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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-11 · 50 (11.12.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
50 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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fein, hat man das je geschaut, man mutz das Kleine abstreifen lernen und eine fromme Seele empfangen. Kinder des Ewigen — das sind wir auch, so spricht im Tempel die „Ewige Lampe". Es ist keine schöne Sitte bei uns, -atz die Tempel nicht jeder Zeit offen stehen. Denn von Zeit zu Zeit sollte man yingehen, wenn nicht Sabbath ist und nicht Feiertag, die Orgel nicht sipielt, der Chor nicht singt, der Prediger nicht predigt, der Kantor nicht betet und keine Gemeinde versammelt ist und nichts dort leuchtet als nur das eine — die „Ewige Lampe" das „Ewige Licht". Versucht es einmal und schaut es dann an — ihr haltet wahrhaften Gottesdienst! Ihr taucht alle für Augenblicke ein in eures Gottes Unendlichkeit. Ein Licht des Ewigen ist da eure Seele. Und nun kommt Chanukah, und mit ihm das Licht. Und noch einmal versucht es, löscht alles aus und schauet stumm in das Chamrkahseuer. Die jüdische Seele strahlt dann hier auf, die jüdisch.ewige Heldenseele! Ganz schlicht, ganz still und doch urgewalti^! Ja, am Chanukah lernen wir alle es lieben das jüdische Licht und feinen Glanz. Ja am Chanukah wird es uns völlig klar, Satz wir jüdisch sind, wenn wir dem Worte huldigen: „Ein Licht des Ewigen ist die Seele." Aber ganz jüdisch erst, wenn wir dann hingehen, um Lichtsucher und Lichtspender zu sein, Fackelträger des ewigen Gottes! Ganz jüdisch, wenn wir die lieben lernen, aus deren Auge ein Leuchten schaut. So seelenvoll ist es, so tief dieses Auge, so rein und so hoheitsvoll zugleich. Alles, was sie nur in sich tragen, es hat dem Auge die Färbung gegeben. Sehnend schweift es hinaus in die Ferne und blickt uns liebeverlangend an. „Alles Sehen ist von der Seele her" singt die bekannte blinde Helene Keller. Ganz ähnlich dichtet die weniger bekannte jüdische Blinde, Jenny Bergmann: .„Der Licht will, mutz sichs selber zünden, sonst wird er nur den Schatten finden." Bon den Sehenden aber ruft uns Biolik: „Und sucht ihr vergebens das Wunder des Lichts, so gehts Und schassts aus dem. Nichts. Aus dem Felsen schlagt es, entlockt es dem Erz, Licht sprüh euer glutendes Herz" Ist es ein Wunder, das; im Bilde des Lichtes der «et unsere hehrste Bestimmung schaut, nicht nur necht unseres Gottes" zu sein, sondern ein „Lickt für die Völker der Welt" Wie weitet sich hier die Bedeutung des Festes, wie klein ist es angesichts solchen Ausblias, das Lichtfest vor allem feiern zu wollen als Fest deö jüdischen Nationalismus. So wertvoll eS ist, wie wir oben gesagt, einmal ein Chanukahlichtlein still anzuschauen, so sollte man einmal es doch auch wagen, unser Fest in ein L ich tmee r zu hüllen und den Tempel an diesem Feste einmal nur durch das Chamrkahlicht zu erhellen, durch Hunderte von Leuchtern und Lichtern freilich! Wir jedenfalls, die Neuformer sind, wir mutzten hier herrlich begeistert werden! Wie ein hundertftivnniges Halleluja mühte uns dieses Lichtv rneer grützen! Ein Ahnen der Zeit könnte das sein, von ' der wir ja auch am Weihefest singen, am W e i h e f e st eines jeden Monats: „Es kann nicht untergehen deine Sonne — denn der Ewige wird dir sein zum ewigen Licht!" Ein Ahnen der Zeit von der wir sprachen, der Glaubensversöhnuna. des ewigen Friedens! —- „Ein Licht des Ewigen, das ist die Seele" — so grüßen wir dich, unser Chanukah! i Die jüdische Gegenwart | X _...................._ < > Die jüdische Kolonisation in Rußland. Die weben zu Ende gegangene Konferenz der Vertreter der Eomzet iRegierungskommission für jüdische Lanbansiedlungj in ganz Rußland hat einen detaillierten Plan der Kolonisationstätigkeit für das Jahr 1626 au-gearbeitet. Gemäß dem Beschlüsse, auch den ganz armen jüdischen Fami. lien die Landansiedlung zu ermöglichen, wurden vier Beisteuern festgesetzt, die die ÄolonistenfamUien selbst zu in. vestieren haben werden: ganz arme Familien werden sich über den Besitz von 10 Rubel, andere über den Besitz von 150, 300 oder 500 Rubel auszuweisen haben. Im allgemei. nen wurde angenommen, daß ungefähr der dritte Teil der zukünftigen Neukolonisten ohne jedes eigene Kapital ange-. siedelt werden wird. Es wurde beschlossen, daraus zu achten, dah die zu bilden, den Kollektiven aus sozial gleichen Elementen sich zuiam. mensetzen sollen, wodurch die Arbeitsfreudigkeit gestützt wer. den würde. Jede Genossenschaft soll mindestens sieben und höchstens 20 Familien zählen. Im übrigen sollen die Ge. nossenschasten in ihrem inneren Wirtschaftsleben in keiner Weise gebunden werden. Jede Genossenschaft bat das Recht, diejenige Wirtschaftsform zu akzeptieren. Sie ihr am besten zusagt. Die Versorgung der Binnenwanderer mit Inventar, Baumaterialien usw. liegt nach wie vor ln den Händen der Comzet. Tie Listen der neuen Kolonisten sollen im Dezember fertig vor liegen. Zunächst sollen die in diesem Jahre angesieüelten etwa 5500 Familien richtig eingeordnet werden. sodann werden die für das Jahr 1926 vorgesehenen 104M neuen Siedlersamilien mit Boden. Inventar und Baumaterialien versehen werden. Für die neuen Kolo, nisten sind 811 Parzellen bereits anbanfertig heroestellt. die. restlichen 0556 Parzellen werden in Kürze anbaufähig gemacht werden. Im ganzen werden 250 000 Tcsjatin Land zur Verteilung gelangen. Für die Arbeit im Jahre 1926 st'nd die folgenden Kapi. talien erforderlich: 3 Mlliionen Rubel für die 1925er Kolonisten und 13 Millionen Rubel für die Kolonisten deS Jahres 1926,- außerdem eine Million Rubel für Vorbereitunqsarbeiten. Man rechnet damit. Latz die Kolonisten selbst 2 150 000 Rubel aufbringen werden: die Regierung wird eine Mil, lion Rubel beisteuern. Fern--! werden leisten: Tie Landwirtschafts- und Gewerbehank 2 Millionen Rubel. Aqro- Joint 1900 000 Rubel. JCA. 200 090 Rubel. Verband Xtt" l50000 Rubel, die amerikanische Arbeiterorganisation „Jcor" 36 009 Rubel, andere Kredite eine Million Rubel: insgesamt also 11733 000 Rubel. Es fehlen also zur Verwirklichung des gesamten Arbeitsplanes ungefähr 5 Millionen Rubel, die durch öffentliche Mitrel bchonders inr Auslände sAmcrikat aufzubrkvgcu sein werden. Die Gründung der Landwirtschaft^- und Gewerbebank sAgro-Knstar-Banks ist mit Hilie verschiedener Gesellschaften bereits in Angriff genommen worden. Deutsche Texttlgründung in Palästina. Bon den Siemens-Schuckert-Nerren und einer poluischjüdischen Gruppe werden wie die „D. Konfektion" erfährt. Verhandlungen über den Bau einer größeren Textilfabrik nebst Siedlung in Palästina geführt. Die in Frage soehen.de Gruppe, die sich unter dem Namen „Manoc Textil Works Ltd." in Palästina etablieren wird, besteht aus etwa 300 Familien, vorwiegend Webermeistern und gelernten Textilarbeitern/ die nach Fertigstellung der Baulichkeiten nach Palästina übersiedeln wollen. Tie Gesamtausfubrung der Anlagen und Bauten liegt in den Händen der Siernens- Sckmckert-Werke. Die Gruppe beabsichtigt, neben der indn, striellcn Betätigung auch Landwirtschaft zu betreiben. Ter Boden ist bereits sichergestellt worden. ■ffB Die Juden in Holland. Line historische Betrachtung. Bon Herbert Philipp st ha l. Die Vertreibung der Juden au- Spanien gehört ohne Zweifel zu Len bedeutendsten Ereignissen der jüdischen Geschichte. Im Jahre 1162 mußten gegen 300 000 Israeliten daS Land Ferdinands und Jsabellas verlassen und zerstreuten sich in alle Welt. Christliche Unduldsamkeit feierte wieder einmal Orgien. Nach hundert Jahren, ihm Jahre 1588, fanden die ersten spanischen Juden Ausnahme in Holland. Die Niederländer boten ihnen nicht aus Nächstenliebe — dies gibt es nicht im Dülkerleben — sondern allein infolge ihres Reichtums eine Gaststätte. Doch, man mutz es mit größter Anerkennung gestehen: Unduldsamkeit kannte das holländische Volt nicht, sondern die Stellung der Juden war frei, ungebunden, den übrigen Bewohnern gleich, auch wenn es nicht brieflich verbürgt war. Es gab keine Juöenorönung, keine Bürger zweiter Klasse, keine jüdischen Untertanen. Die spanischen Israeliten durften ohne Schranken ihre hohe Intelligenz wirken lasten. Sie knüpften bald Beziehungen zu den Israeliten in Hamburg iim Jahre 1577 konnten sich vertriebene Spanier in Hamburg niederlasse.nl. Marseille. Venedig, Konstantinopel usw. an, die sich in kurzer Zeit zum grötzten Vorteil Hollands aufs innigste gestalteten, da sich diese Israeliten gegenseitig kannten, die gleiche Sprache redeten, aus demselben Lande stammten. So wurden sie die wichtigsten Handelsvermittler der damaligen Zeit und begründeten Amsterdams und Rotterdams Weltruf. Die Juden galten als die stärksten Stützen nicht allein des europäischen — sondern des Welthandels überhaupt. Tie zogen nämlich auch in die neue Welt, die ihnen eine gewisse Sicherheit, ein Asyl vor Verfolgungen ihrer christlichen Bedränger bieten sollte. Tatz dies ein Trugschluß war, soll hier nicht weiter ausgesührt werden. Sie verstanden es, blühende Industrien in Brasilien ins Leben zu rufen: ebenso auf Jamaika, Martiniguc, St. Thuine usw. Svmbart nennt die Inden nicht mit Unrecht die Begünder der modernen Kolonialmirtschaft. Deshalb ist cs auch nicht verwunderlich, datz die Juden bei einem Volke wie dem holländischen, das den Handel so überaus schätzte (dem es seine Blüte verdanktes, einflußreiche Stellungen bekleiden durften. Rembrandts Kunst, soweit sie Juden und jüdisches Leben wiedergibt, ist ein Dokument größter Ächtung vor jüdischem Können. Ein Spinoza hätte sich in einem Ghetto nicht zu einem der grötzten Philosophen aller Zeiten entwickeln können. Der Dreißigjährige Krieg und seine Ausstrahlungen verursachten die Flucht zahlreicher deutscher Juden noch Holland, die ebenfalls Gunst und Wohlwollen bei dem holländischen Volke und ihren dortigen Glaubensgenossen erwarben. CHmelnickis grausames Wirken und die Verwüstungen und Judenverfolgungen im Schwedisch-Rumänischen Kriege (1654 bis 1655) führten russisch-polnische Juden, die. im Gegensatz zu den beiden anderen Gruppen vollkommen arm und mittellos waren, nach Holland. Diese Flüchtlinge gehörten damals und gehören auch heutigen Tages noch zu den ärmsten Schichten der niederländischen Israeliten. In einer Zeit, in der in Deutschland und den meisten übrigen Ländern an eine Gleichstellung zwischen Christen und Inden noch gar nicht zu denken war, war dies in Holland verwirklicht. Immerhin fehlte ihnen noch die Erlaubnis zur Ausübung des aktiven und passiven Wahlrechts, zur Bekleidung der Advokatur und ähnlicher Posten. Dies letzte Hindernis vollkommener Gleichberechtiairng wurde in der Emanzipationsperiode der Jahre 1795/96 beseitigt. In Holland wurden schon lange vor dem Kriege Inden zu Ministern ernannt. Bekannt sind die jüdischen Staatsrechtslehrer I. Oppenheim, Joseyhus Jitta, die vielen ^hervorragenden Träger des Namens AncS. die großen Künstler Joseph und Jfaac Israels: Schriftsteller wie Hermann Heyermans, M. H. van Caupen, C. de Haan genießen Weltruf, internationale Bedeutung. Augenblicklich wohnen, in Holland etwa 150000 Juden. Die größte Zahl lebt in Am- Der verföhnungstag. Don Else Laster-Schüler. > Kein Jude, der nicht an seine Eltern denkt an diesem 'Tage, dem beiligsten Tage im Jahr. Vater und Mutter war der Versöhnungstag das Wiegenfest der Jüdenheit. So allen Juden in allen Ländern und Erdteilen und ilv-:cn Kindern und Kindeskindern. KindeZkindeskinöern. Dieser Tag ist nicht ans der Welt des Juden auszurotten und wird einst vor Gott stehen als sein ebcnbildlichstes Geschöpf. Haß und Streitigkeit lächeln eingesungrn, müde störrische Kinder. An des Versöhnungstages Vorabend schon bewegten mir uns nur noch auf den Zehen, die süße Hingabe nicht auszuscheuchen. Aber auf seinem Damast deckt man den Tisch dem großen Bersöhnungseugel. der jedem Jüdcnhausc in jedem Jahre von neuem geboren wird. Und die Tochter, den Sohn, der isern vom Etternhouse weilt, mahnt der Versöhmmgötag. eine gcstaltgewordene Erinnerung. Ihr leuchtet der Stern des Friedens aus der Schläfe. Im Traaklcid trägt der Jude den Versöhnungstag behutsam dem Juden entgegen, auch Len andern Mitmenschen der Stadt, junge neue Freundschaft knüpfend. Allen Groll zerschmilzt im Herzen: „Händel", stellte sich heraus, bestand aus Irrtum. Unsre Hände sind an diesem Tage da, sich in eure zu legen. Schierling wächst am Orte der Begegnung, die unausgesohnt bleibt. Ich denke an Zuhause: die Kerzen wurden schon im Dämmern ' des Vorabends angezündet, mein Vater fehlte nur noch am friedlichen, blumengeschmückteu Tische. Auf seinen Beeten störte keineswegs das durchsichtige. milchweiße Porzellan, auch nicht die duftende Suppe in der Terrine. Meines Vaters unruhige Schritte vernahmen wir schon lange über unfern Köpfen, wenn auch gedämpfter als Gewohnheit. Er pflegte das ganze erste Stockwerk unseres Hanfes zum Ankleiden zu benutzen. Ab und zu schallten erschrockene Flüche eingclullt in einem Psalm aus dem Saal, in den er sich von seinem Schlafzimmer begeben hatte. Aber auch dort gelang eö ihm weder im ersten, zweiten noch dritten Spiegel, den .Kragenknopf in die kleine Kragenöffmmg zu schieben. Entweder war der Knopf über Nacht dicker geworden, oder der Teufel steckte dahinter. Zuerst eilte Tore, „die rote Katze", unsere Köchin, zu Hilfe, aber man hörte sie bald giftig miauend die Stufen hei-abschlaichen. Sie batte sogar — einstweilen gekündigt. Sie schickte Elise hinaus zu Herrn Schüler, die war geduldiger und hörte meinem Vater zu. wenn er ihr die Bedeutung des DersöhnungStages erklärte. Auch wählte sie ihm stets die nichtdrückenden Stiefel aus seinem Regimente Stiefel aus. die alle zwölf Paar kerzengrade blank in Reih und Leder an der Wand sich präsentierten. Mein Vater liebte schneidige Stiesel, ebenso guten Sitz seines Anzuges. Das schneeweiße Kopf- und Barthaar mit Veilchenseife gewaschen und gebügelt, die Schnurrbartspitzen gedreht, nahte endlich mein Vater verbeißendem VersöhnungSmahk mit entgleisten, heiligen Augen. Wir Kinder konnten unS daS Lachen kaum mehr verbeißen, bis er selbst unS lachend rügte wegen der Dinge Ernst. Wir saßen nun rund um den Tisch, nicht wie eine Familie grade, aber wie eine kleine Welt sür sich, jeder von unS ein anders gearteter Mensch auverschiedenen I Blutfarben, Sie sich wohl inetnandernriichten. zum Heil oder »mn Unheil sich wieder.avsonderten: Länder einig an dem Tage Gottes. Ich war die Jüngste und durfte immer neben meiner angcbetcten Mama sitzen, die mir heimlich eine Zuckerfreude ins kleine karrierte Kleidertäschchen steckte. Ich fühlte mich wie das ewige Leben neben ihr, die mich mal zur Welt gebracht hatte: und ich erinnerte mich an diesem Abend im warmen Samt des versöhnlichen Zimmers, wie ich auf dem Wiesenhang unter ihrem Herzen spielte. Ackst wenn ich daran zurückdenke, schließen sich meine Augen wieder halbblind, und wenn ich davon dichte, bluten die Buchstaben aus dem Schnee des Papiers. Zuerst bekam ich stets mein gebeiztes Tellerchen gefüllt, dann mein Vater, der liebte Markklötze: heimlich kontrollierte er die Zahl, die mit dem schaufelnden Suppenlöffel in die verschiedenen Teller erbarmungslos entschwanden. Dabei hätte er es nicht bemerkt, wenn die Marlklöße aus Mehlpaype geknetet worden wären. Neben meinem lieben Vater zur Linken schwärmte in Gedanken meine Schwester Martha Theresia und himmelte mit ihren mandelförmigen Augen im olivenfarbenen Gesicht. Meine zweite Schwester Annemaria. die schönste Blume im Wuppertale, pflegte manchmal ihren Arm durch den starken Husarenarm meines zweiten Bruders zu schieben. Sie hatte so etwas Hilfloses an sich in ihrer Zartheit. Zwischen meinem zweiten und meinem ältesten Bruder, der von seiner Akademie zum BersöhnungStage gereist kam, speiste mein jüngster Bruder Paul Karl Schüler mit größter Bescheidenheit und Freundlichkeit. In dem Jahr, wo er geboren worden, inspirierte meine Mutter die dazumal glühende Schiller-Zeit. Mein Bruder Paul besuchte auch noch die Schule, das Gvmnasium, er dichtete lateinisch und griechisch: meine teure Mutter und er lasen sich heimlich im Wohnzimmer gegenseitig ihre Gedichte vor. Mir hals er bei meinen Schularbeiten. Das waren Stunden für sich. Er lehrte mich in der Naturkunde, gut zu den allerürmsten Menschen zu sein, gequälten Tieren beizustehen. Er nannte mir die Namen aller Steine seiner prachtvoll glitzernde» Steinsammlung, und oft nahm er mich bei der Hand, stieg mit mir die Anhöhe, an deren Fuß unser HauS lag. bis in den Wald hinauf und pflückte mit mir Bucheckern und Waldbeeren. Er kannte alle Bäume und Sträucher und Blumen, als ob er mit Gott die Welt geschaffen habe. „Zugegen war er sicher", meinte aus dem Schulhof meine Freundin Emmi, „da er ein Heiliger ist, ein Apollo." Genau wie der gezeichnet in unserm Weltgeschichtsbuch ungeheuer vornehm gelehnt an einer Säule stand, sah mein blonder, hochgewachsener jüngster Bruder aus. Dem ältesten aber bin ich ein fremdes Kind geblieben, er mar viel älter als ich, und da er sich selten im Elternhause aufhielt, gelang eS mir nicht, ihn zwischen unS auf eine Schnur zü reihen. Ich phantasierte mit Hilfe meines Märchenbuchs vom verirrten KönigSfohn. denn seine Bruderschaft gestaltete sich mix in jedem Jahr schleierhafter und mysteriöser. BiS er mich einmal bei seiner Ankunft zu Hause zwischen Portieren hervorzog, hinter denen ich mich, von seinem faszinierenden Wesen behext, versteckt hatte und mir einen Schlag wegen meiner Unhöfltchkeit ins Gesicht gab. „Zum Andenken." Die Ursache gänzlicher Entfremdung zwischen ihm und mir, zwischen Schwester und 'Bruder. der Eltern gleichgeliebten Kindern. Ja. meine Geschwister waren alle schön, ähnelten meinen , Eltern, und ich konnte daS wohl beurteilen als kleiner, noch ungetrennter Ableger meiner Mutter, die mit mir ihre großen Kinder heimlich bewunderte. Nach der Suppe kam Fisch in Buttersauce und liebliche Kartoffeln. Jedes Mal erkundigte sich mein Vater, ob der Fisch auch kein Aal sei, da Moses ihn verboten habe zu genießen, weil er von Leichen lebe. Und dann kam Filet, garniert mit Gemüsen und Mirabellenkompott, das wir zwei Kinder, mein Vater und ich. leidenschaftlich gerne mochten. Und er schien wenigstens nicht zu bemerken, oast meine älteste Schwester ihm mit dem Rest der eingemachten Früchte allesamt seinen Teller füllte, da er weiter dozierte: man müsie aufhören zu essen, wenn man noch Hunger verspüre: also geraten habe das seinen Eltern und zweiundzwanzig Geschwistern und ihm der berühmte Sanitätsrat seiner Heimat in Westfalen, der Arzt gewesen war über tausend unheilbare Kranke. Als eine Flamme plötzlich durch die von der Bedienerin geöffnete Tür schlug, den Plumpudding umznngelte. Meine Mutter liebte, diese illuminierte Speise als Nachtisch reichen zu lassen, und ich war stolz auf dieses vornehme, gefährliche Gericht. Plumpudding mit Feuer und Weinfauce! Zu guter Letzt steckte sich mein Vater, was ihm auch an Alltagen nicht abzugewöhnen war. die große Serviette in die Rocktasche, bedeckte seinen lieben Kopf mit der Hand, der mußte vor Gott aus Demut beim Beten bedeckt sein, murmelte schnell, wie vor Schulschlutz noch das Ende des Extemporale, herunter unser ehrwürdiges königliches Gebet: „8cbema üsroel adonai elohenu adonai echod", worauf er am Arm meiner ältesten Schwester, seiner Tochter Martha Theresia, aus dem Haufe durch die Abendstraßen in den Osten der Stadt schritt, in den Sonagogentempel. Er batte längst die Bitte meiner Mutter, sich während der Predigt wenigstens zusammenzunehmen, vergessen. Den Versöhnungstag empfand mein Vater als größte Sensation im Jahre. An diesem Tage vergast er sogar leine Bauten und P'läne. Mein Vater war der auSgelasienste Mensch gewesen, den ich je im Leben kennengelernt habe: einen Schelm hatte er immer wo aus dem Polster seines roten Herzens sitzen. Er war beileibe nicht frohgemut aus Tiefe (wie ich den Literaten mich fragen hörej — er war ausgelassen aus Breite. Er strömte, er brandete, er zerstörte: es gab kein Hemmnis für seine Laune, und er konnte mit Sem Kopf durch die Wand. In Fastnachtsschellen begegnete ihm das Leid und die Sorge, und die Freude rist seine Tür aus der Angel. Aber sein Zorn — mächtig konnte er wettern — spielte.sich vor drolligen Kulissen ab, die drohten zwar zusammenzustürzen. Oft versteckten mich die Mägde, trotzdem mein Vater nie handgreiflich wurde, in dem eingemauerten Küchenschrank, darin die Arbeiter schon parterre Seim Bauen ihr Mittagsschläfchen gehalten haLen. ES endete dann, im Fall er mich fand, daß ich zur Strafe — nicht zur Schule gehen durfte! Und heute schlug er doch wieder die Synagogentür wie unsre arme HauStür rücksichtslos, nachdem er und meine Schwester inS Innere des heiligen HaufeS getreten waren, ins Schloß, und seine Stimme, die jedem Juden eine Schelmerei zu berichten hatte, vernahm man bis auf die hintersten Sitze der Ballone, auf dessen jugendlichstem Martha Theresia zu sitzen pflegte. Und wenn mein Vater seine Tochter im weißen Febevhute endlich oben entdeckt hatte, vergast er sich wieder Leswinge», falls ihre Nachbarinnen nicht feinem Geschmack entsprachen. So störte er den Gottesdienst, ohne diese Sünde zu beabsichtigen, denn er fastete getreulich ohne Klage, ohne

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