Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 52 (25.12.1925)
- Date
- 1925-12-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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»rächten pro Hektar nur 349 Mark brutto. Gleich u«-ü»fti-e Ertrage haben die Mondeiplantagen erbracht, -a sie bei -er »ehr hoben palästinensischen Valuta die Dumping-Konkurrenz Italiens auszuhalten hatten. Endlich haben die jüdischen Winzer mit ihren 1060 Weinberge» sehr schlecht abgeschnitten, weil das bolschewistische Nutzlau- und das trockengelegte Amerika, einst ihre besten Abnehmer, ihnen völlig verschlossen sind. Alle drei Wirtschaftszweige haben im Berichtsjahre für ihre Erzeugnisse Preise erzielt, die kaum die Ausgaben Leckten. Einzig und allein die Besitzer von Orangenpflanzungen konnten ein sehr gutes Jahr buchen, und aus ihren 747 Hektar «mfassenLen Pflanzungen nicht weniger als 129171 L. E. gleich 8576 Mark pro Hektar erzielen. Ihre sorgfältig gepflegten Bäume haben ihnen zum Dank reichliche Früchte gebracht, welche diesesmal in England, dem wichtigsten Absatzmarkt für Jaffaorangen, gut angekommen sind und dort hohe Preise erzielt haben. Nach Abzug der Selbstkosten behielten die Besitzer einen Nettoertrag von 35 000 L. E. Der immerhin schöne Verdienst könnte noch wesentlich höher sein, wenn die 63 Prozent betragenden, überwiegend auf Konto Arbeitslohn zu buchenden Unkosten durch Eigenarbeit herabgesetzt werden könnten. Dieses war in der Kolonie Wad-el-chanin der Fall, deren 100 prozentige Bauern ihre Orangenbäume eigenhändig bedienen. Die 38 Kolonisten haben allein non ihren Orangen einen Gewinn von 19 221 L. E. erzielt. Dazu kamen die Nebeneinnahmen aus Mandeln. Trauben. Honig. Baumschule usw. in Höhe von 2181 I. E.. so daß jeder Kolonist im Durchschnitt auf 1700 Mark gekommen ist. Im ganzen brachten 13190 Hektar de» in Betracht kommenden 1098 Kolonisten 228 398 L. E. gleich 208 L. E. pro Familie. Es ist das in Anbetracht der hohen Unkosten eine Einnahme, bei der sie kaum bestehen würden, wenn sie mst keine weiteren Nebeneinnahmen hätten. Glücklicherweise widmen sich die nur 60 prozentigen jüdischen Bauern immer mehr anderen landwirtschaftlichen Nebenzweigen. und Milchwirtschaft. Gemüsebau. Bienen- und Geflügelzucht haben ihnen den nicht unansehnlichen Betrag von 13115 L. E. eingebracht. Als weiterer Retter in der Not hat sich der Tabaksban erwiesen, mit dem nach vieljährigem Herumprobieren im Berichtsjahre der erste ernstliche Versuch gemacht wurde. Der Erfolg war über Erwarten glänzend. Die Tabaksfelder im Umfange von kaum 64 Hektar haben 42 000 Kilo Tabak im Werte von 12542 L. E. gleich 4061 Mark pro Hektar gebracht. Weitere 18 000 Kilo wurdey in den von der Jca. unabhängigen Kolonien produziert, so daß im ganzen 60 000 Kilo Tabak den Kolonisten 20 000 L. E. ^brachten. Cr.> braucht kaum hervorgehoben zu werden, daß solche Überraschenden Ergebnisse enthusiastische Hoffnungen erregt und weitgehende Entschlüsse gezeitigt haben. Wie vor 10 Jahren für den Weinbau, begeisterte sich nun alle Welt für den Tabak, für dessen Bau pro 1924 nicht weniger als 900 Hektar präpariert wurden. Die Jca.. die in palästinensischen Dingen immer sehr kritisch ist, warnte vor übertriebenem Enthusiasmus und sprach die Befürchtung aus, daß die zu erwartende Produktion von mindestens 500 000 Kilo Tabak im Lande selbst nicht »erkonsumiert werden dürfte. Mau würde auf den Export angewiesen sein, und es sei sehr fraglich, ob das Ausland die im ersten Jahre erzielten hohen Preise (bis zu 6.— Mark pro Kilo!) wird zahlen wollen. Die Befürchtungen sind von den Ereignissen noch übertroffen worden. Zunächst freilich hat der Tabaksbau eine solche Nachfrage nach Arbeitern erzeugt, daß die bis dahin im Lande herrschende Arbeitslosigkeit wie durch einen Zauber verschwunden war und einem empfindlichen Arbeitermangel mit einem darauffolgenden Anschwellen der Einwanderung von 7421 (bei 3500 Rückwanderungen) im Berichtsjahre auf ca. 13 000 im Jahre 1924 Plan machte. Aber auch die produzierte Tabaksmenge hat gewaltige Dimensionen erreicht und betrug nach Schätzung der englischen Regierung*) 1200 000 Kilo türkischen und 550 000 Kilo einheimischen Tabaks. Wenn in diesen Zahlen nicht eine Null zuviel ist. ist kaum abzusehen, wo und wie diese Tabaksmassen abgesetzt werden könnten. Immerhin zeugt diese Bewegung von der frischen UnterncbmungsluX und dem unbeugsamen Mut der Kolonisten, welche seit drei Jahren unter den gleichen ungünstigen klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zu leiden haben. Eine solche Not der Landwirtschaft würde in Nordamerika die Farmer zu Zehntausenden in die Stadt zurücktreiben. Die jüdischen Bauern Palästinas lassen sich jedoch von keinen Schicksalsschlägen entmutigen! Sie leben und arbeiten im heiligen Lande ihrer Väter, glauben fest an die Zukunft Palästinas und fühlen sich getragen von der Sympathie ihrer *) A. Nuppin l. c. Seite 146. Glaube«»L«rossen in der -a»-en Welt. Roch sind sie kaum mehr als 50%tiß* Bauern, noch sind sie auch im Bauernkittel die ehemaligen Spekulanten geblieben, welche, alles auf eine Karte setzend, nur Getreide bauen oder ausschließlich Plantagenwirtschaft treiben. Aber diese Monokultur macht doch immer mehr einer gemischten Wirtschaft Platz. Wenige Jahre noch und die Juden werden es gelernt haben, rationell zu wirtschaften, und bei Benutzung einer weit kleineren Boöenfläche weit größere Einnahmen als bisher zu erzielen. Im Gegensatz zu Argentinien ist Palästina auf Jntensivwirtschast angewiesen, soll Las Land seine einstige Kapazität wieder erlangen und zur Aufnahme mehrerer Millionen heimatlos werdender Juden fähig gemacht werden. Die Juden in den kaukasischen Bergen. Außergewöhnlich bunt, schön und interessant sind die jüdischen Typen, die sich jetzt der jüdischen Landwirtschaft im Sowjetrußland zuwenden. Das Leben der Juden, die in den kaukasischen Bergen wohnen, ist wunderbar. Biele von ihnen widmen sich jetzt massenhaft der neuen jüdischen Ansiedlungsarbeit. Es sind stolze, schöne, stämmige Bergbewohner, die Tscherkessenkleider und Kosakenmützen tragen, mit Säbel und Dolch an der Seite, nach kaukasischer Sitte, bewaffnet sind. Im Kaukasus befinden sich zirka vierzigtansend Juden; ihre genaue Zahl läßt sich nicht feststellen. Sie sind hauptsächlich Handwerker und Händler, jedoch befinden sich auch eine bedeutende Zahl Farmer und Landarbeiter unter ihnen, die allein mit Frau und Kindern ihren Boden bearbeiten. Die Kaukaser Juden sind nicht in großen Kolonien oder Städten konzentriert, sondern leben in der Kubaner Gegend — unweit der großen Bahnlinie, die das wunderbare Bergland durchquert/ in vielen Dörfern zerstreut. In einer Drei-Meilen-Entfernung von der Eisenbahnlinie, in dem Dorfe Batelfeschinsk. lebt eine große Zahl jüdischer Familien, die sich hauptsächlich mit dem Handel beschäftigt. Und in einer fünfzehn Meilen weiteren Entfernung befindetsich ein Dorf, das fast ausschließlich von Juden bewohnt ist, doch sind sie hier nur mit der Landwirtschaft beschäftigt. Dieses rein jüdische Dorf ist vor 25 Jahren entstanden und von kaukasischen Juden geschaffen worden: es wurde „jüdisches Mikolajcmsk" genannt. Weiter — Vis an den großen bekannten Berg Albras — zwischen kleineren Bergen und Tälern liegen „Karatscha", Dörfer muselmanischer Herkunft. Dort wohnen überall auch unzählige jüdische Familien, die verschiedenartig beschäftigt sind, doch hauptsächlich mit dem Handel. Im tiefen Kaukasus, unweit der berühmten Heilquellen, befindet sich ein großes Dorf. Balschach. das bis vor kurzem hauptsächlich mit Juden bevölkert mar. In der letzten Zeit haben die Juden jedoch dieses Dorf verlassen müsse», da sie mm den Kurden dazu gezwungen wurden. In der reichen Stadt Grosmn. die als Naphtaauelle bekannt ist. wohnt eine größere Zahl Juden, hoch sind sie bedeutend ärmer und nicht so heldenhaft wie die Juden in den Dörfern. In vielen anderen Städten des Kaukasus wohnen auch viele Juden, die nicht erst zugewandert, sondern alt eingebürgerte Einmohn-er der Städte sind. In den anderen obenerwähnten jüdischen Siedlungen sind die Juden erst seit vierziq Jahren ansässig. Sie begannen erst seit den Pogromen herzuwandern. Dies war im Jahre 1382. als die Juden in Rußland verfolgt wurden. Diese traurige Zeit ist bei den kaukasischen Juden gut im Gedächtnis geblieben. Sie erzählen, daß der Großherrscher Tereka seinerzeit begann, den anderen russischen Herrschern nachzuahmen. Ohne sich mit der Zentralregierun-g zu verständigen, führte er auf eigene Faust eine „Siedlungszone" für Inden ein und gestattete ihnen die Einreise von einem Orte zum anderen nicht. Die kaukasischen Juden hatten Hurr-erte von Jahren das volle Recht genoffen. Sie reisten, wohin sie Lust hatten; oft haben sie-sogar ohne Regierungshilss heldenhaft die Umaebung von Banditen gesäubert. Und plötzlich wurden solche Begrenzungen für sie eingeführt! Doch konnten und wollten die kaukasischen Juden die Zone aus keinen Fall anerkennen und reisten, wohin sie wollten. Jetzt, wo die indische Kolonisationsbewegung in Rußland mit großem Tempo vorwärtsgeht, sind es die kaukasischen Juden, die sich rege daran beteiligen und in den neuen jüdischen Siedlungen in Rußland ein produktives Element bilden. —f. BreSla». (Ergebnis der Kun st au sste l lunss. lotterte der vier Breslauer U.O.B.B.-LogevJ Hauptgewinn: 1 Oelgemälöe Nr. 187: Gemälde und Amrarelle: 7 Gewinne Nr. 017. 716,1817. 622, 0. 499, 1841; Graph»: 13 Gewinne Nr. 145, 619. 635. 660. 601. 902. 1247. 165«. 1704. 1861.1883.1607, 1978. Lithographien: 812 Gewinne, sämtliche geraden Nummern. Abboiluna kann erfolgen ab Gonrrtaa, den 20. d. M.. vormittags 16—1 Uhr, und an den folgenden Wochentagen in der Lefsing-Loge, Agnesstraße 5. Cassel. (Aus der Arbeit der Zentralwohlsah rt sste Ile.) Die Zenlralwohlfahrtsstelle hielt gm letzten Sonntag eine Versammlung ah, zu der Vertreter der Gemeinden und Wohltättgkeitsvereine geladen waren. Dr. Segall von der Central-WohlfahrtSstelle der deutsche» Juden, Berlin, und Dr. Frank, Frankfurt a. M., SyndikuS des Landesverbandes für Hessen-Nassau und Hessen, behandelten in tiefgründigen Referate« die Probleme jüdischer Wohlfahrtspflege. Während e öfterer die Notwendigkeit der Provinzialstellen und Bezirksgruppen beleuchtet«, damit eine ökonomische Verwendung aller Spendenerfolge und die Veziehungen zwischen der Zentrale und den einzelne» Verbänden gegenseitige Ergänzung und Anregung biete, verbreitete sich Dr. Frank auf Grund praktischer Erfahrunge» über die Ausgaben der Provinzialstellen. die den Verkehr mit de» Staatsbehörden erleichtern, die eingehenden BeitrLg« dem Bedürfnis entsprechend verteilen, die Erhaltung dar Wohlfahrtsanstalten ermöglichen und die Landgemeinden entlasten sollen. Auch die Wanderarmerrfürsorg« wird durch die erwähnten Verbände fruchtbringender gestaltet werde»« Dr. Bratus, Frankfurt a. M., referierte als Letter der Stelle für Wanderarmenfürsorge eingehend über das letztgenaUrte Problem. Die von Frau Kommerzienrat Wertheim tmrch eine warmherzige Ansprache über die Notwendigkeit deS Zusammenschlusses eingelettete Versammlung zeitigte daS erfreuliche Ergebnis, daß die Vertreter der Städte und Landgemeinden mit den von Dr. Frank geforderten pekuntLvm Opfern sich einverstanden erklärten. Damit dürste» die »och im hiesigen Bezirk der restlosen Durchführung -er Zeutralwohlfahrtspflege, zu der auch die Wanderarmensürforge zu rechnen ist, bestehenden Widerstände und Schwierigkeiten behoben fein. In einer Vorbesprechung, die am Vormittage mit den Referenten und Vertretern der Cafseler Gemeind« und Wohltäiigkeitsvereine stattfand, war auch seiten- -er Gemeindevertretung dem Vorschlag der Delegierten zuge« stimmt worden. Aehuliche Versammlungen, die -er Organisation der Wohlfahrtspflege dienen, fanden in Frankfurt a. M. und Marburg statt. Cassel. (93. Geburtstag.) In bewundernswerter geistiger Frische beging Frau Riekchen Gutkind, die GE» des früher hier amtierenden Lcüres E. Gutkind, den 98. Geburtstag. Seit dem Tode ihres Mannes weilt die durch ihre Regsamkeit geschätzte Greisin im Hause ihres Sohnei» Haunover-Müude«. Essen. (S a n i t ä t s r a t D r. Mendel g e st o r L e tt) Bei Redaktionsschluß erfahre» wir. daß am 18. Dezemiher ö. I. infolge eines Herzschlages der langjährige Vorsitze«-« des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde. SanitätSrat Dr. Felix Mendel, gestorben ist. Mit ihm ist ein Mensch dahingegangen. dessen warmes Interesse für alle jüdische» Angelegenheiten stets zum Segen der Gemeinschaft wirkte. Er gehörte der religiös-liberalen Richtung an und hat noch an der ersten Tagung des Preußischen Landesverbandes als Abgeordneter seiner Heimat-Provinz teilgenommen, Ehre seinem Andenken! . — ...... tr Halle a. d. S. (E inführ ung des Fra»enstichiMrechts.) Auf Vorschlag des Gemeindevorstandetz a. S. haben die Repräsentanten einstirnmig beschlossen, im Laufe des nächsten Jahres die ganze Verwaltung nach dem Verhältniswahlrecht, verbunden mit dern Frauenstimmrecht, neu wählen zu lassen. Trier. (Ein neuer LandesverbandS-AVgeordneter.) Infolge des Hinscheidens von Sanitäts» rat Dr. Meudel-Essen rückt Herr Siegmund Loeb als Abgeordneter in den Verbandstag des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden nach. +44 »»4»»»+»»»»»»» »•»»»+»»+»»« Aus den Gemeinden Sendet die fälligen Beiträge öere in chassidischen Kreisen beschäftigte man sich viel mit seiner Person. Wunöerrabbis und Kabbalisten wetteiferten miteinander, durch allerhand kabbalistische Methoden, mystische Zahlenkombinationen und geheimnisvolle Namendeutungen das Kommen des korsischen „Weltbeherrschers" schon in der Bibel, insbesondere im Buche Daniel, angedeutet zu finden. Im chassidischen Schrifttum finden sich sogar Prophezeiungen, die Napoleons Geburt* Voraussagen, und solche, die seinen Sturz verkünden. So weist der gelehrte Ehassid Aron Marcus iu seinem Werke über den Chassidismus auf ein-e im Jahre 1648 erschienene kabbalistische Schrift „Dan iadin" des Rabbi Schimschon von Ostropolie hin. worin sich die folgende merkwürdige Prophezeiung findet: „In der Zukunft wird der unter der kabbalistischen Formel Armilus benannte Herrscher unter dem Namen Napol, ein Zweig vom Stamme Kains, auftauchcn und sich mit Jsmael verbinden wollen." Der bekannte Kabbalforscher Dr. Erich Bischofs erwähnt in seiner Schrift „Die , abbalah" eine iübische Sage, wonach im Jahre 1812 ein polnischer Kabbalist dem gegen Moskau ziehenden Napoleon seinen bevorstehenden Untergang prophezeit haben soll, nach einem Berichte aus den Sternen, nach anderer Ueberlieferunq durch Gematria (mystische Zablenöeutung), indem er für 1812, d. h. 572 der „kleinen" jüdischen Jahresrcchnung, die Worte fand: kez al Napoleon „Das Ende über Napoleon". Merkwürdiger noch ist folgende durch viele beglaubigte Geschichte: Ein Jahr vor dem napoleonischeu Feldzug gcaen Rußland las der berühmte Chassidimrabbi Israel von Kozieniec am Vorabend des Purimfestcs die Estherrolle vor. Als er an die Stelle kam. wo Seresch. die Gemahlin des Kanzlers Hamann, diesen vor Mardochai warnt und ihre Warnung mit den Worten schließt: napol tipol, was man wörtlich inZ Deutsche mit „fallen wirst du, fallen!" übersetzen müßte, da hielt der Rabbi eine Weile inne und rief dann aus: „Napol, tipol! „Napoleon, du wirst fallen!" Der Kozieniecer Rabbi hatte also damit lange vor dem Moskauer Brand nicht nur den unglücklichen Ausgang des russischen Feldzuges, sondern auch den später» Sturz Napoleons vorauSgesagt. Zahlreich sind die Wundermären, Schriftdeutungen, Wortspiele, kabbalistischen Zahlenberechnuugen, die aus Napoleon Bonaparte Bezug haben. Sie beweisen, wie stark der große Korse die Bolkspban taste im Ghetto beschäftigte. Auch Navolevn-Legcnden, Napoleon-Anekdoten, Kriegsepiiodcu waren im Ghetto im Umlauf. Aus deren Fülle sei hier ' ein Geschichtchen mitgetcilt, das historisch zu sein scheint, da es auch Bismarck einmal gesprächsweise erwähnte. Im Jahre 1812 wurde der berühmte Rabbi Senior Salman aus Ladi, der Begründer einer neuen, unter dem Namen „Ehabaö" bekannt gewordenen chassidischen Schule, vom russischen Hauptquartier beauftragt, einen Kundschafter zu stellen, für dessen Verläßlichkeit er bürgen könne. Der Rabbi war ob dieses Auftrages sehr betrübt, er durfte indes nicht zögern, ihn auszuführen. Er berief einen Ctiavadäer, einen Holzhändler, der im Verkehr mit den Franzosen sich die französische Sprache angeeiguet hatte. Diesem fiel die halsbrecherische Aufgabe zu. sich im Dienste der russischen Regierung bei Napoleon als Spion zu verdingen. Der Mann entrann der Füsilade mit knapper Not. Er kam nämlich eines Abends mit einer wichtigen Botschaft und wurde zu Napoleon ins Zelt geführt. Dieser lag am Fußboden über eine Karte ausgestreckt, die mit blauen und gelben Stecknadeln besät war. In deren Studium versunken, ließ er den Juden am Eingang stehen. Mit scharfem Auge überblickt der Jude den SitnationZplan. Eine Linie, die der Kaiser aufsteckte, wollte er seinem Gedächtnis einprägen, und um diese festzuhalten, ritzte er ein Zeichen mit seinem Daumennagel in den Bleiknopf seines Stockes. So unauffällig die Bewegung war, sie entging dem Falkenange des großen Korsen nicht. Plötzlich stand Napoleon auf, eilte auf den an der Tür Stehenden zu und legte ihm die Hand aufs Herz. Der Ehabadäer, dessen Kopf gewobnt war, das Herz zu beherrschen, blieb ruhig. Da sprach Napoleon: „Du verdienst erschossen zu werden, aber es ist schade um so einen Kerl! Geh' und komm nie wieder!" — Marcus erzählt diese Geschichte und versichert, er habe sie von einem glaubwürdigen Greis gehört, der den Chabadaer persönlich gekannt hatte. Es verdient ferner angemerkt zu werden, daß es auch in hebräischer Sprache eine Napoleon-Literatur gibt, die zwar nicht sehr bedeutend, aber in ihrer Art nicht uninteressant ist. Von der Verehrung und Bewunderung, die Napoleon gleich bei seinem Auftreten in jüdischen Kreisen gefunden hat, zeugt eine Anzahl von Hymnen, die ihm zu Ehren in der Sprache der Propheten gedichtet wurden. Schon als Erster Konsul der französischen Republik wurde Napoleon iu Lobesliedern gefeiert. Elie Hal6vy, nach dem Urteile des Geschichtsschreibers Graetz, ein begnadeter hebräischer Poet, schrieb ein Gedicht „Haschalom" (Hymne a l'occasxon de la paix). worin er die Großtaten der französischen Republik und Bonapartes verherrlicht: das Ge- - dicht ist hebräisch mit französischer und deutscher Uebersetzung erschienen (Paris 1802) und aus dem Titelblatt ist vermerkt, daß der hebräische Text am 17. Brumaire X. in der großen Synagoge zu Paris gesungen und der französische vorgclesen wurde (chantee ert hebreux et lue en fraugais aans la grande Syriaßogue ä Paris le 17. brumaire an X.). Im selben Jahre erschien eine Ode an den Ersten Konsul Bonaparte „Mismor scbir l'Bonapart'* (Straßburg 1802) von Lippmaun Moses Büschenthal. einem gebürtigen Elsässer, und drei Jahre später von demselben eine Ode an den Kaiser der Franzosen „Tehilla'* (Rödelheim 1805). Auch Abraham Bita di Eologna. Grand-Rabbin zu Köln, schrieb „8chir lejom huledeth“, Ode pout le jour de la naissance de Napoleon le Grand, a-vec traduction fran- <;aise par Michel Berr (Paris 1806). „Mismor schir“ betitelt sich eine Ode zur Krönnngsfcier Napoleons (Paris 1804). die einen Jakob Mayer aus Bentheim im Elsaß zum Verfasser Hai, derselbe veröffentlichte ferner ein Gedicht „Mismor lcthoda", Hymne auf die Krönung Napoleons zum König von Italien (Paris 1805) und dann „8ebir", Ode zum Geburtstage Napoleons (ebenda 1806); alle drei Gedichte wurden mit französischer Uebersetzuua des genannten Michel Berr gedruckt. Anläßlich des Friedensschlusses zwischen Napoleon I. und dem Kaiser von Oesterreich verfaßte der brummte Grammatiker Jehuda Löb Ben-Seew ein Gedicht „Kol rina" (Wien 1810), das ebenfalls zur hebräischen Napoleon-Dichtung zuzuzählen ist. Nun — Lobeshymnen auf gekrönte Härrpter sind in der hebräischen Literatur nicht gerade eine Seltenheit; die hebräischen Dichter lobpreiseten vielfach auch Herrscher, die keine Napoleone waren. Aber unter allen Kaisern und Königen ist Napoleon der einzige, über dessen Leben und Taten auch in hebräischer Sprache umfangreiche historische Werke vorliegen. Die Geschichte der Jahre 1812—1813 behandelt MarciiS Aron Günzburg in seinem Werke „Hazarphatim b’RusaU0, Die Franzosen in Rußland (Wilna 1842). Eine Biographie Napoleons gab der hebräische Schriftsteller Phöbus Schiffer unter dem Titel „Toldoth Napolion” in zwei Bänden heraus (Warschau 1849). Den Feldzug Napoleons nach Aegypten beschreibt B. Kestin in seinem Buche „Massa Mizraiiia' (Warschau 1861). Einen Abriß der Geschichte der Juden t« Frankreich und des großen Sanhedrin zu Parts im Jahr« 1807 enthält die Schrift ,,Kizur dibhre naiamim libhne jIsrael b'Zorfath" (Warschau 1864). Eine Lebensgeschichte Napoleons von dem hebräischen Schriftsteller A. M. Mohr, die in Czeruowitz 1855 erschien, führt den sehr bezeichnende« Titel „Dagul merebhabha" (Ein Anserwählter unter Vielen Tausenden), ein durchaus moderner Titel, der ganz gut avch für Ludwigs Buch „Napoleon" passen würde.