Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 47 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613835--1581-2618958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
s. Jahrgang Nummer 47 maammmmm 2. Beilage 2V- November 1925 Jubiläum des Berliner Handwerker-Vereins. Am Sonntag, den 8 November 1925. konnte der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens zu Berlin fein ZOjahriges Bestehen feiern. Die Feier wurde durch eine am Vormittag in dem festlich geschmückten Logentempel des Bne Briß Ordens. Klerststr. 10. veranstaltete Festsitzung eingeleit^t. Nach Harmoninmspiel und Chorgesang hielt der erste Vorsitzende. Herr Louis Wolfs die Festrede. „Wenn uns auch Tausende folgten", so führte er aus. „so muh das Gefühl unserer werbenden Kraft unsere Verantwortung erhöhen, darf uns aber nicht in Sicherheit wiegen." Er schilderte dann die Anfänge der Bewegung der jüdischen Handwerker, die in eure Zeit sielen, in der ein Stöcker sein Unwesen trieb. Besonders dabei gedachte er der Männer, die den Mut aufbrachten, den Kampf aegen eine ganze Weltanschauung aufzunehmen, und die nicht müde wurden, die Ehrbarkeit des Handwerks zu predigen, ferner gedachte er aller Berufskollegen, die in der Blüte ihrer Jahre und auf der Höhe ihres Schaffens hinauszogen. um für die Freiheit ihres Vaterlandes zu kämpfen und auf der Walstatt geblieben sind. Den Männern, die seine Vorgänger waren und heute nicht mehr unter den Lebenden weilen, dem Bäckermeister Simon Joseph und dem Bürstenmacher Max Herz widmete der Redner herzliche Worte des Dan. kes: sic waren es. die den Keim zu der heutigen Größe und Bedeutung der jüdischen Handwerksmeister gelegt haben. Festredner ging dann aus die Entwicklung des Vereins über und betonte, daß der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens keine Kamvforganisation ist, und die jüdischen Handwerksmeister keine Sonderstellung oder Sonberbehandlung verlangen, sondern daß sie Schulter an «Schulter mit ihren andersgläubigen Berufskollegen für die Wiederaufrichtuna unserer deutschen Wirtschaft arbeiten «wollen. Davon zeugt, daß eine große Anzahl iüdischer Handwerksmeister in den Handwerkskammern. Innungen und «sonstigen Behörden ehrenamtliche Arbeiten im Interesse der Allgemeinheit ausführen. Herr Wolf schilderte dann die Arbeiten des Vereins in dem jüdischen Wohlsahrtsvraam- «sationen und in den Gem-inde-Korporationen und hob be, sonders die wertvolle Mitarbeit der Frauen hervor, die Heute weniger als je zu entbehren ist. Nach einigen Aus- «führungen. die das allgemeine Wirtschaftsleben und besondere Fragen des Handwerks betrafen, rief Festredner aus: „Wir haben gelernt, unter Tränen zu lächeln, wir haben uns nicht gebeugt vor fremden Göttern, weil wir innerlich wahr bleiben wollten, denn Judentum ist Lehre von der Ankunft der Menschheit. Judentum bedeutet der Glaube an eine Aufwärtsentwicklung der Menschheit!" „Um diesen Tag der Erfüllung näher zu bringen, müssen alle zusammenstehen, damit man auch in den Kreisen der andersgläubigen Mitbürger an den kühnen Schwung des jüdischen Idealismus glaubt." Er schloß seine Festrede mit den Worten: „Mit dem 'Geist, der aus dem Raume, in dem wir uns versammelt haben, und in dem der Menschheit beglückender Friede wohnt, weilt, streben wir dem gemeinsamen,großen Ziele zu. ein kräftig blühender Handwerkerstand, ein glückliches Vaterland und in ihm ein geeintes Judentum." Die Festrede fand bei allen Teilnehmern die lebhafteste 'Zustimmung. Nachdem der Chor das „Stiftungsfest" von Mendelssohn gesungen hatte, überbrachten die zahlreich an- WLsenden Vertreter der Behörden und Korporationen ihre Glückwünsche. Im Namen des Rabbinerverbandes Deutschlands überbrachte Herr Rabbiner Dr. Blumenthal Glück- und Segenswünsche. Er führte aus. daß die Worte, die soeben gehört wurden. Worte sind, die für das Streben der Gesamtheit von so. großer Bedeutung wären, daß sie in alle Welt hinausschallen müßten. Nicht besser könnte ein Rabbiner den Zusammenhang zwischen Fachorganisationen und Religion wie der Redner es getan habe, schildern. Mit 80 Jahren gelange man zur Festigkeit: aber der Verein der jüdischen Handwerker hat es verstanden, schon früher das Handwerk unter den Juden und die Achtung vor diesem Ehrenstand, der schon im jüdischen Altertum gehegt und gepflegt wurde, wieder hochznbringen. Und so wünsche er denn, daß dem Verein weiter unter der Führung so wackerer Männer Erfolge beschieden seien mögen. Daß der Verein weiter bestehen wird, ist sicher, denn jede Vereinigung, die Äur Verherrlichung des göttlichen Namens besteht, hat Gestand. Dr. Paul Ieschke übermittelte die Grüße und Glückwünsche der Handwerkskammer zu Berlin, während Herr H an sch solche für den Innungs-Ausschuß Groß-Berlin aussprach. Beide Herren erklärten, daß sie mit besonderer Befriedigung feststellen können, daß eine große Anzahl jüdischer Handwerksmeister in ihren Korporationen in vorbildlicher Weise für die Allgemeinheit ehrenamtlich tätig sind. -Letzter Redner sprach die Worte: „Die jüdischen Handwcrks- -meister find auch unsere Männer, denn sie arbeiten mit uns." Herr Moritz R o s e n r h a l beglückwünschte namens des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin den Verein zu seinem 30jährigen Bestehen, während Herr Pincns namens der Repräsentanten-Bersammlung sprach. mir die Grotz-Loge des Bne Briß-Ordens war Herr SarntälSrat Dr. G o l d s ch m i ö t erschienen, der ebenfalls herzliche Worte für den Verein fand. Der Vorsitzende des Zentralverbandcs jüdischer Handwerker Deutschlands, Herr Willy Marcus, gedachte der Kämpfe, die die jüdischen Handwerksmeister um die Anerkennung! ihrer Rechte zu führen hatten. Gerade der Berliner Verein hat das Fundament geschaffen zu der Gründuna des Zentralverbandes, dem beute ca. 18 Vereine'im deutschen Vaterland angehörcn. Durch Schaffung dieser Spitzenorganisation ist es möglich gewesen, eine einheitliche Grundlage für die Erreichung der Ziele zu schassen. Er dankte Hierfür ganz besonders dem Berliner Verein, der als größter Verein innerhalb des Zentralverbandes auch den größten Anteil hieran beanspruchen kann. Er «ab der Hoffnung Ausdruck, daß der Verein weiterhin zur Verbreitung der Ziele des Zentralverbandes und somit zum Wohl der gesamten Bewegung arbeiten möge. Die Vorsitzende der Francngruppe des Handwcrker- Bereins. Frau Frieda Brett, überbrachte die Glückwünsche in wohl, geformten Versen und überreichte dem Männerverein eine namhafte Ebrenspende für die Errichtung eines Erholungsheims., Namens des Hauptvorsiandes des Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach Herr Kraft und hob hervor, daß gerade die jüdischen Handwerker, deren Verein korporatives Mitglied des CV. ist, diesen in allen seinen Bestrebungen tatkräftig unterstützt habe. Er dankte hierfür und sprach den Wunsch aus. daß das gemeinsame Arbeiten dieser Verbände sich zum Wohle beS Handwerkerstandes und zum Segen des gesamten Judentums auswirken möge. Für den liberalen Verein sprach Herr Baumeister Iacobowitz. Das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde wurde durch Herrn Dr. Lamm vertreten. der besonders die Mitarbeit der jüdischen Handwerker und deren Frauen bei diesem Amt dankbar hervorhob. Herr Grünveter siberbrachte Grüße und Glückwünsche des Reichsbundes iüdischer Frontsoldaten. Besonders lebhaften Beifall fand Frau. Fried, die für die Ortsgruppe Groß-Berlin des CB. sprach. Sie betonte die Mitarbeit der führenden Köpfe des Handwerkervereins und bat um weitere Unterstützung der gemeinsamen Ziele. „Daß der Handwerke rverein etwas geleistet bat. braucht nicht erwähnt zu werden, denn seine Parole ist: Durch Leistung zur Geltung!" Herr Divl.-Ing. B r o ida vertrat die Gesellschaft „Ort", während Herr Direktor Israel vom Lehrlingsheim Pankow sich für die Unterstützung des Handwerker-Vereins besonders bedankte. Herr I. Gott lieb sprach für den Wohltätigkeitsverein der Oesterreichischen Handwerker und Herr Horwitz sprach dem Geburtstaaskinde namens des Verbandes der HumanitätSvereine Glückwünsche aus. Der zweite Vorsitzende des Vereins. Herr Robert Gutheim, dankte allen Rednern für die so herzlichen Glückwünsche und gab die Versicherung ab. daß der Verein es als seine höchste Aufgabe betrachtet, auf dem einmal beschrittenen Wege weiter fortzufahren. Dabei gedachte er besonders der Arbeit des ersten Vorsitzenden des Vereins, Herrn Louis W o l f f. der nun auch schon 15 Jahre das nicht leichte Amt des ersten Vorsitzenden bekleidet, und keine Mühe und Arbeit scheut, um dem jüdischen Handwerker und somit auch dem Judentum zu dienen. Bon dem Gedanken ausgehend, daß er in seiner Bescheidenheit jede offizielle Ehrung ablehnte, so haben die Mitglieder es sich doch nicht nehmen lassen in irgendeiner Form ihm ihren Dank für seine uneigennützige Tätigkeit gerade am heutigen Tage zum Ausdruck z-u bringen. So überreichte denn Herr Gutheim Herrn Louis Wolff eine Urkunde über die Gründung einer „Louis-Wolff-Stiftuna zur Unterstützung notleidender jüdischer Handwerksmeister" und bat Herrn Wolfs, diese Stiftuna unter feine Obhut zu nehmen. Abermaliger Chorgesang und Harmoninmspiel beschlossen diese äußerst eindrucksvolle Feier, die bei allen Teilnehmern noch lange nach» haltige Wirkung ausüben wird. / Die Liegnitzer Tagung. Erstarkung des liberale» Gedankens in Schlesie« — Gründung des schlesische« Landesverbandes der Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Schon in der letzten Nummer dieses Blattes berichteten wir über den großen moralischen Erfolg der liberalen Tagung in Liegnitz, die ihren Höhepunkt in der Gründung des liberalen schlesischen Landesverbandes fand. Dieses Ergebnis bildet ein Novum in der Geschichte unserer Vereinigung, denn zum erstenmal tritt eine Provinzialorganisation ins Leben, die innerhalb eines deutschen Landesteiles' Ortsgruppen und sonstige religiös-liberalen Arbeitsgemeinschaften zu einem starken, tatkräftigen Ganzen zusammenfassen will. In Ergänzung des Borberichtes bringen wir heute eine» Auszug aus dem stenographischen Protokoll der Vormittagssitzung, an deren Ende die Gründung des Landesverbandes erfolgte. Die Tagung beginnt um 10 Uhr im Hotel „Reichshof" in Liegnitz. Anwesend sind Vertreter der bisher in Schlesien bestehenden liberalen Ortsgruppen der Vereinigung der liberalen Jugendgruppen und Jugendvereine jJlis) und der liberalen Gemeindemitglieder aus den meisten großen und Mittelgemeinden Schlesiens. Die Erschienenen werden vom 1. Vorsitzenden des Liberalen Vereins der Synagogengemeinde Liegnitz begrüßt. Hierauf wird das Bureau der Tagung einstimmig gewählt, und zwar Herr Rechtsanwalt Dr. Scheyer-Liegnitz zum Vorsitzenden und als weitere Mitglieder des Bureaus die Herren Bielschomskn-Breslau, Sanitätsrat Dr. Schlesinger- Oppeln und Dipl.-Jng. Woyda-Berlin. Nach der Begrüßungsansprache des Vorsitzenden überbringt Herr Wvyda die Grüße der Vereinigung, insbesondere des abwesenden Vorsitzenden R.-A. Stern, der gern dem Ruf zu dieser Tagung gefolgt wäre. Er begrüßt mit Freude die Gründung eines Schlesischen Landesverbandes und versichert, daß die Berliner alles tun werden, um die Arbeit hier zu unterstützen, denn wenn heute ein Landesverband m Schlesien gegründet wird, so soll er ein Bindeglied zwischen den einzelnen Ortsgruppen und der Zentrale werden. Alsdann sprach Herr Erich Bacher die Begrüßungsworte seitens der Gemeindekörperschaften liberaler Richtung der Synagogengemeinde zu Liegnitz. Herr Sanitätsrat Dr. Schlesinger für Oberschlesien und Herr Asiessor Dr. Lilienthal für die Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Letzterer gibt seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß an dieser Tagung auch die Führer der Jugendorganisationen ieilnebmeu und versichert, -atz der Landesverband der Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft gewiß sein kann. An die Begrüßungsansprachen schließt sich das Referat des Herrn Brienitzer-Breslan über „Zwecke und Zielendes zu gründenden schlesischen Landesverbandes". Herr Brienitzer führt ungefähr folgendes aus: Er sei sich des Wertes der Stunde voll bewußt, in der er zu den liberalen Vertretern der schlesischen Gemeinden sprechen dürfe. Als Ziel und Zweck der Tagung« bczcichnete er Verständigung, Zusammenschluß und Ausbau. Er ging auf die Entwicklung des jüdisch-religiösen Liberalismus in Deutschland ein, verweilte besonders bei der Schilderung der Zeit, in der starkes jüdisch-religiöses Leben blühte und* jüdische Wissenschaft Erfolge errang. Er wies darauf hin, daß gerade in der Zeit, wo die liberale Bewegung sich organisierte, und zwar zunächst in Einzelvereineu, die jüdische Masse gleichgültig und uninteressiert war. und es eine liberale Gefolgschaft nicht gab. Er ging dann ans die Vorbereitungen zur Gründung der Spitzcnorganisation ein, die ein Werk' Bernhard Breslauers, des jetzigen Ehrenvorsitzenden und des verstorbenen, Stettiner Rabbiners Dr. Heincmcmu Vogelstcin ist. D^er Redner brachre «dann historisches Material über die Auödanarbeit der gesamten Organisation und der cln.'dircn Vereine insb/fonderc der schlesischen Vereine. Er verweilte bei der Arbeit der liberalen Jugendbewegung. die in der Zeit nach dem Kriege die Hauptstütze der gesamten Organisation gewesen ist. Brienitzer wandte sich dagegen, die liberalen Vereine nur als Wahlvercine auzu''eß7n: im Gegensatz dazu stellte er die Forderung auf, den religiösen Gedanken innerhalb der Gemeinden schärfer zum Ausdruck zu bringen. Tie Ortsgruppen in den einzelnen Bezirken müßten intensivere Arbeit leisten, d. h. ne müßten sich in ihren Ei-emcinden stärker auswirken. sie müßten in engster Verbindung mir den liberalen Gemeindevorstehern und Gemeindevertretern stehen. Der Redner sprach dann über kommende Organisationsplüue, die in der nächsten Zeit besonders in Schlesien zur Verwirklichung kommen sollen. Für die innere Arbeit hielt es Brienitzer für notwendig., den religiösen Gemeiuschastsgedanken immer stärker zum Ausdruck zu bringen. Er sprach von der Notwendigkeit der Verinnerlichung des jüdischen Lebens und von der Zusammenfassung de»- religiös interessierten Kräfte. Als besondere Aufgabe bezeichnete der Referent die Ausgestaltung des Gottesdienstes, um endlich zu erreichen, da-« die Gemeinde aktiv am Gottesdienst teilnimmt und zum Mitbeten erzogen wird. Die Sabbaihpredigteu sollten wie in Breslau überall auch an den Freitagabenden stattsindcn, um so der großen Masse der im Berufsleben Stehenden die Möglichkeit zu geben, religiöse Anregungen aus dem Gottesdienst in die Familie zu tragen. Das jüdische Familienleben werde, wenn wir uns dem religiösen Gedanken zuwenden, auch in unseren Häusern zu einem starken Bindeglied zwischen uns und unseren Kindern werden. Ter Redner ging am Schluß seiner Ausführungen aus die Bedeutung der religiösen und politischen Gegenwartsausgaben ein. Mir stehen auf einem religiösen Boden, wir stehen auf dem Boden der Lehre 'Und wir danken dafür, daß mir auf dem Boden der Lehre stehen und «sind überzeugt, daß diese Lehre ewig ist. iLebhafter Beifall.) Herr Dr. Schcyer dankt Herrn Brienitzer für die'vorzüglichen Ausführungen, die er gemacht hat und bedauert nur, daß heute Gegner nicht auch anwesend sein können. Auf das Referat folgt die Generalaussprache. Als erster Diskussionsredner meldete sich Berger-Breslau und führt aus, -atz er alles das, n>as der Redner gesagt hat, unterstreichen müsse. Er und auch jeder einzelne der Anwesenden müsse bas beschämende Gefühl in sich haben, in der Praxis nicht so gehandelt zu haben, wie es theoretisch gedacht war. Herr Berger meist besonders darauf hin, daß vor allem die Kleinarbeit fehlt, um^vorwärts zu kommen und daß der Landesverband vor allem bie Brücke schlagen muß zwischen dem Hauptvorftande der Vereinigung und den einzelnen Ortsgruppen. Frau Paula Ollendorf-Greslau fragt die Versammlung, ob das ganize Unglück des liberalen Judentums nicht darauf zurückzuführen ist. daß die Männer sich nicht die Mühe gegeben haben, die Verpflichtung des Jüdischseins den Frauen und der Familie aufzuerlegen. Entweder sei man jüdisch oder man sei nichts. Die meisten Frauen wüßten überhaupt nicht, was man unter „liberal" verstehe. Die Aufgabe, die Frau heranzuziehen, sei doch klar und not wendig. Die meisten Frauen glaubten, liberal sein heiße nur: nicht orthodox fein. Aber daß liberal sein Verpflichtung ist, daß solle die Vereinigung auch den Frauen einprägen. Frau Ollendorf begrüßt es öarum sehr, daß ein schlesischer Landesverband gegründet wird, denn Berlin sei besonders für die ' Frau kaum erreichbar. Herr Woyda-Berlin führt aus, daß die Arbeit, die zu leisten ist. religiöse Aufbauarbeit ist und daß deswegen zunächst die jüdische Religion in die Häuser und in die Familien getragen werden muß. Liberal sein bedeutet eine bestimmte positive Verpflichtung. Wir müssen uns klar darüber werden, daß wir verpflichtet sind, das Judentum zu erhalten. Jüdisch-liberal sein heißt liberal-religiös empfinden. Wenn der liberale Sinn in die Familien getragen ist,' dann wird sich daraus ohne weiteres die dementsprechende Gemeindepolitk ergeben. Herr Hirschfeld-Berliu geht auf die Ausführungen der Frau Ollendorf ein und bittet sie, dafür Sorge zu tragen, daß die Frauen nicht nur ihre eigenen engeren Interessen wahrnehmen. Der Redner berührt dann noch die Ostjudenfrage und kommt schließlich zu dem Gottesdienst. Er bemerkt, daß man schönen Gesang und Orgeln eingeführt hat. daß dies aber alles allein noch kein liberaler Gottesdienst sei. Der Gottesdienst dürfe nicht lang sein, er müsse vor allein an die Herzen Herangehen. Der Redner fordert, daß wir bei jeder Gelegenheit zeigen müssen, daß wir nicht nur Kämpfer gegen die Orthodoxen und Zionisten sind, sondern daß wir etwas Positives leisten wollen. Herr Dr. Mayer-Berlin verzichtet darauf, ein Referat zu halten: er möchte lieber zu den einzelnen Punkten der Ansprache Stellung nehmen. Es sei gut, daß hier gegen den Ungeist der Selbstgerechtigkeit Front gemacht werde: denn wenn dieser erste Schritt getan sei. sei eine, große Arbeit schon geleistet. Der Redner weist auf die Wichtigkeit der Gründung des Landesverbandes insofern hin. als der Konnex der Vereinigung mit den einzelnen Ortsgruppen und Vereinen dadurch bedeutend erleichtert werde. Liberale Theorie und die Praxis des religiösen Liberalismus müßten in' weit größerem Maße wie bisher im Gottesdienst und Gemeipdeleben. Schule und Haus eine unlösliche Einheit bilden. Es genügt nicht, sich nur auf die Propheten zu berufen, wir haben auch die Pflicht, den BeLeuncrmut und die religiöse Begeisterung der Propheten in unserem Leben zu verwirklichen. Herr Biclschowski. Breslau, weist gegenüber den mannigfachen theoretischen Ausführungen auf die praktischen Aufgaben der Tagung hin und legt den größten Wert aus die Verbreiterung unserer Ideen von Mensch zu Mensch. Hierauf wird die Aussprache geschlossen. Die zur Erörteung gestellten Satzungen des Landesverbandes Schlesien der Vereinigung für das liberale Judentum werden angenvmmeu. Dam: wird zur Borstandswahl des itntfu Verbandes geschritten. Zum ersten Vorsitzenden wird Herr Brienitzer-Breslan gewählt, zum Stellvertreter Herr Rechtsanwalt Tr. Scheyer-Liegnitz. zum Schriftführer Herr S.-R. Dr. Schlesinger-Oppeln, zum Schriftführer-Stellvertr. Herr Rabb. Dr. Lucas-Glogau. zum Schatzmeister Herr Kommerzicurat Pinkus-Ncustadt: zu Beisitzern: Frau Justizrat Ollcndvrs-Breslau. Herr Berger-Breslau, Herr Bayer-Breslau Herr Mctz-Liegnitz. Herr Dr. Brauer-Natibor, Herr Nabb. Tr. Nellhauö-Hirschberg. Fräulein Lotte Nosenthal- Breslcm und ein Mitglied der Ing endgruppe Liegnitz. das die Gruppe selbst benennen soll. Die Sitzung schließt um IV« Uhr. Ueber die Veranstaltungen des Nachmittags haben wir bereits in der letzten Nummer berichtet und können unseren Bericht dahin Zusammcnfassen. daß die Tagung einen verheißungsvollen Auftakt für unsere organisatorische Arbeit in Schlesien dalstcllt, und daß wir von ihr reichen Segen für das künftige Wirken der ganzen Vereinigung erwarten. Werbt neue Mitglieder!?s I ■MaÜ