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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-25 · 52 (25.12.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
52 (25.12.1925)
Date
1925-12-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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flctmcfctt werden, Latz allein die Beschämung deS Lande» für den Ackerbau in allen anderen Ländern -er Welt mehr Lostet, als die Beschaffung der ganzen Wirtschaft in Gö»jetr»-» lanüdies verbürgt eine schnelle und intensive Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Gowjetrußland. Dipses KolonisationSwerk bemühen sich verschieden« jüdische Gesellschaften wirtschaftlich zu unterstützen und «ach statistischen Angaben sind für diese» Zweck vorläufig folgende Beträge zur Verfügung gestellt worden: Anleihe der Sowjetregierung 1800000 Rubel Anleihe von Banken und Trust« 1400000 „ Anleihe vom «gro Joint 1200000 * Anleihe vom RAJK. 330000 * 4 680000 Rubel Außerdem sind in fast allen europäischen Staate« verschiedene Gesellschaften zur Ilnterstiitzuna der jüdischen Ko4onisation in Sowiet-Rutzland entstanden, die mit großer Aufopferung die Finanzierung dieses Werkemit Erfola in die Wege geleitet haben. Es sind sogar schon Mitteilungen eingegangen. nach welchen jüdische Kolonisationsgesellischaften in Frankreich. England und Amerika es erreicht haben, große Beträge für diesen Zweck auszubringen. Wie bekannt ist. hat die Sowjet-Regierung der Kindererziehung und ihrer Ausbilduna ihre größte Aufmerkjam- Eeil gewidmet. Ueber den Geist der Schulen in Rustland kann man verschiedener Meinung sein, doch muß man zu- -eben, daß die jüdischen Kinder dort zu produktiven Menschen erzogen werden, was für uns Juden eine außergewöhnliche Notwendigkeit ist; die jüdische Jugend wird in Sowietrntzland schon zu landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen. Es ist interessant folgende Schilderung von D. Wollin aus der Warschauer Zeitschrift für jüdische Erziehung „Das Kind" wiederzugeben, die diese Tatsache genau illustriert. In der russischen kleinen Stadt stellt die Kinderwelt eine der nicht zahlreichen Oasen des jüdischen Viertel« vor. Schulen,richtmigen, Kinderheime und Klubs, dies sind die weißen Flecken aus der grauen Oberfläche der jüdischen Wirklichkeit. Im ärmsten Städtchen der Provinz befindet sich wenigstens eine solche Kinderanstalt. in größeren — mehrere Anstalten. In diesen erhalten alle Kinder, von den ärmsten bis zu den reichsten, Unterricht. In den Kinderiyternaten befinden sich ausschließlich Waisen, deren Eltern Mrch Pogrome und Epidemien um bas Leben egkommen sind. Eine kleine Anzahl Kinder befindet sich auch darunter, die Eltern haben, aber solche Eltern, die nicht in der Lage sind, sie zu ernähren. Diese sind ehemalige „Straßenkinöer". die in Len schmntzigsten Straßen aufgewachsen sind. Als diese Kinder nach dem Kriege in den Internaten untergebracht wurden, waren sie geistige und körperliche Invaliden. unglückliche Wesen mit erschrockenen Augen. Ein Teil davon, welche die Straßenatmosphäre bereits genossen hatten, waren schon von schlechten Gewohnheiten und gefährlichen Neigungen beeinflußt: jetzt sind sie einfach nicht wiederzuerkennen: ein offener Blick, freie Bewegungen, sachliche Antworten. lautes Lachen, fröhliches Spielen. Unterhaltung und Lust zur Arbeit, dies ist ihnen eigen. Sehr oft findet man hier begabte Kinder — kleine Maler, Bildhauer, Musiker und Dichter In diesen Schulen werden künftige produktive Elemente der Landwirtschaft aus-gebildet. In einem russischen Städtchen angekommen, ging ich die Kinderkommune besuchen. Auf einem Berg hinter dem Städtchen in einem weißen Hause befand sie sich. Diese kleine Kommune besaß eine durchaus bescheidene eigene Bewirtschaftung: Garten. Feld mit Kartoffeln, einige Ziegen, zwei Kühe.-ein Pferd, eine Schar Hühner und Gänse — ohne die verschiedenen Hunde zu erwähnen, in der Hauptsache einen Mops, der sich allen zwischen den Beinen schlängelte. Mit Stolz zeigten mir die Kinder ihre Wirtschaft. Sie taten groß mit ihren schweren Krautköpfen, mit den großen Mehl- ^Hüpferroten halbvsündigen Zwiebeln. Lunten ^fBÄnen mrd anderen Produkten. Alles Lies sei ihre Schöpfung. Es ist fast unglaublich, daß 10- bis l8Mrige Kinder »tt solch einer Begeisterung seMändig eine Wirtschaft leiten, nicht aus Sport, sondern in großem Maßstav, durchaus für -ie eigene Existenz. Bringt man aber einige Tage mit diesen Kindern zu. so kann man sich überzeugen, daß sie eine glänzend organisierte, kleine Gesellschaft sind, mit eigener Ord- . nung und strenger Disziplin. Die russischen Juden haben, in dem geistigen Leben des Judentums immer eine dominierende Rolle gespielt. Doch in den letzten Jahren, durch den Krieg und die Revolution, ist im jüdischen Leben Sowjet-Rußlands eine Umwälzung eingetreten. Deshalb ist es interesiant. über das heutige ' kulturelle Leben in Rußland etwas zu erfahren. Gegenwärtia finden wir fast in jeder russischen Stadt verschiedene kulturelle Vereine, in welchen die jüdische Jugend Gelegenheit hat. sich zu entwickeln. Letztens sind auch in verschiedenen Städten einige jüdische VoltSuniverfitäten geschaffen worden, in welchen die jüdische Jugend ihre Bildung und ihr Wissen auf dem Gebiet der jüdischen Geschichte und Literatur erhalt. Auch die Zahl der jüdischen Tageszeitungen «K Zeitschriften ist sehr rapid gewachsen. In Mvkkau und Mnsk sind sogar jüdische Berlaasanstalten in« Leben gerufen. die speziell Schul, und wissenschaftliche Literatur hergurgeben. I» der neuen jüdische» Geueratiou Rußlands kannman «ine Reibe sehr begabter Musiker, Maler und Schriftsteller finden, die sehr schöpferisch und populär sind. Eine bedeutende Atolle spielt ln Rußland da» jüdische Theater. Jast in jeder Stadt befindet sich ein jüdisches Theater oder ein dramatischer Verein. Daneben befinden sich in Moskau, Kiew, Charkow usw. einiae jüdische Staatötheater, die auf einem hoben künstlerischen Niveau stehen: sogar in Bakum existiert ein Mischer Dheaterverein. der unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs des städtischen Theaters Leuter steht. Auch das jüdische Kino spielt in Rußland eine nicht unbedeutende Rolle. Fast in alle» Mische» Zentren existieren jüdische Kinoaufführungen aus Sem jüdischen Leben. In der letzten Zeit hat die KinoausMhruua des Romans von Scholen, Älechem „Die Sintflut" große Erfolge erlebt. Ei« bedeutende« jüdisches StaatStheater mit neuem künstlerischen Horizont ist das jüdische Kämmertheater in Moskau unter der künstlerischen Leitung Granowskts. Dieses Theater hat mit großem Erfolge die modernsten und beiten jüdischen Theaterstücke von Perez, Asch. Schalem Alechem. auch letztens Uriel Aeosta von Gutzkow aufgeführt. Als künstlerische Mitarbeiter, die dort Hervorragendes geleistet haben, müssen die Maler Rabmowitsch, Altmann. Falk und hauptsächlich Mark Chagall, als Theaterkomponisten: Rosvwski. Achron. Pulwer und Krain hervorgehoben werben. Ferner muß das hebräische Staatstbeater „Habimah" in Moskau erwähnt werden, das in künstlerischem Sinne weit höher als das palästinensische Theater steht. Die „Habimah" bereitet sich auf eine Tournee durch Europa und Amerika vor und wird auch in Deutschland gastieren. Daraus ersehen wir. daß der produktive Geist des jüdischen Schaffens in Rußland lebhaft pulsiert, der das kulturelle jüdische Niveau wieder auf eine höhere Stufe bringen wird. Rußland war immer das Land, wo das jüdische kulturelle Leben eine bedeutende Nolle gespielt hat. und es wird auch in -der Znkunft die Stätte hervorragenden iüdischen Lebens und Schaffens bleiben. Die Kolonisation Palästinas im Jahre 1923. Bon I. Turoff. Bis zum Jahre 1021 verfügten die Juden in Palästina über 60 größere und kleinere Besitztümer im Gesamtumsang von 44 060 Hektar. Die weit größere Hälfte des Besitzes ist schon vor 40 Jahren von den Zionsfreunden und später vom Baron Edmund Rothschild und der Jca. erworben und kolonisiert worden. Nur sechs Siedlungen mit zusammen 2400 Hektar haben ihre Entstehung dem 1907 unter Leitung Dr. Arthur Ruppins entstandenen zionistischen Palästina- Amte zu verdanken.*) Beide Gruppen von Kolonien, sowohl die von den Zionsfreunöen. als auch die vom Baron Rothschild ins Leben gerufenen, kamen bis auf wenige Ausnahmen vor etwa 25 Jahren unter Verwaltung der Jca.. so daß die Mische Kolonisationsgesellschaft im Berichtsjahre 18 Haupt- und gegen 25 Nebensiedlungen mit zusammen 35 000 Hektar kontrolliert, lieber die wirtschaftliche Lage in diesen umfassenden Gebieten sind wir durch die Jahresberichte dieser in drei Weltteilen arbeitenden Gesellschaft gut unterrichtet. Dagegen weiß man von den „unabhängigen" 18 Zwerg-kolonien und Besitztümern, von denen mehrere noch ihrer Besiedlung harren, nicht sehr viel, sie kommen aber ihrer Kleinheit wegen kaum in Betracht.**) *) „GS ist heute fast unglaublich, dennoch ist es buchstäblich wahr, daß die zionistischen Organisationen bis zum Jahre ISA überhaupt keine Gelder für Kolonisationszwecke übrig hatten." Arthur Ruppin. „Landwirtschaftliche Kolonisation der zionistischen Organisation in Palästina," Seite 126. **) In den letzten drei Jahren hat auch die zionistische Organisation sehr ansehnliche Terra inkäuse. namentlich in der Jsraelebene. effektuiert und auf ihnen bemerkenswerte Kolvnis-ationsversuche gemacht, über welche Dr. Arthur Ruppin in seiner oben zitierten Schrift eingehend berichtet. Das vorliegende Material kann aber erst gewürdigt werden, wenn es mit den im kommenden Jahresbericht der Jca. pro 1924 veröffentlichte Daten verglichen und auf ihre Genauigkeit geprüft werden wird. Nach dem Bericht der -ca. pro 1628 zählen die von ihr beaufsichtigten Kolonien 1098 Bauern-Frmilien mit 4800 Seelen. DaneLen aber lebe» in ihnen mehr als 7000 Landarbeiter. Handwerker. Händler und Angestellte, die alle in Len jüdische» Kolonien Palästinas Zuflucht, Obdach und Brot «sucht und gestruden haben. Darin eben besteht der Segen der landwirtschaftlichen Kolonisation, daß sie auf einen bis dahin sterilen Äoden Produkte ersten Bedarfs gewinnt und daduvh nicht nur unmittelbar den ersten Ansiedler», sonder» mittelbar durch diese den ihnen in die neugewonnene Heimat Kolgeube» Obdach und Brot gibt. Dabei haben die in Be. tracht kommenden Ansiedlungen mit ihren 12 000 Einwohnern ihr Fassungsvermögen noch bei weitem nicht erreicht. Bon den ihnen zur Verfügung stehenden 36000 Hektar haben die Kolonisten im Berichtsjahre nicht viel mehr als den dritten Teil, nämlich nur 13 255 Hektar, verwertet, währen- 23 000 Hektar noch ihrer Bestellung harren. Und selbst die bereits unter Kultur stehenden Bodens lachen werden eines nahen Tages eine Srehrfach größere Anzahl Menschen ernähren können, wenn die jüdischen Bauern erst gelernt haben werden. ihren Boden etwas rationeller zu bewirtschaften. Denn drei Viertel des bebauten Bodens werden einstweilen noch mit Getreide bestellt, das aus dem Wege einer sehr primitiven Extensivwirtschaft gewonnen wird. So kam es, daß ein Riesenkomplex von 9571 Hektar seinen Bebauern nur 55451 ägyptische Pfund (*£ E."j brutto, da« sind 118 Mark pro Hektar, gebracht hat. In Galiläa, -em Zentrum des jüdischen Getreidebaues mit 5698 Hektar sanken die Erträge gar auf 105 Mark pro Hektar. Freilich haben Regenmangel im Winter und Mäusesraß im Sommer sehr wesentlich zur Verminderung der Einnahmen beigetragen, aber auch unter günstigeren Umständen pflegen auch in Palästina (wie übrigens auch in Argentinien) die jüdischen Getreidebauern erheblich größere Einnahmen nicht zu erzielen. Sie haben eben die Landwirtschaft praktisch erst von Arabern lernen müssen, diese aber treiben Extensivwirtscha.r und kennen nur den einzigen Trick, das; sie das eine Jahr Winter-, da« zweite Sommergetreide bauen und das dritte Jahr den Boden unter Brache liegen lassen. Im alten Palästina dagegen, das eine zehnmal zahlreichere Bevölkerung zu ernähren hatte und darüber hinaus große Mengen Brotfrucht auszuführen pflegte (Ezechiel 27, 17), ließ man den Boden nur im siebenten Jahre, dem Schmettajahr, ruhen. Offenbar müssen unsere Vorväter weit bessere Tricks als die Araber gekannt haben. Vor allem dürften sie ihren Feldern reichlich Dung gegeben haben, was der Araber nie. d^r heutige Jude nur in ganz unzureichender Menge tut. Wen aber der Araber seinen Boden auch in sträflicher Weise vä nachlässigt, so braucht er doch wenigstens keine fremden " beiter zu bezahlen. Statt ihrer spannt er seine Frau < Joch und beutet grausam die Arbeit seiner Kinder aus. Der Jude dagegen schont sein Weib und schickt seine Kinder in d» Schule, er hat außerdem einen weit höheren Standart of als sein arabischer Nachbar und kann daher bei den mageren Einnahmen von 119 Mark pro Hektar, von denen noch sehr hohe Unkosten abgchen. kaum bestehen. Die Löhne belaufen sich für einen jüdischen Arbeiter auf 3 Mart täglich. Dünger. Arbeitsvieh und Geräte sind sehr teuer, den Nest verschlingen die schweren Steuern in Höhe von mindestens 12V2 Prozent der Ernte in natura. Kein Wunder, daß die Kolonisten im Berichtsjahre von den Bruttoertragnissen aus dem Getreidebau kaum 25 Prozent als Nettoeinnahmen zurückbehielten. Es wird ihnen auf die Dauer nichts weiter übrig bleiben, als der arabischen Methode Valet sagend, ihren Boden reichlich zu düngen, ihn liebevoll zu pflegen und sehr sorgsllltig das Saatgut zu wählen, kurz, Intensiv-, statt Extensivwirtschast zu treiben. Aber selbst in diesem Falle wird in Palästina die Produktion von Getreide als Handelsartikel resp. zum Verkauf angesichts der Konkurrenz Australiens stets ein wenig dankbares Gewerbe bleiben. Wird doch im Lande australisches Weizenmehl trotz dem auf ihm ruhenden Zoll um 10 bis 20 Prozent billiger als das einheimische angeboten! Der Mische Bauer wird daher gut tun. Getreide nur für den eigenen Bedarf zu bauen und den Rest seines Bodens unter Verwertung der dafür günstigen klimatischen Verhältnisse Palästinas mit anderen Kulturen zu besetzen. Als solche haben sich die Baumpflanzungen bewährt, mit denen in den in Betracht kommenden Kolonien 3734 Hektar bedeckt sind. Sie brachten ihren Besitzern 172 941 L. E. gleich 947 Mark pro Hektar. Dabei waren im Berichtsjahre die Verhältnisse auch in diesen Kulturen äußerst ungünstig. Die Oliven, von denen nur 320 Hektar in jüdischem Besitz sind, werden von den Pflanzern auf arabische Art. d. h. gar nicht behandelt. Der Baum, sich selbst überlassen, macht was er will, und er will nur einmal in zwei Jahren Früchte tragen. Das uneiuträgliche Jahr fiel gerade aus das Jahr 1923, und die Oliven Worte am Weg Die Dinge nur als Durchguck zu betrachten. Heißt nicht: das Erdenleven zu verachten. Ein Fragetrieb soll uns erheben Zum Sinn von unserm Erdenleben: Das Gott schuf, sich zu L-estätrgen, Haben wir als Werk zu betätigen, Den Geist erschauend, der aus ihm quillt; Denn wir heißen Gottes Ebenbild. Ewiges als Zusammenhang Wirkt sich ans im Zusammenklang: Zügelt des Lebens Was und Wie Zum Gotteswillen der Harmonie. Lebeusnorm —? Geist als Form. Ella van Clees. Napoleon im Ghetto. Bon S. M e i s e l s. Wie feltforh sich oft die Fäden der Lektüre an alt« Reminiszenzen knüpfen! Ich lese jetzt Emil Ludwigs »Napoleon" (Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin), ein wunderschöne- Buch, weiträumig und reichhaltig, ein Buch, das carlyleisch vom Helden und von derHelbenverechrung handelt, indem es den Heldenbegriff erweitert und auf bas Wesenhafte, den Menschen, bezieht. In fünf Büchern, die die bezeichnenden Aufschriften tragen: Die Insel, der StnrzVach, der Strom, das Meer und der Felsen, in fünf breit ausgeführten meisterlichen Gemälden wird brr Mensch Napoleon in seiner Größe gezeigt. „Hinter der Maske des Heroen entdeckt Ludwig das Menschenantlitz und schildert den Mann der eisernen Tatkraft und der glühenden Herzens in all seinem Lieben und Hassen, seinem Siegen und Erliegen." Ludwigs Napoleonverehrung ist so menschlich, so rein aufs Menschliche bezogen, daß sie mich unwillkürlich an eine andere Navoleonvcrehrung erinnert, die zwar von ganz anderer Art, aber ebenso urtümlich und von dem sonst allgemein-bräuchlichen Heroenkult verschieden war, nämlich an die Verehrung, die Napoleon Bonaparte im Ghetto genoß. Zwei Namen, die im Wechsel der Zeit aushörten, Namen zu sein, und zu Geschichtszeichen und Merkbildern wurden, waren ans ihrer klingenden Fahrt durch die Welt auch in die Stille des östlichen Ghettos gedrungen und Haben dort eine so eigenständige Heldenverehrung gesunden, daß zu ihr keine der vielen Definitivsten paßt. Diese Namen, die im Ghetto gekannt und deren historische Bedeutung von den Ghettomenschen fast intuitiv erfaßt und anerkannt wurde, waren Napoleon und Bismarck. Die Menschen im Ghetto brachten historischen Ereignissen wohl viel Interesse, aber wenig Verständnis entgegen, wie denn überhaupt ihr Sinn für Geschichte nur schwach entwickelt war; um so erstaunlicher ist cs, daß sie die ragende Größe dieser zwei Heroen bei weitem gerechter zu würdigen und besser zu beurteilen verstanden als so manche Professoren, die ganze Berge von geschichtlichen Daten häuften. Es lag schon so in ihrer Art, den großen Menschen zu einem Begriff, zu einem Synibol zu erbeben. Bei Bismarck und Napoleon erschienen ihnen alle näheren Einzelheiten und äußeren Umstände fast belanglos: ihnen waren sie unmeßbare Größen, die durch die Formel „Bismarck" und „Napoleon" ausgedrückt würden. Höchst merkwürdig, daß sie von Bismarck dem „Eisernen Kanzler" nichts wußten und ihm eigenschöpferisch den Ehrentitel „Der eiserne Kopf" beilegten. Es will mir scheinen, daß diese Bezeichnung zutreffender und die Wesenheit Bismarcks erschöpfender ist als die vom „Eisernen Kanzler". Jedenfalls ist der Ghettotitel origineller, denn der „Eiserne Kanzler" ist keine eigene Erfindung, sondern eine Reminiszenz an das bekannte Bismarckwort von Eisen und Blut, daL später geflügelt worden ist. Der eiserne Kopf bedeutet in der Ghettosprache den Man« mit dem fabelhaften, nicht mehr zu überbietenöen Scharfsinn, mit dem tief und weit schauenden, alles übersehenden und vieles vorauSsehendcn Scharfblick. „Bismarck" und „der eiserne Kopf" waren im Ghetto synonyme Begriffe. Wer sich dort innerhalb der engen Gemeindegrenzen durch außerordentlichen Scharfsinn, diplomatische Kunststücke und kluge Handlungsweise rühm» lichst hervortat, 'wurde entweder ein Bismarck oder ein eiserner Kopf genannt. Wie Bismarck der Inbegriff aller staatsmännischen Weisheit, so war ihnen Napoleon die Inkarnation des Heldentums schlechthin. Auch hier war ihnen der Tatenmeusch zu einem Abstraktum, zu einem Symbol geworden. Napoleon, das war der Enakssöbne einer, der selbst das Maß deS Uebermenfchlichen noch überragte, eine Art mythischer Erscheinung aus dem Reich der Sage, die die Phantasie stets rege erhielt. Das Verhältnis der Ghettomenschen zu Napoleon ist schwer zu bestimmen: man kann es nur dahin erläuternd umschreiben, daß sie den Napoleon kannten, ohne ihn eigentlich recht zu kennen, vhne von seinen gewaltigen Taten unterrichtet zu sein. Es ist zum mindesten recht zweifelhaft, ob sie etwas von den Kämpfen bei den Pyramiden von Gizeh, von den vierzehn Stürmen auf Akko, ob sie von Mgrengo, Austerlitz, Jena, etwas vernommen haben. Auch um sein Verhältnis zu den Juden kümmerten sie sich wenig. Sie fragten nicht viel, ob er ein Judensreund oder Judenfeind gewesen. Es war ihnen völlig unbekannt, daß der kleine Bonaparte als Schüler der Kriegsschule zu Vrienne brennende Fackeln in das Jüdenghetto zu schleudern pflegte, daß später, als er Kaiser von Frankreich war, unter seinen Heerführern Juden waren, daß er den Juden Soult znm Marschall erhob und daß, wie Thiers in seiner Histoire de l'Empire erzählt, gar nicht viel gefehlt hätte, und dieser Svult wäre zum König von Portugal gekrönt worden. Auch von dem Sanhedrin, das Napoleon 1806 nach Paris einberief, dürften nur spärliche Nachrichten zu ihnen gekommen sein. Das alles war aber auch nur von geringerer Bedeutung. Die Größe Napoleons bestand hauptsächlich darin, daß er ihnen der Held schlechthin war, der Bezwinger von Königen und Reichen, ein Weltbeherrscher wie etwa Alexander der Mazedonier. Es ist bekannt, daß Napoleon sich gern mit Alexander dem Großen verglich. Im Ghetto hätte er für diesen Vergleich den notwendigen Stützpunkt gesunden. Stächst Alexander dem Mazedonier hat nur noch Napoleon als geschichtlicher Held die jüdische Volksphantasie angeregt. Es ist seltsam, daß den Ghettomenschen Hannibal, Cäsar, so-i gar Cyrus, dem doch die Juden die Wiedererrichtung des zweiten iüdischen Reiches verdanken, ia selbst Juda Makkabi. der größte Held der jüdischen Geschichte — es ist seltsam, daß alle diese Helden der Geschichte den Ghettomenschen fremd, zum Teil ganz unbekannt blieben, während Alexander uuö Napoleon unbegrenzte Verehrung fWden. An die hundert Alexandersagen weist das althebrrische Schrifttum auf, dagegen keine einzige Cyrussage: auch dem eigenen Helden, dem Makkabi, hat die jüdische Volksphantasie keine Sagenkränze ums Haupt gewunden. (Diese Erscheinung dünkt mich sehr lehrreich und für Geschichtsforscher und BolkSpsychologen wohl der nähern Untersuchmrg wert.) In gleicher Weise wie Alexander der Große ist auch Napoleon ein Held der jüdischen Sage geworden. Jnsbeson-

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