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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-11 · 50 (11.12.1925) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
50 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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WWW Pül 5. Jahrgang Nummer SV 2, Beilage 11. Dezember 1923. ... IS! Aus den Gemeinden jJJJ Hamburger Brief. Die Hamburger «.Zionistische Bereinigung" kündigt für den Winter 1625/26 einen „Zyklus akademischer Borträge über das Judentum" an. Als Erster sprach am 28. No. vember der Privatdozent der Berliner Universität Dr. Da. vid Baumgardt über „Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken". Der Vortragende beginnt mit einem Hinweis auf die seltsame Vielfalt verschiedenster Motive im System der spiuozisttscheir Ethik; er weist hin auf das eigentümliche Zusammen von 'Stolz und Selbstbescheidung, von unbeugsamster Härte und gütigster Demut, auf das schillernde Ineinander von strengster Kritik und innigster Liebe in den Erkenntnisasfekten des Denkers. Drei große Grundantriebe seines Werkes treten vor allem mit Deutlichkeit hervor: der mo8 geometricus, die geometrische Methode, in der der Wille zu unbedingter Exaktbeit und Klarheit, in der das Verlangen nach absoluter Erkenntnis spricht, — der Drang zur Totalität der Welt, der Gedanke einer ewigen Unendlichkeit des Alls — und endlich der Begriff eines immanent Moralischen der reinen Natur, die Konzeption des Göttlichen einer entgötterten Welt. Alle diese verschieden gearteten Tendenzen der spinozistischen Philosophie haben in der Geschichte des europäischen Denkens auch in verschiedenster Weise gewirkt. Das ganze 17. Jahrhundert und auch die erste Hälfte des 18. sieht in Spinoza, fast ohne Ausnahme, allein den Kritiker der Religion und der Moral, den Eutgötterer der Welt, den teuflischen Atheisten und Gottesleugner — und selbst Leibniz noch glaubt gut daran zu tun, seine persönlichen Beziehungen zu ihm nach Möglichkeit geheim zu halten. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts gewinnt Spinozas Werk ein erstes wohlwollendes Verständnis — in Frankreich, in England, in Holland. In Deutschland aber beginnt damit zugleich die große Blütezeit des Spinozismus. Jacobt und Mendelssohn, selbst noch keineswegs Spinoza in tieferem Sinne innerlich nahe, sind die Ersten, die seinen Namen der Vergessenheit entreißen. Lesfing, Herder und Goethe vertiefen sich in die Gedanken feiner Lehre und werden zu den ersten begeisterten Anhängern der'spinozistischen Weltanschauung. Es ist vor allem die hingebende Liebe zum All der Natur und die ruhige Selbstbescheiduug des Denkers, von der Goethe sich angezogen fühlt. Die Härte der geometrischen Methode, die gerade umgekehrt das einzige war. rvas die Anerkennung Jacobis gefunden hatte, wird nun abgelehnt. Und Goethe versucht, das starr Substantielle der spinozistischen Begriffe in organisch lebendige Kräfte nmzudenken. Die Konzeption der Unendlichkeit des Universums ist eS auch, die Jean Paul. Novalis und Schleiermacher zu begeisterten Lobrednern des „gotttrunkenen" Spinoza macht. Kant ist vielleicht der einzige in dieser Zeit, der sich wesentlich ablehnend verhält. Aber auch er gesteht, daß dem, der zum Kritizismus seiner eigenen Lehre nicht vorzudringen vermag, der Spinozismus die einzige andere Möglichkeit bleibt als die jedenfalls kühnste Gestaltung einer dogmatischen Philosophie. Auch Fichte urteilt zunächst in ähnlicher Weise, bis er in späterer Zeit selbst mehr zum Spinozismus neigt. Auch Schelling versucht in der späteren Periode seines Lebens, eine Metaphysik im Sinne der spinozistischen Denkart zu schassen. Und das Ganze der deutschen Jdentitätsphilosophie, wie sie der junge Schelling, wie sie Schleiermacher und Hegel repräsentieren, ist ohne Spinozas Gedanken der substantiellen Identität von Körper- und Geisteswelt nicht zu begreifen. Die mathematische Methode allerdings erfährt nach wie vor unbedingteste Verneinung — so bei Hegel, so bei Feuerbach und weiterhin bet Schopenhauer, der die „spanischen Stiesel" der Ethika ironisiert, und endlich so auch bei Nietzsche, der mit feinem psychologischen Verständnis den ganzen „Hokuspokus" der geometrischen Methode, wohl mit Recht, als „Einschüchterungsmittel" der Kritik zu erkennen glaubt. Dagegen gewinnt jetzt auch Spinozas Gedanke einer immanenten Sittlichkeit des Natürlichen Beachtung und lebendige Wirkung: bei Hegel und endlich bei Nietzsche. Nietzsche hat vieles im System SpiuozaL abgelehnt und über vieles gespottet, aber zu den ethischen Heberzengungen seiner Philosophie fühlt er sich wieder und wieder aufs stärkste hiugezogen. Hier findet er jenen rückhaltlosen Drang zu unbedingter Wahrhaftigkeit, jenen Willen zu einer realistischen Ansicht in msraticis, dem er selbst hingogeben ist. hier findet cr auch eine frühe Borausnahme seines eigenen „Jenseits von Gut und Böse". Gegenüber dem, was so die deutsche Philosophie ln ihrer allgemeinen Entwicklung von Spinoza empfangen und für Spinoza geleistet hat, vor allem aber auch gegenüber dem Spinozismus speztfisch-christlichcr Denker, wie eS Herber. Schleieimacher. Novalis. Schelling in gewisser Hinsicht gewesen sind, fällt die Apathie der jüdischen Denker in Deutschland ans. Bor den Verdiensten von Salomon Maimou und Hermann Cohen um Kant verblaßt die Spinoza-Liebe Berthold Auerbachs. Selbst Mendelssehn, der doch zu den Ersten zählt, die Spinozas Namen wieder zu nennen wagen, wehrt jeden Gedanken an einen eigenen Spinozismus ab, und Hermann Cohen ist geradezu von Haß gegen Spinoza erfüllt. Man hat, so berichtet Dr. Baumgardt, in neuerer Zeit versucht, Spinoza in das jüdisch-nationale Leben des Zionismus einzuführen,- aber die in dieser Richtung unternommenen Versuche von Martin Buber und Margarete Susmann können nicht anders, denn als gescheitert betrachtet werden. Und doch ist ohne Zweifel, da st Spinoza im tiefsten Sinne dem Judentum verwandt und wesensnahe ist, vielleicht vor allem im Gegensatz zun, Christentum. Die strenge Scheidung von Körper und Geist, wie das Christentum sie lehrt und die unüberbrückbare Kluft zwischen Böse und Gut damit, die Transzendenz des Guten, sie kennt Spinoza so wenig, wie das alte Testament sie kennt. Und die freudige Lebensbejahung und Wirklichkeitsnähe, die dort zu finden ist, ist auch ein Wesenszug des spinozistischen Denkens. Und so wird denn auch zu erwarten und zu hoffen sein, — damit schließt Dr. Baumgardt seinen Bortrag, — daß iu dem neuen Aufbau, jüdischen Lebens iu Palästina auch das Bild Spinozas neue Blüte und neue Wirkung entfaltet. Ich darf ein Wort kritischer Betrachtung an fügen. Es scheint auch mir gewiß, daß die Weltanschauung und Lebenshaltung des Spinozismus iu Gegenwart und nächster Zukunft zu neuer Entfaltung drängt. Aber ich glaube nicht, daß die jüdisch-nationale Bewegung wesentlich Ausgangspunkt und Bereich ihrer Wirkung bedeuten wird. Auch die neue Betonung spinozistischer Gedanken geht mit Nottvendigkeit aus der allgemeinen Entwicklung des europäischen Denkens hervor. So ist vielleicht auch die Haltung Cohens in.seiner historischen Stellung verständlich. Er war in erster Hinsicht der Mensch seiner Zeit und als solcher wesentlich zu dem Denken Kants hingezogen in i t der gleichen^Notwendigkeit, mit der unser Heute und Morgen eine neue Liebe zu Spinoza verheißt. .. Hans M a r g o l i u s. Lehrer S. Blumenseld-Göltingen. Von Rabbiner Dr. S. B e li r e n s - Fürth (Bayern). Am 14. November ist in Göttigen. wie schon gemeldet, Lehrer emer. S. Blumenseld im 84. Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist ein Mann öahingegangeu. der den Idealen seiner Jugend bis an sein Ende würdig und ernst die Treue gehalten bat. Durch fünfzig Jahre hat er der nun sehr zusammengeschmolzenen, einst blühenden Gemeinde Adelebsen bei Göttingen als Lehrer und geistiger Führer gedient. Sein Wirken wurde befruchtet durch die Reife und fan Reichtum seines Geistes und durch die wohltuende Warme und HerMchkeit seiner Menschenliebe, die mit ftmm Verständnis den mannigfaltigen Schicksalen seines Kreises zu folgen mußte. Es war darum kein Zufall, das; seine Gemeinde seinen Anregungen in der Gestaltung ihres Gottesdienstes uni» in der Pflege ihrer religiösen Jnstitututionen freudig folgte, und es ist nicht minder kein Zufall, daß die große Mebrzahl seiner Schüler überall durch die Gründlichkeit ihrer Vorbildung hervorragten und fast durchweg im Leben hervorragende, führende Stellungen, gewannen. Verehrung und Freundschaft woben ein Band um Lehrer und Schüler, das auch die schmerzliche Stunde seines Heimganges weit überdauern wird. Ms am 5. April 1922 sein achtzigster Geburtstag in Göttingen gefeiert wurde, da waren es nicht zuletzt seine ehemaligen Schüler, die zum Teil aus der Ferne herbeieilten, um den gefeierten Lehrer zu ehren. Als er im Jahre 1610. im siebzigsten Lebensjahre, in den Ruhestand trat, mit allen Ehren eines arbeitsreichen Beamtenlebens ausgezeichnet, verlegte er seinen Wohnsitz nach Göttingen. wo ihm die größere Gemeinde und das reichere Gemeinde!eben mannigfaltige Anregung bot. Als der geborene Führer galt sein Sinnen und Sorgen vor allem seinen Berufsgenossen. In der Vollkraft seines Schaffens war er Vorsitzender des Israelitischen Lehrervereins der Provinz Hannover, an der Schöpfung des Verbandes jüdischer Lehrervereine in Deutschland hat er hervorragend mitgewirkt, zeitweilig auch in ihm den Vorsitz geführt. Selbst ein Mann von außerordentlicher Bescheidenheit, von dem Streben beseelt, in der Stille zu wirken, ist er doch weithin bekannt geworden durch die großen Verdienste, die er sich um die jüdische Lehrerschaft in Deutschland. um das Ansehen und die Anerkennung ihres Standes erworben bat. Mit hoher Verehrung und mit gerechtem; Stolz haben darum alle seine AmtSgenossen zu ihm auf* - geblickt. Das kam an seinem achtzigsten Geburtstage, am 6. April 1622 iu Göttingen. zu geradezu ergreifendem Ausdruck. Aus weiter Ferne waren die Lehrer, jung uud alt, herbeigeströmt, um dem geleierten Führer an seinem Ehrend tage, an dem ihn der blühende Kranz seiner Familie um- ., gab. zu ehren und zu feiern. Mit ihnen vereinigten sich die! Verehrer und die Freunde des ehrwürdigen Bcterans. der jüdischen Lehrerschaft Deutschlands, und int Geists nahmen zahlreiche Führer des deutschen Judentums an . dieser Feier teil, die in Worten hoher Anerkennung ihre Anteilnahme bekundeten. Er war ein Mann lebhaften Geistes, dessen Beweglichkeit selbst in hohen Jahren nicht ermüdete. Noch im Ruhestande fehlte er kaum jemals im Gottesdienst, in Gemeindever- , sammlungen und bei Borträaen. Am Bersöhnungstage ... pflegte er vom Morgen bis zum Abend seinen Platz nicht zu verlassen, in Gesinnung und Tat ein Vorbild der ganzen Gemeinde. Ein ausgezeichneter Kenner des biblischen Schrifttums. hat er aus der Fülle seines Wissens dem Kreis seiner theologischen Freunde gern reiche Anregungen gegeben, die zum Forschen und zum Lernen und Weiterdenken anspornten. .Noch mehr aber danken sie dem unerschöpflichen Schatz seiner Erfahrung, feiner Weisheit und dem tief eindringenden Urteil über Land und Leute der hannoverschen Heimat. Wo er zu raten und zu urteilen hatte, da war sein Wort immer treffend und erprobt Nie war ihm ein Weg zu beschwerlich und zu weit, wenn cs aalt, dem Frieden zu dienen und Frieden zu stiften. Für den Frieden zu wirken, war ihm in hohem Matze eine glückliche und neidcnswerte Gabe verliehen. Ihm näher zu treten, in vertrautem Umgang mit ihm Freundschaft zu pflegen, war einem jeden ein besonderer Gewinn des Lebens. Er war dankbar, auch wenn seine Freunde in die Ferne zogen, für jedes Zeichen treuen Gedenkens. Er war empfänglich für ieden schriftlichen und mündlichen Gedankenaustausch. und er gehörte zu den ganz wenigen treuen Menschen, die bis air das Ende ihres Lebens Treue ihren Freunden bewahrten und jede Gelegenheit wahrnahmen, die Verbindung mit ihnen aufrechtzuerhalten. Nicht überflüssig ist cs zu iageu, daß er an dem Fortschreiten der liberalen Bewegung lebhaften Anteil nahm, über jeden - Rückschritt bekümmert war, und mutig genug.war. die Zu- - kirnst des Judentums allen gegenteiligen Zeitströmungen zum Trotz nur von einem energisch und -gradlinig fortschreitenden Liberalismus zu erwarten. Ein Mann von wunderbarer Geschlossenheit der Stimmung, der Gesinnung und des Charakters, lebte er. von der Liebe der Seinen umgeben, der trefflichen Gattin, die ihm im Jahre 1912 im Tode voranging, der Kinder, dse ihm einen glücklichen Lebensabend bereiteten, der Freunde und der Verehrer, die freudig und gern bei ihm einkehrten, in seinem stillen Göttinger Heim. Während meiner langen Göttinger Wirksamkeit hat eine herzinnige Freundschaft uns verbunden. Anch nach meinem Scheiden von Güttingen hat mich mein Weg öfter wieder w ihm geführt, wie auch seine schriftlichen Grüße immer noch seine lebhafte Geistessrische verrieten. Nun ist er in den ewigen Frieden eingegangen und ruht nicht weit von der Stätte in der alten Gemeinde Adelebsen, wo einst sein Wort segnende Saat in jugendliche Herzen senkte. Wir bekennen uns in Wehmut und Treue zu ihm, und wir sprechen sicherlich im Namen seiner Freunde, wenn wir sagen, daß wir nicht nur viel an ihm verloren ,, haben, sondern -atz auch im der alten Heimat mit ihm Kostbar sie versinkt, was wir besaßen. „Die Lehrer aber.^ ‘ das Wort gilt wenn je von ihm in vvllem Ausmaße, „werden leuchten wie des Himmels Glanz uud diejenigen, die viele zur Gerechtigkeit angeleitet haben, wie die Sterne immer und ewig." Berti«. lFnnfundzw an zigjährigesBest ehest der Gemeindebiblivthek.) Das Bibliothekswesen der jüdischen Gemeinde Berlin kann bald auf ein 25 jähriges Bestehen znrückbliüen. Durch Beschluß der Gemeindebehörden vom 5. März 1899 begründet, wurde die Hauptbibliothek tOranienburger Straße 26) am 3. Februar 1902 für das Publikum eröffnet. Die Filialbibliothek (Fasanenstratze 80), um 189.5 von dem Verein „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" eingerichtet, ging 1920 in den Besitz der Gemeinde über. Am 1. März 1905, da der uoch heute amtierende Oberbt bliothekar Dr. Moritz Stern die Leituug der Bibliothek übernahm, standen Lem Publikum nur 9398 Bände zur Verfügung. Am 1. Oktober 1625 konnte die Hauptbibliothek auf einen Bestand von 48000 Bänden Hinweisen. Durch Uevernahme der „Jüdischen Lesehalle und Bibliothek" kam ein weiterer, wertvoller Bücherbestand hinzu, dort sind jetzt 10 300 Bände vorhanden, so daß die beiden Bibliotheken zusammen 58 300 Bünde zählen. Der Sachkatalog umfaßt folgende Hauptabteilungen: Allgemeines, Sprache, Geschichte. Literaturgeschichte — Bibel, Apokryphen, Takmudische Literatur, Spätere rabbinische Literatur, Religivnsphilosophie, Kultus, Profane Werke jüdischer Gelehrter bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, Hebräische Uebersetzurigen profaner nn DDDOQ d n ^miPiDGGaa - [i nn Zigarren als Wellmadils-GesöienKe HAUS AM ZOO «aKCHTNIS-KlRCHe erdfllteH SOMMuSCH£SakF{' Zweiggeschäfte: Haus am Zoo Budapester Straße 9a — Fernsprecher: Nollendorl 5040-1 Bayerischer Platz 9 Ecke Innsbrucker Stieße — Fernsprecher: Stephan 4397 Kochstraße 59 nahe der Friedrichstraße — Fernsprecher: Dönhoff 6940 In allen 4 Geschäften die gesamte große Auswahl fdr den Weihnachtsbedarf I Ex Proprio hochfeines Sortiment mit 100 hochwertigen Zigarren in verschließbarem, imitiert Mattsilber - Kasten (in 2 verschiedenen Zusammenstellungen) Sumatra-Havana-Sortiment M. 50.— Havana-Sortiment . . . . M. 50.- Gesetalich geschützt. 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