Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 51 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ifrel anderen Kunstgattungen bereits überwunden bat. Während nämlich bei den bildenden oder darstellenden Künsten ider sogenannte Rotzstoff in greifbaren Motiven der jüdischen Gestaltenwelt gegeben ist. kann bei einer Kunst wie der »musikalisch«» solche- Material nirgends fertig gefunden werden. Darum mutz man den Ausdruck jüdische Musik im stilistischen Sinne fast ablehnen oder Loch sehr beschränken. Dahingegen könnte man dagrundlegende „Material" zu einer jüdischen Musik eher da finden» wo die allgemeine Musikwissenschaft schürst und gräbt, nämlich bei der Volksmusik. Und wie nach den neuesten Forschungen die gesamte Volksmusik letzten Endes von der religiösen Musik herkommt, so darf man auch die „muLics. osera" der Synagoge als das Gebiet ansehen. in welchem Traditionen und Ueberreste des jüdischen BolksgesangeS sich erhalten haben; rote das ja die grundlegenden Forschungen in Len Arbeiten von A. Z. Jdelsohn bestätigen. AlS den ersten ausgesprochenen Stil in der synagogalen Musik kann der sogenannte Meschorrerim-Gesang angesprochcn werden. Er ist im Zeitalter des a cappella-StileS im 16. Jahrhundert von den Cbasavim in die Synagoge eingeführt worden und fand auch daselbst, wenn auch in nuee. seine gewisse Pflege, die in den Arbeiten üind Kompositionen Salomon Rossis — wie E. Birnbaum dies sehr gut nachgewiesen hat — ihren Höhepunkt fand. Es märe falsch, diesen synagogalen Musikstil zu verschweigen oder ihn als schlechtes Plagiat anznsprechen. Der Unterschied besteht eben darin, daß man der Handhabung des Stiles nur sekundäre Bedeutung beimessen darf, hingegen die interessante Erscheinung entwicklimgsgeschjchtlicher Art, wie der von außen einwirkende Kilnstenthusiosmus auf die strenge Kultuseinheit der Juden wirkt, licrrorheben muß. Vielleicht ist dies der Faden, durch den der Zusammenhang mit der rungebenden aufwqrtsstreberrden Entwicklung einer musikalischen Kunst während der vielen bitteren Schicksals! ahre des jüdischen Volkes zu knüpfen möglich ist. Auch die Opposition gegen das Eindringen des neuen Kunststiles in die Synagoge in den Klagen alter Cbasanim oder Rabbinen gegen die fremden Melodien läßt sich hieraus erklären; ja zuletzt selbst die unsinnige gezierte Gesangsmethode der Ehasanim. die das Mißfallen aller Geschichtsschreiber dieser Epoche gefunden hat, besitzt ihr Pendant im zeitgeschichtlichen Gesangsstile. sMan betrachte die Primadonnenmiseren bei den Händelschen Opernanfführungen in London oder die Darstellungen Mozarts vom Zustande der italienischen Oper.) Mit jedem Sonnenstrahl aber, der die Allgemeingeschichte ideS Judentums trifft, schreitet die Entwicklung des Kvuststiles vorwärts. Die Väter des liberalen Judentums legten wenig Wert auf Entwicklungsmöglichkeit im srmago- Salen Gesangsstile. Einzig das Vorbild der evangelischen Kirche war maßgebend für die Einführung der Gesänge in den ersten Reformsynagogen. Die GcsangStradition der hebräischen Gebete wurde radikal verlassen und Gesänge der ältesten, unbeholfensten Choralliteratur in den Synagogengottesdienst eingefügt. Darin allein lag schon der Todeskeim dieser Musikrichtung. Einige Jahrzehnte später schrieb darum auch Ludwig Philippson in seinem „Kleinen israelitischen Gesangbuch", enthaltend deutsche Lieder und Melodien!zu den feesten usw. (Leipzig 1835): ... die früheren Sammlungen sagten nicht zu. weil die Mehrzahl des darin Enthaltenen fremdem Boden entsprossen, oder zu hoch und steif gehalten, und die jüdischen Momente zu kalt aufgesaßt waren. Hierzu kommt, daß der eigentliche Choral in dem jüdischen Gotteshause nicht Wurzel fassen will, daß er den Juden niemals ganz anheimelt. . ." Dieses Bekenntnis szeugt von großer Enttäuschung. Zweierlei war hier perisaumt worden, zuerst der Anschluß an die Tradition und bann der Uebergana zum lebenden musikalischen Stil. Ein WerL,?das grundlegende Geltung beanspruchen sollte, hätte zuerst seine Unterlagen festlegen oder fixieren müssen. Die erste Form zumindest hätte von einem Manne stammen müssen, in welchem einesteils der Gehalt der traditionellen Linie und andernteils die Konturen der lebenden Formen sich zusammenfanden. Ein Vergleich auf geistigem Gebiete liegt nahe.. Es gäbe wohl schwerlich eine jüdische ReligionSphilosophie oder eine jü- Klabund und Judentum. Von Heinz Leun er -Breslau. In unserer Zeit ist es mehr denn je Mode geworden, bah führende Geister in Kunst, Wissenschaft und Politik eine klare, eindeutige Stellungnahme zu gewissen Dingen und Anschauungen immer wieder zu umgehen wissen; so kommt eS. daß oft die gleiche Persönlichkeit von den Vertretern zweier verschiedenster Richtungen als Zeuge und Anhänger genannt wird. Wer sich dann etwas näher mit der oder jener modernen Größe beschäftigt, möglichst viele ihrer Werke durcharbeitet, findet plötzlich eine Bemerkung, einen Satz oder sogar einen längeren Abschnitt, in dem sich ziemlich unzweideutig die Auffassung des Verfassers über aktuelle Strömungen ausdrückt; so ging cz mir mit Klabund. — und meine Ergebnisse seien im folgenden der lieben Mitwelt übergeben. zumal sie sicher manchen stark überraschen -werden. -- ES ist hier nicht der geeignete Platz, über die literarische Bedeutung Klabunds eine Diskussion zu führen, wir können sie beute noch nicht beurteilen, sollten es wenigstens nicht tun: seine Beliebtheit beim großen Publikum läßt sich iebenfalls nicht leugnen, ebensowenig wie die Tatsache, daß er ein geschickter Bühnendichter ist. Wir wollen hier nur über seine Stellung zum Judentum und dessen Gegnern reden: damit soll nicht gesagt fein, daß die Bedeutung einer Persönlichkeit «on seiner Stellung zum Judentum abhängt, so kleinlich wird wohl niemand sein, — aber es ist immerhin interessant zu erfahren, wie sich der Dichter des „Kreidekreises"' .der sich über alle Klassenunterschiede hinwegsctzt. zu dieser brennenden Gegenwartsfrage stellt. — Schon vor längerer Zeit ist im Verlag von Dürr und Weber (Leipzig) ein Büchlein erschienen, das sich „Geschichte der Weltliteratur in einer Stunde" betitelt und von Klabupd verfaßt ist: auf Seite 26 dieses Büchleins, das im übrigen glänzend geeignet ist. die fetzt leider so häufig unzutreffende Halbbildung zu befestigen, behandelt Klabund das Thema „Juden und Christen" und beginnt: „Man kann einen geistig fundierten ÄntisemitismuS anerkennen, der sich gegen die Grundlagen der semitischen Religion richtet, wie sie sich im Alten Testament ausvraaen. Was für ein entsetzlicher, unethischer Gott ist Jahwel Er schafft die Menschen, läßt sie schuldig werden dann überläßt er sie der Pein und bestraft sie für die Frucht, Seren Samen er in sie gelegt. Er ist der Gott der Rache, des grauenvollen Gesetzes: Auge um Auge. Zahn um 'Zahn —", in dieser Art geht es dann weiter, wir hören von einem Gott der blutigen Gewalt, der kein Erbarmen kennt und „Abraham befiehlt, seinen Solln zu schlachten". Man möchte sich fragen, ob man ein Werk von Klabund oder von einem Ehamberlaln oder Dinier vor sich bat: bat man auf Grund des ersten Satzes vielleicht noch eine objektive, wenn auch feindliche Auseinandersetzung erwartet, so stößt man bald aus jene wilde Gehässigkeit, wie sie wohl antisemitischer Radaumacher, nie jedoch eine- Dichters würdig ist. Oder ist Klabund kein Dichter, sind alle seine Reden von Menschlichkeit und Gleichheit aller nur leere Worte, mit denen ein Tartüff die große Masse zu fangen sucht?! — Wenn man auch im ersten AtzLenblick der gerechten Empö- Lische Wissenschaft, wäre nicht der Talmud von einem Manne niedergeschrieben, der Len gesamten Inhalt der Tradition mit der zeitgemäßen Technik in seinem Wisien vereinigte. So Hütte eine echte, den Keim.einer Weiterentwicklung in sich tragende Synagogenmusik auch Len geeigneten Schöpfer finden wüsten, der nur aus den Reihen der Ehasanim. die bisher die Tradition gepflegt hatten, entstammen konnte. Die ersten Reformer hingegen wandten stch gerade in musikalischen Dingen von den damaligen Ehasanim ab, weil sie in keiner Beziehuna deren Stil verstanden, und ließen sich von kleinen unbedeutenden christlichen Musikern einen neuen synagogalen Stil schreiben. Die eine Vorbedingung zur Entwicklung war aber dennoch damit erfüllt, die synagogale Liturgie kam mit unausweichlicher Macht mit den modernen Formen der Musik in direkte Berührung. Und es war dem Kantor Salomon Snlzer Vorbehalten, sich mit diesen Formen, mit ihren Gesetzen und Wirkungen, mit ihrer gebundenen freien Stil-' art auseinanderzusetzen. Für Sulzer war die Aufgabe fest Umrissen. Die bisherige synagogale GesangSlinie sollte alS maßgebender Faktor in die neue Kunstrichtung der Synagoge einbczogen werden. Mit anderen Worten: Das harmonische Element sollte sich mit dem Melos der hebräischen Sprache und der snnagogalen Liturgie dermaßen verbinden, daß ein speziell jüdische- Empfinden (cum Srano osckis) daraus hervorleuchtet. — Jedoch ein Kunststil tritt nicht hervor wie Pallas Athene aus dem Kopfe des Zeus, sondern entwickelt sich in ruhig stetigem Aufgang. So stehen die Bearbeitungen und Kompositionen Sulzers noch mit einem Fuße in ganz anderer Zeit, während die musikalische Form ihren Zusammenhang mit der Klassik in der deutschen Musik bekundet. Läßt man die Stimmführung dieser Gesänge auf sich wirken, so wird man sich bewußt, daß hier eine uralte Form spricht, die in Noten fixiert ist. Derart faszinierend hat Sulzer diesen Stil zu handhaben gewußt, daß es den Anschein erweckt, hier läge nicht der Beginn einer Epoche, sondern das gewaltige Ende einer solchen vor. Wenn auch nicht übersehen werden darf, daß zwischen den beiden Teilen des „Schir Zion" fast ein halbes Jahrhundert liegt, das in stilistischer Hinsicht immerhin eine gewisse Ausprägung gebracht hatte. Ter Unterschied der beiden Teile liegt in der Befestigung eines eigenen Stilcharakters. Hatte Sulzer im ersten Teil auf die Mitarbeit nichtjüdiicker Musiker noch gewisten Wert gelegt, so wurde es ihm wahrscheinlich nach und nach bewußt, daß eine werdende völlig neue Kunstrichtung durch fremde Einflüsse keinesfalls geschaffen werden kann. Um die damalige Zeit ließ sich diese verfehlte Stellunvnahwe schon an einem größeren Werke, an den Münchener Gesängen, die im Jahre 1839 von dem Lehrer Kohn zusammengestellt waren, beurteilen. Wahllos hatten hier berühmte Kirchenkomponisten Kompositionen für die Synagoge hergLsrerli, die aber lediglich den inneren Zwiespalt anfdecktcn. Derselbe Fehler lag natürlich auch im Snlzerschen Werke, ja. er hat sich hier geradezu schicksalsschwer ausgewirkt. Ließen doch viele indische Großgemeinden nach diesem Verbilde die musikalische Ausgestaltung ihres Gottesdienstes ausschließlich von kleinen lokalen Musirsternen oder christlichen Organisten besorgen. Typisch zeigt sich solch ein Fall durchgehender christlicher Vorherrschaft bei der Entwicklung der Synagoqeumusik in Baden. Hier lag die Ordnung der Großgemeinden wie der Kleingemeinden schon früh in obrigkeitlichen Händen, so Saß eine Zusammenfassung auch auf musikalischem Gebiete ohne große Mühe hätte erstrebt werden können. Es ergab sich aber bald das Bild, das Ellbogen in seiner „Geschichte des jüdischen Gottesdienstes" von der damaligen Entwicklung der Reform im allgemeinen schon zeichnet; das Hervordrängen ehrgeiziger, enthusiastischer Laienkreite führte die ganze Entwicklung auf fremde Bahnen. (Wie diese Richtung aber heute noch eingohalten wird, kann mau aus Hem Programm ersehen, das anläßlich eines Synagogenjubiläums in Karlsruhe aufgestellt war. Während nicht eine einzige hebräische bzw. synagogale Komposition gesungen wurde, wiesen die Besprechungen in den jüdischen Zeitungen auf die „hervorragenden" Leistungen des Chors, der unter Leitung eines Musikdirektors X. der Feier erst die Weihe gast.) Ju anderen Großgemeinden liberaler Richtung. die Reihenfolge immer dieselbe: zuerst ein besonderes Gebet« buch, damit eine neue Gebetordyun- und dann, »ä hoc, neue Synagogengesänge. So entstanden in den dreißiger und vierziger Jahren, Kompositionen für die einzelnen Synagogen, die von -em- Stkle Snlzernur die lineare Gestaltung beibehjelten, dagegen da- Charakteristikum SulzerS. die polyphone Durch« arSeitung seiner Ehorgesänge. fallen ließen. An dieser Abweichung waren weniger die Kantoxen schuld, als die nichtjüdischen Elemente, die die musikalische Gestaltung der neuen Synagoge beeinflußten. Dieser Zustand hätte sich vis zur völligen Negierung eines synagogalen Stiles ausgewachsen, hätten nicht die Kantoren, anstatt neue Kompositionen zu schaffen, die alten Melodien zu sammeln angesangen. ES entstanden so die großen Sammelwerke von Beers ,^6aal- T'fillah" bis zum Frieümannschen „Schir lischlomoli". Man darf darum diesen Werken kein Mißtrauen entgegenbringen, als seien sie mehr Derlegenheitsprodukte einer anssteigenden Kunstrichtung, vielmehr muß man in ihnen die Grundfesten eines synagogalen Stiles erkennen und bewerten. Dazu kommt aber die Minderwertigkeit der zu jener Zeit entstandenen Orginalkompositioneu. In der allgemeinen Chormusik blühte damals ein merkwürdig verschwommener Stil, der in der allgemeinen Musikgeschichte die Bezeichnung: „Lidertafelstil" erhalten: hat. Dies nennt man eine allgemeine Verflachung der Chormusik, und in diese Zeit fällt der Weiterbau der synagogalen Musik. Besonders die nichtjüdische Richtung steht durchweg in und sogar vielfach hinter dieser Stilepoche. Von den Synagogenkomponisten erheben sich manche darüber. z. V. Weintraub in Königsberg und Löwenstamm in München. Dagegen sagt Deutsch in der Vorrede seiner „Breslauer Gesänge" über seine Einfachheit: „Um auch technisch ungenügend ausg «bildeten Chören die Ausführung zu erleichtern. habe ich den Tonsatz ohne Polyphon i e klar und einfach konstruiert. . Wo hat man in irgendeiner Kunstgattung solche Rücksichten schon gehört? Singen nicht auch „ungenügend ausgebilöete" Chöre Messen, in denen mächtige Fugen Höhepunkte darstellen, und ein Chor in der Synagoge sollte keine einfache Nachahmung singen können? — Auch hierbei lag der Fehler nicht an den Kantoren, vielmehr wußten viele, was der Synagoge fehlte. Jedoch es fand sich keine Gemeinde, die, wie beispielsweise der jüdischen Wissenschaft, der synagogalen Musik eine Stätte zur Pflege oder zur Propan giernng geboten hätte. Das Interesse der Gemeinden war hauptsächlich auf stimmgewaltige Kantoren gerichtet, worunter sich wenig schaffende Naturen fanden, die den richtigen Kontakt mit der umgebenden Musik batten. Es zeigt sich trotz der hochentwickelten Anfänge des Sulzerschen Stiles ein rapider Verfall. Dieser wurde durch eine Persönlichkeit aufgeHalten, welche genügend Kräfte besaß, diesen berstenden Stil festzulegen. Das konnte nur ein Antipode Sulzers sein: der Cboröirigent der jüdischen Gemeinde in Berlin. Louis Lewandowski. Den Stil Lewandowskis kann man nur zeitgeschichtlich erfassen und erklären. Es ist dasselbe Verhältnis wie Lei der Predigt in unserem Gotteshause. Die orthodoxe Syna- goge hatte -von vornherein die 'Stilrichtung des jüdischen j Chorals verpönt und verworfen. Die Bedürfnisse jedoch, eine geordnete musikalische Kunst in Sie orthodoxe Synagoge einzuführen, drängten immer mehr. Und Leivanöowski war es. der in diesen, figürlich ausgsdrückt, seelischen Konflikt der orthodoxen Synagoge als Komponist hinein» gestellt wurde. Es trifft sich bei ihm dreierlei: die Notwendigkeit eines Stiles, der dem überlieferten Gottesdienste genehm ist. der pompöse Su-llzersche Zeitstil und zuletzt Lest ' Choral der ersten liberalen Synagoge. Lewandowski ent»-)?, scheidet sich nach der Lage der Verhältnisse für den deutschen Choralstil. unter Ablehnung jeder Polyphonie. Diese! Art des Musizierens ist im letzten Grunde sehr stark spekulativ beeinflußt und kommt dadurch dem romantischen Zeitgeiste Le-wandowskiH sehr entgegen. Der Rationalismus dieser Zeit sah in dör Betonung einer einseitig harmonisch eingestellten -Schaffensweise das Wesentliche des musikalischen rung gewillt sein mag, diese Frage mit einem glatten Ja zu beantworten, muß man bei ruhiger Ueberlegung zu einer anderen Lösung kommen. Wir haben hier den heute nicht seltenen Fall, daß eine Persönlichkeit, die ein geistiger Führer und Wegeweiser sein will, selbst die traurige Rolle des Verführten spielt und statt Klarheit, die er gern schaffen will, nur Unklarheit, statt Liebe Hatz, statt gegenseitigen Verstehens einen Abgrund schasst. Woher Klabund seine „Auflassung" genommen hat, weiß ick nicht, es ist auch im Hinblick auf den Effekt gleichgültig; nur eines scheint mir festzustehen, hier redet nicht Klabund, sondern irgend einer jener WahrheitZapostel. wie sie seit langem unser Volk systematisch vergiften, — es bleibt allerdings die traurige Tatsache, daß sich ein Geist wie Klabund von solchen Leuten beeinflussen lassen konnte. Umsomehr traurig, als in den übrigen Abschnitten des Büchleins nur Klabund spricht, nicht der Verfasser irgend einer anderen größeren Literaturgeschichte. wie man das vielleicht annehmen könnte, auch nicht der Vertreter einer anderen Weltanschauung als der Klabunds. also reine Subjektivität, in ihr aber eine gewisse objektive Linie, die man anerkennen muß. — Dock kehren wir zu unserem Abschnitt zurück: auf Seite 28 svricht Klabund über das typisch Deutsche und das typisch Jüdische. Der deutsche Gott Iwie unterscheidet sich übrigens dieser von dem christlichen) ist für ihn der Gott der Natürlichkeit, der Unschuld, der der reinen Freude und des reinen Schmerzes, während ihm der jüdische als ein Gott der moralischen Forderung, der Strafe, Belohnung und Rache erscheint, dessen Dichter den Menschen ändern wollen, während die germanischen (das sollen wahrscheinlich die deutschen sein) ihn nehmen wie er ist. Nachdem Klabund dann noch dem jüdischen Gott Proselntenwerbung. Herrschsucht und Vielrederci statt Taten vvrgeworfen hat. kommt er zu dem frappanten Schluß, baß man den deutschen Gott einen Gott des Seins, den jüdischen einen des Wollens nennen könne. Soweit Klabund! Lasseu wir alle Erwägungen beiseite, ob ein selbst literarisch beschäftigter Mensch die geeignete Person ist. eine Literaturgeschichte, also in gewissem Sinne ein wissenschaftliches Werk zu schreiben. — und gehen wir auf seine Vorwürfe etwas näher ein; denn bekanntlich richtet man bei solchen Leuten mit der Feststellung, ihre Worte seien eine Reihe aneinandergcfügter übler Schlagwörter. nichts aus. Wir resümieren noch einmal: Rache, Unethik, Grausamkeit. Unbarmherzigkeit. Toleranzlosigkeit. und weiter: moralische Forderung und Herrschsucht: welche Fülle von niedrigsten, vagen Behauptungen, deren geistiges Niveau schon aus den darin enthaltenen Widersprüchen (Unethik und moralische Forderung) deutlich hervorgeht. Kla- Lund bat sicherlich das Alte Testament gelesen, aber wahrscheinlich an Hand eine? jener Kommentare, die alles Zusammenhanglose und Unerfreuliche so gut zu finden wissen, daß es dem Uneingeweihten nicht leicht fällt, ja sogar unmöglich wird, sich ein richtiges Urteil über dieses «Buch beS Lebens" zu bilden. Wir wollen das Schöne und Erhabene suchen, nicht das Häßliche. daS ia doch immer wieder untertaucht in der Menge von Güte und Liebe, die im dritten Buch Mosis in den Worten gipfelt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, — und weiter: Du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst. Und diese Liebe findet sich stets von neuem im Alten Testament: wie ist es denn andermöglich, wo beim Judentum die Ethik nicht eine Nebenforderung. nicht etwas Hinzugefügtes ist. sondern die Hauptforderung, die Grundlage des Ganzen. Hängt doch der jüdische Gottesbegriff mit dieser Ethik aufs engst« zusammen, es gibt nur eine Ethik und daher nur einen Gott. Und diese: eine Gott stellt au seine Menschen die sittliche Forderung, alle jene ethischen und sozialen Gebote, die über den Rahmen Israels hinaus der gesamten Menschheit diktiert sind; dieselbe moralische Forderung, die Klabund dem Judentum vorwirft, hat das Judentum auf seiner Jahrtausende währenden hohen Mission geleitet und durch alles Elend und alle Not immer wieder zum Licht emporgeführt, — Gutes tun um des Guten willen. — Daß nur der jüdische Gott die Sünden der Väter bis in das dritte und vierte Geschleckt verfolgt, wie Klabund dies behauptet, möchte ick stark bezweifeln und empfehle dabei dem Dichter die Lektüre von Ibsens „Gespenstern". Am lächerlichsten wirken wohl die Vorwürfe der Unbarmherzigkeit und der — Proselytenwerbung; diese ist nur ein einziges Mal während der ganzen jüdischen Geschichte vorgekommen, nämlich bei den Samaritanern, und hier hat man es bekanntlich bitter zu bereuen gehabt, — seitdem ist das Judentum die einzige Reliaion. die keinerlei Mission betreibt und niemals unter Andersgläubigen geworben hat. Von der Barmherzigkeit der Juden unter einander zu sprechen, erübrigt sich wohl, und waS die Barmherzigkeit anderen gegenüber anlanyt, ist sie bestimmt ebenso groß wie umgekehrt die christliche gegen Juden gering ist; man sollte dabei nicht übersehen, daß diese Verkünder der großen Liebe ein Jahrtausend hindurch daS Judentum ganz anders als liebevoll behandelt haben, waS vielleicht auch dem Dichter bekannt sein dürste. — Wir sind am Schluß an gelangt. Klabund bat mit seinen Ausführungen unbedingt unter seinen Lesern wenig Anklang gefunden; denn bisher betrachtete man ihn wohl allgemein als einen vorurteilsfreien Literaten, den gerade in tolerant denkenden Kreisen einen starken Anhang besaß, — und ich kann nur für ihn plädieren, indem ich sage: Furane est humanmn, was jedoch nicht entschuldigen, sondern nur mildern kann. — Die Wormser Jude» im Schreckensjahr 1689. Bou S. Rothschild, Worms. Vor einigen Monaten feiert« die hiesige evangelische Gemeinde ein großes Fest«W»r Erinnerung an die vor 260 Jahren erfolgte Einweihung der Dreifaltigkeitskirche. Bei dieser Feier wurde besonders des Stadtratmitgliedes Saiden) ander gedacht, nach dessen Namen auch eine Straße benannt ist. Dieser um die Wiedererbauung der Stadt nach der Zerstörung derselben durch die Franzosen verdiente Mann hat gegen die Juden in ganz fürchterlicher Weise gewütet. Gern hätte er die Juden nach der Wieder» crbauung «»-gewiesen, aber der Kaiser duldete das nicht. Man sollte eS kaum glauben, was er den Juden allewährend der Besetzung d^rch dir Franzosen angedichtet.