Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 48 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Eilte jüdische Fakultät an der Karward-Universiiäi Seitens der Harward-Universttät wirb mitgeteilt. da-h demnächst eine Fakultät für jüdische Literatur und Philosophie errichtet werde. Die notwendige Summe für die Errichtung des Instituts stellte Mr. Nathan Litauer zur Verfügung. der im Jahre 1878 die Har-ward-Unwersität absolviert hat und gegenwärtig Handschuhfabrikcmt in New Vor! ist. Das Institut trägt den Namen des Vaters des Herrn Litauer, der zehn Jahre lang Mitglied des amerikanischen Kongresses war. Dr. Abraham Louis Lcwin. einer der berühmtesten Magenspezialisten New Yorks, wurde zum Professor für Medizin an der Tulien-Universität, der größten Hochschule des Südens, ernannt Die Einweihung der neuen liberalen Synagoge in London. Dem jüdisch-liberalen Gedanken ist letzthin in London eine neue Wirkungsstätte geworden. Nachdem die alte Synagoge der Hill-Street, die vierzehn Jahre liberalen Lebens umschließt, den Anforderungen nicht mehr genügte, hat Begeisterung und Opfermillen der liberalen Bereinigung ein neues Heim geschaffen. Die Weihe des edel-einfachen Baus, der 1350 Betplätze enthält, erfolgte unter zahlreicher Beteiligung, in Gegenwart vieler hervorragender Persönlichkeiten. Nach Orgelspiel und Cborgesang bewillkommnete Herr Leonard G. Montefiore die Anwesenden an Stelle seines erkrankten Vaters. Er. der Vater und Führer der liberalen Bewegung! in London, konnte ihrem Einzug in geweitetem Raum nicht beiwohnen. Auch' die bewegten Worte bes Abschieds, die er dem alten Saus widmete, mit ihrem Rückblick auf die Freuden und Leiden der Vergangenheit und mit ihrem Ausblick auf die Hoffnungen und Erwartnugen der Zukunft, mußten aus anderem Mund erklingen. Nach Herrn Montefiore juniors warmer Begrüßung erhob sich Rabbiner Mattuck zur Wethe-Rode. In der ernsten Schönheit des Neubaus erblickt er die ernsten Forderungen unseres Glaubens, die auf das Hehrste im Menschen, den sittlichen -Ernst, zielen. Nicht diene das Haus, das liberale IZuknnftswünsche und -Hoffnungen gebaut, diesen allein, weiter hinaus schaue es auf das Heil des a-esamten Judentums, auf das Heil der ganzen Menschheit. In C-horgesang. Gebet und Priestersegen klang die Festesstunde aus. Am Nachmittag wurde in Gegenwart der Frauen-Bereinignng die Halle des neuen Tempels oingeiveiht. Die Reihe der Ansprachen eröfsnete Rabbiner Mattuck. Mit tiefem Bedauern gedachte er Claude G. Montefiore's, dessen Fehlen in diesem historischen Augenblick allseitig! schmerzlich empfunden werde, der ebenfalls am Erscheinen verhinderten Herren Israel Abrahams idem wir leider vor wenigen Wochen den Nachruf widmen mußten. D. Red.) und Arthur Joseph, beides Säulen der Gemeinschaft, und begrüßte dann die Erschienenen. Rev. P. Gough, Vikar von St. Markus, brachte — nachdem er morgens verhindert gewesen — nunmehr seine Glück- und Segenswünsche dem Werk und seinen Leitern Dr. Mellvue. Schriftführer der britischen und auswärtigen Unitariergemeinden, gab seiner Freude Ausdruck, in diesem Kreis weilen zu dürfen, aus dem so mancher bedeutende Name in viele seiner Kreise heimisch herübcrklinge, in diesem Kreise, der den monotheistischen Gedanken begeistert durch die Zeiten trage. , t Herr Bernhard Baron sprach zugleich mit der Freude, die ickn hier erfülle, seine Trauer über Herrn Claude G. Montefiore's Fernsein aus. den er wie einen Heiligen verehre. Glückwunschtelegramme und -schreiben der bedeutendsten Mbernlen Rabbiner von diesseits und jenseits des Ozeans Ärmcn zur Verlesung so von Dr. Kaufmann Kohler- Cincinnati, Dr. David Philipson-Cincinnati. Dr. Julian dismus gegeben Hai. Den großen Magqid. den Schaffner erwähnt, nennt auch M-aimon, indem er sagt: „Ich entschloß mich, die heilige Stadt Meseritsch zu verlassen. Nach einigen Tagen nahm ich meinen Segen vom Zaddik . . Der Chassidäer Salomon Maimou ward später ein Verkünder des Kantianismus. über den der Weise von Königsberg, als ihm Maimons philosophische Dissertationen zu Gesicht kamen, sagte, daß es nur Wenige aäbe, die mit gleichem Scharfsinn und gleicher Tiefe die Probleme der Philosophie zu behandeln wüßten. Auch Johann Wolfgang Goethe zollte der Tiefe seines Geistes Anerkennung. Desgleichen Fichte in seiner Besprechung über Lcibniz' System und den Spinozismus. Eine äußerst klare und zugleich prägnante, in wenigen kurzen Sätzen zusammcngcfaßte Darstellung gibt Moses Heß. der Vorläufer des Lassalleani scheu Sozialismus und des Herzlichen Zionismus, über den Chassidismus. Heß. der Aut-'- von „Rom und Jerusalem" schreibt: „Zur Zeit, als Mendels sohn in Deutschland lebte, trat in Polen Rabbi Israel Schem auf. Durch Rabbi Israel Val Schein wurden die Chaindäer der slavischen Länder ins Leben gerufen. Der Ehassid ist dem Wortlaut nach „ein frommer Jude", ohne die Nebenbedeutung. die das Wort „Pietist" im protestantischen Christentum hat. EL gab zu allen Zeiten Chassidim im Judentum e, wie es auch lange Zeit vor R. Israel sogenannte Bale Schem gab. das sind Juden, die sich mit kabbalistischer Tbairmatologie. mit der praktischen Kabbala befaßten und sehr viel Gläubige fanden. Achnlich den jüdischen Essäern in den letzten Zeiten des Atertums. repräsentieren die Chassidäer, im Gegensatz zur äußerlichen Werkheiligkeit eines in Formen erstarrten Buchstabenglaubens, die Verinnerlichung des jüdischen Geistes. Sic halten strenge ans Sittenrcinheit. Die Tageskritik scheint das eigentliche Wesen und die historische Bedeutung des Chassidismus gar nicht begriffen zu haben. Auch die Rabbinisten haben alcich den Rationalisten. den Chassidismus zu verketzern, gesucht. Die Folgen des Chassidismus sind unberechenbar. In den großen jüdischen Zentren deS Ostens gewinnt er täglich mehr Terrain. Die Chassidim leben insofern sozialistisch, als dem Armen das Haus des Reichen stets geöffnet ist und er bier. wie in seinem eigenen, schalten kann. Mit dem Ausspruch in Abotli. 5, 10: „Das Mcinige ist das Deinige. ohne das ich das Deinige begehre", haben die Chassidim Ernst gemacht." So sahen wir Judentum und Chassidismus als Geiamtcrscheinuna. beurteilt von Heß. Maimon und Schasiner. Jacob bat etwas ganz Neuartiges geschaffen. Er hat uns daS Verständnis zum Rabbi von Bacharach und zu Heines Wesensart nahegcbracht durch die Anfzricuing paralleler Lebensäußerungen im Chassidismus und Judentum, er bat durch diese literarische Leistung, die ihm nickt vergessen sei. daS wahre Wesen vom Judentum und Chassidismus vor der gebildeten Welt glanzvoll und lebenswahr enthüllt. Ein Freund der Juden. Von S. M e i s e l 8. Es gilt zu unterscheiden: Es gibt einen Philosemiten, und eS gibt einen Freund der Inden. Der Unterschied liegt nicht in der Bezeichnung und in ihrer Deutung, er liegt im Wesen »nd Charakter dieser beßden GesellschastStypen. Dem Wort» sinn nach ist «uch 'der Philosemit ein Judenfreund, aber er Morgenstern, dem Präsidenten des Hebrew Union College in Cincinnati. Rabbiner Dr. Stephen, S. Wise von der freien Synagoge in New York, Rabbiner Dr. Louis Germain Levy von der liberalen Synagoge in Paris, Rabbiner Dr. Leo Baeck^Berlin, Rabbiner Dr. C. Seliamann- Jrankfurt a. M.. Rev. Dr. I. F Stern. Rev. Dr. F. W. Nor» wood. City-Tempel. Rev. Dr. W. E. Opchard, King's Weigh House Church. und von Rev. Nicol Croß, Rosselyn Hill Chapel. Herr Basil I. Q. Henriques erinnert daran, daß. wie heute Morgen die ernsten Linien des Baus mit der ernsten Schönheit des Judentums verglichen worden, die unvollendete Halle ein Wahrzeichen der noch unvollendeten Aufgabe sei. Im Zeichen und zu Ehren ihres edlen Führers, dessen in Treue und Liebe heute gedacht werde, solle mit erneutem Eifer danach gestrebt werden, alle abseits Stehenden um die jüdisch-liberale Sache zu sammeln. Alsdann wurde das von Künstlerhand gemalte Porträt Claude G. Montefiore's überreicht und enthüllt. Die begleitenden Worte rühmten die unermüdliche Arbeit und die nie versagende Bereitschaft des heute leider Fernen, der vor nun 23 Jahren die jüdisch-liberale Vereinigung begründete und' um den sich die immer girößer werdende Schar ihrer Anhänger und Verehrer, bewundernd zu ihm aufblickend, sammle. Um diesen Aufblick künftigen Geschlechtern zu bewahren. solle daS Bild hier einen Ehrenplatz finden. Herr Leonard G. Montefiore wiederholt, wie tief es sein Vater bedaure, heute fernble'iben zu müsien. und dankte in seinem Namen allen herzlich. Mit der Absendung eines Telegramms an Claude G. Montefiore schloß die würdige Feier. F. B. Tragik? Von Rabbiner Dr. G o t t s ch a l k. Berlin. Unter der Ueberschrift „Programm und Verantwortung" schreibt Alfred Hirschberg in der letzten „Beilage der CV.- Zeitung": „Echter CB.er sein heißt, ein Menschentum verwirklichen. Lessen Tragik darin besteht, Laß wir nach außen hin kämvfen müssen, ehe wir der Idee leben können. Die deutsch-jüdische Jugendbewegung kann kein höheres Ziel erreichen. als zu arbeiten, daß dieser Zwang schwinde . . Mit Verlaub, ich kenne ein höheres Ziel: Die deutschjüdische Jugend dahin zu führen, daß ihr die „Tragik" ihres Daseins geradezu als herrliches Glück erscheint, als ein Glück, gegen das man nicht ankämpfen darf, für das man vielmehr nur zittern sollte. Ja, Glück und nicht „Tragik!" Sind wir noch nicht so weit, daß wir uns dazu durchgerungen haben? Nicht Glück weil Kämpfen immer ein Glück ist, nein Glück, weil ja sn diesem Kampf nach „außen" sich so viel inneres Glück offenbart, weil ia das ständige Abwehrenmüssen immer wieder unsere Unvergänglichkeit zeigt, weil ja die stete Bereitschaft, abwehren zu wollen, die ganze Flut unserer Liebe beweist! Tragik sott dieses Kämpfen sein? I». geht es denn letzten Endes nicht darum, den „anderen Geist", der uns eigen ist, eigen ist seit der biblischen Zeit, der Menschheit von neuem klarzmnachen? Den Geist, der schon „anders" war, als er versuchte, ein „Volk" von Glaubcnsbrüdern zu sein, den Geist, der auch jetzt wieder „anders" ist. da er zwei Welten tieffrommen Fühlens, zwei Welten sittlicher Energie, zwei Welten idealistischer Ziele zur Einheit zu verschmelzen sucht! Tragik soll es sein, wenn man so reich ist und ob dieses Reichtums so glücklich sein kann, daß man zur Verherrlichung eines Volkes, — des deutschen —, zur Durchdringung der Heimat mit „jenseitigem" Geist, zur Verklärung des roben Staatsbegriffes nicht bloß aus einer Quelle zu schöpfen braucht, sondern diese eine ergänzen kann durch die „lebendigen Wasser" der andern! Wir sind deutsch, wir sind jüdisch — d. h. anderen Geistes" und müssen kämpfen, weil man das nicht versieht — und das soll Tragik sein und nicht ein Glück? Und sollen wir wirklich ist es aus Gesinnungsfexerei, aus einer kalten, leidenschaftslosen Ideologie heraus, wobei die Meinung des Kopfes die Abneigung im Herzen gewaltsam unterdrückt. Das Verhältnis deS Philoscmiten zu den Inden ist lediglich durch seine Stellungnahme zu den Antisemiten gekennzeichnet. Der Philosemit setzt, den Antisemiten voraus: ein Iudenireund hingegen ist der, der es auch dann sein tonnte, wenn es keine Antisemiten gäbe. In Kürze zuiammengc.iaßt: Philosemitismus ist letzten Endes nur Anti-Antisemitismus. Der PHilolcmit liebt nicht so sehr den M ordeckai. wie er den Ha man haßt. Der Judenfreund dagegen haßt den Haman. weil er tatsächlich dem Mordechai gewogen ist. Der Unterschied ist wesentlich. Im Leben wie in der Literatur kann man dem Philosemite» häufig genug begegnen. Auch in der Gegenwart trifft man ihn überall dort, wo heute noch die sogenannte liberale Weltanschauung auf nahezu schon verschimmelten Prinzipien reitet. Sehr selten jedoch findet man einen wahren Freund der Inden, einen gradlinigen, aufrichtigen Menschen, der voraussehnngslos und nicht unter Bedingungen den Juden gut gesinnt ist. Heute vielleicht mehr denn je ist ein solcher Judenfrennd eine äußerst seltene Erscheinung, und eS geziemt sich wohl, bei einem solchen Manne, wenn man '.hm einmal ssei es im Leben oder in der Literatur) begegnet, eine Spanne Zeit zu verweilen, um seine Wesensart näher zu betrachten. Eine kurze Betrachtung möchte ich fiter einem Manne widmen, der iw wahrsten Sinne kein Philosemit. sondern ein Freund der Juden war und dessen Neigung zu den Juden aus seiner Kenntnis deS Judentums floß. Ick meine den vor einem Jahrzehnt verstorbenen Anaro.e Leron Beaulicu, den großen Gelehrten, den reine Menschlichkeit zierte. Anatole Leroy-Beaulieu war ein freier Mann, der die Wahrheit liebte und für die Gerechtigkeit gern in die Schranken trat. Er war kein stanbfresseudcr Stubengelehrter, dem der Sinn für die Wisienschaft den Sinn fürs Leben trübt, sondern ein Forscher mit frei >n die Welt blickenden Augen einer, der den Puls schlag seiner Zeit zu fühlen verstand. Nicht tut Buck hat ihn auf das Volk des Buches gewesen, nicht gelegentlich eines Ausflugs aus irgendein wissenschaftliches Gebiet hat er die Inden und das Judentum entdeckt: mitten im flutenden Leben fand er die Inden, und mitten in der lebendigen Gcii'tesknltur unserer Zeit fand er das Jndcntnm. Leroy-Beaulieu hat ec-'.en nicht nnbeträchtl eben Teil seiner Werke dem Judcnvrvblem, der Stellung der Inden unter den europäischen Völkern, dem Judentum und seinem Einfluß ans die Entwicklung der Menschheitskultur gewidmet. Dieser Gelehrte stellte nicht, wie cs andere zu tun belieben, über Juden und Judentum eine These auf und legte dann sowohl in die Judenheit wie in das Judentum alles Erdenkbare hinein, um nachträglich aus ihnen di« notwendigen Beweise für seine These herausholen zu können. Er hat uns vielmehr, in natürlicher Reihenfolge, zuerst kennen und dann schätzen und schließlich lieben gelernt. Er hatte nicht von vornherein ein Urteil über bas Judentum, sozusagen ein Urteil aus Vernunftgründen — das häufig keine Erfahrung bestätigt —, wodurch er zur Erforschung dieses Objekts veranlaßt worden wäre. Er hatte vielmehr als ein am Leben interessierter Mann, der an einem wichtigen Faktor der Kulturmcnschhcit nicht achtlos vorübergchen konnte, f^ei von jedem Vorurteil das Judentum studiert, um sich darüber ein möglichst objektives Urteil zu bilden. der Jugend erzählen, der Kampf, er lohnt sich^ denn er geht einmal zu Ende? Sollen wir ihr nicht vielmehr also sagen! Der Kampf, er lohnt sich überhaupt nur deshalb, weil er niemals zu Ende geht? Denn niemals werden die Menschen aussterben, die die Menschen „anderer Geister" nicht de» greifen, niemals die. welche so arm sind, daß sie den Reichtum der andern nicht preisen, nein, ihn beneiden und ausrotten möchten! Und immer wird es deshalb ein Glück bedeuten^ Gegner derartiger Gegner zu sein! Ein echter CB.er — dey soll wirklich der sein, der in diesem Sinne an die Arbeit geht, mit dem Massenziel des zu Bodenschlagens, des glatten Triumphierens und Ueberwindens? Nein, ein echter CB.er ist uns nur der, der glühend für Jugend, die „nie entflieht",' kämpft — nicht um der Abwehr willen, kämpft — nicht weiß es die anderen so wollen, nein, kämpft, erfüllt von dem Be» wußtsein: wir kämpfen für unfern «anderen Geist" und für den Zandern" Geist aller Deutschen! Fort mit dems Worte, das alles entstellt, fort mit der Losung, die dem EB^> den Stempel deS Kleinlichen angeheftet, fort mit dem Geiste, der unsere Jugend lähmen muß statt sie zu befeuern: Wir brauchen kein Mitleid, wir dürfen es nicht haben, vor allein^ nicht mit unserer eigenen Seele! Den andern mögen wir? gut genug sein, den „Stoff" für ihre „Tragödien" zu liefern, wir schreiben unsere Rolle selber! Auch unsere Bühne, sie ist die Welt, aber mir leben als Trunkene in ihr. als Besessene von Gott, als Berauschte vom Glück, wir, die. Menschen vom „andern Geist", wir. Lie Deutschen, und wtr^ die Juden! Werbt neue Mitglieder! BICIHRIStAIK nur Qualitätsware, kauft man am besten bei - — 3 Qesdifltte Leipziger Strafte 93 Kurfürstendamm 33, Ecke Orolmanstrafte Maaftenstrafte 11 am Nollendorfplaiz Sonnabend 28. Kalendarium für die Zeit vom 28.10.5.12.1925. - 11. Wochen-Ahschnitt: Wajjeze fl. B. M. Kapitel 28.10^32,2) Hastarah: Hofea 12 (13—15) 13, 14 (1-10) 16. 17. 18. Wochen-Abschnitt: W-rsischlach (1. B M. Kapitel 32.3—§6) Hastarah: Obadia 1 (1-21) Man wird die Stellungnahme Anatole Leroy-BeaufienSi zu den Juden und zum Antisemitismus nur mangelhaft ver» stehen, wenn man nicht auch die religiöse Weltanschauung dieses Mannes und sein nationales Empfinden berücksichtigt.. Anatole Leroy-Beaulieu war ein guter Christ und ein noch!' besserer Franzose. Sein bekanntes Werk „Israel unter Leu Nationen" beginnt mit den bezeichnenden Worten: „Dieses» Buch hat ein Christ und Franzose geschrieben." Als Christ; war er überzeugt, daß „der Geist der Unduldsamkeit dein! Christentum widerstrebt" und „daß nichts weniger ist nach dem Sinne des Evangeliums als Rassenhaß". Als Franzose hielt er Frankreichs Ueberlieferung von Gerechtigkeit und Freiheit heilig, und er hätte sich selbst verleugnen; müssen, wenn er diesen heilkräftigen Grundsätzen, untren; geworden wäre. Anatole Leroy-Beaulieu war aber nicht allein ein guter Christ und Franzose, er war weit mehr: er war ein ettff» richtiger Mensch, Aufrichtigkeit ist die Tugend der Charakterstarken: sie verdient in unserer charakterschwachen Zeit mit besonderer Anerkennung hervorgehoben zu werden. Leroy- Beaulieu war durchdrungen von der Erhabenheit des Evan-? geliums, aber sein christliches Bewußtsein hat ihn nicht blind gemacht für die Tatsache, daß das Evangelium, das er „das Lieblichste unter der Sonne" nennt, von semitischen Stämmen auSgcgangen ist. „Dem steinigen Boden Syriens entsprost die Feldlilie, deren Wohlgeruch nach neunzehn Jahrhunderten noch die Welt durchduftet. Das herrlichste Wort menschlicher Sprache, das Wort Nächstenliebe, ist aus dem Munde der Kinder Sems gekommen". Und als Franzoie hat er es nie vergessen, daß Frankreichs Ueberlieferung von Gerechtigkeit und Freiheit, jener Ueberlieferung. die er Frankreichs einzige Größe nennt, eine gleichlautende, viel ältere Ueberlieferung zugrunde lag. „Wohl ist der Jude berechtigt" —so schreibt Leroy-Beaulieu in seinem Werke „Israel chez les Nations" — „uns daran zu erinnern, wenn wir im Begriffe scheinen, es zu ver-, gessen: Mauersteine aus Palästina sind in dem Unterbau unserer neuen Gesellschaft cingesügt . . . Der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit ist ein israelitischer Gedanke . . . Das Reich der Gerechtigkeit auf Erden war Judas Traum . . - Man muß. um dem Urquell von 1789 nachzuspüren, unter der Reformation, unter der Renaissance fortgraben: man must über das klassische Altertum und das Evangelium hinaus bis aus die Bibel, die Thora und die Propheten zurückgehen. In diesem Sinne, dies ist richtig, stammt das neue Zehngebot dcr Menschenrechte von den vom Sinai hergebrachten Oe* setzcstafeln ab und ist die Nacht des 4. August ein fernes, unwillkürliches Echo vom Horeb gewesen." Ein wahrheitsliebender Mann, der er war, hat Anatole Leroy-Beaulieu nie — wie viele andere christliche Gelehrte — in bezug auf das Judentum aus allzudeutlich erkennbaren Gründen manche geschichtliche Tatsache geleugnet oder gar das Gegenteil davon als historische Wahrheit ausgegeben« Den Edelmut seines Charakters bezeugt auch der Wahlipruch, der ihm zeitlebens als Leitstern vorangeleuchtet hat. Diesen Wahlipruch heißt: Caritas et Pax! Anatole Leroy-Beaulieu, der Christ und Franzose, nennt diesen Wahlspruch christlich und französisch, aber wenn Priorität Eigentumsrecht verleiht, wird man ihn mit gutem Fug als jüdisch bezeichnen dürfen. Und so ist auch hierin eine Art geistiger Bindung -wisch«« diesem Judenfreund und dem jüdischen Geiste in der edelsten Form hergestellt.