Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 45 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Verlüde in der Deutschen Politik Bon Dr. P. Nathan. an mich, sehr geehrter Herr Redakteur, Mer öies Thema zu schreiben, ist verlocken- und ist abschrecken-- abschreckend, weil es ganz gewiß unmöglich ist, den Stoff in dem kurzen Umfang: eines Artikels zu erschöpfen. Dieses interessante Thema wäre ergiebig genug, um ein umfangreiches Buch mit Leichtigkeit L?!lEen,- denn gewisse Äiten der Juöenfrage in sind in hohem Grade geeignet, nicht nur Licht über den Antisemitismus, sondern über die Gesamtorlentierung -er reaktionären Politik bei uns zu verbreiten. . Erlauben Sie mir, aus der Fülle des Stoffes nur erneu einzigen Gesichtspunkt herauszugreifen. Ich möchte darauf Hinweisen, daß der „I n d e in der deut- Wen Politik" von unschätzbarem Wert für die Reaktion bei uns immer gervosenist und noch heute ist. Es gibt eine kleine Broschiire aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, die der Landadel der Umgegend von Berlin herausgegeben hat, und die mr tiefsten Kern die Motive für den politischen Antisemitismus in Deutschland enthält. Die Broschüre ist der Abdruck 'einer Denkschrift, die von den adligen Grundbesitzern an Friedrich Wilhelm III. gerichtet worden ist,' sie wendet sich leidenschaftlich gegen die durch den Freiherr» vom S t e i it in Angriff genommene Refornl'gesetzgobung, die das staatliche Eigenleben in Preußen und Deutschland, das durch die Napoleonischen Kriege vernichtet war, wieder aufrichten, kräftigen, zu neuer gesunder und moderner Entfaltung bringen sollte. Diese Denkschrift enthält so ziemlich alles, ivas im Kern seit jenen Tagen gegen den gebotenen Fortschritt in Deutschland gesagt, deklamiert, geschrieben worden ist. Die Reaktionäre aus der Umgegend von Berlin, die Dort auf ihren Rittergütern saßen, behaupteten nämlich, daß die großangelegte Steinsche Aufbaupolitik neuzeitlichen Charakters nicht die geniale Schöpfung eines staatsmännischen Geistes sei, der die Bedürfnisse feiner Zeit erkannt hatte. Sie suchten vielmehr dem König darzulegen, daß die Steinsche sehr maßvolle Fortschrittspolitik eine sklavische Nachahmung französischer revolutionärer Doktrinen sei, und um die Steinschen Pläne dem König in noch höherem Grade zu verekeln, fügte man hinzu: Es sei jüdischer Geist, den der Freiherr vom Stein dem ehrwürdigen preußischen Staat einzuimpfen suche. Was konnte es schlimmeres für das damalige Preußen geben, dies Preußen, das seit Friedrich II. verknöchert und entwicklungsfremd stohengcblieben war, als jene angebliche Injektion von französisch-revolutionärem und jüdisch-antichristlichem Geist,' und derjenige, der diese giftige 'Einspritzung Preußen und dem deutschen Volke applizieren wollte, war ein urgermanischer Deutscher Neichssreiherr. Die Infamie, die damals gegen den Freiherrn vom Steiir ausgestreut worden ist, blieb nicht erfolglos. Des Freiherrn Pläne werden behindert, umaeknetet, die Ausführung kam ins Stocken, und was schließlich ausgeführt wurde und Lüben gewann, verhielt sich zu d-u-nrsprünglichen Entwürfen wie ein auf das Uebelste verwässerter und gefälschter Wein zu edlem, reinem Trauben fast. Die Reaktion hatte ihr Ziel in weitem Umfang erreicht, und diesen Erfolg verdankte sie im wesentlichen den — Juden. Die preußischen Juden hatten freilich, nicht aktiv handelnd, diesen reaktionären Sieg erkänrpfen helfenaber sie hatten es nicht verhindern können, -aß r§r Dasein benutzt und mißbraucht worben ist, um der modernen Entwicklung zunächst unübersteigbare Schranken entgegenzustellen. Die Kolge dieser geistvollen Politik war alsdann die Revolution des Jahres 1848; der allzu harmlose Versuchder deutfchenBevölkerung jene Fesseln zu fpren- &in die seit den Napoleonischen Kriegen das deutsche gelegt worden war. Es blieb bei einem Versucher mißglücke, und wieder erhob die Reaktion den Ruf, wie nach den Befreiungskriegen: Deutsche bekämpft bie undeutsche Freiheitspolitik, die das Werk von Fremden: Franzosen, Polen und Juden gewesen ist. Man sieht, die Variation gegen die Zeit nach den Befreiungskriegen war nur eine geringezu den Franzosen und Juden von damals als Verführern des deutschen Volkes waren nun noch die Polen hinzugekommen, und wieder blieben, die Reaktionäre unter diesem Ählachtruf siegreichdie Reaktion und die Judenhetze triuinphiertendas Manöver war im Verlaufe von weniger als einem halben Jahrhundert zum zweiten Male geglückt. Freilich, ein Unterschied bestand zwischen dem ersten und dem zweiten reaktionären Vorstoß. Den Ruhm, bei der Stein-Hardenbergschen Gesetzgebung in irgendeiner Form leitend oder auch nur treibend mitgewirkt zu haben, können die preußischen Juden nicht für sich in Anspruch nehmen. Aber andererseits ist es nicht zu leugnen, daß die deutschen Juden bei der revolutionären Bewegung von 1848 handelnd mit den christlichen Bolkselementen zusammen aufgetreten sind. Das Wohlverhaltens-Zeugnis können sie nicht beibringen, die Rolle der Einwohner ohne staatliche Gleichberechtigung in Demut und Passivität und ohne den Versuch einer Besserstellung ertragen zu haben. Auch Juden kämpften uni starben und gingen in die Verbannung oder in die Kasematten damals für die deutsche Einheit und die deutsche Freiheit, für die Neugestaltung Deutschlands zu einem mächtigen und modernen Staatein B e r b r e ch e n in den Augen der Reaktionäreein Beweis für echte deutsche Vaterlandsliebe in den Augen aller politisch vorwärtsstrebenden Deutschen. Damals im Zusammenbruch der Revolution war der Beweis erbracht, daß es i ü d i s ch e Deutsche gab, echt deutsch fühlende Bürger, die jüdischer Religion gewesen sind. Ueber die Zeiten der Reaktion in Deutschland und vor allem in Preußen hinweg setzte schließlich die Aera Bismarck ein, gewalttätig und genial geführt. Es waren zum Teil dieselben Männer, die im Jahre 1848 auf den Barrikaden gekämpft und von der Rednertribüne herab geeifert hatten, und die nun mit Bismarck, und Mar im engen Bunde mit ihm, unter seiner Leitung oder in selbständiger Tätigkeit neben ihm, am Aufbau des Deutschen Reiches gesetzgeberisch, agitierend als Redner und schreibend als Zeitungsmänner, als Führer des Volkes und als bescheidenere Mithelfer den langersehnten Deutschen Staat festigen und ausgestalten halfen. Die Juden Ludwig Bambcrger und Eduard Lasker vor allem sind als tätigste Bauleute am Reiche untrennbar mit dem Erstehen eines neuen Kaiserreichs -er Deutschen verknüpft. Der Reaktion in Preußen und der Reaktion in Düddeukschland war das Reich ein Greuel mit seiner zunächst liberalen Entwicklung. Und somit begann die reaktionäre Wühlarbeit, die in Preußen vor allem reaktionär und in Süddeutschland vor allem und zugleich partikularistisch gewesen, von neuem. Und erneut bedienten sich die Reaktionäre des Antisemitismus, um die zurückgebliebenen Massen durch ein vul¬ «i ES gäreS, der Roheit angepaßtes AgitaÜör^mLttel für sich in Bewegung zu setzen. ES setzte die Aeris Stöcker, des Hofpredigers, ein, oie dann bis zu AhlrvmH dem „Rektor aller Deutschen", herab im Sumpf «und zü gemeiner Beutelschneiderei entartete. Endlich die letzte, die tragische Entwicklungsepoch4 in Deutschland. Das Kaiserreich stürzt und die reaktionären Elemente Deutschlands scheinen hinwegge« fegt, scheinen verschw-unden. Es war natürlich nur Schein. Sie tauchen erklärlicherweise erneut wieder auf und mit der ihnen eigentümlichen Gedankenarmut greifen sie wiederum nach dem bereits hundert Jahre alten demagogischen Schwimmgürtel, dem Antisemitismus, um wenigstens beim Mob in Deutschland auf Erfolge rechnen zu können. Reaktion gegen den modernen Staat, die Republik, und Antisemitismus haben sich schnellstens gefunden. Ihren häßlich knarrenden, reaktionären Agitationskarren ölt die Rechte auch heute, und zivar zum viertenmal während eines Jahrhunderts mit Antisemitismus. Reaktion und Antisemitismus sind unzertrennbarsie gehören zueinander wie der Marktschreier in früheren Zeiten zur Jahrmarktsbude, und wie der Fusel zur vulgären Stimmungsmache bei tiefstehcnden Volksmassen. Die Juden haben in der deutschen moderne n Politik am Aufbau Deutschlands mitgearbeilet, und daß sie Lies getan, verzeiht ihnen erklärlicherweise die deutsche Reaktion weder im Norden noch im Süden, weder in Mecklenburg und Preußen, noch in Weimar und in Bayern. Die Reaktion in Deutschland zwingt immer wieder jeden aufrechten Juden in die Parteien des Fortschritts und die Linksparteien hinein. Eine konservativ-reaktionär-politische Richtung innerhalb des deutschen Judentums kann nicht anskommen, wiewohl für solche Entwicklung erklärlicherweise auch innerhalb eines Teiles der jüdischen Bevölkerung die Voraussetzungen vorhanden sind. Aber ein Jude, der politisch reaktionär sich betätigen wollte, wäre als Erscheinung so widerwärtig, wie ein Helot, der den Vollbürgern hilft und znstimmt, daß das Helotentum erhalten bleiben muß. Für e i n e s kann der deutsche Jude der deutschen Reaktion dankbar sein. Diese Reaktionäre haben auch den unpolitischen Juden gezwungen, dessen Instinkte ihn vielleicht in das Lager politischer Reaktion getrieben hätten, seinen Stimmungen und seiner Anlage nicht die Zügel schießen zu lassen und entgegen seinen Stimmungen und entgegen seinen Anlagen im politischen Lager der modern Strebenden zu bleibendenn außerhalb der deutschen Irrenhäuser gibt es wohl niemanden, keinen Juden, der sich dazu drängt, den Arm zu kräftigen und das Bein zu stärken, das sehnsuchtsvoll den Augenblick erwartet, da der Jude mit einem Fußtritt und mit der Hundepeitsche von der Ueberlegenheit mittelalterlichen Mummenschanzes noch einmal überzeugt werden kann. Es gibt freilich nicht einmal eilt Prozent Juden in Deutschlandaber dieses eine Prozent mit seines Rührigkeit und seiner Anlage für politische Betätigung ist dank der weitsichtigen Politik der deutschen Reaktio^ an die Parteien der Linken gebundenauch die antisemitischen Tendenzen sind „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" — wenigstens am Ende aller Enden. Herbslpsalm Bon Max Z o ö i k ow. O sieh, ich kann Dick jetzt nur leise preisen, Vom großen Atem Deines heil gen Zorns Durchsicht, vom tiefen Ton des Todeshorns Bewegt, erfüllen mich nur fromme Weisen. Du schaffst Gestalt, gibst hohes Blühn und Bringen, » Die Gärten alühev, sanfte Halme schweben- . Ein junger Tag jauchzt voll von ewigem Leben. ... \ Du sprichst — sie gürten sich zum Opsersingen. Die kleinen Blumen weinen ums Vergehen, Es klagt oas Feld, es weinen Wald und Welt. Es kommt die Zeit, und alles stirbt mrd füllt Zu neuern Glanz und willigerm Erstehen. Du ew'ger Ring ans lang-urew'gen Kreisen, Du über uns, um uns, in uns Gestellter, Du einzig-Herrlicher, zu uns Gesellter, Der Untergang will Dich uns noch beweisen. Der Mensch, erschauernd in den Nebelfarben, Er steht und hält die armen Hände offen. . . Gott hat gewollt, und er darf sicher hoffen Und sieh, ihn grüßen hoch die reichen Garben. Reif glänzt die Frucht. Er sammelt Most und Wein Und singend darf er seinen Schatz verschließen. Genießend läßt er seinen Freund genießen Und schaffet dankend Glück im glücklich-sein. O Gott, ich kann Dich setzt nur leise preisen, Weil wie ein Windhauch meine Seele fließt, In fremde Herzen dunkle Heimat gießt Und betet: Vater segne Deine Waisen. . . . Und singet Frühling, weinet Herbst auf Erden, Du bleibst Dir gleich stets, ewig-groß und ganz. Ob es im Wetiersturm, im Frühlichtglanz. . . . Gott, Du bist groß.. Sang im Vergehn und Werden..! Potasch und Perlmutter Deutsche Uraufführung im LnstsvielhauS. Berlin. Lustspiel ist, wen« man unter Tränen lackt. So hat doch wohl Fritz Manthner daS definiert. Theatermätziger wäre: beim Lustspiel muß das Publikum zur großen Statisterie werden, die alle Atempausen auf der Bühne wegdonnert. Nun hat „P o t a s ch und Perlmutter", dieses echte Kind der amerikanisch-jiddischen Bühne, seine Fortsetzung erhalten. Man könnte also sagen: wie es in den Ozean hineintarzant. so potaicht und perlmuttert es wieder heraus. Die beiden Kompagnons sind inzwischen von derElle zur Rolle, vom Barchent zum Zelluloid, aus dem Konfektionsins Filmatelier hinüüergewechselt. Wenn aber die eingangs vorgenominene Abgrenzung trifft, dann ist Montag ne Glas und Jules Eckert Goodman das Lustspiel geglückt. Anders: da ist Potasch und Perlmutter. Ist Substrat der Ghetto-Humoreske vom vorigen Jahrhundert. Ist der ins Leben getretene, zur Bühne übersetzte, alles andere an Zwerchfellreiz, Abgründigkeit, Welterfahrung hinter sich lassende jüdische Witz. Diese echte Kreuzung von Talmudjud und Handelssud. auf den die Ghettomauern bei ihrem Fall, auf den alles zuerst gestürzt ist. Darum ist dieser Witz auch immer so bitter-süß. Und darum wieder sind dieser Potasch und dieser Perlmutter in ihrer Jüdischkeit so wundersam sympathisch. Lustspiel: das kommt von me lacht. Darum gilt's nur für den ersten und dritten Akt. Auch hier hätte F r i e dr i ch L o - b e 8 Regie, die den Ton des jüdischen Kontors aus die Handbewegung trifft, kürzen und peitschen sollen. Mehr noch im zweiten Akt, an dessen unfruchtbar-lähmender Langeweile wenig zu retten ist. F r i e d ri ch Lobe. Ich habe ihn erkannt, als er noch in „Sonnensels", Schillers „Parasit" und anderm, der kleine, als allzu gärender Most bezweifelte Schauspieler des „Neuen Volkstheätcrs" war. Hier ist er Potasch. Fast nur mit dem Bein, mit Gesicht und Stimme. Aber erschütternd komisch, in reifer Ruhe, der Jude aus jüdischem Witzbuch. Ich habe Etlinger für ihn nicht haben wollen. Sein Sozius, angeschrieen oft, aber immer festgehalten, ist wieder Paul Graetz. Von sprudelnder Lustigkeit, jede Bewegung echt, keine Ruhe lassend, mehr das Jüdische spielend als Jude. John G o t t o w t der wahnsiunschüttere, Lachmnskeln schlitternde Schmiereutragöde. Wie er und Käthe Ha ack — o diese farbensatten, entzückenden Kostüme — das Unwaüre des Filmateliers machen, ist prachtvoll. Die schauspielerisch-frauliche Leistung des Abends heißt Roste, Potaschs Frau. Else Bäck-Nest gibt sic. Wie sie sie gibt, keine Jüdin. Aber eine Jidne. Eine große, runde, blonde, gut getakelte Jidne. Und Augen: fünfzehn Zentimeter braucht Potasch zu seinem Hausanzng. Das Publikum ging, bis auf den zweiten Akt, mit. Dr. Botho Laserstein. Alexander Granach als Shylock. Mitten hinein in das bunte, anmutvolle Spiel des venetianischcn Lebens ragt das Schicksal des, fast möchte man sagen, „ewigen" Juden Shylock in der Shakespeareschen Komödie. In immer aufs neue zu bewundernder Genialität stehen diese beiden Handlungen, diese, durch ihre Gegensätzlichkeit einander in ihrer Wirkung unterstützenden Bilder, dennoch als unlösliche Einheit, da. Sich gegenseitig bedingend, stehen sie da, eine aus der andern erwachsend, eine das .Produkt der andern. Gerade durch den Gegensatz zu dem seelischen Elend des Juden findet das schmetterliugshaste Dasein der Benetianer so guten Ausdruck. Und wiederum ist dieser rachcgierige, unbarmherzige Wucherer nur möglich durch seine Umgebung. Dieser Ausfassung entsprach die Aufführung in der Volksbühne in Berlin iTheater am Bülowplatzj. Schon das bloße Bild hob die roten, grünen und goldenen Seidengewänder der Italiener, die sich in Nachen mit bunten Wimpeln und Lichtern zum Festschmaus bewegten, von dem Festkleide des Juden, dem grau-schwarzen Kaftan mit dem Stempel des gelben Flecks, wirkungsvoll voneinander ab. In Alexander Granach nun fand der Jude von Venedig einen trefflichen Verkörperer. Dieser bärtige, nicht große Mann mit den wenigen und knappen Bewegungen übermittelt durch seine Augen einen Teil seiner innern Lebendigkeit und Kraft der Welt. Meist steht er da, kurz und wie für sich sprechend, sogar in den wichtigsten Augenblicken, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Er ist gewohnt zu schweigen, gegen die Frechheiten der anderen erhebt er nie seine Stimme, nur Groll und Haß wachsen in seinem Innern. Ein Hund, der getreten und bespien wird, schweigt und krümmt sich nur: was würde cs ihm auch helfen, wenn er sich auflehnen würde? Einmal aber schäumt der Becher über und gerät der Verworfene in Wut. Er entlädt seinen Hatz und schnaubt Rache, selbst wie es fast immer ist, wenn die Folge seine eigene Katastrophe ist. Diese Skala von Empfindungen brachte Granach in seiner Weise znm Ausdruck. Aeutzerlich kühl-sachlich in der geschäftlichen Unterredung mit den Kaufleuten, höhuisch in der Ironie und Selbstironie, wächst er zum furchtbaren Rächer seines getretenen Jchs und seines „heiligen" Volkes in der ihn in seinem ganzen Können zeigenden Gericktsszene. Hier, wo es scheint, datz Recht und Gerechtigkeit für ihn entscheiden, gegen seine Feinde, da, aber nur eine Sekunde lang, ist er der Triumphator. Endlich ist einmal der Augenblick gekommen, da er sich rächen darf für die ihm und seinem Volke zugefügte Schmach: aber zu früh frohlockt! Auch das Recht, an das er als einziges noch glaubt — Liebe wurde längst aus seinem Herzen gelöscht, er kann an sie weder glauben, noch sie üben — auch daS Recht erweist sich ihm als trügerisch. Seiner einzigen Stütze beraubt, der Hoffnung an eine Rache, bricht er zusammen, gefühllos bespottet, der ewige Jude. Der tiefe Eindruck, den Granachs Spiel hervorrief, ist nicht zuletzt der vollkommenen Beherrschung seines Körpers zu danken. Von den zartesten Tiefen bis zur höchsten Kraft gehorcht ihm die Stimme: sein Wippen und Tanzen auf einem Futze, einmal, als sein überladenes Herz durch das Unglück seines Feindes einen kleinen Ausgleich erfährt, all dieses ist ergreifend und niemals komisch. Denn als Quell aller Bewegungen spurt man immer das innere Leben, das yervorsprndcln mutz. Herrlich die nachdenklich-traurige Stimmung des Nigen im Gegensatz zu der tändelnden Mandolinenmusik des Ständchens der Benetianer, bei denen sie leer und nur dekorativ wirkt, und ebenso schön und topisch für Granach das Spiel der Hände, die, scheinbar vom Körper losgelöste Wesen, das eigentliche Spiel begleiten und unterstützen. Rahel Ltpschiitz. \ \