Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 46 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach -er bedeutungsvollen Rede LeS Herrn PincuS, die für die Konservativen vernichtend war. vermag die Diskussion wesentllich Neues nicht mehr zu bringen. Nur einmal wirds noch tnterssfant. Als nämlich der konservative Herr Goldschmiüt ausführt: .„Kaschrnth-Beträge dürfen nicht von der KapitalSnot abhängig gemacht werden." Als kürzlich die dringend notwendige Errichtung einer liberalen «Synagoge im Osten gefordert wurde, da glaubte ein Führer der konservativen Reyräsentantensraktion. für einen solchen Zweck sei kein Geld vorhanden. Das Ergebnis der Beratung war der folgende Beschluß. der mit grober Mehrheit gefaßt wurde: „Der Gemeindevorstand wirersucht, den Beschluß -es Kuratoriums der Altersversorgungsanstalt dahin einzuschränken, daß das Kontrollrecht der Kaschruth- Komission an den Zimmern der Insassen endet." * Besonders unangenehm war es den Konservativen, daß die jüdisch-liberale Zeitung" die breite Oeffentlichkeit auf die vom Standpunkt religiöser Gewissensfreiheit und Toleranz unglaublichen Zustände in den AlterSversargungSanstalten hingewiesen hat. Das klang aus allen Reden der Goldschmidt. Loeb und Genossen wieder. , . Eines ihrer Organe, das jüdische Wochenblatt, sagt in einem „Liberale Empfindlichkeit" überschriebenen Artikel, der eine Antwort auf unsere Enthüllungen über die ..segensreiche" Tätigkeit der Kai'chruth-Koinmission sein soll, aber nicht ist: „Es ist die Nemesis des Liberalismus, -aß er sich selber zerstört." Nemesis? Bon Wahl zu Wahl hat der jüdisch-religiöse Liberalismus größere Erfolge errungen. Gottesdienst in den Kur- und Erholungsorten. Bon Prof. Dr. Eugen Wölbe. ES ist ein erfreuliches Kennzeichen aller religiös einge. stellten Parteien im Judentum der Gegenwart, daß sie der betrübenden Gleichgültigkeit steuern und den religiösen Sinn im Geiste unserer Alivorderen neu beleben wollen. Eine solche Erweckung tut bitter not: es scheint, als lassen Abwehrkämpfe gegen judenfetnöliche Angriffe, Parteistreitig, ketten in unserer eigenen Mitte und nicht zum wenigsten wirtschaftliche Nöte den Sinn für religiöses Leben im Tempel und im Hause nicht aufkommen. Und doch: wer ernst, hast will, wer Heimweh empfindet nach dem Hause und der Nähe Gottes, der findet auch am Sabbat — mitten in der Berufsarbeit — ein Stündchen Zeit zum Besuch des Gottesdienstes. Ganz unzweifelhaft würden auch SabbatgotteSdienste am Sonntag nur eine sehr geringe Besucherzahl aufweiseu! Die lieben Glanbensbrüder würden nach etwai. ger Einführung des Sonntagsgottesdienstes entrüstet nach dem Sabbatgottesdieust verlangen — Ausreden, nichts als Ausreden, um ihre Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit zu entschuldigen. Im Kur- und Erholungsort können sie kaum etne Ausrede Vorbringen. Wenn also in diesen ein feierlicher Gottes, dienst am Freitagabend und am Sabbatmorgen stattfindet, so liegt die Möglichkeit vor. auf eine große Anzahl religiös gleichgültiger Juden seelsorgerisch einznwirken. Unzweifelhaft gestehen dann viele ein: „Schade, warum gehen wir eigentlich in der Heimat nicht mal in den Tempel? Wenn wir wollen, finden wir auch die Zeit dazu'." . Es ist anzunehmeni daß sich künftig Männer — und Krauen — finden werden, die sich für die Veranstaltung von Gottesdiensten in den Kur- und Erholungsorten interessieren. Eine Schwierigkeit bietet -rscheinbar — die Saals.r a ge. ' Naturgemäß kommt zunächst die rituelle Speisewtrtschaft in Betracht. Freilich sind die betr. Räume fast immer bereits von der Orthodoxie belegt. Wo dies nicht der Fall ist, beweist der jüdische Hotelbesitzer auch nicht immer ein besonderes Entgegenkommen, wenn es sich um die Veranstaltung eines feierlichen Gottesdienstes — also nicht bloß um die Zusammenfassung von orthodox gerichteten Glaubensgenossen zwecks Hersagnng von Gebeten — bandelt. Ein Beispiel hierfür ist das Ostseebad Arendsee. Hier traten mt abgelanfenen Sommer religiös gerichtete Berliner Herren an den gleichfalls zur Erholung anwesenden Oberkantor einer mitteldeutschen Gemeinde mit der Bitte um Veranstaltung eines „schönen" -- ü. h. liberalen — Gottesdienstes heran. Seit, dem 1. Mai befindet sich liier ein rituelles Sveisehaus, obwohl Arendsee bis dahin sehr viele Juden — namentlich solche aus dem Osten! — zu seinen Gästen zählte. Der Speisewirt stellte nicht etwa seinen Speisesaal — in welchem rnn ^9 Uhr abends kaum jemand mehr fefne Mahlzeit einnimmt — zur Verfügung, sondern das Wohn, und Schlafzimmer eines Gastes! AlS Lltarleuchter dienten zwei Selterwasserflaschen, obwohl die SaLballenchter unten in einer Ecke des SyeisesaaleS standen. Die Sabbatlichter, die bereits zur Hälfte heruntergebrannt waren, tropften gemütlich auf den Tisch — Nachttisch? — herab. Der Herr Wirt entschuldigte sein Fernbleiben von dem Gottesdienste mit der Begründung: „Ich muß auf neu ankommende Gäste warten!" Trotz deö Ekels, den dieser Chillat haschem in einem rituell sein wollenden Speisehause in allen Anwesenden hervorrief, betete der Oberkantor mit größter Andacht vor, um wenigstens innerlich dem heiligen Sabbatabend feine Würde zu wahren. Daß der fromme Wirt nachher ein paar nicht gerade schmeichelhafte Worte zu hören bekam, kann man sich vorstellen! In der darauf folgenden Woche war Tischu b'Aw. Trotz der großen Demütigung, welche der Herr Wirt dem Oberkantor und seinen Gottesdienstbesuchern bereitet hatte, räumte er diesmal für die inzwischen stattlich angewachsene Gemeinde seinen Gpetsesaäl ein, und zwar nicht nur am Vorabend, sondern auch am anderen Morgen zum SchachariS. Dem Speisewtrt, der im Hause dringend beschäftigt war, dauerte anscheinend die Benutzung seines Saales zu lange: gegen Schluß des durchaus würdig und weihevoll verlaufenen Gottesdienstes steckte er halb neugierig, halb ergrimmt seinen Kopf durch dje Tür. Die letzte Zionidc saug der Oberkantor — wie er bekennt — nicht bloß in Erinnerung an das „Chorban bes nnkdosch". nein, i ine Trauerweise durchzitterte ein Klageruf über dies „rituelle", d. h. religiöse (?!) Speisehaus. Mir könnte eine solche Verletzung heiligster Empfindungen nicht passieren. Wenn nicht an dem Erholungs- oder Kurorte, wo ich — so Gott will — wieder einmal Gottesdienste in den Sommerferien halten werde, ein jüdisches Landheim sich befindet, so wende ich mich niemals an den jüdischen Restaurateur, sondern an die Kurdirektion. Ihrer Vermittlung wird es unzweifelhaft gelingen, den Festsaal der während der Ferien unbenutzten Ortsschule zu Gottesdienstzwecken zu bekommen. Ist hier kein geeigneter Raum vorhanden, so bitte ich den ersten besten Hotelbesitzer — und nicht nur ein Saal, sondern auch dessen würdige Ausschmückung ist mir sicher! Für Beleuchtung und andere Unkosten kann nach dem Gottesdienst eine kleine Kollekte veranstaltet werden. Daö Wünschenswerte ist natürlich der Bau eines kleinen Betsaals. Oberkantor Lewandowski vom Berliner „Friedenstempel" hat z. B. im Sommer 1624 in Kudowa zugunsten einer dort zu errichtenden jüdischen Anüachtsstätte ein Konzert veranstaltet und hierdurch bereits einen Grundstock geschaffen. Ist in dem vielbesuchten Heringsdorf — so möchte man fragen — niemals ein jüdischer Kurgast, namentlich ein Rabbiner, auf den Gedanken gekommen, die Glaubensgenossen, zum mindesten die Jugend — zu feierlichen Gottesdiensten zu vereinigen? Längst müßte dies Seebad regelmäßige, feierliche Sabbatgottesdienste ausweisen! In Schreiberbau veranstaltete ein namhafter jüdischer Gelehrter in der Vorkriegszeit einmal an den Hohen Feiertagen eindrucksvolle Gottesdienste, ohne daß die fromme Mühewaltung den Erfolg seines Erholungsaufenthaltes beeinträchtigte. Die Bewegung zugunsten jüdischer Gottesdienste in den Kur- und Erholungsorten ist in Fluß gekommen: sie darf nicht mehr abebben! Die Juden in Spanien. - Bon Ell. Mich! Michlin. Unlängst las ich einen Artikel unter dem Titel: Sind noch Juden in Spanien ansässig? Ich möchte deswegen eine interessante Geschichte wiedergeben. die dem „Chacham Boschs" von Kairo, dem Gaon Rabbi Raphael Aharon ben Schimeon passiert ist und die er mir selbst erzählt bat. Der C hoch am Baschi ist einst nach Marokko gefahren. Ans dem Dampfer traf er zwei icfardische und einen gschkenasen Rabbiner, die auch nach Nordafrika reisten. Sie schlossen Freundschaft miteinander und beschlossen, die Reise gemeinsam zu machen. Als sie nach der spanischen Stadt Kahis kamen, wo das Schiff mehr als 24 Stunden Aufenthalt hatte, beschlossen die vier Rabbiner nach der Stadt zu gehen, um sie zu besichtigen. Die Stadt war sehr schön, mit breiten Straßen und großen Geschäftshäusern. Sie gingen in ein i Silbermarenmagaziu hinein, wo der Chacham Baschi einige! Gegenstände kaufen wollte: ein Teelöfselchcn und eine Laoarsoose. Da ahnen die Preise zu hoch erschiene», ver« ließen sie das Geschäft und gingen weiter. Inzwischen! merkten sie, daß Ser askenaser Rabbiner verschwunden war. Sie erschraken und glaubten, in dieser fremden Stadt könne ihm etwas passiert sein. Sie suchten ihn in allen Straßen und fanden ihn nicht. AIS sie einem Polizisten begegnete» und ihm den Fall in französischer Sprache erzählten, beruhigte er sie und meinte, daß der Rabbiner sich gewiß, nicht zurecht fand und nach dem Schiff zurückkehren werde, wo ne ihn finden würden. Alt sie zum Schiff kamen, war er auch dort nicht. Sie wurden unruhig, da das Schiff ganz früh abfahren sollte. Sie gingen nach der Stadt zurück und trafen ihn unterwegs in Begleitung eines Priesters auf dem Wege sum Schiff. Sie waren sehr froh, ihn wieöergefunden zu haben. Als sie fragten, wohin er verschwunden gewesen sei, erzählte er folgende-: „Als Ihr nach dem Silberwarengeschäft gegangen seid, versuchte ich, ein wenig weiter zu gehen. Als ich unterwegs war. traf ich den Priester, der mich soeben zum Schiff gebracht bat. und sah mir tief in die Augen. Dann sagte er in Hebräisch zu mir: Schalom Jehudi? Ja, antwortete ich. Dann bat mich -er Priester, mit ihm nach Hause zu gehen, er habe mir etwawichtiges zu sagen. Ich zögerte, mit dem Priester zu gehen in so einer wildfremden Stadt und wußte nicht, was ich machen sollte. Der Priester merkte dies und gab mir recht. Er rief sofort einen Polizisten und sagte ihm. daß er mit mir etwas Wichtiges zu besprechen habe, baß ich mich weigere mit ihm zu gehen. Er bat den Polizisten seinen Namen, Straße und Hausnummer zu notieren und betonte, daß er sich verpflichte, mich nach einigen Stunden wieder zum Schiss zu bringen. Die Geschichte wurde sehr interessant für mich. Ich ließ mich von dem Priester führen. Wir gingen durch viele Straßen und alles waS ich wissen wollte, was uns begegnete, erklärte er mir in hebräischer Sprache. Endlich kamen wir in sein Haus. Dort waren die Zimmer, wie bei allen katholischen Priestern, mit heiligen Lämpchen und Bildern geschmückt. Der Priester führte mich von einem in das andere, Zimmer, bis wir zu einem großen verschlossenen Zimmer kamen, in das wir bineingingen und das der Priester wieder von innen zuschloß. Dort sah man keine Bilder. Der Priester nahm ein Taleth und Teffilen. sowie einen Sydar heraus, er schloß einen schönen Schrank auf. in dem sich eine Unmenge jüdischer Schriften und Werke befanden. Der Priester erklärte mir. daß er selbst von den Maranen stamme und er und seine Familie wahrhafte Juden seien: sie führten ein jüdisches Leben, essen kein trejfe. sondern lebe» vegetarisch. Er bete jeden Tag: in der Jugend habe er einen sepharöischen Juden als Lehrer gehabt, der mit ihm Talmud und andere jüdische Wissenschaften studierte. Er freute sich, wieder einmal Gelegenheit zu haben, mit einem Rabbiner über jüdische Dinge sprechen zu können. Für die Außenwelt sei er katholischer Priester, denn durch verschiedene Familienangelegenheiten muß er geheim halten, daß er Jude ist. Sein Herz jedoch reiße und ziehe ihn davon. Er möchte dorthin ziehen, wo das jüdische Leben pulsiert. Er erzählte, daß in Spanien viele solcher unglücklicher Wesen leben, die im tiefen Herzen wahre Juden sind. Auch sind solche darunter, die die jüdische Lehre aus der Original-Quelle studieren. Nur für die Außenwelt sind sie fromme Katholiken. Nachher führte er mich zum Schiff. Unterwegs wurde ich ln das SÜber- Warengeschäft geführt, der Priester sagte mir ins Ohr, daß der Besitzer des Geschäftes im Geheimen ein sehr frommer Jude sei." So erfuhren die Rabbiner, daß sich in Spanien viele solcher Juden befinden. Außerdem haben wir seht in Spanien viele neueingewunderte Juden. In Madrid leben über 100 jüdische Familien. Der reichste Jude unter ihnen ist Ignaz Bauern der viel .Geld für jüdische Zwecke spendet. In Bareelöü« leben auch 700 jüdische Familien, doch viele sind dort nickst ansässig, sondern kommen nur für eine gewisse Zeit bin, bis sie ihre Geschäfte erledigt haben. Auch in Sevilla find?» wir eine Anzahl eingewanderter Inden. In Toledo leben etwa 15 jüdische Familien, auch in anderen Städten finden wir eine gewisse Zahl Juden. Spanien bemüht sich, damit die Juden wieder hinkommen. Zu diesem Zweck Haben die Spanier Agitatoren nach Saloniki, Jsmir und nach anderen Städten geschickt, wo sich viele spanisch sprechende Juden aufhalten. um sie zu bewegen. nach Spanien einzuwandern, wo sie mit offenen Armerr^ empfangen werden. Spanien möchte gern seine alten Sünden den Inden gegenüber gut machen, die dort vor 4M Jahren gegen die Inden begangen wurden. Doch hat ihre Werbung bis heute noch kein starkes Echo untev den Juden gefunden. Deutsch L. Wolfs. WCTMHBPWMHWIHtaMPjMUBKaflbCSESWBilBMKWHHBBHBMflaHBBMO Jüdische Bücher. Adolph Donath, der ausgezeichnete Kunstwanderer. hat schon wiederholt darauf hingewiesen, wie großer Teilnahme sich Las schöne Buch erfreut, wie anziehend sich jetzt die Preise aus diesem Markt gestaltet haben. Nimmt man noch das seit Jahren in anfsteigender Kurve sich bewegende Interesse für alles Jüdische hinzu, so muß eine Versteigerung schöner jüdischer Bücher einen besonders großen Erfolg erzielen. Daß dem nicht so ist. hat die Bcrsteigeruna der Bibliothek Ludwig Schwarz ergeben, die Ende Oktober bei Paul Graupe in Berlin stattgefnnden bat. Der rührige und hervorragend sachverständige Versteigerer Graupe bat mir zwar die Preise als sehr gute bezeichnet. Demgegenüber kann ich nicht verhehlen, daß mich der Bersteigerungserlös. soweit er Jrrdaica betrifft, erschreckt hat. Dabei ist es gleichgültia. ob man die Preise für Religiöses. Zionistisches oder Belletristik, für Antisemitismus oder jüdische Geschichte ins Auge faßt. Immer isi weniger oder kaum mehr als der ohnehin vorsichtige Schähungsprets erzielt worden: Antiauariats- und Bücherwagenwerte. Wo hohe Preise ansfallen. liegen sie unter 100 Reichsmark und unter dem Schätzungswert. Dabei handelt es sich fast durchweg nm Bücher, die schon äußerlich eine Augenweide und Sehnsucht jedes Bücherliebhabers waren. Und das Gesuchte ist nickt einmal als eigentlich jüdisch zu bezeichnen: Bassinet's ..Histoire 5acrse". Kirchner .jüdisches Ceremo» Niel" von 1724. Bcrruycrs „blirioire cku Leuvle cke Oieu". Wie kann mau cS verstehen, daß Manasieh ben JnaelS „Fünf Böcher der Thora". ein Amsterdamer Druck aus dem Jahre 1631, nur 46 Reichsmark, eine in rot Halbnvaroauin gebundene, handsignierte Hagada mit mehreren wundervollen andern zusammen 13 Reichsmark. Hundt von Raöowskus antisemitische „Judenschnle" smit Widmung an Barv» Rothschild) 14 Reichsmark. KohutS nickt erhältliches Werk .gerühmte israelitische Männer und Frauen" 36 ReickSmark. ein süddeutsches Memvirbuch ans Pergament 40 Reichsmark. Puinis „Sefer bechmas auloml (Ferrara 1551). modern umgebunden, nur 85 Reichsmark brachten? Für ein Butterbrot gingen kaum wieder vorkomwende unschätzbare Sammlungen antisemitischer, rassischer, bibelwissenschaftlicher Broschüren aus einem Jahrhundert «ea: darunter Schriften von Hundt. Stöcker. Lippert. Decken. Meister Lerrm-Beanlieu, Zittel. Laible. Delitzsch. Lazarus. Rohling. Dührinq. Renan. Für 10—20 Reichsmark bekam man eine solche Sammlung, darunter mindestens fünf literarische Leckerbissen. Zu minderwertigen Preisen wurde die Sammelarbeit eines Menschenalters. 200 Nummern Judaica unter insgesamt 1(500, in alle Winde zerstreut. Tie Sammlung von Ludwig Sckwarz umfaßte weit über 1000 jüdische Bücher. Er sammelte bereits lange vor dem Kriege, war unter Sammlern bekannt als ein Mann von Haltung. Seine jüdische Bibliothek spricht aegen ihn. Ta ist zuviel Marktgängiges. Weite Partien unaufgeschnitten. also nur äußerlich Aufgespeichertes, gesammelt zum Ansehen. Und dann die Zusammenkopplungen. die großenteils jedes literarische und jüdische Verständnis vermissen lasten. Das Buch als Ware. Wirkt immer abstoßend. Zum Teil erklärt's die niedrigen Preise. Eine falsche Umbindung vernichtet das Wertige. Erfreulich ist an dem Ergebnis dieser Versteigerung, daß man für wenig Geld prachtvolle GeisteSlabe. Vermittler jüdischer Vertiefung erwerben kann. In hohem Grade bedauerlich: eine wirtschaftliche Depression, die die Buchliebhaberei vernichtet, weil sie uns nicht mehr gestattet, lumpigen Schein in geistiges Sein umzutauschen. Dr. Brlho Laserstcin. Ausstellung jüdischer Malerei in Breslau. Die Breslauer U. O. B. B.-Logen veranstalteten in der Lessingloge eine „Ausstellung von Werken jüdischer Künstler BreSlaus und SonderauSstellung von Blum-Jerusalem", die treffend das Schaffen und Wirken der jungen und jüngsten Kräfte auf dem Gebiete der Malerei im Rahmen des Judentums kennzeichnet: allerdings, ein spezifisch jüdisches Gepräge läßt sich nur bei wenigen der ausgestellten Werke konstatieren, fast alle tragen sie den Stempel moderner Kunstrichtung. Und doch füllt es schwer, die einzelnen Gemäs-e in eine von diesen modernen Richtungen einznfügeu, der Uebergang dominiert im allgemeinen, suchend und tastend bewegen sich die Künstler in den'Gefilden des Jm- und Expressionismus. wobei naturgemäß oft auck der scheinbar Sicherste strauchelt. Unter den Jüngeren nimmt eine bevorzugte Stellung Ludwig Blum-Jerusalem ein: er hat sich mit Glück von ben Fesseln einer bestimmten Richtung freigemacht, hat sich einen eigenen Ausdruck geschaffen, den er überall anwendet. meist zugunsten des GesamteindrnckS. Was besonders an ihm erfreut, ist eine kolossale Frische und Munterkeit der Farbengebung, die auck dann noch gefällt, wenn man daS sichere Gefühl bat. hier entspricht die Buntheit nickt der Wirklichrett. Nicht immer gelingt ihm Sie weit angelegte Großartigkeit, die man in der „Sicht vom Oelberg" oder dem „Panoram-a von Tiberias" findet, dann kommt er Liebermannscher Ausdrucksknnst sehr nahe, und selbst seine verworrenen Bilder wissen dem Beschauer etwas zu sagen. Sein Eharakterkopf „Alter Fellache" ist eben so ein Prachtstück der Ausstellung wie „Aus Cäsarea" vorbildlich für satte Farbcnharmonic. — In Isidor Aschüeim und Heinrich Tischler begegnen wir zwei Vertretern eines lebensfähigen Expressionismus. beide zeigen eine besondere Stärke im Porträt: Asch heims „Franenbildnis" und Tischlers „Dopyelbilöms" sind, wenn auch in der Art verschieden, Marksteine einer kräftigen Entwicklung. Daß sie beide zuweilen in schwer verständliche Extreme verfallen. — übrigens findet man dies bei fast allen Modernen — muß man der verwirrten Zeit des Uebergang-eS zugute halten. So verraten Aschheims „Segelboote" und Tischlers „Rummelplatz" starke Empfindung. der die Künstler durch einen zu sehr betonten Ausdruck gereckt zu werden suchen. — Bewußtes Gefühl offenbaren die Porrräts von Hennv FuchS-Freud. während ihr „Stilleben" nichtssagend wirkt. — Käte Marcus-Evhrai m läßt in ihren Pariser Bildern große Sorgfalt erkennen, ihre Kindervorträts stehen durch große Lebendigkeit weit über dem Durchschnitt, das „Paar aus Paris" enthält alles, was man unter dem Begriff dieses Sündenbabels versteht. Toni Burgheim erlaubt mit zwei Stilleben keinen Schluß auf sonstiges Können oder Nichtkönnen, während Käte Bernhard die ersten Schritte einer erfreulichen Entwicklung bereits hinter sich hat und am besten als Vertreterin des Ucberganges bezeichnet wird, die mit einer ge, wissen Abgeklärtheit bald hier bald dort ihre Formen her. nimmt, um Gedanken von einfacher Natürlichkeit zu beleben. — Margot Abraham. Willn Braun und Paula Grünseid besitzen im allgemeinen gute Gedanken, die sie auch verecnzelt entsprechend auszuführen wissen, wie z. B. Braun seine Porträts, aber nur vereinzelt: die Mehrheit der Werke ist von einer primitiven Unverständlichkeit und wirkt aus das Auge geradezu phnsisch schmerzhaft. — Noch tragischer zeigt sich dieser Umstand Lei Jakob Kon. prächtige Gedanken werden durch widernatürliche, oft anS Kubistische anklingen-4 Fermen entstellt, wenn man auch noch die Hoffnung begen kann, daß sich diese Sturm- und Dranaveriode allmählich legt: überhaupt nicht diskutabel sind die Bilder von Schulsinger . sie muten wie erste Gehversuche einekleinen Kindes an. — Bei Siegfried Lab o schin erübrigt sick jeder Urteil immer aufs neue beweist er daS Genie des MalorS des Lebens, vereinigt er in sich anfS Glücklichste Dboma und Licbrrmann, wobei ihm als Thomanachetferer Fritz Jaeo* bow itz sehr nahe kommt, der sich leider oft in allzu pein-