Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 46 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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itttttft verboten wird. Er mutz sich beugen vor etwas. daS vernunftwidrig ist, sich demütigen vor dem Götzen, -er ifixierten Tradition. Gerade diese Aengstlichkeit. die fixierte Tradition zu befolgen, läßt schon vermuten, -atz die wahre Tradition sehlt. Warum all diese Anstrengungen? ,Kin Großes ist die Masse und ehrfurchtgebietend ihre Treue zum Gesetz" schreibt Buber. Majorität entscheidet zwar nicht die Wahrheit. aber wenn wir uns schon ins Gebiet der Zahl begeben, dürfen wir fragen, wo ist die größere Zahl? Unsere Brüder im Osten leben noch in der Treue zum Gesetz. Aber keinem liberalen fällt es ein. diese ihre Lebensform zu bekämpfen. Welchem Geschichtsschreiber fällt es ein. die Bestrebungen der Kirche im Mittelalter als „klerikal" zu bezeichnen. Klerikal sind erst die Bestrebungen der katholischen Kirche, die Neuzeit im Namen eines überlieferten Mittelalters zu unterdrücken. Die Lebensform unserer Brüder im Osten ist natürliches Mittelalter. Die Orthodoxie, die der Libe- -ralismus bekämpft, ist e r st a r r t e s Mittelalter, ist die Unfähigkeit und Blindheit den einzigen Möglichkeiten der Gegenwart gegenüber das Judentum zu leben. Und diese Orthodoxie ist keine Masse. Vom lebendigen Mittelalter können wir lernen, ihm zollen wir alle Ehrfurcht. Es wäre m wünschen, -atz die Aufklärung im Osten etwas w-eniger überstürzt vor sich ginge. Aber der Orthodoxie, die sich der Gegenwart plump cntgegenstellt. die eine kleine Schar ist und keine Masse. Ehrfurcht zollen. Warum? Doch bleibt die Frage. wie es kommen kann, das; Manier von der Beüentuna Bubers und Rosenzweigs. so wenig sie als geistige Persönlichkeiten der Orthodoxie angehören, ihr gegenüber doch so nachgiebig sind, ja sich ihr in manchem direkt fügen. Die Antwort kann nur folgende sein: Buber und Rosenzweig sprechen im Namen der religiösen Sehnsucht unserer iüdischen Welt. Diese Sehnsucht ist der Antrieb "ihres bedeutenden Schaffens. Aber es ist noch eine andere Sehnsucht, die sie treibt und die sie gleichfalls mit der jüdischen Welt gemeinsam haben: Die Sehnsucht, jüdisch zu sein. . Die Sehnsucht, jüdisch zu sein. Die ganze heutige fugend bekennt sich begeistert zu dieser Sehnsucht. Aber ist sie nicht so etwas wie Romantik? Und Romantik nennen Buber und Rosenzweig Schwäche. Aber sei es so. wir bekennen uns zu unserer Schwäche und urteilen so über sie. . Jüdisch sein, was kann das heißen? Wo findet man in dem bunten, wechsclvollen Bild der jüdischen Geschichte das Jüdische? Jedenfalls etwas, das wechselt, etwas, das durch ein Anderes abgclösi werden darf, das kann es nicht sein. Was immer wir alle meinen, wenn mir vom indischen Wesen sprechen, daß es etwas Bleibendes, etwas Beharrendes in der Flucht der Erscheinungen der indischen Geschichte ist. darin sind wir einig. Darum dieser Trost in unserer liebenden Sehnsucht. Nun was ist dieses Wesen des Judentums, das uns als Menschen so tief gestaltet, daß wir dadurch erst Juden werden? Buber und Rosenzweig qcbranchen beide eine Wendung: Wir und die Völker. Die Völker, sprich: Gojim. Also eine Wendung, jedem wohlocrtraut aus Großvaters Tagen. Ja, aber wir sind doch, sozusagen, moderne Menschen. Genügt es nicht, die Individualität des Judeseins «lS solche fcsizuhalten nnd zn pflegen, ist dieses unser Anderssein so gesteigert. daß es uuS heraushebt aus den Völkern überhaupt, die alle eben in ihrer Eigenschaft als „Völker" etwas haben, was wir nicht haben oder etwas nicht haben, was wir haben? Was könnte das sein? Unmöglich kann es der Auserwähltheitsgedanke sein, der bei dieser Unterscheidung mitspricht. Äuserwählttzeit ist die dem sittlich Handelnden gegebene Gnadengabe, die allen Menschen, Juden und Deutschen, unter den gleichen Bedingung«« gewährt und unter den gleichen Bedingungen versagt ist. Wo der?luserw«blibeits- * danke substanziert wird, wo Auserwahltheit als festes itzrkPal angesehen wird wie irrend eine mitgegebene lgeNichaft. wie eine ererbte Begabung, da ist der Auserwähltheitsgedanke seines religiösen Gehaltes beraubt und in ein Nichts umgodentet. Aber vielleicht besteht doch allen Ernstes ein Unterschied -wischen uns und den Völkern? Jedenfalls der, daß wir — wie sagt man doch immer, das Volk der Jahrtausende. — Las jüngste unter diesen Völkern sind. Alle diese Völker, wenigstens wenn wir an die großen Kulturnationen Europas denken, haben die Renaissance hinter sich. Wir nicht. Wir sind noch mitten in all dieser Bewegung, die das Ziel hat. das mittelalterliche Gebäude unseres Lebens zu ersetzen Durch jene anderen Institutionen, deren Besitz eben den durch die Tenkvoraussetznngen der europäischen Nenaissance hindurchgegangenen Menschen unterscheiden vom mittelalterlichen Menschen. Das wäre der einzige Unterschied, der die prinzipielle Unterscheidung »Mir und die Völker" einleuchtend machen könnte. Aber unsere Sehnsucht, jüdisch zu sein, meint etwas durchaus Konkretes. Wir wissen, wird unsere Religion, um die ivir kämpfen, die wahre sein, so wird sie die sein, welche unsere große- Vergangenheit lehrt. Die wahre Religion, das heißt uns die indische. Wenn unser Glaube tief sein wird, wird er sein: Der Glaube der Väter. Denn dort., wo das Leben in seinem Wollen und Bekennen wahrhaft tief ist, kann es immer nur die ewig gleichblcibenden Gesetzmäßigkeiten repräsentieren. In den Dingen des Geistes gibt es nichts Neues. Darum wird der wahre Glaube ewig der Bäterglaube sein. Aber was besagt das für den. der die Wahrheit sucht. Besagt es. daß er nur zurückschauen muß. um die Antwort zu haben? Nein. Wer die Wahrheit hat. der -ars zurückschauen und kann seine Gegenwart gerechtfertigt sehen vor der Vergangenheit. Die große Vergangenheit gibt uns sehr viel, sie gibt uns Richtung und Ziel, sie sagt uns. wenn ihr siegen werdet, werdet ihr eins sein mit mir. Aber die letzte Lösung kann sie uns nicht geben. In Lagerlöfs „Jerusalem" legt sich der Held des Romans, ein Nachkomme „eines alten Geschlechtes mit alten Zügen" in den schwierigen Lebenslagen immer die Frage vor: Was würde der Vater getan haben? Ja, aber der Vater steigt nicht vom Himmel herunter. die Antwort zu geben. Die Situation des Sohnes, dem die große Tradition seines vornehmen Geschlechtes Herzenssache ist, ist nie die des Vaters nnd so bleibt diesem Sohn, der dem edlen Vater gleich sein will, immer nur dieser Bescheid: Ich muß die Wege Gottes gehen. Ob unser Judentum. das wir erstreben und verwirklichen, das wahre Judentum ist, dafür traben wir keinen anderen Garanten als letztlich Gott allein. Die einzige Gewähr für unser wahres Judefein ist nicht durch formulierbares Wissen und nicht durch 'konkrete Inhalte gegeben. die einzige Gewähr für unser wahres Jnöesein ist unsere Verbundenheit mit Gott. 'Kämpfen wir um diese Verbundenheit, so kämpfen wir um unser Judentum. Dann allerdings ist dieses Judentum keine Dolkseigentümlichkeit. dann ist es etwas von den „volk^haften Eigenschaften stren-g geschiedenes und im Besitze dieses Judentums durften unsere Väter in aristokratischer Reserviertheit sagen: Wir und die Völker. Und doch ist dann dieses Judentum zugleich etwas, wozu alle Völker gleicher, maßen wie wir erwählt sind. Dieses unser Übervolk, l ich es Judentum müssen wir alle verteidigen. Würde der Uebergang zu nationalem, modernstaattichem Denken, den uns die Gegenwart diktiert, auch dies zur Folge haben, daß Judentum, was es nie war. eine Volkseigentümlichkeit wird, es würde den ungeheuersten Verlust bedeuten, den unsere Geschichte zu verzeichnen hätte. So ungeheuer, daß selbst jener tränen-, leides-, todestrurikene Verlust der eigenen Erde dagegen als klein erscheinen würde. Gerade weil Judentum etwas unvergleichlich Höheres ist als es als Volkseigentümlichkeit sein kann bedeutet es dem jüdischen Volke, einen Besitz, der sein innerstes Wesen betrifft. Was war jüdisch an Ferdinand Lassalle? Wir hatten bis vor kurzem fast gar keinen Einblick in die Seele des genialen Demagogen und waren geneigt zu meinen. er habe sich wirklich in weit höherem Maße als Jude gefühlt denn sein großer Rivale Karl Marx. Wenigstens hatte er nicht wie jener ein Pamphlet gegen die Juden veröffentlicht. gerade zu einer Zeit, da sie in schwerem Kampfe um ihre bürgerliche und politische Emanzipation standen. Da man Lassalle so etwas nicht nachsagen kann, vermutete man bei ihm eine größere Anhänglichkeit an das Judentum oder wenigstens an die jüdische Gemeinschaft. Zwei vor kurzem erschienene hoch bedeutsame Publikationen über Lassalle werden auch in dieser Beziehung unsere Anschauungen von Grund aus ändern. Es sind dies „Lasialles nachgelassene Briefe und Schriften", herausgcgeben von Gustav Mayer, bisher vier Bände lTcutsche Bcrlagsanstalt. Stuttgart). Die zweite ist die schöne und geistvolle Biographie: „Lassalle. Mensch und Politiker", die den früheren preußischen Unterrichtsminister Konrad Haenifch zum Verfasser hat iVcrlag Franz Schneider. Berlin). Elftere ist durch die zahlreichen, überaus gründlichen und erschöpfenden Erläuterungen und Anmerkungen, die den Briefwechsel begleiten, eine wahre Fundgrube zur Kenntnis der Verhältnisse und Persönlichkeiten aus der ersten Halste des vorigen Jahrhunderts. Die meisterhaften Einleitungen des Herausgebers zu jedem der vier Bände mit ihren lichtvollen Schilderungen der politischen nnd kulturellen Zeitumstände. mit ihrer feinen psychologischen Analyse der vorkommendcn Menschen, bilden eine notwendige Ergänzung zu jeder Biographie LassalleS. Besonders & io Einleitung zum 4. Bande, der den gesamten Briefwechsel mit der Gräfin Hatzfeld zum ersten Male der Lescrwelt darbietet, verdient wegen der Feinheit der Zergliederung und der Tiefe des Verständnisses höchste Anerkennung. Beide Bücher ermöglichen uns. wie gesagt, den Entwicklungsgang Lassalles unmittelbar aus dem Innern heraus zu belauschen, besonders auch in bezug auf das Jüdische. Haenischs liebe- und lebensvolle, dabei durchaus vornehme und unparteiische Darstellung hat überdies zwei besondere Kapitel: „Lassalle als Deutscher" und „Lassalle als Mensch", die den uns angehenden Punkt scharf beleuchten. Mit Schmerz nehmen wir eine immer rascher fortschreitende HinansentWicklung aus dem Judentum bei Lassalle wahr, bis davon nichts mehr übrig bleibt und schließlich eine ausgesprochene Antipathie Platz greift. Das einzige Echt-Jüdische, dem Lassalle bis zum letzten Atem hauch treu bleibt, ist die überaus innige und unverbrüchliche Anhänglichkeit an die Eltern. Der Vater erscheint wie eine Gestalt aus Auerbachs „Dichter und Kaufmann", ist voll Bewunderung für die hohe Begabung des Sohnes und glaubt unerschütterlich an die Rechtlichkeit seiner Bestrebungen, soviel Herzeleid und Seelenschmerzen auch die seltsam verschlungenen Wege des genialen Sohnes dem einfachen Bürger und ehrbaren Kaufmann verursachen mögen. Er ist religiös, in seinem Hause wird der Seder (Ferdinand schreibt „Zeider") feierlich abgehalten. Noch in den fünfziger Jahren, als der schon hochbcrühmte Sohn die Mutter nach Berlin einlädt, muß er ihr versprechen, daß sie dort wird rituell leben können. Als im Jahre 1856 Lassalle in Gesellschaft seines Schwagers eine Orientreise antrat, die ursprünglich bis Jerusalem geplant war. richtete der Vater an die vielgeliebten Kinder einen zärtlichen Brief, der außer einer Menge sorgsamer Ratschläge den Auftrag enthält „auf ein Säckchen Erde aus Jerusalem, und zwar von dem Boden, wo der Tempel Salomonis gestanden". Daneben soll ein „Krug Wasser aus dem Jordan für den Kardinal-Erzbischof nicht vergessen werden. Dieses muß aber ossiziell von der Ortsbehörde bescheinigt sein." Lassallcs Vater hielt also noch an der uralten jüdischen Sitte fest, sich ein Säckchen Erde vom Tempclbergc zu verschaffen, um es dermaleinst iu den Sarg zu legen. Bon unerschöpflicher Sanftmut, rührender Milde und Nachsicht sind die Briefe dieses einfachen, schwer arbeitenden, mäßig begüterten Kaufmanns, der immer wieder verzeiht, auch wenn der Sohn keck und ungezogen wird laber nie über diese Grenze hinansgeht). Ist -Lasialles Leben eine Tragödie gewesen, so ist der tragische Held im Grund Lasialles Vater. Er bleibt das ganze Leben wie hypnotisiert von dem Wort, mit welchem der Junge, ein halbes Kind noch, seinen Beschluß motivierte, ein Märtyrer der Freiheit zu werden: „Weil Gott mir die Stimme in die Brust gelegt, die mich aufruft zum Kampf, weil Gott mir die Kraft aegeben. ich fühle es. die mich befähigt zum Kampf! Weil ich Gott um die Kräfte, die er mir gegeben, nicht betrügen will!" In diesen Kreisen beschränkte sich die Frömmigkeit zu damaliger Zeit mehr auf das Formale, ohne daß man bemüht war, den Kindern eine tüchtige Kenntnis und ein tieferes Verständnis des Judentums beizubringen. Lassalle hat dies in späteren Jahren auch nie nachzuholen gesucht. Als Vierzehnjähriger erlebte er die Blutbesrhuldigung von Damaskus, und er schreibt zornige, kindlich enthusiastische Worte in sein Tagebuch: ,Jsch könnte mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen bedrückten Lage zu reißen ... Oh. wenn ich meinen kindlichen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee. an der Spitze -er Juden mit der Waffe in der Hand, sie selbständig zu machen ..." Bon großem Interesse am Judentum zeugt noch 1843 der Brief an Theodor C r e i z e n a ch. einen der Begründer der Resormbewegung. aber nicht gerade deren besten Typus. Einige geradezu geniale Bemerkungen, die im Munde eines Achtzehnjährigen höchlich überraschen, lassen gleichzeitig den vollständigen Mangel an Sachkenntnis um so tiefer bedauern, aber schon ein Jahr spater richtete er an jedes der Eltern je einen langen Brief voll tiefsinniger Philosophie, Junghegelianismus mit Katholizismus vermengt. Wenn die braven Empfänger überhaupt etwas davon verstanden, mußte es auf sie ungefähr so wirken, wie der Brief von Stahl, in dem er den Eltern den Entschluß ankündigte, zum Christentum überzutreten. Mayer sagt: „Von der Religion seiner Vater hat sich zwar Lassalle äußerlich niemals formell getrennt. Im Innern entfremdete er sich ihr schon als Student, je tiefer er sich in Hegel versenkte." Aber welcher aufgeweckte Jüngling hat nicht solche religiösen Krisen dnrchgemacht? Abgesehen davon, daß derartige Krisen vorübergehend sind, gibt es ja auch noch eine jüdische Gemeinschaft, und der Gemeinschaft ist jeder unverkünstelte, gerade Mensch verpflichtet, einerlei, ob sein religiöses Bewußtsein momentan beruhigt ist oder nicht. Die jüdische Gemeinschaft stand aber damals im Innern und nach außen hin in tiefen, schweren, furchtbaren Entwicklungskämpsen, die an sich das Interesse eines so hohen Geistes hatten fesseln müssen. Bei Lassalle dagegen bricht gerade hier jedes indische Interesse vollkommen ab, um nie wieder auszutauchen. Nicht der leiseste Anklang, nicht die entfernteste Reminiszenz an Jüdisches in irgend einem Sinne erscheint fortab in der ganzen so überaus reichhaltigen und alle Gebiete des aeistigen und politischen Lebens der Zeit umfassenden Briefsammlung. In Berlin der vierziger Jahre gründeten Christen Vereine zur Erkämpfung der Gleichberechtigung für ihre iüdischen Mitbürger. In Lasialles Briefen findet man nicht die geringste Anspielung auf diese Dinge. Lehrreich ist da die hochbedeutsame Korrespondenz mit Marx, die den ganzen dritten Band füllt, eine unerschöpfliche Fundgrube, nicht nur für die politische und soziale, sondern auch für die Personengcschichte jener Zeit. Männer wie Lord M a c a u la y und Robert Owen führten gerade damals in England einen zähen Kamps für die Emanzipation der Juden, aber außer einer gehässigen Erwähnung „ästhetischer Jüdinnen" in einem Briefe von Marx findet sich in der ganzen Korrespondenz auch nicht ein einziges Wort, welches darauf schließen ließe, daß es überhaupt Juden in der Welt gab. Wer es sonst nicht wüßte, könnte ans diesen Briefen niemals auf die Idee kommen, daß die Schreiber in irgend einem Zusammenhang mit dieser Mcnschcnkategorie stehen. Der exklusive Berliner Kreis, in dem Lassalle verkehrte, war aber auch etwas eigenartig. Lassallcs Intimus. Arnold Mendelssohn, will sich, gleich dem Freund, dem Studium der Philosophie widmen und bittet zu diesem Behuf seinen Onkel, den GroßbanLicr Joseph M e n d e l S s o h n um ein Darlehen. Tie Bitte wird abgeschlagen mit der Begründung: „Lassalle ist ein vermögender junger Mann, er kann tun und sich beschäftigen auf jede ihm beliebende Werse, und ihm behagt das Grübeln in übersinnliche Kenntnisse, in Philosophie. Tu weißt, wie ich ganz uuphilosophischer Geist diese abstrakte Philosophie ansehe. Ich halte sie für nichts anderes, als ein geistiges Spiel, etwas besser, als Kartenoöcr Schachspiel, womit man aber keinen Hund aus dem Ofen lockt." Der so spricht, ist der älteste Sohn der Philosophen Moses Mendelsiobn. Und doch war der Mann nicht ohne literarische Interessen. Im Jahre 1840 gab er ein Heftchen heraus unter dem Titel: „Bericht über Rvsettis Ideen zn einer neuen Erläuterung des Dante und der Dichter sein^x Zeit," also eine Art Superkommentar über Dante. Hrjt obigen paar Zeilen beleuchten das Verhalten der Nachkommen Mendelssohns besser als zehn Bände Psychologie: sie haben von ihrem Vater alles andere geerbt, nur nichts von seinem Geist. . . In die Leere, die das schließlich vollständig erloschene Interesse für das Judentum in Lasialles Geiste ließ, zog eine tiefe Abneigung gegen eben dieses Judentum ein, so daß er am Ende schreiben konnte: „Zwei Dinge auf der Welt kann ich nicht leiden: Juden und Literaten, und doch bin ich beides." Oder: „Ich liebe die Inden durchaus nicht, ia im allgemeinen verabscheue ich sie. Ich sehe in ihnen nur die entarteten Söhne einer großen, aber längst entschwundenen Vergangenheit. Diese Leute haben während der in der Sklaverei verbrachten Jahrhunderte auch die Eigenschaften der Sklaven angenommen, und deshalb bin ich ihnen äußerst ungünstig." Sachlich ist dieses Urteil vollkommen gleichgültig, bezeichnend ist bloß, daß Lassalle hier von den Juden spricht, als wären das vollkommen fremde Leute, die auf einem anderen Planeten wohnten. Sollte nicht gerade das die Sklaveneigenschaft sein, die Lassalle unbewußt an sich selber fühlte und um deren Willen er seine Abstammung io schmerzlich empfand, daß er sie haßte? . . . Jedes der beiden Bücher enthält eine Fülle anziehender Schilderungen aus Lasialles persönlichem Leben, seinem Umgang mit bedeutenden Menschen lHumboldt. Bismarck u. a.). und sic illustrieren die faszinierende Wirkung seiner Persönlichkeit auf Einzelne und auf Massen. Ueberall tritt der in seder Beziehung außerordentliche Mensch an den Tag. Und bei Menschen dieser Art ist es immer schwer zu präzisieren, was an ihrer Lichtwie an ihrer Schattensiete bald, und er konnte von sich sagen: „nihil iudaei a me angehört. dem sie entsprossen. Eines aber ist sicher: Lassalle verdankt sein physisches wie sein geistiges Wesen seiner iüdischen Abstammung, alle Seiten seiner Begabung und seines Temperamentes, wie ieder Tropfen seines Blutes und jede Faser seiner Muskeln kommen von der jüdischen „Rasse" her. Aber Begabung ist nur der Stoff, dem das Leben, die Umgebung und Erziehung Form und Richtung gibt, das Gefäß, welches erst mit Inhalt gefüllt wird. Form, Richtung und Inhalt waren bei Lassalle durch das deutsche Leben, die deutsche Philosophie, die deutsche Politik, die deutschen Interessen bestimmt. Der leise, blasse Anhauch von Jüdischem, den seine Herkunft mit sich brachte, verdunstete bald, und erkonnte von sich sagen: „nihil judaei a me non alienum puto." Sein Grabstein auf dem Breslauer jüdischen Friedhof trägt die Inschrift: „Hier ruht was sterblich war an Ferdinand Lassalle." Ein Fingerhut würde ausreichen, um in ihn alles einzupacken, was jüdisch war an Ferdinand Lassalle. B. W. Segel. ra tmm Das Herz. Bon F. K v r t, Leiter des künstlichen Höherisonnenbades „Aktis". Es ist noch gar nickt lange her. daß die medizinische Wissenschaft den Herzkrankheiten hilflos gegenüberstanö. An das Herz konnte man nicht heran, und die starken Gifte (Digitalis usw.). die man berechtigterweise gebrauchte und noch gebraucht, um Herzkrisen bei schweren Erkrankungen (Grippe. Lungenentzündung usw.) zn begegnen, können als Heilmittel nicht bezeichnet werden. Das hat sich glücklicherweise alles geändert, besonders durch die glänzenden Erfahrungen mit den , elektrophysikalischen Heilmethoden. Selbst - die hartnäckigsten, jahrelang bestechenden : Herzkrankheiten können schnell gebessert und geheilt werden, besonders durch die noch viel zu wenig angewandte Diathermie, das sind hochfrequente Ströme, die sich im Körper in Wärme verwandeln. Ich kann alw durch entsprechende Anordnung der Elektroden vollständig schmerzlos das Herz direkt behandeln und dadurch in verhältnismäßig wenig Sitzungen diese wunderbaren Erfolge erzielen. Ebenso wie bei dem Herzen sind die Erfolge der Diathermie auch bei den übrigen inneren Organen. Leber. Nieren, Galle. Magen, Blase. Milz usw.. besonders aber bei Unterleibskrankheiten der Frauen, worauf ick noch in späteren Artikeln zurückkomme. Ich kann die zahlreichen Herzkrankheiten, bei denen Diathermie mit großem Erfolge angewandt wird Hier nicht alle aufzählen. Selbst der HerzklapipewfeHler gehört dazu, auch wenn er schon iahrelana bestanden hat. Ein zweites Spezifikum ist die Herzbehandlung nach Professor Rumpf, die auch oft in kurzer Zeit die schwersten Herzkrankheiten geheilt hat. Aber wenn durch diese Heilmethoden die Herzkrankheiten jetzt verhältnismäßig leicht zu heilen sind und Herzkranke sich nicht mehr als Todeskandidaten zu betrachten brauchen, so soll man dock auf tem Herz mehr achten und die Heilung nicht auf die lange Bank schieben, denn Herzkrankheiten wirken oft verheerend auf den ganzen Organismus. Auch akute Krankheiten. Grippe, Lungenentzündung und andere, werden erst gefährlich, wenn das Herz nicht intakt oder auch nur zu schwach ist. Man warte nicht, bis der erste Schlaganfall einge- Ireten ist. Stiche in der Herzgegend, unregelmäßiger Puls, zu schnell oder zu langsam, zu hart oder fast unmerklich, AuSsetzen des Pulses. Angstznsiände. Schwindelanfälle usw. sind Warnungssigriaje, Man muß etwas für sein Herz oder das seiner Kinder (denn auch hei diesen treten schon oft Herzkrankheiten ans) tim. Man muß das Herz untrsucken lassen, was ia mit gerinnen Kosten verknüpft ist. Besonders die vollständig gefahrlose Herzdurchleuchtuua mittels Röntgenstrahlen zeigt dem Arzt ans den ersten Blick das Herz in seiner Funktion, seiner Lage, seiner Größe usw. Die Untersuchungen und Röntgendurchleuchtungen durch einen Facharzt, der im Herzheilbad Nauheim besondere Erfahrungen gesammelt hat finden jetzt wieder werktäglich 10—1 und 4—7 Sonnabends 10—1 Uhr. statt. Um nicht irre zu geben .beachte man genau Höhensonnenbaö ,-Aktis", Belleallianeeplatz Nr. 6a (Fernsprecher: Dönhoff 4438).