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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-11-20 · 47 (20.11.1925) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
47 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Der Unglücksprophet. I Erzählung aus der Zeit des Propheten Jonas. Von Hans Jansoa (Fortsetzung) VI. Drei Wochen waren nach der Flucht Beldurs vergangen. Acht Tage, daß Achardise einen neuen Bericht an das Königstor sandte. Seit diesem Bericht war Frau Amat-Sula ganz ruhig. Nun bangte sie nicht mehr für die Zukunft des geliebten Sohnes. ‘Freilich gab dieser auch in seinem letzten Schreiben keine Deutung, aber es blendete fast durch seine begeisterte Sprache, und als fremdländische Blume mochte diese neue Art der Berichterstattung den König mehr fesseln, als die sachlichen Berichte mit ihrer mehr oder minder feststehenden Deutung. Wenigstens eine Zeitlang würde ihr Duft den König berauschen, wenigstens solange, bis Achardise die heiligen Bücher vergessen und nur noch der Liebe lebte. So dachte mit froher Hoffnung Frau Amat-Sula. Aber Achardise vergaß die heiligen Bücher nicht. Las er auch nur noch selten in den langen Nächten, so las er um so mehr am taufrischen Morgen von den Lippen Esthers, wenn sie stundenlang in den Gärten der Terrassen lustwandelten. Aber es waren keine Liebesgespräche, die sie dort mitsammen pflogen, wenn auch die Liebe oft und oft aus ihren Augen brach. Esther war es auch, die den Freund zur Klugheit mahnte und ihn zu seinen neuen Berichten veranlaßte. „Du bringst deine Mutter in Gefahr, wenn du rückhaltlos der Wahrheit dienst", sagte sie. „Von dir und deinem Hause will ich gar nicht reden, und dich keineswegs zu einer Lüge bestimmen." Dann sagte sie ihm ein Gleichnis! „Ein Mann wurde von seinen Feinden verfolgt. Warum sie ihn verfolgten, wußte er nicht. Vielleicht aber war es darum, weil er anders war als jene, die ihn haßten^ Er war ein Fremder unter ihnen geworden. Sie kannten' ihn nicht mehr, da er ein anderes Antlitz trug, als alle, ja, weder Mutter noch I Vater, und seiner eigenen Jugend glich er nicht mehr. Etwas, vielleicht eine Stimme in seinem Innern, vielleicht ein Licht vom Berge Sinai, hatte ihn gewandelt. Und so floh er in die Einsamkeit, von niemand gekannt. Aber seine Feinde gönnten ihm keine Rast, keine Ruhe. Etwas, vielleicht eine Stimme in ihrem eigenen Herzen, vielleicht auch das Licht vom Berge des Gesetzes, trieb sie immer wieder auf den Weg, den der Mann vor ihnen floh, und einer kam dem Fliehenden ganz nahe und fragte: „Hast du Achardise, den Sohn Idinabus gesehen?" Und der fliehende Mann blieb stehen. Daran aber, daß sein Verfolger ihn nicht einmal kannte, sah er, daß die Stunde noch nicht gekommen, da er frei und offen mit der Stimme seines Herzens reden dürfe. Daran lernte er, daß er weiter nach dem Lichte des Berges eilen und seine Verfolger mit sich reißen müsse. Erst am Berge . . . dann, wenn das Gesetz fest und rein in seinem Herzen wohnte, sei die Flucht beendet, und jene, die ihn verfolgten, würden ihn erkennen und verstehen, was er zu ihnen rede. Und als der Mann t das erkannte, erwiderte er dem Verfolger, der den anderen «in der Blindheit voraus war: „Ja, ich habe Achardise ge- F sehen, und er ist dir ganz nah? Da eilte der Verfolger an ihm vorüber, und der Verfolgte konnte der Stimme seines Herzens weiter folgen bis zum Berge des Lichtes, der Erkenntnis, des Gesetzes." Auf dieses Gleichnis gab Achardise zunächst keine Antwort. Daß kluge Antworten auf listige Fragen keine Lügen sind, verstand er nicht gleich. Dann aber sagte er: „Du hast recht, Esther. Fortan will ich dem Könige nicht mehr vom Gang der Gestirne berichten und durch Unterlassung der Deutung seinen Zorn erregen. Ich will vielmehr von dem schreiben, was mir die Sterne sagen. Doch, oh ich es kann? .... Gleichviel, ich will, was meine Seele erfüllt, berichten. Und wenn etwas von dem Licht der Sterne nach Ninive hinüberfließt, wird es zum Bosten deines Gottes werden." Als Achardise dann Esther die erste Tafel des neuen Berichtes vorlas, erblaßte diese wie bei heiligen Schauern. Ihre bebenden Lippen fanden die des Lesenden, ruhten dort, als wollten sie etwas Heiliges in ihre Seele saugen und sprachen dann: „Du bist am Berge! Du bist ein Jude!" * Seit dem Tage war Achardise viel allein. Er schrieb mehr Berichte, als von ihm gefordert wurden, Und wenn er schrieb, glühten seine Wangen, seine Augen strahlten, ein seltsames, nicht irdisches Licht lag auf seiner Stirn. Wenn aber der Bericht abgesandt war, erschrak er. Was hatte er geschrieben? Er wußte es nicht. Wie ein Nachtwandler hatte er geschrieben, wie ein Geist von anderem Geist. Esther aber zerstreute alle seine Sorgen mit der, Worten: „Du bist am Berge, und das Licht des Herrn ist über dir. Wenn nun deine Verfolger dich erreichen, so rede, was dein Herz befiehlt." . VII. Nach dem ersten Bericht, den Rammannarari von . Achardise erhielt, gab er den Befehl, daß alle folgenden Tafeln aus der Hand des Königsboten, doppelt umhüllt und versiegelt, in seine Hände gelangten. Selbst Istar- Iddina durfte sie nicht lesen. Als die Berichte sich mehrten, erfaßte den König eine fieberhafte Unruhe. Er verlangte, Achardise zu sehen und sandte den besten Eilboten an das Meer. Von diesem Tage an war der König seltsam. Obwohl er wissen mußte, daß der Bote noch nicht im Hause des jungen Omendeuters sein konnte, kam er Stunde um Stunde in das Palästtor, fragte oder stieg selbst auf die Zinne, um nach dem Ersehnten auszuschauen. Seine Umgebung versuchte, ihn auf andere Gedanken zu bringen, Vergebens. Er, der immer gezögert hatte, Achardise zurückzurufen, konnte jetzt an nichts anderes denken, als an dessen Ankunft. Istar-Iddina erinnerte ihn an den Siegelzylinder, den Beidur glücklich ausgebessert hatte. Der König, der mit abergläubischem Schrecken die Beschädigung entdeckt und dem Frevler, wie auch Sinmatikali, Weün er das Siegel nicht im Urzustände zurückliefere, mit qualvollem Tode bedroht hatte, sagte jetzt gleichgültig: „Hole ihnl” Und als Istar-Iddina das Heiligtum brachte, sprach er mit flüchtigem Blick auf die ausgebesserte Stelle: „Es ist gut; bewahre ihn." Istar-Iddlaa erschrak. Grausam, rasend boshaft, gierig hatte er den König schon gesehen, — wie jetzt noch nie. Da geschah etwas, was Rammannarari mit tödlichem Schreck, dann mit grausamer Freude erfüllte. Der dreiseitige Siegeszylinder, der im Schlafgemach des Königs stand, zeigte zwei gesprungene Flächen. Nur die dritte Tafel, jene, von der Rammannarari den Priestern und Traumdeutern ihr grausiges Schicksal verkünden ließ, war heil und unversehrt. Der König erschrak. Was hatte das zu bedeuten? Diese Frage stellte er auch an Istar-Iddina, den er rufen ließ, nachdem er selbst schon eine Deutung, die ihn beruhigte, gefunden hatte. Istar-Iddina sprach von einem Unfall. Der König möge die Diener vernehmen. Der König aber lachte und zeigte dem Oberpriester die großen gelben Zähne und sprach, indem seine Augen wie die eines Raubtieres rollten: „Die Götter reden!" Von dieser Stunde an zitterte Istar-Iddina für sein Leben. * Das Gerücht von der Ankunft des Omendeuters Achardise verbreitete sich in der ganzen Stadt, und die besonderen Begleitumstände, unter denen der Ruf des Königs an ihn erging, machten seine Rückkehr zu einem Ereignis. Als darum die erwartete Stunde seines Eintreffens näherrückte, glich Ninive einem Ameisenhaufen, in den der Stab eines Wanderers geraten war. Es wimmelte in den Straßen von Neugierigen, die alle nach dem Sonnentor drängten, um zu sehen, wie der König Achardise empfangen ließe. Die Stimmung des Volkes war geteilt. Die Einen sprachen laut von den Verdiensten Idinabus und waren Überzeugt, daß vieles, was über seinen Sohn, namentlich über dessen Jugendfreundschaft geredet werde, übertrieben sei. Und die so dachten, und sprachen, waren in der Mehrzahl. Die Anderen hielten zu Istar-Iddina, der in den letzten Tagen dazu übergegangen war, das Volk gegen Achardise zu stimmen. Die sagten: „Er ist ein Freund der Juden, Auch seine Lieblingsfrau ist eine Jüdin. Die Töchter Ninives verschmäht er." Einer, der am eifrigsten dieses Gerücht verbreitete, war Beidur. Ein glühender Haß sprach aus den Worten, die er in den dunkelsten Winkeln von Ninive, wo ihn niemand kannte, laut werden ließ. War es doch Achardise, dessen ersehnte Ankunft den König gegen den ausgebesserten Siegeszylinder so gleichgültig machte, ^aß er nicht einmal nach Beidur fragte und dessen Hoffnung, mit einem Schlage die Gunst des Königs zu erringen, vernichtete. Zwar war es Istar-Iddina gelungen, den wankelmütigen König zu bestimmen, den zersprungenen Siegeszylinder wieder hersteilen zu lassen, und Belduf war mit dieser Aufgabe betraut worden. Den Plan aber, den der Oberpriester auf dieses Heiligtum baute, mußte Achardise un- | fehlbar verderben, wenn es wahr war, was Beidur von der Wirkungskraft seiner Säure versprach. Immerhin war es ' ein Umweg, durch den Sturz des Achardise die Gunst des Königs zu erlangen. Es war auch ein gefährlicher Weg; denn Achardise wußte das Geheimnis Beldurs. Darum | hielt es Istar-Iddina für ratsam, das Volk gegen den Sohn des Idinabus aufzureizen; denn er wußte wie kein anderer, welchen Druck die Stimmung des Volkes auf Rammannarari ausübte. Trotz aller Mühe aber, die sich die bezahlten und unbezahlten Volksaufwiegler des Oberpriesters gaben, verhielt sich die Menge abwartend. Weder für, noch um gegen Achardise zu stimmen, lagerte ';ch vor dem Sonnentor. Zunächst lockte sie nur d. eugierde aus der Stadt. Gegen Mittag kam der Eilbote, den der König ausgesandt hatte, zurück und meldete, daß ihm Achardise mit seinen Frauen auf dem Fuße folge. Da gab Rammannarai den Palastbeamten den Befehl, dem Sohne seines Freundes Idinabus entgegenzugehen. Istar-Iddina knirschte vor Grimm mit den Zähnen, als er diesen Befehl, der auch ihm galt, vernahm*. Nun hatte der sich selbst das Volk zum Zuschauer geladen. Und das Volk war in großen Scharen gekommen. Calach, Resen und Ninive gaben sich ein Stelldichein. Aber auch auf den Kanälen, die sich wie ein Netz zwischen Euphrat und Tigris ausbreiteten, sah man Fahrzeuge der Stadt nahen. Sie brachten Menschen von weit her, und die Bewohner von Ninive fragten sich staunend, wer sie gerufen habe. Es war, als sei ein Herold über Land gegangen mit dem Ruf: „Kommt alle nach Ninive!“ * * Dann kam Achardise. Die Palastbeamten gingen ihm entgegen und begrüßten ihn. Und als das Volk dies sah, brach es in Heilrufe aus, die immer aufs neue wie brandende Meereswogen über die menschenleere Stadt brausten. Achardise handelte wie ein Nachtwandler. Er, der die Einsamkeit liebte, erschrak nicht vor dieser Menge. Ruhig blickte er über die Menschenköpfe hin und ließ es wie ein König geschehen, daß der Tartan sein Kamel am Zügel führte. Es war, als wisse oder empfinde er nicht, daß ihm dieser Empfang bereitet sei, und doch erwiderte er alle Grüße mit einer Würde und Hoheit, als Sei er ein König von Geburt und gewohnt, daß man ihn also empfange. Anders Frau Amat-Sula, die mit Esther in einem Zelte saß, das von einem Elefanten getragen wurde, den Razu, auf dem breiten Nacken des Tieres sitzend, führte. Da sie selbst nicht Umschau halten konnte, bestürmte sie Razu mit unzähligen Fragen, die dieser ruhig, ohne umzuschauen, beantwortete. Esther war stumm. Ihr mochte es ähnlich wie Achardise ergehen. Erst als sie der gewaltigen Königsburg sich näherten und Razu, ohne gefragt zu sein, sagte: „Da ist mancher verschwunden, der dem König mißfiel,“ erwiderte Esther: „Achardise, dein Herr, dient einem Könige, der die Mauern des Palästes stürzt mit dem Odem seines Mundes." Trotz dieser Zuversicht sah sie mit sorgenvollen Blicken auf das riesige Bauwerk. Auf einem weithingestreckten Hügel lagen die Stadt und die Königsburg, umgeben von einer glühenden Ebene, während nur wenig entfernt das kühle Gebirge war Zwei Bäche, von denen der eine sehr schwefelhaltig war und die Bewohner der Stadt vor dem Aussatz bewahrte, machte erklärlich, warum Stadt und Palast nicht im Gebirge lagen. In der Tat war Ninive fast nie von der Plage des Aussatzes heimgesucht worden. pnniiiii»nmnmwiniMffiwiMwiiuMMrouimiiHmwwmmnMwninHW Baumkuchen Torten * Feingebäck mit ftwaa&ert reiner Neriurbutter ffir oRe Festlichkeiten liefert frei Haus j»MMnttP«UHntr Gegründet 1827 Bepttn NW 6, Albredi&br. W Telephon: Norden 8021 Razu betrachtete mit finsteren Blicken den Palast und sagte, nachdem er die neugierige Frage der Frau Amat- Sula, was die Menge jetzt ihrem Sohne zurufe, beantwortet hatte, unvermittelt zu Esther: „Von dort ist ein Goldsrom über das Land gegangen, der das Volk blendet. Wem aber das Gold das Teuerste stahl, glaubt nicht mehr an diesen Glanz. Wie lange noch mag es Nebo und Merodach gefallen, daß der Palast des Lasters auf der Stadtmauer sitzt?" In Wahrheit saß die Königsburg auf einer gewaltigen Mauer, die Stadt und Palast umschloß. Halb innerhalb, halb außerhalb des Beringes liegend, glich sie einem riesigen Reiter, der geschickt den Sonnenbrand und den Nordhauch des Windes mied. Die Ecken waren genau nach den Himmelsgegenden orientiert, und der Schatten, den der Palast warf, war die gewaltige Sonnenuhr von ganz Assyrien. „Wir kommen zu einer schlimmen Stunde," sagte Razu, der diese Riesenuhr in seiner Weise und erfüllt von einer bangen Ahnung las. Frau Amat-Sula verwies ihm aber diese Bemerkung. „Gib acht auf den Weg, sonst führst du das Tier ins Sonnentor," sagte sie. Die Warnung war nicht ganz unangebracht; denn in der Tat lag neben dem Sonnentor ein zweites Tor für Tiere und Wagen, da das Sonnentor eine Stufenschw^lle hatte und nur von Fußgängern benutzt werden konnte. Uebrigens ging der Weg nach den Toren bergen, und Razu stieg ab, um das Tier zu führen. Unterdessen batte Achardise, der den Frauen um einen Steinwurf voraus war, den Palast erreicht. Er ließ sein Tier niederknieen und stieg ab. Dann blickte er nach den Frauen zurück und schien willens zu sein, auf sie zu warten. Istar-Iddina trat lächelnd auf ihn zu und sagte: „Du bist in Ninive, Freund, und du weißt, daß hier die Frauen einen anderen Eingang haben." Dann begleitete der Oberpriester den jungen Omendeuter eine Rampe hinauf, die allmählich neben der Palastmauer zu einer Esplanade hinanstieg, die zwischen der Brüstung der Stadtmauer und der Palastwand durch ein prachtvolles-Portal, dann über einen gepflasterten Hof« raum zum dreifachen Portal der Flügelstiere führte. Ein anderer Palastbeamter half inzwischen den tiefverschleierten Frauen aus dem Zelt, während Razu das Tier seines Herrn und den Elefanten in die Stallungen führte. Zu dem Zweck mußte er die Rampe ersteigen, die sein Herr gegangen war. Von der Esplanade ging damd der Weg über die untere Palastmauer, von der man auf die Rampe hinabsehen konnte, zurück und bog dann rechtwinklig nach der Terrasse, die Frau Amat-Sula und Esther in Begleitung des Oberharemswächters soeben erstiegen hatten. Durch ein mit geflügelten Löwen verziertes Tor führte sie der Obereunuche in den großen Binnenhof. Rammannarari, der mit fieberhafter Ungeduld den jungen Omendeuter erwartet hatte, saß im Prunksaale auf dem Königsthrone. Als ihm Achardise gemeldet wurde, sagte er: „Laßt ihn warten und schickt mir Istar-Iddina." Der Oberpriester zeigte kein Befremden, als er Rammannarari im vollen Königsschmucke auf seinem Throne sah. Auch daß er den König im Empfangssaale fand, wo sonst nur die Gesandten fremder Fürsten empfangen wurden, schien er nicht zu sehen. Rammannarari aber begann mit dem Oberpriester ein seltsames und denkwürdiges Gespräch. , (Fortsetzung folgt.) Umarbeitung 'Neuen f et tigung nach neuesten ModeUen JETZT* BtkUNmOMYMCHEk PLATZ 6*

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