Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 43 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613831--1538-2618911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
TWr-^' -J^wrr-i'1. tM .'»' ■ ■ •: ■» ww»I^,1 1 \ ‘.!,T«Vf." ,'.'V ,^T..,.,.I.^,|I, ,,, myi ... I Wn sjumjj. U IO1 ■■■■■■,,*;*fli|.WI;1lllV-J. l«fH, U»j >'"!■>!■ m'^fgj.^in „ Berlin. (SanitätSrat Dr. Goldfchmfvr vO Iah r e alt.) Am Freitag, den M. November 1825. leiert Sanitätsrat Dr. Alfred Golöschmidt. der Grotzsekretär der iGroßlage für Deutschland. UOBB., seinen 60. Geburtstag. Dr. Golöschmidt hat sich seit Jahrzehnten in der jüdischen Oeffentlichkeit betätigt. Als junger Student war er im Jahre 1886 Mitgrüwder der ersten jMifchen Studentenverbindung in Deutschland, der Biadrina in Breölau. Nach Sem Zusammenschluß der deutsch-jüdischen Studentenverbindungen im KC. gehörte er dessen geschäftsführendem Ausschuß jahrelang an. Ebenso betätigte er sich seit Gründung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in diesem Verbände. dessen Hauptvorstand er noch beute angehört. — Als Vorkämpfer für freie Arztwahl in der Breslauer Aerzteschaft wurde er seinerzeit als jüngstes Mitglied in die schlesische Aertztekammer gewählt, der er bis 1910 angchörte. Seit jeher wandte er sein besonderes Interesse dem jüdischen Logcnleben zu. Im Jahre 1008 war er Präsident der iLessingloge in Breslau. 1912 Präsident der Michael-Sachsloge in Königshütte O.-S., 1018 und 1925 Präsident der Spinozaloge in Berlin. Im Jahre 1912 wurde er zum Großsekretär des Deutschen Distriktes des Ordens Bnei Britz gewählt. Seine Tätigkeit im Orden wurde durch den Krieg unterbrochen, währenddessen er als Stabsarzt d. L. und Chefarzt eines Gefangenenlagers und -lazrrettes wirkte. Die französischen Gefangenen sprachen ihm für seine menschenfreundliche Fürsorge ihren besonderen Dank aus. Als nach dem Kriege von Entente-Seite Angriffe gegen Deutschland wegen schlechter Behandlung der Gefangenen gerichtet wurden, erfolgte die Veröffentlichung des Anerkennungsschreibens. — Dr. Goldschmidt scheute sich nicht, als Ludendorff währcud der Inflationszeit auf dem Höhepunkt seiner politischen Macht stand, dessen Angriffen gegen den Orden Bnei Britz und das Judentum durch einen in der Vossischen Zeituna vom 27. November 1921 veröffentlichten Brief entgegenzutreten. Er hat ferner u. a. eine Geschichte des Deutschen Distriktes des Ordens Bnei Briß geschrieben. Berlin >J n s p e k t o r U ck o g estorben.) Am 16. Oktober ist nach 28jäbriger Tätigkeit bei der jüdischen Gemeinde der Inspektor ihrer Alterversorgungsanstalt. Siegfried Ucko. gestorben. Der Vorstand widmet dem vortrefflichen Manne einen ehrenden Nachruf. Berlin. (Von der T o y n b e e - H a l l e.) Das Jüdische Volksbildungs- und Unterhaltungsheim (Toynbee- Halle) der Berliner Logen U. O. B.B., Gipsstr. 12 a, eröffnet«: am Mittwoch, den 21. Oktober, das Wintersemester. Die Institution, die seit 20 Jahren segensreich gewirkt hat. sieht ihre Aufgabe in der Verbreitung von Volksbildung. Sie sammelt an jedem Mittwoch und Sonnabend die arme jüdische Bevölkerung des Zentrums zu gemütlichen Menden, an denen außer geistigen Genüssen, die den Teilnehmern in Form bildender Borträge und guter Musik zuteil werden, auch Erfrischungen gereicht werden. Berlin. (Zur Steuer der Wahrheit.) lieber Herrn Dr. Max Naumann war die Behauptung verbreitet worden, er habe eine Ergebenheitsadresse an General Lndendorss abgesandt. Dabei wurde auf das Zeugnis eines Herrn Max Speier. Verden a. Aller, Bezug genommen. Jetzt gibt Herr Speier die nachstehende Erklärung ab: „Ich habe niemals behauptet, daß Herr Rechtsanwalt Dr. Max Naumann eine Ergebenheitsadresse an General Ludendorff gesandt habe. Ich bedauere, daß eine Aeußerung anderer Art entsprechend aufgefaßt wurde und nehme jedenfalls die von mir gebrauchten Worte, aus denen der Schluß der Ahsendung einer Ergebenheitsadrcsse an General Ludendorff gezogen werden könnte, hierdurch mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Es lag mir in jeder Weise fern, Herrn Dr. Naumann odgr,Äen Verband nationaldentscher Juden zu beleidigen oder herabzuwürdigen. . Ich erkenne an, daß ich Wer den Verband nationaldeutscher Juden und Herrn Dr. Naumann persönlich bisher völlig falsch unterrichtet gewesen bin." Braunschweig. (Einführung des neuen Lande s r a b b i n e r s.) Beim Simchath-Dhora-Gottesdienst am 11. Oktober fand die feierliche Einführung des neuen Landesrabbiners Dr. Kurt Wilhelm, eines gebürtigen Magdeburgers. statt. Gleichzeitig war mit dem Gottesdienst die Feier des 50jährigen Synagogen-Jubiläums verbunden. Die festliche, mit Girlanden und Blumen reich geschmückte Synagoge, die am 23. September 1876 von dem verstorbenen Lanbesrabbiner Professor Dr. Herzfoldt geweiht .wurde, war bis aus den letzten Platz gefüllt. Nach dem Halle! wurde der neuss Laiidesrabbincr von den Vorstehern Sanitätsrat Dr. Sternthal und Levn im feierlichen Zuge in das Gotteshaus geleitet, wo er von dem ersten Vorsteher. Rechtsanwalt Miel- Haben Eie schon Ihre Spende lauf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum E. V.. Berlin NW. 7, Nr. 137 009 eingezahlt? ztrier, mit einer Ansprache begrüßt und aus sein neues Amt verpflichtet wurde. Gleichzeitig gedachte der Vorsteher des Synagogen-JubiläumS und der zurückliegenden 50jährigen Geschichte und Entwicklung der Jüdischen Gemeinde in Braunschweig. Im feierlichen Umzüge wurden alsdann die Thora-Rollen von den Vorstehern und Gometndeverordveten durch das Gotteshaus getragen, woran sich die Festpredigt des Landesrabbiuers schloß, der an die vor 50 Iah. reu gehaltene Weiherede des Professors Herzseld anknüpfte. An den sehr stimmungsvoll verlaufenen und durch Solouud Chorgesiinge verschönerten Gottesdienst schloß sich im kleineren Kreise ein Festessen, an dom außer den Mitgliedern des Vorstandes und der Gemeindeverwaltung nur die Beamten der Gemeinde sowie die Vertreter der Landgemein- Ltzn und der Mischen Organisationen der Stadt teilnahmen. Cassel. (Veränderungen im Bor st an d.) Der bisherige Vorsitzende des Gemeindevereins, Apotheker Nußbaum. verläßt demnächst seinen hiesigen Wirkungskreis, um in Nürnberg eine eigene Apotheke zu übernehmen. Man sieht den um die jüdischem Interessen verdienten Herrn mit Bedauern von hier scheiden. Der Vorstand des Gemeinöevereins beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit der Wqhl eines neuen Vorsitzenden. Das Amt wurde Rechtsanwalt Alexander Lewinsohn übertragen. Außerdem trat Generalagent Ernst Plaut in den Vorstand des Gemeindevereins ein. — Die bereits gemeldete Enthüllung von Gedenktafeln für die im Weltkrieg Gefallenen aus der Gemeinde erstreckt sich auch auf die Hauptsynagoge in der Königstratze. Dort sollen zwei Tafeln mit den Namen der 49 Helden Platz finden. Die Enihülluugsfeiern finden in beiden Synagogen kommenden Sonntag statt. Darmftadt. (Professor Gold st ein planmäßiger Professor.) Der außerplanmäßige a.o. Professor an der Technischen Hochschule in Darmstadt. Dr. Julius GoMein. wurde planmäßiger außerordentlicher Professor für Philosophie ebenda. Dresden. (Wohltätigkeitsabend für das A l t e r s h e i m.) Zu einem stark besuchten Wohltä t ig k e it sa b e nd für das infolge der Zeitverhältnisse notleidende A1 tersheint Heuriettenstift hatten mit der Verwaltung desselben und der Fraternitasloge Il.O.B. B. zahlreiche jüdische Vereinigungen verschiedener Richtung, darunter die rmivige. eingeladen. Der Erfolg war glänzend: etwa 800 Besucher fanden sich ein, und es kamen — allerdings bei vielen Spenden — rund zehntausend Mark, heraus. An der Spitze stand ein K o n - zert, das im wesentlichen GosangAdarbietungen von Johannes Semd ach. dem früheren Dresdener Heldentenor. und R esi E lb-W e l t l i nge r brachte. Die sehr beliebte, leider zu wenig hervortretende Künstlerin entzückte auch diesmal durch die natürliche Aum'ut ihres kultivierten Vortrags, während Herr Sembach, der hier nur noch gastweise anstritt, seinen gutgebildetcn Tenor sieghaft durch den großen Saal klingen ließ. Leider wurde der Genuß der einzelnen Konzertnummern durch viele Zuspätkömmlinge getrübt, eine Rücksichtslosigkeit, die auch im eigenen Kreise bei einiger Selbstdisziplin nicht Vorkommen darf, zumal sie sich sonst für jeden Gebildeten von selbst verbietet. Heitere Borträge von Jenny Schaffer und Helga Petri erst in vorgerückter Stunde folgen zu lassen, erwies sich als ein Fehler. Diese Künstlerinnen, die sich gleichfalls uneigennützig in den Dienst der großen jüdischen Sache gestellt chatten, fanden nicht in vollem Maße die Aufmerksamkeit, die sie verdienten, dennoch auch viel Beifall. Dresden. (Wohltätigkeitsbazar.) Der „Verein für Geselligkeit und Wohltätigkeit Dresdner Kaufleute und Handwerker"' in Dresden veranstaltet am Svuuabend. den 81. Oktober d. I.. einen Wohltätigkeitsbazar im Saale des Konzerihauses. Die Veranlassung zu dieser Veranstaltung ist das erste Stiftungsfest, welches obiger Verein begeht, und sieht sich der Verein veranlaßt, an diesem Tage ein Wohliätigkeitsfest zur Einkleidung armer jüdischer Kinder zu veranstalten. Im Rückblick auf die Tätigkeit des Vereins kann mit Freuden heute gesagt werden, daß dieser Verein in dieser kurzem Zeit uw einen großen Schritt vorwärtsgekommen ist. und schon im ersten Geschäftsjahre war es dem Verein möglich. Unterstützungen Bedürftigen zu gewähren, an einze-lnen Familien sowie einem Dresdner Altersversorgungs- Haus. Frankfurt a. M. (Repräsentantensitzung.) Die letzte Sitzung der Gemeindevertretuua brachte vor Eintritt in die eigentliche Tagesordnung zunächst eine Aussprache über die Einweihung des Ehrenmals für die jüdischen Kriegsgefallenen ans dem Friedhof. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten bedauerte in einem Brief an die Gemeindevertretung. nicht im gewünschten Umfang an der Feier teiluehmen zu können, da dieselbe entgegen seinem bekanntgegebenen Wunsch auf einen Wochentag gelegt wurde. Syndikus Dr. Mayer begründete dies damit, daß die Feier eine ruhige sein solle und an einem Sonntag eine große Beteiligung zu befürchten sei. Für diese „Befürchtung" hatte die Gemeindevertretung kein Verständnis, und es wurde dem Gemeindevorstand von allen Rednern zum Ausdruck gemacht. daß dem Wunsche beS Reichssundes entsprochen werden solle. Es ist zu hoffen, daß nunmehr auch wirklich alt denen, die durch ihre Teilnahme das Gedächtnis der Gefallenen ehren wollen, durch Verlegung der Einweihung auf einen: Sonntag Gelegenheit gegeben wird. Die Gemeinde ist sich bewußt, äußerste Sparsamkeit zw üben. Sie muß aber dem religiösen Bedürfnis aller Parteien Rechnuna tragen, und so bewilligte die Vertretung mit den Stimmen aller Parteien je 7000 Mark Subvention für den Verein Israelitische Religionsschule und Zuschuß zum Erweiterungsbau der Synagoge Unterlindau. Mit Recht betonte allerdings Herr Stiefel, daß für den Einbau des neuen Hörsaals in die Hauptsynagoge keine Gemeindemittel in Anspruch genommen seien. Dagegen konnte der Antrag von Herrn Jakob Wolf auf Erhöhung des Beitrags für die Hebräische Sprachschule aus 2000 Mark nicht Annahme finden, sondern wurde lediglich von bisher 300 Mart auf 1000 Mark erhöht angenommen. Ebenso konnte dem von konservativer und zionistischer Seite unterstützten Antraa des Herrn Glauberg, dem Verein jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender ein Darlehen von 5000 Mark zu geben, nur mit 2500 Mark entsprochen werden. Bei der Aussprache über die Anleihe von 1^ Millionen Mark, die die Gemeinde für Neubau von Friedhof und Synagogen aufnchmen will, kam die Rede auf den Friedhofsneubau, der sich wie eine ewige Krankheit Hinschleppe und über den sich der Gemeiudevorstand in ein Schweigen- Hülle, das gleich dem über den Verhandlungen in Locarno waltenden nur durch einen großen Erfolg zu rechtfertigen sei. Besonders anschaulich schilderte Herr Dr. Geiger diese Weiterwurstelei und nannte die hierüber nie „zum Ergebnis gelangenden Konferenzen eine „ungesunde Grciberfcage^ Herr Forchheimer gab eingehend Kenntnis über den Stand der Angelegenheit. Der jetzige Friedhof reicht noch bis Ende 1926 aus. und die Zwischenzeit soll dazu verwandt werden, ein neueß Projekt anszuarbeiten. das einige 100 00h Mark ersparen soll. Schließlich wurden die Steuersätze für das 8. Quartal beraten. Da die Eingänge dem Voranschlag entsprachen, ist es möglich, den Satz von 15 Prozent der Einkommensteuer: auch für das nächste Quartal beizubehalten. Dieser Satz kann nicht als hoch angesehen werden, denn die weitaus übergroße Mehrzahl der deutschen Gemeinden hat höhere Sätze, die meisten die mehrfachen davon. Dieser Satz kann allerdings nur bei äußerster Sparsamkeit beibehalten werden. und es ist als ein sehr bedeutsamer Erfolg unserer Gemeindekörperschaften anzusehen, daß wir ohne Erhöhung dieses Satzes, die allgemein befürchtet war, auskommen. wenn wir die so sehr ausgedehnten Aufgaben der Gemeinde betrachten. Der Antrag des Herrn Dr. Höxter, angesichts des finanziellen Erfolges die Beamtengehälter zu erhöhen, ging von einer Verkennung der Lage aus. die bei Bewilligung dieses und anderer Wünsche sofort wieder gefährdet würde. Es herrschte Einvernehmen darüber, daß keinesfalls der für Gehälter ausgeworfene Betrag erhöht werden kann und lediglich ein Ausgleich der hohen Gehälter zugunsten der unteren Beamtcnschicht erwogen werden kann. Die Gemeindevertretuua ist sich darüber klar, daß angesichts der heutigen Wirtschaftslage die Gemeindemitgliedeo mit keinem Pfennig belastet werden dürfen für Zwecke, die wohl wünschenswert, aber nicht unbedingt erforderlich sind. Hannover. iAmt sjubiläum.) Der verdiente Kultusbcamte Nathan Roberg hat die Feier seines 25jährigen Dienftjubiläums bei der Jüdischen Gemeinde unter herzlicher Teilnahme der gesamten jüdischen Bevölkerung begangen. Hofheim i. Taunus. (E r ha l t n n g eines jüdischeir Baudenkmals.) Die Gemeinde Hofheim im Taunus besitzt eine Synagoge, die 600 Jahre alt und ein bairgeschichtcslichcs Denkmal, an'gebaut an den Ueberrest der alten Stadt- 7 mauer, ist. trt Bei Jnstandsetzungsarbeiten des Daches hat sich herausgestellt, daß das altehrwürdige Gebäude einer gründlichen Instandsetzung bedarf, insbesondere ist das Gebälk morsch und mutz erneuert werden. Der kleinen aus noch nicht einem Dutzend Familien bestehenden Gemeinde ist es nicht möglich. die Kosten hierfür zu bestreiten. Einen beträchtlichen Zuschuß hat die Kultusgemeiude für die Instandsetzung von nichtjüdischer Seite, die an dem Baudenkmal Interesse bekundet hat. erhalten. Für den fehlenden Rest bittet die Gemeinde Hofheim unsere Glaubensgenossen ihr Spenden zu senden, die zu richten sind an den Vorsteher der Gemeinde, Herrn Adolf Oppenh eim er , H o fh eim im Taunus. Köln. (Z u d e n R e p r ä s e n t a n i e n w a h l e n.) Im Dezember sollen die Repräsentanten der hiesigen Synagogengemeinde neu gewählt werden. Die jüdischen Frauen hoffen, es werde diesmal die Teilnahme an den Wahlen möglich sein, zumal auch die Berliner Gvmeindeverwa-ltung den Frauen das aktive und passive Stimmrecht gegeben und die Regierung ihre Zustimumag nicht versagt hat. Der Vorstand der Liberalen Bereinigung für die Synagogengemeinde Köln hat sich mit dieser Frage besaßt und «La Revue Iuive" (Librairie Gallimard, Paris). Von D o r i s W i t t n e r. ' Frankreich hat es von dem größten europäischen „matterdf-fact"-Staat. England, gelernt. Realpolitik auf nahe und weite Sicht zu treiben. Die französische Republik lauscht hellhörig immer auf den Pulsschlag ihrer Zeit, io daß sie — ähnlich den Leuten, die. wenn das Gras gewachsen ist, es haben wachsen hören, — stets, wenn ein Fortschritt in der Welt Ereignis geworden ist. külmlich behaupten kann, dieser Fortschritt sei einzig und allein i h r Werk. Gallische Klugheit transponiert in einen staatlichen Opportunismus kat exochen. Aus diesem realpolitischen Opportunismus ergibt sich eine sonderbare Folge. Frankreichs territoriale und koloniale Interessen im nahen Orient — d. h. S v rt e n u n d d i e Küst e n d es M i t t e l m ee r s — zwingen die sranzösischen Staatschefs und Politiker, ohne Ansehen ihrer parteilichen und persönlichen Einstellung, jederzeit ein wachsames Ohr auf alle Bewegungen zu lMen. 'die sich in jenem, die große Politik von jeher bedrängenden und bedrohenden Wetterwinkol vollziehen könnten. Am sich nicht von etwaigen Katastrophen oder unvprherjgesehenen Konflikten überraschen zu lasten, zieht Frankreich es in jedem Falle vor. das Prävenire zu spielen. — „Bon >sens" — in die höchste Potenz erhoben! Sicherlich kennt Frankreich nicht das geflügelte Bismarckwort, daß Weltpolitik nicht vom Fiestchtsvunkt des .preußischen Amtsrichters" (d. h. also aus dem Gesichtswinkel eines beschränkten Horizontes) betrieben werden dürfe: aber ebenso sicherlich handelt es instinktiv nach dieser Direktive des genialen Staatsmannes. — Alle Gefühle, Sympathien und Antipathien, so dezidiert sic auch sein mögen, werden ausgeschaltet aus der Sphäre der Machtbefugnis und insbesondere'der M a ch t a s p i r a t i o n e n. Bon dem Augenblick an. alS der Völkerbund ein Mandat über Palästina übernahm. hat Frankreich (die Heimat des Dreyfuß- Prozesses, unvergessenen Angedenkens) es sich angelegen sein lassen, nicht nur alle innerpalüstinensischen StröinRngen scharf zu verfolgen, sondern es bat auch plötzlich fein Herz entldeckt für die speziell Mischen Interessen, noch spezieller aber, soweit sie sich auf iPalästina konzentrieren. Sebbstverstänblich ist die französische Republik zu diplomatisch geschult, um etwa ausgesprochen Partei für den Zionismus zu ergreifen, (um so weniger, als sie ja als Kolonisator in den eingeborenen orientalischen Stämmen, die der jüdischen Ansiedlung und gar der jüdischen Nationalidee feindlich gegenüberstehen, freundwillige Rücksicht schuldet: aber sie hat es doch für alle Fälle auch mit den Juden nicht verderben wollen, und hat sich zum Ziele gesetzt, alle politischen, juristischen. ökonomischen, sozialen und sonstigen Probleme, die der Zionismus und die Idee der etwaigen Gründung eines Nationalstaates in Palästina mit sich bringt, in ihrer Gesamtheit umd ihren minutiösesten Einzelheiten zu erforschen. Ja. sie bekennt sogar offen, daß es Zweck ihrer Bestrebungen sei. den französischen Einfluß in den Ländern des nahen. Orients — mithin Palästina nicht an letzter Stelle — aufrecht zu erhalten und möglichst im Sinne der französischen Interessen auszugestalten. Aus diesem (Gedanken heraus ist eine Revue ins Leben gerufen worden, die vollkommen international gehalten, ähnlich wie vor Jahrzehnten die frarrzösische Revue ,^osmopplis", in Umfang. Niveau und Vielseitigkeit jedoch analog der „Revue des deur mon'des". die prominenten Juden des ganzen Erdballs, darunter ebensoviel Freunde wie Gegner der zionistischen Idee, zu Worte kommen läßt. Die Revue, die eine Gründung des Jahres 1925 ist, erscheint sechsmal im Jahr, und in dem ihr vorstehenden Komitee sind u. a. Georg Brandes. Albert Einstein, Siegmund Freud, Martin VWer und Charles Gide vertreten. Den exquisiten Pegelstand dieser neuen Zeitschrift kennzeichnen Mitarbeiter wie HenriBarbusse. Israel Zangwill. Maxim Gorki. Georg Brandes. Max Brod. Stefan Zweig, Franz Werfel, Rabinürauath Tagore. Holitscher. ja sogar französische, nicht jüdische Staatsmänner, die die höchsten Staatswüröen bekleiden oder bekleidet haben, wie beispielsweise der gmenwärtige Ministerpräsident Paul Painlevs. sein Vorgänger Eduard Herriot, gegenwärtige und ehemalige Minister, wie die Herren de Monzie (zur Zeit den kurulischen Sessel bekleidend). Albert Thomas. Politiker wie L s o n B l u m und viele ihresgleichett. Die literarische Vielseitigkeit der Revue ist erstaunlich und vorbildlich für ähnlich geartete Schöpfungen. Jede Nummer der „Revue Juive^ enthält Gedichte, einen Roman oder ein Drama, einen Essay über jWische Kultur oder eine Novelle, ausführliche und regelmäßige Referate über Literatur. Musik, bildende Künste, Philosophie oder Wissenschaft. Kritiken. Berichie und Dokumente über das Leben der Inden in den verschiedenen Ländern sowohl als über die zionistische Bewegung, ferner Auszüge aus allen Neuevscheinungen. die die jüdische Frage betreffen, eine Revue über alle französischen und ausländischen Veröffentlichungen und ein bibliographisches Verzeichnis. Fürwahr: „Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen" Die einzelnen Beiträge stehen, ganz aleich, wie sie zu der jüdischen Frage, geschweige denn zu dem zionistischen Problem, eingestellt sind, aus einem Niveau, das allein Respekt verlangt. Und gerade diese Qualität der dargebotenen geistigen Kost — gleichviel, ob es sich um einen Artikel von Siegmund Freud über die Psycho-Analpse oder ein Referat über die neuesten Werke des Ostjuden Perctz oder philosophische Darlegungen Einsteins handelt — ist aeeignct. für das internationale wie natiouale Judentum aller Länder sittliche und geistige Propaganda zu machen. Denn nichts ist so überzeugend wie die Leistung. Auch alle Geister, die vermeinen, unter ihnen insbesondere der Schalk, sind in der Zeitschrift vertreten. So findet man darin z. B. Bruchstücke eines srtyrischen Dramas von Albert Kohen. „La Farce Juivc", oder ähnliche Produkte ironischer und kritischer Geister. Als besonders verdieuswoll muß angesehen werden'die im letzten ober vorletzten Heft eingeführte Chronik über den internatio^ na len Antisemitismus, die bcisoielsweise in einem einzigen Artikel drei Vertreter verschiedener Nationen, nämlich den Engländer H i l a i r e B e l l o c. den Deutschen Hans Blüher und den Franzosen Rens Groos einer scharfen Polemik unterwirft. Wenn Einstein gelegentlich das Nietzsche wort zitiert, daß es eine der charakteristischsten Eigenschaften des Judentums sei. „letzten und höchsten Nutzen aus dem Unglück zu ziehen", so liefert gerade die „Revue Juivc" mit ihrer reichhaltiaen Geistcsnahrung und ihrer durch Leid geläuterten Ethik den überzeugendsten Gegenbeweis. Das geistige und moralische Verdienst der „Revue Iuive"' ist daher — gleichviel, wie man sich zu ihrer Tendenz oder Tendevzlosigkeit stellen mag — im Interesse des Judeytums aller Länder hoch zu bewerten,