Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-11-20 · 47 (20.11.1925) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
47 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613835--1579-2618956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

jjjj Aus der Bewegung fjfj Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde; Frauenversammlung.) „Der Platz der Frau im Kultus" war das Thema, über daS Rabbiner Dr. Baeck auf Einladung des Frauenausschusses des Liberalen Vereins im Hause von Frau Rosa Sachs, die ihre schönen behaglichen Räume in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt hatte, vor mehr als 100 Zuhörerinnen am Mittwoch, dein 11. November, sprach. Dr. Baeck ging vor; Kultus der katholischen Kirche aus, bei dem die Darreichung des Wunders aus der Hand des Priesters demütig und ergriffen von dem Gläubigen ausgenommen wird; völlig passiv, lediglich empfangend, nehmen sie am Gottesdienst Teil und auf den Mienen der Andächtigen, besonders der Frauen, ruht eine verträumte, weltentrückte Verklärung. Hier steht das Heiligtum im Mittelpunkt. In der protestantischen Kirche ist es dagegen die Predigt, die den Kern -er Andacht bildet; Chor und Liturgie sind nur die Rahmen dafür. Nach Luthers Ausspruch ist der Prediger der Verwalter des Wortes; die Predigt soll ausgenommen, aber nicht betrachtet werden. Ganz anders ist der jüdische Kultus, wenn man ihn historisch ansieht. In Nützland, wo jüdische Menschen auf jüdischen Boden leben, hat er sich in reiner ursprünglicher Form erhalten. Dort kommen die Männer zum Beten zusammen, in den Tallis gehüllt, spricht jeder in seiner Art für sich mit seinem Gotte. Hier ist der Einzelne aktiv beteiligt, aber ein Gemeinsames eint sie. Wie zu einer Familie gehörig — fühlen sie sich. Die Maske fällt, die man außerhalb des Gotteshauses trägt. Als die Gyettomauern die Juden nicht mehr absperrten und sie mit der Kultur ihres Landes in nahe Berührung kamen, wandelten sich auch die Gebräuche -es Gottesdienstes, die aktive Beteiligung der Andächtigen wurde einer bestimmten Ordnung unterworfen und in eine feste Form gefügt. Doch die Vertrautheit und das Gefühl der Faurilienzugehörigkeit zeigten ihre Schwächen, denn im Augenblick, in dem man sich völlig unter sich fühlte, wurden die Formen gelockert und gar zu oft schwand die Rücksicht, die jedermann seiner Umgebung schuldig ist. Das Gebetbuch sollte nie als Pensum, nie als Zwang empfunden werden, sondern lediglich dazu dienen, die Tempelbesucher aus dem grauen Alltag herauszureißen und sie aufnahmefähig für die Innerlichkeit des Gottesdienstes zu machen. Denn das jüdische Gebet fordert von jedem einzelnen innerste Teilnahme, es will eine Sabbatstimmung erwecken. In engem Zusammenhang mit der Betonung des Persönlichen steht die Unmöglichkeit einer Gemeinde, Choralgesang bei sich einzusühren, denn dieser setzt ein einheitliches Ganzes voraus. Wann kommt der moderne Mensch, der Großstädter, zu sich selbst? Nicht, wenn er bei sich zu Hause ganz allein ist, denn unser Heim hat seine Geschichte, mit der er verwachsen ist, aus jeder Ecke bückt ihn eine Sorge, eine vergessene Pflicht an, die ihn nicht innere Ruhe und Andacht finden laßt. Tic Stimmung im Tempel allein läßt uns häusliche und berufliche Pflichten für kurze Zeit vergessen, umgeben von vielen, die vom gleichen Wunsche erfüllt sind, finden wir uns selbst wieder, gehen, von neuem Mute beseelt, wieder an unsere Arbeir. Pflicht der liberalen Frauen ist es, für die Würde des Judentums im Tempel und im Hanse einzutreten. 'Wohl schafft der Mann die Gesetze, aber der Frau liegt eö ob, für die Würde des Judentums im Tempel und im Hanse einzutreten. Wohl schafft der Mann die Gesetze, aber der Frau liegt es ob, die Sitten zu formen, und sic zu wahren. Lebhafter Beifall dankte dem Redner für seine AnSfüh- "'ruügen und bewies, Latz die Anwesenden mit größter AufsMkrksamkeit und mit tiefem Verständnis dem Vortrage gefolgt waren. Berlin. (Lib. Verein für die Angelegenheit der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Bezirksgruppe Westen u. westliche Vororte.) Da die Ortsgruppe in 4 Gruppen geteilt werden soll, wurden in der Mitgliederversammlung vom 9. d. M. mehr als zwanzig Männer und Frauen als Mitglieder der künftigen neuen Vorstände gewählt. Der schwache Besuch der darauf folgenden öffentlichen Versammlung zeigte wieder, daß die Größe der Gleichgültigkeit eines Teiles unserer Anhänger nur noch durch die Grüße der Berliner Bezirksgrnppen übertroffen werden kann, und das letztere als Mitursache für die kleine Zahl der Erschienenen angesprochen werden muß. Es wird Lener werden, wenn die mühevolle Organisationsarbcit des Herrn Dr. Mayer in Kürze be- ■MMIWlWWlMBBBBBMHWBWWBaWBgHWMWMaWBi endet sein wird. Der Letztgenannte hielt sodann seinen Vor. trag, über „Gesinnung und Tat im religiösen Liberalismus". Dem Liberalen bedeutet Gesinnung der Wille zur Religiosität und zur Uebung derjenigen Zeremonien, die der inneren religiösen Wahrhaftigkeit des Einzelnen entsprechen. Einheit von Lehre und Leben in Gemeinde und Haus ist uns keine Phrase, fordert allerdings im Hinblick auf die Tat vieler unserer Anhänger herbe Kritik heraus, mit welcher der Redner nicht hinter dem Berge hält. Die Einheit von Gesinnung und Tat verwirklicht der neue jüdische Mensch in der alten Gemeinschaft. Die tief schürfenden Ausführungen des Herrn Dr. Mayer wurden mit großem Beifall ausgenommen. Als zweiter Redner präzisierte Herr Prof. Türk die Aufgaben der Gemeinde auf den Gebieten: Altersversorgung. Synagogenbau. Finanzwirtschaft und Schule. Als Fachmann lehnte er in überzeugender Beweisführung die jüdische Volksschule a limine ab und fand damit große Zustimmung. Aus der lebhaften Diskussion mutz die neuartige Frage des Herrn Tr. Caro heroorgehobcn werden, ob denn ein Reichsschulgesetz Verpflichtungen des Staates auch gegenüber Ausländern enthalten würde. Vom Gerneindevorstand begründeten die Herren M. Rosenthal. sowie der Referent für das Schulwesen. R. Hirschseld. die Notwendigkeit von zwei jüdischen Volksschulen im Norden Berlins. Der Repräsentantensenior, Herr E. Pincus. wies sodann auf die Einführung des aktiven und passiven Wahlrechtes der Frauen als liberale Tat besonders hin und bezeichncte die Reorganisation des Jugenögottesdiemtes. sowie eine bauernd auf V-il Uhr feststehende Freitagabendandacht als nächste Forderung. Tie Versammluna stand in Reden und Diskussion aus einem Niveau, von dem aus so mancher Ferngebliebene Belehrung und Begeisterung hätte mit nach Hause nehmen können. Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugendverein (III) Berlin: Gruppe Norden (Führer Paul Heinrichsdyrsf, NW 40. In den Zelten 9) berichtet durch ein Mitglied von ihrem letzten Heimabend: „Ein Mitglied unserer Gruppe hielt über Moses Mendelssohn einen Vortrag, in dem er sein Leben schilderte. Nach dem Bortraa wurde sehr viel gefragt, die erste Frage lautete: Warum bat Mendelssohn die Bibel übersetzt, da doch Luther sie schon einmal übersetzt hatte? Aber die Juden im Ghetto konnten kein Deutsch und Moses Mendelssohn wollte ihnen damit die Gelegenheit geben, richtiges Deutsch zu lernen. Auch suchte er den Gottesdienst mit deutscher Predigt einzusühren. Unser Führer las uns mehrere Psalmen in der Uebersetzung von Mendelssohn vor. dann auch einen in der Luther'schen Uebersetzung. Mir aesiel die Uebersetzung von Luther besser. Dabei stellten wir fest, wieviel verschiedene Ausdrücke für ein und dieselbe Uebersetzung möglich sind." Gruppe O st e n (Führerin Betty Markus, N. 58, Schönhauser Allee 152). An zwei Heimabenden war der Prophet Jesaia besprochen worden. Ueber den letzten von diesen schreibt ein Mitglied: „An das Geschehnis des Anrückens der Asiyrec auf Jerusalem und ihres plötzlichen Rückmarsches, den Jesaia vorausgesagt hatte, knüpfte sich eine Erörterung, ob es von Jesaja nicht falsch gewesen sei. die Unverletzlichkeit Jerusalems zu verkünden. Sicherlich haben sich seine Zeihgenossen sehr darauf verlassen und sind durch den Satz „Ewig mähret Jerusalem!" zu einer allzu großen Passivität verleitet worben. Mer da jeder starke Glaube in sich selbst tausend Möglichkeiten und daher auch viele Werte birgt, so kann man auch diese Passivität nicht als unfruchtbar verwerfen. Tann tauchte die Frage auf. wie Jesajas Reden auf seine Zeitgenossen überhaupt gewirkt haben. Zwei Ansichten standen sich dabei gegenüber, die einen meinten, seine Verheißungen besonders des messianischen Reiches wären zu unglaublich gewesen und hätten daher nur lächerlich gewirkt. Die anderen dagegen meinten, schon die Art der Reden, ihre rhetorischen Feinheiten, ihre häufigen Wiederholungen, hätten — ganz abgesehen vom Inhalt — schon überzeugend gewirkt. In dem Pathos des Jesaja, in der Großartigkeit und Neuheit seiner Ideen liege etwas Hinreißendes. Das wird bestätigt durch die Nolle, die seine Hauptgedanken im ethischen Judentum bis heute noch spielen." Berlin.) Gruppe C h a r l o t t e n b u r g (Führer Ernst H. Seligsohn. Grunervald, Douglasstr. 30) berichtet durch ein Mitglied von ihrer letzten Veranstaltung: „Am letzten Heimabend wurde unser Geschichtskursus durch einen Vortrag eines Gruppenmitgli-eöes über „Die Juden in der Diaspora" fortgesetzt. Zuerst sprach man vom Lehrhaus in Jabne, das Jochanan ben Sakkai gleich nach dem Fall Jerusalems gründete, und das durch seinen nationalen Einschlag in damaliger Zeit besonders berufen schien, jüdisches Leben und jüdische Kultur zu pflegen. Dann ging der Referent auf Rom über. Dort waren die Juden bis in die ersten Geseüschastsschichteu 'gelangt, und büß Judentum gewann itt einer Zeit, wo der Götterglaube der Römer immer mehr ins Wanken geriet und wo die griechische Philosophie ihr Denken veredelte, durch die BtldloMkeit seiner Lehre großen Einfluß. Auch vornehme Römer wurden Juden. Infolgedessen bildete sich natürlich eine Gegenveweauri-g, deren Führer Cicero und Horaz waren. Die Gegnerschaft blieb aber zunächst auf die jüdische Religion beschränkt. — Zugleich mit den Römern kamen Juden auch nach Gallien und Germanien, und so finden wir schon in der frühesten Zeit jüdische Gemeinden am Rhein, wie in Mainz, Köln und Cvülenz. Tie Juden in Aegypten und in Babylonien werden in besonderen Heimabenden behandelt." Bingen a. Rh. (Gründung einer Ortsgruppe der Verein i g n n g für das liberale Judent u m.) Am 9. d. M. fand eine Versammlung der Mitglieder der liberalen Vereinigung statt, die sehr gut besucht war und in der Herr Kreisrabbiner Dr. Appel ein Referat hielt über: „Aufgaben der Vereinigung und der Ortsgruppen", das allgemein großen Beifall fand. Der Erfolg der Versammlung war, daß beschlossen wurde, eine Ortsgruppe zn gründen, in der alle Monate regelmäßig ein Bortraa über jüdischliberale Themen gehalten werden soll. Znm Leiter der Ortsgruppe wurde Rabbiner Dr. Avvel gewählt. Außerdem bildete sich am gleichen Abend eine Jugendgruppe aus der Zahl der jüngeren Mitglieder der Bereinigung, die jede Woche einmal eine Zusammenkunft veranstalten will, um sich durch Referate des Rabbiners und Lehrers über den Inhalt der Bibel und der jüdischen Geschichte belehren m lassen. Als weitere Redner für die Mitgliederversammlungen sind vorgesehen die Herren Lehrer Löwn von Bingen und Lehrer Lilienthal von Wiesbaden. Die Diskussion, die stattfand, war anregend und wertvoll und bewies, daß die jüdisch-liberale Sache auch am hiesigen Orte eine gute Zukunft haben kann. Erst gegen Mitternacht ging die Versammluna äußerst befriedigt auseinander. Frankfurt a. M. Der zweite Heimabend der Jüdisch-liberalen Jngendgemeinschaft fand am 7. November unter zahlreicher Beteiliguna statt. Auf dem Programm stand außer der Besprechung der wichtigen Tagesereignisse ein Vortrag über Unruh's: „Flügel der Nike". Eingangs gab uns Herr Dr. Edinger einen kurzen Ueberblick über die letzten Geschehnisse in der Politik: Locarno, Regierungskrise, politische Prozesse nsw. Nach einer kurzen Aussprache nahm Herr stuck, rer. pol. Liebmann das Wort und begann seine Ausführungen über das ideenreiche Werk von Unruh. Einige besonders schöne Stellen wurden vorgelesen und besprochen: am basten gefiel wohl die wirkungsvolle Schilderung des Zusammentreffens des Dichters mit dem gleichgesinnten Franzosen Barbusse. Außerdem bekamen wir einiges aus dem „Opsergang". der in den Tagen vor Verdun spielt, zu hören. Vortragender erzählte auch aus dem Leben Fritz von Unrubs. Das Buch „Flügel der Nike", das Deutschlands gesamte Jugend amruttelte, regte uns alle zum Thema „Jugendbewegung" an. Die verschiedensten Meinungen wurden geäußert, auch über die Wege, welche unsere Gemeinschaft ^ehen soll. Leider mußten mir wegen der vorgerückten Stunde bald abbrechen: doch werden wir an den folgenden Heimabenden noch Gelegenheit haben, diese Fragen zu erörtern . Jedenfalls erfreuen sich unsere .Heimabende zunehmender Beliebtheit, da ein jeder neue geistige Anregungen bringt und empfängt. Es bleibt nur zu wünschen, daß der Verein möglichst bald einen eiaeuen Raum im Zentrum der Stadt fsir seine Abende findet. Kalendarium für die Zeit vom2i.ii.b.28.il.i9?.5. November 1925 Aislew 5685 Sonnabend 21. 4. Wochen>-Mschnitt: Tauldranß (1. B. M. Kapitel 25,19-28.9) Hgftarcch: Maleachi 1 (1-14), 2 (1—7) Sonntag 22. 5. Montaa 23 6. Dienstag 24. 7. Mittwoch 25. 8. Donnerst«» 26. 9. Freitag 27. 10. Sonnabend 28. 11. Wochen-Abschnitt: Wajjeze (1. B. M. Kapitel 28,10—32,2) Haftarah: Hosea 12 (13—15) 13, 14 (1-10) Sabbat-Ausgang: 4.47 Tröstung. Und kränken Menschen dich, die bösen, Bist du denn reicher nicht als sie —? Kein Ruf des Geistes kam, sie lösen Aus ihres Wollens irrem Wie. Die Erde hat sie mitgerissen; Dir aber gab sie den Gewinn — Hach über allen Hindernissen Reicht dir der Geist die Schale hin. In Leinen glückdurchsonnten Händen Hältst du der Schöpfung Anbeginn Und trinkst aus ew'gen Lichtes Spenden DeF höchsten Lebens tiefsten Sinn. Mir van C l e e f. Schiller in hebräischem Gewände. Bon B i n j a m i n Segel. DaS hatte er sich wohl kaum je träumen lassen, daß feine Lieder in der uralten Sorache des Judenvolkes erschallen würden. Wenn König David käme und die Sänger der Psalmen, wenn die Propheten Israels kämen, sie brauchten nicht erst Deutsch zu lernen, ltm den Dichter des Liedes an die Freude zu verstehen, denn das Herrlichste von dem, was er geschaffen, es würde ihnen in hebräischen Klängen entgegentönen. Wer einmal die Geschichte der modernen hebräischen Literatur, etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, schreiben wird, die in Deutschland ihren Anfang nimmt und sich in Polen fortsetzt, der wird den Uebersetzungen, besonders denen aus dem Deutschen, ein besonderes Kapitel widmen müsten, freilich weniger aus literarhistorischen als aus volkspsychologischen Gründen. Die Uebersetzungen, namentlich deutscher Dichterwerke, entsprangen nämlich nicht dem Bedürfnis, die Leser mit diesen Werken bekanntzumachen, denn bas literarisch interessierte jüdische Publikum in ganz Osteuropa verstand fast durchweg Deutsch, las eifrig deutsche Bücher und brauchte nicht erst die guten Dienste der Uebersetzer abzuwarten, um sich die hervorragendsten Schöpfungen der deutschen Dichter anzueignen Die Uebersetzer hätten sich also die Mühe sparen können. Wenn sie dennoch soviel Geist, Formkunst und Fleiß auf diese immerhin wenig dankbare Arbeit verwandten, so geschah dies lediglich ayö dem seelischer; Drange heraus, das, was man vom Werk eines deutschen Dichters besonders liebte und bewunderte, in den Lauten der eigenen geliebten, der heiligen Sprache nochmals erklingen zn hören. Es war etwas ganz anderes, wenn man ein Gedicht in deutscher, und wenn man es in hebräischer Sprache hörte. Im ersteren Falle mochte man es noch so herrlich, wundervoll, ideal, unerreicht, ja „heilig" finden — es war doch immer etwas Fremdes. Richtiges geistiges Eigentum, ein Stück des eigenen Ich wurde es erst, wenn man es in hebräischer Sprache besaß. Uebersetzte man also ein Gedicht ins Hebräische, so nahm man davon recht eigentlich Besitz, man bemächtigte sich seiner, es wurde dadurch sozusagen geweiht, es wurde „unser". Die Uebersetzer waren hier also keineswegs Vermittler fremder Gedanken, sie entsprachen vielmehr einem Bedürfnis nach geistigem Luxus, freilich einem Luxus von jener Art, auf die Voltaires Wort: „Le superflu — chose la plus necessaire" vorzüglich patzt. Schon im Jahre 1836 schrieb der nachher so berühmt gewordene Leipziger Professor Franz Delitzsch in seinem noch heute lesenswerten Buche: „Geschichte der jüdischen Poesie vom Abschluß der Heiligen Schriften bis auf die neueste Zeit" folgende merkwürdigen Worte: „Schiller wurde ihr (der heiligen Sprache nämlich) Ideal, Schiller, der noch heute der Lieblingsschriftsteller der jüdischen Ladendienerinnen in Oesterreich ist, dessen Don Carlos sie, wie nach ererbtem Geschmack, für ihr liebstes Drama erklären, weil er so sehr erhaben ist." Ans diesen Worten des pictistisch angehauchten, im übrigen feinsinnigen und kenntnisreichen Theologen klingt die Ironie und der Vorwurf nur zu deutlich heraus. Hätte er aber eine genauere Vorstellung von der ganzen Ausdehnung des Uebels, sein Tadel wäre viel schärfer ausgefallen, und er könnte ihn heute < noch mit demselben Nachdruck wiederholen. Seitdem die Kenntnis des Hochdeutschen sich unter den Juden Polens und Litauens, hauptsächlich dank der Mendelssohnschen Bibelübersetzung, ausbreitete, hielt auch Schiller unter ihnen seinen Einzug. Er eroberte sich hier den Boden nur sehr langsam, behauptet aber bis heute das Feld. Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er der Liebling des Ghettos. Schiller las man hier nicht; man studierte, man „lernte" ihn, man konnte ihn auswendig, man vertiefte sich in ihn, man „forschte in ihm", wie man in den heiligen Schriften forschte, und man las auch in ihn tausenderlei Dinge hinein und aus ihm heraus, ganz wie es mit den heiligen Schriften geschah. Schiller kannten Junge und Alte, Männer und Frauen: Jünglinge und Jungfrauen erbauten, begeisterten, berauschten, erzogen sich an ihm. Schiller war ihre heimliche Liebe, wenn sie hinter den mächtigen Talmudfolianten im Bethammiörasch saßen oder wenn sie hinter der Kaufmannslade standen; er war ihr Freund und Tröster, wenn sie nachher draußen im Leben von feindlichen Gewalten bedrängt wurden. Er ward „unser Schiller". Endlich mußten sie ansangen, ihn zu übersetzen. Kein deutscher Dichter, geschweige denn ein ausländischer wurde so viel und so oft ins Hebräische übersetzt wie Schiller. Es ließe sich bequem aus den vorhandenen, überwiegend in Zeitschriften verstreuten Uebersetzungen eine hebräische Ausgabe nahezu aller bedeutenden Gedichte Schillers, besonders der zweiten und der dritten Periode, wie auch aller seiner Dramen, bis auf drei, endlich mancher seiner prosaischen Schriften veranstalten. Einzelne sind zwei- und dreimal übersetzt worden. Beinahe alle sind sie als wohlgelungen zu bezeichnen, aber eS gibt darunter manche echte Perle der Uebersetzungskunst. Die nachfolgende Uebersicht ist vorwiegend nach, dem Gedächtnis und gelegentlichen Notizen gemacht und beruht also nicht auf systematischen Untersuchungen; sie kann daher durchaus nicht den Anspruch erheben» erschöpfend zu sein. Das erste Gedicht von Schiller, welches inS Hebräische übersetzt wurde, dürste wohl „An die Freude" sein; der Uebersetzer' war L i e p m a n MoseS B ü s ch e n t h a l; die Uebersetzung erschien im Jahre 1817 in der Berliner Zeitschrift „Jeöidja". Eine größere Auswahl Schillerscher Gedichte in sehr schöner Uebersetzung veröffentlichte Dr. Meir Halewi Letteris aus Przemysl in Galizien Wien 1852. Letteris, der sich als Lyriker einen guten Namen gemacht, lieferte (1862) auch eine Uebersetzung vom Faust I. Teil, die damals zu einer weitläufigen Polemik Anlaß gab. Mathias Simcha Rabener aus Lemberg, Schuldirektor in Jassy, hatte zur Zentenarfeier von Schillers Geburtstag (1858) ebenfalls eine Auswahl von dessen Gedichte ins Hebräische übertragen, die aber erst 1862 iy Czeruowitz herauskam uird sechs Jahre nachher in Jassy in vermehrter Auflage erschien. DaS war vielleicht der einzige Fall, daß Schillers hundertster Geburtstag von Nichtdeutschen weit unten in „Halbasien" derart gefeiert wurde. Außerdem seien von einzelnen Gedichten wenigstens fol-, aende Uebersetzungen angeführt:^ EleoTe auf den Tod eines JünglßngS'. Uebersetzt von M. E. Stern, 1847. Die Kindesmörderin. Uebersetzt von Daniel Ehrmann, 1864; und von Nathan Samuely, 1368. Letztere Uebersetzung ist ein wahres Meisterwerk. An den Frühling. Uebersetzt von Chat im Garfunkel. 1860. Elysium. Uebersetzt von Selig Allerhand aus Zurawno, Galizien, 1883. ' "

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.