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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-04 · 49 (4.12.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
49 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Menschenrasse und Kullurenlwicklung. Bon Geheimrat EL. Königin Bonn. BiS vor wenigen Jahrzehnten war „Menschenrasse" ein Thema in Len Lehrbüchern Ser Geographie und in den theologischen Verhandlungen über die einheitttche Abstaurmung -es Menschengeschlechts. Ta machte aber in der Nachfolge -es französischen Grafen Gobineau der englisch-deutsche H. H. Charnberlain den RassenantisemitisMuS zu einem zug. kräftigen Köder der Masseninstinkte und auf einmal war seit- Sem von Menschenrasse weithin in vielen Winkelblättern und auf den Wirtshausbänken die Rede. Und was wurde der Angelpunkt bei den antisemitischen Debatten über Menschenrassen? Die angebliche inferiore Stellung der einen und anderen Rasse zum Kukturfortschritt. Weil dies nun auch noch in der Gegenwart ein Haupts chlagwort des Antisemitismus bildet, ist es gewiß zeitgemäß, der Beziehung von Menschen, raffe zur Kultur eine ruhig-objektive Erörterung zu widmen. 1. Existenz »ott Menschenrassen und ihre Kulturbcsähiguug. Wie es allerdings leicht geschieht, das; beim berechtigten iKampie gegen die falsche Verwendung eines Begriffes sogar -essen Existenz bestritten wird, so ist cs auch bei der Abwehr -es Rassenantisemitismus vorgekommen, daß das Vorhandensein von Menschenrassen überhaupt geleugnet werden ffoüte. Die Neigung dazu zeigt sich sogar in dem sonst tief schürfenden Buche über „Nasse und Kultur" von Dr. Fricdr. Hertz, das wegen seiner Bedeutung vor einigen Wochen schon eine dritte Auflage erleben durste. Was nun ist über das Recht zur Unterscheidung von Menscheurassen nach der neu. cren Forschung zu urteilen? Allerdings sind sie nicht nach der Verschiedenheit der Sprachen zu unterscheiden. Selbst die großen Sprachstämme. der malaiische, der mongolische usw., begrenzen durch «hre Verbreitungbezirke nicht auch Menschenrassen. Oder sind Sprachwandcrung und Sprachwcchsel nicht überaus häufige Erscheinungen im Völkerlebev? Ohne öicies Thema hier jjetzt erschöpfen zu wollen, muß doch wenigstens daran erinnert «erden, daß so viele germanische Völkerschaften, wie z. B. die Wandalen Nestgoten. Langobarden und Franken, nach ihrem Einmarsch in das Gebiet der lateinischen Sprache sich in Bezug auf die Sprache romanisiert haben. Liegt etwa deswegen ein Grund vor, die Völker, welche bloß ihre Sprache gewechselt haben, als „lateinische Rasse" zu bezeichnen? Tic Berufung darauf war iür Italien im Weltkriege ein ebenso schlechter Grund, sein Bündnis mit Deutschland zu. brechen, wie sein berüchtigter „s a c r o e ß o i s ra o". Ebendeswegen ist es falsch, wenn neuerdings weithin die Phönizier deshalb, weil sic eine mit der hebräischen nächstverwandte Sprache redeten, als Stammverwandte Israels hingestellt werden. Ihre Ueberlieferung. -aß sie vom Roten Meere her cinwandcrten (Herodot Ich und 7,80), wird durch das von vielen Neueren übersehene Zeugnis ägnptischer Gemälde, woraus die Phönizier gleich den Acgnptern rotbraun koloriert sind (alle Belege gibt mein Kommentar zu 1. Mose 1925, 4231, drastisch bestätigt. Diese Tatsache führt uns iu unserer Betrachtung zugleich einen Schritt weiter. Sie lenkt ja unseren Blick darauf, daß es doch faktisch schwarze und weiße, rotbraune und gelbe Abteilungen in der Menschheit gibt, und diesen Tatbestand gu beseitigen, darf nicht dadurch angestrebt werden, daß man die oftmals vorkommenden Neüenschattierungen betont. Der durch die Jahrtausende beharrende Hanptbestand kann nicht durch sie unr seine Geltung gebracht werden. Was auch kann an der öurchherrschenöen verschiedenen Färbung von Negern und Kaukasiern dadurch geändert werden, daß — wie in dem z Buche von Hertz — vielmehr von der Schwarze und Weiße ß ihrer Farbe und hauptsächlich von dem Pigment gesprochen wird, durch das die Verschiedenheit der Färbung bewirkt -werde? Allerdings ist nach höchster Wahrscheinlichkeit zunächst die Frrbenverschiedenheit der Neger auf den Einslutz deS verschiedenen Grades von Bestrahlung durch die Sonne zurückzuführen (so auch Karl Kautsky. Rasse und Judentum Versündigung. Von E r n st L i 1 s a u e r. Und immer wieder lodert ein Sinai. Der Berg, zu unterst, airhcbt zu drohen, Rotrauchig klaffen gelbe Lohen, Donner raunen und rollen. Und einer ragt, Von Flamme umtagt, Von Rcruch umstaubt, Rückgeschollen, Fallen die Donner von leinem Haupt, Niederzündend Stürzt aus ihm der gezündete Strahl, Felsen irümmert sein Zorn zu Tal. — Und immer wieder lodert ein Mensch, verkündend. Als deutsche Jüdin in Frankreich und England. Von Else Schweriner. Unlängst, als ich bei einer Debatte für und wider den HioniSmus erklärte: wie deutsch man fühle wisse man erst, wenn man im Ausland gewesen sei. und damit lebhafte Zustimmung fand, regte mich diese Aussprache an. irr irgend «iver Form nicderzulegen, was ich als deutsche Jüdin auf meiner Reise in Frankreich und England empfunden hatte. Es sind gewiß keine bedeutsamen Erlebnisse, und doch staben sie mir bewiesen, wie verleumderisch auf der einen Seite die völkischen Angriffe sind, die uns Vaterlandsliebe und Deutschtum absprechen wollen und wie unwahr aus der anderen Seite die Weisheiten des Zionismus. Durch das überaus liebenswürdige Entgegenkommen der 'H amburg—-Amer i k a-Lini e durften mix «mein Mann und ich) unsere Reise als Gäste auf dem wundervollen Amerika-Dampfer ^Albert Ballin" beginnen. Dieser Prächtige, mit allem erdenklichen Komfort ausgestattctc Passagierdampfer trägt den Namen des Mannes, unter dessen jFühruna die Hapag ihre Weltstellung vor dem Kriege erworben hat. Ein fast lebensgroßes Bild von Albert Ballin ist in einer Halle des Schiffes angebracht und zwingt zu ehrfürchtiger Betrachtung: hier steht ein deutscher Jude, der mit all seiner Arbeitskraft, seinem großen Können ynd Wissen seinem deutschen Vaterland gedient hat! Es ist vielleicht noch in Erinnerung, daß Albert Ballin den damaligen Kaiser, mit dem ihn freundschaftliche Beziehungen verbanden, bis zum letzten Augenblick vor dem Weltkrieg gewarnt hat und dyß er selbst noch im letzten Augenblick eine Verständigung mit England heröeiführen wollte. Es ist vielleicht weiter noch erinnerlich, daß Albert Ballin den wirtschaftlichen Zusammenbruch seines Vaterlandes nicht überleben konnte. Eines steht jedenfalls fest: Albert Ballin ist trotz vieler verlockender Anerbietungen ein Jude geblieben, dessen Name im deutschen Wirtschaftsleben unvergeßlich sein Wird, 1821. 87), so daß z. B. die Fußsohlen der Neger «in blässeres Schwarz zeigen. Aber trotzdem gehört diese durchherrschende Verschiedenheit der Hautfarbe jetzt zu den konstanten Eigen, schäften der betreffenden Menschheitabteilunsen. und die schwarze Hautfarbe bildet zusammen mit den wulstigen Lippen und dem Vorspringen der Mundpartie den formalen Grundcharakter der Neger. Aber sind die demnach unleugbaren Unterschiede -er Menschenrassen etwa imstande, die Einheit de- Menschen, geschlechts und speziell die Einheit seiner Beziehung zur Kulturbegründung zu zersprengen? Nein, sie können es schon auf dem körperlichen Gebiete nicht. Denn schon auf diesem Gebiete gilt von allen Menschenrassen folgendes Dreifache: WaS neuerdings oft von der Gleichheit geredet worden ist. die dem menschlichen Embryo in einem, gewissen Entwicktnnasstadinm z B. mit dem des Hundes zukomme, so kann nach meiner Ansicht nur dieses Urteil gefällt werden: Die Gleichheit kann doch nicht vollkommen sein: denn wäre das menschliche Embryo zu einer Zeit vollständig dem des Hundes gleich, so müßte auch ebendasselbe Endprodukt entstehen. Ferner hat noch keiner von den „Menschenaffen", von denen Ernst Haeckel so oft sprach, weil er die Zusammenstimmungen, aber nicht die Verschiedenheiten gewürdigt hat. den ansrechten Gang seines Wärters nachgcahmt. Endlich die sogenannte Affensprache, die vor einigen Jahren der Amerikaner Garner an einem Kapuzineraffen beobachtet haben wollte, bestand nur aus etwa zehn Lauten, die von Garner und seiner Frau non sich aus gedeutet worden waren. Was sind das für ohnmächtige Versuche, die Kluft auszufüllen, die zwischen den höchststehenden Tieren nnd auch den niedrigsten Menschenrassen gähnt. Nur der Mensch ohne Unterschied der Rasse hat das Feuer als mächtigen Hebel des Fortschritts in seinen Dienst genommen Nur der Mensch hat — um ein Beispiel heranszugreifen t- Bäume gefällt nnd zu Balken behauen, um sich und seiner. Familie eine behagliche Wohnung herzurichten. Nur der Mensch ist nn cmpordäwmerndcn Schamgefühl zur Bedeckung seiner Blöße fortgeschritten. Nur der Mensch besitzt die intellektuelle Fähigkeit, eine Reihe von logisch zusammenhängenden Begriffen durch artikulierteLaute auszudrückcn und so in Sprache und Schrift sich die Hauptmittel zur Ausbildung aller geistigen Kultur zu verschaffen. So aber stand ein Rubikon zwischen Tier und Mensch non jeder Rasse seit allen Jahrtausenden, aus denen er in den Horizont der geologisch-ethnologischen Forschung trat. Tenn treten wir z. B. mit Ad. Stiegelmann in die Höhlen non Altainira an der Rordküste Spaniens! Ta finden mir Herdfntcm’itc, wie sie bei keinem Tierlager beobachtet werden. Da grüßen uns von den Felswänden herab buntfarbige Zeichnungen von Urochftn und Wildpserden. also aus einer Periode. wo diese Tiere noch in Nordsvanien lebten. Nnd welche Zartheit des Gefühls prägt sich darin aus, das? die Bilder aus dem Steinzeikalter. wenn sie Frauen darstellten, dnsie als bekleidete malten! Doch schon genug von Beweisen dafür, daß der Mensch als solcher — ohne Unterschied der Nasse — die Befähigung in sich trug, n e b e n d i e N a t u r d i e K u l t u r z u setzen. Wie vollkommen demnach wird durch die Forschung das bestätigt, was als Zentralidee mit außergewöhnlicher Klarheit aus dem althebräischcn Schrifttum heransleuchtet: der Gedanke von einem erhabenen Ziele der Menschheitsgeschichte! II. Menschenrassen und kultureller Höhenrekord. Aber die Frage nach der allgemeinen Fähigkeit deS Menschen, eine Kultur zu schaffen, ist nicht die einzige und wichtigste. In heftigen Kämpfen und Verfolgungen unserer Gegenwart handelt es sich in letzter Instanz um die Frage, welche Menschenrasse lim richtigen oder auch unrichtigen Sinne dieses Wortes) den Hauptteil an der Förderung der Kultur geleistet hat. Suchen wir uns der Lösung dieser Frage schrittweise zu nähern! Als fester Ausgangspunkt steht die Tatsache da. daß Vertreter der Nassen, die oftmals als in kultureller Hinsicht minderwertig angesehen werde«, doch wenigstens zunächst die geistige Fähigkeit besitzen, ihnen nahetretende. höhere Kulturmomente sich anzueignen. Ja. auffallend rst z. B. die Leichtigkeit, mit der sogar mehrere fremde Sprachen von Indianern un- Negern erlernt werden lnach Frdr. Ratzel. Völkerkunde. Band 11. S. 16). Als lebendige Verkörperung der BildungSfähigkeit von Negern steht ja z. B. Bookev T. Washington Sa. der in seiner Sclbstbiographie. die unter dem Titel „Vom Sklaven empor", auch ins Deutsche übersetzt worden ist, ein tatsächliches Zeugnis von der Entwicklung gibt, die von Negern erreicht werden kann, nachdem sic die Gelegenheit zur Ausbildung ihres Geistes erlangt Hachen. Sodann ist es geradezu staunenswert, mit welcher Raschheit manche Stämme -er Malaien auf den Siidseeirrseln die ihnen endlich bekanntgewordene varlamentarische Rcgicruugsform nachgeahmt haben. Also braucht man nicht auch noch an die mongolischen Japaner zu erinnern, den klaren Beweis dafür zu liefern, daß Teile von allen Menschenrassen zunächst dazu befähigt sind, auf höher«' Kulturstufen, die in ihren Gesichtskreis gelangen, mit Bewußtsein und selbsttätiger^ Streben zu treten. Also in Bezug auf die Befähigung zu höherer Kul^ tnrfortschritt steht keine Menschenrasse wesentlich unter den anderen. In dieser Hinsicht ist kein Riecht nvrhandeu, au? eine von den Menschenrassen mit ''WmnssicMnung lsinabznblicken. Die nächste Frage forscht nun n^ch der von den einzelnen Menschenrassen tatsächlich erreichten st u l t u r st u f e. Die Beantwortung dieser Frage ist nach der sinen Richtung hin sehr einfach. Nämlim was ü'<? äußerlichen oder mechanischen Momente der Kultur anlangt, so kann die Kul, turstufe der MenschhcitZzweige drüben in inneren Afrika oder Australien usw. mit dem Niveau, aus fron wir uns jetzt samt den anderen „kultivierten" Völkern besuchen. gar nicht verglichen werden. Indes kiese äußerliche Seite an unserer Kultur hat ja ihre wesentlichen Bestaudtchle auch erst im zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts erlangt. In allen Jahrhunderten vorder entbehrten die „Kulturnationen" ja ebenfalls der Eisenbahnen, dev Darnpsschinahrt^ und Dampfmaschine überhaupt, des Gaslichtes, dor Elektrizität, des Telegraphen und Telephons und and rer Verkehrsmittel. Aber wenn von diesen neuesten Er-rnnaenschaften abgesehen wird, stehen andere Menschenrassen nicht absolut tief darunter. Oder müssen nicht auch V. die Acgpvter schau .Hebelvorrichtungen, wenn auch rwu.primitivster^ Art, gelanur h.H-en. um die ungeheure,'. Sreiunrossen auf die Höbe der Pyramiden empprzuheben? Hot map, nicht auch in Palästina schon unr 70-f> v. Cln'. einen Kamst non zwolihundert ElleN Länge, hundert Ellen nv.'er der Cichober» fläche so gebaut, daß die Arbeiter i>o;i zwei Seiten her^angefangen haben und doch in der Mitte /oinumneirtvgfen? Dort, wo „Hocke gegen Hacke" schlug, haben in die Ar bette« eine sechszeilige Inschrift in die Wand genmNchlt,. die 1886 wieder entdeckte Siloah-Jnichrift. Folglich must wau doch damals irgendwie Mittel besessen hoben, um :r,ücr der Erde die Richtung bestimmen zu können. Fernem ürben m die Chinesen längst z. B. Papier und Buchdruck, erkunden gehabt. ehe diese Erfindungen in Europa. oltostiivgs ganz unabhängig davon, gemacht worden sind inacsi G. Jacob. Welche Handelsartikel bezogen die Araber uiw.?>. Auch die Höhenlage der g e i st i g e n Seift' an^der Kultur ist bei den sogenannten Primitiven Völ.chrn nicifiicn w e n7, g er niedrig gewesen, als man leicht sich vorn ob r. Dies ist gerade in der neueren Zeit iu mehreren Pnntlen festgestellt morden. Denn im Gebiete des reltgiöseu Glaubens hat die Forschung z. B. bei den Südaustralierrr die Idee von einem Gotte Darumulun gefunden, den sie in ihren Mysterien als Vater und Schöpfer anrnfen. dom sie tune Opfer wie den übrigen von ihnen verehrten Geistern darbririgen, und den sie als den Wächter über gewisse Moralregettr ansehen sEdw. Lehmann in „Die Knttiur der Gegenwart" I. 3.1 S 26). Allerdings ist eine so hohe Anschauung vom Göttlichen dort nicht so klar begrifflich bearbeitet worden, wie dies Auf der Fahrt von Cuxhaven bis Boulogne chatten wir durch Führung eines Schifssoffizicrs Gelegenheit, sämtliche Einriäjtungen dieses Riesenbetriebes kennen zu lernen. Bemerkenswert ist cs, daß der „Albert Ballin" einer der wenigen Passagierdampser ist, die eine rituelle Küche führen. Hauptsächlich komw-en für Liese Reisende der 3. Klasse, die ostjüöischen Auswanderer, in Betracht. ÄUs wir uns unserm Ziel, dem Hafen von Boulogne, näherten, blieb unser Schiss auf hoher See stehen, um den französischen Tender zu erwarten, der die Passagiere für Boulogne aufnehmen sollte. Dann, als wir unter wehender Trikolore standen, vor uns den stolzen Bau des „Albert Ballin", ein Merkmal deutschen Fleißes, deutscher Leistung, als uns die Schifsskapelle den Abschiedsgrutz spielte, da war es keine falsche Sentimentalität, die uns die Augen feucht werden ließ, es war das Gefühl tiefinnerer Verbundenheit mit unserem Deutschtum, es war ein selbstverständliches Stolzsein auf dieses Deutschtum. Nun von Boulogne mit der Eisenbahn nach Paris. Die französische Hauptstadt ist ein Tummelplatz aller möglichen Nationen geworden. Der ostindische Straßenhändler fällt ebensowenig auf wie der Türke, der auf den Boulevards seine Teppiche über dem Arm zum Kauf anbietct. Jrgeird welchen Schikanen als Deutsche begegneten wir hier nirgends. Später au der Küste, in Le Havre z. B.. blickte man uns nicht sehr freundlich au, als man uns dent'ch sprechen hörte. Die Leutchen haben wohl die liebevollen Bombenwürfe von deutscher Seite noch nicht vergessen können. Wer Paris besucht, muss auch in Verjailles gewesen sein. Auf dem Gejcllschastsarlto, ähnlich unfern Rundfahrtwagen wurden wir ein Gefühl des Fremdseins uicht los, alS mir um uns her die verschiedensten Sprachlaute vernahmen. Waren wir wirklich die einzigen Deutschen in diesem Bvlkcrgcmisch? lind herzlich war dann unsere Freude, als wir bei der Besichtigung des historischen Schlosses plötzlich deutsche Laute hörten. Eine Frage an Len Führer. Wir wurden sofort mit diesem Herrn aus Aachen, der aussah wie m völkischer Oberlehrer und Dextilfabrikant war, bekannt. Seine Freude, Landsleute zu treffen, mar nicht minder groß, und wenn er innerlich auch Antisemit gewesen sein sollte, io hat »ms dies Zusammentreffen bewiesen, daß wir uns auf fremdem Boden nur in dem einen Gefühl gesunden haben: als Deutsche! Wenn man von Paris nach London will, mnß man die wenig angenehme Fahrt über den Kanal mit in den Kaus nehmen. Auf einer Karte an eine Freundin resümierte ich folgendermaßen: Paris ist wundervoll, London gigantischer! Einer unserer ersten Wege war znm Britischen Museum, in dem sich das Original der „Weisen von Zion" befindet. Bei unserer Wanderung durch die kolossalen Räume, entdeckte ich in einem Saal, der dem Geist des Buddhismus geweiht ist. eine sogenannte Hebräische A u s st e l l u n g. Es war eine recht anspruchslose Sammlung von jüdischen Ritualien. Bor dem AuSgang des Museums fanden wir aus einem VerkausStisch noch etwas Interessantes: aus 15 Postkarten abphotographiert 40 deutsche Medaillen des Großen Krieges! f40 German Meda.ls of the Great War.) Inschrift einer Medaille mit dem Kopf des Admirals von Tirpitz: Gott ürgse England. 18. Februar 1215. Von der Vielseitigkeit und Buniheit der A u s st e l l u n q von Wembley zu erzählen, wäre an dieser Stelle nicht angeb nacht. Aber was uns alle imerciiterru dürfte, ist die P a l ä st i n a - A u s st e l l u n g in W e m b l e n. Der oberflächliche Besucher wird gewiß nur eine allgemeine Darbietung der Erzeugnisse des Landes wabrgenommcn haben, angefangen mit Jaffa-Apfelsinen, Mandeln irr'.ö Honig bis zum schönen Olivenholze von Hebron. Wi.r sahen wehr. Wir sahen das geistige, jüdische Palästina, des Erez Israel, das da in unzähligen Schriften Vropaaauda m<cht iür seinen Grund und Boden. Als besondere Sehenswürdigkeit war das Goldene Buch ausgestellt, das die vielen Tausend handschriftlichen Einzcichnungcn höchster und allerhöchster Häupter für den Nationalsond enthält. Im Indischen Pavillon machte ich eine wahrhaft kuriose Entdeckung. Wir erstanden ein bleiues Schmuckkästchen, dessen Deckel verziert ist m i t einem —Hakenkreuz! Also das urgermanisch-völkischc Hakenkreuz inmitten indischer Landesproduktc. Ihr Wotangläubigen, kommt her und staunt! Nahe Picca-illy war es, wo mir auf dem angekündigten Programm eines Varietes zweiten Ranges das Auftreten eines jüdischen Komikers aufiiel. Dieser „Künstler" brachte in einer widerlich-mayschelnden Art Karikaturen jüdischer Typen, wie sie höchstens in einem deutschen Variets oder Kabarett erreicht werden können. Wohltuend war es dagegen zu bemerken, daß dieses, ans meist einfachen Leuten bestehende englische Publikum wenig Ge f a l l e n au diesen Vorträgen fand und mit seinem Beifall sehr kargte. Nun kam der Sonntag, an dem wir. oben ans dem Bus tAutobus) sitzend, hinausfuhren gen Whitechapel. Hier halten die ostiüdischen Händler ihren Sorurtagsmarkt ab, wozr: ihnen, die die Sabbatruhe streng beobachten, von der englischen Regierung -ic besondere Erlaubnis gegeben worden ist. Ein lautes Gewoge von anpreiseuden und feilschenden Stimmen scholl uns entgegen. Tic unwillkürlich aufsteigende Kindheitserinnerung an den kleinstädtischen Jahrmarkt in der Heimat schwand sehr schnell beim näheren Studium des Milieus. Es war nicht „mein Milliöh": eine andere Welt, eine andere Kultur tut sich liier auf! Hier spricht man „jiddisch", dem sich auch englische Laute beimischen. Die engen Gassen, die kleinen schmutzigen Häuser ohne Licht und Sonne lassen Einblick tun in alle Varianten des Elends hier i>m östlichen London. Aber die Jungen, die Hochstrebenden, die finden den Weg schon über Whitechapel^ Koad hinaus in die City und weiter lsinans nach Westen wo alles Zeugnis ablegt von dem Wohlstand Englands und von leinen kulturellen Errungenschaften. Ilnd diese Jungen werden nach und nach ihr „jiddisch" und damit alle Spuren des Whitechapelcr Ghettolebens oblegen. Sie werden, naturalisiert. ihre Kinder in englische Schulen schicken, sie an Spiel und Sport körperlich ertüchtigen und. als eine neue Generation, ganz in englischen Gebräuchen und Sitten, in englischem Geistesleben aufgehen lassen. In England nennt man das vaterländische Einbürgerung, i n D e u t s ch l a n d „fluchwürdiges A s s i m i l a n t e nt n m". das geeignet ist, die ,.n a t i o n a l e n Belange" des Zionismus zu stören.

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