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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-11 · 50 (11.12.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
50 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Taschchita — Ein ChanuKahmärchen. Bon M. Frank, Ulm. I. Vor vielen, vielen Jahren lebte in einem sakrischen Städtchen eine jüdische Familie, welche Lurch ihre Frömmigkeit un- Wohltätigkeit allgemein beliebt war. Mit äußeren Glncksgütern reich gesegnet, war ihr größter Schatz ihr Töchterchen Eva, ein reizendes kluges Kind von seltener Herzensgute. Ihre größte Freude war, wenn sie die Armen und Kranken besuchen und ihnen Gaben bringen durste. In ihrem weißen Kleidchen, ein Körbchen in den Händchen» ein strahlendes Leuchten in den Blauangen, das zarte Gesuch tchen von goldbraunen Löckchen umrahmt, glich sie einem Engel, der zum Tröste in die Hütten der Dürftige« einkehrte. Als Lichtgestcrlt erschien sie anch -er kranken Mirjam, einer gelähmten Witwe, die mit ihrem Sohne David in größter Armut lebte. Der brave, fleißige, begabte Knabe tat olles, um seiner Mutter ihr schweres Leiden zu erleichtern. Er machte kleine Botengänge, um etwas zu verdienen, so daß ihn jeder gern hatte. Besonders Rabbi Lob, EvaS Vater, hatte ihn sehr licbgewonnen, er gab ihm allerlei leichte Beschäftigung und sorgte, daß Mutter und Sohn nicht Mangel litten. Eines Tages besuchte Eva die Kranke. Die Kinder saßen an Mirjams Bett, als sich deren Züge plötzlich veränderten. Sie hob uoch einmal segnend die Hand nach den beiden, ein Blick voll Liebe traf ihren Knaben, dann schlossen sich die müden Augen der Dulderin für immer. Rabbi Löb nahm den nun ganz verwaisten Jungen in sein HauS, er hielt ihn wie einen eigenen Sohn, Eva war ihm eine liebe Schwester. Er besuchte den Chedcr. lernte gern und leicht, so daß er bald der Liebling seiner Lehrer war. Als er den Wunsch äußerte, die Jeschiwah besuchen zu dürfen, um ein berühmter Rabbi zu werden, erklärte sich sein Pflegevater damit einverstanden. Nur Eva war betrübt, daß David fort wollte. So kam Ehanukah heran, der Tag des Abschieds rückte näher, ein Jude des Ortes unternahm in nächster Woche eine große Reise und wollte David mitnehmeu. Eine Reite in damaliger Zeit war beschwerlich und gefahrvoll, sie ging per Wagen, Schlitten oder auf Schusters Rappen. Im Wohnzimmer des Rabbi Löb war alles dem Lichtseite zu Ehren weiß gedeckt, die Leute waren festlich gekleidet, der große Ofen spendete behagliche Wärme, indes draußen der Schnee in dichten Flocken herabfiel und die Erde in ein weißes Kleid hüllte. Ter Vater und David waren gerade im Begriff die Lichtlcin auzu,zünden, als es am Fensterladen klopfte. Eva schaute hinaus und sah draußen einen -alten Mann mit schneeweißem, lang herabwallcndem Barte stehen, der mit flehender Stimme um ein Obdach und Nahrung bat. Ter fromme Rabbi Lob öffnete und ließ den Armen ins Zimmer. Trotz seines gebückten Ganges hatte der Mann das ehrwürdige Aussehen eines Patriarchen. Man entzündete die Lichter und der Fremde sang das Mo aus zur Je sch noch mit jugendlich kräftiger Stimme. Als das Mahl eingenommen war, wandte sich der Alte an die Kinder und freute sich über ihre klugen Antworten. Seine Augen ruhten forschend auf ihren Zügen, sie wetteiferten beide, ihm Liebe zu erweisen. AIS er hörte, daß David fort wolle, um sich auf der Jeschiwah dem Studium der heiligen Thora zu widmen, nickte er beistimmend: '„Daö ist gm." Da er müde war, begab er sich bald zur Buhe. Am andern Morgen, als er sein Gebet verrichtet hatte, nahm er die Kinder beiseite und sagte: „Eure Eltern und Ihr habt den heimatlosen Bettler gastlich ausgenommen, deshalb will ich Euch ein kleines Andenken geben. Hebet cs ja gut aus und tragt es stets bei Euch, e§ wird Euch einst tu Not von Nutzen fein. Tu mein Sohn wirft ein großer Gelehrter werden, eine Leuchte in Israel. Und Dich, geliebte Tochter, nenne ich Taschchita, denn dein Herz ist ein seltenes Kleinod. Seid gesegnet." Seine Hände richten auf den Kinderhäuvtcrn. Tann reichte er Jedem eine kleine unscheinbare Silbermünze an silbernem Kettchen und ehe die überraschten Kinder danken konnten, war er verschwunden. Erstaunt betrachteten sie die Geschenke de§ Fremden. Es waren Kameen, wie man sie in damaliger Zeit zuur Schutze gegen Unglückssällc unk» Krankheiten trug. Davids Münze stellte ein aufgeschla genes Buch mit hebräischen Buchstaben dar. eine Hand deutete mit dem Zeigefinger auf die Buchstaben, die das gait’c Alphabet öarstellten. Evas Kamee zeigte eine Menorah. Rabbi Löb und seine Frau freuten sich, als sie die Erzählung der Kinder hörten, sie wußten, daß ihnen ein großes Glück widerfahren und der Prophet Elijah bei ihnen cingekehrt war. Sie ermahnten David und Eva, die Kameen stets am Halse zu tragen. Eva nannte man seit der Zeit Taschchita. weil sie damit gesegnet war. David aber reiste einige Tage später, von den Segenswünschen seiner Pslegeeltern und Taschchitas begleitet, ab. II. Zehn Jahre waren vergangen. David wurde zurückerwartet. Er war ein Gelehrter geworden, trotz seiner Jugend besaß er schon den Rang eines Mvrena. Wieder war es Ehanukah. Ein wunderbarer Wintertag veranlaßt« Taschchita, ihre außerhalb des Städtchens wohnende erkrankte S'abbatfrau zu besuchen. Schmunzelnd ließ der Torwächter das schöne Mädchen aus den Mauern, herrschte doch unter Juden und Christen das beste Einvernehmen. Leider war der Graf, zu dessen Besitztum das Städtchen gehörte, gestorben. Er war ein menschenfreundlicher, den Juden wohlgesinnter Herr gewesen, so daß sich seine Untertanen alle wohl und sicher fühlten, so lange er lebte. Sein Neffe und Erbe aber war ein gewalttätiger, leidenschaftlicher, verschwenderischer Mensch. Um seinen stets leeren Geldbeutel zu füllen, erhöhte er den Schutzzoll der Juden, drückte die Bauern und Bürger, sc» daß diese, die eine solche Behandlung nicht gewohnt wa'eu, gegen ihn murrten. Meistens weilte der neue Herr auf seinen Jagdschlüssern und führte dort ein zügelloses Leben. Kein Wunder, daß die Stimmung im Städtchen eine gedrückte war. — Taschchita schritt wiegenden Ganges dahin, ein Körbchen am Arme, die schönen Augen blickten träumerisch versonnen. Ihr Freund und Pslcgebrudcr kam ja bald zurück. Sie war bildschön geworden, schlank gewachsen. Das seelenvolle Antlitz war von reichen goldbraunen Haaren umrahmt, die Locken wollten, sich nicht in Zöpfe zwängen lallen, widerspenstig drängten sie sich hervor und quollen unter dem warmen dunklen Mützchen hervor. Taschchita beschleunigte ihre Schritte, hüllte sich fester in ihren Mantel, denn es war kälter geworden, «ic bemerkte nicht, daß ihr schon längere Zeit ein Reiter folgte. Jetzt hatte er sie erreicht. Plötzlich fühlte sich die erschrockene Jungfrau von zwei starke« Man*. n er armen umfaßt, auf ein Pferd gehoben und fort ging es in saufendem Galopp durch den verschneiten Wald. Bor seinem Jagdschlösse hielt der Graf, er war der Räuber, mit seiner holden Beute. Diener eilten heraus und trugen das ohnmächtige Mädchen in ein geräumiges Zimmer, dessen Türen von außen verschlossen wurden und dessen Fenster vergittert waren. Wie weinte die Arme, als sie erwachte. Nirgends zeigte sich ein Ausweg zur Flucht. Sie aß und trank nichts, fastete und betete. Abends lam der Gras. ,Jlch liebe Dich, schönes Mädchen" sagte er. „Herr, ich bin eine Jüdin, kann also nie die Eure sein" cntgegncte Taichchita. „So laß Dich taufen und sei mein Weib'/' „Niemals'." „Gut, willst Du nicht Herrin fein, fo fei Sklavin. Du kannst wählen. Morgen Abend hole ich mir Antwort." Damit ging er. Das verzweiselte Mädchen wußte sich leinen Rat. Weinend rang sie die Hände und flehte Goit um Hilfe. Plötzlich kam es ihr wie eine Erleuchtung. Sic gedachte der Worte des Propheten. Sie ging ans Fenster, nahm die Münze vom Halse, legte sie aufs Gesimse und betrachtete sie. Da öffnete sich die Tür und der Graf trat herein. Er war betrunken. „Nun, hast dich besonnen, schöne Jüdin?" fragte er. Taschchita schwieg. Ta umfaßte, sie der Wüterich und wollte sie an sich reißen. Ta, welch Wunder! Die Münze wuchs, bis fie die Größe ein cs riesigen Leuchters erreicht hatte. An den Armen der Menoroh flammten taghelle Lichter. Aus der Fülle blendenden Glanzes trat die Hühnengestalt eines jüdischen Krieger?, ein blankes Schwert in der Faust. Der entsetzte Graf taumelte zurück, die Heldenerscheinung stand zwischen ihm und dem bedrohten Mädchen. Eine Stimme, wie Donnergrollen weithin vernehmbar, rief: „Wage cs nicht, diese reine Jungfrau zu berühren, üaS Schwert Juda Makkabis schwebt über Deinem Haupte!" Der Trunkene ließ Taschchita los und verliest samt dm Dienerschaft, welche die schrcckcncrregende Stimme vernommen, fluchtartig das Schloß. Dankerfüllt sank die Befreite in die Knie, Gott für ihre Rettung zu loben. Die Gestali des jüdischen Helden war verschwunden. Doch die Lichter der Menorah flammten weiter. Da wußte das Mädchen, daß sie auch wieder die Ihrigen finden würde. Voll Vertrauen harrte sie der kommenden Dinge. — D-avid war angekommcn. Statt freudiger Begrüßung wurde ihm die Schrcckcnsknnbe von dem plötzlichcn Verschwinden Taschchitas. Die vcrzmcifclren Eltern sowie die gesamte Gemeinde hotten überall nachgewricht. Nirgends fand sich eine Spur der Vermißten. Da dachte der junge Mann an die Worte des Propheten, iio/m leine Kamee vorn Halse und betrachtete sie, als wüste ihm von ihr Aufschluß werden. Und er wurde ihm. Die Münze wuchs rar Größe eines Buches, die Hand formte Buchstaben, scstte diese zn Worten zusammen, daun zu Sörzen, dann zeigte der Zeigefinger darauf. Und siche, es war das Jagdschloß des Grasen und der Weg dahin! Dankerfüllt ob des Wunders brachen die Eltern. David und die Männer der Gemeinde mit Fackeln auf. Taschchita zu suchen. Wie erstaunten sic, als sie den finsteren Wald betraten! Er war taghell erleuchtet von einem Lichte, da§ aus einem vergitterckm .Fenster fiel. Nun wußten fie, wo sich die Verlorene befand. Wie non Geisterhand öffnetensich die Türen, die überglücklichen Eltern umarmten die geliebte miedergefundorre Tochter, die der Allmächtige vor einem furchtbaren Schicksal behütet hatte. Als David und Taschchita einander wiedcrsastcn, erkannten sie, daß es mehr wie Geschwisterliebe war, die sie zueinander zog. Die Eltern gaben gern ihre Einwilligung, aus beiden wurde ein glückliches Paar, bas, danlbar für Taschchitas Befreiung aus der Hand des gräflichen Entführers. ein frommes, wohltätiges Leben führte. David wurde ein berühmter Rabbi. Die Eltern hatten noch das Glück, ihre Enkel zu erleben. Ter Graf aber wurde nicht wieder gesehen. 2er Lhaurckah-LerrcL", Don I. L. Pore Deutsch von H. Bl—I. Wir haben jetzt Ehanukah und da fallt mir eine Geschichte ein, wie ein frommer Mann durch einen Eha''uteh- Leuchter fein Glück gemacht hat. Denkt aber nicht, daß es sich um einen silbernen oder gar um einen goldenen Leuchter gehandelt hat. Es war ein ganz gewöhnlicher Leuchter aus Messing, der sich durch viele Generationen in der Familie vererbt hat, und der nicht mehr im besten Zustande war. Eines Tages schloß Schlojme einen sehr vorteilhaften Handel ab. Er wurde über Rocht ein reicher Mann und wußte nicht, was er mit dem vielen Geld anfangcn sollte. In der Wohnung wurde olles ans den Kopf gestellt. Die alten Möbel wurden um einen Spottpreis vcriihleudert und an deren Stelle moderne Möbel angeschasst. Der Schrank mit heiligen Büchern hatte in der Wohnung leinen Platz mehr und wurde dem Bethaus geschenkt. > Schlojme legte den Kaftan ab und zog sich einen modernen Anzug an, feine Frau begann das eigene Haar zu tragen und die zwei Knaben kamen in das Gymnasium. Das bißchen Silberzeug, das noch von der Hochzeit da war, wurde auf Bruch verkauft und Schloime kaufte Porzellanwaren, Kristallgläser, Bronzestatuen und moderne Bilder. Die Wohnung bekam jetzt einen ganz modernen Anstrich. Aber der Goldrausch war nur von kurzer Dauer. Bald begann sich das Rad zurückzudrehcn, die Geschäfte wurden schlecht, und Schlojme verdiente nichts mehr. Was er auch unternahm, mißlang. Es fiel ihm immer schwerer, die fälligen Wechsel zu prolongieren, und er hatte leinen Kredit mehr. Die beiden Söhne studierten jetzt im Ausland und Schlojme konnte sie nicht mehr erhalten. Schlojme wußte nicht mehr, wo er sich Geld für den Haushalt verschaffen sollte. „Gibt es nicht entbehrliche Gegenstände, die man ins Versatzamt bringen könnte?": dachte Schlojme. ES erwies sich aber, daß die Sachen, die er cingehanöclt hatte, lauter Plunder waren. Schlojmes Schulden häuften sich, und qv wußte sich keinen Pat mehr. Da kam das Chanukahscst heran. Schlojme wollte die Lichtlein anzünden. In einer Lade fanden sich einige Kerzchen, und nun hieß es, den Ehanukahleuchter suchen. Der Leuchter lag unter vielem Gerümpel. Er war schmutzig und verbogen, aber doch ein Leuchter, und Schlojme zündete das erste Kerzchen an. Die Tage vergingen und das Chanukahfest ging zu Ende. ES war am letzten Tage Ehanukah. Acht Kerzchen brannten in dem Leuchter, während Schlojma und sein Weib in traurigster Stimmung dasatzen: Alle Hilfsquellen waren versiegt und es gab kein Stück Brot im Haufe. Sie wußten nicht mehr, wie sie ihren Hunger stillen sollten. Da ging die Tür auf und ein Bekannter, der allerhand Geschäfte vermittelte, trat ein. Lachend erzählte er von einem verrückten Engländer, der für alte unbrauchbare Gegenstände die höchsten Preise zahle. „Vielleicht findet sich auch hier etwas für ihn," meinte der Agent. „Wie wäre es, wenn ich ihn bereinbringe^. Nach wenigen Minuten stand der Engländer im Zimmer. Mit einem Blick streifte er alle Gegenstände. Da bemerkte er den Ehanukah-Lcnchtcr, in dem die Kerzchen bereits erloschen waren. Er ergriff den Leuchter und betrachtete ihn von allen Seiten. „Wieviel verlangt ihr dafür?" fragte er mit leuchtenden 'Augen. Da war die Verlegenheit Schlojmes groß, denn er wußte nicht, was er verlangen sollte, aber der Engländer machte es ihm leicht. Er warf ein Bündel Banknoten auf den Tisch, ergriff den Leuchter und verließ die Stube. „Sagte ich nicht, daß er verrückt ist," rief der Agent lachend. „ES wird -er Prophet Eliah gewesen sein," meinte Schlojmes Weib. „Das war Rettung zur rechten Zeit," rief Schlojme aus. Nun ging es ans Einkäufen. Das Geld des Engländers brachte Schlojme Glück. Was er jetzt unternahm, gelang ihm und so wurde er bald wieder ein wohlhabender Mann. Auch von seinen Söhnen erhielt er gute Nachrichten. Der Acltcre hatte in London saldiert und war Ingenieur geworden. Nun wollte er sich verheiraten und lud seine Eltern zur Hochzeit ein. Das alte Paar machte sich auf die Reise und verlebte in London lustige Wochen. Sie lernten die ungeheure Stadt von einem Ende zum anderen kennen, besuchten die Theater. Konzertsäle und Ausstell"ngen. Eines Tages suchten sie ein Museum auf und denkt euch das Gefühl dcialten Leutchen, als sie dort unter einer Glasglocke ihren alten Ehauukach-Lcuchter erblickten. Sie erkannten ihn auf der Stelle. „Der Engländer war doch nicht verrückt," dachte Schlojme bei sich. „Es war nicht der Prophet Eliah," murmelte die Frau leise. Nvd lauge, lange standen die Beiden s.chinciacnd, tu Gedanken und betrachteten ihren alten Chanuka-Leuchter.., Die Makkabäer. Eine lustige Schirlremiriiszeriz von S. Na st, Dresden. Ci mm er, meint das. liebe EHan «kochfest heranna-hi, raucht in meiner Erinnerung aus längst versuukeucn Zeiten ein Schülererlelmis mtf, das treffender als tiefsinnige EvploNationen den Geist illustr'ert, der damals, anfangs der achtziger Jahre, auf humanistischen Gymnasien herrschte. Die meisten Lehrer hatten den Krieg 1870*71 mit gemacht, viele waren sogar Roserveleutnants, alle, ohne Ausnahme, aber betrachteten sie die Schüler als Rekruten, deren Geist nach starrem Schema des Exerzierreglements, genannt Lehrplan, gedrillt wurde, weniger tauglich wohl für den „Ernstfall", d. h. den Kampf ums Dasein, als für die Maniwerparade des Abitnriirms. — Wehe dem Bengel, der etwa die schnürgerad ansgerichtete Frontlinie der Klassenkompanic durch Seitensprünge zu stören sich herausnahm, der im Laufschritt marschierte, wenn „langsam Schritt" besohlen war, dem cs, mit anderen Worten, gelüstete, vom stets streng umzirkeltcn Pensum abznwcichcn und Naseweisheiten auszukramen, die nicht zum Stundenplan gehörten. * Nun unterrichtete damals aus Obertertia der gute und gründlich pedantische Dr. Soundso in Deutsch und Geschichte, und dieser hatte kurz vor den Veihnachtsfericn, zur schönen Chan »sah zeit also, einen Aufsatz angesetzt über das Themar „Von des Lebens Gütern allen — ist der Ruhm das höchste doch, — wenn der Leih zu Staub zerfallen, — lebt der große Name uoch." — Diesen schönen Schillervers also sollten wir nach ollen Knnstrcgeln gmnnasialer Stilistik „abhandeln" und mit Beispielen aus der Geschichte belegen, wohlgemerkt mit solchen, die wir im Geschichtsunterricht „durchgenommen", und non denen wir daher obligatorisch Notiz zn nehmen batten Wie cs sich gehört, ließ ich also Miltiaöes und Theinjstoklcs, Hannibal und Scipio, Cyrus, Alexander und Julius Cäsar, einen immer hübsch der Reihe nach hinter dem anderen, aufmarschieren: ich plünderte die ganze klassische Antike und geizte auch nicht mit den Heroen der Neuzeit: den Großen Friedrich zerrte ich aus der Gruft und Napoleon, Blücher und Moltke. Zum Schluß aber, wie in einer Apotheose lichtester Heldenglorie, ließ ich das Sechsgcstiru der Makkabäer in funkelndstem Glanze erstrahlen, denn für mich war es einfach Ehrensache, anch dieser großen Namen zu gedenken, denen zum Rühme in meiner elterlichen Wohnung die gelben Ehanükahlichter brannten, während ich an meinem Aufsatz schrieb. * Und die Zensnrnote? — Nun, ich bekam eine glatte IV, und dies bedeutete, „Mangelhaft". Darunter aber stand mit roter Tinte geschrieben: „N. hat sich strenge an die gestellte Ausgabe zu Halen: A) Der Generolfeldmarschall Graf Moltke gehört zwar zum Pensum des Geschichtsunterrichtes, jedoch, weil noch am Leben, nicht zu denen, deren Leib, im Sinne des Themas, zu Stand zerfallen ist. B) Die Makkabäer hingegen sind zwar zn Staub zerfallen, ' gehören jedoch nicht zum geschichtlichen Pensum, sondern in die Neligionsstunöc." * Bon Stund' an aber hieß ich im Munde meiner Mitschüler „Rastus MaccabäuS". Dies Eognomen trug ich in Ehren und mit entschlossener Würde, ich glaube, sogar mit stillem Stolz, MS zu meinem Schulabgang. Denn es war nichts Bösgemeintes dabei, sondern bloß gutmütiger Schülerspott. Antisemitismus auf -en Schalen ggb cs darpals noch nicht« * Mott fei Dank! *

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