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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-11-13 · 46 (13.11.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
46 (13.11.1925)
Date
1925-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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hin, daß sich LieS Gebot im neuen Testament nur-an zwei Stellen, im alten aber an zahlreichen Stellen findet, freilich heißt es im alten Testament nicht öer Nächste, sondern der andere (Rea). d. h. der Mitmensch. Die Geschichte des Christentums hat es bewiesen, daß der Superlativ, der Nächste. Len Aomperativ. der Nähere, in sich schließt. Ls genügt, zum Beweise auf Lie Kreuzzüge, Lie Judenversolgungen usw. hinzuweisen. Der religiöse Jude ließ prin. zipiell auch im Altertum Len Nichtjuden im Tempel beten, und er schloß Lie Nichtjuden. wett alle Menschen, in sein Gebet ein. Für uns handelt es sich nicht darum, ob diese Interpretation der jüdischen Religion (wie wir allerdings glauben) richtig ist, und überhaupt nicht darum, ob jüdisch oder «ichtjüdisch. sondern wir haben ganz einfach ins Auge zu fasten, daß das sittliche Gebot, den Mitmenschen zu lieben, nach Cohens Aufsastung vor keiner Grenze haltmacht, weder vor der Religion, noch vor der Rasse, dem Volk, dem Staat. Und darin stimmen wir ihm aus vollem Herzen bei. Wie tief sittlich überhaupt Lie Einstellung der Ethik und ReligionLphilosophie Cohens ist. mag noch an eiuem zweiten Beispiel gezeigt werden. Ein Gebot der Feindesliebe kann Cohen nicht anerkennen. Aber aus welchem Grund? Weil der Begriff des Feindes selbst unsittlich ist. Der Begriff des Feindes wurzelt im Affekt des Hasses, aber weder darf ich selbst einen Menschen hassen und daher ihm feindlich gesinnt sein, noch auch darf ich umgekehrt vorailssetzen, Latz mich jener haßt und als Feind ansieht. Wenn hier einer nach Kants Ausdruck mit der pöbelhaften Berufung auf die Erfahrung kommen sollte, so würde er nur beweisen, daß er noch nicht einmal die Eingangspforte zur Cohenscheu Philosophie durchschritten hat. Ein sittliches, und also auch ein religiöses Gebot spricht nicht von dem, was ist. sondern von dem. was sein soll. Und wer sich bei dieser lapidaren Entgegnung nicht beruhigen und das Sprüchelchen hersagen sollte: „Es war immer so, es wird also immer so sein", 2er ist wieder an den Begriff des einzigen Gottes zu verweisen. Man darf ihn auch fragen, willst du. daß die Welt 'sittlich sei? Und wenn er diese Frage bejaht, dann hat er sich zum einzigen Gott bekannt, denn die Hypothesis des einzigen GotteS bedeutet nichts anderes als die aus der Vernunft und dem Geiste erzeugte notwendige Voraussetzung, ohne die sein Wunsch, die Bersittlichung der Welt, nun einmal nicht zu erfüllen ist, nämlich Latz die Natur (Erfahrung) nichtein absolutes Sein hat, daß sie in ihrer Endlichkeit nicht aufgeht. Latz man sie fortbilden kann und mutz, und zwar dem sittlichen Ideal entgegen, weil in der Idee Natur und Sittlichkeit konform sind. Im gleichen Sinne vollzieht nun Cohen die ^Realisierung an allen Grundbegriffen der Religion. Verweilen mir zunächst beim Gottesbcgriff. In der mittelalterlich jüdischen Religionsphilosophie spielt das Problem der Attribute Gottes eine ausschlaggebende Rolle. Ob man Saadja. Ibn Daud oder Maimonides liest, immer werden die tiefsten religiösen Entwicklungen am Problem der Attribute Gottes vorgenommen. Die sogenannten drcizebn Eigenschaften (Middoth) werden nach den Worten der Offenbarung behandelt. wie sie bei Gelegenheit der zweiten Gesetzestafeln aufgesührt werden: „Herr. Herr. Gott, barmherzig und gnädig, langmütig und groß an Liebe und Treue. Er bewahrt die Liebe bis ins tausendste Geschlecht. Er vergibt das Vergehen, die Missetat und die Sünde. Und läßt nicht ungestraft." Es ist schwer für uns, darin dreizehn' Eigenschaften zu erkennen. Auch hat nur das Prinzipielle für unS Interesse. Maimonides bereits unterscheidet bei Gott Attribute des'Wesens und der Wirkung: nur die lederen läßt er gelten. Die Idealisierung des Gottesbegriffes ist.hier., bereits soweit vorgeschritten, datz die Frage nach dem Wesen, Gottes als mythologisch abgewiesen wird, und allein an den Eigenschaften her. Witkuug eine Umkehr der Gesinnung sich, vollzieht, die nun ganz auf dem Wege liegt, den Cohen dann weiter gegangen ist. Tie Attribute der Wirkung sind sittliche Attribute, und die Wirkung erstreckt sich auf den Menschen. Die sittlichen Eigenschaften Gottes werden vielmehr als Wege aufgefatzt. welche der Mensch .wandeln mutz, wenn er zu Gott. d. h. zum sittlichen Ideal gelangen soll. Gott ist-daher gedacht als das Urbild und nickt nur als das Vorbild für das sittliche Handeln des Menschen. Dos Vorbild würde die Gefahr deS Mittlers nahe bringen; man könnte an den vorbildlichen Gottmenschen denken. Das Urbild entspringt und entsteht im Geist der ringenden Menschheit. In einem wundervollen Aufsatz hat Cohen schon vor vielen Jahren gezeigt, daß sich die sogenannten detzehn Eigenschaften auf die sittlichen Attribute der Gerechtigkeit uuh Diebe zurückführe» lassen. Wenn es aber von Gott heißt, ex habe die Eigenschaften der Lieb« und Gerechtigkeit, so ist damit in der Sprache der Religion dasselbe gesagt. waS die Ethik dem Menschen anmutet, er solle Gerechtigkeit und Liebe üben. Dann wird der Geist der Heiligung in seiner Seele ausblühcn. und wenn es ihm auch selbst nie gelingt.-heilig zu werden, so hat er doch Anteil am heiligen Geist. Beachten wir es besonders, datz iu der angeführten Stelle des alten Testaments das direkte Widerspiel der Erbsünde auflritt. Die Liebe, nicht die Sünde, erstreckt sich über tausend Geschleckter. Das wird für das Problem der Unsterblichkeit von Wichtigkeit. Es ist notwendig. datz wir hier noch einmal betonen: nicht die historische Exegese ist die Hauptsache, sondern die systematische, welche di« Idealisierung vollzieht. Wenn der Geist nach Humboldts Wort sein ganzes Sein in seinem Werden und Wirken hat. so kann und darf cS auch für Sittlichkeit und Religion keinen Stillstand geben. Wie die Juden oder irgendein anderes Menschenvolk vor zwei- oder dreitausend Jahren gedacht haben, das ist für den Historiker und Kulturhistoriker von großer Wichtigkeit, aber der Philosoph, der die Erkenntnisse der historischen Forschung nicht vernachlässigen und verachten darf, hat darüber hinaus noch eine größere Aufgabe, nämlich die im historisch Gegebenen schlummernden sittlichen .Keime zur fruchtbaren Entfaltung für Gegenwart und Zukunft des Menschengeschlechts zu bringen. Das eben heißt religiöse Idealisierung. Solchergestalt sind denn auch die Untersuchungen Cohens, die sich auf die Begriffe der Schöpfung, der Offenbarung, der Unsterblichkeit usw. beziehen. Wir können sie nur noch flüchtig anüeuten. Ueberall gilt es, die mythisch-sinnliche Auffassung zu eliminieren, oder vielmehr die geistig-sittlichen Keime, die in ihr stecken, zur Darstellung zu bringen. Daher kann es sich z. B. beim Problem der Schöpfung nicht um die mythische Frage des Ursprungs der Welt aus dem Nichts handeln. Es ist von Religion, und das heißt von Sittlichkeit, die Rede. Wenn das aber der Fall ist, dann tritt der Zweckbegriff in Wirkung. So fassen denn auch die jüdischen Rcligionsphilosophcn die Schöpfung als Erneuerung auf. Tie Erneuerung bedeutet die Erhaltung des natürlichen Seins für die Sittlichkeit. Und noch mehr steckt in dem Begriff der Schöpfung: die Erschaffung des Menschen aus der 'Sittlichkeit. Tie Hingabe des Individuums an die Allheit der Menschheit erschafft erst den sittlichen Menschen, Auch die Offenbarung wird im gleichen Sinne ausgedeutet. „Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist." Nichts Ueöervernürrstigcs, und vor allen Dingen nichts, was die Vernunft nicht aus sich selbst zu finden vermöchte, kann die Offenbarung enthalten. Die Offenbarung erfolgt im Herzen und in der Vernunft des Menschen. So ist auch die Unsterblichkeit nicht, zu fassen als das substantiell dingliche Fort», leben des einzelnen, sondern sie bezieht sich. um ein Wort Cohens zu gebrauchen, auf das „Allhcitsindiviöuum". Damit ist aber die restlose Identität zwischen Ethik ' und Religion erneut proklamiert. In der Allheit des Bolkes und der Menschheit mutz auch das einzelne Individuum stiue Unsterblichkeit suchen. Schon Maimonides unterscheidet zwischen der zukünftigen Welt und der zukünftigen Zeit. Den transzendenten Ge-' danken' der zurürrsttgvn Welt'-lehnt er ab. um die gan«L Energie seiner Sehnsucht 'auf LieizukÜüftigtziZeit 'za werfest.! Di> zukünftige Aeit, das ist die Zöit 'des Friedens uni»* üeÄ Völkerbundes.. -Damit vollerrdst Iich zugleich öer Gedanke' Gottes und der Menschheit. ..Dieser Stcratenbund der Menschheit ist die messiannche Ankunft des Menschen'. Att diese rnesslanische Menschheit glauben wir als Bekenner des messranischen Monotheismus. Dermeisianische Gott ist der- Erlöser der Menschheit und durch die Menschheit der Erlöser des Menschen." (Jüdische Schriften Vd. l S. 59.). Ich wüßte nicht, warum der Christ dieses jüdische Glaubens* bckcunLnis nicht unterschreiben sollte. vermochten. Und doch war seine Anerkennung immer zugleich mit scharfer Kritik verbunden. Dem Protestantismus rühmte er cs nach, daß er durch sein Betonen des Glaubens gegenüber der Werkheiligkeit LaS sittliche VerantwortungSbewußt,'ein der Menschheit gestärkt und gekräftigt habe. Die Verdienste des Protestantismus um den modernen Staat hat er vielleicht ein wenig überschätzt. Die DhristuSidee sucht er zunächst in dem Sinne LeS deutsche« Humanismus zu verstehen, und wettz auch da mannigfache Verdienste für die Entwicklung LeS sittlichen Geistes zu entdecken. Aber freilich: bei der Gestalt Christi, oder besser gesagt, bei dem Mittlergeöanken beginnt seine Kritik. Der Mttllergedanke schien ihm aus zwei Gründen verwerflich. Erstens verhindert er die unmittelbare Korrelation zwischen dem einzelnen und Gott, und zweitens glaubt er darin die Gefahr des Pantheismus zu erkennen. Der einzelne muß sich selbst Gott gegenüber verantwortlich fühlen. L. h. Gott als die Hypothesis der Ueberetnstimmung zwischen Natur und Sittlichkeit darf niemals dazu mißbraucht werden. Lie Last der Verantwortlichkeit vom Menschen abzuwälzen, und er kann nur in dem Sinne als Erlöser verstanden werden, daß in ihm die Sicherheit gedacht wird, alles sittliche Bemühen der Menschheit sei nicht vergeblich. Deswegen darf kein Mittler zwischen Mensch und Gott treten, der ia letzten Endes die Verantwortlichkeit des sittlichen Ringens auf sich nehmen würde. Ferner ist. wie gesagt, der Mittlergedanke ein Ausfluß des Pantheismus. Kann auch nur in einem einzigen Menschen das Ideal der Sittlichkeit in endlicher Wirklichkeit Realität gewinnen, so ist damit die prinzipielle Identität zwischen Gott und Mensch konstatiert. Dem widerspricht sowohl die Ethik des reinen Willens — denn das sittliche Ideal ist und bleibt ewig Aufgabe. Idee —. als auch, nach der Auffassung Cohens, die jüdische Religion. Die Psalmisten und Propheten, von denen Cohen in seinem Bestreben, die jüdische Religion zu idealisieren, vornehmlich ausgeht, kennen ebenso wie die jüdischen Philosophen des Mittelalters zwar die Nähe Gottes als das Ideal ihrer religiösen Sehnsucht. aber niemals die Identität zwischen Mensch und Gott. In dieser ewigen Differenz zwischen sittlichem Ideal und sittlichem Bemühen glaubte Cohen auch die tiefe innere Wcsensgemeinschaft zwischen dem von Kant vertretenen deutschen Idealismus und dem jüdischen Geist zu erkennen. Der Gott seiner Religion ist der Einzige Gott. Die Einzigkeit Gottes ist geradezu der Grundbegriff der Cohenschen Religionsphilosophie. Einzigkeit will mehr sagen als Einheit. Die Einheit kann auch der Pantheismus behaupten, nicht aber die Einzigkeit: das Sein Gottes ist einzigartig in dem Sinne, daß keine Natur, so sehr sie sich der Vollkommenheit annähern mag. das sittliche Ideal restlos darzustellen imstande ist. Die Einheit bleibt dabei in ihrer Wichtigkeit erhalten. Sie sagt aus. daß die Idee der Menschheit einig ist. Daher denn auch die jüdische Religion die soziale Gemeinschaft der Menschheit unter dem Ideal des ewigen Friedens erstrebt. In der angewandten Ethik, d. h. in der Politik ergibt sich daraus die Forderung des Völkerbundes der Staaten. Wir haben hier erst eine geringe Probe der Idealisierung, die Cohen an seiner Religion vollzogen hat. Um die Kor. relation zwischen dem einzelnen und Gott, wie sie sich Cohen gedacht hat. besser zu verstehen, müssen wir etwas tiefer ein« dringen. Wir wiesen schon früher darauf hin, wie nach der Lehre der Ethik des reinen Willens die Sünde düs Individuum entdeckt hat. Cohen zeigt nun. roie der Religion der Propheten der Sozialismus sozusagen im Blute steckt. Mag jeder einzelne sein Leiden sich selbst als die Folge seiner Schuld anrechnen, so würde doch dieser Gedanke der kausalen Berbtnduna von Schuld Und Leiden direkt unsittlich werden, wenn man ihn auf die Beurteilung des Mitmenschen, des anderen übertragen wollte. Im sozialen Interesse proklamieren daher die Propheten die Sünde als Las Leiden der Armen, welche den religiös-sittlichen Affekt des Mitleids wachruft und damit natürlich auch die soziale Pflicht öer Hilfe. Diesem sozialen Zug der jüdischen Religion geht. Cohen bis in Hie Einzelheiten nach. DaS Gebot der Sabbat- Heiligung ergibt sich als soziale Anerkennung des Menschenrechts des Knechtes. Prinzipiell wird aber die Frage erörtert am Begriff der Nächstenliebe. Cohen weist darauf Merkspruch. Der Tag, cm dem wir nichts geschafft, Er' bleibt für uns verloren: Denn -Schaffen kommt von Schöpfung her, Als die wir sind geboren. Und Schöpfung schuf öer Schöpfexgeist, Sein Abbild zu erstreben — Drum schaffen wir, trat anzuschau'n, Das Göttliche im Leben. Ella van Eleef. Das jüdische Sprichwort. Bon Herbert L o e w e n st e in - Danzig. Oft spricht man der großen Masse des Volkes die Fähigkeit ab. selbst schöpferisch zu wirken. Auf ein Gebiet trifft diese Behauptung aber nicht zu: Das Sprichwort gibt den Erfahrungen und Meinungen des Volkes Ausdruck, und daS Volk selbst findet auch die gehörige Form. Ein Sprichwort muß vor allem witzig sein, sei es im Inhalt (z. B. Paradoxa) oder in der Form (Wortspiele usw.). Dieser Hauptforderung wird das jüdische Sprichwort leicht gerecht. Denn das Jiddisch in seiner großen Ausdruckskraft und Lebendigkeit scheint wie geschaffen für die Bildung von Sprichwörtern, weil ein großer Teil seiner Wendungen an und für sich schon Witz und komischen Ausdruck enthält. So sagt auch Bin Gorion in seiner Schrift „Vom östlichen Judentum" über das Jiddisch: „Es ist eine Sprache von lauter Sprichwörtern, und in jedem Augenblick schmiedet sich jeder seine eigene Sentenz." Dem Ostjuöeu fällt es nicht schwer, den Witz zum selbständigen Prägen von allgemein gültigen Aussprüchen auf.mbringen, weil sein Geist sich ja am Talmudstudium geschärft hat. Denn nirgends finden sich soviel verblüffende Wendungen und auch Wortspiele, wie im talmudischen Schrifttum. Ein großer Teil unserer jüdisch-deutschen Sprichwörter hat seinen Weg aus dem Osten zu uns gesunden, oder ist wenigstens unter ähnlichen Verhältnissen bei uns entstanden. Häufig wird eine Grundwahrheit in die Form eines Wortspieles eingekleidet. So erklärt der Jude seinen Geschmack. der mehr aus ein wenig Anmut. alS auf kalte Schönheit sieht, in folgender Parechese: ,Hst denn schein schein? Chein ist schein!" Deshalb ist es auch falsch. daS jüdischdeutsche Sprichwort ins hochdeutsche übersetzen zu wollen. Denn auch in bester Übersetzung verliert eS seine Lebendigkeit und seinen RvthmnS, den es besitzen muß, um leichter behalten und von Akunb zu Mund fortgepflanzt werden zu können. Was das Volk von geschichtlichen Ereignissen behalten und daraus gelernt hat, wird gern zu Sprichworten verwertet. So bat es den Einfluß der orientalischen Ereignisse auf Europa erkannt: „Wenn sich der Türk' (ö. h. der Orientale) rührt, dann rührt sich die ganze Welt." — Oft griff man in der Not auf die sonst so verachteten Juden zurück, und schickte sie gewissermaßen vor die Front: „Es kommt ein Jüdchcu mit dem roten Hütchen und hackt sich aus mein Kriegchen." Besonders zahlreich sind naturgemäß solche Aussprüche, die den Erfahrugen des täglichen Lebens Ausdruck verleihen: Der Jude erkennt, datz jeder Mensch sein Leid hat. welches ihm zu schassen macht, denn: „Kratzen tut sich, keiner ib'chinnim, der eine vor Zores. der andre vor Äinnim." Doch besonders viel harten ja die Juden zu leiden, und das machte sie mißtrauisch: „Wenn man Jiden Tauwes tut, dann steckt immer was dahinter . . ." In solchem Unglück mutzten natürlich auch die moralischen Fähigkeiten leiden. Eigennutz und kalte Gewinnsucht machten sich Platz: „Schmaddet sich der Ehossen. schmaddet sich die Kalle — Hauptfach: Ich krieg' Schatchonisgelö." Einen solchen Standpunkt bringt die Armut mit sich. Ia, dem reichen Mann, dem „Kozin", geht es gut: „Der Kozin schläft, und die Zinsen wachsen." Bor ihm haben alle Achtung, und was er tut und läßt, betrachtet man als gut: „Ein Wunder, der Kozin hat eine schöne Tochter." Wer aber nicht reich ist. der kann sich sein Leben nicht so schön und bcguem einrichten: ihm gönnt das Schicksal selten etwas: „Wenn der Arme ein Huhn ißt. dann ist er entweder krank, oder das Huhn." Eine Hcsfnug bleibt aber immer: „Der liebe Gott hat geholfen, hilft und wird Helsen. Wie hilft aber der liebe Gott, bis er wird helfen?" (Hier zeigt sich der kritische Gerst des echten Talmudjuden.) Manchem ist es ja geglückt. Reichtum und Ansehen zu erlangen, bei ihm „haben die Klötze Angen (Fettaugen) bekommen." Doch oft weiß er sich nicht den neuen Verhältnissen angemessen zu benehmen, er „steckt das Chasscrfüßchen raus." Was nützen aber dem Reichen das Geld nnd alle die irdischen Güter: „Tachrichim haben keine Taschen." Mit leeren Händen kommt der Mensch zur Welt, und mit leeren Händen muß er auch wieder von dannen gehen. Was war es nun aber, was dem armen Juden das Leben erträglich und wert machte? Die Beschäftigung mit der Lehre rettete seinen Geist vor Verdummung und schärfte seinen Verstand: „Wo Dbaure ist, da ist auch Chochme." So kann man aus den jüdischen Sprichwörtern den Verlauf der Geschichte und die Verhältnisse des geistigen und wirtschaftlichen Lebens klar erkennen. Sie zeugen von der geistigen Beweglichkeit des Juden, — eine Folge des intensivsten Studiums seiner Schriften, — die ihn trotz aller Verfolgungen erhalten hat. Ich möchte die Gelegenheit nicht versäumen, einige aus dem Verkehr gesammelte Sprichwörter hier noch anzuführen: denn sie sollen selbst für sich sprechen: An Rausch chauöesch Odor machen die Katzen ein Gechoder. Wenn keine indischen Mädchen da sind, tanzt man mit Schickses. Gottes G'wures sind groß. Faule Fisch' und Kläpp' dazu. Wenn ich gebe tanzen, dann geht der Klesmcr wo anders hin. Einem Ehossen war einmal die Kalle zu schön. Er klagt und ißt Kräpychen. Was nützt mir die Chochme. wenn die Narrischkeit gilt? '. Als die Chuzpe verteiU wurde, hat er zweimal „Hier!" geschrien. Wenn sich die Ganowim zanken, dann kommt der Bauer zu seiner Kuh. Alle Tage schicker, und Purim nüchtern. Man soll um keinen neuen Melech bitten: Mitunter taugt der alte nichts, und der neue noch weniger. Der Schmuck auf der Gass'. und die Kränk' in der Herberge. Jeder Chasse» ist ein Schaute, aber nicht jeder Schaute ist ein Chassen. Man hat einmal einen Meschuggenen gebunden, hat er gesagt: „Nicht ich bin meschugge, sondern die ganze Welt: da man aber nicht die ganze Welt kann binden hat man mich gebunden. Stupp' mich, ich geh' gerne. msm mm v. Elias. Bo« I. Wolfssohn. Breslau. Völker, die in Zerrissenheit und Machtlosigkeit. Volksicile und Bevölkerungsklaffen, die in Bedrücktheit und Unterjochung leben, hoffen und warten auf sagenhafte Erlöser. So träumten die Deutschen jahrhundertelang vom Kaiser Barbarossa, öer erwacht vom tiefen Schlaf, aus der Höhle des Kpffhämer hervorkommen und ein neues Deutsches macht- und glanzvolles Reich wieder aufrichten würde. So hofften die armen, unterdrückten Bauern Böhmens auf den schon lange verstorbenen und in der Kaisergruft bcigesetzten Josef II.. der sie von Joch und Unterdrückung erlösen und ihnen ein menschenwürdiges Dasein verschaffen sollte. Der Erlöser der Juden, der Messias, wird nicht ihnen allein daS Heil bringen, sondern der ganzen Welt und Menschheit. Ist cs schon ein bezeichnender Unterschied, daß die Juden in ihrem Erlöser den der ganzen Welt sehen, zeigt dies aufs neue die große Kluft zwischen völkischer und religiöser Art, so kommt noch ein zweites hinzu. Die Judenheit hofft auf ihn und erwartet ihn auch nickt alsobald: selten nur glaubte die Mehrheit der Juden an die falschen Messiasse. es wäre« immer nur verhältnismäßig wenige des derzeitigen jüdischen Geschlechts, die bet dem Aüftauchen solcher Gestalten auf deren Echtheit vertranten. Aber an das Kommen dessen, der die rnessianische Zeit vorbereiten, der den Geist der Juden in der ganzen Welt für die Aufnahme und Berwirklichnna der Idee des Friedens und der aus ihm sprießenden Glückseligkeit in ihren Tagen vorbereiten soll, alaubte die Judenheit schon eher: Elias, der gewaltige Prophet, wird erwartet zu. ieöer Zeit und zu jeder Stunde eigentlich. Der erste, öer ihn als Vorbote des Messias eri

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