Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 50 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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kauerten Schankwirt, ber jeden Gruß nur mit einem „Hm!, Km!" beantwortete, und seine dicke Ehehälfte, die ewig fei* * sende und fluchende Hausfrau. Reb Jekel fühlte sich hier wie in der Hölle, aber es war offenbar Gottes Wille, daß er in diesem entlegenen Dorfe, in dieser Einöde, unter ungeschlachten und rohen Menschen, noch einen Winrer hindurch bas peinvolle Dasein eines Hauslehr.ers fristen sollte. Uud Reb Jekel murrte nicht. Doch jetzt, da er auf den Sabbat C h a n u k a nach Hause sollte, war er freudig erregt, wie wenn ihm eine großes Glück bevorstünde. Was war das aber auch herrlich, einen Sabbat, und erst einen solchen, daheim bei den Seinigen zu verleben! Man mußte, wie«r, zwei Monate in der Fremde, in dieser Umgebung verlebt haben, um dies fühlen zu können. Darum drängten sich ihm die zwei fröhlichen Verse des Sabbatliedes auf die Lippen und auch noch viele andere Verse und Melodien, die er aber yinuuterschlucken mußte, denn der Hausherr liebte nicht, daß man sang. Dafür wollte er sich heute abend schadlos hallen. Daß er und kein anderer beim Abendgottesdienst in der dichtgefüllten, lichtstrahlenden Synagoge das Lecho- Daudi singen werde, stand fest. Sobald man nämlich zu dieser Stelle kam, hielt der ZZorbeter gewöhnlich inne, und der Rabbi, in einem Winkel" am äußersten Ende der Ostwau d, wendete sein schneeiges Haupt und rief über die Versammelten hinweg: „Reb Jekel! Ist Reb Jekel nicht da?" Und wenn Reb Jekel da war, mußte er hinauf und das Lied vertragen. Es dauerte eine geraume Weile, bis er sich zrtm Almemor hinüurchdrängte, besonders an einem „guten" Sabbat, wie der von Chanuko, da Chassidim aus allen Weligegenden zum Rabbi kamen und die Synagoge voll war, daß keine Stecknadel zur Erde fallen konnte. Das murmelte und raunte und ranschre wie ein vom Winde bewegter Wald. „Wer ist daS? Wer ist das?" Ah, Reb Jekel wird Lecho-Daudi singen! Dann stimmte er daS prächtige Lied an, und die Leute wurden still, daß keiner Atem zu holen wagte. Zuerst sang er leise, gleichsam zagend und unsicher, denn ReV Jekel war schüchtern, und wenn er fühlte, daß all diese unzähligen Augenpaare auf ihn gerichtet waren, wurde er vollends befangen. Allmählich aber ritz ihn der Strom des eigenen Gesanges fort, er vergaß alles ringsum, umd aus der Kehle -rangen ihm die Töne in mächtigen Wellen, bald sanft und kosend, bald wie ein kräftiges Brausen. Der Rabbi schloß gleich die Augen, um besser hören jm können,' durch die Menge lief ein Flüstern: „Ah, ah!" Rach einer jeden der ersten paar Strophen fielen sie mit fürchterlichem Getöse ein, daß man meinen konncc, die Wände würden einstürzen. Stufenweise jedoch schien der Gesang sie wie durch einen Zauber zu bannen) manche beugten sich; mit gespitzten Ohren vornüber, andere seufzten vor Wonne oder stießen einzelne verzückte Laute hervor, wieder andere ließen die Köpfe sinken, wie träumend, oder als hätte bei Säuger sie in ferne, unbekannte Welten entfuhrt. Ta waren besonders zwei Strophen, welche die stärkste Wirkung übten. Die eine mar wehmütig, schmelzend und weich wie die Trostworte einer Mutter: die andere route kraftvoll uud munter, jauchzend, wie ein Jubeluud Weckruf. Bis der letzte Ton verklang und Reb Jekel wie aus einem Zauberschlaf erwachte Während er aus seinen Platz zwilchen Tür und Ofen zurückkehrte, streckten sich ihm unzählige Hände entgegen, man zauste und zupfte ifnt: „Ci, vj, Neb Jekel, ach!" oder: „Na, na, Reb Jekel, war das aber ein Singen!" . . . Ein heileres Lachelu spielte um seine Lippen bei diesen Erinnerungen, und er überlegte eben, welche Melodie für diesen Abend die passendste wäre, ob die vom „großen Zaddir" in tiefen, schwellenden Akkorden komponierte oder jene von Jewcham, die leicht und hüpfend war, als Aleksa, der Knecht einmal und eine Schüsse! mit dampfendem Brei, eiltett Laib Schwarzbrot und einen Salznapf ans den Tisch hiustclitc. Reb Jekel sollte frühstücken, aber sein Herz war so bewegt, daß ihm die Speise nicht über die Lippen wollte. Aleksa machte sich an das Aufräinnen der Stube und sagte: „Ei, ei, Paule Jekel, Ihr wollt also just bei diesem Frost nach Hanse gehen? So gießt Euch doch wenigstens den Bauch voll, das wärmt unterwegs. Freilich, ich möchte Euch geraten haben, hübsch in der Stube zu sitzen und nicht die Nase vor die Tür zu stecken. Wartet ein paar Tage, vielleicht läßt der Frost nach. Euer Haus läuft ja nicht davon, welcher Teufel reitet Euch gerade heute heimzulaufcn'?" Reb Jekel lächelre überlegen. Aleksa mar ein guter Mensch, aber was verstand ein Bauer von solchen Sachen? Natürlich wäre es vergebens gewesen, ihm begreiflich machen zu wollen, was cs heißt, gerade am bcuiigen Abenden Wethebecher an seinem eigenen Tische zu leeren und daun beim Sabbatmahl zur Rechten dcS Rabbi zu sitzen und die Tischlieder zu singen . . . „Pah, jter Frost wird mich nicht ausessen. Rein, Aleksa, sei ohne Sorge. Hat man schon viele Erfrorene gefunden? Tn sollst sehen, Sonntag, so Gott will, bring ich dir ans der Stadt ein blankes Messer mit und einen Tabakbeutel, wie du ihn schon lange haben möchtest." In Aleksas Angen blitzte es auf; aber er versetzte: „Wenn Ihr wenigstens einen Pelz hättet oder ein Paar Tuchsiicsel! _ Aber in diesem federleichten Kaftan! In Euren Stieseln freilich wird der Frost sich nicht Lange anshalten. Durch das eine Loch geht er hinein und durch das andere hinaus. Hahaha, nicht wahr"? Aber ich will Euch wenigstens etwas Stroh unter die Sohlen stopfen." Damit entfernte sich der Knecht, und Reb Jekel begann, seine Siebensachen zu packen. Er mußte sich beeilen, wenn er rechtzeitig aulangeu wollte. Tie neunte Morgenstunde mar schon vorüber, und doch hatte cs sich kaum anfgcheltt. Um vier Uhr war cs schon wieder dunkel. Und der Weg war lang, mehr als drei Meilen; man hotte endlose Felder und Wiesen zu passieren, auch au einem Wald kam man ciue Strecke lang vorbei. Als Reb Jekel an den Wald dachte, überlief es ihn ein bißchen kalt. Dort sollten nämlich, wie man sich erzählte, Wölfe Hansen, welche besonders im Winter die Gegend auf einige Meilen hinaus unsicher machten. Indessen, das taten sie nur bei Nacht, bei Tag war keine Gefahr, auch konnte man dort gerade Holzfuhren begegnen, die für wenige Kreuzer einen gerne nach der Stadl brachten. Aber gegen die Kälte mußte man sich in der Tat schützen. Reb Jekel betrachtete die Fensterscheiben, an denen üppige Eisblumen blühten, und zog seine drei alten Westen, eine über die andere, an. Dann mickclre er sich noch einen fadenscheinigen Shawl um die Brust und band sicb ein Wolltuch um den Hals. Mit Aleksas Strohslechten in den Stiefeln konnte er sich in den Frost hinauswagen. So ausgerüstet, zählte er nochmals die fünf Gulden Honorar, die ihm der Hausherr teils in zerknüllten, fettigen Banknoten, teils Itt schweren Kupfermünzen cingehänoigt hatte, durchlief in Göbaukeu die vielen Ansträge der Wirtin, und eine Melodie summend, küßte er die Mesnsah und machte sich auf den Weg. Am Tore standen der Hausherr und feine dicke Frau. „Guten Sabbat! Bleibt gesund!" empfahl sich Reb Jekel. Der Hausherr brummte sein „Hm!", hm'.", und die Frau begann mit ihrer Fistelstimme, die in schreiendem Widerspruch zu ihrem Leibesumfang stand, zu keifen: „Daß Ihr mir nicht verhetzt. Sonntag Schlag zwölf zurück zu sein. Die JungenS können doch nicht den ganzen lieben Tag müßig umherspringen. .Und Vergeht auch nicht, Hefe mitzubringen, mb Nadeln und Papier und Seife und Oel und Kaffee, und alleübrige. Geld habe ich Euch ja mitgegeben." Reb Jekel suchte das Weite. Doch bald ereilte ihn Aleksa, der ihm nachlief, um ihm noch einige gute Rarschläge mit aus den Weg zu geben. Da der Schnee alle Spuren verweht hatte, so empfahl es sich, die Hauptstraße einzuhalten und keine Seitenwege auszusuchen, um etwas rascher znm Ziele zu kommen. Gegen das Erstarren der Finger oder der Nase wäre daS beste Mittel, sie mir einer Hand voll Schnee kräftig einzureiben: aber sitzenbleiben, um auSzuruhen, dürfe man keinesfalls, und wenn der Schweiß in Scheffeln vom Körper rann, denn daS wäre der sichere Tod. „Paßt gut auf, Panie Jekel, und Gott geleite Euch!" Der Bauer uickte, freundlich grüßend mit dem Kopf, und kehrte um. Reb Jekel verschwand an der Biegung der Straße, wo ihn bald die schneebedeckten Felder umfingen. Der Frost war stark und drückte wie eine schwere Last aus die Erd^ welche mit einer dünnen Glaskruste überzogen schien; überall funkelte uud glitzerte der Schnee von den schrägen Strahlen der Sonne, die nahe am Himmelsrande hing und leuchtete, ohne zu wärmen. Bei jedem Schritt ließ sich ein scharfer, knisternder Ton vernehmen, und wenn Reb Jekel atmete, legte sich ihm gleich ein Reis aus den Schnurrbart. Er ging rasch, um sich warm zu halten, und da er Langeweile verspürte, ließ er die Gedanken vorauseilen und gedachte seiner Frau, die ihn erwartet und nun emsig schaffte, um diesen besonderen Sabbat würdig zu feiern. Woher nur die Arme das Geld dazu genommen haben mag? Ohne Zweifel hat sie die Messinglenchter verpfändet. Auf dem Tisch werden ihm die Sabbatlichter, in zwei großen ausgehöhlten Kartoffeln steckend, begrüßen. Doch was tut das? Er sah das kleine Stübchen deutlich vor Augen, in welchem etwas Poetisches, etwas Festlich-Freudiges jeden Winkel erfüllte. Er stimmt rin Lied an, während aus der Tafel die Fische dampfen . . . Denn Fische hat sie gewiß besorgt, die kleine, gute Frau. Wer in der ganzen Welt versteht eS denn auch, so Fische zu bereiten wie sie? Tie haben einen Dust und einen Geschmack . . . Na! . . . Hier begann ihm der Mund zu wässern, und der leere Magen knurrte ein wenig. Neb Jekel schämte sich, jetzt so ohne weiteres ans Essen zu denken, und bemühte sich, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er walte sich ans, wie er nach dem Abendessen an den Tusch des Rabbi gehen würde. Alle machen ihm Platz, er erhält einen Sitz zur Rechten des Zaddik, eine herzliche Begrüßung folgt, mtb dann beginnt die „Thora"*). Alle halten den Atem an und lauschen, indem die hinteren Reihen aut den Schultern ihrer Vordermänner liegen. Man f(eitert ans die Bänke, in die Fensternischen, aber vnr wenige bekommen etwas .ui hören, denn der Raum ist weit und die Menschenzahl groß. Reb Jekel aber verliert rein Wort. Dann tost sich die Spannung ein wenig, uud der Rabbi sagt scherzend: „Reb Jckelc, cs ist eigentlich unrecht von mir, daß ich dich Lecho-Daudi singen lasse." Hier streichelt er ihm die Wange. „Wenn ich nachher zu beten beginne, kann ich die Gedanken nicht zusammenhalten. Sogleich kommen deine Triller und Hüpfen und tanzen mir im Kopfe herum, daß ich keine zwei Worte zusammenbringe." Reb Jekel lächelt etwas verlegen, und der Rabbi legt ihm die Hand aus die Schulter und fährt fort: „Aber was soll ich sündiger Mensch tun? Ich muß deinen Lecho-Daudi hören. Es tut mir wohl, und ich fühle, daß bei deinem Gesänge mir die Neschavra jesscra'i kommt. Ja. ja!" Jetzt ruht die Hand des Rabbi wie segnend aus Reb Jekeis Haupt, dessen Gesicht von einem glückseligen Lächeln erstrahlt, während die anderen ihn neidvoll und zugleich wohlwollend ansehcn. Ja, wer auch so singen könnte! Aber singen, das kamt nur Reb Jekel allein. Wohl hat mau schon viele Chasonim in der Welt gehört. Doch keinem war in dem Matze die Gabe zuteil, die Seelen zu rühren. „Wisset ihr, meine Lieben", nimmt der Rabbi nach einer Panse wieder das Wort, „mein Großvater, der im Himmel weilt, pflegte zu erzählen . . Hier senkte er etwas die Stimme und beginnt von jenem berühmten Chassis zu erzählen, der so wunderbar sang, daß leirr Mensch chm widerstehen konnte. Einmal verirrte er sich im wilden Wald, er wanderte und wanderte und konnte keinen Ausweg finden. Räuber überfietzen ihn, schlugen ihn in Feneln und wetzten schon die Messer, um ihm den Garaus zu machen. Da besann er sich, daß es Freitag abends war, und er wollte nicht ohne Gebet aus dieser Welt scheiden. Und er flehte die Mörder an, ihn noch ein Stündchen am Leben zu lallen, um nur das Säbba»gebet verrichten zu können. Und er begann zu singen uud sang ohne Aushör, denn sein Herz war sehr bewegt. Bis die Banditen, überwärtigt unzerknirscht, sich ihm zu Füßen warfen und uw Verzeihung baten. Sie bereuten ihre Sünden, taten Buße und wurden fromme Leute ... Unzählige Male hatte man diese Geschichte vernommen, und doch war sie jedesmal den Hörern neu. und sedeSmal überlies sie vor: neuem ein Grauen, welches sich in einen Wouneichauer anslöste. Dann folgte eine Reihe Geschichten von Ehasonim und Synagogensängern, eine wunderbarer als die andere. Bon jenem, der am Bersöhnungstage, wahrend er den Psalm ,.AuS den Tiefen ruf' ich zu dir" sang, vor dem Altar in himmlischer Verzückung seine Seele aushanchte. Oder von jenem andern, dessen Gesang einen Fürsten, der alle Inden seiner Stadt cingekerkert hatte, um sie um.zubringen, so tief rührte, daß er die Gefangenen freigab. Am meisten erregte die Teilnahme das Schicksal der „Nachtigall". Das war jener Wundcrjüngling. dessen Augen so leuchteten wie die Sterne, und dessen Stimme wie die einer Nachtigall klang. Die Schloßgräfin hatte ihn belauscht und trug sündhafte Gelüste nach ihm. Er floh, aber die böse Frau verfolgte ihn überallhin und drohte der ganzen Gemeinde mit ihrem Zorn. Da betete er zu Gott, daß ihm das Licht ans den Augen und die Stimme aus der Kehle genommen werden möchte. Seitdem hatte niemand mehr einen Laut von seinen Livpen vernommen; stumm und blind irrte er bis an das Ende seinen Tage von Stadt zu Stadt und von Land zu Land . . . Bei der Erinnerung an diese Geschichte wurde Reb Jekel von der Rührung io übermannt, daß er heiße Tränen aus den Augen hervorgucllen fühlte . . . Und der Rabbi, wie er sich den Bartzipfel kräuselt und horcht, die große Stube mit ihren dunkel flackernden Kerzen, kurz: alles stand ihm so lebendig vor der Seele und beschäftigte ihn so sehr, daß er erst aus den Sinnen erwachte, als feine Sohlen tiefer iit den Schnee versanken. Hier schien der Weg aus der Versenkung hervorzutreten, um in gleicher Höhe mit den Feldern dahinzulausen, matt mußte also aufpassen. Der Schnee war locker und nicht eingestampft wie bisher, und Gott allein mochte wissen, was für Untiefen die verräterische weiße Decke verüara. Auch die grimmige Kälte glaubte Reb Jekel erst jetzt zu fühlen, denn seine Füße waren trotz deS eilenden Ganges ganz erstarrt, und die Finger froren ihm in den Acrmeln, wohin er die Hände wie in einen Muss verborgen hatte. Sogar die Brauen waren ihm angefroren, und der Bart ding voller Eiszapfen. Er fühlte eine große Ermüdung und verlangsamte seine *) Moralisch-hoMiletische Tischrede des Rabbi. *) Die „höhere Seele", die dem Volksglauben gemäß Ken ganzen Sabattag lang im Herzen -es Menschen wohnt, Schritte. Spähend wandte er sich nach rückwärts und horchte, ob er nicht das Klingeln einer Schelle vernähme, die eins Holzfuhr ankündigte; gegen ein mäßiges Trinkgeld würde ihm der Bauer auf dem Stoß ein Plätzchen gewähren. Doch es war nichts zu hören oder zu sehen. Ein wenig enttäuscht ^ing er seinen Weg und watete in dem lockeren Schnee. „Huh, wie kalt!" dachte er. „Wer jetzt zu Hause wäre und beim Ofen säße und sich den Rücken daran riebe! . . . Wenn ich erst den Wald hinter mir hätte, es wäre nicht mehr so weit. Dann kommt gleich ein Dorf, dann ein zweites, und gleich zeigen sich die ersten Hänschen der Stadt. Wenn nur dieser Schnee nicht wäre, in den ich jedesmal bis über die Knöchel versinke! Und keine Wegspur ist wahrznnehmen, es scheint fürchterlichen Schneesturm in der Nacht gegeben zu haben, alles ist verweht. Und kalt ist's, daß das Blut in den Adern stockt . . Reb Jekel schlug im Gehen die Hände gegeneinander, um sich' zw erwärmen. Die Füße schmerzten ihn vor Kälte, ttnd es hals nichts, daß er sie in heftigen Bewegungen gegeneinander stieß. Inzwischen bemerkte er, daß die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte wnd nun begann, abwärts zu rollen. Trotz der großen Erschöpfung verdoppelte er seine Schritte, um nur so bald als möglich den Wald zw erreichen. Der Frost wurde jede Minute stärker, bei jedem Schritt ward die Schneedecke tiefer, und der Wald war fern. Jetzt fühlte Reb Jekel wahre Sehnsucht nach ihm, wie nach einem Zufluchtsort, denn nicht weiter dahinter winkte das Heim und lockte mit seiner Wärme und seinem Frieden. „Wo nur der Wald hingekommen sein mag?" dachte er im Gehen. „Nur Eis und Schnee, solange ich gehe. Die Sonne entflieht, und wenn sie nicht ba ist, gleicht die Welt einem Eiskeller. Das wäre nicht übel, wenn ich mich verspäten würde; Geld Hab' ich bei mir, ciue volle Tasche Kupfermünzen und eine Menge Sachen dazu. Soll ich das etwa wegwerfen? . . . Oder soll ich es bis in die spate Sabüatnacht tragen? . . . Huh, der Frost geht mir durch die Knochen, er krampst mir die Gedärme zusammen. Nur schnell vorwärts, Jekele, keine langen Pansen! Ja, wer nur schnell gehen könnte, aber der Schnee ist weich wie Teig; bevor ich den einen Fuß herausziehe, sinkt der andere hinein. O Gott, hilf mir, nur die Füße etwas leichter zu rühren! Warum aber nur der Schnee hier so tief und locker ist? Eine Straße muß doch ansgcfahren sein. Anfangs watts nicht so. Oder . . . Hab' sch mich gar verirrt? . . Bei dickem Gedanken fuhr ihm ein lähmender Schrecken durch die Glieder, der ihm fast die Besinnung raubte. Kein Zweiiel, er hatte sich verirrt und mar seldein abgeboqen. Plötzlich wurde ihm sehr heiß, seine Hände sanken herab und die Füße schienen ihm den Dienst verjagen zu wollen. Dar Schweiß stand ihm in großen, eingeGprenen Tropfen au? der Stint, (fr hätte sich am liebsten in den Schnee hingestreckt, nur ansznruhen, aber rechtzc.tttg erinnerte er sich an Aletsas Mahnung. Wie ein Lichtblick kam ihm der Gedanke, rückwärts seine eigenen Spuren zit verfolgen, bis er den Fahrweg gefunden. Inzwischen dämmerte es. Dunkelheit breitete sich über die Erde, tind die weite, schiinmernde Schneedecke nahm einen bläulichen Glanz an. Der Himmel war heiler, hie und da funkelte schon ein verein?,etter kleiner Stern, nn d Reb Jekel rannte seinem Ziele zu. kaum atmend, jedesmal stolpernd und gepeitscht von dem Gedanken, daß jedes Ruhe« halten den Tod bedeute. „O Gott, hilf mir mir. den Weg zit finden! Soll ich denn hier sterben, itt dieser front nett Nacht, unter freiem Himmel?" Er horchte nach allen Seiten. ob nicht Gatt sich erbarmt trud einen Retter gesandt habe. Aber ringsum war alles öde und abgestorben, nur einige verlassene Bäitme starrten viclarmia :n d eingefro- . reit, wie Gespenster, in die Dunkelheit. Plötzlich verloren sich kne Abdrücke, ittt Schnee, und Rcb Je-tt suhlte, daß ihm das Herz stille stand. Nur: war alles zu Ende. Er war dem Umsinken nahe. Aber was war das? Er bückte sich ttnd.. erblickte zwei tiefe, parallel lausende Fmachen im Schnee, wie sie nur ein schwerer Schlitten' zurückge/asfen üaben'^ konnte. Hier war der Fahrweg. Reb JeGlS Herz wurde mit einemmal so weit, so voll Dankbarkeit, daß er fei tt Wort bervorbringen tonnte. Er lispelte nur: „O Gott, o Gott!" . . . Run mußte gewiß bald ein zweiter Schlitten kommen, und die Pein war zit Ende. Aber leine große Erschöpfung konnte er nicht bcmeistcr;,. „Nun ein wenig ansruhen. nur ein ganz klein wenig, nur curat Augenblick," bat er sich selbst um Erlaubnis und suchte die Stimme in seinem Innern zu betäuben, die ihm zttrief, der Lockung ztc widerstehen. „Nur eine kleine Weile will ich hier sitzen, Gattes Hilfe ist ja nahe." Er setzte fick) in den Schnee' hin und begann, Ne Lippen kaum bewegend, das Aden-gebet v murmeln. Doch bald überwältigte ihn eine aroße Müdigkeit, die sich wie ein Nebel verwirrend um scinc Sinne legte. Nun war es hier warm und weich zu sitzen. Aus seinen Füßen war die Kälte ganz geschwunden, io, er suhlte garnicht, daß er Füße hatte, auch Ohren, Nme und Fingerspitzen waren ans einmal warm. Ein wonniges. t örtliches Gefühl durchrieselte seinen ganzen Leib. Ans 'weiter Ferne glaubte er eine Stimme zu hören, die seinen Namen" ries. Es war der Rabbi. „Reb Jeret, ist Reb Jekel nicht da?" Ja, er ist da, und gleich wird er singen. Trotz der Betäubung. die ihn umfängt, saßt ilnr ein großes Staunen an. Er fühlt deutlich, daß er hier bis zu beit Knien im Schnee dasitzt, und doch sieht er sich klar, wie er ans dem Almemor steht, hoch über den Kopsen der versammelten Menge, ttnd hört seine eigene Stimme, die „Lecho-Dandi" singt. Die ganze Synagoge ist ein einziges Meer von Licht. Alle tauchen darin unter itttd blicken ihn mit ihnen stammenden Augen an. er aber singt, ohne Ankhörerr. Langsam bewegt sich das Almemor nach oben, jene vcriiurcu immer tiefer, und er erhebt sich immer höher und Heber, und zwilchen ihnen wogt ein endloses Meer von Strahlen und Tönen. .« Der Äfftnec fiel in dichten Flocken zur Eide herunter. Die Flocken wirbelten und tanzten in der Luit auf und nieder ttnd verhüllten die Welt mit einem Schleier. Allgemach hätrftc sich am Wegranöe ein Scbneelniqelchetr an, und darunter schlief Reb Jekel den ewige''. Schutt Umarbeitung Neu* Anfertigung nach neuesten Modellen JETZT: HtUtNWiO-MrmafBk PLATZ 6 * yyy i "'•atyrj’mKs