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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-11 · 50 (11.12.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
50 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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(Hasenheide: 3358—50). sowie sämtl. Annoncen-Exped. Nr. 50 Berlin, 1l. Dezember 1925 5. Jahrgang Chanukah. Licht und Fortschritt! Eine Betrachtung zum Chanukahfeste. Bon Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichteuberg. Zu Beginn des Winters, wenn sie eisigen Stürme mit machtvoller Gewalt unter Aufwendung aller Kraft ihre despotisch dröhnende Stimme erheben, erscheint wie ein Engel aus dem Reiche der Märchen das liebliche Chanukahfest. Da merkt man so recht, wie das Gesetz von den Gegensätzen in Natur- und Geistesleben keine Phrase, sondern vollgültige Wahrheit ist. Auf der einen Seite erbarmungslose Härte schneidender Kälte, Gestorbensein in Feld und Wald, säst Trostlosigkeit. Auf der anderen Seite das Bild der schimmernden Kerzen als Symbol des Ideals von heiligen Meuschheitsaufgaben. Es gibt eine Gruppe von Juden, die sich darüber wundert, daß man feit den letzten fünfundzwanzig Jahren der Feier des Chanukahsestes viel mehr Aufmerksamkeit zuwenöet. Es sei doch nur ein sogenanntes Halbsest mit „Arbeitserlaubnis", und früher, als wir noch Kinder waren, habe man weder in Schule und Haus noch im Gemeindeleben so viel von Channkah Hergemacht. -Diese Wahrnehmung mag stimmen, aber die Verwunderung über die Art, wie man sich des NtakkaLäersestes in immer steigendem Maße annimmt, braucht kein ungelöstes Rätsel zu bleiben, sondern läßt sich in seiner und scharf psychologischer Beobachtung zerstreuen. — Es hatte sich so um die Jahrhundertwende in der jüdischen Welt ein Stück Geschichte zu einem kläglichen Produkt katastrophal abgewickelt; der Begriff „Entwicklung" wäre hierbei nicht angebracht. Geistige Not und damit in enger Verbundenheit moralischer Tiefstand waren die Faktoren, die das Zerstörungswerk mit automatischer Sicherheit zu ungeahnter Höhe förderten. Da besann sich die Juöenheit — ganz besonders in deutschen Landen — auf ihr besseres Selbst und erwachte aus dem Schlafe eiseskalter Erstarrung, todbringender Gleichgültigkeit, verantwortungslosen Stillstandes. Und überall regte es sich, um Del aus dem verstaubten Wunderkrüglein des in einem Winkel unseres durch eigene Schuld „entweihten Heiligtums" zu entnehmen, auf daß es ein heiliges Feuer gotterleuchteter Begeisterung entflamme, die Herzen der Alten belebend, die Seele der Jungen bezaubernd und aufrufend zum Bau eines neuen Gottesheiligtums. Chanukah wurde das Fest des neugeborenen Jahrhunderts, ein strahlender Feiertag der Wintersonnenwende. In alten Zeiten, als in den Lehrhänsern die Diskussionen über wichtige Fragen der jüdischen Geisteswelt ihre Entscheidungen aussprachen, erhoben sich zwei Lehrhäuser seltenen Glanzes: die Schule Hillels und die Schule Schammais, bekannt durch ihre gegnerischen Meinungen. Schammai verbreitete die Lehre, daß man am ersten Abend des Chanukahsestes acht und am l e tz t e n Abend e i u Licht zu entzünden habe, entsprechend der abnehmenden Zahl der Festestage. Hillel hingegen entschied sich für das Gegenteil: nämlich am ersten Chanukahabend ein Lichtlein anfflammeu zu lassen, bis am letzten Abend ihrer acht erstrahlen. Er ging dabei von dem Grundsatz aus, man müsse „in heiligen Din g e n aufwär ts steigen und nicht abwärts sinken." Was Schammai wollte, war beengende Schematisierung, wogegen sich mit Recht schon das talmudische Zeitalter aufbäumte. In den letzten Jahrzehnten schwindet dieser Geist und Moral ertötende Schammaitische Buchstabenglaube gottlob. Aber Hillels beglückendes Leitmotiv hat sich leider noch nicht genügend weitschichtig Bahn gebrochen. Immer gibt es noch Zweifler und Nörgler, die zu ängstlich sind und in allzu wenig ausgeprägter Ehrlichkeit des Hilles Glauben zurücköämmern wollen. Wer nicht dem zunehmenden Lichte Hillelitischer Lebensbeiahun-g sein Herz vor aller Welt zu erschließen vermag, der leugnet die prophetisch messianische Wahrheit, die ihren unvergleichlichen Ausdruck finö-et in der Cbanukahbotschaft des Gottespropheten Sacharia: „Nickt durch Macht und Gewalt, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerscharen," Das will nichts anderes bedeuten als die Betätigung von allem Hohen und Heiligen, was gegen den verheerenden Brand eines Schammäi gerichtet ist und für den gesunden Entwicklungsgedanken Hillels Zeug-, nis abgelegt, dessen frohes, mutiges Bekenntnis im Zeichen des zunehmenden Lichtes erhaben über bloße Form sternengleich leuchtet. I ü d i s ch e I u g e n d, d i e d u f ü r a l l e s H o h e und Heilige zu entzünden bist, leuchte mit Hillelitischer Makkabäerfackel in die erlös ungsbedürstige Geistesnacht hinein und zeige, daß mau ehrlich z n kämpfen habe gegen die Mächte der F i n st e r n i s, die heute noch nicht das Wunder des Lichtes von Chanukah erkennen wollen. Schirme den l e b e n s - und lichtvollen Glauben der stets sich erneuernden und ewig neu sich e n t w i ck e l nden Güter I fr a c l s. S t i l l st a n d i st Rück s ch ritt und Tod! Dein L i ch t g l e i ch e der F a ck e l H i l l e l s! I u heiligen Dingen m u s; 'nt a lt vorwärtsschreiten! B o u d i e s c m Geiste erleuchtet wollen w i r jüdische Geschichte e r l e b d n und jüdisches Leben gestalten! Das ewige Chanukah. Bon Hedwig Ries. Das Individuum wird in seinem Werdegang, seiner Charakterentwicklung und seinen Leistungen wesentlich durch die äußeren Lebensverhältnisse, örtliche, zeitliche, familiäre und und gesellschaftliche, beeinflußt. So auch die Völker. Als deutlichste Beispiele dienen England und Deutschland: Englands Geschichte und Geschicke sind durch seine insulare Lage mitbestimmt und bedingt, während Deutschland durch seine zentrale geographische Lage zum Tummelplatz und Kulturkessel Europas wurde. Das kleine Judäa, das sich im Laufe der Jahrhunderte aus den Stamm er eichen des Volkes Israel herauskristallisiert hatte, wies durch seine geographische Lage einige Aehnlichkeit mit der Deutschlands auf. Die asiatischen Fürsten und Rom in ihrer Ländergier und steten Kriegsbereitschaft wählten das kleine Ländchen, das an der Schwelle dreier Erdteile lag, mit Vorliebe als Durchgangsland, und je nach der politischen Lage, wurde es als Bundesgenosse oder als Feinin die geschichtlichen Ereignisse hineingezogen. So ist die Geschichte des nationalen Juda eine Kette von Kriegserlebnissen. Den Angriffen auf seine Selbständigkeit: reihten sich die Bestrebungen an, ihr religiöses Leben, ihre Andersartung an Sitte und Weltanschauung zu untergraben, denn das Heidentum empfand diese Andersartung als etwas Feindliches. Wäre es da nicht allzu natürlich gewesen, wenn die Judäer sich zu einem Kriegsvolk entwickelt hätten, ähnlich wie das kriegerische Germanien früherer Jahrhunderte und das in Waffen starrende, mächtige Deutschland es bisher war? Wie ist die Tatsache zu erklären, daß Juda kein Kriegsvolk ward? Kein Abschnitt ans der Geschichte Judas gibt eine so deutliche Antwort auf diese Frage wie die Geschichte seines Kampfes gegen Syrien, wie die Ereignisse, die unserm Chanukahfest zugrunde liegen. Mit säst übermenschlicher Kraft wehrte das kleine Juda unter der Führung der Makkabäer die furchtbaren Angriffe der syrischen Truppen ab. Denn Juda und seine Führer wußten, um was es ging: Antiochus Epiphanes, dieser rohe und größenwahnsinnige Herrscher von Syrien hatte den Plan, Juda und Judentum gänzlich ausz u r o t t e u. Nicht nur der Nation wollte er den Untergang bereiten, sondern der Lehre, dem Gotte Israels, der Sendung dieses der Gesamtwelt unbegreiflichen Volkes. Die Makkabäer und ihre begeisterten Scharen kämpften für eine hohe Idee, für ihren Gott und ihre Lehre, für ihre Sendung. Die Erhaltung des Volkes in seiner körperlichen Existenz war nicht Selbstzweck, sondern es mußte als Träger der Idee erhalten werden. Ziel ihres Ringens war die neue Heiligung des entweihten Tempels, und dieses Ziel war nur erreichbar durch die Niederwerfung des Feindes und die Vertreibung der syrischen Soldateska ans den Städten. Als dieses Riesenwerk gelungen war, nahm mau zuerst die Reinigung und Neu-Ern^ weihung des Heiligtums vor. Der Sieg brachte nicht Siegestaumel und Heldenverehrung, sondern Lovpreisjung und Dankesspende dem, für den sie gekämpft und der für sie gekämpft: Dem Gotte Israels, der sich einst durch Mose verkündet hatte. Chanukah ist kein Siegesfest, unser schlichtes Lied kein Trinmphgeschrci über unsere Feinde, sondern bis in spateste Zeiten und für alle Geschlechter ein Erinnern und Mahnen daran, daß Gott sein Volk aus höchster Not noch stets errettet Hat. Chanukah ist und bleibt ein Fest der Heiligung, der Gottesweihe, desj Lichtes, der Gebefreudigkeit, der Menschenliebe. Wir „Modernen", die wir ans unsere Aufgeklärtheit so stolz sind, daß wir nicht mehr mit jener kindlichen Auffassung vergangener Zeiten an ein persönliches! Eingreifen Gottes in das Tun und Geschehen der Menschenwelt glauben, wir sollen aus unserm Fest und seiner Geschichte das eine lernen: Wir sollen an die Logik der Weltgeschichte glauben, an den Sieg der Idee, die voin Geiste der Gottheit ist, und zu deren Ausführung gottgesandte Menschen berufen sind. Diesen Glauben soll das Chanukahfest auch in den aufgeklärtesten Köpfen und Herzen stets von neuem wach^ rufen und wachhalteu. Die schlichten Worte in lieblichster Melodie, die flackernden, bescheidenen LichtchA» sollen jedes Jahr unser erschüttertes Vertrauere stärken, uns ermahnen, nicht irre zu wenden am Willen und an der Kraft der Gottheit. Sind nicht zu allen Zeiten Altäre besudelt und zerstört worden? Haben oie Jahrhunderte nicht immer wieder Tempel verbrannt und nieöergerissen? Mutz der Kampf des Guten mit dem Bösen nicht immer wieder ausgefochten werden? Wir alle, die wir atmen, haben mit Grausen diesen Kanrpf erlebt, dieses Ringen der Völker, Bernichtungstaumel und sinnlasen Hatz, Menschenzerfleischung und Rückfall in die gräßlichste Barbarei. Aber wer sehen will und kann, wem ein Fühlen fernen Flügelschlages gegeben ist, spürt er nicht schon inmitten aller Wirrnisse das Neue, das geboren werden soll? Und ist die Zeit erst reif, dann heißt es wieder einen entweihten Tempel reinigen und neu einweihen: Den besudelten Tempel d e r M e n s ch h e i t. Dann hat unser Chanukahfest einen neuen Wert und Sinn erhalten, und darum nennen wir es „Ewiges Chanukah". So wollen wir nicht müde werden, es zu feiern, nicht als Siegesfest und Triumphgeschrei, sondern als ewige Hoffnung ans den Sieg des Rechts und des Guten. Licht! Zum Chanukahfest. Bon Rabbiner Dr. Gottschalk. Wenn man einen Beweis dafür haben will, daß nicht die Fülle der religiösen Bräuche, sondern ihr Inhalt und ihre Schönheit deren Wert bedingen, dann ist unser Chanukah ein klarer Beweis. Nur ein Symbol hat es, das Licht. Und wie wundervoll einfach unwundervoll schön und wie urjndisch ist dieser Brauch. Ohne Einzelheiten hier aufzuzählen — kein jüdisches Fest ohne jüdisches Licht, keine jüdische Trauer ohne jüdische Flammen! Aber freilich, wenn schon für alle Symbol«, gilt es für das Licht in doppeltem Sinn: es spricht nicht zu uns, sprechen wir nicht zu ihm, es leuchtet uns nicht, wenn wir ihm nicht leuchten. Ein Totenlicht ist jedes Licht für uns, das wir, die lebendig Toten, entzünden, wofern wir nicht vorher das Wort erlebt:! „Ein Licht des Ewigen, das ist die Seele." Ein Wort, das ebenso kurz wie tief das Letzte unserer Religion ausspricht. Wir sind die Kinder des Lichts deshalb, weil wir die Kinder des Ewigen sind — wir sind die Kinder des Ewigen nur, wenn wir Kinder -es Lichtes sind! Kinder des Lichts — so spricht jeder Sabbath, wenn sie ansglühen jene zwei Weihekerzen und feierlich stumm in die Höhe streben. Versucht es einmal, wenn ihr Seele besitzt: löscht jedes andere Licht einmal aus und schaut, ohne ein Wort zu sprechen hinein in jene zwei Weihekerzen. Das Wort der Bibel erschließt sich euch dann: „Ein Licht des Ewigen ist die Seele" — so schlicht wie das Licht und doch so erhaben, so still und doch in die Höhe strebend. Man kann nicht wehr schlecht

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