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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-25 · 52 (25.12.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
52 (25.12.1925)
Date
1925-12-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WjschllberaleZeMm Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch dieGeschäftsstelle ^jährlich M.r.sv Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland OLS 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis rr :: im Mitgliedsbeilrage enthalte«, r: :: :: Lhefredakteurr Sipl.-9ng. Bruno Doyda. vis «lüdlfch-UdenUe Zeitung" erscheint Jeden Srsltag. KcboHtton u. OcfcftflftsfteHe: Berlin SW, WUfrelmftr. 147« fernruft vafenheld« 3358, 3359 poftfd)«dtfconto: Berlin nW7 Nr.isros» <V«r»lnIg«ng f Ar das liberal* Judentum Nad)&nidt famtiid)«r origlnal-valtrass nur mit vorl,«Ngar 0»nsdml»un, dar NsdaNIßan gsstatlst. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronpareillchevs 0,45 Goldmark, die DKlamezeile 3,00 Goldmark. bei r: :: Wiederholungen Rabatt. » « n Anzeigenannahme: jüdisch-liberaleZeitung* Änseratenatteilung: Berlin Elv 48. Dilhelmftrake I»7 Gasenheide: 3S58-89). sowie siimtl. Annoneen-Epped. Nr. 52 Berlin» 25. Dezember 1925 5. Jahrgang Wische Siedlungsprobleme 9 Diederaufbau und Derufsumschichtung der Gstjuden. Bon Justizrat Max Chodziesner. Der friedliche Wiederaufbau ist zur Zeit das wichtigste Problem in allen Staaten Europas, welche mittelbar oder unmittelbar von den Ereignissen des Weltkrieges betroffen worden sind. Einen besonderen Ausschnitt aus diesem großen Gebiete bilden die Bestrebungen, welche in den letzten Monaten von der Gesellschaft ,O>rt" und ihrem unermüdlichen Bortragsroöner Dr. Singalowski. unser Interesse gen Osten, dem Wiederaufbau und der wirtschaftlichen Umschichtung der Ostjuden zuwenLen. Ex Oriente lux. Es leuchtet ein großes Hoffnungslicht für die jüdischen Massen im Osten auf. Diese Masse der Ostjuden in RußlanL, Polen. Litauen, den Randstaaten. Rumänien und den sonstigen osteuropäischen Ländern beträgt fast acht Millionen Menschen. Davon lebt der weitaus größte Teil in Rußland und dem heutigen- Polen. Das jüdische Wirtschaftsleben in Rußland war im vorigen Jahrhundert infolge, der zaristischen Unterdrückungspolitik fast ausschließlich auf den Kleinhandel, auf Tauschgeschäfte und bas Schankgewerbe in den kleinen Städten beschränkt. Das Vordringen der kapitalistischen Wirtschaftsform trieb große jüdisch« Masse» aus der Kleinstadt in die Großstadt und zwang sie, sich «eue Erwerbsquellen als Handwerker aller Gattungen, als Schwerarbeiter und auch als Kleinbauern zu suchen. Es kann hie» ohye Einschränkung gesagt werben, daß diese Ostjuden vor keiner Arbeit, selbst der schwersten nicht, trotz geringen-Verdienstes zurückschreckten. Wenn viele unter ihnen trotz eifrigsten Ringens und unter den elendsten Lebensbedingungen nicht einmal Len notdürftigsten Unterhalt für sich und ihre Familie verdienen konnten, sondern zu „Schnorrern" und Schiebern herablanken, so darf man es nicht dieser Menschenart zur Last legen, sondern mag anderen die Verantwortung aufbürden. Dieses jüdische Wirtschaftsleben aber erlitt durch den Weltkrieg und die folgenden katastrophalen Ereignisse einen völligen Umsturz. Etwa 3 Millionen Julien sind durch die kriegerischen Maßnahmen, Evakuationeu, Pogrome und ihre fast vollständige Ausschaltung aus Handel und Handwerk infolge der vorherrschenden agrarischen Tendenzen in der Sowjetrepublik und des Anwachsens der Genossenschastsbewegung entwurzelte Luftmenschen geworden. Bor ihrem von Hunger. Not und Tränen getrübten Auge stand und steht noch immer die große Krage: Was nun? Auswanöern können sie nicht: Amerika ist so aut wie verschlossen. Deutschland kommt als Auswanderungsgebiet nickt in Frage und von Palästina wird weiter unten noch ein kurzes Wort zu sagen sein. Da bleibt nur als einziges Hilfsmittel die Beschaffung von produktiven Arbeitsmöglichkeiten. Nicht Almosen wallen diese Leute, die sie sich jeden Tacr von neuem erbetteln mußten, sondern Gelegenheit zur Arbeit, um sich eine bescheidene, aber sichere und menschenwürdige Existenz zu schaffen. Hier setzte der „Ort" den Hebel seiner segensreichen Tätigkeit an. Den verarmten Handwerkern gab er Maschinen, Werkzeuge und Rohstoffe auf Kredit. Etwa 12 000 jüdische Landwirte in Bessarabien und Polen versorgte er mit Aussaat, Maschinen und Vieh, und einer Anzahl alter jüdischer Kolonien in Süörußland. die Lurch Pogrome und Mißernten dem Untergange entgegensahen, half er in gleicher Weise auf. Es darf hier wohl mit besonderer Betonung daraus hingewiesen werden, daß allein in der karpathischen Tschechoslowakei ca. 30 000 indische Bauern leben. Und nun erscheint Lie neue große Znknnftsboffn.ung: Die jüdische Kolonisation in der südlichen Ukraine und d-.r Krim. Die russische Sowietregierung steht dieser -'idischen Massenbewegung, diesem Drang zu produktiver Arbeit und besonders zur Landwirtschaft sympathisch qegenüber. Sic hat zu diesem Zwecke große aeschlossene Landkomplexe zür Verfügung gestellt und unterstützt die Siedlung auch durch Geld und sonstige Maßnahmen. Die Zahl der jüdischen Ackerbauer uu!» Gärtner in Osteuropa hat bereits eine Biertelmillion überstiegen. Im letzten Jahre allein sind in der Ukraine und in Bessarabien auf einer Boöenfläche von etwa 100 000 Hektar rund 6500 iüdichc Familien mit etwa 35 000 Seelen angcfiedekt worden. Die Ansieölungskosten für eine Familie betragen 1200 Rubel, wovon 400 Sie russische Negierung beisteuert. 400 oer Ansiedler selbst aufbringen muß und 400 von jbeti indischen Hilfsorganisationen („Joint" „Ort") darlehnsweise dem Ansiedler vorgeschossen werden. Mt großem Eifer wird nun diesem großen Ziele der Kolonisation zugesteuert. In erster Linie wird Sorge getragen für die berufliche Fachausbildung der heranwachsen, den Generation. Es sind Fachschulen für Handwerker aller Art gegründet worden, so mehrere in Odessa,>..in Grodno, in Dwinsk. in Rowno, in Warschau, ein jüdisches Technikum in Wilna, Lehrwerkstätten für Gartenbau und Landwirtschaft in Kischinew, in Zezmory, sowie praktische Kurse für erwachsene Arbeiter. Roch ist nicht alles eitel Sonnenschein. Nicht alle, welche seit etwa 2 Jahren die Not aus den verarmten Städten auf das flache Land hinauszog. erwiesen sich der schwierigen und mühseligen Pionierarbeit in den wüsten Steppen gewachsen. Viele besaßen weder die Kraft noch den Mut, mit den gewaltigen Hindernissen zu ringen, sich vorläufig ohne ein Dach über dem Haupte oder eine Hütte für ihr Vieh, ohne ausreichende Geräte, ohne Zugtiere, selbst vor den Pflug zu spannen. Tie Schwächeren fielen ab, aber die Mutigen und Starken hielten und halten aus und bilden nun einen nachahmenswerten und anspornenden Grundstock zu weiterer Kolonisation. So wurden beispielsweise von 600 Familien mit etwa 3000 Seelen -wischen Balta und Odessa auf einer Ackerfläche von über 8000 Desjatinen ein Dutzend Siedlungen gegründet, die heute noch zu 90 Prozent aus den ersten Kolonisten bestehen. Die Zahl der arbeitsfähigen Personen über 15 Jahre beträgt 70 Prozent -er Bevölkerung. Man sieht 14jährige Knabe» am Pfluge und 10jährige Kinder Leim Jäten auf den Feldern. Aber überall fehlt es noch an Pferden und Zugtieren, an Inventar und Sämereien und vor allem auch an Siedlungsbauten, dem wichtigsten Moment für die Seßhaftmachung. Hierzu kamen Mißernten und Hungersnot, so daß gewaltige Mittel aufzubringe» sind, um den Ansiedlern die erforderlichen Darlehen und Vorschüsse für Las Notdürftigste zu beschaffen. Der „Ort" hat sich die Beschaffung dieser Geldmittel zur Aufgabe gestellt und darf wohl mit Recht auf die Beihilfe und moralische wie geldliche Unterstützung aller Kreise rechnen. Gewiß werden Bedenken aller Art erhoben. Es wird darauf hingewiesen. daß die Zusammenballung großer jüdischer Massen die im Osten so naheliegende Gefahr der Pogrome begünstige, wenn der russische Bauer den nüchternen, fleißigen und erfolgreichen jüdischen Kolonisten als Konkurrenz empfinden wird, oder wenn neue revolutionäre oder reaktionäre Stürme über das Sand Hereinbrechen sollten. Aber war denn die Pogromgesahr geringer, als Liese jüdischen Massen in den engen Ansiedlungsrap ons zusammengepfercht der Wut und der Rohheit des andrängendeu Pöbels oder der plündernden und mordenden Soldateska schutzlos preisgegeben waren? Hat die zaristische Obrigkeit sie geschützt oder nicht vielmehr noch die Pogrome angezettelt und geschürt und den Pöbel aufgestachelt? Die Pogromgefahr wirL i« Zukunft nicht größer, sondern eher geringer sein. Die großen jüdischen Siedlungen werden autonome Gemeinwesen nach Art der anderen Sowjetrepubliken werden und sich dann auch durch organisierten Selbstschutz aus ihrem eigenen Grund und Boden viel besser gegchr Pogromgefahren und Ueberfälle schützen können, als dies bisher der Fall war. Eine in gesunder Arbeit und frischer Luit ausgewachsene Generation von Männern wird mehr Kraft und Mut haben, solchen Gefahren entgegenzutreten. Auch vom zionistischen Standpunkt können stichhaltige Gründe diesem großartigen Kolonssationswerke nicht entgegengestellt werden. Eine Konkurrenz für den Wiederausban Palästinas liegt darin nicht. Palästina — das ist wohl unstreitig — kann nicht alle entwurzelten jüdischen Massen aufnehmen. Und wen von diesen Massen die zionistische Idee und die Sehnsucht nach Palästina zieht, der wird diesen Weg trotz der osteuropäischen. Kolonisation gehen. Andererseits kann es dem Aufbau von Palästina nur nützlich sein, wenn es aus den Ostländern einen Zuwachs von CHaluzim erhält, der bereits durch Fachschulen und praktische Arbeit vorbereitet und gestählt und nicht ohn<e diese Voraussetzungen nach Palästina kommt. Die Zionisten müßten schlechte Juden und schlechte Menschen sein, wenn sic sich dieser Erkenntnis verschließen und nicht dafür eintreteu wollten, daß die dem unrettbaren Elend und dem sicheren Untergange entgegensetzenden, entwurzelten jüdischen Luftmenschen einer nach allem menschlichen Ermessen sichereren und freieren Existenz zugeführt werden. Es gibt keine Wahl: der Versuch, der bereits mit Erfolg begonnen hat. muß fortgeführt werben. Und selbst die nationaldeutschen Juden, denen die nach Deutschland, sei es durch Pogromgefahr geflüchteten, sei eS durch die Maßnahmen der obersten Heeresleitung zwangsweise verpflanzten Ostiuöen stets ein Dorn im Auge waren, werden es als einen Gewinn verbuchen müssen, auf diese Weise einen großen Teil dieser Eindringlinge wieder loszuwerden. Denn viele der hierher geflüchteten Ostjuden werden abwanüern. wenn sie die Möglichkeit sHen, in ihrer Heimat, die auch sie wie alle anderen Mensche» lieben, das sichere Brot der eigenen Arbeit zu essen. Von diesem Gesichtspunkte und aus rein menschliche» sowie wirtschaftlichen und politischen Erwägungen müßte jeder Deutsche, ob Jude oder Christ, die Bestrebungen dieser osteuropäische« jüdischen Kolonisation begrüßen und fördern. Welche schönen Zukunftsbilder aber, steigen vor uns aus! Millionen von Menschen, die bisher t» den eleuLsten Höhlen der Armut unter Lebensbedingungen hausten, wo Leib und Seele verkümmerten. Laster und Seuchen ihren Tribut forderten, werden hinausgeführt in eine neue Welt, zu gesunder produktiver Betätigung auf eigener Scholl«. Ich sehe im Geiste jüdische Männer die Sense führen und hochbeladene Erntewagen in Sie Scheuern fahren, jüdische Frauen die Garben binden und die Hacke handhaben. Jüdische Kinder tummeln sich gesund und fröhlich auf den Feldern. in den Wäldern und Gärten. Ihre Seele wird nicht schon von klein auf Lurch das Wort „verfluchter Jude" verletzt. Jüdische Jünglinge und Mädchen ziehen singenunlachend vom Felde heim. Und abends, nach vollbrachtem Tagewerk, wird der jüdische Bauer. Handwerker und Arbeiter im Kreise seiner Familie nach der Väter Weise dem Gotte Abrahams. Isaaks und Jakobs sein Dankgebet sprechen. Ein einziger Film dieser Bilder wirden Antisemiten Ler ganzen Welt mehr Wind aus den Segeln nehmen als 10 000 Broschüren und Vorträge. Aus den verachteten polnischen Schnorrern, den geschmähten, getretenen und geknechteten Ostjuden wird ein neues, starkes, gesundes und freies Geschlecht von Mensche« erblühen. Das jüdische Leben in SowjelNutzland. »Mt SS. » Ol ff. Vor allem ist eS notwendig zu erwähnen, daß gegeruvärtig nach der Statistik für Juli 1925 die Gesamtzützt ött'W'WM jet-Rußland wohnenden jüdischen Bevölkerung 3800000 gegenüber 6 000 000. die das frühere russische Reich auf seinem Gebiete am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zählte, beträgt. Die Verringerung Ler jüdischen Bevölkerung 2 200 000 Seelen erklärt sich erstens durch die Ab- . trennung Polens, Litauens usw., wo Sie Mehrzahl der» jüdischen Bevölkerung wohnte und zweitens durch die zahlreichen Pogrome, die durch die veteljurischen und polnisch« Heere während des Bürgerkrieges in der Ukraine und m Weißrußland ausgesührt worden sind. In Sowjetrußland bilLen die Juden ungefähr 2 Prozent Ler Gesamtbevölktrung und verteilen sich aus die verschiedensten Republiken nach der Volkszählung von 1923 folgendermaßen: \ Ukraine 1700000 00,7 Prozent \ Grvßrußland 600000 21,4 Weißrußland 750000 16,1 „ j Tronskaukasien 50000 1,8 „ ) 2 800000 100 Prozent Nach derselben Volkszählung konzentrieren sich rund 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Sowjetrußlanb in den Städten. In sozialer Hinsicht besteht die Zahl der produktiven Elemente, die wirtschaftlich organisiert sind, an- 800 000 Seelen, also über 10 Prozent der jüdischen Bevölkernua und 5 Prozent der Gesamtmitglicderschaft der sowietrussischen Gewerkschaften. Nach der ukrainischen Gewerkschaftsstatistik beträgt die Zahl Ler jüdischen Gewerkschaftsmitglieder Bekleidungsarbeiter 84 Prozent Lederarbeiter 89 Kunstgewerbliche Arbeiter 39 Nahrungsarbeiter 35 Staatsarbeiter 28,5 so Laß die jüdischen Gewerkschaftsmitglieder mit ihren Familien eine Gruppe von 800 000 Seelen bilden. In Sowjetrutzland begann der Uebergang der Juden zur Landwirtschaft-Agrikultur im Jahre 1804. Im Jahre 1917 zählte man auf dem heutigen Gebiet Sowjet-Rußlands ungefähr 50 000 Landwirtschaft treibende Juden. Anfang 1925 waren es 100000 und im Juli desselben Jahres belief sich die Gesamtzahl der Juden, die zur Landwirtschaft übergingen, auf 130 000. Es sind also in den letzten sieben Jahren mehr JnLen zur Landwirtschaft nbergegangen als im ganzen Jahrhundert vorher. Außer den Landwirtschaft treibenden Angestellten und Arbeitern bilden die Heimarbeiter und Handwerker einen dominierenden Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung. Um es «ach den Borkriegsverhältnissen zn beurteilen, sind 50 Pro. zent der nicht Landwirtschaft treibenden Angestellte» Arbetterbevölkerung — Handwerker und Heimarbeiter. Gegenwärtig rekrutiert sich die jüdische Bevölkerung in Sowjetrutzland aus folgenden Schichten: Angestellte und Arbeiter 850006 Landwirtschaft Treibende 180 006 Heimarbeiter und Handwerker 906 006 Händler und Personen ohne bestimmten Berns . 915 006 2 800 006 Die verarmten Kleinhändler und von der Konkurrenz erdrückten Heimarbeiter bilden die Hauptmasse der zur Landwirtschaft übergehenden Juden und es muß darauf hin-

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