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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-11-27 · 48 (27.11.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
48 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ii Die jüdische Gegenwart jl < ' . 1 > Der Schuh der jüdischen MnoritSlen vor dem Völkerbund. Das Programm der am 7. Dezember L. I. beg-innenden 87. Session des Bölkerbun-Srateenthält eine Anzahl Fragen. die die jüdische Bevölkerung in verschiedenen Ländern unmittelbar angehen. So steht es u. a. fest, daß die Frage der Juden in Ungarn aufgerollt werden wird, und zwar nicht allein die Frage des Numerus elausuS-Gesetzes, sonder» auch die Frage der staatlichen Stellung der unga- Äfchen Juden überhaupt. Auch der Vorschlag der litauischen Negierung, baß all« Mitglieder des Völkerbundes sich über eine einvernehmliche Regelung der Rechte und Pflichten der Minderheiten einigen sollen, wird zur Verhandlung kommen. Schließlich wird der DölkerbundSrat in dieser Session die Beschlüsse und Arbeiten der 6. Kommission, die daS Palästina-Mandat zu behandeln hat, prüfen und billigen. Pir. Lucien Wolf hat dem Board of Deputies einen Bericht über die Behandlung jüdischer Fragen auf der 8. Sitzung des Völkerbundes unterbreitet. aus welchem u. a. hervorgehtr Obwohl diese Session hauptsächlich den Problemen des Weltfriedens gewidmet war. wurden auch di« Minderheitsfragen, die für die Juden Osteuropas von so großer Bedeutung sind, eingehend behandelt so z. B. die Fragen der Konsolidierung des Systems der Minderheitsbehandlung, des Numerus clausuS-Gesetzes in Ungarn, des Bruches der MinderheitSabmachungen seitens Litauens, der Beschwerden Ser rumänischen Juden, der Klagen der Juden Griechenlands. des Verhaltens der polnischen Negierung zu hen Juden usw. Dem Vertreter des Völkerbundes für Mm'ul wurde der Auftrag erteilt, auch die Behandlung der Minderheiten zu überwachen: dabei wurden die Juden von Mosul. deren Zahl £2000 beträgt, ausdrücklich miteinbezogen. Im großen ganzen — so schließt der Bericht Lucien Wolf — hat sich die jüdische Arbeit im Zusammenhang mit der 6. Völkerbundstagung als fruchtbar erwiesen. Auch dort, wo Enttäuschungen zu verzeichnen waren, ist ein Weg für zufriedenstellende Lösungen in Zukunft offengelasien morde». Das schreiende Unrecht des Numerus clausus wurde vor das Internationale Forum gebracht. Litauen wurde ieine nützliche Lehre in Bezug auf die Einhaltungen der Minderheitsverpflichtungen erteilt. Von 2000 jüdischen Flüchtlingen in Befsarabien wurde die Gefahr grausamer Deportation abgewenöet. Schließlich wurde das große Problem der Immigration der Lösung näher gebracht. Alle diese Arbeit wäre ohne die Existenz des Völkerbundes nicht möglich gewesen. Man solle deshalb die Geduld nicht verlieren, wenn es in mancher Hinsicht nicht nach Wunsch geht: im Wege des Völkerbundes, dessen Kraft und Prestige zunimmt, werden weitere Lösungen kommen. Die Staaissubvention für den Preußischen Landesverband. Wiederholt ist in der Oeffentlichkeit gerügt worden, das der Preußische Landesverband iüdischer Gemeinden eine Ge tzeimpolitik betreibt, deren Sinn dem Außenstehenden schlechterdingS nicht verständlich ist. Das geht so weit, daß der Preußische Landesverband sogar die Veröffentlichung eine! tveschluffeS, der in öffentlicher Sitzung im Ple- .«um des Preußischen Landtages gefaßt worden ist. wi< ' nachstehender Erklärung hervorgeht, hätte vermiedet "Een. Wir hatten bereits in unserer letzten Num -WMbavon Mitteilung gemacht, daß bet der zweiten Lesung deS Kultusetats die Subvention für den Preußischen Landes perband gestrichen worden ist. Statt entweder die Redaktionen der jüdischen Zeitungen im Interesse der weiteren Verhandlungen zu bitten, diese Nachricht, zu deren Veröffentlichung sie selbstverständlich im Interesse ihrer Leser verpflichtet waren, ohne Kommentar zu veröffentliche» oder aber die Oeffentlichkeit über dag schreiende Unrecht eines derartigen Beschlusses aufzuklären, glaubten die maßgebende» Herren — ober ist es richtiger von dem maßgebenden Herrn zu sprechen? — den Beschluß vollständig totschweigen zu können? Wenn diese Politik deS Preußischen Landesverbandes noch lange fortgesetzt wird, so wird seine Unpopularität wohl bald einen Gipfelpunkt erreicht haben. Am 1. Februar d. I. fanden die Wahlen zum ersten Ver- LandStag des Preußischen Landesverbandes statt. Etwa fünf Monate später erst trat der BerbandStag zum erstenmal zusammen. Seitdem haben nicht einmal die Abgeordneten deS VerbandstdgeS irgendeine Nachricht vom Preußischen Landesverband erhalten. Nicht ein einziges Exemplar des Verwaltung'sblatteS dieser Organisation ist ihnen zugeganaen! Mutz das Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit nicht durch derartige Methoden getötet werden? Die Erklärung, die der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden nunmehr durch das jüdische Zeitungsbureau" verbreiten läßt, lautet: Der Preußische Landtag hat in seiner Sitzung vom 13. d. M. bei der zweiten Beratung des Haushalts des Ministeriums für Wissenschaft. Kunst und Volksbildung die für die Synagogengemciuden vom Hauptausschuß beantragten Bewilligungen abgelehnt. Wir haben bisher von einer Mitteilung dieser Tatsache abgesehen. weil naturgemäß nichts unversucht bleiben wird, um bei der dritten Lesung des Etats ein günstigeres Ergebnis herbeizuführen, und uns vorzeitige Veröffentlichungen diesen Bestrebungen nickt förderlick erschienen. Nachdem nunmehr die Angelegenheit von anderer Seite in die Oeffentlichkeit gebracht ist, möchten wir über die Vorgänge das Folgende bekanntgeben: Der Preußische Landesverband hatte dem Hauptausschuß des Landtages den Antrag unterbreitet: „Für Zwecke der geistlichen Versorgung leistungsunfähiger Synagvgengemeinden unter Ausschluß einer rechtlichen Verpflichtung des Staates 610 000 Mark" als Kapital 123 a in den Haushalt des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einzustellen. Es war gelungen, für diesen Antrag die Unterschriften der Demokraten, des Zentrums, der Deutschen Bolkspartei und der Sozialdemokraten, ferner die Zustimmung auch der Wirtschaftspartei zu erlangen. Tatsächlich wurde mit den Stimmen dieser fünf Parteien der Antrag vom Hauptausschuß in seiner Sitzung vom 1. September d. I. angenommen. Mit den übrigen über die Regierungsvorlage hinausgehenden Bewilligungen wurde er an den Unterausschuß überwiesen, der noch einmal über alle diese Anträge zu beraten hat. Während im Hauptausschuß lediglich der Kultusminister Becker selbst eine, und zw' uneingeschränkte, wohlwollende Erklärung abgegeben hati<., machten sich nunmehr gewisse Bestrebungen geltend, die darauf abz-ielten. eine Teilung der Position in deren zwei, und zwar: eine solche für Rabbiner, deren Witwen und Hinterbliebenen und eine solch« für den Religionsunterricht zu erwirken. Infolge des nachdrücklichen Eintretens der Negierungsvertreter, insbesondere auch des Finanzministers selbst, wurde vom Unterausschuß diese Teilung beschlossen, und für die Rabbinerposition ein Betrag von 200 000 Mark, für die Unterrichtsposition ein solcher von 260 000 Mark eingesetzt, nachdem der Finanzminister gegen eine höhere Bewilligung sick ausgesprochen hatte. Der HauptauSschuß. an den die Angelegenheit zurückgelangte, trat dem Beschluß des Unterausschusses bei. I In der Sitzung vom 13. November hatte das Plenum Stellung zu nehme«. Wenn hier die Anträge deS HauptausschuffeS abgelehnt worden sind, so ist dies darauf zurückzuführen. daß die Sozialdemokratische Fraktion den Anträgen in der nunmehr vorliegenden Form ihre Zustimmung versagte, und nachdem diese Partei ausfiel, auch die BolkSpartei nicht für die Anträge stimmte. Die Stimmen der Demokraten, des Zentrums und der Wirtschaftspartei, die für den Antrag verblieben, reichten für eine Mehrheit nicht au-, so Laß sämtliche Anträge sielen. Wir wir hören, soll die dritte Lesung des Etats am S. Dee zember beginnen. Abtragung der deutschen Dankesschuld an Heine? Das Grab Heinrich Heines a-uf dem Monmartre-Frieü-« Hof in Paris wurde seit 1897 durch opferwillige Bemühungen» der „Frankfurter Zeitung" unterhalten, die den, Pariser; BegräbniSinstitut Desclert die Kosten für die Pflege bezahlte. In der Zeit der Inflation mußten diese Zahlungen eingestellt werden, aber das Haus Desclert sorgte auch weiter für die Instandhaltung des Dichtergrabes. Dieses Verhalten eines französischen Bürgers verdient umsomehr Anerkennung, als damals die Erbitterung gegen Deutschland in Frankreich groß war. Heute hat sich die Stimmung geändert und Deutschland löst ein Ehrenschuld ein. Im Aufträge des Auswärtigen Amtes ist. wie aus Paris gedrahtet wird, dem Hause Desclert der Betrag für die Unterhaltungskosten mit Dank .zurückgezahlt worden. Das „Berliner Tageblatt" drückt die Hoffnung aus, daß die Sorge für daS Grab in Paris auch weiter als eine Pflicht der deutschen Republik betrachtet werden wird. Die Subcn in Spanien. Zu dem in der letzten Nummer unserer Zeitung er-< schienenen Artikel von Michlin über die Judenfrage in Spanien schreibt unS Herr Studienassessor Moritz Simon in Frankfurt a. M.: „Die jüdische Gemeinde in Barcelona umfaßt hundert eingeschriebene, meist Sepharöim. die aus der Türkei eingewandert sind. Von den fünf deutschen Gemeinde- Mitgliedern lernte ich Herrn Eschelbach kennen, der aus Friedberg-Hessen stammt. Um die Förderung des Gemeindelebens macht sich insbesondere Herr Metzger, der Inhaber einer bekannten Maschinengrotzhandlung, verdient. DaS Bcthaus der Gemeinde, welches äußerlich nicht kenntlich ist, befindet sich in einem Hinterhause der Calle Provenze 250. Als Kantor und Lehrer fungiert Herr Cohen, ein Paläst>lneirser, der die Gemeinde in bewußt zionistischer Richtung leitet. Rituelle Einrichtungen wie Kaschrus usrv. sind in Barcelona nicht vorhanden. Die Beerdigungen finden aus dem Friedhof für Ausländer statt. König Viktor Emanuel und die Huden. König Viktor Emanuel empfing in seiner HerbstresiöenH San Rossvre die Vorsteher der jüdischen Gemeinden von Pisa und Lovorno in einer längeren Audienz. Der König bewies großes Interesse für die allgemeine Lage der italienischen Judenheit und erkundigte sich genau über die Verhältnisse der Rabbinerseminarien und der übrigen jüdischkulturellen Institute in Italien. Der König schilderte in lebhaften Farben die Eindrücke aus seiner 1896 unternommenen Palästina-Reise und sagte, er sei unterrichtet, daß das jüdische Aufbauwerk seit dieser Zeit ungeheuere Fortschritte gemacht hat. Im Verlauf des weiteren gemütlichen Gesprächs berührte der König einige weniger bekannte Fakta aus der jüdischen Geschichte, und zeigte sich insbesondere in der Geschichte de, jüdischen Gemeinden in Savoyen. von wo seine Dynastie stammt, bewandert. Er erinnerte daran, daß sein Urgroßvater, Amedeo VI.. den Juden seines Landes große Primlcgien gewährte. Zum Schluß des Gespräches sagte der König er sei der patriotischen Haltustg der italienischen Juden gewiß und bitte, ihnen seine Grüße zu übermitteln. Sucher. Menschenseele ist bewegt wie das Meer — Mühelos in allen Tiefen aufgewühlt,. peitscht sie der Sturm der Gedanken hin und her . .. Menschens>eele strömt wie ein reißender Bach, pom Gischtschaum stürzender Fragen überspült, unablässig verborgenem Ziele nach. Während Sein dunkler Schrei, suchende Seele zerbrach, xinnt unser Leben vorbei. . . E l l <r v a n C l e e f. Jacob Schaffner über Chassidismus und Judentum. Von Willy Aron- Hamburg. Am 14. November vollendete Jacob Schaffner sein fünfzigstes Lebensjahr. Er ist bis heute mit seiner dichterischen Kraft in stärkstem Maße am Werk der Verinnerlichung unseres deutschen Volkes tätig gewesen. Das Leben dieses Mannes ist aus tiefster materieller Armut nach unsäglichen Mühen und Nöten zur Höhe gekommen, zur Höhe geistigen Schaffens. Sein Weg war der eiserne und mühsame Weg des Autodidakten, dem Armut die Tür der Universität verschloß. der auf der Landstraße als Wanderbursche seine ersten Kollegs abhielt, und in den Nächten, die schweren Tagen der Arbeit folgten,, sich tausendfältiger Lektüre hingab. Der Dichter und Romanschriftsteller Jacob Schaffner wurde als Sohn deutscher Eltern in der Schweiz geboren. Nach dem frühen Tode seiner Eltern stand der Jüngling allein auf der Welt da und wandte sich dem Schubmacherhandwerk zu. Nach vielen Irrfahrten auf der Bahn des Lebens, brachte er als Dreißigjähriger sein erstes Werk. „Die Irrfahrten des Jonathan Vregger" an die Oeffentlichkeit. Seit jener Zeit schenkte er uns zahlreiche, tiefgründige literarische Werke, die an die besten Schöpfungen seines Landsmannes Gottfried Keller gemahnen. Bon den Hanvtwerken $>aco6 Schaffners feien nur genannt: ,Fvnrad Pilater". „Der Dechant von GotteSvüren". „Das Wunderbare" und „Johannes". Sie alle behandeln die Probleme Freiheit und Religion unoffenbaren seinen tiefen Hang zur Mystik. Und von hier auS wird eS auch verständlich, warum er mit so innigem hingebenden Eifer versucht hat, in die Religion des Judentums nnd des Chassidismus einzudringen. Was er uns über diese beiden fundamentalen Systeme sagt, ist eines der schönsten Urteil«, die neben Thomas Mann je im Blätterwald der Leutschen Literatur gehört wurden. Im vergangenen Jahre erschien im Berlage von Hoffmann u. Campe, Hamburg-Berlin. eine Neuauflage der Heinrich-Heineschen Werke. Zu dem Heinrichen Novellenband schrieb Jacob Schaffner die Einleitung. In böswilligem Nichtverstehen-Wollen haben seit Jahrzehnten Gegner -er Heineschen Muse dem Märtyrer von brr Matratzengruft die Absicht der Verführung des deutschen Volkes unterstellt und ihm immer wieder vorgehalten. er bade das deutsche Volk in den Sumpf gelockt. Hierzu bemerkt SchaffAer in geistreichster, spitzer Weise: „Nun, wenn ein Heine solch ein großes, kluges, von Gott behütetes Volk der Dichter und Denker in den Sumpf führen kann, so soll er es nur tun: es gehört dann nirgends anders hin. In den gegenwärtigen Sumpf hat es weder Heine, noch sonst ein Vertreter dieser höchst gefährlichen und tückischen Nasse geführt, kaum Auerbach, schwerlich Mendelssohn. Meycrbeer oder Liebermann. Auch von Mahler, Marx, Maut Huer» Freud. Einstein, Wassermann können wir es nicht recht glauben, und ob es der Jude Spinoza und sein Schüler Goethe getan haben, stelle ich der Diskussion anheim. Selbst wenn sie es alle zusammen getan und vermocht hätten, so wäre es -och nur aus Gründen geschehen, die in der Physiologie und Pathologie -er deutschen Realversassnng lagen, eben der politischen Konstitution, die Heine so passioniert bekämpfte und so begeistert pamphlctierte." Um das Judentum verstehen zu lernen, muß man sich etwas in der großen Tradition des Judentums umsehen. Die vulgäre Auffassung — und sie geht bis weit hinauf, wird sogar von sehr vielen Juden geteilt — sieht zwei Seiten des Judentums: die fanatisch alttestamentarische mit ihren Gesetzen. brennenden Büschen. Propheten und Zeloten und die moderne weltbürgerliche, liberale mit ihren Börsengeschäften. internationalen Interessen, ihrem Kosmovolitismus und Pazifismus. Wer die erste Seite aufgibt, sieht keine andere jüdische Möglichkeit, als die materialistische. in der eS viele Juden zu so großen und für manche Betrachter genierlichen Erfolgen gebracht haben." Schaffner hat hier ganz und gar lebenswahr die Betrachtungsweise über das Judentum geschildert, wie die ungeistigen Schichtemdes Judentums ihren Glauben auffassen. Nunmehr kommt er zur Beurteilung des wahren, historisch-positiven Judentums. Er sagt: „Karpeles rühmt Heine in seinem „Rabbi" (gemeint ist der Rabbi im „Rabbi von Vacharach"i die Nichtigkeit der Gebräuche nach. Eine viel größere und tiefere Richtigkeit, als die des Rituals, zeigt der Vergleich zwischen der Gestalt seines Rabbi Abraham und den herz- und kopfgewaltigen Männern, die in der Reihe der Cbafsidim an uns vorüberziehen. Heine hat seine Studien in spanischen Quellen gemacht: teilte er es nicht ausdrücklich mit. so würde ich glauben, der Rabbi Abraham sei auS einem der polnisch-jüdischen Volksbücher übernommen. Das ist die gleiche tiefe und mannhaft freudige Gottesfurcht. der kindlich heitere Ernst, das triebhaft reiche und blumenzarte und doch gewaltige Leben in höchster Fassung. Man mache sich mit dem großen Maggid (gemeint ist der große Maggid Rabbi Dom Ber aus Meseritschj bekannt und vergleiche dann den Rabbi mit seiner frommen Schalkhaftigkeit. der heilia naiven Erdenliebe und der irdisch kühnen und zuversichtlichen GotteSkinbschast. Das ist ein jüdischer Typus.von dem man nichts weiß oder wenig. Wie diese Ehassidim essen und beten, reden und scherzen, glauben, necken, genießen, singen, sich freuen und trauern, feiern und lieben, alles mit dieser ganz starken Einheit von Seele und Leib, davon zeigt auch die Anlage deS Rabbi Abraham schon sehr sichtbare Spuren." Noch gründlicher als im Vorhergehenden läßt Jacob Schaffner sich in dem nun Folgenden über chassidische Persönlichkeitsgestalt und chassidische Art auS: „Einen in Gott tief eingelebten, mit allem Wisien der Thora, deS Talmud und der Kabbala erfüllten Geist kann das Schrecknis der irdischen Zufälle so leicht nicht erschüttern: ihn kann, wenn er vom rechten Stoff ist. bloß die Schönheit deS Lebens und die Lieblichkeit deS Lichtes über dem Wechsel der Erscheinungen erfreuen. Dies ist kein Stoizismus, es ist auch nicht Entrücktheit im christlichen Sinn, die ja für dies Leben fühllos macht, es ist daS Gnadenwunder der harmonischen Persönlichkeit, als das eiaentliche und reifste Ergebnis des Lebens in den Gedanken Gottes, die mit den Gedanken der Natur zusammenfallen, und von denen nichts ausgeschlossen ist, was dem Leben im Leibe zukommt, ohne das es kein Leben im Geist und daher auch keines in Gott gibt. Diese großartige und gütige Einheit. die bezaubernde Selbstverständlichkeit der Vollexistenz aller Triebe und Kräfte nebeneinander und gleichzeitig in Harmonie mit Gott ist philosophisch bei Spinoza als Pantheismus bereits jüdische Schöpfung. Ganz muß der Jude vor Gott stehen, denn ohne diesen hohen, positiven Pol gibt es beim Juden keine wahre Größe. Ein Chassid. ein großer Maggid war Heine nicht, aber, was ihn über Wasser hielt, war das geheimnisvolle Erbe seiner Väter." In wenigen, aber markanten Zügen entwirft Schaffner nun das großartige Weltbildnis, welches das Judentum erschaut und wie seine Bekenner aus den Kämpfen des Lebens als Bemeisterer und Bezwinger hervorgehen: „Die warme Parteinahme deS jüdischen Geistes für die Rechte deS Lebens, von dem die Geschichte und die Geistigkeit des Judentums voll ist, findet ihren ganz offenen und naiven Ausdruck in der Gestalt des Rabbi. Im Judentum wird mit unverblendeter Klarheit Menschliches erkannt, verstanden und selbst im Spott gutgeheißen, denn was hat der Mensch sonst als seine Menschlichkeit? Kein Sollen verschiebt hier den Standpunkt unverzerrt den sittlichen Grundriß. Kein Pessimismus verführt zur Ueberschätzung einzelner Werte, denn es wird ja in einer längst geübten Tradition fortgefahren, immer das Gesamtgebilde des.Ganzen vor Augen zu haben und keinem zn viel, aber auch keinem zu wenig zu geben. Diese kritische hirnkräftige Unbeirrtbeit bei aller Liebe zum Leben, ja, bei der Verliebtheit ins Fleisch, die der Christ oft so lächerlich oder so anstößig findet, ermöglicht allein das klare Weltbild, diese vollblütige und kühldenkende Richtigkeit, aus denen die großen persönlichen und gesellschaftlichen Erfolge des Judentums stammen, sein Revolutionarismus so gut. wie sein Organisationstalent, sein Familienleben wie seine Geschäftskundigkeit. seine Weltkenntnis, wie seine Einsicht in die eigene Art und Unart." Was die Schaffnersche Darstellung vom Judentum und seinen Trägern ganz wesentlich von sämtlichen anderen nichtiüdischen Beurteilern des Judentums unterscheidet, ist das realistische Moment. Er hat auf seinen wetten Wanderungen durch der Länder Gaue die Menschen kennengrlernt und spricht als solcher nicht wie einer, der, aus der Studierstube hervorgcgangen, sich die Gestalten der Juden als lebensferne, fremde und unwirkliche Gestalten ergrübelt und zusammenspintisiert hat. Hier ist ein Mann, der die Welt der Erscheinungen selbst gesucht und sich in ihr und an ihr versucht hat wie kein Zweiter. Nehmet seine Werke hin, leset und erlebet sie! Wenn Martin Buber oder der unheimlich gelehrte Ahron Marcus uns in ihren bisher unübertroffenen Werken ausführliche Darstellungen vom Chassidismus und seinen Lehren gegeben haben, so ist das etwas ganz anderes und leichteres für im Judentum Geborene und Lebende. Wenn Jacob Schaffner als Nichtjude uns mit Gründlichkeit und Objektivität und liebevollem Verstehen der Welt gezeigt hat. wer wir sind und waS wir sind, so gebührt ihm heute unser Dank dafür. Für Kenner deS Hebräischen empfehle ich zur Orientierung über den Chassidismus die Autobiographie Salomon Maimons, der, ein Schüler Immanuel Kants, in seinen Aufzeichnungen zum ersten Mal der Welt Kunde vom Chasfi»

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