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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-18 · 51 (18.12.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
51 (18.12.1925)
Date
1925-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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V Schöpfertums. Es brauchen uns die Fehler oder die An» Lersartuug des musikalischen Stilgefühls der romantischen Zeitpertode nicht zu interessieren, aber die Einstellung Le. warrbowsLis mutz uns. die wir musikalisch anders m denken und -u füblen gelernt haben. anregen, eine gewisse Begrenztheit -er musikalischen Erfindung LewanLowskiS und auch «ine relative Kleinheit seines Horizontes, die sein« Musik einschränkt, anstatt sie frei strömen zu lassen, einzusehen. Wir wollen gern Lewandowski ein großes Kräftematz zu» gestehen. wollen zugeben, -atz es sogar in seinem Willen gelegen, -ie bei ihm sich zeigenden neuen Anfänge der synagogalen Musik einer gewissen Klassik entgegen zuführen. Er übersah dabei nur, -atz die Bedeutung -er klassischen Musik gar nicht in der Betonung eines rein formal-harmo- Nischen Prinzips liegt, vielmehr in -er freien Entfaltung ungebundener melodischer Energien. Diese Erkenntnis war ihm, dem Sohne und Schüler der Romantik, nicht mehr gegeben, und so flüchtete er — gedrängt von den Zettver« siältnissen — in ein formal-harmonisches System, daS er bis zur bizarren Berflachuug auspretzt. Es drängt sich unwillkürlich eine Distanzierung zu Sulzer aus. und man möchte sagen: hätte Lewandowski vor Sulzer für die Synagoge gearbeitet, so könnte man seinen Stil als Vorläufer einer großen Epoche, die in Salomon Sulzer ihre Krone findet, erklären. Man hätte nicht nötig, über das Werk Lewandowskiso viel zu reden, hinge nicht die ausschließliche Propaganda von Berlin an dem Nam-n. Und sicherlich wäre die Weiter, entwicklung der synagogalen Musik bekannter geworden, hätte die Grotzgemeinde Berlin sich nicht auf den Namen Lewandowski festgelegt. Was „grundlegend" am Werke Lewandowskis ist, wird auch ohne Schutz'hciligkeit von der Kantorenwclt anerkannt. Ein Stilprinzip der synagogalen Musik hat Lewandowski jedenfalls schon damit festgehalten. baß er die Neberlieferung nicht nur durch Notation allein (wie feine Vorgänger), sondern auch harmonisch festgelegt hat. Darin möchten wir nun das Prinzipielle am Werke Lewandowskis sehen, wonach sich die Konscguenz ergäbe, daß wir seine Arbeiten an die Spitze der großen „Sammelwerke" stellen müssen. Vielleicht dachte Lewandowski selbst nicht daran, das führende Prinzip der synagogalen Musik zu sein, wie er bekanntlich zuerst sein „Kol Rinnoh" lein Sammelwerk'.) herausgab: dann brauchte uns die traditionelle Linie nicht „verfüÄicht" zu erscheinen, sondern seine knappe Harmonik könnte vertieft und die thematische Begrenztheit erweitert werden. Ein kleines Beispiel möge den Gedanken veranschaulichen. Lewandowski schrieb nur einmal „K'duschä"-Sätze, die er. wie bekannt, selbst nicht hoch einffbähte (er lietz in feiner Synagoge immer die Sulzerschen Sätze singen). Will man nun die Lewandorvskischen Sätze aus ihrer Begrenztheit und zeitgeschichtlichen Schwäche ienes Dreivierteltaktes herausheben, so gebe man (beispielsweise beim „Kvdvsck") dem ersten Takteile einfach einen Quartenvorhalt im Alt, und schon belebt sich die Melodie ohne jegliche Tempoübereilung. Behält man den Borhalt weiter bei. gibt ihn später als Sekunde in den. Batz, dann lallen sich sogar die Silben leichter repartieren, und auch die Woge der melodischen Linie kann regelmäßiger durch alle Stimmen vlätichern. Mit jeder Piöce könnte man bei Lewandowski durch solche kleinen harmonischen Umstellungen oder Ergänzungen, wie sic Joseph Sulzer in der Neuausgabe des „Sckrr Zion" vorgcnommen bat lSchir Zion, revidiert und neu herausgegeben von Josevh Sulzer 1603, 3. Ausl. I. Kaufmann, Frankfurt a. M.. Borwort S. 10). die Spanne verkleinern, die fein Schaffen von dem musikalischen Empfinden unseres wanndekbaren und vorwärtsdrängenden Zeitalters trennt. Bei den schaffenden Naturen unter den Kantoren hat Übrigens der Lewanöowskische Stil eine gegenteilige Wirkung hervorgeruien. Es sei gestattet, dies an einem Ausspruch zu illustrieren, den der kürzlich verstorbene Oberkantor Henle-Hamburg gelegentlich eines Besuches im Winter 1917 zu mir tat. Henle. der einen geradezu pedantisch-genauen Kontrapunkt in seinem Stile liebte, meinte resigniert: „Lewandowski ist unser Unglück, er hat das SvnagogeupubMum verkirchlicht." Damit forderte Henle: das Kaniorat müsse aus dem Kirchenstil heraus und einem originalen Synagogatstil den Weg weisen. Eine solche Forderung wurde aber von noch mehr schaffenden Geistern erhob«« und ist zum Teil schon erfüllt worden. Das Schicksal unserer Disziplin revidierte sich zum zweiten Male, indem ein Schüler Lewandowskis, der Münchener Oberkantor Emanuel Kirschner. sich über seinen Meister erhob und mit originaler Wesentlichkeit in seinem Schaffen für sie den Grund legte. Kirschner wendet sich in seinem Stil zur Klassik der synagogalen Musik, zu Sulzer, zurück. Und er baut diesen Sulzerschen Stil weiter, füllt Wesentlichkeit und Knappheit in seine Form, gliedert syntaktisch durch Halb- und Ganzschlüsse Modulation und rhythmische Phrasierung, um dem hebräischen Sprachstoff sein Melos abzugewtnnen. — Nach Kürschners Anfängen kam aber ein kleines Intermezzo i,m Ausbau der synagogalen Musik. Der Gedanke des GemeindegesangeS wurde in die Debatte geworfen. Biele von den Kantoren haben Heil und Anerkennung hierin gesucht, und — sind gescheitert. Man vergaß, datz zu einem Unisonogesairg wehr gehört als eine diatonische Tonleiterfigur. Der Wert eines Gemeindegelanges ist unbestreitbar: jedoch lätzt er sich in unserem Falle nicht mit dem kirchlichen vergleichen, der eine mit den Fortschritten der Zeit gewandelte Gesangstraditiou in sich birgt. Unsere chasonale skantorale) Tradition weiß aber nichts von Taktstrich und Fermate und muß darum dieses kirchliche Muster wohl stets ein Fremdling in der Synagoge bleiben, wie das ja auch die Praxis gezeigt hat. Allerdings hat ein stilistisch korrekter Meister wie Emannel Kirschner einen gangbaren Weg gewiesen. Jedoch würde es zu weit führen. dies eingehender darzulcgen. Ein synagogales Werk läßt sich nach seinem einheitlichen Stil am besten in der Bearbeitung der alten traditionellen Linien abschätzen und prüfen. Nimmt man z. V. die „Moos- Zur"-Melodie und betrachtet ihre Bearbeitung in bezug auf rhythmische und harmonische Struktur in der synagogalen Literatur, so findet man nur bei Kirschner eine geradezit eigensinnig originale Gewandung, die aber aufhorchen läßt und mitreitzt. — So hat sich durch Kirschner der synagogale Stil gehoben. Es gibt aber noch zwei Fälle, die den Ansatz über Kirschner hinaus gemacht haben. Der eine ist Josef Heller in Brünn, und der zweite Alfred Rose in Hannover. Beide orientieren sich selbstverständlich nach Sulzer oder Kirschner, nur weisen sie dabei Temperamentsunterschiede auf. Heller hat wohl das Format SulzerS, aber ihm mangelt die Tiefe. Seine Arbeiten sind „wohldurchöacht". im extremen Musikstil gehalten, ihm fehlen aber, wie ein moderner Musikkritiker einmal sagte, die zwingenden Kadenzen, weshalb er leicht phrasenhaft wirkt. Dagegen stellt Rose das ernsteste Problem. Schade ist, daß es ihm an einer kantoralen Linie mangelt, und daß eine trockene Textbehandlnng den Stil beeinträchtigt. Was kann aber das schöne Wort von der originellen Stilbehandlung nützen, wenn unsere Synagogengemeinden sich nicht um die Einführung und Ausführung mühen? Ist doch heute zu beobachten, wie einesteils über die Hülste der Kantoren keine Ahnung hat von dem Ringen um die Gestaltung Her Form und des Stiles in der synagogalen Musik, und wie andererseits das Publikum sich in den Kouzertsälen gar nicht extrem genug gebärden kann, während der Musiksti! in seiner Synagoge dem 16. Jahrhundert nahesteht. Die synagogale Musik ist kein Kind mehr, sie ist über Japhet und Noumburg längst hinausgewachsen. Wie wäre es, wenn das liberale Judentum sein erwachsenes Kind wieder protegieren würde, um das Wachsen und Reifen seiner Werte zu fördern?. EnHMunq eines Grabdenkmals für K. Goldmark Auf der jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofes wurde am 8. Dezember unter zahlreicher Beteiligung offizieller Kreise und der Wiener Künstlerschajt die feierliche Enthüllung des von der Kultusgemeinde gestifteten Grabdenkmals für den Komponisten Karl Goldmark vorgenommen. Erschienen waren Vizebürgermeister Emmerling als Vertreter der Stadt Wien, der ungarische Gesandte Graf Ludwig Ambrozy, Hofrat Dr. Wisoko vom Bundesmmisterium für Unterricht, der Rektor der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hofrar Dr. Marx, der Direktor der Staats» oyer Schalk, ferner Vertreter aller Schriftsteller-, Kurrst- und Kulturveretne, sowie eine Vertretung der Stadt Gmunden, die zu Ehren Goldnrarks, der dort mehrere seiner Werke komponierte, eine Gasse nach ihm benannte. Die Feierlichkeiten begannen mit einem Psalmvortrag des Tempekchvrö unter der Leitung des OberkantorS Kaufmann, worauf Oberrabiner Prof. Dr. Chajes dem verstorbenen populären Komponisten eine Gedenkrede hielt und auSführte, in ihm war der Genius deS jüdischen Volkes lebendig gewesen: die jüdische Seele sprach in Tönen aus seinem Schaffen. Die große Reihe der schaffenden jüdischen Musiker von Felix Mendelssohn bis Gustav Mahler, sie alle waren ausgewählte Instrumente der jüdischen Seele. Die Wiener jüdische Gemeinde wird das Denkmal des Schöpfers der „Königin von Saba" und anderer musikalischer Meisterwerke in treue Obhut nehmen. Im Namen der Gesellschaft der Musikfreunde hielt Regierungsrat Dr. Sieger eine begeisterte Gedenkrede, worauf ein Damenchor des Singvereins Goldmarks „Wer sich die Musik erkiest" anstimmte. Der Trauerzug bewegte sich hierauf von der Zeremonienhalle zum Ehrengrab. Der ungarische Gesandte legte einen Kranz mit einer Schleife in den ungarischen Nationalfarben nieder. Der Präsident der Kultusgemeinde Wien, Prof. Dr. Pick, dankte allen, die Goldmark ehrten, insbesondere dem Schöpfer des Denk» nrals. Prof. Hegenbarth, und nahm das Denkmal in die Obhut der Kultusgemeinde. Dann fiel die Hülle. Von der Geburisstadt Goldmarks, Leszthely in Ungarn, ist an das Denkmal-Komitee eine Depesche gelangt, in der es heißt: „In feierlicher Stimmung gedenken auch wir des großen Sohnes unserer Gemeinde Karl Goldmark, dessen! unvergänglicher Ruhm unser Stolz ist." Port«» * Feingebäck mit garantiert reiner Naturbutter für alle Festlichkeiten liefert frei Haus MMWMNMMMr Gegründet 1827 Berim NW 6, Albreditstr. 19 Telephon: Norden 8011 Einiges möge hier mitgetcilt werden, und dann die Widerlegung der Anklagen durch Eanstatt, einen Christen, dem Redakteur der „Wormser Zeitung". im Jahre 1889. als 200 Jahre seit der Zerstörung verflossen waren. Seidenbäuder schreibt unter anderem: „Zeit während der Kapitulation hat sich auch dieses strafwürdig zngetragen, datz die Juden im Veysein des Magistrats als ihrer Obrigkeit aus offenem Platz durch den Schultlepper bei dem Brrbesier eine aparte Beschützung gesucht, desgleichen sie auch durch zweimalige abschickung in datz Lager vor Philippsburg und Frankenthal getan, dem Dauphin ein present von einem ganz vergölten hohen Poeal zu tun. davon sie aber abgehalten worden, demselben allezeit in die Ohren gepispelt und die Hände gedrückt: und ob sie schon zum zweitenmahl von dem Stattmeister in ihre Gaste zu gehen befelckst worden, staben sie es doch nicht getan, bis ermelter Schuhklepper dem Barbesier nochmals die Hände gedrückt und bedeutet, daß es dabei sein Verbleibens habe." Seidenbänder fährt fort: „Als am 2. Dezember der General d'Hnxelles mit einer Suite von 70 Personen stark das erste Mal in die Stadt gekommen, haben die Juden sich herbeigemacht und im Angesicht der Stadtdepntation durch den Schnlklepper Abraham zur Kanten und noch einem Vorsteher zwei geputzte fette Gänse mit goldenen Luisen gefüllt in einer Schüssel, in der anderen eine große Gänsleber, in der dritten aber Citronen und Pommeranzen präsentiert, so er auch angenommen, das Faß Wein aber, so der Herr Bischof verehren wollte, hatte er nicht acceptiert. außerdem hat Liese gottlose Nation das kaiserliche Wappen, das viele Jahre hier an ihren auf beiden verschlossenen Gassentoren angeheftet gewesen, abgerissen und das königliche, französische mit sonderbarem Frohlocken angeschlagen." Dies nur eine kleine Blnmenlese. die man noch bedeutend vermehren könnte, aber sie ist genügend, um den Reorganisator Seidenbänöer als „Antisemiten" zu zeigen. Auf diese Vorwürfe antwortet Canstatt in seiner Schrift wie folgt: „Seiden- Länöer dichtete den Juden mehr an. als er verantworten kann. Man sollte doch nickt vergessen, daß die Klugheit der Juden es ihnen von selbst verboten hätte, sich so schroff Len christlichen Wormsern gegenüber zu stellen, da sie ja gar nicht wissen konnten, wie lange die französische Okkilpation Lauern und wann Stadt und Land wieder in deutscher Gewalt sein würden. Ferner war die Judenscliaft im 17. Jahrhundert nach der Tradition früherer Jahrhunderte viel zu sehr daran gewöhnt, sich unterzuordncn. als daß plötzlich ein so unfügbarer Geist in sie fahren konnte. Daß sie die Franzosen bestochen, scheint unwahr zu sein, da die jüdische Gemeinde nach Ausweis ihrer Archinalien arg veriÄuldet war und geaen alle Welt pekuniäre Verpflichtungen zu erfüllen hatte*). Es mag sein, daß bei dem Stadtbrand die Judengasie etwas glimpflicher weg-gekommen ist: tatsächlich jedoch erreichten ganz ohne Frage die alles verheerenden Flammen auch das damalige Jndenquartier. Die ganze innere *) Siehe hierüber meine neueste Schrift: Die Abgaben» und die Schuldenlast der Wormser jüdischen Gemeinde Einrichtung der.Synagoge war ja samt dem Dachstu.hl ein Raub des Feuers geworden, die Synagoge selbst wurde vyn den Franzosen noch zum Pferdestall und von den später heimkehrenden Bürgern als Speicher benützt. Wenn man das Aktenstück liest, welches die Juden von Worms am 23. Februar 1880 an den Rat de-,- Stadt gerichtet, fentmt man zu einer arideren Ansicht als dre des Herrn Seidenbänder. und was das Märchen betrifft, als hätten die Juden die deutschen Adler abgerissen und dafür die französischen Lilien angebracht, möchten wir noch die Worte eines jüdischen Zeitgenossen Rabbi Abraham Wallcrstein aus Worms anführen: „Er (der Franzose) hat all die Adler abgeschlagen, die da sind angeschlagen gewesen an den Pforten, denn über Worms ist der Kaiser Schutzherr gewesen. Alsa hat er die Adler herabschlagen lasten und hat seine Wappen lassen anschlagen: drei Lilien, und er hat lassen die Stadtmauer einbrechcn. Das haben müssen die Bürger selber tun und die Juden auch." Um aber Seidenbänder weiter zu entlarven und festzustellen, datz sich die Juden nicht in so rosiger Stimmung befunden haben, mögen noch die elegischen Worte des damaligen bewährten Rabbiners I a i z B o ch a r a ch angeführt werden: «Nnstät und flüchtig irre ich seit der Zerstörung der Stadt umher: ich war in der Fülle der Manneskraft und bin plötzlich zum Greise geworden, meiner Augen. Licht ist getrübt, die Schärfe meines Geistes ist gebrochen, denn Rot und Elend sind meine ständigen Begleiter." Bedürfte es noch eines weiteren Beweises, daß Seidenbänder die Tatsachen gefälscht hat. dann darf man nur den im Archive der hiesigen jüdischen Gemeinde befindlichen, in hebräischer Sprache geschriebenen Brief des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Metz vom Jahre 1089 an den hiesigen Vorstand lesen, der leider für Milderung der vielen und schweren Leiden keinen Weg anzugeben vermag. Fast 250 Jahre sind es. daß sich diese Geschichte zuge. tragen. Jst's inzwischen besser geworden in dieser langen Zeit? Wie damals, so auch heute: Verleumdung der Juden und des Judentums allerorten, und wenn auch die Gerichte die Verleumder bestrafen, was tut'S? „Etwas wird schon hängen bleiben", und das ist ja die Hauptsache bei unseren Gegnern. Die Steilung der alijüdilchen grauen. Von W i l h. W ö l k e r l i n g. Wenn auch der griechische Weltweise Aristoteles die bevorzugte Stellung des weiblichen Geschlechtes in seinem Vaterlands im Gegensätze zu dem orientalischen Leben rühmend hervorhebt und die Frau als eine wirkliche Genossin des Mannes hinstellt, so nimmt es doch wunder, datz die tÄattin selbst in der Hauptstadt Athen die ganze Zeit ihre- Lebens als unmündig behandelt wurde und darum wohl auch nur selten einen gewissen Einfluß auf ihren Gemahl auöübte.wie. denn überhaupt die griechische Geschichte merkwürdig arpr an edlen Franengestalteri ist. In Wirklichkeit galt vielmehr die Ehefrau nur als Las Mittel, das Fortbestehen LeS Hauses und des Geschlechtes durch die Kinde* Noch unwürdiger gestalteten sich die ehelichen Verhältnisse in dem benachbarten Sparta. Eine wichtige Rolle ivk öffentlichen Leben spielten dagegen die Hetären, jene FreuöenMädchen von künstlerischer und literarischer Bildung, die man den für den Ehestand bestimmten Töchtern verweigerte, über welche der grüßte hellenische Redner Demosthenes in öffentlicher Versammlung sagen konnte: „Hetären haben wir des Vergnügens wegen. Kebsiveibcr füv die tägliche Pflege des Leibes und Ehefrauen zur Zeugung vollbürtiger Kinder und als verläßliche Mächterinnen im Hause". Ganz anders sali es in dieser Beziehung anfangs im römischen Reiche aus. Hier galt bie Ehe noch als heilig, als ein für die ganze Lebensdauer geschlossenes Bündnis mit seinen vielen gemeinsamen Leiden und Freuden, und darum war auch die Stellung der Hausfrau an der Seite ihres Gatten eine würdigere, geachtetere. wenn diesem auch das Recht zustand. sein Weib wegen Ehebruches ungestraft töten zu können. Leider blieb cs nickt io Allmählich zerrüttete das gepriesene Familienleben vollständig. Beide Geschlechter wetteiferten in den Ausschweifungen, und die Sittenlosigkcit nahm überhand. Man denke nur an daS schandbare Treiben eines Julius Cäsar, eines Antonius! Die Ehelosigkeit wuchs allgemein, um nach eigenem Begehr, jeglichen Zwanges bar, schalten und walten zu können. Wohltuend berühren iin Gegensätze hierzu die israelitischen Zustände. Keuschheit und Unschuld der weiblichen Jugend standen unter dem Schutze kräftiger Gesetzesbestimmungen, und fleischliche Lüsternheit außerhalb der Ehe mar verboten, und wenn auch die harten Bedrohungen die sinnlichen Laster nicht ganz ansrotten konnten, io waren sie doch immer noch selbst in den schlimmsten Zeiten ein schützender Damm. Beim Ehebruch wurde der schuldige Teil ohne Rücksicht auf das Geschlecht mit Steinigung bestraft. Mit besonderem Zutrauen bedachte das Gesetz die verlobte Braut und nahm sie in Schutz bei tugendhaftem Lebenswandel. Wo aber diese so geachtet wird, da kann die Jungfrau oder Gattin, wenn sie auch dem Willen des Mannes unterworfen blieb, nicht nur als eine Sache, eine Ware unk» die Ehe als ein notwendiges Nebel angesehen werden. Wie schön klingt des Dichters Wort in den Svrüchen Salomonis. wenn er spricht: „Ern tugeudsames Weib ist die Krone ihres Mannes." „Gut und Haus ist Erbteil von den Vätern: aber von Jehova!) kommt ein kluges Weib." Und wie hoch die Ehe gehalten wurde, geht aus der Bestimmung hervor, daß der junge Ehemann in dem ersten Jahre vom allen öffentlichen Lasten befreit sein sollte und nicht in de» Krieg zu ziehen brauchte, damit der Friede des Hauses und das Glück des geschlossenen Bundes durch keine Sorge getrübt wurde. Die Vielweiberei, die sich schon zur Zeit derPatriarchen» in Kanaan eingebürgert hatte, wie wir aus «dem Leben Abrahams und Jakobwissen, war auch durch Las mosaische Gesetz nicht verboten: doch standen die Kinder der Nebenfrauen denen der Ehefrau im Erbrecht nicht gleich, wenn sie auch im Geschlechtsregister ausgeführt wurden. UebrigenA kam die Vielweiberei schon wegen der hohen Kosten verhältnismäßig selten vor und verschwand im Laufe der Zeit ^.mer mehr.

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