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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-25 · 52 (25.12.1925) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
52 (25.12.1925)
Date
1925-12-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ersten Ausstattung würde Las Gartengerat, ein Stall für die Gänse, anschließend an den Stall ein Holzhaus mit zwei Wonnräumen. und die jungen Gössel gehören. Die Aushebung des Torfes und die Kultivierung deS Gartenlandes könnte durch die Kolonisationsgeseüsckaft dirrchgesührt werden, die mit einer entsprechend großen Torfmaschtne und einer Siemens-Gchuckert'schen Fräke sehr schnelle Arbeit machen würde. Eine 80-?8.-Fräse kann in einem Tag bis zehn Morgen Gartenland so zerkrümeln, daß es nur noch einer geringen Bearbeitung zur Bestellung nötig bat. Samen. Pflanzen, künstlichen Dünger könnte ebenfalls die Gesellschaft liefern und dort, wo nötig, den Bauern bis zur Ernte stunden. 2. Die Kolonisationsgesellschast kauft ein großes Gut. zirrvelchrm Niedermoore aebören. nebst Wirtsckastsaebäuden. errichtet hier Sie Zentralverwaltung und verteilt das Moorland in Größen von fünf Hektar an Sie in Aussicht genommenen Siedler zu einem Preise von 2000.—Mk. je Hektar. Das Land bleibt so lange Eigentum der Gesellschaft, bis der Siedler den ganzen Preis abgezahlt hat. Neben den festzusetzenden Bodenkavitalzinsen bat der Kolonist der Gesellschaft einen im voraus zu bestimmenden Anteil am Reinertrag zu gewähren, der im Verhältnis zum BodenpreiS steht und im Verhältnis zur jährlichen Tilgung gemindert wird. De« Kolonisten wirb eS freigestevt, die Bodenkapitalfchuld ttt kürzerer Frist abzutragen, als ursprünglich festgelegt Suröe. Durch die Verpflichtung, einen, wenn auch geringen »teil deS Reinertrages an die Zentrale a-bznsühreu, wird der Anreiz zur schnellen Tilgung gegeben und der Gesellschaft das Anlagekapital wieder für andere Kolonisation zurückgeführt. Seitens der Zentrale wird dem Siedler, sofern er mittellos ist. die vollständige Ausstattung, em Holzwohnhaus. Gänsestall. Umzäunung, Gänseküken, Sämereien, Gartengeräte, geliefert. Ferner wird das Gartenland für sämtliche Kolonisten mit einer motorischen Maschine, am Vesten mit der 80-?5.-Jräse der Siemens-Schuckert-Werke in Kultur gebracht. Aus dem Ertrage des ersten Halbjahres tauch wenn im Frühjahr begonnen wird) kann der Kolonist die vorgefchossenen Gelder für die Ausstattung bereits zurückzahlen, maS aus dem weiter unten gegebenen Beispiel ersichtlich ist. Mindestens für die ersten zwei bis drei Jahre kann der Verkauf sämtlicher Produkte, die der Siedler erzeugt, durch die Zentrale erfolgen. Wie weit später die Verwertung auf der Grundlage einer Genossenschaft vor sich geben kann, ergibt sich aus der Entwicklung. Das Ziel dieser Schrift ist darauf gerichtet, vorläufig die Aufmerksamkeit der interessierten und zuständigen Kreise auf die neuen, sehr günstigen Siedlungsmöglichkeiten für jüdische Menschen in Deutschland zu lenken. Daher soll eine ausführliche Darlegung der beiten Wirtschaftsmethode für svätcr Vorbehalten blÄben. Um indessen einen kurzen Einblick in die Richtigkeit und in die Bedeutung der vorgeschlagcnen Betriebsmethode zu gewähren, sei in Nachstehendem in groben Umrissen ein Wirtschrftsplan angedeutet, der die Chancen der Rentabilität zeigen soll. Wie oben vorgefchlagen wurde, sollen jedem Kolonisten 20 Morgen Nieöermoorland zur Errichtung einer Bauernstelle zu gewiesen werden. Davon werden §ehn Morgen für die Gänsezucht, zwei Morgen für den Anbau von Tomaten, zwei Morgen für Blumen, ein Morgen für Bohnen, ein Morgen für Erbsen, zwei Morgen für Kohlrabi und Rotkohl, zwei Morgen für Frühkartoffeln zu bestimmen sein. Oder ähnlich. Auf Len für die Gänsezucht bestimmten zehn Morgen wird ein genügend großer Teich mittels einer von der Kolonisationsgesellschaf: bereitgestellten Torfmaschine ausgehoben (kann auch mit einfachem Handgerät geschehen), ein Gänsestall, anschließend au diesen ein Holz-wohnhaus. daS aus Wohn- und Schlafzimmer besteht lim Wohnzimmer vorläufig ein Herd für die Küche) und eine genügend große VbzMttrM der für die Gänse bestimmten Weide errichtet. kann in der Nähe des Gänsestalles angelegt Vorausgesetzt, baß die Pflugarbeit seitens der Kolonifattonsgesellschast mit einer Fräse gegen Pfluglohn geleistet wird -res sind auch kleine 2-?8-Fräsen billig zu haben — sbei selbständigen Ansiedlern können Liese gemeinsam eine Maschine sich halten), wird sür den Siedler folgender Aufwand entstehen: Für die Errichtung des Gänsestalles und Ler provisorischen Wohnräume 1500.— Mk., für ein Mistbeet mit Fenstern 150.— Mk.. ein Abessinierbrnnnen 30— Mk., Umzäunung Les Weideplatzes und des Mistbeetes 150.— Mk.. Sämereien und Saatkartoffeln 100.— Mk.. künstlicher Dünger 100.— Mk., 1000 Gänseküken 2500.— Mk.. Hilfsarbeiterinnen, 800_Mk., Lohnpflügen 150.— Mk., für Gartengeräte 100.— Mk., Einrichtung der Wohnung 500.— Mk.. Unterhaltungskosten der Kolvnistenfamilie bis zu den ersten Erträgen 500.— Mk.. zusammen 6886.— Mk. An Bruttoerträgen können bringen: Tomaten 4800.— Mk. Blumenkohl 2400.— „ Bohnen unk» Erbsen 1000.— Rotkohl und Kohlrabi 1000.— „ Gänseaufzucht _7000.—_„ Summe 16200.— Mk. Wird davon der erste oben ausgestellte Aufwand in Höhe von 6380.— Mk. in Abzug gebracht, so verbleibt ein Reinertrag von 9820.— Mk. Dabei ist zu berücksichtigen, daß in dem Aufwand die A«sHaffungskostcn für bas Inventar und für die Gänseküken einbegriffen sind. Auch wenn man, um jeden Zweifel an den Erträgen aus den Gemüsekulturen von vornweg zu beseitigen, die Erträge nur die Hälfte kürzen wollte, würde sich ein glänzendes Bild des Reinertrages und somit der Gcwinnmöglichkeit ergeben. Würde man also ansetzen: Tomaten Blumenkohl Bohnen und Erbsen Rotkohl und Kohlrabi Gänseaufzucht Summe ab so würde sich ein Reinertrag von 2400. 1200— 500— 500.- 7000— Mk. M5 11600.- 6380.— „ 5220.— Mk. ergebe». Im zweiten Wirtschaftsjahr fällt der Aufwand kür Stall uvd Bohnraum, für die Zubehörteile zur Wirtschaft, für die Gänseküken fort. iDer für die erste Anschaffung der GLnseküken ansgeworfene Betraa ist ia im ersten zum Abzug gelangten Aufwand enthalten und wird wieder zum Ankauf Verwender.) ES bleibt folgender Aufwand erforderlich: Sämereien 100.— Mk. Künstlicher Dünger 100.— „ Hilfsarbeit 600.— „ Lohnpflügen 150.— „ Unterhaltungskosten nunmehr für ein ganzes Jahr in Anschlag genommen 2000.— „ Summe 2950— Mk. Nimmt man daS zweite Beispiel de- Ertrages kn Höhe von 1160Q," an und zieht davon den Aufwand von 2950.— „ ab, so bleibt ein Reinertrag von 8660.— Mt. Im dritten Wirtschaftsjahr kann der Siedler seine Gärrseanszucht vergrößern und den Bestand der Küken nm 10Ö(V Stück auf 2000 Stück erhöhen. Dann würde der Rein- Mk. ertrag um 7000— Ntt. steigen. Reicht die Weide für die Gänse nicht aus, dann kann weiteres Land hinzu-evworben oder der Gemüseanbau um vier Morgen eingeschränkt werden. oder eine größere Kolonistenstelle bezogen werden. Daß der Bodenpreis schnell zurückgezahlt werden kann, ein massives Wohnhaus den Bedürfnissen des Siedlers entsprechend ausgebaut und andere Verbesserungen durchgeführt werden können, braucht hier nicht noch weiter aus geführt zu werden. WaS hier bezüglich der Gänsezucht gesagt wurde, ist nicht übertrieben, sondern beruht auf Erfahrungen, die praktisch gemacht worden sind. Die Gänseaufzucht kann das stärkste Rückgrat einer jüdisch-bäurischen Siedlung werbe«. Was bezüglich der Eignung von Moorländereien für den Anbau von Gemüsen geschrieben wurde, kann durch die zuständige öffentliche Stelle im Preußischen Ministerium, durch das Forschungsinstitut in Dahlem und gewiß auch durch jüdische Fachmänner, wie den Direktor der Gartenbauschule in Ahlem, bestätigt werden. Durch Bevbindung Ler Gänsezucht mit dem Anbau von Gemüse, auch von Obst auf Nieöermoorland können die besten Vorbedingungen gegeben werden zur Errichtung blühender, jüdischer Dauerukolonie». zur Hebung jüdischen Wohlstandes und zur Mehrung Mischen Ansehens in Deutschland. Die Arbeit des Preußischen Landesverbandes beginnt. Am Sonnabend, dem 19. Dezember, abends, hielt der Engere Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden eine Tagung in Berlin ab, der am darauffolgenden Sonntag eine Tagung des Großen Rates folgte. Den Vorsitz in beiden Tagungen führte Herr Kammergerichtsrat Leo Wolfs. Berlin. Das geschäftöMrende Ratsmitglied Herr Dr. JSmar Freund hielt, ein eingehendes Referat über die Arbeit des Verbandes seit dessen Bestehen und würdigte die große prinzipielle Bedeutung der Bewillignna der Staatsbeihilfen durch den Preußischen Landtag, indem durch dieses Votum die jüdische Religionsgemeinschaft als den christlichen Kirchen gleichgestellt anerkannt worden ist. An dieses Referat schloß sich eine eingehende Aussprache zum Teil grundsätzlicher Natur. Hierbei wurde auch allseitia dem Wunsche aus eine möglichst weitgehende Information der Oeffentlickkeit Ausdruck gegeben, die von den Leistungen des Verbandes zu wenig wisse. Einen breiteren Raum nahmen die Erörterungen über die Bewillignna der Staatsbeihilfen und die Aussichten für die Durchführung der Beschlüsse ein. Herr Kammergcrichtsrat Wolfs sprach unter dem Beifall der Versammlung Herrn Dr. Freund den besonderen Dank für seine großen und erfolgreichen Bemühungen in der Angelegenheit der Staatsbeihilfen aus. Es wurden sodann Richtlinien für die Bewilligung der Subventionen an die überbürdeten Verbandssememden besprochen. Tie Staatsbeihilfen werden zu einem Teil durch die Landesverbände, zum anderen Teil durch die Regierung auf Vorschlag der Verbände den Gemeinden zngeführt werden. Es wurde Mann die Angelegenheit der notwendigen Ersatzwahlen besprochen. Die Ersatzwahl für Herrn Sondheimer. Frankfurt a. M.. Ler sein Mandat niederlegte. wurde vertagt. Betreffend das Mandat des Herrn Justizrat Makower, Berlin, wurde dessen Wiederwahl in den Engeren Rat beschlossen für den Fall seiner Wieder-wahl durch die Jüdische Gemeinde Berlin. Laut einem durch Herrn Dr. Bogelstein. Breslau, eingebrachten Antrag des schle- > fischen ProvinzialverbaudeS wurden die zu bestellenden Unterausschüsse mit der Ausarbeitung eines Normal-Lehrplancs für den jüdischen Religionsunterricht an den höheren jüdischen Lehranstalten betraut. Einen breiten Raum in den Beratungen nahm die Frage der Bildung der von der Verfassung Vorgeschriebenen Ausschüsse ein. Herr Rechtsanwalt Dr. Klee trat in längeren Ausführungen dafür ein. daß der liberale und der konservative Unterrichtsausschuß nach gleichen Bestimmungen gewählt werden sollen. Nachdem noch die Herren Geheimrat Goldfeld. Justizrat Lilienthal und Jnstizrat Holz für das gleiche Prinzip eintraten, wurde nach längerer Debatte demselben zugestimmt. Zur Regelung der Frage der Bildung von Rabbinerbezirken wurde «ine Kommission eingesetzt. Eine größere Anzahl Subventionsgesuche. insbesondere auf Ausbildung von Lehrern. Erteilung von Stipendien an Seminaristen. Unterstützung von Seminaren ustv.. wurde dem Snbventionsausschuß überwiesen. Behandelt wurde ein Antrag der Gemeinde Breslau lAntraqsteller Geheimrat Gold seid) betreffend di« Errichtung einer Kantorenschule. Von der Kaschruth-Kommission der Berliner Mdiscken Gemeinde lag ein Antrag betreffend die Einfuhr vou Koscher-Gefrierfleisch aus Argentinien vor. Es wurde allgemein anerkannt, daß ein außerordentliches.Interesse vorliegt, daß die jüdische Bevölkerung mit wohlfeilem Koschcr-Fleisch versorgt werde: es wurde dementsprechend beschlossen, der Angelegenheit näher zu treten und besonders die Garantie für rituelle Zuverlässigkeit zu prüfen. Auch die Schaffung einer SchüÄt- Schule wurde in den Kreis der Erwägungen gezogen. Rabbiner Dr. Hör owitz-Frankfurt a. M. gab mancherlei Anregungen und Richtlinien betreffend das Entgegentreten der Agitation gegen das Schächten, denen zugestimmt wurde. Die Wahl des Herrn Dr. Jsmar Freund zum geschästssührenöen Mitglied des Engeren Rates wurde einstimmig bestätigt. Erörtert wurde ein Antrag des schlesischen Distriktsverbandes lGeheimrat Goldfeld) betreffend die doppelte Beitragslei stung der einzelnen Gemeinden an die Provinzialverbände und an den Landesverband. Es wurde grundsätzlich anerkannt, daß neben dem Landesverband Beiträge der Gemeinden an die Provinzialverbände nicht zu leisten sind. Latz aber die Provinzialverbände als Organe des Landesverbandes unentbehrlich sind. Gleichzeitig wurde die Bedeutung der Provinzialverbände als MittelSorgane zwischen dem Landesverband und den einzelnen Gemeinden anerkannt. Im übrigen beschäftigte sich die Tagung mit einer Reihe von Fragen der inneren Organisation des Landesverbandes. Spaziergang im modernen Rom. Bon Gisela Knopf. Wer bas Glück hat. Jugend- und Sehmuchtstränme wahr werden zu sehen, wer die ewige StaLt besuchen kann und alle Sehnsucht ausleben darf, das genießen. waS sie dem reichlich wieüergibt. der sie liebt, der wird als jüdischer Mensch selbstverständlich auch das aussuchen, was von altem Jüdischen in der Stadt erhalten blieb und daS, was heute Jüdisches darin zu finden ist. I« heutigen Italien ist ber Prozentsatz der Juden der geringste in der Welt. Aber nicht deswegen kennt man den Antisemitismus so wenig loder begegnet er nur dem jüdischen Reisenden nicht'?): nein, ein bestehender Meickklarrg im Aeutzern bei Italienern und Jnöen ist deutlich vorhanden. Die gleiche Vorliebe für die Tracht der lockigen Haarfrisur, die dunkle Haarfülle, die römisch gebogenen Nasen, heftige Gestikulation beim Sprechen, südliche Lebhaftigkeit in den Bewegungen, läßt den Eindruck entstehen, nur von Glaubens- und Rassegenossen umgeben zu sein. —- Aber auf ber anderen Seite muß man sich von dieser Illusion sreimachen — wir befinden uns doch im Brennpunkt des katholischen Leben- — in Rom. — Wenn auch diese Macht heut den Zenith überschritten hat. der Rombesucher will und muß von ihr gefangen genommen werden: ihre intensinen Eindrücke, ihre Auslösung in der Knust, in den herrlichen I Kirchenfchatzeu, in den unübertrefflichen Bauwerke« der Kirchen selbst, in den farbenprächtigen Ceremonten bet de» Feiern, bleiben jedem unauslöschlich. Und das Jüdisch- Alttestamentarische finden wir unzählige Male vertreten, ja, es baut sich Loch alles auf dieser Grundlage auf. Im allgemeinen sind es gerade die Römer, die Le« Handel der Juden immer unterstützten. Verfolgungen arteten nie aus; immer waren Inden ansässig und wurden von Römern und Päpsten geschützt. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert mutzten sie zwar in der Kirche Savct angelo in peschiera am Sabbat eine Predigt mit anhören: aber im allgemeinen hatten sie sich Ler Bevölkerungassimiliert. DaS Ghetto, daß 1887 nieöergelegt wurde, befand sich in Ler Gegend von Trustenere, ausgehend vom Umkreis des Diazza montanara wohnten die Inden. Heut ist dies ein sehr belebter Stadtteil, in dem die schöben kraftvollen Bolksgestalten besonders auffallen, und nur der aufmerksame Sucher findet Spuren, die die spezifische Art des jüdische» Handelsbetriebes zeigen. Hin und wieder ein Lebensmittelgeschäft, das den Mögen Dovid trägt, oder ein altes Mütterchen, das den Scheitel unter dem italischen Kopftuch zeigt, wenn es auf die spielenden Kinder achtet. Dies weist allein auf die Gegend des früheren Ghetto hin. Wir nähern uns dem Tiber und inmitten einer Grünumkränzung, mit dem Blick auf den Flutz, liegt die neu«. Synagoge vor uns, in romanischem Stil erbaut. Hell glänzt der Davidstern in den tiefblauen Himmel, und tief bewegt treten wir in das Gotteshaus, das uns seine Pforten öffnet. Auch das Innere ist frei und hell, die goldvergitterten Estraden zeigen maurischen Aräbeskerischmuck, und ein Blick nach dem nuvergitterten Balkon laßt die römischen jüdischen Frauen sehen. die im Typus vollkommen denen gleich, die wir am Oorso Victoric» Lmanuele bewundern. Weiter führt uns unser Weg durch andere.Teile der Stadt. Wir steigen hinan, 8alita borgia, schon umfange» vom Zauber der Geschichte beim Namen Treppe der Borgia. Sie führt uns in die Kirche sanct pietro in vincoli, in der wir ein Meisterwerk Michelangelos, den Moses, . suchen. Erdrückend ist die Macht seiner Persönlichkeit. Der thronende Fürst der Fürsten, die Gesetzestafeln deutend. Wir bemerken die viel umstrittenen Hörner auf seinem Haupt, die flankierenden Gestalten non Rahel und Lea. von Schülern Michelangelos ausgeführt, und mir erleben rückblickend jüdische Geschichte. Als ich einmal im Gespräch mit einem vornehmen christlichen Römer die Judenfrage streifte, sagte. er: „Gli Ebrei sono tutti ricchi, le signorine sempre belle“ ldie Juden sind alle reich, die Jüdinnen immer schön) und meinte, sie hätten Lie Häuser in den schönsten Gegenden, und gesellschaftlich wäre nie ein Unterschied vorhanden gewesen. Meine Studien auf den Straßen haben mich niemals einen jüdischen Bettler bemerken lassen, und wer würde nicht mit Freuden festfteüen, daß auf diesem klassischen Boden, wo man bei Schritt und Tritt dem Zauber des ewigen Rom verfällt, daß unter der heißen italischen Sonne die Menschen nicht so hart kämpfen müssen wie anderswo, daß es hier keine armen Juden gibt, jondern. daß die Menschen sich harnrloser und milder in die Güter teilen, die ein gütiger Gott sür alle bestimmt hat. *S! Aus der Bewegung ♦4444»44»44444444444444»4444»4444»4»44»4»»4»4444»44»44444»44 Berlin. lJüdifch-liberaler Iugend oerein.) Die Gruppe Südwesten lFührer Ludwig Leroin, Charloitenburg. Riehlstraße 9) besprach an ihrem letzten Heim» abend ausführlich Las Heiligkeitsgesetz und Len Priester, kodex. Ein Gruppenmitglied hielt ein eingehendes Referat über den Priesterkobex: die Eigenart dieses Teils des Pen, tateuchs bot Anlaß zu eifrigster Diskuss-ion. Der Gegensatz der religiösen Ausfassuna und des Verhältnisses zu Gott, zu dem Glauben der Propheten, das Streben nach Formulierung und Festlegung rein zeremonieller Brauche mit demselben Nachdruck wie das Gebieten grundlegender ethischer Sätze wurde besprochen. Auch die Vorliebe für langatmige Chronologien und Genealogien wurde an Beispielen gezeigt. Charakteristisch für die Einstellung des Heiligkeitsgesetzes schien auch die große Furcht vor Nichtbeachtung der Gebote und der daraus entstehenden Folgen, einer Furcht, die sich in den Flüchen gegen Unfolgsame äußert. Teutlich sahen wir, wie die religiöse Entwicklung -immer mehr sortschritt von dem Werden grundlegender Ansfassungen und dem Ringen um Probleme (vrophetische Zeit) zur Erstarrung dieser Auffassungen und ihrer sormelmäßigen Festlegung durch Priesterkodex, um schließlich in der Zeit der Entstehung des Talmuds den Höhepunkt dieser Entwicklung der Festlegung zeremonieller Formen zu finden. Aus Grnvpe Charlotten bürg sFührer Ernst H. Seligsohn. Grunewald, Douglasstraße 30) berichten zwei Mit. glirder von den letzten beiden Heimabenden, die der Besprechung des Talmud galten: „An dem ersten dieser Heimabende lasen wir in der Pinnerschen Talmud-Ueüersetzung anS dem Traktat Berachot, die Mischnali über das Schmal), und zogen dazu die Erörterung der Gemarra heran. Der Hinweis auf Hannas andachtsvolles Gebet gab uns Veranlaffung, über die Andacht beim Gebet überhaupt zu sprechen. Die Betonung der Gemarra. daß man zur Selvstncrtciüigirng einer falschen Beschuldigung gegenüber verpflichtet sei, führte uns zur Vergleichung dieser grundsätzlichen Auffassung mit mrderen Lehren in anderen Religionen. — Am zweiten Heim-, abend beendeten wir die Besprechung des Talmud. Wir lasen zunächst Proben aus dem fünften Traktat über juvistische Fragen, insbesondere über das Problem der Zeugenaussagen. Als Schluß hieß es dort, man solle arü jeden Fall der Wahrheit gemäß aussagen. auch wenn man dadurch jemandem schade. Schließlich lesen wir noch einige Hagaden, deren Erzählungswelse uns zum Teil gefiel." Dortmund. (Ortsgruppe der Bereinigung für Las liberale Judentum e. V.) Am 5. Dezember sprach in unserer Ortsgruppe der 1. Vorsitzende'der liberalen Vereinigung. Herr Rechtsanwalt Heinrich Ste5n. Berlin, über „Liberales Judentum in Gesinnung und Tat". — Ausgehend von dem in breiten Schichten des Judentums vorhandenen Willen zum bewußten Judentum, wies der Redner ganz besonders auf das Streben der Jugend hin. Er unterscheidet. Trntzjuden, Pietätsjuden. 3-Tagejnden und Bitrinenjudentum. — Doch weder Abwehrnoch Pietärsjudentnm können eine Bewegung schassen. Der Fehler der bisherigen Betrachtungs-weise lag darin, daß man Religion als etwas Jndividualrstrsches ansah. — Heute drängt sich mehr und mehr die Ueberzeugnng durch, dun Jude sein nur in der jüdischen Gemeinschaft möglich ist. Das Gefühl der lebendigen Gemeinschaft zu schaffe» mG wach zu erhalten, das ist die Aufgabe unserer Bewegung. — Wohl ist ein Gemein, schaftöbewußtsein vorhanden, das sich äußert in den großen sozialen Liebeswerken, wohl sagt ein Teil: „Wir leben in nationaler Gemeinschaft." Uns aber genügt solche Auffassung nickt. Wir sehen, solange es eine Zerstreuung gibt, das Judentum mit seinen Heimatländern verbunden, nicht aus blindem Zufall, sondern als Ausfluß göttlichen Willens. — Das Judentum ist nicht als Nation groß geworden, hat nickt als Nation Jahriansende überwunden, sondern als geistig sittlicke Macht. — Diese ist es. die klar hervortritt Mt diesem Augenblick großen Weltgeschehens, das von so weni-

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