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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-12-04 · 49 (4.12.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
49 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Jude und das Theater — dies könnte eine historische Abhandlung werden, wenn die Beziehungen der Juden zur Schaubühne in ihrer heutigen Gestalt weit in die Vergangenheit zurückreichten. Freilich, schon König Salomo unterhielt eine eigene Truppe von Gauklern und Springern, und im Rom der Kaiserzeit fanden sich unter den Schauspielern auch Israeliten, aber das sind Erscheinungen, die vereinzelt blieben und kaum etwas mit dem Thema zu tun haben. Denn wie sehr gleich Neigung und natürliche Veranlagung den Juden auf das Theater weisen mochten: die Schranken d-es Ghettos, die ihn in engen Zwang banden, ihn zu einem Paria stempelten, setzten Wünschen und Taten unüberwindliche Hemmnisse entgegen. Innerhalb des Ghettos selbst allerdings war die Kunst des „Vcrstellers" nicht unbekannt. Am Purimfest durfte sie sich ausleben: in phantasiebeschwingten heiteren oder ernsten Improvisationen, Stegreifkomödien, oder auch in festgelegten dramatischen Dichtungen, wie jener aus dem 17. Jahrhundert stammenden „Verkaufung Josefs" (MekirathJoseph), von der ein Exemplar sich in der Bibliothek des Vaters Goethes befand und allem Anschein nach den Knaben Wolfgang bei der Abfassung seiner „Josesslegenöe" beeinlußt hat. Wenigstens wird diese Handschrift als eins der Argumente für die Echtheit der in Hamburg entdeckten Dichtung des jungen Goetbe hcrangezvaen. Im übrigen reiste mit dem Purimfpicl „Die Verkaufung Josefs" eine aus Rabbinatsschülern gebildete Truppe in ganz Westdeutschland herum, führte — nach zeitgenössischen Quellen — das Werk in reicher Ausstattung an Kostümen auf und soll großen Zulauf gehabt haben. Außer den Purimspielen gab es im Ghetto noch eine andere Gelegenheit zur Betätigung künstlerischer Veranlagung. Das waren die Hochzeiten, bei denen der Lnstigmacher, der Marschalik, seinen Geist leuchten lassen durfte. Er war berufen, die Festlichkeit mit heiteren Arabesken zu umziehen, vertrat etwa die Rolle des Hofnarren, und je flinker sein Witz, um so höher war seine Entlohnung. In geringen Ausnahmefällen, die sich fast nur auf Westdeutschland beziehen, drangen jüdische Schauspieler über die Ghettomauern hinaus, aber erst als eine neue, humanere Zeit den Juden wenigstens äußerlich aus dem Ghetto erlöste, bot sich ihm die Möglichkeit, wirklich Fäden zum Theater zu knüpfen, diesem als Darsteller oder als Förderer der.Kunst zu dienen. Die Gabe scharfer Beobachtung, das lebhafte Temperament, die Fähigkeit der Einfühlung, diese echt orientalischen Eigenschaften lassen den Inden prädestiniert erscheinen für den schauspielerischen Beruf. Hinzu kommt meist eine glühende Phantasie, die den Nachschaffenden zum Erlebenden macht und ihn nicht selten über die Aufgabe hinaushebt. Der Jude ist von Hause aus Idealist — Me Profitgier und der Schachersinn, die man ihm nachsagt, sind die Folgen eines Jahrhunderte währenden Drucks und einer Entrechtung, die ihn, den Wehrunö Waffenlosen, zwang, zur Abwehr sich der Waffen des Geistes zu bedienen. Das Gesetz der Anpassung hatte den Inden erzeugt, der die Verachtung der ganzen Welt auf sich lnd, die Verachtung derer, die zwar die Wirkung sahen, sich aber nicht klar darüber waren oder sein wollten, daß sie die Ursache waren. Der Idealist mißt das Reale mit dem Maß stab seiner Ideale: nicht wie die Tinge sind, sondern wie sie sein sollten, ist für ihn entscheidend. Kein Wunder, daß die unterdrückten, verfolgten Juden beim Idealismus ihre Zuflucht suchten, wie es ebensowenig ein Wunder ist, daß die Behandlung, die kurzsichtiger Fanatismus ihnen angedeihen ließ, bei ihnen Klugheit in List umsormtc. Vorherrschend jedenfalls war trotz allem bei ihnen stets der Idealismus. Wie hätten sonst ihre Gelehrten ein langes Leben an uneinträgliche, haarspalterische Talmudauslegungen setzen sollen! Wie hatten Menschen, die dauernd gehetzt und gepeinigt waren, sonst mit solcher Zähigkeit und ergreifenden Opferbereitschast an der Väter Glauben festhalten sollen, da sie doch wußten, daß ein Uebertritt zur Staatsreligion ihnen zugleich den Weg in die Freiheit auftat. Auch als die „Emanzipation" der Juden Ereignis wurde, blieb dem Inden noch die Mehrzahl der gehobenen geistigen Berufe verschlossen, und wenn sich ihm auch die Universitäten öffneten — seine wissenschaftliche Laufbahn war begrenzt durch ungeschriebene Gesetze. Der Staat duldete, daß der Jude strebte und forschte zum Nutzen der Allgemeinheit, aber es fiel ihm nicht ein, solche Arbeit durch Verleihung von Amt und Würden offiziell anzuerkennen. Ein jüdischer Staatsanwalt? Ein jüdischer Richter? Unmöglich! (Die geringen Ausnahmen beweisen nur die Regel.) Und wenn heute in den meisten Anmaltsbureaus Inden sitzen, so geht dies ebenfalls auf die (inzwischen unsichtbar gewordenen) Ghettomauern zurück. Dann aber wohl auch darauf, daß der Jude scharfsinnig und gewandt ist, daß er die Schwächen des Gegners zu erkennen weiß, und daß er über eine natürliche Rednergabe verfügt. Er brachte also alles mit, was zum Rüstzeug des Rechtsanwalts gehört. Und aus den gleichen Gründen und wegen der gleichen Eigenschaften trieb es ihn zum Theater. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und die sie erst recht dem Juden bedeuten, weil dieser Schein sich ihm für wenige Stunden des Spiels zu einem glücklicheren, durch keine kleinlichen Vorurteile beengten Sein wandelt, ist er nicht verfehmt. Hier, im Reich der Kunst, entscheidet allein das Können, und der Prinz aus Genieland ist allen anderen Prinzen aus Genieland ebenbürtig. Einem Davison, einem Dessoir, einem Sonnenthal hat man ebensowenig ihre jüdische Abstammung zum Vorwurf gemacht, wie man daran Anstoß nimmt, daß Max Pallenberg, feine Gattin, Fritzi Massary, der Intendant Jesfner, Adolf LArronge, Hans Pagay (der eigentlich Papagei hieß) und soviele ausgezeichnete Künstler aus einem nichtarischen Nest ausgeflogen find. Bei dieser Gelegenheit möchte ich übrigens eine kleine Anekdote einflechten: Als Davison einst im Wiener Burgtheater als König Philipp in „Don Carlos" gastierte, fragte er im Charakter der Rolle Sonnenthal-Posa: „Ihr seid Protestant?", worauf dieser — ebenfalls wie die Rolle es vorschrieb — entgegnete: „Ihr Glaube, Sire, ist auch der meine." Aber er unterstrich die Worte, und das Publikum schmunzelte verständnisinnig . . . Man muß nicht charakterlos sein, um allabendlich in einen anderen Charakter schlüpfen zu können — man braucht nur die Anpassungsfähigkeit und das empfindliche Einfühlungsvermögen des Inden zu haben. Die Keime zu solchen Qualitäten sind ohne Zweifel in der Urheimat des jüdischen Volks beschlossen, entwickelt und zur Reife gebracht hat aber auch sie das Ghetto. Und fast unmittelbar ans der Enge des Ghettos drangen jene jüdisch-galizischen Schauspielertruppen hervor, die ihre Kunst im „jiddischen" Jargon vermitteln, Meisterwerke der Weltliteratur in diesen Jargon übertragen und dem Geschmack und der Fassungskraft ihrer Zuhörer angleichen. Ein Rudolf Schilökrant kam ans ihren Reihen, und mancher andere Künstler der deutschen Sprechbühne hat sich bei ihnen die Sporen verdient. Der Prozentsatz der jüdischen Schauspieler ist verhältnismäßig groß, größer als der der jüdischen Bühnenleiter. Denn man darf hier nicht nach den besonderen Berliner Verhältnissen urteilen. In der Reichshauptstadt sind tatsächlich die meisten und bedeutendsten Bühnen in den Händen der Juden — ganz gewiß nicht zum Schaden der Kunst. Oder will man behaupten, daß Max Reinhardt, augenblicklich wohl der erste, genialste Theatermann der Welt, daß Viktor Barnowsky, Heinz Saltenburg nicht bemüht wären, die von ihnen geführten Unternehmungen auf einem Niveau zu halten, das des großen Kunstzentrums Berlin würdig ist? Was im besonderen Max Reinhardt geleistet hat und noch leistet, gehört der Dheatergeschichte an und bildet eins ihrer interessantesten und ergiebigsten Kapitel aus der neuen Zeit. Reinhardt ist der Typus der idealistisch eingestellten Juden, wie es vor ihm Ludwig Brahm, der unvergessene Leiter des Leffing- und Deutschen Theaters war. Man spricht verächtlich vom „Theater als Geschäft", man übersieht aber dabei, daß von jeder größeren Bühne Hunderte von Existenzen abhängig sind, und daß erst auf der soliden Grundlage eines die Kassen füllendenStücks die Möglichkeit zu Experimenten mit den Werken junger Autoren oder mit Dramen gegeben ist, von denen von vornherein seststeht, daß sie nur eine kleine Gemeinde finden werden. Wenn die jüdischen Bühnenleiter dies erkannt haben, so beweist es nur ihren Scharfblick, und sie können jedenfalls für sich geltend machen, daß immer der Dienst an der Kunst ihnen voranstanö, und daß das Geschäft ihnen nur Mittel zum Zweck war. Den drei genannten Direktoren ebenso, wie Karl Meinhard und Rudolf Bernauer, die zurzeit ihre Bühnen verpachtet haben, verdankt die dramatische Kunst eine tülle von Anregungen und wertvoller Arbeit, die zum eil Neuland erschloß. Sie haben Wege gewiesen, die dann von anderen weiter beschritten wurden, und diese Bühnenmänner, in deren vorderster Reihe auch Leopold Jessner, der kluge, zielsichere Intendant der Staatstheater, steht, haben, jeder an seinem Teil, dazu beigetragen, die deutsche Bühnenkunst auf die Höhe zu erheben, die sie heute behauptet. Gerade die im Eingang dargelegten spezifischen Eigenschaften des Juden haben sie dazu befähigt. Sind nicht auch die jüdischen Kritiker mit einer wahren Leidenschaft und Besessenheit dem Theater ergeben? Man behauptet, daß das Negierende, Zersetzelche im Charakter des Juden begründet sei, und man zieht wieder einen Trugschluß. Denn auch hier zeigt sich eben der Idealist, der die Dinge so scheu will, wie sie in seiner Vorstellung leben, und der die irgend erdenkliche Vollkommenheit anstrebt. Wir diese Vollkommenheit kämpfen die jüdischen Kritiker, und ihrem Verneinen liegt nur der heiße Wunsch des Bejahenkönnens zugrunde. Der jüdische Dramatiker, der mit Ernst tiefgründigen Problemen nachgeht oder mit flinkem Witz ein heiteres Thema behandelt, sei hier nur kurz erwähnt. Es ist aber wohl kein Zufall, sondern in der idealistischen Natur des Juden begründet, daß kaum ein Jude sich seinerzeit unter den Vertretern der realistischen Schule befand. Zum Theater gehört das Publikum, und auch hier stellen die Juden ein wichtiges und bedeutsames Kontingent. Das Interesse für Kunst und Künstler ist bei ihnen immer rege, sie sind leicht entzündlich, schnell zu begeistern, und ihre rasche Auffassungsgabe befähigt sie, den Intentionen des Dichters mit rechtem Verständnis zu folgen, die Leistungen eines Schauspielers nach ihrem vollen Wert eiuzuschätzen. So verschwindend gering die Zahl der Juden, gemessen an der Gesamtbevölkerung, in Berlin ist, ein so ausschlaggebender Faktor sind sie doch im Theaterleben der Reichshauptstaöt, aus dem sie nur zum Schaden des Ganzen wegzudenken wären. Der Jude und das Theater gehören zueinander, denn jüdische Geistes- und Gemütsgaben, amalgamiert mit nordischer Wesensart, ergeben ein glückliches Gemisch zum Heil der Buhnenknnst. Richavs Wilde, Berlin.! 1 Nach Inbetriebnahme der neuen Fcrusprech-!! Vermittlungsstelle Haienheide in Berlin lauten! 1 unsere Fernsprechanschlüsse jetzt: j Ami Hasenheide 3358, 3359! Bereinigung für das liberale Judentum c. B. I! Liberaler Verein für die Jüdische Gemeinde!! z« Berlin. Verlag und Redaktion der Jüdisch-Liberalen! Zeitung.! Jnserateuabteilung der Jüdisch-Liberale» Zeitung. »MMeM«eeeeeeee«eeeMeeee»ee*eeeeeeeeeeeeeeeeMeeeeeeee Scheult m khmmlih Wiche Sicher!

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