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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-11 · 50 (11.12.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
50 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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sterdam mit 70 000 jüdischen Seelen. Dann folgen Rotier« -am mit 17 000 und Haag mit 9000 Israeliten. Bisher waren die Niederlande frei vom Judenhaß. Escheint ober, daß sich auch hierin ein Umschwung vollzieht, und zwar ist. wie wir aus dem Schreiben einer Holländerin an uns entnehmen, seitdem der srühere Kaiser Wilheln in Holland sich niedergelassen hat, die Stimmung den Juden gegenüber eine schlechtere geworden. „Den „RischeS-Kaiser" hättet ihr," so sagt wörtlich die Schrciberin, „ruhig in Deutschland behalten können." Der Verteidiger von Beilis gestorben. Dieser Tage verstarb in Rom der einst berühmte russische Rechtsanwalt Nikolai Karabtschcwsky, der sich als der Verteidiger des Juden Mendel Beilis im Kiewer Ritualmord- Prozeß vom Jahre 1018 in der ganzen Welt einen Namen gemacht hat. Karabtschewsky, ein Nichtjude, hat in der Zeit des Zaren-Regimes an der Leite der Demokratie gekämpft und sich mit seiner ganzen Persönlichkeit für die politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung der Juden in Rußland eingesetzt. Nach der bolschewistischen Revolution kam er als politischer Emigrant ins Ausland, und hier schloß er sich dem rechten Flügel der russischen Monarchisten an. die in dem Großfürsten Kyrill den legitimen Herrscher Rußlands sehen. Als legitimer Monarchist bekundete ec eine Feindschaft gegen die Juden, die er in seinen vor einigen Jahren veröffentlichten Memoiren beschuldigte, daß sie an der Aufrichtung der Sowjet-Herrschaft einen zu großen Anteil ge^ nommen haben. Ungeachtet dessen wurde er in den letzreu Jahren seines Lebens, da er ganz mittellos war. von seinen jüdischen Freunden unterstützt, die unter den -Kreisen Tw jüdischen politischen Emigranten Geldbeträge für ihn ausbrachten. Gad Shelaso als Rezitator. Im Rahmen der „Gemeinschaft für neue Theaterkultur" venanstc stete der junge Schauspieler Gad Shelaso, der als Neger im „Hannibal" im Staatsschouspielhaus großen Erfolg erzielte, einen literarischen Vormittag. Das Ziel dieser jungen Gemeinschaft ist nach einleitenden Worten des Vorstandes, moderne unbekannte Werke und Dichter aufzuführen und wcrtimlle historische Werke in moderner Aufmachung. Dieser literarische Vormittag war der erste der Geineinichast. für den also Shelaso seine künstler,schon Kräfte zur Verfügung stellte. Erstaunlich, wie schnell dieser junge Jude aus dem Osten seinen Ausstieg vom jüdischen, hebräischen Theater zum StaatsschauspielHaus genommen hat. Erstaunlich und zu bewundern, wie er die deutsche Sprache in der kurzen Veit seines Aufenthaltes zu hetzerischen und m-'istern gelernt Hot. Der erste Teil seines Programms waren Rezitationen aus der Bibel und dem Talmud und Alfred Kerr's „Jerufcholajim", ein Programm, das ihm als zu einseitig jüdisch von einigen aus dem durchweg ans jugendlichen Intellektuellen bestehenden Publikum vorgeworsen wurde. Aber Shelaso, dieser echte moderne junge Jude suhlte, richtig dw Macht und Stärke seiner Persönlichkeit für diesen Gegenstand, Stärke, wie sie nur die Liebe eines solchen Temperaments zum Thema und eigenes inneres Erleben verleiben können. Nebrigens zeigten gerade die Vorträge aus dam Hohen Liede, den Psalmen und der Legende vom Schrei des Eisens den eigenen Wert und die immer moderne Schönheit der Werke. Die Psalmen kamen im hebräischen Urtext ganz besonders zur Wirkung, dieser Sprache, deren Schönheit sogar dem dcuischsühlenden Alfred Kcrr zu Herzen geht und die er in ihrer knappen Regelmäßigkeit „Snmn.ct'ricsprache" benennt. Das einzigartige Wunder des Judenvolkes, seine Erhaltung und ^.Mschung von Heldentum, Golus und ZuknnstSglanbe. darzst,teilen. ist Kerr in den tagebuchhasten. Skizzen seiner Pa- "tästrnareise in prächtiger Weise gelungen. In diesem „Jeruschalajim" läßt er auch uns einen Hauch verspüren von der Atmosphäre, die in jenem Lande weht, von Nahet? Grab und der Klagemauer, dem lieblichen Klima und der stolzen Ahnenreihe der Simson, Barkochba, Jesus, Spinoza und Rarr Der Vortrag dieses Stückes bildete auch für den Vortragenden den Höhepunkt.' mit besonderer Liebe schien er all die heiligen Namen zu sprechen und ließ durch eigenes Nacherleben die schimmernde, versunkene Welt vor uns Wiedererstehen. Ten Schauspieler betonte Shelaso mehr im zweiten Teil seines Vortrags, in dem er Szenen auS Shakespeares „Hamlet" ustd aus der HoffmannSthalschen ttebersetzuug von Sophokles' „König Oedipus" vortrug. Wenn auch'die unvergängliche Wahrheit und Schönheit der beiden Werke wie immer ihre Wirkung tat, so zeigte ihre Wiedergabe zwar Möglichkeiten, aber doch Unzulänglichkeiten. Selbst der stark verinnerlichte» von jugendlichem Geist durchpulste Vortrag konnte di« mangelnde Regie und die allzu schauspielerhafte Benutzung von Reamsiten nicht verdecken. Schauspieler oder Rezitator wünschen wir zu sehen, aber keine unerquickliche Vermengung von beiden. Auf der Höhe wiederum waren die Rezitationen aus Ernst Toller? „Schwalbenbuch". Rahel Lipschütz. Sein wirksamstes Argument. Unter dieser Ueberfchrift hotten wie in der letzten Nummer einen Beitrag des Schauspielers Karl Etlinger veröffentlicht. Dieser ist nicht wie angegeben mit dem Schriftsteller Karl Ettlinger identisch. Spredtsaai ♦»«♦»fr*»»»»»»»»»»»»»»»»»»«'»»»»»»»»»»»»«»»»»»»»»««'»»»»»»'»»» Iephias Tochter. Bei den Ausführungen über „Biblische und moderne grauen" in Nr. 14 Ihres.geschätzten Blattes habe ich eine Lichtgestalt aus der Bibel vermißt. Eine Lichtgestalt, die besonders der Jugend als leuchtendes Borbild vorichweben sollte, die „Tochter JephtaS". Wir finden in dem Buche der Richter die Stelle: Und Jephta tat ein Gelübde dem Ewigen und sprach: „Wenn Tu die Söhne Ammon in meine .Hand gibst, so soll dasjenige. waS herauskommt aus den Türen meines Hause? mir entgegen, wenn ich zurückkehre in Frieden. non den Söhnen Ammon dem Ewigen gehören und ich will c? darbringen als Ganzopfer." Und die Söhne Ammons wurden gedcmütigt vor den Kindern Israel?. Und Jephta kommt nach Mi.zpah in fein Haus und siebe, seine Tochter kommt heraus, ihm entgegen mit Pauken und in Reigen, und sie war nur die einzige, er chatte außer ihr keinen Sohn, noch Tochter. Und es geschah, wie er sie sah. zerriß er seine Kleider und sprach: „Ach meine Tochter, wie beugst Tu mich'. Und Tu bist unter meinen Verderbern. Doch ich habe meinen Mund aufgetan dem Ewigen, und kann nicht zurücktreten." Man denke sich ein Mädchen in der Blüte seiner Jugend, das Herz erfüllt roll Freude. das mit Gesang und Musik im Kreise, seiner Gespielinnen dem als Sieger heimkehrenden inniggelwbten Vater erngegencilt und statt de? beglückenden Willrommensgrußes daS Todesurteil von seinen Lippen empfängt. Kein Wort der Klage, kein Wort de? Jammers entfährt ihren Lippen! Sie siebt in den Augen de» Vater? nur die Trauer um sie. sieht nur da? stumme Weh." Und da wallt mit einem Male die Liebe, die Ehrfurcht und der Gehorsam in dem kindlichen Herzen für den Vater auf. Jedes andere Gefühl erstirbt. Das läßt uns verstehen. wen,, sie dem Vater da? schwere Gelübde zu erleichtern sucht, indem sie ihn auf die religiöse Pflicht des Eide? lsinmeist. und auf die Gnade Gottes für den verliehenen Sieg. Indem sie spricht: „Mein Vater'. Tu hast ausgctan Deinen Mund dem Ewigen. tue an mir, wie au? Deinem Mirvd gegangen, nachdem der Ewige Dir Rache geschafft an Deinen Feinden, den Söhnen Ammon." Und sie sprach weiter zu ihrem Vater: „Diese Sache werde mir gestattet, laste ab von mir zwei Monate, daß ich gehe und niedersteige in die Berge und weine um meine Jungfräulichkeit, ich und «eine Ges nofsinnen." Sie verlangte nur Erfüllung dieser einen Wunschevon ihrem Vater. Ter Wunsch, der durch ihre tiefe Krbmmigfcit ihrem Herzen entströmte. Als ein Unglück, als eine Strafe Gottes sah es die jüdische Krau in der Bibel an, wenn sie kinderlos blieb und nichts dazu beitrug, ein neues Geschlecht -heranzuziehen. Der höchste Stolz der Jüdin war, viele Kinder zu besitzen und sie alle in Liebe zu Gott aufwachsen zu sehen. In Bibel und Talmund heißt es: „Das HauS ist der Tempel der Frau, die Kindererziehung ihr Gottesdienst und die Familie ihre Gemeinde." Naturgemäß erfüllten diese Gedanken auch die heranblühende Jpng» frau. In der Einsamkeit der Berge wollte sie diese Gedanken bekämpfen. — Trotzdem i5* Herz darob weinte, war sie von einer Opferfreudigkeit und Hingebung erfüllt, die ihre ganze Größe zeigte. Und weiter heißt c?: „Und es geschah nach Verlauf zweier Monate, da kehrte sic zu ihrem Vater heim und er tat an ihr sein Gelübde, da? er gelobt?" Wo finden wir heute bei der Jugend, die sich so gerne, sobald als möglich der Obhut der Eltern entzieht, um ihre eigenen Wege geben zu können, diesen sittlichen Ernst und sittliche Größe? lind noch mehr. Wo finden wir diese hohe Verehrung der Eltern, die unbewußt eine Selbstlosigkeit schuf, au? der die große -Opferrvilligkcit erstand und die Ergebung in den Willen Gotte?. In den wechselvollen Vorgängen de? Schicksal? ist nichts beseligender und stärkender al? ein reines, festes Gottvertrauen. Das ist ein sicherer Grund, ein Fcl§, der nicht wankt. — Versenkt Euch. Ihr jungen Damen, in die Tiefe der Bibel und erfreut Euch au den herrlichen Frauengestalten, die Ihr dort findet. Lernt die jüdische Geschichte kennen und kehret zum Judentum zurück! Johanna Bach-Mühringeu. r*2 MMMM» Baumkuchen Torten » Feingebäck mi garantiert reiner Naturbutter für alle Festlichkeiten liefert frei Haus % m m t itlllorel Paul If Oiüer Gegründet 1J27 Berlin NW 6, Albr£ch£$hvl9 Telephon: Norden 8021 ilülilii'iüHiüiülüiiiiiüüllüüüiüiüülilüiillKniiüllüiiiiüilllillllliiüültilliüiili,!$« auch nur mit den Gedanken daheim zu weilen, wo das Wasser schon kochte in der Kaffeemaschine zu dem Mokka, den mein Vater zunächst einzunehrnen pflegte. Ter Stern trat fürsorglich eine Viertelstunde früher aus den Wolken alS sonst au den Abenden im Jahr, aber auch der christliche Kastellan verspätete sich nicht, der sich an meinen Barer wandte: „Herr Schüler, cck verlier verdeck mine Stcüong hier in der jüdischen Kirche, wenn eck Oenck nicht ganz ergebenst herausholen tu." Mein Vater nahm da? ohne weiteres heiter aus: der Snnagogendicner war nämlich der Bruder non seinem alten Ausläufer Robert und wußte schon, was er tat. Er verdiente sich jedesmal einen Taler, wenn er dann auch noch meine Schwester von der. Galerie, sie an den Fingerspitzen führend, in das kleine Synagogengärtchen meinem Vater behutsam brachte, wo beide auf die Freunde warteten. Ich hatte in der Zeit, in der meine sechzehnjährige Schwester für uns betete, prompt ihren Befehl ausgesührt und des Oberprimaner? Sigualpsisf erhört: ..Steh ich in finstrer Mitternacht!" Wenn auch mit enttäuschter Miene, statt seine flamme die kleine Schwester zu sehen, überreichte der brandrote Julius Caesar mir doch, meinen Bubenkopf streichelnd, den Schulaufiatz, den er für seine angebetete Martha Theresia jeden Monat zu arbeiten pflegte. Sein Konterfei lag zwischen Deckel uuö Seite. Ich kam mir unendlich wichtig vor als postillon d'amour, manchmal verwechselte ich zwar die Signale, denn eines der Häuser, daS an unsere kleine Gaste sSchnlergassc) grenzte, barg noch einen Verehrer, den meiner zweiten Schwester mit den herabhängenden Kastanieuhaaren. Walthers Herz entschwebte schon um sechs Uhr seinem ruhelosen Busen und sane: „Ich I Hab dein Pild im Traum geichn" . . . Ter Davidsstern \ unter der Stirn der Kuppel des heiligen Gottespalaites sandte seine Strahlen aus in der Zeit. wo die Juden den Tempel verließen, und noch heute glaube ich an seine Ausbreitung, da meine Augen wach geöffnet ihn erschauen. Mit schlichter Andacht singt der Vorsänger, der heilige Mann, vor dem Altar über die Tlwra gebeugt, die Psalmen sternenalter Versöhnung. Es ist schön, Jude zu sein, ist man ihm nie aus dem Weg gegangen, um eher das Ziel zu erreichen, ist man ihm treu geblieben und mit ihm verwachsen, von keiner äußeren Nichtigkeit verfuhrt, aber vom Jordan nmspült. Wer vermag sich zu entreißen dem uralten Jehova- Gebein. dem unerschütterlichen Fels; Prüfungen besteht der Jude täglich. Schmach schmeckt seinem Gaumen bitter, aber es entstehen Kräfte ans ihr. Doch nicht jedem Juden gelingt es, den Erzdust im Blute zu erhalten. Messias, der schon einmal auf Erden wandelte, für dcstcn Geschenk des HimmelS weder die Juden noch alle anderen Völker reif waren, es zu bewerten und zir bewahren in seiner Echtheit, „er kam nicht etwa, die Gesetze umzustoßen, aber sie zu erfüllen". Den Blutstand seines Volkes man re, Trübungen erklärte er: die Lauheit verwarf er. aber auch Streitigkeiten zu schlichte« versuchte er. Er wird wiederkommcn am Ende der Dell, der verkörperte Versöbnungstag. der Messias! Denn nur die Versöhnung aller Menschen vermagzu erheben und zu erlösen. Ein Stuhl um den Tisch bleibt für den MestiaS frei: als Kind legte ich ihm mein schönstes Spielzeug zwischen Lehne und Sitz versteckt. Er würde es finden. Das Fasten des Magen? ist es nicht, wenn die Seele nicht seöeS Tandeentkleidet schimmert: „Platz machen für Gott". Auf da- Fasten der Seele, darauf kommt e? an. denn in dielen großen Stunden soll sie sich füllen mit unerschöpflicher jubelnder Liebe des Versöhnungstages. Isidor Kaufmann. Bon D r. Botho 2 a s e r st e i n. Als die Ghettomauern um 1800 vor den Juden sielen, da befanden sie sich in einer ähnlichen Lage wie die Kinder vom Hakenkreuz, die heute, windbejackt und pickelbewehrt, durch die deutschen Straßen ziehen und in wenigen Wochen wieder zum Schlage ausholcn werden. Oder wie die Jugend der nachnapoleonischen Zeit, die Alfred de Müsset in seinen „Bekenntnissen eines Kinde? des Jahrhunderts" (1836» so sah. „Hinter ihnen eine auf ewig zerstörte Vergangenheit, die sich noch auf ihren Trümmern bewegte, mit all den Ueberresten der Jahrhunderte: vor ihnen die Morgenröte eine? ungeheuren Horizonts, die ersten Lichtstrahlen der Zukunft: und zwischen diesen zwei Welten . . . etwa? dem Ozean Aehnliches, der den alten vom jungen Kontinent trennt, etwas Unbestimmtes und Fließendes, ein stürmische? und klippenreiche? Meer. Mit einem Wort: die Gegenwart, die, weder Vergangenheit noch Zukunst, allen beiden gleicht: in der man -ei keinem Schritt, den man tut. weiß, ob man auf einem Saatfeld oder aus einem Trümmerhaufen wandelt." In einem solchen Chaos mußte, die Juöenhrit damals wählen. Und sie wählte. Ten Ueberschwang der Romantik: da wurden sie Christen. Die vernünnlerische Aufklärung: da wurden sie Atheisten. Ten neudeutscbcn Nationalismus: da verbannten sie die HumanitatSidee und die Propheten uns, wurden Zionisten. Und nun. da sie festen Fuß in der Kultur zu fassen beginnen, besinnen sie sich aus sich selbst und wollen Juden werden. Man kann e? bemerken, wenn man durch das jüdische Vereinsleben geht, zur jüdischen Jugend, durch Kunst und Literatur. Es ist vielleicht das Erfreulichste an dieser Zerr, die zwischen dem Kriege der Maschinengewehre und dem Kriege der Bazillen und der Todesstrahlen liegt. Am offcntnndiqsten wird'Z in der bildenden Kunst. Wenn man die Problematik der Liebermann, Lesser Urn, Struck oder Lilien gegen O p p e n b e i m sche Gemälde hält. Wenn einem das Begreifen fehlt, wie der Kitsch diese? Professor? bewundert werden konnte. Ober man gebe ins Extrem. Stelle sich aus die eine Seite Oppenheims „Wocheufest". Mit diesen Gesichtern für Friedhof und Einheit in der Gemeinde. Auf die andere: Marc Ek a g a ll-Köpfe. „On Hit" heißt einer. Und aus dem Gesicht spricht ahosverische Zerrissenheit deS Leides von Jahrtausenden. „Man sagt" .... Sagt, daß der Jude am Golde hänge, zum Wert dränge. ..Seht aus mein Buch und auf mein Mögen Tovid'." antworten die beängstigenden Augen diese? Juden. Und sieht man ihn wieder, dann singt sein Mund und seine Hand spricht: „me sagt, Karo lernt eso und Akiba Eiger lernt eso: was soll *) Zur VeröffentlichungbcS Mavpenwerkes „Isidor Kaufmann" durch Hermann MenkeS im Manz- Verlag, Dieri-Lripzig. ich armer Jü2 machen?" Bei Isidor Kaufmann kehrt das wieder. Mein Arbeitszimmer ist seit Tagen um vieles wohnlicher. jüdischer geworden. Seit auf dem Tisch die Mappe mit den Reproduktionen seiner Gemälde liegt, die der M a n z - V e r l a g iW i e n) in technisch ausgezeichneter Weise heraus gebracht hat. Isidor Kaufmann ringt in seinen Bildern vielleicht nicht so sehr wie der Radierer Lilien und der Maler Chagall nach neuer Erkenntnis. Bei ihm ist alles schon innerlich verarbeitet, wenn eS auf die Leinwand kommt. Darum aber sind diese Gemälde auch so verklärt, lassen sie das Stosflichc so weit hinter sich. Seine Farüensympbonie wird ein einzige? Hohelied des Judentums. Sein Blau, im „Höre Israel" und im jungen Priesterstämmling. fingt, jubelt die hohe Wonne in? Land. Nachkomme, Mitglied der Judengemeinschaft, öc? ThoravolkeS zu sein. Mit dem Alter und der größeren Reife dänrpft sich der Ton. Kaufmann wird nachdenklicher. Er malt das „Jüderl mit der Fiederl" aus dem bekannten Ghettolieb. Und ich könnte mir vor stellen, daß die Rötung kkieser todtraurigen Augen, daß die Träne, die dies Gesicht gefurcht hat, das steinerne Herz eine? Hamanniden zu menschlicher Regung brächte. iTas ewige Wanderleid, bester als bei Chagall.) Mit einem eigenen Gclblich-Rosa malt er den mystischen Schwärmer an? der Schule des Baalschem. Und daun wieder sitzen sinnend Juden vor Büchern aus Jahrhunderten. grübeln und deuteln durch Zeichen und Zeiten... Finster wird da? Gottdurchzogene Zimmer, wenn mit vier Kommentaren faustischer Wissensdurst durch die Pforte» Baba Mezia" tritt. Mehr der humoristische Ghettomaler, als der Kaufmann angefangen hat. spricht aus dem Bocher, der die Bibel liest („Eine schwere Stelle"): im „Fanatiker" ist der rechte Ausdruck nicht ganz gesunden. Diese Kopse sind von einer außerordentlich wuchtenden Geistigkeit. Was Kaufmann nicht beherrscht: das Interieur und die Massenwirknng. Die Frau, die in ihrer Wohnstube die Sabbatkerzen segnet, erinnert zu sehr an christliche Hausmalerei. Und so gedämpft die Tönung im Bcth-Hamidrasch-Gewölbe wirkt, so psychologisch sein da- Gehabe der Beter in der sabbatlick,cn Synagoge ersaßt ist: da ist — wie soll ich? sagen — die Grenze zwischen Malerei und Kuustphotographie nicht gesprengt. Vielleicht ist daran ein wenig die Wiedergabe schuld. Der etwa? ganz Großes beim „Freitagabend in Brodv" gelungen ist: uns die Stimmungdieser vielleicht bedeutendsten Kaufmannschen Arbeit zu vermitteln. Juden, im Kaftan, geben zur Synagoge. Aus allen Gasten kommen ne. Um sie liegt das dämmerige Dunkel der kleinen Stadt. Doch vor ifmüt der Lichtkegel, der auS den Fenstern des Bethaufes dringt, dem leuchtenden Gedanken des sabbatlichen Friedens gleich oder der Zukunft, auf die wir hoffen sollen. Ein eminent jüdischer Gedanke. Wie ich überhaupt >»aS für das Bedeutsamste am Werke de? Judenmaler? Isidor Kaufmann schätze, daß eS jüdische Sehnsüchte weckt, jüdische Herzen lockert und daS Judentum, dieses geschmähte, mutig zum einzigen und letzten Borwurf einer großen Kunst macht.

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