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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-11-13 · 46 (13.11.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
46 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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<5. Jahrgang Nummer 46 mm C m, 2. Vellage 13. November 1925 Die jüdische Gegenwart Vom Preutzischen Landesverband. Der ständige Ausschuß Les Preutzischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden trat am Sonntag, den 8. November 1925, m einer Tagung zusammen, die der des engeren Rates parallel lies. Herr Kammergerichtsrat Wolf als Präsident des Rates erstattete ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Verbandes in der Zwischenzeit. Aus dem Bericht ergab sich, datz sowohl in der großen Frage der Staatsbeihilfe wie in zahlreichen -ie Bundesgemeinden betreffenden Einzelfragen lSteuer- und Rechtsberatung. Zuweisung von Kultusbeamten. nstv.j eine sehr erhebliche Arbeit geleiftet worden ist. Allgemein wurde das Bedauern darüber geäußert, datz die jüdische Oeffentlichkeit. insbesondere die jüdische Presse, über diese Landesoerbandstätigkeit nicht ausreichend informiert werde, so datz im Lattde schon die Ueberzeugung Platz zu greifen drohe, als wenn der Landesverband überhaupt nicht arbeite. lieber die Einzelheiten des Berichtes entspann sich eine lebhafte Debatte, in die auch Herr Dr. Jsmar Freund wiederholt erngriff. Der Ausschuß setzte sodann eine Kommission von drei Herren ein lAssessor Dr. Lilienthal. Ministerialrat Badt und Rechtsanwalt Horvwitzl, um die Vorarbeiten für das künftige Jndengesetz zu schaffen, dessen Entwurf bekanntlich von der Berbandstagung dem ständigen Ausschuß in Gemeinschaft mit dem Rat übertragen worden ist. Weiter befaßte sich der ständige Ausschuß mit der Frage der Ausweisungen ausländischer Juden und nahm einstimmig eine Resolution an. die dem Rat schleuniges und energisches Vorgehen in dieser wichtigen Frage zur Pflicht macht. Endlich wurde der Rat aufgefordert, den ständigen Ausschuß selbst, aber auch die indische Oeffentlichkeit über die Geschäfte des Landesverbandes dauernd auf dem Laufenden zu halten. Des weiteren befaßte sich der Ausschuß noch mit einer ganzen Reihe organisatorischer Maßnahmen und vertagte sie schließlich. Er wird nach der demnächst statt findenden Tagung des großen Rates erneut zusammentreten, um zu den inzwischen getroffenen Beschlüssen des großen Rates Stellung zu nehmen. » «. « Krise im Rat des Landesverbandes. Wir erfahren nach Schluß der Redaktion: In der Sitzung des engeren Rates ist am Sonntag Herrn Dr. Freund das politische Dezernat übertragen worden. Hieraus hat Justizrat M a k o w e r - Berlin sofort sein Amt im Rat der Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und im Vorstand der Berliner indischen Gemeinde niedcrgelegt. Wir werden auf die bedenklichen Folgen des Beschlusses des Landesverbandes demnächst mit eingehendem Material zurückkommen. Wer nichts ist. Endlich ein Programm der Mittelpartci. Als am letzten Sonnabend die Breslauer Juden die Breslauer Zeitung zur Hand nahmen, bemächtigte sich ihrer großes Erstaunen. Im Inseratenteil bekannte sich nämkich die jüdische religiöse Mittelvartei endlich einmal zu einem Programm. Leider war es wieder einmal das Programm der Progammlosigkeit die Idee der jüdischen Null. Um die jüdische religiöse Mittelvartei bei ihrem Bestreben, in Breslau Mitglieder mit der Laterne zu suchen, zu unterstützen. veröffentlichen wir. zugleich zur Belustiguna der jüdisch-positiven Leser, das Inserat original-getreu. gatzüooconaaDcoconizHZKiHiiooaciociaoaco g Der »ich« «tthodor und nicht liberal ist, 3 g WnnWZionIfiundmchtWmlaiiM, ° □ Wer an der Begründung einer 6 jüdischen, religiösen Mittelvartei n Interesse hat. wolle seine Adresse □ unverbindlich unter A. M. 101 an die Brest. Ztg. mitteilen. cx^aoaazjoaanaaconnEioaiiDCHzocHiMiinacia Wir gehen sogar in unserer Hilfsbereitschaft für die Mittelpartei noch einen Schritt weiter. Hier ist das Jnsetai, das wir für die nächste Woche empfehlen, weil es noch Vesser jüdische Gedankenlosigkeit zu propagieren geeignet ist. pazHJQaaacioaaDazoDDaaaDaoaDaacooo § Wer nicht Fisch und nicht Fleisch ist. n n Der als Orthodoxer Schinken ißt, der ist das geborene Mitglied einer jüdisch-religiösen Mittelpartei. Er sende seine Adresse H unverbindlich unter L. F. 000 8 H an die Breslauer Zeitung. 6 iMao^oaanaaacaaoizoaaaocoiDnaaaoco „GRT" erhält 4 goldene Medaillen. Ende August wurde in Kischinew die erste allbessarabische Ausstellung eröffnet, um den ausländischen Besuchern die Erzeugnisse des fruchtbaren Bessarabien vor Augen zu führen. An der Ausstellung beteiligten sich an 1500 landwirtschaftliche und agrikulturelle Firmen, über 60 Regiernngsinstitutionen, 15 rumänische Fabriken und andere Anstalten. Das bessarabische Bezirkskomitee des „ORT" beschloß an der Ausstellung Anteil zu nehmen. In der „ORT"- Abteilnng für Agrikultur waren Wein- und Obstbau durch eine besondere Sektion vertreten. Es wurden ausgestellt: Aepfel, Birnen. Pflaumen, Trauben, Wein usw. in Begleitung von verschiedenen Tabellen und Plakaten. In der Sektion der Feldwirtschaft waren mannigfache Sämereien nebst Karten, Photos,raphien und Diagrammen zur Illustrierung der „Ort"-Ar1>eit auf diesem Gebiet ausgestellt. Ganz besonders zeichnete sich die Abteilung für berufliche Ausbildung aus. In einem speziellen Flügelbau konzentrierten sich die Exponate folgender Schulen: 1. der Schule für Tischlerei in Kischmew, 2. der Fachschule für Mädchen. 3. der Fachschule in Orhiew, 4. der Schule für mechanische Schosscrei in Bendery. Der moralische Erfolg dieser letzten Abteilung übertraf alle Erwartungen. Die ausgestellten,Ort"-Erzeugniffe aus allen Abteilungen ernteten den größten Erfolg. Laut dem Beschluß der von der Regierung eingesetzten Sachverständigen-Kommission erhielt die „Ort"-Gesellschast den höchsten Grad der Auszeichnung — vier goldene Medaillen nebst Zeugnissen. Äm 8. September wnrde die Ausstellung von der rumänischen königlichen Familie besucht, die nach Besichtigung der Sektion für Fachbildung dem Vorsitzenden des bessarabifchen ,/Ort", Herrn Ing. M. Gottlieb, ihre Zufriedenheit mit der Arbeit der „Ort"-Schulen aussprach. Biele Unternehmer wenden sich an die ,L>rt"-Schulen mit großen Bestellungen. So wurde der Schule für Tischlerei in Kischinew seitens einer Firma vorgeschlagen. 100 Schreibtische herzustellen. Fast sämtliche örtlichen Presseorgane äußerten sich sehr wohlwollend Wer die Arbeiten der „Ort"-Schulen. Ende Oktober fand die feierliche Verteilmrg der Prämien statt. Nach Zehntausenöen zahlende Menschenscharen strömten aus allen Enden des Landes herbei. Es kamen nach Kischinew auch Ministerpräsident Bratianu. Kriegsminister Woytajanu. Kultusminister Angelesku und Minister für Bessarabien Jnkulieff. Während der Prämienverteilung überreichte der bessarabische Gouverneur, General Radjanu, an die „Ort"- Bertreter 1000 Lei. die ihm der König als ein Geschenk für den ,Ört" zugeschickt hatte. JDrt" erhielt außerdem einen Vorschlag seitens der Universität zu Jassy, die Exponate der agronomischen „Ort"-Abteilunia dem Museum zur Verfügung zu stellen. Medaillen in Silber und Bronze erhielten auch viele jüdische Kolonisten aus Kolonien, in denen sich „Ort" betätigt. Die dem „Ort" zuteil gewordene Auszeichnung bei dem gegenwärtig in Rumänien herrschenden antisemitischen Kurs machte auf die jüdische Bevölkerung einen ganz besonders guten Eindruck. Eine stürmische Repräsenantensihung in Berlin. Am Donnerstag, den 5. November fand eine Sitzung der Repräsentantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde statt. Eine Fülle von Anträgen harrte der Erledigung. Fast sämtliche Repräsentanten und Vorstandsmitglieder waren erschienen. Es lag in der Luft, daß „ein großer Tag" bevorstand. Die Gemüter entluden sich auch gleich bei einem der ersten Beratunosgegenstände. Herr Dr. L i p p s ch i tz von der Liberalen Fraktion hatte eine Anfrage an den Gemeindevorstand gerichtet, nach welchen Gesichtspunkten die Beisetzung in der Ehrenreihe erfolge. Der Interpellant begründete seine Anfrage in durchaus sachlicher Weise, ohne einen Namen zn nennen. Darum fürchtete wohl Dr. Klee, der ewige Demagoge dieser Versammlung. daß die Angelegenheit nicht genug Staub aufwirbeln könnte. Und so fühlte er sich denn bemüßigt, ein Gcschützfeuer von Geschmacklosigkeiten auf die Versammlung loszulasien. wie es nie gehört wurde, solange in den Gemeindestuben nur von religiösen Gesichtspunkten geleitete Menschen saßen, und wie es glücklicherweise auch heute noch zu den Seltenheiten gehört. Er sprach von den Terrqinspekulationen derjenigen, die sich Erbbegräbnisse kaufen, bczeichnete Grabdenkmäler aus dem jüdischen Friedhof in Weißensee als Marmorbrüche und ging dann dazu über, fürchterlich Gericht über die in der Ehren reihe Begrabenen zu halten. Da marschierten sie der Reihe nach auf. die den jüdischen Namen auf den verschiedensten Gebieten der Kultur zu Ehre und Ansehen gebracht haben, die ihr Leben lang dem Judentum unverbrüchliche Treue bewahrt haben. Geschmacklosigkeiten gegenüber Lebenden genügen Herrn Tr. Klee jetzt nicht mehr. So glaubt er, die großen jüdischen Toten bespötteln zu müssen. Nun. wenn die Namen eines Staub und eines L e v y und eines K a r p e l e s noch der Nachwelt rühmlichst bekannt sein werden, wird man von Herrn Dr. Klee — vielleicht — noch wissen, daß er ein Bersammlungsrcöner der großen Worte gewesen ist. Das war allerdings Hugo P r e n tz nicht, der der Schöpfer der deutschen Reichsverfassung und des neudeutschcn Nationalstaates ist und der damit dem Judentum mehr genutzt hat, als ihm zehn zionistische Demagogen schaden konnten, lind weiß man nicht mehr, daß Hugo P r e u tz zu den Begründern des C. B. gehörte, daß er stets ein aufrechter, selbstbewußter Jude gewesen ist, der immer wieder seines Judentums wegen zurückgesetzt wurde? Hat man schon die stolzen Worte vergessen, mit denen er in unseren Kreisen die 'Eröffnung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden vor Tausenden begrüßte? Bei Herrn Dr. Klee gilt dies alles nicht. Er stellt sich über den toten Meister. Und hält ihn nicht für würdig, in der Ehrenreihe eines jüdischen Friedhofs begraben zn werden. Klee macht Preuß lächerlich. indem er ihn in Parallele zu B r e i t b a r t setzt, der in der Manege Eisenstangen bog und metallene Ketten zerbiß. Preuß hatte ja nur geistige Ketten zerrissen. Zum Geistigen fühlt sich der Geistige, zum Akrobaten der Gcistesatrobat hiugezogen. Klee beschimpft nicht nur die Toten in der Ehrenreihe, er erwirbt sich auch Freunde unter den Lebenden. Denen erkennt er schon vor dem Tode Plätze in der Ehrenreihe zu. Die Anfrage hatte bezweckt, Grundsätze für die Beisetzung in der Ehrenreihe zn schaffen. Man kann durchaus der Ansicht sein, datz die Institution der Ehren reihe abgeschasft werden sollte. Man kann auch der Ansicht sein, daß die Erbbegräbnisse dem sozialen Empfinden weiter Kreise der Gegenwart widersprechen. Und man kann auch die Auffassung Klees erörtern, daß in der Ehrenreihe eines jüdischen Friedhofs nur Persönlichkeiten beigesetzt werden sollen, die sich um jüdische Dinge besonders verdient gemacht haben. Der Spott aber mache Halt vor den Toren unserer jüdischen Friedhöfe! Man kann von ihnen nicht in einer Weise sprechen, datz der konservative Leiter der Sitzung, Herr Moritz A. Loeb, erst an die Würde der jüdischen Versammlung und des behandelnden Gegenstandes erinnern muß. Klee rührt das aber nicht. Er hat aus die Vorhaltungen des Vorsitzenden nur die Antwort: „$ ck spreche dann ernst, wenn I ch ernst sprechen will, und Ich spreche dann scherzhaft, wenn Ich scherzhaft sprechen will." * * Ernster war es. als die Finanzfrage zur Debatte stand. Das ist aber auch ein bitterernstes Kapitel. In 9 Monaten beträgt in der Berliner jüdischen Gemeinde das Steuerdezifit SA Millionen Mark. Deshalb hat die Gemeinde den am Anfang des Jahres vorhandenen Reservefonds von 600 000 M. verbraucht unbcreits einen hohen Bankkredit aufnohmen. müssen. Erhebliche Stenererhöhungen werden sich kaum vermeiden lassen. Dem Wohlfahrtsamt mangeln Mittel zur Abwendung dringendster Not. In jedem Monat müssen zahlreiche Gesuche abgelekmt werden, deren Dringlichkeit und Berechtigung man nicht leugnen kann. Zu ihrer Erfüllung fehlen 50 000 M. monatlich. Das alles ist aus der Not der Zeit begreiflich. Unbegreiflich aber ist es. wie man auf der einen Seite die Aufnahme weiterer Bankkredite ankündigen und auf der anderen Seite immer erneute Subventionen an Vereine gewähren kann. Diese Subventionen haben ein gewaltiges Matz erreicht. Das war noch angängig, solange die Finanzen der Gemeinde gesicherte waren. Jetzt aber, wo das Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde seine eigenen Aufgaben nicht mehr erfüllen kann, wo erhebliche neue Steuern in Aussicht stehen, wo der Etat der indischen Gemeinde zu Berlin nur mit Hilfe kostspieliger Kredite hilfsweise ausbalanciert werden kann, müssen alle Ausgaben sofort eingeschränkt werden. Man bestelle ein Mitglied des Gemeindevorstandes zum Svarkommissar und nehme bei allen Posten solche Restriktionen vor. datz heute übers Jahr dieser Etat wieder ausgeglichen ist und stille Reserven aufweist. * » * In Nummer 8 unserer Kettung hatten wir auf die skandalösen Übergriffe der KaschrirtL-KoMMission in den Altersversorgungsanstalten der jüdischen Gemeinde hinge« wiesen. Nunmehr befaßte sich die Repräsentantenversammlung mit den Vorkommnissen. Unser verehrter Gesinnungs, freund, Herr Emil Pincus. der ein Menschenalter lang unermüdlich im Ehrendienst dieser Anstalten tätig ist, hat den folgenden Antrag gestellt: ,/den Gemeindevorstanö zu ersuchen, dem Einfluß der Kaschruth-Kommission auf die Leitung der Alterversorgungsanstalt engere Grenzen zu ziehen und dem Borsitzenden der A B. A. auszugeben, wie in früheren Jahren, häufiger Borstandssitzungen stattfinden zn lassen." Diesen Antrag begründete Herr Pincus selbst. Große Erregung wird im ganzen Hause bemerkbar, als er mit seiner Anklagerede beginnt. Unruhig lauschen die konservativen Repräsentanten und Vorstandsmitglieder. Herr G o ld s ch m i d t, der Vorsitzende des Vorstandes der Altersversorgungsanstalt springt auf. In ruhiger und sachlicher Weise häuft Herr Pincus immer neus Material gegen die Kaschrutü-Kommisstou auf. deren williger Diener Herr G o l d s ch m i d 1 ist. Er verliest die ungeheuerlichen Sätze aus den Beschlüssen der Kaschruth-Kommission, nach denen die leitenden Beamten der Anstalten einen streng religiösen Lebenswandel zu führen haben. Harmlos klingt's. Aber schon wurde die Deutung laut, daß der Inspektor einer Altersversorgungsanstalt. der auf Reisen nicht streng rituell lebt, sofortiger Entlassung unterliege. Die Unruhe steigert sich. , . „ „Bon Zeit zv Zeit können die Zimmer der Insasse« ans das Vorhandensein nichtritneller Speisen von einem Rabbiner kontrolliert werden. Der Höhepunkt der Gesinnungsschnüffelei. Daß man den alten Leuten ihre liebgewordenen Bestecke entzogen hat, hatten wir schon erwähnt. Da man ihnen am Sonnabend gewärmtes Essen vorsctzt, haben sich die meisten trotz des strengen Verbotes Spirituskocher angeschafft. und zweimal sind schon Franc« beinahe verbrannt , mußte gefährlicher Brand gelöscht werden. So züchtet die "'■> Kaschrutb-Kommission durch ihren Gewissenszwang Heimlichtuerei. So gefährdet sie die Insassen unserer Altersversorgungsanstalten. Wie weit diese Zustände gediehen sind, zeigt ‘ eine von fast allen Ehrendamen der drei Anstalten, nicht nur liberalen. Unterzeichnete Eingabe an den GemeindevorHan»iXL von der Herr Pincus der Versammlung Mitteilung macht: Hier sei sie im Wortlaut wiedergegeben: ** Berlin, den 8. Oktober 1925. An den Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin N.24 _ooMn Sehr geehrte Herren! Auf den aus unsere Eingabe erteilten Bescheid vom 2. d. M. haben wir folgendes auszuführen: 1. Wir wünschen, daß die Mtersversorgnngsanstalten wieder so geführt werden, wie in früheren Zeiten. 2. Wir beziehen uns auf den 8 18 der Statuten der Altersversorgungsanstalten: „Zur Beaufsichtigung und Leitung des Haushaltes. namentlich der Küche und Wasche, werden aus der Mitte der Gemeinde Ehrcnüamen gewählt." 3. Wir beanspruchen, ohne die vorherige Erlaubnis der Kaschruth-Kommission einholen zu müssen, bei kaltem Wetter, wenn der Sonnabend später aus ist, den Insassen eine warme Suppe oder Tee geben zu dürfen. 4. Wir halten es für gesundheitsschädlich. wenn den alten, zum Teil mögen- oder darmkranken Leuten, am Sonnabend früh oder nachmittags Kaffee gegeben wird, der am Freitag bereits gekocht ist. Die Konseauenzcn, die daraus gezogen werden müssen, sind, daß die Insassen sich am Sonnabend mit ihren zitternden Händen selber frischen Kaffee bereiten. Die Spirituskocher, die dazu benutzt werden und sich trotz strengsten Verbotes und fortwährender Nachforschung nicht ausrotten lassen, sind eine Gefahr für das Haus. 5. Die Anschaffung der Bestecke beruhigt vielleicht das Gewissen der Kaschruth-Kommission, ist aber bei näherer Betrachtung verfehlt. Die. alten Leute besitzen doch ihre eigenen Bestecke, an die sich oft liebe Erinnerungen f.ür sie knüpfen. Ein Spionagesystem, ob die angeschafften Bestecke benutzt werden oder nicht, wollen mir doch nicht einsühren. Für die Sauberhaltung der Bestecke ist für jede der Anstalten eine vermehrte Arbeitskraft. Messerputzmaschinen. Handtücher und dergl. erforderlich. Diese Mehrausgaben stehen in keinem Verhältnis zu dem wirklichen Erfolg, die Eßbestecke koscher zu erhalten. Wenn die Kaschruth-Kommission sich in das Seelenleben -er alten Leute vertiefen würde, würde sie wissen, daß dieselben ihren eigenen Willen haben und sich nicht ummodeln: lassen. Wir sind doch von dem Wunsche erfüllt, den alten Leuten einen ruhigen Lebensabend zu bereiten und nicht Unzufriedenheit hervorzurusen. Hochachtungsvoll sUnterschristen.) Sticht alles ist zur Ausführung gelangt. So hatten wir auf Grund bester Informationen mitgeterlt, daß man die Stillegung des Eßfahr'stuAs plane. Hier ist den Herren von der Orthodoxie offenbar vor ihrem eigenen Mut bange geworden. Aber etwas anderes ist geschehen, was den 70 jährigen Herrn Pincus veranlaßt, davor zu warnen, Latz unsere wohltätigen Anstalten, namentlich die Altersheime, zu Zuchthäusern werden. Hat man es doch gewagt, in jedes Zimmer ein Plakat zu hängen, in dem man selbst 90 jährigen Greisen schärfste Mahregeluugen für Len Fall anöroht, -atz sie nicht genau Lie rituelle Lebens^ weise einhalten. Die Gewissensfreiheit wivd unterdrückt. Ge>< sundheitliche Rücksichten gelten nicht mehr.

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