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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-11-06 · 45 (6.11.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
45 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WjschKberaleZe'ckng Organ der Vereinigung für daliberale Judentum e. V. ftegugwtris durch die «eschSstsstelle V« jährlich Sir. 2.80 Ltn-elmunmer 0.20. Bel freier Zusendung t. Znlgnd 0.28 Air di« Mitglieder der Vereinigung ist der D^ugspreis e;r A im Milgliedsbeitrage enthalte«. :: s Chefredakteur: Dipl..gng. Bruno Doyda. vis „Jüdifch-Udsralv Ssttung" srfchslnl jsven Srettag. Redaktion u. Oefdjäftsftelle: Berlin SW, \VlU7elmftr. 147. Sernruf: Amt Llltzow llr. 9160-61 poftfcftedtfeontot Berlin nW7 Nr.l»70»v (Vereinigung für Da» liberale Juftentum Ned)0nick fümtllctjer Origtnal-BettrAge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftanet. A«r«ige»prelser Die 12gespaltene Sronpareillegeile C^S Voldmark. die SKKlamezeil« S.00 Goidmark, bei :: : s Diederhalungen Rabatt. :: :r : Anzeigenannahme; jüdisch'liberale Zeitung* dnseratenabtellung: Berlin GW 48» Wilhelmstraße 14? (Lützow: 9180-61). sowie sämtl. AanoneenLPpeditionen Rr.45 Berlin, 6. November 1925 5. Jahrgang Wische Veltlonseremen Gedanken zur Stockholmer Kirchenkonferenz. Don Rabbiner Dr. Dienemann -Offenbach a. M. Geht sie uns eigentlich etwas an? könnte man fragen. Ist sie nicht eine rein christliche Angelegenheit, der Erörterung kirchlicher Fragen gewidmet? Aüch soweit sie das wäre, wäre sie ein Gegenstand tiefsten Interesses für uns Juden, denn jeder Schritt, der innerhalb des Christentums gegangen wird, um die Kirchenspaltung zu überwinden, ist bedeutsam und geeignet, das Antlitz der Welt -u verändern. Und wenn im christlichen Lager Einigungs- und Zusammeniarbeitsrnöglichkeiten empfunden werden, wo man doch dogmatisch tief voneinander getrennt ist, müßte das unwillkürlich auf den Willen der Juden zurückwirken, deren innere religiöse Parteiungen, auch wenn das berüchtigte Wort der Trennungsorthodoxie von den „zwei Konfessionen" Geltung hätte, nicht von sülchen dogmatischen Differenzen regiert werden. Aber sie geht uns wert über die kirchlichÄ)ristliche Seite hinaus an. Nicht ohne einen starken Neid, zum mindesten ein Gefühl starker Scham konnte man als Jude die Verhandlungen auf der Stockholmer Veranstaltung verfolgen. Ob wirksam oder nicht, ob erfolgreich oder nicht, es wurde doch dort ein Versuch gemacht, als offizielle Vertretung des Christentums die gegenwärtige Ordnung der Welt, Wirtschaft. Politik, soziales Leben an den Forderungen des Christentums zu messen und die Forderungen deutlich zu benennen, die von seiten der Religion erhoben werden müssen, um die Ordnung der Welt unter religiösen Gesichtspunkten zu regeln. In dem, was dort gesprochen und gefordert wurde, kam ein Gewissen zum Ausdruck, Verantwortung gegenüber den Menschen, ein Gefühl der Verpflichtung in bezug auf die staatliche und soziale Ordnung der Welt. In den dort zu Wort Gekommenen lebte ein starkes Gefühl dafür, daß der Vertreter der Religion, gleichgültig ob das ein Beamteter ist, oder der religiöse Mensch, der sich als durch seine Frömmigkeit legitimiert, als Träger der Ideen seiner Religionsgemeinschaft empfindet, nicht abseits stehen darf, daß er nicht 'die Ordnung der Welt von heute als gegeben hinnehmen darf, um sie gelegentlich mit seinem Wort, sei es zustimmend, sei es kritisierend, im ganzen ablehnend oder nur hie und da Einzelheiten mildernd zu be-?Seiten, sondern daß es seine Aufgabe sei, den Primat einer Religion zum Ausdruck zu bringen, leidenschaftlich vom Religiösen aus dem Leben Richtung und Gesetz zu geben. Und nun stand man als Jude beobachtend und horchend dabei, und eine brennende Scham packte einen an. daß nie und nirgends Vertreter des Judentums in ihrer Gesamtheit, alsBertreterd'erjüdischenReligion,alsStimmedesJudentums den Versuch machen, unsere Gegenwart kritisch zu beurteilen, ihr Richtung und Gesetz zu geben. Wohl tut es der Einzelne bei mancher Gelegenheit, cutf der Kanzel, aus dem Katheder, in Rede, in Schrift, aber wo ist die achtunggebietende Vereinigung religiös Führender, die die Stimme des Judentums ertönen läßt, so ertönen läßt, daß man weithin und überall hört und aufhorcht und spürt: das I u ü e n tum ist da mrd wach und nimmt eine religiöse Führung der Welt als sein Recht und seine Aufgabe in Anspruch, ist als Religion da, lebt und hat der Welt noch mancherlei zu sagen? Daß es nicht, noch nicht geschah, ist erklärlich, hat seinen guten Grund, ist aus den Verhältnissen, in die die Träger des Judentums hineingezrvungerr sind, zu begreifen. Wir sind eine Minderheit, eine schwer mu ihre Sicherheit, ihre Existenz ringende Minderheit, unsere Sorge ist der Erhaltung des Lebens, der Sicherheit des Einzelnen zugewandt, unsere Arbeit wird davon ganz und gar gekanaen genommen: wir sind —- leider — Objekt der Politik, der politischen Parteien vieler Länder, haben daher in unserer Sicherung eine starke Politische Leistung zu erfüllen, die naturgemäß, da ja die Verhältnisse der Juden in jedem Lande anders gelagert sind, immer nur nach jeder Staatlichkeit getrennt erfüllt werden kann und nicht in der Zusammenfassung aller, ja sie bewußt ausschließend, wir haben uns nach der Eigenart unserer religiösen Formen mehr als jede Religionsgemeinschaft gegen die aus- Wsenden Tendenzen der Zeit, -es Zeitgeistes, der Großstadt zur Wehr zu setzen, das erschöpft unsere Kraft und verbraucht alle Regungen des Willens zur Gemeinsamkeit: so ist e r k l ä r l i ch, daß der Wille -irr Hervorkehrung der Gegenwartsbedeutung des Judentums als Religion in den Hintergrund gerückt wird; aber ist es r i ch t i g, daß wir darüber auf -en Versuch, zum Leben der Gegenwart in seinen einzelnen Erscheinungsformen Stellung zu nehmen, so gänzlich verzichten? Wir sind -och stolz darauf, eine Welt religion zu sein, nicht bloß S t a m m e s religion: Weltreligion aber heißt nicht bloß, Lehren besitzen, die für jedermann gültig sind, sondern Weltreligion bedeutet zugleich die Verpflichtung, die Welt stets in ihrer Gesamtheit zu betrachten, und den Willen zu dem Versuch, ihr Leben nach den Grundsätzen der Religion zu regeln. Und hätten wir denn zu all -en Fragen der Gegenwart nichts zu sagen? Hätten wir gar nichts zu sagen zu der Frage des Friedens, des Rechtes oder Nichtvechtes auf Krieg, wir, die wir in unseren Propheten Jesaja und Micha die ersten Verkünder eines ewigen Friedens waren? Nichts zu sagen zum Völkerbund, wir die das erste Gebet geprägt, dag „alle bilden sollen einen Bund, den Willen Gottes zu tun"? Wäre von unS nichts zu sagen über den Zufamrnenklang von nationalem Empfinden und einem rechten Internationalismus? Hätten wir nichts zu sagen zu der Frage der Bodenverteilung, wir die wir in der biblischen Agrargesetzoebung daS klassische Beispiel des Boöengefetzes besitzen? Wäre von seiten des Judentums nichts zu sagen zu -er allgemeinen Auseinandersetzung zwischen Individualismus und Sozialismus, dem Recht des Einzelnen auf sein Denken und Tun und dem Recht der Gesamtheit aus den Einzelnen? Wäre nichts von uns aus beizutragen zur Lösung des f roblems einer gerechten Arbeitsordnung, ist von uns, em Judentum, kein flammender Protest zu erheben gegen die Mechanisierung des ganzen Lebens, gegen die Mechanisierung des Menschen und seiner Arbeitskraft? Hätten wir gar nichts zu sagen zu der Frage nach dem Recht des Zinses und seiner Grenze? Gar nichts zu reden zu der überall einsetzenöen Lockerung der Sitten, vor allem im Verkehr der Geschlechter, zur Frage nach dem Recht oder Uniecfrt der Beschränkung der Kinderzahl, der Geburtenverhütuna, der Unterbrechung der Schwangerschaft? Wäre nichts zu sagen zum Protest gegen die Herrschaft des Unpersönlichen über den Menschen? Für alle diese und noch so unendlich viele andere die Welt bewegenden und aufwühlenden Fragen hätten wir Entscheidendes zu sagen, zu sagen sowohl aus dem Geiste der Religion im Großen, wie er lebendig sein muß in jedem, der mit Ernst und Wahrh-'it sich bekennt, als auch aus den in unserem heiligen Schrifttum anklingenöen Stimmen. Aber unsere Stimme ertönt überhaupt nicht, wir verzetteln alle unsere Kräfte in innerpolitischen Auseinandersetzungen, und wo wir uns über Religiöses anseinandersetzen, in dem Streit um Geringfügigkeiten der religiösen Praris. Wir nehmen, so muß es schließlich der Welt erscheinen, die gegenwärtige Lebensform als die schlechthin gegebene und selbstverständliche an. überlasten Wirtschaft. Recht, Staat, Politik, soziale Ordnung ihrer angewaßten ^iftengesetzlichkeit, der einzelne Jude wählt seine Stellung zu alledem je nach seinem Platz im Wirtschaftsleben unfeiner politischen Parteihaltung, aber das Judentum als Reli gion, die alle diele Dinge nach ihrem Primat beherrschen und regeln soll, kommt nicht zum Wort, schweigt, nimmt nicht börbar und sichtbar Stellung. Das bedeutet aber in den Augen der Welt einen Verzicht auf Weltgeltung, bedeutet, daß man sich nur als Anhängsel empfindet und anderen heut die religiöse Führung überläßt, daß mau der eigenen Kraft, ordnend und gestaltend in das Weltgetriebe einzugreifen, mißtraut, solches Gehenlasten ist Sünde, ist Sünde an dem aroßen, dem wahrhaften verpflichtenden Gedanken der Senduna Israels. Irgendwie müßte der Versuch gemacht werden, in machtvoll und weithin hörbarem Ton die Stimme des Judentums erklingen zu lasten. Man sage nicht, das ist utopisch, reine Träumerei, utopisch ist nur. was man nicht ernstlich will und nicht ernstlich erstrebt: was man aus dem Gefühl innerer Verpflichtung heraus wirklich will, ist immer möalich, ist nie Lächerlichkeit, hinterläßt seine Spuren. Man sage auch nicht, daß gegenüber den harten Tatsachen alle solche Stellungnahme und Forderung nur Theorie und Wort sein würde, immer erst muß die Welt der Vorstellung umgesturzt werden, damit neue Tatsachen entstehen. Pflanzt man so das Verlangen nach einem jüdischen! Weltkongreß auf, so ist es gut, von vornherein zu sagen, welche Aufgaben und Ziele ihm unbedingt verwehrt find. Awch ein religiöser Kongreß der Judenheit dürfte sich nicht daran wagen, Einzelheiten der jüdisch-religiösen Praxis zu diskutieren oder zu reglementieren: eine Neuauflage des Synhedrions kann es in solcher Form nicht geben, zu stark sind bereits die unter den Juden bestehenden Verschiedenheiten kultureller unzivilisatorischer Art, zu ungleich die Lebensbedingungen, und zu sehr ist der Anspruch des Einzelnen nach selbständiger Lebensgestaltung seelisch verwurzelt, als daß man den Versuch machen könnte, durch allgemeine Konzilien oder durch Mehrheitsbeschlüsse jüdische Religiosität in Regeln zu spannen. Unmöglich wird auch nach Lage der Dinge irgendein Kongreß sein, auf welchem allgemeine politische Fragen, die die Juden betreffen, erörtert werden könnten: die Juden von heute sind eben nicht mehr eine politische Einheit, können es infolge ihres tiefen inneren Verbundenseins mit ihren Heimatländern nicht sein, und wollen es in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht sein. Es! ist entweder Unkenntnis oder bewußte Boshaftigkeit, wenn die Judenfeinde ihnen einen solchen Willen zuschreiben. Und weil dem so ist, ist auch zur Zeit ein Weltkongreß, in dem über Palästina und die Anteilnähme deS einzelnen Juden an seiner jüdischen Bes sieoeluug kaum möglich, noch ist diese Frage leider zw sehr mit Politischem verknüpft, ins Politische hinein» ragend, als daß ohne unheilvolle Auftvühlung der Gemüter und ohne Wachrusen häßlicher Parteileidenschaft die Möglichkeit zu einer sachlichen Erörterung gegeben schiene. Wird einmal diese Frage im Wandel der Zelten ihres politischen Gewandes > entkleidet — audj das wird kommen, vielleicht rascher als mancher heut denkt — so wird sie in gemeinsamer Arbeit erörtert werden können. Möglich und notwendig wäre auch heute eine allgemeine Aussprache aller jüdischen Organisationen über AuSwanderungs- und Berufsumichichtu nass ragen, Ansätze dazu sind vorhanden, sie entfalten sich nur nicht so recht, weil ja auch hier Politisches mitspricht, das dem Geeintsein im Wege steht, und sie erfordert, insbesondere bei Auswanderunas« fragen, viel Takt und Vorsicht, weil sonst zu leicht das Mißtrauen und die Furcht noch der Einwanderung offen-stehender Länder wachgerufen wird. Auch Welthilfskonferenzen der Juden zum Zwecke der gemeinsamen Hilfeleistung an die notleidenden Glaubensgenossen hat es gegeben, ganz kürzlich erst wieder, und muß es in einem noch umfassend er en Maße als bereits bisher geben. Mer all dies ist nicht die Stimme des Judentums, es ist die Stimme von Juden, aber nicht die des Judentums, der jüörschenReligion. Wirb es möglich sein, sie erklingen zu lassen? Man dürste sich durch die im Anfang entstehenden Schwierigkeiten, wer sie einberusen sollte, wo sie zusammentreten soll, wer die Vertreter erwählen soll, nicht abschrecken lasten. Die christlichen Kirchen hatten es bei einer solchen Konferenz leichter, sie sind zum größten Teil staatlich organisiert, können legitimierte Vertreter ernennen. Daß uns das fohlt, ist sicher eine Schwierigkeit, aber keine unüberwindliche wenn man es nur ernsthaft will. Es dürften auch nicht nur Rabbiner diese Konferenz bilden, aber es müßte Bedingung sein, daß die Teilnehmer bestimmt weder wegen ihres jüdisch-religiösen Interesses und als suchende und ringende Juden, nicht nur ehrenhalber, damit irgendeine vorhandene Organisation nicht übergangen und auch vertreten sei. Und welches Ansehen hätte es inmitten einer gegen die Juden wegen ibrer angeblichen Weltherrschastspläne verhetzten Welt, wenn ihre reliaiösen Vertreter in ihrem Zusammentritt zeigten, daß ihr gemeinsames Interesse nur ein religiöses \% daß nur das der jüdische Einfluß sein will, die Welt von den religiös verstandenen Grundsätzen der Liebe und Gerechtigkeit aus regeln zu wollen! Die Pflicht, dem Jubentirnr inmitten der Pros bleme unserer Zett zu lauter Sttvrme zu verhelfen, ist gegeben. Sie folgt aus der Sendung Israels, aus dem Anspruch und der Tatsache, Weltreligion zu sein. Sie nicht erfüllen, ist sündhafter Verzicht. Wie aber kommt man zur Erfüllung der Pficht? Welcher Weg kann gegangen werden, wo ist der Weg?

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