänden gewählten Vertreter handeln im Auftrag ihrer Verbände. Der Ausschuß tritt im Büro des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes zusammen. Der diesjährige Folkstrauerkag. Der Rechtsausschnß des Reichstages, dem der Antrag auf Einsetzung des Bolkstrauertages für die Gefallenen vorliegt, wird zu der Frage der gesetzlichen Festsetzung dieses Tages nach Bildung der neuen Reichsrcgiernng Stellung nehmen. Für alle Fälle hat der Ausschuß für die Festsetzung eines Volkstrauertages, dessen Vorsitzender der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfü'rsorge ist, beim Reichsministerium des Innern beantragt, den Tag im Berordnungswcge zu schützen, damit ein würdiger Verlauf des Volkstrauertages gewährleistet ist. Der Tag wird einheitlich von allen Volksschichten und Religionsgemeinschaften am Sonntag, 23. Februar, vom ganzen Volke einmütig gefeiert werden. Die erforderlichen Vorbereitungen nach den vom Volksbunöe Deutsche Kriegsgräberfürsorge herausgegebenen Richtlinien sind bereits getroffen. Jubiläum des Schweizer israelitischen Wochenblattes. Das „Israelitische Wochenblatt für die S ch m e i z". das seit vielen Jahren cingefühcte Organ der schweizerischen israelitischen Bevölkerung, beging am 1. Januar sein 25 jähriges Jubiläum. Das Blatt wurde 1901 gegründet von Rabbiner Dr. Littmann in Zürich, welcher noch jetzt in der Redaktion mitwirkt, sowie von Lehrer Dr. Strauß. Späterhin wurde es herausgegeben von Herrn David Weinbaum, dessen Familie den Verlag wciterführt: die Redaktion führt z. Zt. Herr Dr. Erich Marx- Wcinbaum. Anläßlich seines Jubiläums aibt das Blatt eine reich illustrierte besondere Jubiläumsnummer heraus, an der hervorragende Vertreter des schweizerischen Judentums mit Beiträgen beteiligt sind und in der die Geschichte der wichtigsten jüdischen Gemeinden der Schweiz dargestellt wird, die zumeist um viele Jahrhunderte zurückreicht. In einem Artikel des Herrn Emil Dreysutz kündigt dieser 86 jährige Schriftsteller, welcher seit Beginn des Blattes zahlreiche geistvolle Beiträge zur Geschichte der schweizerischen Israeliten veröffentlicht hat, eine neue Serie von Artikeln an. welche j die Bedeutung der schweizerischen Israeliten für das Kultur-^ und Wirtschaftsleben der Schweiz darstellen werden. j gesetzten --Hindernissen bewies, recht empfinden ließ',-bewies er demselben, daß die Natur nicht Herr sei, sondern einem höheren Herrn gehorchen müsse, daß der Mensch also auch nicht von der Natur gezwungen werden könne, sondern frei sei und seine Freiheit zu bewähren habe." Das Wunder also, um dem Menschen seine Macht über die Sünde zu zeigen. Der Gedankengang ist gekünstelt und hat nichts Zwingendes für uns, aber die Tatsache bleibt bestehen, daß ein Worfführer des religiösen Liberalismus in seiner theoretischen Grundhaltung es mit seinem Liberalismus durchaus für vereinbar hält, das Wunder zu bejahen, auch den Wunderbericht, ja eS sogar fordert. Und ein so tiefer Denker wie Lotze hat. — und wenn auch nur theoretisch — ausgeführt, daß man zwar nicht sagen kann, Gott könne auch das Unmögliche möglich und wirklich machen, da es diesen Unterschied von möglich und unmöglich nicht unabhängig von Gott gibt, aber daß es ganz gut denkbar ist, daß die Natur irgendeines Elementes in einem bestimmten Punkte eine Veränderung erfährt, durch die es nicht mehr unter den Bereich dcö bisherigen Naturgesetzes, sondern unter den eines veränderten Gesetzes fällt. „Nun läßt sich nicht in Abrede stellen, daß eine solche Veränderung der Naturen einzelner Elemente durch die Einwirkung eines göttlichen Eingriffes ganz ebenso denkbar ist, wie sie durch den Eingriff einer anderen, physischen Kraft sein würde. Und namentlich unter der Voraussetzung, daß die Naturdinge nicht selbständig, sondern stets unterhaltene Produktionen der göttlichen Macht sind, enthält dieser aLW meine Begriff des Wunders einesteils alles, was man im religiösen Interesse verlangen kann, andernteils nichts, was theoretisch widersprechend oder unmöglich wäre." Daß ein Denker von diesem Gewicht SaS Wunder für philosophisch denkbar hielt, ist doch beachtlich und reizt zum Nachdenken. In unserem jüdischen Gottesbegrisf ist stets die Spannung zwischen dem Bewußtsein vom persönlichen Gott und der Erfassung Gottes als der in allem Sein waltenden, sie durchdringenden und von ihm nicht ablösbaren Gottheit. Das Element des Persönlichen mit seinem Attribut der Allmacht und Freihei-t darf in der Gottesidee nicht fehlen, ist in ihr unerläßlich und von ihr nach jüdischem Denken nicht ablösbar und mit ihm hängt der Glaube an die Möglichkeit eines Wunders geöankenmätzig zusammen. Trotzdem aber, eS geht über unsere Kraft, an das Wunder im buchstäblichen Sinne zu glauben. Wir fallen dabei gar nicht aus dem Nahmen des Jüdischen heraus, nicht erst wir versagen dem Wunderbericht den Glauben, schon die Alten standen dem Wunder ablehnend gegenüber. Die Weisen der Mischnah und des Talmuds sagen, daß Gott bereits bei der Schöpfung die Erscheinungen miterschasfcn habe, die dann dem Auge der Zuschauer sich als Wunder darsteilten, z. B. die Oefsnung der Erde, die Korah und seinen Anhang verschlingen sollte, den Brunnen, der zu sprudeln begann, als Moses aus der Wüstenwanderung an den Felsen schlug, die Eselin Bileams, die scharfsichtiger als ihr Herr den Engel erschaute und zu reden ansing, das Manna der Wüste, und daß die Schrift auf den zwei steinernen Tafeln von Wand zu Wand durchging, ohne daß bei gewissen Buchstaben ein Stück Stein herausfiel, wie es bei natürlichem Lauf hätte sein müsien, u. a. m. Sie sagen, Gott hat mit der Schöpfung einen Vertrag geschlossen, daß cs sich spalte vor den Kindern Israel, daß Sonne und Mond stillestcheu an jenem Tage, da Israel auf der Verfolgung der Feinde den längeren Tag brauchen würde, daß das Feuer im Kalkvfcn die drei Jünglinge Chananja, Mischael und Asarja nicht verzehre, daß der Fisch den Propheten Jona lebendig wieder ansspcie u. a. m. Das heißt doch, daß sic, obgleich sic dcmGeschhen selbst den Glauben nicht zu versagen wagten, doch schon den Versuch machten, dieses Geschehen als in der Gesetzmäßigkeit des Wirkens der Natnrkräfte begründet zu erklären, daß sic diese Gesetzmäßigkeit kennen und anerkennen und ihnen ein Abweichen von ihr unmöglich erscheint: damit ist innerlich, seelisch das Wunder überwunden, der Glaube an die unzerstörbare Gesetzmäßigkeit aufgepflanzt. Und mancher der mittelalterlichen Religionsphilosophen — nicht alle allerdings — mündet in eine parallele Linie ein, sic retten für sich — abgesehen von Jehuda Halevi, der wnndcrglänbig ist, — zumeist das Wunder auf dem Wege, daß sie entweder sagen, es gebe in der Welt höhere Intelligenzen, die die Kräfte beherrschen und zu denen sich auszuschwingen eben das Wesen des Propheten sei, oder daß sic einfach und kühn das Wunder als Scheinwunder, als Einbildung erklären. Der eigentlich entscheidende Schritt ist schon im Fünften Buche Mosgetan, da, wo dem W u n d c r die Beweiskraft a b g'e spräche n wird. „Wenn in lnincr 'Mitte aus- B& ifa