Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 6 (1926)
- Issue
- 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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^MWWWWW MWWW religiöse Mcnsch nocf) etwas hinzusligen kann oder nicht. Diese Frage, glaube ich, mnß init ja beantwortet werden. Die ganze Uebcrschätzmig der Wissenschaft, der das 19. Jahrhundert besonders gestöhnt hat, läge darin, wenn man dächte: scieatia iocuta, cau^a tinits, die Wissenschaft hat gesprochen, die Sache ist beendet! Heißt das nicht vergessen, datz alle Wissenschaft mit Begriffen operiert, die doch immer nur ein verzerrtes Abbild der Wirklichkeit geben, das günstigenfalls der Reproduktion durch einen Raster gleicht, aber nicht das lebendige Verständnis vermittelt? Daß alle Wissenschaft nur die Beziehungen der Dinge zu einander schildern kann, aber nicht die Beziehungen zu einem letzten Hintergründe des Lebens, der begrifflich vielleicht überhaupt nicht faß-, bar ist, von dem aber alle Kleinsten wie Größten in Ahnungen, Bildern und Andeutungen singen und sagen? Welche Methvdcnlehre konnte verbieten, die Resultate der Bibelwisscnschaft in dieses Gebiet des Glaubens einzubetten?! So ergibt sich zunächst, daß die Bibelwissenschaft zwar bei ihrer Arbeit wie alle Wissenschaft den Gottesgedanken ausschaltet, daß sie ihm aber, wie ebenfalls alle Wissenschaft zugibt, nicht überhaupt negiert: Es ist eine geistvolle, aber irreführende Ausdrucksweise, die Bibelwissenschaft atheistisch zu nennen! Sie spricht nicht von Gott, aber sie spricht nicht, es gäbe keinen Gott! Vollends der Mensch, der Bibelkritik treibt,' braucht deshalb, seine ganze Persönlichkeit angesehen, nicht Atheist zu feilt: er kann die Resultate der Wissenschaft als vorläufig ansehen und sie durch Glaubensmeinungen ergänzen, um ihnen dadurch einen neuen Sinn zu geben, der vielleicht erst den vollen Sinn überhaupt darstellt. Diese Möglichkeit wird aber zu einer dringlichen Forderüng, wenn in den Ereignissen sich ein großer Sinn offenbart. Wir glauben nie und nimmer, daß irgendwo Sinn zustande kommt aus Zufällen. Nirgends in der Welt sehen wir das. Darum glauben wir ja auch nicht an Haeckel. Nicht wegen der Folgerungen seiner Lehre, die den überlieferten Glauben zerstören würde: den „Glauben" würden wir willig der Wahrheit opfern. Aber wir halten diese selbst innerlich nicht für wahr. Wo in der ganzen Welt ist auch nur die einfachste Maschine ohne Intellekt und schöpferischen Willen entstanden, daß wir glauben könnten, der so ungeheuer komplizierte 1'liomme rnaekme sei durch noch so viele Zufälle entstanden! — So glauben wir auch nicht, wenn in dem kleinen israelitischen Volke der Monotheismus, die Grundlage für die Kultur der halben Menschheit, entstanden ist, dies sei schon erklärt und plausibel gemacht, wenn man die Einzelheiten der biblischen Geschichte zusammenwürfclt. Hier tritt zu der wissenschaftlichen Erkenntnis das religiöse Postulat hinzu, die Forderung nach einer Ergänzung durch die Vorstellung eines Schöpfers des Sinns! Gerade das aber gilt heute als das Zentrum aller Religiosität! Nach all den Jahrhunderte langen, immer wieder fehlgeschlagencn Versuchen, Gottes Existenz durch die Vernunft zu erweisen, hat sich nämlich in der letzten Zeit eine ganz neue Denkweise eingebürgert: Man suchte, ob im menschlichen Denken vielleicht der Gvttesbegriff ebenso Voraussetzung sei wie nach Kant das Kausalgesetz und die Raum¬ und Zeit-Anschauung. Und man fand, daß der Glaube an den geheimen Sinn in allem Geschehen dieser Sehnsucht entspricht. Alle Welt glaubt daran: er liegt unbewußt unserm ganzen Leben zugrunde: Kein Mensch könnte sonst all das unsäglich viele Leid ertragen, das jedem anferlegt ist. Der Glaube an den geheimen Sinn alles Geschehens ist allem widersprechenden Schein zum Trotz das Axiom, das religiöse Apriori, das einzige religiös absolut Feststehende. Emunah. — Es führt, wie schon gezeigt, unmittelbar den Gedanken an Gott, den Schöpfer des Sinns, im Geiolge. Mehr zu sagen, verbietet sich hier. Aber jedenfalls: das ist Theismus in der besten Bedeutung des Wortes. Und den möchte ich sehen, Ser zeigt, solcher Glaube wäre nicht mit strengster Bibelwissenschaft verträglich! Gerade diese mit ihrer Erkenntnis, wie das Größte aus kleinen und kleinsten Alltagsimteressen in der Geschichte Israels geworden ist, beweist besser als irgend eine andere Betrachtung die göttliche Führung. Sie bestätigt so auf eine neue ungeahnte Art den Gottesbeweis des ersten Gebotes aus der Geschichte Israels. Man darf demgegenüber nicht fragen: Wie dieser Gott nun zusammengewirkt habe mit den natürlichen Faktoren. Denn wir verstehen ia gar nicht, wie der Geist wirkt! Wir begreifen letzten Endes auch nicht, wie der obengenannte Ingenieur die Naturgesetze, die in der Maschine wirken, sich untertan macht, um sic zu nützen. Hier ist das Geheimnis der Platonischen Höhle, der Kantischen Trauszenöentalität des Geistes, das Geheimnis der Unerkennbarkeit Gottes. das eine Angel der jüdischen Religion bildet. Ter Gvttesbegriff bleibt auch uuS ein Grenzbegriff, der gleich Kants Ding an sich, nur gedacht werden muß, ohne daß man über die Einzelheiten etwas sagen könnte. Aber das darf wohl noch gesagt werden: Ein göttliches Tun, und damit ein Wunder, ist auch hier anerkannt! Nicht freilich ein übernatürliches Wunder, wie das Mittelalter es sich vvrstellte. Das kann nicht geglaubt werden: denn es höbe den Begriff des Gesetzes überhaupt auf und damit jede Wissenschaft,' es würde auch Gott als eine Ursache hinstellen, die mit den andern Natur-Ursachen auf einer Stufe stünde, und bedeutete also für die Religion selbst eine Herabwürdigung Gottes. ES würde den Gegensatz von Wissenschaft und Religion als den zweier WahrheitSreiche hinstellen, und diese doppelte Wahrheit würde nur als doppelte Unwahrheit gewertet werden! — Aber wenn das übernatürliche Wunder aus unserer Denkweise gestrichen ist, so leuchtet um so Heller das natürliche Wunder in unserem Bewußtsein aus, jene Gottestat, von der unser Gebet so tief und schön sagt: „Du erneuerst jeden Tag das Schöpfungswerk" Das ist jenes Wunder, das dadurch entsteht, daß der Mensch in den natürlichen Ereignissen den Finger Gottes, den geheimen Sinn spürt (oder gar ihn deutlich erkennt), sei es nnn eine Art der Gerechtigkeit oder Gnade oder bloße Lebendigkeit einer Schöpferseele, Vorsehung, — oder wie man es sonst nennen will. Wer für diesen Begriff der Gottestat im natürlichen Geschehen eine Stütze in der Bibel sucht, kan» ihn auch dort oft genug finden. Ich erinnere z. B. an die Erzählung von Elieser, der Rebekka am Brunnen trifft und sein Gebet in Erfüllung gehen sieht: Kein Wort in der Erzählung verrät etwas von einem Eingreifen Gottes in die natürliche Welt: Rebekka kommt wie jeden Tag, und sie tut dasselbe, was sie jedem andern gegenüber gleichfalls tun würde. Trotzdem aber brechen ihre Verwandten nach Eliesers Erzählung der Ereignisse in den Ruf aus, — den auch wir mitfühlend auf der Zunge haben: „Das ist von Gott ausgegangen!" Ganz ebenso in der Josephsgeschichte, in der Erzählung vom Kampf Davids gegen Goliath etc. Der religiöse Mensch versucht naiv den Widerspruch, der darin liegt, daß etwas gleichzeitig als Natnrgeschehen und gleichzeitig als Gottes Tat erscheint, durch das Wort „Fügung" auszugleicheu, das zu bedeuten scheint: Gott korrigiert die Natur ein ganz klein wenig. Das ist ebenso unwissenschaftlich, als wenn Jesaja predigt: Gott „ruft" die Assvrer zur Bestrafung Judas, oder wie wenn die Thora sagt: Gott spaltet das Schilfmeer. Beide Auffassungen, die wissenschaftliche und die religiöse, sind aber ebenso gut nebeneinander möglich, wie etwa die kunsthistorische Würdigung der neunten Smnphvnie und ihr akustischer Genuß. Die ästhetische Einstellung schafft ebenso einen (naturwissenschastlich nicht faßbaren) SchönheitS-„Sinn" in den Dingen, wie die religiöse Einstellung einen teleologischen Sinn in ihnen: beide Arten von Sinn sind gleich unbeweisbar und unabweisbar. Ans die Einstellung des Subjekts kommt eS an. Jeder Mcnsch lebt gleichzeitig in mehreren geistigen Welten. Eine von diesen ist auch die religiöse. Man kann nicht sagen: eine Einstellung ist die richtige, und die anderen sind falsch. Das war einmal, daß der Mcnsch hauptsächlich nur in einer Betrachtungsweise lebte, der religiösen: es ist nur bei ganz wenigen in der westeuropäischen Kultur noch möglich. Im Zeitalter der Elektrizität kann man die wissenschaftliche Betrachtungsweise nicht mehr aus den Gemütern heraushämmcrn wollen. Aber ans der anderen Seite wird auch die religiöse Betrachtungsweise nicht bloß Bedürfnis, sondern auch Pflicht und Wahrheit bleiben, solange der Geist als eine Macht über die Natur gilt: — und das wird desto * stärker empfunden werden, je mehr er sie meistert. Das I beißt: Der geschilderte Gottesglanbe als Glaube an den Schöpfer des Sinnes wird desto stärker werden, je mehr Sinn in der Welt erkennbar wird, und je mehr der menschliche Geist den naturhaften (scheinbaren) Un-Sinn überwindet. So fördert letztlich auch die Bibelkritik einen reineren und darum besseren, innerlich stärkeren und länger beständigen Gvttesglauben, je mehr sic den Sinn in der natürlichen Geschichte Israels ahnen läßt oder gar anfdeckt. Sie wird das desto besser tun, je mehr sie sich vor Halbheiten und Unklarheiten hütet. Wer allerdings immer wieder Gott als geschichtlichen Faktor in die Wissenssphäre einführt, der darf sich nicht wundern, wenn sein Gott den heutigen Menschen als Zaubermeister oder als Märchen-Geist anmutet, und sein Verkünder als Mcnsch aus dem Mittelalter. Wir begnügen uns mit dem bescheideneren Glück, empfinden es aber als höhere Seligkeit, wenn wir nach Erschöpfung aller wissenschaftlichen Hilfsmittel den tiefen inneren Zusammenhang entdecken zwischen den Dingen dieser Welt und dem Werden eines Gottesreiches, das still und langsam, aber zäh und sicher die Wüste der Menschheit in ein Paradies umwandelt, und dessen erster Verkünder nud stärkster Pionier der Knecht Gottes, Israel, gewesen ist . . Was das alles mit Zionismus (;it tun haben soll, ist mir unerfindlich. Datz das alte Israel eine Vollnativn gewesen ist, weiß Orthodoxie und Liberalismus ebenso gut wie die heutigen Nationalisten. Auch darüber dürfte bei den Wissenden aller Richtungen kein Zweifel bestehen, daß die Religion in Israel ein viel mehr ausschlaggebender Faktor gewesen ist als bei irgend einem anderen Volk des Altertums: sie hat das mosaische Israel geschaffen und die nachexilische Jndenheit, hat die Gemeinschaft in jeder Lebensgefahr gerettet, wahrscheinlich schon in der Richterzeit, sicher zur Zeit Jesajas, beim Untergang des ersten wie des zweiten Tempels, zur Zeit Esras wie der Makkabäer. Und schließlich wird wohl oder übel jeder zugcbcn müssen, daß die nationalen Momente von Epoche zu Epoche stärker zurückgetreten sind, bis sie nach den: Barkochüa-Kriege in die Bewußtlosigkeit versunken sind. So dürfte auch darüber wohl Einigkeit bestehen, -atz das Samuel-Wort: „Nicht ein König, sondern Gott soll über euch herrschen" einen Ewigkeitswert darstellt: und ob der Orthodoxe eS als Wort des geschichtlichen Samuel, oder die Bibelkritik als Meinung eines späteren Bearbeiters der Geschichte ansieht, dürfte für diese Bewertung herzlich gleichgültig sein! — Aber ein Gedanke mutz zum Schluß doch gerade hieran noch geknüpft werden: Das allerdings hat unS die Bibelkritik gelehrt, daß alle Worte der Bibel nur durch ihren Inhalt ihre Bedeutung erhalten, nicht durch ihre Herkunft. Nur für den religiösen Leser, der den göttlichen Sinn in ihnen spürt, stammen sie von Gott. Will man aus der Bibel Beweise bringen, so mutz man mit sehr sehr vorsichtigen Fingern, mit Wahrheitsmut und Wissenschaftlichkeit den Geist und Sinn der Bibel herausdestillieren. Im übrigen ist die Bibel dem wissenschaftlich Denkenden ein Menschenwerk und hat Autorität nicht mehr als jede menschliche Autorität. In Gegenwartsfragen soll man ihre Worte daher nur zitieren als schmückendes Beiwort: sie sind für den Verstand nicht beweiskräftiger als jeder andere gleich charakteristische Ausdruck eines nicht biblischen Weisen. Tatsächlich kann man aus der über tausendjährigen Literatur der Bibel Beweise für die widersprechendsten Theorien folgern. Darum hands off! Gegenwartsfragen werden nur durch GegenwartSargumente entschieden! Die Bibel leitet uns zu Gott, nicht zu Verstandescntscheidnngen. Der Verstand anerkennt allein die Wahrheit und das Gewissen und das Wort gvttersnllter Menschen unserer Tage! Kalendarium für die Zelt vom 9.1. b. iS. 1.1926. Januar 1926 Tewes 5686 Sonnabend 9 23. Sonntag 10 24. Montag 11 25. Dienstag 12 26. Mittwoch 13 27. Donnerstag 14 28. Freitag 15 20. Sonnabend 16 1. Ncnmondweihe Worhen-Abschnitt: Sch'mautz (2. B. M. Kapitel 1,1—6,1) Jom Kippur Koten Schewat 5686. . Wochen-Abschnitt: Wperö-. Rösch Ehodesch (2. B. M. Kapitel: 6 2—9,35) Hastäcah: Jesaia, Kapitel 66 Sendet den fälligen Beitrag für das erste Vierteljahr 1926 in Höhe von 2,30 Mark emschlietzlich Bezugsgeld für die „Jüdisch-liberale Zeitung" an das Postscheckkonto der Bereinigung für das liberale Judentum E. B., Berlin NW. 7, Nr. 137 069 sofort ein! Aus alten Chroniken. Von A. S t r u k a t. (Die Jahrbücher von Marbach, Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, 13. Jahrhundert, Bd. VI.) 1236. „Zn der Zeit ermordeten die Juden in einer Wüste beim Kloster Fulda einige Knaben, um ihnen Blut zu ihrem Gebrauche zu entziehen, weshalb die Bürger der Stadt viele von ihnen töteten. Nachdem aber die Leichen der Knaben nach der Stadt Hagenau gebracht uu>d daselbst mit Ehren bestattet waren, rief der Kaiser, da er den gegen die Juden entstandenen Aufruhr nicht anders bewältigen konnte, viele mächtige und angesehene Herren und Gelehrte von verschiedenen Gegenden zusammen und erforschte sorgfältig bei den Kundigen, ob die Inden wirklich, wie das allgemeine Gerücht geht, am Nüsttage vor Ostern Ehristenblut nötig hätten, mit dem testen Vorsatz, wenn sich dies bewahrheitete, sollten alle Juden seines Reiches vertilgt werden. Da er aber hierüber nichts Gewisses erfahren konnte, kam der strenge kaiserliche Vorsatz bald wieder in Vergessenheit, freilich, nachdem von den Juden eine bedeutende Geldsumme erlegt worden war." (Knnrat von Rcgenberg, Buch der Natur.) 1319. „Sie sprachen, daß die Juden alle Brunnen Hütten vergiftet und wollten die Christenheit töten, und fand Sacklein in viel Brunnen mit vergift und tot man ihr an Zahl viel am Rhein, in Frauken und überall in deutschen Landen. Waerlich. ob etliche Juden das täten, das weiß ich nicht. Wäre aber es geschehen, das hätte auch geholfen zu der ersten Sache. Jedoch weiß ich das wohl, daß ihrer zu Wien so viel waren wie in keiner Stadt, die ich weiß in deutschen Landen und das; sie da so sehr starben, daß sie ihren Friedhof sehr erweitern mußten und zwei Häuser dazu kaufen. Hätten sie in nu selber vergeben, das wäre eine Torheit gewesen. Jedoch will ich der Inden Bosheitnicht färben, denn sie sind unserer Frauen Feind und allen Christen." (Chronik des Jakob Twinger von Königshosen. Chronik der Städte, Bd. IX.) „Am Samstag auf St. Veltlin (14. Februar 1349) verbrannte mau die Juden tu ihrem Kirchhof (zu Stratzbnrg) auf einem hölzernen Gerüst. Deren waren 2969. Welche sich aber wollten taufen lassen, die ließ man am Leben. Es wurden auch viele Kinder aus dem Feuer genommen um ihrer Mütter und Väter willen, die getauft wurden. — Was man den Juden schuldig gewesen war. das ward alles wett, und wurden alle Pfänder und Schuldbriefe zurückgegeben. Das bare Geld aber nahm der Rat und teilte cs unter , die Handwerke nach ihrem Verhältnis. Das Geld war | auch öic Ur 1 ,aÄe, daß die Inden getötet wurden. Wären i sie arm und die Landesherren ihnen nichts schuldig gewesen, so wären sie nicht gebrannt worden." (Fritsche Clvscners Chronik. Chronik der Städte, Bö. VIII.) „Im selben Jahre wurden die Juden auch in allen Städten am Rhein verbrannt, sowohl in den freien wie auch in den Reichs- und landessürstlichen Städten. Das geschah darum: Man beschuldigte sie. sie hätten die Brunnen und andere Wasser mit Gift verunreinigt. In etlichen Städten brannte man sie mit Urteil, in etlichen zündeten die Juden die Häuser an. darinnen sie wohnten, und verbrannten sich selbst. In Straßburg aber kam man überein, daß in 100 Jahren kein Jude wieder in die Stadt kommen sollte." (Aus dein Mandat Kaiser Sigismunds an den Rat zu Augsburg.) 1434. „Datz ihr von unser» wegen die vorgenannte Juden by euch darzu wisent und handelnt, daß sie cm kuntlich offenbar Zeichen, wie nch das gefallet und bcguemblich bcdnnkhct: an | sich nein men und snrter mer nf Marck und Gassen bei einer Pene (Pein-Strafe) — öffentlichen trägen, damit dießelben Juden von Christennen sichtichlichen gesundert und für Inden erkannt werden." (Purgoldts Rechtsbnch. VIII.) „Ir Huser füllen gesundert senn us den eristeu und bey einander, und segle über dne gasscu gezcogen." (Jahrbücher des 15. Jahrhunderts. Chronik der deutschen Städte. Bd.X.) 1463. „Und desselben Jars acht Tag nach Martini, da henkt man zu Nürnberg einen Juden von Abtöwind an den eusem Palckcu auswendia an den Galgen, hat Berreterei getriben: man setzt im ein Hcublein voll heiß Pechs also hangent aus den Kopf, das im das Pech über die Augen floß, und man hieng keinen Hunt zu im." (Das geschah sonst stets als Verschärfung der Strafe: daß der Jude hier an den äußeren Balken gehängt wurde, machte die Strafe noch schmachvoller.) (Ter Weitberühmten Freuen Reichs-, Wahl- und Handels-Stadt Frankfurt am Mayn Chronika .... durch A. A. v. Lersncr. Gedruckt 1706. 1588. „Ten 16. August. Ist ein Jud zu Bergen unters zu oberst an die Beine aufgehangen morden, darbe» ans jeder Seiten ein Hund. Dieser Jud lebte also hangend sieben Tag nud bliebe bev Verstand, jod-och bekehrte er sich nicht. Einen Tag vor ihm starb der eine Hund und der andere Hund einen Tag nach ihm." (I. W. v. Goethe. Ans meinem Leben. 1. Teil. 4. Buch.) 1760. „Zn den ahndnngsvollen Dingen, die den Knaben und auch wohl den Jüngling bedrängten, gehörte besonders der Zustand der Judenstadt, eigentlich die Judengasse genannt, weil sie kaum aus etwas mehr als einer einzigen Straße besteht, welche in frühen Zeiten zwischen Stadtmauer und Graben wie in einen Zwinger mochte eingeklemmt worden sein. Die Enge, der Schinutz, das Gewimmel, der Acaent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte Len unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorübergehend hineinsah. ES dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte, und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten so vieler etwas zu schachern unermüdet fordernder oder anbietender Menschen entgangen." (K. RiSbeck. Briefe. II. Bd.) 1780. „Die Anzahl der hier (in Frankfurt a. M.) angesessenen Juden beläuft sich aus ungefähr 6000. Es gibt Millionäre unter ihnen, die in jeder Art des Aufwands mit den Christen wetteifern. Sie machen hier Magucraus (Vermittler). Sprachmeister, Tanz-, Fecht-, Schreib- und Rechenmeister. Lohnlakaien nsm. — Die Häuser ihrer ringsum vermauerten Straßen sind bis unter das Dach mit Leuten angefüllt, und in 7 Häusern, die vor einigen Jahren in derselben abbrannten und zusammen kaum 50 Schritte in die Länge hatten, wohnten gegen 1000 Seelen." (Vossische Zeitung. Berlin 1796 Nr. 122.) 1796. „Mainstrohm, den 2. Oktober. Zn Frankfurt ist der Jüdcnschaft, die bisher in einer einzigen Gasse gleichsam wie in einem Gefängnis wohnen mußte, und täglich eiugesperrt ward, erlaubt worden, auch außer derselben V\ wohnen." (Haudc-Spenersche Zeitung. Berlin 1789. Nr. 114.) 1789. „Aus dem Oesterreichifchen, vom 10. September. Der Kaiser hat in allen seinen Staaten den Juden das Bürgerrecht verliehen, nach welchem sie sich Häuser uud Herrschaften kaufen, Eöelleutc. Freiherru und Grafen, ja sogar Landständc werden können. a"e bürgerliche Gewerbe zu treiben befugt sind, und bei dein Militär- und Zivilctat nach ihren Kenntnissen und Fähigkeiten angcstellt werden können und sollen. Vermutlich wird das viele reiche Juden bewegen, sich in den kaiserlichen Landen zu etablieren und eingezogene Kirchen- und Klostergüter an sich zu kaufen." >